Kloster Mariensee

Kloster Chorin trat nicht gleich als es _selbst_ ins Dasein, sondern

ging vielmehr aus einer früheren, an anderem Orte gelegenen Anlage

hervor. Es scheint geboten, auch bei dieser Vorgeschichte, die wenig

gekannt ist, zu verweilen.

Kloster Chorin, ehe es diesen seinen Namen annahm, war Kloster

_Mariensee_. Die Stelle, wo letzteres stand, war lange zweifelhaft.

Die Urkunden sagten freilich deutlich genug: „auf der Ziegeninsel im

Paarsteiner See“; aber der Paarsteiner See hatte _zwei_ Inseln, von

denen -- wenigstens in den Nachschlagebüchern -- keine mehr den Namen

„Ziegeninsel“ führte. Die eine hieß, in eben diesen Büchern, der

„Paarsteiner Werder“, die andere der „Pehlitzer Werder“.

Nachfragen am Paarsteiner See selbst indes, die ich anstellen durfte,

haben die Streitfrage schnell entschieden. Der „Pehlitzer Werder“

heißt im Volksmund an Ort und Stelle noch immer die _Ziegeninsel_,

und wenn dennoch ein leiser Zweifel bliebe, so würde derselbe durch

die Kirchentrümmer beseitigt werden, die, unverkennbar auf eine

Klosteranlage deutend, bis diesen Augenblick noch auf dem „Pehlitzer

Werder“ -- in alten Urkunden ~Insula Caprarum~ -- angetroffen werden.

Diese Ziegeninsel liegt am Südende des Sees und ist Privateigentum,

etwa wie ein eingezäuntes Stück Grasland, weshalb man auch nur

vom gegenüberliegenden Amtshof aus die Überfahrt nach derselben

bewerkstelligen kann. Die Erlaubnis dazu wird gern gewährt.

Früher, wenn die Tradition recht berichtet, war das Terrain zwischen

dem Amtshof und der Insel mehr _Sumpf_ als See, so daß ein Steindamm,

eine Art Mole, existierte, die hinüber führte; der Paarsteiner See

aber, im Gegensatz zu anderen Gewässern der Mark, wuchs konstant an

Wassermenge, so daß allmählich der Sumpf in der wachsenden Wassermenge

ertrank und mit dem Sumpf natürlich auch der Steindamm. Die Tradition

hat nichts Unwahrscheinliches; auch erkennt man noch jetzt, bei klarem

Wasser, lange Steinfundamente, die in gerader Linie vom Ufer zur Insel

führen.

Die Insel selbst, an deren Südwestseite man landet, hat die Form eines

verschobenen Vierecks, dessen vier Spitzen ziemlich genau die vier

Himmelsgegenden bezeichnen. Der Umfang der Insel mag einige Morgen

betragen.

An der Landungsstelle, in ziemlicher Ausdehnung, erhebt sich eine aus

mächtigen Blöcken aufgetürmte Wand: Roll- und Feldsteine, von denen

es schwer zu sagen ist, ob die Fluten hier vor Jahrtausenden sich

ablagerten oder ob erst unsere Freunde, die Mönche, sie zu Schutz und

Trutz hier aufschichteten.

Die Insel zeigt im übrigen auf den ersten Blick nichts Besonderes;

sie macht den Eindruck eines vernachlässigten Parks, in dem die

Natur längst wieder über die Kunst hinausgewachsen ist. Es vergeht

eine Zeit, ehe man die Trümmer entdeckt und überhaupt in dem bunten

Durcheinander sich zurechtfindet; dann aber wirkt alles mit einem

immer wachsenden Reiz. Die Überreste des Klosters liegen nach Osten

zu, fast entgegengesetzt der Stelle, wo man landet. Was noch vorhanden

ist, ragt etwa zwei Fuß hoch über den Boden und reicht in seinen

charakteristischen Formen völlig aus, einem ein Bild des Baues zu

geben, der hier stand.[12] An der Profilierung der Steine erkennen wir,

daß wir es mit einem romanischen Bau zu tun haben, der wahrscheinlich

drei Schiffe (eher schmal als breit) hatte; an einzelnen Stellen glaubt

man noch ein Pfeilerfundament des Mittelschiffs zu erkennen. Weitere

Nachgrabungen würden gewiß mancherlei Auskunft Gebendes zutage fördern,

wobei bemerkt werden mag, daß auch das, was jetzt dem Auge sich bietet,

erst infolge von Erdarbeiten, die der Pehlitzer Amtmann anordnete, vor

kurzer Zeit zutage getreten ist.

Was die Trümmer selbst angeht, so gehören sie sehr wahrscheinlich der

Ostseite der ehemaligen Klosterkirche an, woraus sich ergeben würde,

daß das Längsschiff derselben sich nicht _parallel_ mit dem Ufer,

sondern senkrecht auf dasselbe, also _inseleinwärts_ hingezogen haben

muß. In dieser Richtung hätten also auch weitere Nachgrabungen zu

erfolgen.

Wie die eigentlichen Klostergebäude, die Mönchswohnungen, zu dieser

Klosterkirche standen, wird um so schwerer nachzuweisen sein, als die

ganze Anlage nur von bescheidenen Dimensionen war, einzelnes auch

leicht möglicherweise in dem heraufsteigenden See versunken ist.

Zwischen diesem und der Klosterkirche bemerken wir noch ein niedriges

Feldsteinfundament, über dessen Zugehörigkeit und frühere Bestimmung

die Ansichten abweichen. Ich bin indes der Meinung, daß alle diese

_außerhalb_ und doch zugleich in nächster _Nähe_ gelegenen, dabei

durch eine eigentümliche _Schräg_stellung markierten Feldsteinbauten

nichts anderes waren als die Siechenhäuser, in denen die Mönche den

Hospitaldienst übten.

In der Mitte der Insel erhebt sich der sogenannte Mühlberg, der

beste Punkt, um einen Überblick zu gewinnen. Wir erkennen von hier

aus unter den Zweigen der Bäume hindurch die Kirchenstelle und die

Hospitalstelle, wir sehen die prächtige alte Lindenallee, die am

Nordufer der Insel entlang den dahinter liegenden breiten Schilfgürtel

halb verdeckt, und sehen durch die offenen Stellen hindurch die blaue

Fläche des Sees, die sich wie ein Haff jenseits des Schilfgürtels

dehnt. Dieser weitgehende See, überall eingefaßt durch prächtig

geschwungene Uferlinien, gewährt ein Landschaftsbild voll imponierender

Schönheit; aber dieser Schönheit vermählt sich eine Sterilität, wie sie

an märkischen Seen nur selten getroffen wird. Die Ufer, wenn sie Basalt

wären, könnten nicht unfruchtbarer sein. Keine Spur von Grün bedeckt

die sandgelben, in ihren Formen nicht unmalerischen Abhänge, kein

Saatfeld läuft wie ein grünes Band von den Hügeln zum See hernieder,

kein Laubholz, kein Tannicht, keine Decke grünen Mooses. Diese absolute

Öde, nur einmal zur Rechten durch eine Turmspitze unterbrochen, ist

an sich nicht ohne einen gewissen Zauber, aber das Gefühl, daß hier

die Grundelemente zu einem märkischen Landschaftsbilde ersten Ranges

nur geboten wurden, um vonseiten der Kultur unbenutzt zu bleiben,

verkümmert die Freude an dem, was wirklich vorhanden ist.

Freilich, ständen diese Ufer auch in Grün und lachten auch die

Wohnungen der Menschen daraus hervor, hier rote Dächer mit Tauben

auf dem First, dort Wassermühlen, von niederstürzenden Gewässern

getrieben -- doch würde niemand da sein, um sich von dieser Inselstelle

aus des schönen Landschaftsbildes zu freuen. Der „Pehlitzer Werder“

(~Insula caprarum~), einst in regem Verkehr mit den Bewohnern dieser

Landesteile, eine Zufluchtsstätte für Verfolgte, eine Pflegestätte für

Kranke und Verwundete, ist jetzt nichts mehr als Koppel- und Grasplatz

für den Amtshof. Im Monat Mai schwingen sich Knechte und Hütejungen auf

die Rücken der Pferde, und wie zur Tränke reitend, schwimmen sie mit

ihnen zur Insel hinüber. Diese gehört nun sommerlang den Pferden und

Füllen. Am Ufer hin, in der alten Lindenallee grasen sie auf und ab und

horchen nur auf, wenn bei untergehender Sonne drüben der Paarsteiner

Kirchturm zu Abend läutet. Eines der halbwachsenen Füllen tritt dann

auch wohl in das Klostergemäuer, um die Disteln abzugrasen, die über

dem alten Mönchsgrabe stehen; aber plötzlich, als sei eine Flamme aus

der Erde gefahren, dreht sich das Jungtier im Kreise herum und starrt

und prustet, und mit Schüttelmähne und gehobenem Schweif flieht es die

Stätte und jagt zitternd, rastlos, an der Uferlinie der Insel hin. -- --

[12] Eine Bau-Autorität gibt folgende Details: „Auf dem höchsten

Punkte der Insel fand ich einen Gebäuderest, der mich, abgesehen von

allem andern, schon durch das vortrefflich ausgeführte Mauerwerk

interessierte. Ungefähr 2½ Fuß aus der Erde hervorragend, zeigt es

die eine _ganze_ Frontmauer eines rechteckigen Bauwerks, sowie die

Ansätze der beiden daranstoßenden andern Seiten. Erstere hat eine Länge

Von 75', und ist durch zwei von den Ecken des Gebäudes 18' entfernte

Strebepfeiler verstärkt, die eine Breite von 6' haben und ebensoviel

nach außen wie nach innen aus der Mauer hervortreten. In dem südlich

gelegenen Pfeiler ist deutlich der Zugang zu einer Treppe zu erkennen,

während sich nördlich von dem andern Strebepfeiler ein Eingang von

außen in den wahrscheinlich durch mehrere Türen zugänglichen Raum

befindet. Wenn schon die Sauberkeit der Arbeitausführung auf ein

monumentales Bauwerk schließen läßt, so gestattet der Formencharakter

der vornehm gebildeten Fußglieder an den innern Strebepfeilern keinen

Zweifel darüber, daß wir es mit einem Gebäude aus dem zwölften

Jahrhundert zu tun haben, das entweder eine Kirche war oder einem

Kloster zugehörte. Für die erstere Annahme spricht die Form der Ruine,

die wohl am richtigsten als Überbleibsel der östlichen Giebelseite

einer dreischiffigen Kirche angesehen wird. Es wäre interessant, diese

Ansicht durch eine Aufgrabung des Terrains in der Richtung der nach

innen vorspringenden Strebepfeiler vielleicht bestätigt zu finden“.

Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil Havelland · 第 49 / 149 题