Wust seit 1850

Im Herbst 1850 trat der gegenwärtige Besitzer, ein Katte von der

_uckermärkischen_ Linie, in das Wuster Erbe ein. Ein besseres Loos

konnte diesem letzteren nicht fallen. Hier, wo seit ziemlich einem

Jahrhundert immer nur Torheit in den verschiedensten Formen tätig

gewesen war, erschien plötzlich die Kehrseite davon, und ein Geist

gewissenhaftester Ordnung griff Platz. Die Äcker wurden wieder bestellt

und wo so lange bloß „_Hof gehalten_ war“, erstand wieder ein Hof,

wie er auf einem solchen Besitze sein soll: ein _Wirtschafts-Hof_.

Scheunen, Ställe, Betriebsgebäude wurden aufgeführt und Wust wurde eine

Musterwirtschaft, was es mutmaßlich nie vorher gewesen war.

Aber mehr als das. Nicht bloß über das Gut war eine rettende Hand

gekommen, ebenso über den _Erinnerungsschatz_, den das alte Herrenhaus

umschloß. Vieles, das Meiste war zerstört. Manches aber hatte der

Zerstörung getrotzt und noch anderes, wie bereits hervorgehoben, hatte

sich in Ecken und Winkeln der Hand des Vandalismus entzogen. Dies alles

wurde jetzt hervorgesucht, gesammelt, geordnet. Frau von Katte, mit

sich gleichbleibender Pietät, dazu mit immer wachsender Liebe für die

Aufgabe, die sie sich gesetzt, stellte aus Bruchstücken vieles wieder

her und _ihrem_ unermüdlichen Eifer verdanken wir das Meiste von dem,

was wir hier mitteilen konnten.

* * * * *

Ein heller Augusttag führte uns als Gast in das alte, nun wieder

hergestellte Herrenhaus. Der große Empfangssaal nahm uns auf, in dem

einst (im Oktober 1806, wenn ich nicht irre) Marschall Soult gesessen

und dekretiert hatte.

Es ist dies das interessanteste Zimmer des Hauses. Das Meiste von

seinen alten Erinnerungsstücken findet sich hier zusammen, namentlich

von Bildern. Drei derselben stammen aus der historischen Zeit von

Wust, also aus der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts. Es sind der

Feldmarschall von Katte in Koller und Küraß, seine Gemahlin zweiter

Ehe und der Sohn erster Ehe, _Hans Hermann_. Das Bild des letzteren,

der hier etwa 24 Jahre alt erscheint, nimmt selbstverständlich das

Hauptinteresse in Anspruch. Er trägt die Uniform des Regiments

Gensd'armes, dazu das gepuderte Haar rechts und links in drei Locken

gelegt. Seine Züge, weder hübsch noch häßlich, verraten Klugheit,

Energie und einen gewissen Standesdünkel. Der Kunstwert ist nur ein

mittlerer. Auch scheint es durch Übermalung gelitten zu haben. Vgl.

Band II, 7. Aufl., S. 336.

Wir musterten diese und andere Bilder. Dann, nach einem Umgange durch

das Haus, schritten wir über die Dorfgasse hin, um zunächst der alten

Kirche, dann dem Gruft-Anbau unseren Besuch zu machen. In der Kirche

war seit 150 Jahren so ziemlich alles beim alten geblieben, die

Grabsteine, die wir eingangs geschildert, standen noch an alter Stelle

und nur einige Deckenmalereien hatten dem Ganzen mehr Farbe, wenn auch

freilich nicht mehr Schönheit gegeben.

Wenn nun aber die Kirche wenig verändert war, wie anders war es in

der Gruft geworden! Sarg bei Sarg, der Raum gefüllt bis auf den

letzten Platz. Dazu ein völliges Dunkel; die weiße Tünche längst einem

tiefen Grau gewichen. Wir öffneten beide Torflügel, um etwas Helle zu

schaffen, und der eindringende Luftzug setzte die Spinnweben am Portal

in Bewegung. Aber dies Licht von außen war zu schwach, es drang nur

zwei Schritt weit in die dunkle Behausung ein und dahinter blieb alles

Nacht.

Ein Kind, das uns begleitet hatte, wurde deshalb mit der Weisung

zurückgeschickt, daß ein Diener Licht bringen solle. Mittlerweile

setzten wir uns auf das dürre Gras verfallener Gräber und sahen in die

Gruft hinein, die, voll geheimnisvollen Zaubers, mit ihrem Pomp und

ihrem Grausen vor uns lag.

Machte _dies_ schon einen Eindruck auf mich, so verschwand es neben dem

Bilde, das die nächsten Minuten brachten.

Ein reichgalonierter Diener kam vom Herrenhause herüber und schritt

mit einem doppelarmigen, silbernen Leuchter in der Hand über den

Kirchhof hin und auf uns zu. Wir erhoben uns. Der Diener nahm den

Vortritt, strich mit einem Phosphorholz an dem rostigen Eisenbeschlag

des einen Türflügels entlang, zündete die beiden Wachskerzen an und

trat dann dienstmäßig und völlig ruhig zwischen die dichtgestellten

Särge. Wir folgten, so gut wir konnten. Als wir die Mitte der Gruft

erreicht hatten, hob er den Leuchter höher. Es war ein Bild, das ich

mein Lebtag nicht vergessen werde. Die Kerzen warfen helle Streifen

durch das Dunkel und von der Decke herab wehte es in langen, grauen

Fahnen. Stein- und Eichensärge ringsum. Inmitten dieser Machtzeugen des

Todes aber bewegten wir uns in der ganzen Buntheit modernen Lebens, die

lange blaue Seidenrobe der einen Dame bauschte und knisterte bei jeder

Bewegung und die Tressen und Fangschnüre des Dieners blitzten im Licht.

Wir standen jetzt so, daß wir durch Heben und Senken unserer zwei

Kerzen die prächtigsten Sarkophage: den Steinsarg des Feldmarschalls

und rechts und links daneben die Särge seiner beiden Gemahlinnen ohne

Mühe sehen und ihre Ausschmückung bewundern konnten. Aber wo stand

_Hans Hermann_? Wir taten scheu die Frage, die der Diener seinerseits

ohne jegliches Bedenken aufnahm und abermals voranschritt. Wir folgten

ihm, nach links hin, bis in die Ecke des Raums. Die Särge standen hier

minder dicht. Einer unter ihnen war ein schlichter, langer Holzsarg,

dessen Farbe teils abgegriffen, teils abgesprungen war. _Das war er._

Der Diener gab mir den Leuchter, faßte den Deckel und schob ihn bei

Seite. Noch verbarg sich uns sein Inhalt. In dem äußeren Sarge stand

ein zweiter, der _eigentliche_, vielleicht der, in den man ihn zu

Küstrin gelegt hatte, eine bloß zugeschrägte Kiste mit einem flachen

Deckel. Nun hoben wir auch diesen und blickten auf alles Irdische, was

von dem unglücklichen Katte noch übrig ist.

Ein hellblauer Seidenmantel umhüllt den Körper. Da wo dieser Mantel

nach oben hin aufhört, liegt ein Schädel, neben dem Schädel eine

blaue, kunstvoll zurechtgemachte, mit Spitzenüberresten geschmückte

Schleife, die früher das schöne Haar des Toten zusammenhielt. Noch in

den zwanziger Jahren dieses Jahrhunderts war der Schädel wohl erhalten,

seitdem aber, weil niemand lebte, der die Gruft und speziell _diesen_

Sarg vor Unbill geschützt hätte, trat der Verfall ein, der sich jetzt

zeigt. Es erging in Wust den Überresten des jungen Katte genau ebenso,

wie es in Gusow den Überresten des alten Derfflinger erging; frivole

Neugier, renommistischer Hang und Kuriositätenkrämerei führten zu

offenbarer Entweihung.

Über einzelnes wird berichtet. Ein junger Ökonom im Dorfe wettete in

heiterer Mädchengesellschaft gegen einen Kuß, er wolle den Katteschen

Schädel um Mitternacht herbeiholen und wieder an seine Stelle tragen.

Er gewann auch die Wette, bestand aber nicht auf Zahlung und erklärte

hinterher: _nie_ wieder.

Etwa um dieselbe Zeit, oder schon etwas früher, erschien ein Engländer

in Wust, ließ sich die Gruft aufschließen und trat an den geöffneten

Sarg. Er war offenbar ein Kenner, suchte unter den Halswirbeln umher,

fand endlich den, den das Richtschwert durchschnitten hatte, und

führte ihn im Triumphe weg. Andere nahmen die Zähne des Enthaupteten

als Erinnerungsstücke mit, so daß, als Anfang der fünfziger Jahre das

traurige Administrations-Interregnum endlich sein Ende erreichte, der

neue Besitzer ein wüstes Durcheinander vorfand. Die Pietät kam zu spät.

Was noch geschehen konnte, geschah, ganz besonders auch an _dieser_

Stelle. Eine Art Ordnung wurde wieder eingeführt, das Eine oder Andere

gerettet und beispielsweise ein Rest Katteschen Haares in einer Kapsel

sorglich verwahrt. Aber die Zerstörung der voraufgegangenen dreißig

Jahre konnte nicht wieder ausgeglichen, das, was fort war, nicht wieder

gewonnen werden.

Wir schlossen die Sargkiste, traten in das Licht des Tages zurück

und schritten auf das Herrenhaus zu. Aber es duldete uns nicht in

den geschlossenen Räumen, und der stille Park und seine breiten

Rüster-Alleen nahmen uns alsbald auf. Da lagen die umgestürzten

Statuen, zerbrochen, zerschlagen, halb überwachsen von grünem

Gesträuch. Auch hier die Bilder der Vergänglichkeit.

Unser Weg führte uns zuletzt bis an die Grenze des Parks. Eine

Birkenbrücke, über einen Graben hinweg, ging ins Freie, breite Wiesen

dehnten sich vor uns, jenseit stiegen Kirchentürme auf und aus der

Niederung zog ein Nebel langsam zu uns her.

Es dämmerte.

Und wie Dämmerung kam es über uns selbst, jener traumwache Zustand, dem

Leid und Freud', dem Trauerspiel und Posse, dem der enthauptete und

der Stiefel-Katte gleichmäßig zu Bild und Erscheinung werden, -- zu

Gliedern in derselben Kette.

Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil Havelland · 第 134 / 149 题