DER ALTE:

Es ist oft genug gesagt worden, daß der Dichter aus einem unbesiegbaren

inneren Drang heraus schaffe. Oft im Kampf mit den äußeren

Lebensumständen, oft, ja fast immer im Kampf mit sich selbst. Deswegen

ist es eine abgegriffene Phrase, von dem Glück des Schaffens zu

sprechen. Es gibt nur eine Verzweiflung des Schaffens und einen ganz

kurzen Glücksrausch des Geschaffenhabens. Und dann erst muß der Dichter

lernen, sein Werk zu hassen, damit er seine Gebrechen zu erkennen

vermag, und je stärker er sein Werk hassen wird, je tiefer wird er die

Kunst lieben. Es ist klar, daß das, was unter solchen Widerständen

Dasein und Form gewinnt, innere Lebensmöglichkeit und -notwendigkeit

haben muß, wenigstens für den Schöpfer. Die Frage ist nur, ob und in

welchem Maße das Werk zu den anderen Menschen spricht, wie viele

Lebenskreise es durch seine Existenz berührt, wie viel andern Wesen es

ebenfalls notwendig wird. Das hängt nun von seinem Stoff ab. Ich möchte

behaupten, ein Stoff ist um so größer und allgemeiner gültig, je mehr

Mythos er in sich trägt, das heißt, je tiefer er in dem Geheimnisvollen,

Unbewußten, Religiösen, Phantasiegemäßen eines Volkes und damit der

Menschheit wurzelt. Der Dichter ist ja der Mund der Schweigenden. Je

größer ein Dichter ist, je mehr Schweigende sprechen aus ihm. Nicht er

wählt seinen Stoff, sondern der Stoff wählt ihn. Er trifft ihn, wie der

Blitz zuckt er auf ihn herab. Deshalb wird man ebensowenig von Erfinden

wie von Erleben eines Stoffes reden können, im höchsten Sinne nämlich.

Dichter, die ihre Erlebnisse, sagen wir verwerten, sind immer in Gefahr,

diese Erlebnisse sehr zu überschätzen, wenn nicht ein großes typisches

Schicksal dahinter steht. Die Vision ist alles. Sie vermag einen

tausendmal behandelten Gegenstand so zu verklären und zu erhöhen, daß er

zum unerhörten Ereignis wird. Je mehr du durch dein enges kleines und in

jedem Fall bescheidenes Schicksal dich ins Weite, Menschliche, Mythische

hinausspürst und -lebst, je weniger brauchst du tatsächlich zu

»erleben«, je freieren Spielraum gewinnst du für die Kunst.

Imaginäre Brücken: Studien und Aufsätze · 第 75 / 106 题