DER ALTE:

Wollen wir einmal vom Engsten ausgehen, um ins Weite zu gelangen. Wer

sprachliches Gefühl und ein aufmerksames Ohr besitzt, wird wissen oder

unbewußt schon früh empfunden haben, daß die vorzüglichste Schönheit

unserer Sprache in ihrem Vermögen liegt, eine organisch gegliederte,

gleichsam lebende Periode zu bilden. Der Gedanke, die Vorstellung

entsteht und kommt zur Erscheinung durch Hauptwort und Zeitwort; das

Beiwort tritt heran, um zu verdeutlichen oder zu schmücken, eine zweite

Vorstellung oder Handlung will die erste begründen und weiterführen, und

der Nebensatz ist geboren, an dem sich dieselben Erscheinungen

vollziehen wie im Hauptsatz, nur abgetönt, verkleinert, gemildert. Darin

liegt der Rhythmus der Prosa: das An- und Abschwellen des Tones und der

Betonung, die gegenseitige Beziehung von Sätzen und Satzteilen

untereinander, die freie und eigenbewegliche Anpassung, die Fülle des

Ausdrucks bei größter Sparsamkeit mit dem Wort. Die eigentümlichste

Kraft der deutschen Sprache ruht im Zeitwort; dieses auszubilden, zu

formen, gewissermaßen zu isolieren, kennzeichnet den guten Prosaisten,

während der mittelmäßige sich mehr auf das schmückende Beiwort verlegt,

– ganz natürlich. Prüfe doch den Stil unserer guten Erzähler auf diesen

Umstand hin: wie das flutet und in majestätischer Ruhe hinfließt, immer

bewegt und immer gegen ein erreichenswertes Ziel bewegt. Das Beiwort

wirkt erstarrend und ist nur mit Vorsicht zu gebrauchen, und nur die

anschauende Phantasie kann es an den rechten Platz stellen; das Verbum

belebt und ist das eigentlich motorische Element im Satzbau. Es ist

stets interessant, den guten Erzählerstil lediglich auf seinen

sprachmelodischen Gehalt hin zu prüfen, sich zu überzeugen, wie die

Periode der Atmung entspricht, wie sinnvoll gegliedert Satz und

Nebensatz auftreten, und wie der Gesang abläuft, wenn der Absatz zu Ende

ist. Eigentlich müßte man ein gutes Prosabuch schon an der

typographischen Anordnung erkennen, die sozusagen seine Fassade

vorstellt. Dazu kommt nun beim epischen Künstler das geistige Erlebnis

des Bildes und die seltsame Empfindung für die plastische Nähe des

Wortes, die ihn vor Verflachung seines Ausdrucks bewahrt. Denn wie

könnte sonst eine Schriftsprache jahrhundertelang gesund und triebfähig

bleiben? Die Auserlesenheit der Wendungen tut es nicht, Geschmack und

Formensinn allein sind ebenfalls nicht zeugungskräftig, – nur das

Mitleben mit dem Wort als einem Organismus bewahrt die Sprache der Epik

vor dem Verwelken und Absterben. Das begreiflich zu machen, ist schwer,

wenn du es nicht fühlst.

Imaginäre Brücken: Studien und Aufsätze · 第 53 / 106 题