Sophie Charlotte und König Friedrich I. bis 1713

Kurfürstin Dorothea starb 1689; beinahe unmittelbar nach ihrem

Hinscheiden wurde Schloß Kaputh von Kurfürst Friedrich III. erworben,

der es nunmehr _seiner_ Gemahlin, der gefeierten Sophie Charlotte,

zum Geschenk machte. Es geschah nun Ähnliches wie nach dem Tode von

de la Chieze. Die Ansprüche an Glanz und Luxus waren innerhalb der

letzten zwanzig Jahre abermals gewachsen, nirgends mehr als am Hofe

des prachtliebenden Friedrichs III. Wie das Schloß de la Chiezes

nicht reich genug gewesen war für Kurfürstin Dorothea, so waren

die Einrichtungen dieser wiederum nicht reich genug für die jetzt

einziehende Sophie Charlotte. Auch jetzt, wie während der siebziger

Jahre, berührten die Ummodelungen, die vorgenommen wurden, weniger

die Struktur als das Ornamentale und wieder waren es in erster

Reihe die Deckenbilder, diesmal in _allen_ Räumen, die den ohnehin

reichgeschmückten Bau auf eine höchste Stufe zu heben trachteten. Dies

Betonen des Koloristischen lag ja im Wesen der Renaissance, die, selbst

malerisch in ihren Formen wie kein anderer Baustil, es liebt, die Farbe

sich dienstbar zu machen.

Ob Kurfürstin Sophie Charlotte noch Zeuge dieser letzten Neugestaltung

wurde, die das Schloß in seiner inneren Einrichtung erfuhr, ist

mindestens fraglich. Bis 1694 -- wo der Stern Charlottenburgs aufging,

der zugleich den Niedergang Kapuths bedeutete -- konnte die Fülle

dieser Deckenbilder nicht vollendet sein; die kurze Zeitdauer verbot

es. Aber auch der Inhalt dessen, was gemalt wurde, wenigstens jenes

hervorragendsten Bildes, das sich in der „großen Porzellankammer“

befindet, scheint dagegen zu sprechen. Es stellt dar: _wie Afrika

der Borussia huldigt_. Diese, auf Wolken thronend, trägt eine

_Königskrone_ und neigt sich einer Mohrenkönigin, zugleich einer Schar

heranschwebender schwarzer Genien zu, die mit Geflissentlichkeit die

Schätze Indiens und Chinas: Teebüchsen und Ingwerkrüge, sogar ein

Teeservice mit Tassen und Kanne, der auf Wolken thronenden Borussia

entgegentragen.

Die Königskrone der Borussia, _falls_ es die Borussia ist, deutet

unverkennbar auf einen Zeitpunkt _nach_ 1701. Andererseits ist es

freilich nicht ganz leicht, in dieser, mit einer gewissen souveränen

Verachtung der Länder- und Völkerkunde auftretenden Symbolik, die

nichts so sehr haßt als Logik und Konsequenz, sich zurecht zu finden.

Kurfürstin Sophie Charlotte verließ schon 1694 Kaputh. Aber bis zu

ihrem Tode (1705) und noch darüber hinaus, bis zum Tode ihres Gemahls,

blieb Kaputh ein bevorzugtes Schloß, eine Sehenswürdigkeit von Ruf. Man

setzte Summen an seine Instandhaltung, sei es nun, um vorübergehend

hier eine Villeggiatur zu nehmen, oder sei es -- insonderheit nachdem

seine Ausschmückung vollendet war -- um es etwaigem, bei Hofe

eintreffendem Besuche als ein kleines märkisches Juwel zeigen zu können.

Eine solche Gelegenheit bot sich 1709. Wir finden darüber Folgendes.

Als in den ersten Julitagen eben genannten Jahres König Friedrich IV.

von Dänemark und Friedrich August von Polen auf Einladung Friedrichs

I. von Preußen in Potsdam eine persönliche Zusammenkunft hielten (ein

großes Staatsbild im Charlottenburger Schlosse stellt diese Begegnung

der „drei Friedriche“ dar), war der prachtliebende Friedrich, an dessen

Hofe diese Vereinigung stattfand, bemüht, seinen Gästen eine Reihe

von Festen zu geben. Unter anderm ward am 8. Juli auf der prächtigen

Jacht, welche im Bassin des Lustgartens lag und mit zweiundzwanzig

Kanonen ausgerüstet war, eine Lustfahrt nach _Kaputh_ unternommen.

Dieses überaus prächtige Schiff, das mit allem nur erdenklichen

Luxus ausgestattet war und in der Tat an die Prachtschiffe der alten

Phönizier und Syrakuser erinnerte, war in Holland nach Angaben des

Königlichen Baumeisters und Malers _Madersteg_ erbaut worden. Man

schätzte allein die goldenen und silbernen Geräte, die sich in seinem

Innern aufgestellt befanden, auf hunderttausend Taler. Auf diesem

Schiffe, das eigens dazu gebaut war, die Havel zu befahren, glitten

die drei Könige stromabwärts nach dem Lustschlosse von Kaputh. Man

erging sich in dem inzwischen zu einer baumreichen schattigen Anlage

gewordenen Parkgarten und kehrte gegen Abend zu Tafel und Ball nach

Schloß Potsdam zurück.

Wenn dieser Tag in dem historischen Leben Kapuths der glänzendste war,

so war er auch der letzte. Der König, früh alternd, schloß sich mehr

und mehr in seine Gemächer ein; der Sinn für Festlichkeiten erlosch,

er begann zu kränkeln; am 25. Februar 1713 starb er. Alle Schlösser

standen leer; sie sollten bald noch leerer werden.

Dem prachtliebenden Könige folgte ein Sparsamkeits-König. Die

holländische Jacht im Potsdamer Bassin wurde gegen einige Riesen

vertauscht und ging nach Rußland zum Zaren Peter; die großen Schlösser

zu Cöpenick und Oranienburg, beides Schöpfungen des eben verstorbenen

Fürsten, wurden vom Etat gestrichen; was verkaufbar war wurde verkauft,

-- konnte man sich wundern, daß, bei so veränderten Verhältnissen,

das wenigstens seiner Größe und äußeren Erscheinung nach ungleich

bescheidenere Kaputh mit auf die Liste der Proskribierten gesetzt

wurde! Es sank zu einem bloßen Jagdhause herab, an dem alsbald der

mit holländischen Fliesen ausgelegte Souterrain-Saal, weil sichs drin

wie in einem Weinkeller pokulieren ließ, das Beste war. Von seinem

alten Bestande über der Erde blieben dem Schlosse nur der Kastellan

und die Bilder, wahrscheinlich weil mit beiden nichts anzufangen war.

Der Kastellan war ein alter Türke, das rettete ihn; die Deckengemälde

aber -- -- in den Schlössern waren ihrer ohnehin mehr denn zuviel,

und wenn die _Schlösser_ sie nicht aufnehmen konnten, wer damals

in brandenburgischen Landen hätte sein Geld an die sinnbildliche

Verherrlichung der Künste, an Minerva und Kaliban, an Borussia und die

Mohrenkönigin gesetzt! Auch heute noch sind ihrer nicht viele.

* * * * *

So viel über die historischen vierzig Jahre. Wir schicken uns jetzt an,

in das Schloß selbst einzutreten.

Die doppelarmige Freitreppe, wir erwähnten ihrer bereits (schon

Sophie Charlotte schritt über diese Stufen hin), ist von Efeusenkern

des Hauses derart umrankt und eingesponnen, daß jeden Tragstein ein

zierlich-phantastischer Rahmen von hellgrünen Blättern schmückt.

Die Wirkung dieses Bildes ist sehr eigentümlich. Eine Treppe in

Arabeskenschmuck! Natur nahm der Kunst den Griffel aus der Hand und

übertraf sie.

Die Tür des Gartensalons öffnet sich. Freundliche Worte begrüßen uns;

wir sind willkommen.

Von einem kleinen zeltartigen Raume aus, der unmittelbar hinter der

Freitreppe liegt, treten wir nunmehr unseren Rundgang an. Die Zimmer

führen noch zum Teil die Bezeichnungen aus der Kurfürstlichen Zeit

her: Vorgemach, Schlafzimmer, Kabinett des _Kurfürsten_, auf dem

andern Flügel ebenso der _Kurfürstin_; dazu Saal, Porzellankammer,

Teezimmer. Die meisten Räume quadratisch und groß. Alle haben sie

jene Patina, die alten Schlössern so wohl kleidet und angesichts

welcher es gleichgültig ist, ob Raum und Inhalt sich in Epoche und

Jahreszahlen einander decken. Nicht _wie_ alt die Dinge sind, sondern

ob alt überhaupt, _das_ ist es, was die Entscheidung gibt. So auch

hier. Die verblaßten oder auch verdunkelten Tapeten, die Gerätschaften

und Nippsachen, -- es sind nicht Erinnerungsstücke genau aus jener

Zeit Kaputhischen Glanzes, aber sie haben doch auch ihr Alter und wir

nehmen sie hin wie etwa einen gotischen Pfeiler an einem romanischen

Bau. Beide haben ihr Alter überhaupt, das genügt; und unsere Empfindung

übersieht es gern, daß zwei Jahrhunderte zwischen dem einen und dem

andern liegen.

Die Tapeten, das Mobiliar, die hundert kleinen Gegenstände häuslicher

Einrichtung, sie sind weder aus den Tagen der strengen, noch aus den

Tagen der heitern Kurfürstin, die damals hier einander ablösten; die

Hand der Zerstörung hat mitleidlos aufgeräumt an dieser Stelle. Aber

wohin die Hand der Zerstörung buchstäblich nicht _reichen_ konnte, --

die hohen Deckengemälde, sie sind geblieben und sprechen zu uns von

jener Morgenzeit brandenburgischer Macht und brandenburgischer Kunst.

Die großen Staatsbilder haben wir bereits in dem kurzen historischen

Abriß, den wir gaben, beschrieben, aber viel reizvoller sind die

kleinen. Ich schwelgte im Anblick dieser wonnigen Nichtigkeiten. Kaum

ein Inhalt und gewiß keine Idee, und doch, bei so wenigem, _so viel_!

Ein bequemes Symbolisieren nach der Tradition; in gewissem Sinne

fabrikmäßig; alles aus der Werkstatt, in der die Dinge einfach gemacht

wurden ohne besondere Anstrengung. Aber wie gemacht! welche Technik,

welche Sicherheit und Grazie. Wie wohltuend das Ganze, wie erheiternd.

Jetzt setzen die Künstler ihre Kraft an eine _Idee_ und bleiben dann,

neunmal von zehn, hinter _dieser_ und oft auch hinter sich selbst

zurück. Wie anders damals. Die Maler konnten _malen_ und gingen ans

Werk. Kam ihnen nichts, nun, so war es immer noch eine hübsche Tapete;

erwies sich aber die Stunde günstig, so war es ein Geschenk der Götter.

So Großes fehlt hier; aber auch das Kleine genügt. Genien und wieder

Genien, blonde und braune, geflügelte und ungeflügelte, umschweben und

umschwirren uns und die Guirlanden, die sich zwischen den Fingerspitzen

der lachenden Amoretten hinziehen, sie haben eine Pracht und Wahrheit

der Farbe, daß es ist, als fielen noch jetzt die Rosen in vollen roten

Flocken auf uns nieder. Im Teezimmer bringt eine dieser geflügelten

Kleinen ein Tablett mit blaugerändertem Teezeug, -- selbst Boßdorf, als

er sein Riesen-Tablett der Lautenschlägerin präsentierte, hätte von

diesem Liebling der Grazien lernen können.

Diese Zeit sinnlich blühender Renaissance, sie ist dahin. Was wir

_jetzt_ haben, mit allen unseren Prätensionen, wird nach zweihundert

Jahren schwerlich gleiche Freude und Zustimmung wecken.

Es war Mittag, als wir wieder auf die Freitreppe hinaustraten. Der

Himmel hatte sich bezogen und gestattete jetzt einen unbehinderten

Blick auf das weite Wasser-Panorama.

Die Holländische Jacht mit drei Königen und einem ganzen Silber-Tresor

an Bord steuerte nicht mehr Havel-abwärts; aber statt ihrer schwamm

eine ganze Flottille von Havelkähnen heran und am Horizonte stand in

scharfen Linien steif-grenadierhaft die Garnisonkirche von Potsdam:

das Symbol des Jüngstgeborenen im alten Europa, des Militärstaats

_Preußen_.

Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil Havelland · 第 140 / 149 题