~And thus an acry point he won,
Where, gleaming with the setting sun,
One burnished sheet of living gold,
Loch-Katrine lay beneath him roll'd.~
=~Lady of the Lake~=
Die Havel, als sie nach Süden hin den Schwielow-See bildete, um sich
innerhalb dieses weiten Bassins zu ergehen, mußte doch schließlich aus
dieser Sackgasse wieder heraus, und die Frage war nur: wo? In der Regel
behalten die durchbrechenden Wogen die einmal eingeschlagene Richtung
bei und ruhen nicht eher, als bis sie, dem Durchbrechungspunkte
gegenüber, einen Ausgang gefunden oder gewählt und gebohrt haben. Nicht
so hier. Die Havel schoß eben nicht wie ein Pfeil von Nord nach Süd
durch das Moor- und Sumpfbecken hindurch, in welchem sie während dieser
Stunden den Schwielow schuf, sie _erging_ sich vielmehr innerhalb
desselben, entschlug sich jeder vorgefaßten Richtung und nahm endlich
ihren Abfluß _halbrückwärts_, keine zweitausend Schritt von der
Stelle entfernt, wo sie kurz vorher den Damm durchbrochen hatte. An
dieser Abflußstelle, wo also die Havel nach ihrer Schwielow-Promenade
sich wieder verengt, um nordwestwärts weiter zu fließen, liegt
_Baumgartenbrück_.
Dies Baumgartenbrück wird schon frühe genannt und bereits im 13.
Jahrhundert findet sich eine Burg Bomgarde oder Bomgard verzeichnet,
ein sonderbares Wort, in dem unsere Slawophilen, nach Analogie von
Stargard, Belgard, eine halbwendische Bezeichnung haben erkennen
wollen. Was es nun aber auch mit dieser Bomgarde auf sich haben
möge, ob sie wendisch oder deutsch, soviel verbleibt ihr, daß sie
seit historischen Tagen und namentlich seitdem ein Bomgarden-_Brück_
daraus geworden, immer ein Punkt von Bedeutung war, ein Punkt, dessen
Wichtigkeit gleichen Schritt hielt mit dem industriellen Aufblühen
der Schwielow- und Havel-Ufer. Die Einnahmen verzehnfachten sich und
wenn früher hier ein einfacher, altmodischer Zoll gezahlt worden war,
um die Landreisenden trocken von einem Ufer zum andern zu bringen, so
kamen nun die viel einträglicheren Tage, wo, neben dem Brückenzoll
für Pferd und Wagen, vor allem auch ein Brücken-_Aufzug_zoll
für alle durchpassierenden Schiffe gezahlt werden mußte. Der
Kulturstaat etablierte hier eine seiner Doppelpressen; zu Land und
zu Wasser -- gezahlt mußte werden, und Baumgartenbrück wurde für
Brückengeld-Einnehmer allmählich das, was die Charlottenburger
Chausseehäuser für Chausseegeld-Einnehmer waren. Und so ist es noch. --
Aber die lachenden Tage von Baumgartenbrück brachen doch erst an, als,
vor etwa vierzig Jahren, aus dem her stehenden Brückenwärterhaus ein
_Gasthaus_ wurde, ein Vergnügungsort für die Potsdamer schöne Welt,
die mehr und mehr anfing, ihren Brauhausberg und ihren Pfingstberg den
Berlinern abzutreten und sich eine stille Stelle für sich selber zu
suchen. Sie verfuhren dabei kurz und sinnig wie die Schweizer, die ihre
Allerwelts-Schönheitspunkte: den Genfer- und den Vierwaldstättersee den
Fremden überlassen, um an irgend einer abgelegenen Stelle der Glarner
Alpen „ihre Schweiz für sich“ zu haben. Die Potsdamer wählten zu diesem
Behufe Baumgartenbrück.
Und es war eine vorzügliche Wahl! Es vereinigt sich hier alles, was
einem Besuchsorte zur Zierde und Empfehlung gereichen kann: Stille
und Leben, Abgeschlossenheit und Weitblick, ein landschaftliches
Bild ersten Ranges und eine vorzügliche Verpflegung. Hier unter den
Laubgängen zu sitzen, nach einem tüchtigen Marsch oder einer Fahrt über
den See, ist ein Genuß, der alle Sinne gefangen nimmt; nur muß man
freilich die Eigenart des Platzes kennen und beispielsweise wissen, daß
hier nur _eines_ getrunken werden darf: eine Werdersche.
Mit der Werderschen, und wir treten damit in eine bukolische
Betrachtung ein, ist es nämlich ein eigen Ding. Sie ist entweder
zu jung, oder zu alt, entweder so phlegmatisch, daß sie sich nicht
rührt, oder so hitzig, daß sie an die Decke fährt; in Baumgartenbrück
aber steht sie im glücklichen Mittelpunkt ihres Lebens; gereift und
durchgeistigt, ist sie gleich weit entfernt von schaler Jugend, wie
von überschäumendem Alter. Die Werdersche hier hat einen festen, drei
Finger breiten Schaum; feinfarbig, leicht gebräunt, liegt er auf der
dunkeln und doch klaren Flut. Der erste Brauer von Werder ist Stammgast
in Baumgartenbrück; er trinkt die Werdersche, die er selber ins Leben
rief, am besten an dieser Stelle. Er ist wie ein Vater, der seinen
früh aus dem Hause gegebenen Sohn am Tisch eines Pädagogen wohlerzogen
wiederfindet.
Baumgartenbrück, trotz des Verkehrs, der an ihm vorüber gleitet, ist
ganz ausgesprochen ein stiller, lauschiger Platz; vor allem kein
Platz prätentiöser Konzerte. Kein Podium mit Spitzbogen-Fassade und
japanischem Dach stellt sich hier, wie eine beständige Drohung, in
die Mitte der Versammlung hinein und keine Riesenplakate erzählen
dem arglos Eingetretenen, daß er gezwungen sei, zu Nutz und Frommen
eines Abgebrannten oder Überschwemmten zwei Stunden lang sich ruhig zu
verhalten. Diese Ungemütlichkeiten haben keine Stätte unter den Bäumen
von Baumgartenbrück.
Hier ist nur der böhmische Musikant zu Hause, der des Weges zieht
und mit dem Notenblatt sammelt. Eben treten wieder ihrer sieben ein,
stellen sich schüchtern seitwärts, und wohl wissend, wie gefährlich
jedes Zaudern für sie ist, beginnen sie sofort. ~Il Baccio~ eröffnet
den Reigen. Wohl ist es hart. Die Posaune, mit beinah künstlerischem
Festhalten _eines_ Tones, erinnert an das Nachtwächterhorn alter Tage;
die Trompete kreischt, der Triangel bimmelt erbärmlich. Wie immer auch,
seid mir gegrüßt! --
Wenn ich dieser alten Gestalten mit den schadhaften Bärten und den
verbogenen Käppis ansichtig werde, lacht mir immer das Herz. Nicht aus
Sentimentalität, nicht weil sie mich an Jugendtage erinnern, sondern
weil sie so bequem, so harmlos sind, während der moderne Künstler,
nach eigner Neigung und vor allem auch durch die feierliche Gutheißung
des Publikums, sich mehr und mehr zu einem Tyrannen der Gesellschaft
aufgeschwungen hat. Du bist irgendwo in ein Gespräch verwickelt,
nehmen wir an in das unbedeutendste von der Welt, über Drainierung,
oder Spargelzucht, oder luftdichte Ofentüren; niemand verliert etwas,
der von diesem Gespräche nichts hört, aber _Dir_ und Deinem Nachbar
gefällt es, euch beiden ist es lieb und wert, und ihr treibt behaglich
auf der Woge der Unterhaltung. In diesem Augenblick stillen, harmlosen
Glückes gibt irgend ein dicker oder dünner ~primus inter pares~ mit
seiner silbernen Klappentrompete ein Zeichen und verurteilt Dich ohne
weiteres zum Schweigen. Willst Du nicht darauf achten, so wirst Du
gesellschaftlich in den Bann getan: Du _mußt_ zuhören, Du mußt die
„lustigen Weiber von Windsor“ sich zum zehnten Male zanken, oder
gar die Prinzessin Isabella zum hundertsten Male um „Gnade“ rufen
hören. Nichts hilft dagegen. Wie anders diese echten und unechten
Bergmanns-Virtuosen! Sie blasen drauf los, alle Kinder sind entzückt,
Du selber folgst lachend den stolpernden Dissonanzen und hast dabei das
süße Gefühl bewahrter persönlicher Freiheit. Die allgemein anerkannte
künstlerische Unvollkommenheit wird zum rettenden Engel.
Baumgartenbrück ist noch ein Platz dieser Freiheit.
Aber was dauernd hier fesselt, weit über das beste Bier und die
bescheidenste Musik hinaus, das sind doch die Gaben der Natur, das ist
-- wir deuteten es schon an -- die seltene Schönheit des Platzes. Es
ist eine „Brühlsche Terrasse“ am Schwielow-See. Bastionartig springt
ein mit Linden und Kastanien dicht bestandener Uferwall in den See
hinein, und so viele Bäume, so viele Umrahmungen eines von Baum zu Baum
wechselnden Panoramas. Welche Reihenfolge entzückender Bilder! Man
sitzt wie auf dem Balkon eines Hauses, das an der Schmalseite eines
langen Squares gelegen ist, und während das Auge über die weite Fläche
des oblongen Platzes hingleitet, zieht unmittelbar unter dem Balkon das
Treiben einer belebten Straße fort. Der Platz ist der Schwielow-See,
die belebte Straße ist die Havel, deren Fahrwasser an dem Quai vorüber
und durch die unmittelbar zur Rechten gelegene Brücke führt.
Ist es hier schön zu allen Tageszeiten, so waltet hier ein besonderer
Zauber um die sechste Stunde; dann schwimmen, kommend und gehend, aus
dem Schwielow hinaus und in den Schwielow hinein, aber alle von der
Abendsonne beschienen, die Havelkähne in ganzen Geschwadern heran
und zwischen ihnen hindurch gleitet von Werder her der obstbeladene
Dampfer. Die Zugbrücke steigt und fällt in beständigem Wechsel, bis mit
dem Niedergehen der Sonne auch der Verkehr zu Ende geht.
Nun dunkelt es. In den Lindenlauben werden die Lichter angezündet und
spiegeln im See. Noch hallt dann und wann ein Ruf herüber, oder ein
Büchsenschuß aus dem Fercher Forst her rollt im Echo über den See; --
dann alles still. Die Lichter löschen aus, wie die Glühpunkte in einem
niedergebrannten Papier. Ein Huschen noch hier hin, dort hin; nun
verblitzt das letzte.
Nacht liegt über Baumgartenbrück und dem Schwielow.