Gestern war Sonntag Quasimodo und ich war quasi modo dicht am Sterben.
O diese höllische Migräne! Das einzige Mittel ist Ruhe. „Ruhe ist die
erste _Bürger_-Pflicht“ sagte schon Minister von der Schulenburg. Aber
an Migränetagen dürfen es sich auch Hochadlige gesagt sein lassen. Und
dann natürlich auch Kamillentee. Anbei sende ich den ersten Teil von
Heinrich von Kleist zurück. Darf ich mir dafür _den_ Teil erbitten,
in dem die Novelle „_Hans Kohlhaas_“ steht? Auch nehme ich mit dem
_Käthchen von Heilbronn_ oder dem Prinzen _von Homburg_ vorlieb.
Donnerstag, den 14. _Juni_ 1827. Am Tage Sankt Modesti des
modestesten Heiligen.
In Ermangelung von etwas Besserem schicke ich das beifolgende Bildchen,
das ich, je nachdem es die Größe des Kästchens verlangt, bei ~a~ oder
bei ~b~ abzuschneiden bitte. Wird bei ~b~ abgeschnitten, so fällt der
alte Herr auf dem Baume weg und die Birnen fallen dann, wie vom Himmel,
in die Schürze der Sammlerin. -- Unbekleidetes könnt ich in Menge
liefern, aber das könnte Sankt Modestus übelnehmen und mit Heiligen
darf man's nicht verderben. Wir haben's hier unendlich heiß und ich
verkoche ganz allmählich, wobei mich nur die Krebse trösten, die längst
gewohnt sind, lebendig gesotten zu werden. Haltet Euch tapfer in
Pankow!
Donnerstag, den 6. _Dezember_ 1827 am Tage des heiligen Nikolas,
der den frommen und fleißigen Kindern goldne Äpfel bringt.
Und auch ich komme nicht mit leeren Händen und schicke endlich das
versprochene Buch. Trotz allem Ungewissen steckt doch viel Wissen
darin. Ein eigentliches Urteil darüber habe ich nicht, weil ich es
nicht ganz verstehe; doch habe ich Meinungen, die einem Urteil beinah
gleichkommen. Selbst Professor Hegel sprach mit großer Achtung und
Schonung einige Worte über den jugendlichen Autor aus.
Montag, den 3. _November_ 1828. Am Tage Gottlieb.
So hört denn: Alle die Gott lieben,
In Wohltun nie zurückgeblieben,
Hungrige speisen, Durstige tränken,
Arme zum Geburtstag beschenken,
Beschenken in Gnad und Überfluß --
Euch, Ihr Lieben, herzlichen Gruß!
Den 5. _März_ 1829. (Mit einigen Fragmenten aus dem Äsculap-Tempel
in Pompeji.)
Gestohlen? So haben wir nicht gewettet.
Ich habe es gefunden und -- gerettet.
Den 26. _Dezember_ 1829. Am Tage des heiligen Stephanus, des
ersten Märtyrers.
Ich komme bestimmt noch, aber leider erst spät, da ich noch notwendig
zu dem Silberpärchen _Mendelssohn-Bartholdy_ muß.
Montag, den 19. _September_ 1831.
Cholera her, Cholera hin,
Leben, leben ist Gewinn
Und könnt ihr mir morgen 'ne Suppe geben,
So möcht ich morgen wohl noch leben.
Mittwoch, den 2. _November_ 1831.
Als ich vor zweiundvierzig Jahren nach Berlin kam, gab es eine
Gesellschaft, welche sich „~la Société du Mercredi~“ nannte und immer
Donnerstags zusammenkam. Warum sollte es der gütigen Madame Jordan
nicht erlaubt sein, ihren Donnerstag auf den Freitag zu verlegen?
Sonntag, den 6. _November_ 1831 am Tage Sankt Leonhard oder
Löwenherz.
Am heutigen Tage muß ich mir ein Löwenherz fassen und Dir schreiben,
daß ich beim besten Willen nicht kommen kann, da heute zwei ehrenveste
Geburtstagskinder: der alte Hofzimmermeister _Glatz_ und Fräulein Luise
Hotho befeiert werden müssen. Morgen bin ich bei Feilners.[31]
Freitag, den 18. _November_ 1831.
Hier meine teure Fanny, sende ich Ihnen den verheißenen Briefwechsel
zwischen Goethe und Schiller, oder, wenn es die gute Tante so will,
zwischen Schiller und Goethe. Streng genommen gebührt aber diesem
letzteren der Vorrang, dieweil durch seine früheren unsterblichen und
höchst genialischen Werke der viel jüngere Schiller zum Schreiben und
Dichten erst angeregt wurde, Goethe aber die weite Bahn sich selbst
eröffnete. Vielleicht söhnt sich Tantchen durch diese Briefe mit dem
verhaßten Goethe aus. Ich würde mich über solche Bekehrung herzlich
freuen, denn jedes überwundene Vorurteil gewährt einen Triumph.