St. Nikolai zu Spandau

Wie Spukgestalten die Nebel sich drehn,

's ist schaurig über das Moor zu gehn,

Die Ranke häkelt am Strauche.

=Annette von Droste-Hülshoff=

Ein klarer Dezembertag; die Erde gefroren, die Dächer bereift. Aber

schon mischt sich ein leises Grau in die heitere Himmelsbläue, so weht

leise herüber von Westen her, und jenes Frösteln läuft über uns hin,

das uns ankündigt: Schnee in der Luft.

Schnee in der Luft; vielleicht morgen schon, daß er in Flocken

niederfällt! So seien denn die Stunden genutzt, die noch einen freien

Blick in die Landschaft gestatten.

Das Spreetal hinunter, an dem Charlottenburger Schloß vorbei (dessen

vergoldete Kuppel-Figuren nicht recht wissen, ob sie in dem spärlichen

Tageslicht noch blitzen sollen oder nicht), über Brücken hin, zwischen

Schwanen-Rudeln hindurch, geht der Zug, bis die Havelfeste vor uns

aufsteigt, mit Brücken und Gräben, mit Torwarten und Mauern, und über

dem allen: Sankt _Nikolai_, die erinnerungsreiche Kirche dieser Stadt.

Der Zug hält. Ohne Aufenthalt, mit den Minuten geizend, steuern

wir durch ein Gewirr immer enger werdender Gassen auf den alten

gotischen Bau zu, der sich, auf engem und kahlem Platze, über den

Dächer-Kleinkram hinweg, in die stahlfarbene Luft erhebt. Kein Bau

ersten Ranges, aber doch an _dieser_ Stelle.

Das Innere, ein seltner Fall bei renovierten Kirchen, bietet mehr als

das Äußere verspricht. Emporen, wie Brückenbogen geschwungen, ziehen

sich zwischen den grauweißen Pfeilern hin und wirken hier, in dem sonst

schmucklosen Gange, fast wie ein Ornament des Mittelschiffes.

Die Kirche selbst, bei aller Schönheit, ist kahl; im Chor aber drängen

sich die Erinnerungsstücke, die der Kirche noch aus alter Zeit her

geblieben sind. Hier, an der Rundung des Gemäuers hin, hängen die

Wappenschilde der Quaste, Ribbeck und Nostitz, hier richtet sich

das prächtige Denkmal der Gebrüder Röbel auf, hier begegnen wir dem

berühmten Steinaltar, den Rochus von Lynar der Kirche stiftete,

und hier endlich, in Front eben dieses Altars, erhebt sich das

dreifußartige, schönste Kunstform zeigende Taufbecken, das zugleich die

Stelle angibt, wo unter dem Estrich die Überreste Adam Schwarzenbergs

ruhen. Zur Rechten die eigene Wappentafel den Grafen: der Rabe mit dem

Türkenkopf.

Alle diese Dinge indes sind es nicht, die uns heute nach Sankt Nikolai

in Spandau geführt haben, unser Besuch gilt vielmehr dem alten Turme,

zu dessen Höhe ein Dutzend Treppenstiegen hinanführen. Viele dieser

Stiegen liegen im Dunkel, andere empfangen einen Schimmer durch

eingeschnittene Öffnungen, alle aber sind bedrohlich durch ihre Steile

und Gradlinigkeit und machen einem die Weisheit der alten Baumeister

wieder gegenwärtig, die ihre Treppen spiralförmig durch die dicke

Wandung der Türme zogen und dadurch die Gefahr beseitigten, fünfzig Fuß

und mehr erbarmungslos hinab zu stürzen.

Die Treppe frei und gradlinig. Und doch ist es ein Ersteigen mit

Hindernissen: die Schlüssel versagen den Dienst in den rostigen

Schlössern und man merkt, daß die Höhe von Sankt Nikolai zu Spandau

keine täglichen Gäste hat, wie St. Stephan in Wien, oder St. Paul in

London. Endlich sind wir an Uhr und Glockenwerken vorbei, haben das

Schlüsselbund, im Kampf mit Großschlössern und Vorlegeschlössern,

siegreich durchprobiert und steigen nun, durch eine letzte

Klappenöffnung, in die luftige Laterne hinein, die den steinernen

Turmbau krönt. Keine Fenster und Blenden sind zu öffnen, frei bläst

der Wind durch das gebrechliche Holzwerk. Das ist die Stelle, die wir

suchten. Ein Lug-ins-Land.

Zu Füßen uns, in scharfer Zeichnung, als läge eine Karte vor uns

ausgebreitet, die Zickzackwälle der Festung; ostwärts im grauen Dämmer

die Türme von Berlin; nördlich, südlich die bucht- und seenreiche

Havel, inselbetupfelt, mit Flößen und Kähnen überdeckt; nach Westen hin

aber ein breites, kaum hier und da von einer Hügelwelle unterbrochenes

Flachland, das _Havelland_.

Wer hier an einem Juni-Tage stände, der würde hinausblicken in üppig

grüne Wiesen, durchwirkt von Raps- und Weizenfeldern, gesprenkelt

mit Büschen und roten Dächern, ein Bild moderner Kultur; an diesem

frostigen Dezembertage aber liegt das schöne Havelland brachfeldartig

vor uns ausgebreitet, eine grau-braune, heideartige Fläche, durch

welche sich in breiten blanken Spiegeln, wie Seeflächen, die

Grundwasser und übergetretenen Gräben dieser Niederungen ziehen. Wir

haben diesen Tag gewählt, um den flußumspannten Streifen Landes, der

uns auf diesen und den folgenden Seiten beschäftigen soll, in _der_

Gestalt zu sehen, in der er sich in alten, fast ein Jahrtausend

zurückliegenden Zeiten darstellte. Ein grauer Himmel über grauem Land,

nur ein Krähenvolk aufsteigend aus dem Weidenwege, der sich an den

Wasserlachen entlang zieht, so war das Land von Anfang an: öde, still,

Wasser, Weide, Wald.

Freilich, auch dieses Dezembertages winterliche Hand hat das Leben

nicht völlig abstreifen können, das hier langsam, aber siegreich nach

Herrschaft gerungen hat. Dort zwischen Wasser und Weiden hin läuft ein

Damm, im ersten Augenblicke nur wie eine braune Linie von unserm Turm

aus bemerkbar; aber jetzt gewinnt die Linie mehr und mehr Gestalt; denn

zischend, brausend, dampfend, dazwischen einen Funkenregen ausstreuend,

rasseln jetzt von zwei Seiten her die langen Wagenreihen zweier Züge

heran und fliegen -- an derselben Stelle vielleicht, wo einst Jakzo und

Albrecht der Bär sich trafen -- an einander vorüber. Das Ganze wie ein

Blitz! --

Der Tag neigt sich; der Sonnenball lugt nur noch blutrot aus dem

Grau des Horizonts hervor. Ein roter Schein läuft über die grauen

Wasserflächen hin. Nun ist die Sonne unter, die Nebel steigen auf und

wälzen sich von Westen her auf die Stadt und unsere Turmstelle zu. Noch

sehen wir, wie aus dem nächsten Röhricht ein Volk Enten aufsteigt; aber

ehe es in die nächste Lache niederfällt, ist das schwarze Geflatter in

dem allgemeinen Grau verschwunden.

Das Havelland träumt wieder von alter Zeit.

Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil Havelland · 第 53 / 149 题