Das läßt sich nicht auseinanderhalten. Da müßten wir erst feststellen,
was es heißt, erleben. Es wäre doch recht ärmlich gedacht, wenn man nur
eine äußere Aktion darin sehen wollte, dann wäre es schlimm um jene
bestellt, die der Zufall oder soziale Stellung oder persönliche Eigenart
vom großen Getriebe fernhält. Das hieße dann: nur derjenige, der einen
Mord begangen, kann die Seele eines Mörders enthüllen, und die Frau als
eine Welt für sich wäre dem Dichter ein für immer verschlossenes Ding.
Ich stelle nicht in Abrede, daß ein gewisses Maß allgemeiner
Lebenserfahrung notwendig sei, aber dem, der nicht innerlich das Leiden
der Welt und ihrer Geschöpfe erlebt, dem wird es wenig frommen, wenn er
seine Tage mit Abenteuern füllt, wenn ihm auch hierdurch die seltsamsten
und tiefsten Seiten der menschlichen Natur offenbar werden. Das ist ja
eben die besondere Natur des Dichters, daß in ihm gleichsam die
Erfahrungen aller andern sich sammeln und zu einem hohen Bewußtsein
gelangen; es ist, als ob ihm Gott die Andeutungen und Stichworte gäbe,
aus denen er das Gewebe einer zweiten zur knappsten Folgerichtigkeit
verdichteten Welt formt. Er ist es, der im Mittelpunkt der Dinge wohnt,
er stellt das lebendige Gewissen der Völker dar, er lebt nicht nur in
der Gegenwart, nein, ihm ist alles Vergangene zugleich Gegenwart. Und
nun der Stoff.