General von Bischofswerder

Die Zeit der Heerlager war vorüber, der Baseler Friede geschlossen;

in demselben Jahre war es, 1795, daß der General von Bischofswerder

Marquardt käuflich an sich brachte, nach einigen aus dem Vermögen

seiner zweiten Frau, nach andern aus Mitteln, die ihm der König

gewährt hatte. Das letztere ist das wahrscheinlichere. Gleichviel,

er erstand es und gab dem Herrenhause, dem Park, dem Dorfe selbst,

im wesentlichen den Charakter, den sie samt und sonders bis diesen

Augenblick zeigen. So wenig Jahre er es besaß, so war dieser

Besitz doch epochemachend. Ehe wir darzustellen versuchen, was

Marquardt damals sah und erlebte, versuchen wir eine Schilderung des

einflußreichen und merkwürdigen Mannes selbst.

Hans Rudolf von Bischofswerder wurde am 11. November 1740 zu

Ostramondra im sächsisch-thüringischen Amte Eckartsberga geboren.[32]

Die Angabe von Tag und Jahr ist zuverlässig, die Ortsangabe fraglich.

Sein Vater war Adjutant bei dem Marschall von Sachsen, warb für

Frankreich das Regiment Chaumontet und starb als Oberst im Dienst der

Generalstaaten.

Hans Rudolf von Bischofswerder studierte von 1756 an zu Halle,

nahm dann Kriegsdienste und trat 1760 in das preußische Regiment

Karabiniers, dessen Kommandeur ihn zu seinem Adjutanten machte. In

dieser Eigenschaft wohnte er den letzten Kämpfen des siebenjährigen

Krieges bei. Noch während der Kampagne stürzte er mit dem Pferde,

erlitt einen Rippenbruch, und zunächst wenigstens sich außerstande

sehend, die militärische Laufbahn fortzusetzen, begab er sich auf sein

Landgut in der sächsischen Lausitz, wo er sich 1764 mit einer Tochter

des kursächsischen Kammerherrn _von Wilke_ vermählte. Er lebte hier

mehrere Jahre in glücklicher Zurückgezogenheit und „übte, wie es in

einer der zeitgenössischen Schriften heißt, all die gesellschaftlichen

und häuslichen Tugenden die ihm die Hochachtung derer, die ihn kannten,

erwarben.“

Sein guter Ruf verschaffte ihm die Ehre, als Kavalier an den

sächsischen Hof gerufen zu werden. Von hier aus machte er mit dem

Prinzen Xaver eine Reise nach Frankreich. Bald nach seiner Rückkehr

wurde er Kammerherr des Kurfürsten, hiernächst Stallmeister des Prinzen

Karl, Herzogs von Kurland.

Herzog Karl von Kurland, Sohn Friedrich August II., lebte damals

zumeist in Dresden und gehörte in erster Reihe zu jener nicht

kleinen Zahl von Fürstlichkeiten, die für das epidemisch auftretende

Ordenswesen, für Goldmachekunst und Geister-Erscheinungen ein lebhaftes

Interesse zeigten.

So konnte es denn kaum ausbleiben, daß auch Bischofswerder, wie alle

übrigen Personen des Hofes, zu jenen Alchymisten und Wunderleuten in

nähere Beziehung trat, die damals beim Herzoge aus- und eingingen.

Unter diesen war Johann Georg Schrepfer der bemerkenswerteste. Er besaß

einen „Apparat“, der so ziemlich das Beste leistete, was nach dieser

Seite hin in damaliger Zeit geleistet werden konnte. Dazu war er kühn

und von einem gewissen ehrlichen Glauben an sich selbst. Es scheint,

daß er, inmitten aller seiner Betrügereien, doch ganz aufrichtig die

Meinung unterhielt: jeder Tag bringt Wunder; warum sollte am Ende nicht

auch mir zu Liebe ein Wunder geschehen? Als trotz dieses Glaubens die

eingesiegelten Papierschnitzel nicht zu Golde werden wollten, erschoß

er sich im Leipziger Rosental (1774). Bischofswerder war unter den

Freunden, die ihn auf diesem Gange begleiteten und denen er eine

„wunderbare Erscheinung“ zugesagt hatte.

Die ganze Schrepfer-Episode hatte als Schwindel-Komödie geendet. Aber

so sehr sie für Unbefangene diesen Stempel trug, so wenig waren die

Adepten geneigt, ihren Meister und seine Kunst aufzugeben. Man trat

die Schrepfersche Erbschaft an und zitierte weiter. Friedrich Förster

erzählt: „Bischofswerder, in einem Vorgefühl, daß hier ein Schatz,

eine Brücke zu Glück und Macht gefunden sei, wußte den Schrepferschen

Apparat zu erwerben.“ Doch ist dies nicht allzu wahrscheinlich. Wenn

Bischofswerder später sehr ähnlich operierte, so konnte er es, weil

ein längerer intimer Verkehr mit dem „Meister“ ihn in alle Geheimnisse

eingeführt hatte.

Der prosaische Ausgang Schrepfers -- prosaisch, trotzdem er mit

einem Pistolenschuß endete -- hatte unseren Bischofswerder nicht

_um_gestimmt, aber verstimmt; er gab Dresden auf, oder _mußte_ es

aufgeben, da der ganze Hergang doch viel von sich reden machte und

nicht gerade zugunsten der Beteiligten. Er ging nach Schlesien und

lebte einige Zeit (1774 bis 1775) in der Nähe von Grünberg, auf den

Gütern des Generals von Frankenberg. Bischofswerders äußere Lage war

damals eine sehr bedrückte.

Dieser Aufenthalt vermittelte auch wohl den Wiedereintritt

Bischofswerders in den preußischen Dienst, der nach einigen Angaben

1775 oder 1776, nach anderen erst bei Ausbruch des bayerischen

Erbfolgekrieges 1778 erfolgte. Prinz Heinrich verlangte ihn zum

Adjutanten; als sich diesem Verlangen indes Hindernisse in den

Weg stellten, errichtete von Bischofswerder, inzwischen zum Major

avanziert, ein sächsisches Jägerkorps, das der Armee des „Rheinsberger

Prinzen“ zugeteilt wurde.

Beim Frieden hatte diese Jägertruppe das Schicksal, das ähnliche

Korps immer zu haben pflegen: es wurde aufgelöst. König Friedrich

II. indes, „der die Menschen kannte“, nahm den nunmehrigen Major von

Bischofswerder in seine Suite auf, worauf sich dieser in Potsdam

niederließ. Die schon zitierte Schrift schreibt über die sich

unmittelbar anschließende Epoche (von 1780 bis 1786) das Folgende:

„Um diese Zeit war es auch, daß der damalige Prinz von Preußen, der

spätere König Friedrich Wilhelm II., ihn kennen lernte und seines

besonderen Zutrauens würdig fand. Wobei übrigens eigens bemerkt

sein mag, daß von Bischofswerder der einzige aus der Umgebung des

Prinzen war, welchen König Friedrich hochzuachten und auszuzeichnen

fortfuhr, so groß war die gute Meinung des Königs von Herrn von

Bischofswerder, so fest hielt er sich überzeugt, daß er nicht imstande

wäre, dem Prinzen böse Ratschläge zu erteilen. Noch mehr. Der Prinz

brauchte Bischofswerder, um sich bei den Ministern nach dem Gange der

Staatsgeschäfte zu erkundigen, und der König, obwohl er dies wußte,

zeigte keinen Argwohn.“

Wir lassen dahingestellt sein, inwieweit eine der Familie

Bischofswerder wohlwollende Feder, deren es nicht allzuviele gab,

hier die Dinge günstiger schilderte, als sie in Wahrheit lagen; gewiß

ist nur, daß die Abneigung des großen Königs sich mehr gegen Wöllner

und die Enke, die spätere Rietz-Lichtenau, als gegen Bischofswerder

richtete, und daß, was immer auch es mit dieser Abneigung auf sich

haben mochte, sie jedenfalls die Vertrauens-Stellung zum Prinzen

von Preußen, die er einnahm, nicht tangierte. In dieser befestigte

er sich vielmehr so, daß, als sich im August 1786 die „großen

Alten-Fritzen-Augen“ endlich schlossen, der Eintritt Bischofswerders

in die Stellung eines allvermögenden Günstlings niemanden mehr

überraschte. Dabei suchte er durch Friedensschlüsse mit seinen Gegnern,

beispielsweise mit der Rietz, namentlich aber auch durch Besetzung

einflußreicher Stellen mit Mitgliedern seiner Familie, seine eigene

Machtstellung mehr und mehr zu befestigen.

Seine beiden Töchter erster Ehe wurden zu ~Dames d'atour~ bei der

Königin, die in Monbijou ihren Hofstaat hatte, ernannt; seine Gemahlin

aber war er, nach dem Tode der Frau von Reith, bemüht, in die Stellung

einer Oberhofmeisterin einrücken zu lassen. So war er denn allmächtiger

Minister, war es und blieb es durch alle Wechselfälle einer elfjährigen

Regierung hindurch und die Frage mag schon hier in Kürze angeregt und

beantwortet werden: _wodurch wurde die Machtstellung gewonnen und

behauptet?_ Die gewöhnliche Antwort lautet: durch servile Complaisance,

durch Unterstützen oder Gewährenlassen jeder Schwäche, durch Schweigen,

wo sich Reden geziemte, durch feige Unterordnung, die kein anderes

Ziel kannte, als Festhalten des Gewonnenen, durch _jedes_ Mittel,

nötigenfalls auch durch „Diavolini“ und Geisterseherei. Wir halten

diese Auffassung für falsch. Der damalige Hof, König und Umgebung,

hatte seine weltkundigen Gebrechen; aber das Schlimmste nach dieser

Seite hin lag weit zurück; das „Marmorpalais“ repräsentierte _nicht_

jene elende Verschmelzung von Lust und Trägheit, von Geistlosigkeit und

Aberglauben, als welche man nicht müde geworden ist, es darzustellen;

man hatte _auch_ Prinzipien, und ein wie starkes Residuum von

Erregtheit und Erschlaffung, von großem Wollen und kleinem Können auch

verbleiben mag, niemals ist eine ganze Epoche soweit über Recht und

Gebühr hinaus gebrandmarkt worden, wie die Tage Friedrich Wilhelms

II. und seines _Ministers_. Wir kommen, wenn wir am Schluß eine

Charakterisierung Bischofswerders versuchen, ausführlicher auf diesen

Punkt zurück.

Die Kampagnen und auswärtigen Verwicklungen, die fast die ganze

Regierungszeit des Königs, wenigstens bis 1795, ausfüllten, riefen, wie

diesen selbst, so auch seinen Minister vielfach ins Feld. Diplomatische

Missionen schoben sich ein. von Bischofswerder nahm teil an dem

Kongresse zu Szistowa, brachte mit Lord Elgin die Pillnitzer Konvention

(Ergreifung von Maßregeln gegen die französische Revolution) zustande,

begleitete den König 1792 während des Champagne-Feldzugs und ging bald

darauf als Gesandter nach Paris, von wo er 1794 zurückkehrte.

Das nächste Jahr brachte den Frieden. Mit dem Friedensschluß zusammen

fiel der Erwerb von Marquardt. Schon einige Jahre früher, 1790 oder

vielleicht schon 1789, hatte er sich zum zweitenmal verheiratet.

Die hohe Politik, die Zeit der Strebungen, lag zurück. Das Idyll nahm

seinen Anfang.

Wir begleiten nun den Günstling-General durch die letzten acht Jahre

seines Lebens. Es sind Jahre in _Marquardt_.

Das neue Leben wurde durch das denkbar froheste Ereignis inauguriert:

durch die Geburt eines Sohnes, eines Erben. Das alte Haus

Bischofswerder, das bis dahin nur auf zwei Augen gestanden hatte, stand

wieder auf vier. Die Taufe des Sohnes war ein Glanz- und Ehrentag.

Der König hatte Patenstelle angenommen und erschien mit seinen beiden

Generaladjutanten von Rodich und von Reder. Die feierliche Handlung

erfolgte im Schloß. Als Pastor Stiebritz, ein Name, dem wir im Verlauf

unsres Aufsatzes noch öfters begegnen werden, die Taufformel sprechen

wollte und bis an die Worte gekommen war: „ich taufe dich“ stockte er,

-- die Namen waren ihm abhanden gekommen, der Zettel fehlte. Aber die

Verwirrung war nur eine momentane. von Bischofswerder selbst trat vor,

sprach die Namen, und der Pastor, rasch sich wiederfindend, beendete

den Akt.

Der Taufe folgte die Tafel und im Laufe des Nachmittags ein ländliches

Fest. Der König blieb; die schöne Jahreszeit lud dazu ein. Noch leben

Leute im Dorfe, achtzigjährige, die sich dieses Tages entsinnen. Ein

Erinnerungsbaum wurde gepflanzt, ein Ringelreihen getanzt; der König,

in weißer Uniform, leuchtete aus dem Kreise der Tanzenden hervor. Am

Abend brannten Lampions in allen Gängen des Parks, und die Lichter,

samt den dunklen Schatten der Eichen- und Ahornbäume, spiegelten sich

im Schlänitzsee. Sehr spät erst kehrte der König nach Potsdam zurück.

Er hatte dem Täufling eine Domherrn-Präbende als Patengeschenk in das

Taufkissen gesteckt. Von Jahr zu Jahr wachsend, steigerte sich der

Wert derselben bis zu einer Jahres-Einnahme von viertausendfünfhundert

Talern.

Zwischen diesem 17. Juli 1795 und dem 16. November 1797 lagen noch zwei

Sommer, während welcher der König seine Besuche mehrfach erneuerte.

Ob er eintraf, lediglich um sich des schönen Landschaftsbildes

und der loyalen Gastlichkeit des Hauses zu freuen, oder ob er

erschien, um „Geisterstimmen“ zu hören, wird wohl für alle Zeiten

unaufgeklärt bleiben. Die Dorftradition sagt, er kam in Begleitung

weniger Eingeweihter, meist in der Dämmerstunde (der schon erwähnte

General-Adjutant von Reder und der Geheimrat ~Dr.~ Eisfeld vom

Militär-Waisenhause in Potsdam werden eigens genannt), passierte nie

die Dorfstraße, sondern fuhr über den „Königsdamm“ direkt in den

Park, hielt vor dem Schlosse und nahm nun an den Sitzungen teil, die

sich vorbereiteten. Man begab sich nach der „Grotte“, einem dunklen

Steinbau, der im Parke, nach dem rosenkreuzerischen Ritual, in einem

mit _Akazien bepflanzten Hügel_ angelegt worden war. Der Eingang,

niedrig und kaum mannsbreit, barg sich hinter Gesträuch. Das Innere

der Grotte war mit blauem Lasurstein mosaikartig ausgelegt und von

der Decke herab hing ein Kronleuchter. In diese „blaue Grotte“, deren

Licht- und Farben-Effekt ein wunderbarer gewesen sein soll, trat man

ein; der König nahm Platz. Alsbald wurden Stimmen laut; leiser Gesang,

wie von Harfentönen begleitet. Dann stellte der König Fragen und die

Geister antworteten. Jedesmal tief ergriffen, kehrte Friedrich Wilhelm

ins Schloß und bald darauf nach Potsdam zurück.

So die Tradition. Es wird hinzugesetzt, die Grotte sei doppelwandig

gewesen, und eine Vertrauensperson des Ordens habe von diesem Versteck

aus die „musikalische Aufführung“ geleitet und die Antworten erteilt.

Daß die Grotte eine _doppelte Wandung_ hatte, ist seitdem und zwar

durch den jetzigen Besitzer, der den Bau öffnete, um sich von seiner

Konstruktion zu überzeugen, über jeden Zweifel hinaus erwiesen worden.

Die Lasursteine existieren noch, ebenso der Akazienhügel. Dennoch gibt

es Personen, die den ganzen Schatz Marquardter Volkssage einfach für

Fabel erklären. Ich kann diesen Personen nicht beistimmen. Es ist eine

nicht wegzuleugnende Tatsache, daß Bischofswerder ein Rosenkreuzer war,

daß er mehr als einmal in Berlin im Palais der Lichtenau, in Sanssouci

in einem am Fuß der Terrasse gelegenen Hause, endlich im Belvedere

zu Charlottenburg (vergl. S. 184) wirklich „Geister“ erscheinen

ließ und daß er bis zuletzt in seinem Glauben an alchymistische und

kabbalistische Vorgänge aushielt. Es ist höchst wahrscheinlich, daß die

Grotte ähnlichen Zwecken diente und nur darüber kann ein Zweifel sein,

ob der König, der im ganzen vielleicht nur vier, fünfmal in Marquardt

war, an diesen rosenkreuzerischen Reunions teilnahm.

Am 16. November 1797 starb der König. Noch einmal, auf wenige Tage,

wurde Bischofswerder aus der Stille von Marquardt herausgerissen und

mitten in die Tagesereignisse hineingestellt, aber nur um dann ganz und

für immer in die ihm liebgewordene Stille zurückzukehren.

Während den Hinscheidens Friedrich Wilhelms II. befand sich

Bischofswerder im Vorzimmer. Er traf rasch und mit Umsicht alle

Vorkehrungen, die der Moment erheischte, ließ die Eingänge zum Neuen

Garten, bezw. zum Marmorpalais besetzen, warf sich dann aufs Pferd

und eilte nach Berlin, um, als Erster, den Kronprinzen als König zu

begrüßen. Er empfing den Stern des Schwarzen Adlerordens. Ob diese

Auszeichnung ihn einen Augenblick glauben machte, er werde sich auch

unter dem neuen Regime behaupten können, lassen wir dahin gestellt

sein. Es ist nicht wahrscheinlich. Beim Begräbnis des Königs trat er

zum letztenmal in den Vordergrund.

Es war im Dom; das offizielle Preußen war versammelt, Lichter brannten,

Uniform an Uniform, nur vor dem Altar ein leerer Platz; auf der

Versenkung, die in die Gruft führt, stand der Sarg. Jetzt wurde das

Zeichen gegeben. In demselben Augenblicke trat Bischofswerder, eine

Fackel in der Hand, neben den Sarg und der Tote und der Lebende stiegen

gleichzeitig in die Tiefe. Es machte auf alle, auch auf die Gegner des

Mannes, einen mächtigen Eindruck. Es war das letzte Geleit. Zugleich

symbolisch ausdrückend: ich lasse nun die Welt.

Und er ließ die Welt. Sein Dorf, sein Haus, sein Park füllten von nun

an seine Seele. Mit seinen Bauern stand er gut; die Auseinanderlegung

der Äcker, die sogenannte „Separation“, die gesetzlich erst zehn

Jahre später ins Leben trat, führte er durch freie Vereinbarung

aus; er erweiterte und schmückte das Schloß, den Park; dem letztern

gab er durch Ankauf von Bauernhöfen, deren Brunnenstellen sich noch

heute erkennen lassen, wie durch Anpflanzung wertvoller Bäume, seine

gegenwärtige Gestalt. Alle Wege, die durch die Gutsäcker führten, ließ

er mit Obstbäumen, die er für bedeutende Summen aus dem Dessauischen

bezog, bepflanzen und schuf dadurch eine Kultur, die noch jetzt

eine nicht unerhebliche jährliche Rente abwirft. Er hatte ganz die

Ackerbau-Passion, den tiefen Zug für Natur, Abgeschiedenheit und

Stille, den man bei allen Personen beobachten kann, die sich aus der

Hofsphäre oder aus hohen Berufsstellungen in einfache Verhältnisse, aus

dem glänzenden Schein in die Wirklichkeit des Lebens zurückziehen.

Der Verkehr im Hause war nichtsdestoweniger ein ziemlich reger. Die

katholischen und ökonomischen Grundsätze seiner zweiten Frau griffen

zwar gelegentlich störend ein; seine Bonhommie wußte aber alles wieder

auszugleichen. Mit dem benachbarten Adel stand er auf gutem Fuß;

die Beziehungen zur Potsdamer Gesellschaft waren wenigstens nicht

abgebrochen; nur die eigentlichen Hofkreise, die der an oberster Stelle

herrschenden Empfindung Folge geben mußten, hielten sich zurück.

Friedrich Wilhelm III., so oft er auch auf dem Wege nach Paretz das

Marquardter Herrenhaus zu passieren hatte, hielt nie vor demselben an;

die Jahre, die nun mal die Signatur: Rietz, Wöllner, Bischofswerder

trugen, trotzdem er zu dem letzteren nie in einem direkten Gegensatze

stand, lebten zu unliebsam in der Erinnerung fort, um eine Annäherung

wünschenswert erscheinen zu lassen.

So kam der Herbst 1803 und mit ihm das Scheiden. Die Arkana und

Panazeen konnten es nicht abwenden; das „Lebenselixier“, von dem er

täglich einen Tropfen nahm, und das rotseidene Kissen, das er als

Amulett auf der Brust trug, sie mußten weichen vor einer stärkeren

Macht, die sich mehr und mehr ankündigte. Der Erbring mit dem weißen

Milchstein dunkelte rasch auf dem Zeigefinger, an dem er ihn trug,

und so wußte er denn, daß seine letzte Stunde nahe sei. Er las im

Swedenborg, als der Tod ihn antrat. Nach kurzem Kampfe verschied er in

seinem Stadthause zu Potsdam. Es war am 30. Oktober.

Er war in Potsdam gestorben, aber nach letztwilliger Verfügung wollte

er in Marquardt begraben sein. Nicht in der Kirche, auch nicht auf dem

Kirchhofe, sondern im Park zwischen Schloß und Grotte. In wenig Tagen

galt es also ein Erbbegräbnis herzustellen.

Eine runde Gruft wurde gegraben, etwa von Tiefe und Durchmesser eines

Wohnzimmers, und die Maurer arbeiteten emsig, um dem großen Raum eine

massive Wandung zu geben. Als der vierte Tag zu Ende ging, der Tag vor

dem festgesetzten Begräbnis, mußte auch, um es fertig zu schaffen, die

Nacht mit zu Hilfe genommen werden, und bei Fackelschein, während der

erste Schnee auf den kahlen Parkbäumen lag, wurde das Werk wirklich

beendet.

Am 4. November früh erschien von Potsdam her der mit sechs Pferden

bespannte Wagen, der den Sarg trug; die Beisetzung erfolgte und zum

erstenmal schloß sich die runde Gartengruft. Nur noch zweimal wurde sie

geöffnet. Ein Aschenkrug ohne Namen und Inschrift wurde auf das Grab

gestellt.

Efeu wuchs darüber hin wie über ein Gartenbeet.

* * * * *

Wir versuchen, nachdem wir in vorstehendem alles zusammengetragen,

was wir über den Lebensgang von Bischofswerder in Erfahrung bringen

konnten, nunmehr eine Schilderung seiner Person und seines Charakters.

Er war ein stattlicher Mann, von regelmäßigen und ansprechenden

Gesichtszügen, in allen Leibesübungen und ritterlichen Künsten

wohl erfahren, ein Meister im Fahren und Fechten, im Schießen und

Schwimmen, von gefälligen Formen und bei den Frauen wohlgelitten.

Er blieb bis zuletzt ein „schöner Mann“. Seltsamerweise haben ihm

Neid und Übelwollen auch diese Vorzüge der äußeren Erscheinung

absprechen wollen. In den französisch geschriebenen Anmerkungen zu den

„Geheimen Briefen“ wird er einfach als eine „traurige Figur“ (~figure

triste~) bezeichnet. Der Schreiber jener Zeilen kann ihn nie gesehen

haben. Der erst 1858 gestorbene _Sohn_ Bischofswerders, eine echte

Garde du Korps-Erscheinung, war das Abbild des Vaters und übernahm

noch nachträglich eine Art Beweisführung für die Stattlichkeit des

„Günstling-Generals“.

Der oft versuchten Schilderung seines Charakters sind im großen und

ganzen die Urteile der „Vertrauten Briefe“, der „Geheimen Briefe“, der

„Anmerkungen“ zu den Geheimen Briefen und die Briefe Mirabeaus zugrunde

gelegt worden. Es steht aber wohl nachgerade fest, daß alle diese

Briefe unendlich wenig Wert als historische Dokumente haben und daß

sie durch Übelwollen, Parteiverblendung oder bare Unkenntnis diktiert

wurden. In letzterem Falle gaben sie lediglich das Tagesgeschwätz, das

kritiklose Geplauder einer skandalsüchtigen und medisanten Gesellschaft

wieder. So heißt es in den „Vertrauten Briefen“ des Herrn von Cöllen:

„Bischofswerder war ein ganz gewöhnlicher Kopf. Sein Gemüt war den

äußeren Eindrücken zu sehr offen, woraus eine große Schwäche des

Willens entstand. _Ganz_ gemein aber war er nicht.“ Diese letzte halbe

Zeile, in ihrem Anlauf zu einer Ehrenrettung, ist besonders bösartig,

weil sie sich das Ansehen einer gewissen Unparteilichkeit gibt. Weit

hinaus aber über das Übelwollen der „_Vertrauten_ Briefe“, die an

einzelnen Stellen immerhin das Richtige treffen mögen, gehen die

„Anmerkungen“ zu den _Geheimen_ Briefen, in denen wir folgendem Passus

begegnen:

„~La fortune a quelquefois employé des hommes sans grande capacité dans

l'administration des Etats; mais rarement elle a choisi un si triste

sujet que ce _Bischofswerder_: naissance ordinaire, figure triste,

physionomie perfide, élocution embarrassée; ne connoissant ni le pays

qu'il a quitté, ni celui qui l'a recueilli, ni ceux qui intéressent

la Prusse. N'étant ni militaire, ni financier, ni politique, ni

économiste. Un de ces hommes enfin que la nature a condamné à

l'obscurité et à végéter dans la foule. Voilà l'homme qui règne en

Prusse.~“

Wir verweilen bei diesen Auslassungen _nicht_, eben weil sie zu sehr

den Stempel des Pasquills tragen, und wenden uns lieber der Darstellung

zu, die ein anerkannter _Historiker_ von dem Charakter Bischofswerders

gegeben hat, um dann an dieses maßvolle Urteil anzuknüpfen.

J. C. F. _Manso_ in seiner „Geschichte des Preußischen Staates vom

Frieden zu Hubertsburg bis zur zweiten Pariser Abkunft“ sagt über

Bischofswerder:

„In den Fesseln der Rosenkreuzerei verlor er früh die unbefangene

Ansicht des Lebens.... Selten übte ein Mensch die Kunst, _andere zu

erforschen_ und sich zu verbergen, _glücklicher und geschickter als

er_. Ihm war es nicht gleichgültig, wem er sein Haus am Tage und wem

er es in der Dunkelheit öffne. Sein ganzes Wesen trug das Gepräge der

_Umsichtigkeit_, und wenn er reden mußte, wo er lieber geschwiegen

hätte, bewahrte er sich sorgfältig genug, um nichts von seinem Innern

zu enthüllen. Rat gab er nie ungefragt, und den er gab, hielt er für

sicherer oder verdienstlicher, dem Fragenden unterzuschieben; auch

des Ruhms, der ihm aus dem gegebenen zuwachsen konnte, entäußerte

er sich mit seltener Willfährigkeit.... Friedrich Wilhelm ward nie

durch ihn in der Überzeugung gestört, er wäge, wähle und beschließe

allein.... Das Vorurteil uneigennütziger Anhänglichkeit, das er für

sich hatte, reichte hin, Verdächtige zu entfernen und Geprüftere zu

empfehlen. So gelang ihm, wonach er strebte. Er ward _reich_ durch

die Huld des Monarchen, ohne Vorwurf, und der erste im Staate, ohne

Verantwortlichkeit.... Anmaßungen, nicht Vergünstigungen gefährden.“

Dies Urteil Mansos, wenn wir von dem Irrtum absehen, daß er von

Bischofswerder als „reich“ bezeichnet, wird im wesentlichen zutreffen.

Aber was enthält es, um den Mann oder seinen Namen mit einem Makel zu

behaften? Was anderes tritt einem entgegen als ein lebenskluger, mit

Gaben zweiten Ranges ausgerüsteter Mann, der scharf beobachtete, wenig

sprach, keinerlei Ansprüche erhob, auf die glänzende Außenseite des

Ruhmes verzichtete und sich begnügte, in aller Stille _einflußreich_

zu sein. Wir bekennen offen, daß uns derartig angelegte Naturen nicht

gerade sonderlich sympathisch berühren, und daß uns solche, die, zumal

in hohen Stellungen, mehr aus dem _Vollen_ zu arbeiten verstehen,

mächtiger und wohltuender zu erfassen wissen; aber, wohltuend oder

nicht, was liegt hier vor, das, an und für sich schon, einen besonderen

Tadel herausforderte? Zu einem solchen würde erst Grund vorhanden

sein, wenn Bischofswerder seinen Einfluß, den er unbestritten hatte,

zu bösen Dingen geltend gemacht hätte. Aber wo sind diese bösen Dinge?

Wenn die ganze damalige auswärtige Politik Preußens -- was übrigens

doch noch fraglich bleibt -- auf ihn zurückgeführt werden muß, wenn

also der Zug gegen Holland, der Zug in die Champagne, der Zug gegen

Polen und schließlich wiederum der Baseler Frieden _sein_ Werk sind, so

nehmen wir nicht Anstand zu erklären, daß er in _allem_ das Richtige

getroffen hat. Die drei Kriegszüge erwuchsen aus einem und demselben

_Prinzip_, das man nicht umhin können wird, in einem _königlichen_

Staate, in einer _absoluten_ Monarchie, als das Richtige anzusehen. Ob

die Kriegsleistungen selbst, besonders der Feldzug in der Champagne,

auf besonderer Höhe standen, das ist eine zweite Frage, die, wie die

Antwort auch ausfallen möge, keinesfalls eine Schuld involviert, für

die _Bischofswerder_ verantwortlich gemacht werden kann. Er hatte gewiß

den Ehrgeiz, einflußreich und Günstling seines königlichen Herrn zu

sein, aber er eroberte sich diese Stellung weder durch schnöde Mittel,

noch tat er Schnödes, so lang er im Besitz dieser Stellung war. Er

diente dem Könige und dem Lande nach seiner besten Überzeugung, die,

wie wir ausgeführt, nicht bloß eine individuell berechtigte, sondern

eine absolut zulässige war. Er war klug, umsichtig, tätig und steht

frei da von dem Vorwurf, sich bereichert oder andere verdrängt und

geschädigt zu haben. Was ihn dem Könige wert machte (darin stimmen wir

einer Kritik bei, die sich _gegen_ die oben zitierten französischen

„Anmerkungen“ richtet), waren: ~des moeurs pures, beaucoup d'honnêteté

dans le sentiment, un désinteressement parfait, un grand amour pour le

travail~.

In dieser Kritik vermissen wir nur eines noch, was uns den Mann ganz

besonders zu charakterisieren scheint, seinen ~bon sens~ in allen

praktischen Dingen, wohin wir in erster Reihe auch die Politik rechnen,

das klare Erkennen von dem, was statthaft und unstatthaft, was möglich

und unmöglich ist. Über diese glänzendste Seite Bischofswerders

gibt uns _Massenbach_ in seinen „Memoiren zur Geschichte des

preußischen Staates“ Aufschluß. Dieser (Massenbach) verfolgte damals,

1795 bis 1797, zwei Lieblings-Ideen: „Bündnis mit Frankreich“ und

„Neu-Organisation des General-Quartiermeisterstabes“, -- wohl dasselbe,

was wir jetzt Generalstab nennen.

In den Memoiren heißt es wörtlich: „Ich suchte den General von

Bischofswerder für meine Ansichten zu gewinnen. Es hielt schwer,

diesen Mann in seinem Zimmer zu sprechen. Desto öfter traf ich ihn auf

Spazierritten. Er liebte den Weg, der sich vor dem Nauenschen Tore auf

der sogenannten Potsdamer Insel, längs der Weinberge hinzieht. Da paßte

ich ihm auf, kam wie von ungefähr um die Ecke herum, und bat um die

Erlaubnis ihn begleiten zu dürfen. Das Gespräch fing gewöhnlich mit dem

Lobe seines Pferdes an; nach und nach kamen wir auf die Materie, die

ich zur Sprache bringen wollte. Ich gebe hier eines dieser Gespräche,

worin ich ihm, wie schon bei einer früheren Gelegenheit, ein Bündnis

mit Frankreich empfahl.

_Ich._ (Massenbach.) Preußen muß sich fest mit Frankreich verbinden,

wenn es sich nicht unter das russische Joch beugen soll.

_Bischofswerder._ Aber bedenken Sie doch, daß der König mit der

Direktorial-Regierung kein Freundschaftsbündnis errichten _kann_. Unter

den Direktoren befinden sich einige, die für den Tod ihres Königs

gestimmt haben. Mit Königsmördern kann kein König traktieren.

_Ich._ Traktieren? Wir haben ja in Basel traktiert. Und gab der

staatskluge Mazarin seinem Zöglinge nicht den Rat, den Königsmörder

Cromwell seinen ‚lieben Bruder‘ zu nennen? Das Interesse des Staates

entscheidet hier allein.

_Bischofswerder._ Man hat keine Garantie. Morgen werden die ‚fünf

Männer‘ von ihren Thronen gejagt und nach Südamerika geschickt. Es ist

eine revolutionäre Regierung.

_Ich._ Die englische Regierung ist es auch. Georg III. ist nicht nur

ein schwacher Mann, er ist weniger als nichts; er ist wahnsinnig ...

Heute negoziieren wir mit Pitt, morgen ist ein Bute an der Spitze

der Angelegenheiten. Die englische Regierung gibt uns auch keine

Sicherheit. Wir haben mit der französischen Regierung unterhandelt; wir

haben sie anerkannt; wir haben ihr eine diplomatische Existenz gegeben

und uns dadurch den Haß aller Mächte zugezogen. Einmal mit diesem Hasse

beladen, gehe man noch einen Schritt weiter...

_Bischofswerder._ Sie gehen zu weit, Massenbach. Eine solche Idee dem

Könige vorzutragen, kann ich nicht wagen. Auch kann ich Ihrer Meinung

nicht beipflichten. Allianz mit Frankreich! Das ist zu früh. Die Dinge

in Frankreich haben noch keine Konsistenz.“

* * * * *

Dies war im Frühjahr 1796.

Die zweite, noch weit eingehendere Unterredung, so fährt Massenbach

fort, die ich mit Bischofswerder um diese Zeit hatte, bezog sich auf

die Neuorganisation des General-Quartiermeisterstabes. Ich bat um die

Erlaubnis, ihm meinen Aufsatz über die Notwendigkeit einer „_Verbindung

der Kriegs- und Staats-Kunde_“ vorlesen zu dürfen. Dies geschah

denn auch an zwei Abenden, die ich bei Bischofswerder unter vier

Augen zubrachte. Er machte, als ich geendet hatte, einige treffende

Bemerkungen. Unter andern sagte er folgendes: „Selbst angenommen, daß

dies alles nur _politisch-militärische Romane_ wären, so würde doch die

Lektüre derselben den Prinzen des königlichen Hauses ungemein nützlich

sein, nützlicher als die Lektüre von Grandison und Lovelace. Die jungen

Herren würden dadurch die militärische Statistik unseres Staates und

der benachbarten Staaten kennen lernen.“

Das Ende meines Aufsatzes, so schließt Massenbach, ließ er sich

zweimal vorlesen. Er lächelte. Als ich in ihn drang, mir dies Lächeln

zu erklären, sagte er: „Der Generalstab wird, wenn Ihre Idee zur

Ausführung kommt, eine _geschlossene Gesellschaft_, die einen

entscheidenden Einfluß auf die Regierung des Staates haben wird.

_Ihr_ General-Quartiermeister greift in alle Staatsverhältnisse ein.

Sein Einfluß wird größer, als der des jetzigen General-Adjutanten.

So lange Zastrow der vortragende General-Adjutant ist, wird Ihre

Idee nicht ausgeführt werden. Jetzt müssen Sie diese Idee gar nicht

mehr zur Sprache bringen. Teilen Sie solche niemandem mit. Die

Sache spricht sich herum, und Sie haben dann große Schwierigkeiten

zu bekämpfen ... Ihren Antrag wegen der _Reisen_ der Offiziere des

General-Quartiermeisterstabes will ich gern beim Könige unterstützen.“

(Dies geschah.)

Massenbach, der immer Gerechtigkeit gegen Bischofswerder geübt

und nur seine Geheimtuerei, sein sich Verleugnen-lassen und sein

diplomatisch-undeutliches Sprechen, das er „Bauchrednerei“ nannte,

gelegentlich persifliert hatte, war nach diesen Unterredungen so

entzückt, daß er ihre Aufzeichnung mit den Worten begleitet: „Ich

gewann den Mann lieb; er erschien mir einsichtsvoll und ich konnte mich

nicht enthalten, ihn zu embrassieren.“

Wenn nun auch einzuräumen ist, daß der immer Pläne habende Massenbach

durch ein solches Eingehen auf seine Ideen bestochen sein mußte, so

muß doch auch die nüchternste Kritik, die an diese Dialoge herantritt,

eingestehen, daß sich überall ein Prinzip, und doch zugleich nirgends

eine prinzipielle Verranntheit, daß sich vielmehr Feinheit, Wohlwollen,

Verständigkeit und selbst Offenheit darin aussprechen. Ein Mann,

wie Bischofswerder gewöhnlich geschildert zu werden pflegt, hätte

eher eine Fluchtreise nach Berlin oder nach Marquardt gemacht, als

daß er sich dazu verstanden hätte, sich einen langen Aufsatz über

die Neu-Organisation des Generalstabes an _zwei_ Abenden vorlesen

zu lassen. In dieser einen Tatsache liegt ausgesprochen, daß er ein

fleißiger, gewissenhafter, geistigen Dingen sehr wohl zugeneigter Mann

war.[33]

Wir haben diese Zitate gegeben, um unsere Ansicht über den gesunden

Sinn Bischofswerders, über seine Urteilskraft und seine politische

Befähigung zu unterstützen; es bleibt uns noch die wichtige Frage zur

Erwägung übrig: _war er ein Rosenkreuzerischer Charlatan?_ Was wir

zu sagen haben, ist das Folgende: Ein Rosenkreuzer war er gewiß, ein

Charlatan war er _nicht_. Er _glaubte_ eben an diese Dinge. Daß er,

wie bei Aufführung einer Shakespeareschen Tragödie, mit allerhand

Theaterapparat Geister zitierte, eine Sache, die zugegeben werden muß,

scheint dagegen zu sprechen. Aber es scheint nur. Diese Gegensätze, so

meinen wir, vertragen sich sehr wohl mit einander.

Es ist bei Beurteilung dieser Dinge durchaus nötig, sich in das

Wesen des vorigen Jahrhunderts, insonderheit des letzten Viertels,

zurückzuversetzen. Die Welt hatte vielfach die Aufklärung satt.

Man sehnte sich wieder nach dem Dunkel, dem Rätselhaften, dem

Wunder. In diese Zeit fiel von Bischofswerders Jugend. Wenn man die

Berichte über Schrepfer liest, so muß jeder Unbefangene den Eindruck

haben: Bischofswerder glaubte daran. Selbst als Schrepfer zu einer

höchst fragwürdigen Gestalt geworden war, blieb von Bischofswerder

unerschüttert; er unterschied Person und Sache. Es ist, nach allem,

was wir von ihm wissen, für uns feststehend, daß er an das Hereinragen

einer überirdischen Welt in die irdische so aufrichtig glaubte, wie nur

jemals von irgend jemandem daran geglaubt worden ist. Der gelegentliche

Zweifel, ja, was mehr sagen will, das gelegentliche _Spielen_ mit der

Sache ändert daran nichts. Wenn irgendwer, groß oder klein, gebildet

oder ungebildet, mit umgeschlagenem weißem Laken den Geist spielt und

auf dem dritten Hausboden unerwartet einem andern „Gespenst“ begegnet,

so sind wir sicher, daß ihm in seiner „Geistähnlichkeit“ sehr bange

werden wird. Ein solches Spiel, weitab davon, ein Beweis freigeistigen

Drüberstehens zu sein, schiebt sich nur wie ein gewagtes Intermezzo in

die allgemeine mystische Lebensanschauung ein.

So war es mit Bischofswerder. Was ihn bewog, den Aberglauben, dem

er dienstbar war, sich je zuweilen auch dienstbar zu machen, wird

mutmaßlich unaufgeklärt bleiben; ein von Parteistreit unverwirrter

Einblick in sein Leben spricht aber entschieden dafür, daß es _nicht

zu selbstischen Zwecken geschah_. Und _das_ ist der Punkt, auf den es

ankommt, wo sich Ehre und Unehre scheiden. Der Umstand, daß die ganze

Familie, weit über die letzten Jahre des vorigen Jahrhunderts hinaus,

in dieser Empfindungswelt beharrte, ist bei Beurteilung der ganzen

Frage nicht zu übersehen und mag allerdings als ein weiterer Beweis

dafür dienen, daß hier seit lange ein Etwas im Blute lag, das einer

mystisch-spiritualistischen Anschauung günstig war.

Wir kommen in der Folge darauf zurück und wenden uns zunächst einem

neuen Abschnitt des Marquardter Lebens zu.

[32] Dies Geburtsdatum festzustellen, war schwierig. Die Geschichts-

und Nachschlagebücher geben abwechselnd 1737, 1738 und 1741 an. Monat

und Tag werden gar nicht genannt. In dieser Verlegenheit half endlich

das Marquardter _Kirchenbuch_: Es heißt in demselben: Hans Rudolf von

Bischofswerder starb am 30. Oktober 1803, in einem „ruhmvollen Alter“

von zweiundsechzig Jahren elf Monaten und neunzehn Tagen. Dies ergibt

das oben im Text angegebene Geburtsdatum. -- Eine verwandte Mühe (was

gleich hier bemerkt sein mag) haben alle andern Namen-, Zahlen- und

Verwandtschafts-Angaben gemacht und nicht immer ist das Resultat ein

gleich befriedigendes gewesen. Vieles war absolut nicht in Erfahrung

zu bringen. Ich habe das Vermählungsjahr Bischofswerders mit seiner

zweiten Gemahlin, Gräfin Pinto, nicht mit Sicherheit feststellen

können. Bestimmte Angaben hierüber würden mit Dank entgegengenommen

werden.

[33] Auch dies ist bestritten worden. Man gefiel sich darin, den

König, seinen Günstling, den ganzen Hof als absolut unlitterarisch,

als tot gegen alles Geistige darzustellen. Sehr mit Unrecht. Ignaz

_Feßler_, in seinem Buche „Rückblicke auf meine siebzigjährige

Pilgerfahrt“ (Breslau, W. G. Korn 1824) schreibt: Ich stand mit auf

der Liste, die der Minister für Schlesien, Graf Hoym, als eine Art

_Konspiratoren-Verzeichnis_ beim Könige eingereicht hatte. Es traf sich

aber, daß General von _Bischofswerder_, wenige Tage zuvor, einiges

aus meinem „Marc Aurel“ dem Könige vorgelesen hatte, der nunmehr ohne

weiteres den Namen Feßler durchstrich, dabei bemerkend: „_Der_ ist kein

Schwindelkopf, er ist monarchisch gesinnt, wie sein Marc Aurel zeigt.“

So geringfügig dieser Hergang ist, so lehrreich ist er doch auch.

Er zeigt, ebenso wie das oben aus Massenbachs Memoiren Mitgeteilte,

daß sich der Hof Friedrich Wilhelms II. (und in erster Reihe sein

Generaladjutant) sehr wohl um literarische Dinge kümmerte, scharf

aufpaßte und sich danach ein Bild von den Personen machte.

Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil Havelland · 第 102 / 149 题