Kloster Chorin wie es ist

Von den alten Baulichkeiten, wenn dieselben auch Umwandlungen

unterworfen wurden, ist noch vieles erhalten; lange einstöckige

Fronten, die den Mönchen als Wohnung und Arbeitsstätten dienen mochten,

dazu Abthaus, Refektorium, Küche, Speisesaal, ein Teil des Kreuzganges,

vor allem die Kirche. Diese, wenn schon eine Ruine, richtiger eine

ausgeleerte Stätte, gibt doch ein volles Bild von dem, was diese

reiche Klosteranlage einst war. Schon die Maße, die Dimensionen deuten

daraufhin; das Schiff ist vierundvierzig Fuß länger als die Berliner

Nikolaikirche und bei verhältnismäßiger Breite um siebzehn Fuß höher.

Im Mittelschiff stehen auf jeder Seite elf viereckige Pfeiler (einige

zur Linken sind neuerdings verschwunden); der zwölfte Pfeiler, rechts

wie links, steckt in der Mauer. Die Konsolen oder die Kapitälornamente

sind verschieden gestaltet und stellen abwechselnd Akanthus-, Klee-

und Eichenblätter dar. Das Blattwerk zeigt hier und da noch Spuren von

grüner Farbe, während der Grund rot und gelb gemalt war. Freskoartige

Malereien finden sich noch in letzten Überresten im Kreuzgang; an

einer stehengebliebenen Kappe zeigt sich Zweig- und Blattwerk, das

ein Wallnußgesträuch darzustellen scheint. Das hohe Gewölbe, welches

von den Pfeilern des Mittelschiffes getragen wurde, ist seit einem

Jahrhundert eingestürzt. An Stelle desselben wurde im Jahre 1772 ein

Dachstuhl aufgerichtet, der seitdem das neue Dach trägt. Dies neue

Dach ist niedriger, als das alte war, was sich an den Giebelwänden,

besonders an dem Frontispiz im Westen noch deutlich markiert. Von

den Seitenschiffen ist nur noch eins vorhanden, das nördliche;

über dem niedrigen Dach desselben ragen die elf Spitzbogenfenster

des Hauptschiffes auf, deren obere Steinverzierungen noch beinahe

unversehrt erhalten sind.

Leider geht dieser _baulich_ schönen Ruine, wie gesagt, das eigentlich

_Malerische_ ab. Ruinen, wenn sie nicht bloß, als nähme man ein

Inventarium auf, nach Pfeiler- und Fensterzahl beschrieben werden

sollen, müssen zugleich ein _Landschafts-_ oder auch ein _Genrebild_

sein. In einem oder im andern, am besten in der Zusammenwirkung beider

wurzelt ihre Poesie. Chorin aber hat wenig oder nichts von dem allen;

es gibt sich fast ausschließlich als Architekturbild. Alles fehlt,

selbst das eigentlich Ruinenhafte der Erscheinung, so daß, von gewisser

Entfernung her gesehen, das Ganze nicht anders wirkt wie jede andere

gotische Kirche, die sich auf irgend einem Marktplatz irgend einer

mittelalterlichen Stadt erhebt. Nur fehlt leider der Marktplatz und die

Stadt. Und treten wir nun in die öden und doch wiederum nicht malerisch

zerfallenen Innenräume ein, so fehlt uns eines mehr als alles andere.

Wer immer auch unser Führer sein mag, und wäre er der beste, wir

vermissen die stille Führerschaft von Sage und Geschichte. Alles läßt

uns im Stich, und wir schreiten auf dem harten Schuttboden hin, wie auf

einer Tenne, über die der Wind fegte. Alles leer.

Kloster Chorin ist keine jener lieblichen Ruinen, darin sich's träumt

wie auf einem Frühlingskirchhof, wenn die Gräber in Blumen stehen; es

gestattet kein Verweilen in ihm und es wirkt am besten, wenn es wie ein

Schattenbild flüchtig an uns vorüberzieht. Wer hier in der Dämmerstunde

des Weges kommt und plötzlich zwischen den Pappeln hindurch diesen

still einsamen Prachtbau halb märchenartig, halb gespenstisch

auftauchen sieht, dem ist das Beste zuteil geworden, daß diese Trümmer,

die kaum Trümmer sind, ihm bieten können. Die Poesie dieser Stätte ist

dann wie ein Traum, wie ein romantisches Bild an ihm vorübergezogen,

und die sang- und klanglose Öde des Innern hat nicht Zeit gehabt, den

Zauber wieder zu zerstören, den die flüchtige Begegnung schuf.

Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil Havelland · 第 51 / 149 题