Vor Jahren hatte in einem geselligen Kreis, in dem ich damals verkehrte,
die junge C. viel Aufsehen gemacht. Abkömmling einer alten Adelsfamilie,
hatte sie sich, kaum zwanzig Jahre alt, von dem Zwang und Drill ihrer
Welt befreit, um, wie sie sich ausdrückte, »selbst« zu leben. Die
Ungebundenheit ihrer Lebensführung war in der Tat erstaunlich. Eine
Zeitlang kämpfte sie im größten Elend; plötzlich ging sie zum Theater,
dort heiratete sie einen Schauspieler, von dem sie sich nach
dreimonatlicher Ehe wieder trennte. Um Geld zu verdienen, übersetzte sie
mittelmäßige Romane aus dem Französischen. Eines Tages hieß es, sie sei
mit einem reichen Brasilianer verlobt und mit ihm in seine Heimat
gereist. Aber schon nach Jahresfrist kam sie zurück, – ohne Brasilianer,
leider genau so arm wie zuvor.
In dieser Zeit näherte ich mich ihr. Wir hatten uns ziemlich viel zu
sagen. Faustina, so wurde sie meist kurzweg genannt, war geistreich,
und, was mehr ist, ihr Geist hatte Fundamente. Sie war schön und sie war
exzentrisch; nimmt man aber dies Wort in genauem Sinn, so hatte sie mehr
Mittelpunkt als diejenigen, in deren Bezirk sie sich fremd erschien. Ob
sie auch immer anziehend war, lasse ich dahingestellt; eine Fremde war
sie durchaus, stets fremd, nie bürgerlich vertraut, höchstens seelisch
verwandt. Zur Abenteuerin fehlte ihr die Skrupellosigkeit, und um eine
große Dame zu sein, war sie zu ruhelos und zu voll von Opposition.
Wieder eines Tages war Faustina verschwunden. Sie verabschiedete sich
nicht einmal von mir. Niemand wußte, wohin sie gegangen war, und sie
blieb verschollen. Man vergaß sie, auch ich verlor sie beinahe aus dem
Gedächtnis. Da, wiederum nach Jahren, begegne ich ihr plötzlich auf der
Straße. Sie gewahrt mich, sie zögert, ich mache Miene, sie anzureden,
sie grüßt und geht weiter. Kurz darauf erhielt ich ein Billett von ihr
mit der Aufforderung, sie zu einer bestimmten Abendstunde zu besuchen.
Sie wohnte in einer Vorstadtpension. Ich trat in ein Zimmer, das die
übliche Halbeleganz fliegender Quartiere aufwies. Faustina war noch
immer schön, aber wie von einem sich entlaubenden Baum kann man auch von
dem Herbst eines menschlichen Gesichts sprechen. Ohne Zweifel las sie in
meinem Gebaren, daß ihre lakonische Einladung eher geeignet war, Neugier
zu erregen als an freundliche Beziehungen zu erinnern. »Die Sache ist
die, daß ich ganz ausgehungert darnach bin, mit einem vernünftigen
Menschen zu reden«, sagte sie. »Ich habe berechnet, daß ich seit
siebzehn Monaten bloß mit Kellnern, Kutschern, Zimmervermieterinnen,
Hausmeistern und Ladenmamsellen gesprochen habe. Das heißt doch leben,
wie? Daß ich so viel Talent zur wandelnden Mumie besitze, wer hätte das
gedacht.«
»Sie haben immer zu überraschen verstanden, Faustina«, versetzte ich
ablenkend.
»Als ich Sie auf der Straße sah,« fuhr sie fort, »hatte ich ein Gefühl
just wie Robinson, als er das erste Schiff vor seiner Insel gewahrte.«
»Und doch sind Sie davongelaufen, gar nicht wie Robinson, sondern wie
Freitag, der scheue Wilde.«
»Ja; scheu bin ich geworden. Wenn ich wenigstens schreiben oder
musizieren könnte! Den Kunstdilettanten bietet die Welt immer noch
Lockungen, und von allem, was im Menschen abzutöten ist, stirbt die
Eitelkeit zuletzt. Aber leider, ich bin stumm geboren, und der bloße
Kunst_genuß_ quält den Stummen manchmal mehr, als er ihn beruhigt.«
»Ich wundre mich, Faustina. Sie waren doch stets obenauf. Eine richtige,
tüchtige Schwimmerin waren Sie. Haben Sie denn keine Arbeit, keine
Betätigung mehr?«
»Ich finde es langweilig, zu arbeiten. Was kommt dabei heraus? Eine Art
von Trunkenheit und Selbstbetrug bestenfalls. Arbeiten, wie das klingt!
Dem Leben mit Gewalt ein Versprechen abnötigen! Ich brauche keine
Versprechungen mehr, ich glaube an keine mehr. Vorläufig hab ich noch
ein bißchen Kapital, meine Eltern sind nämlich gestorben, und man hat
mir den Pflichtteil ausbezahlt. Aber von den Zinsen könnt ich nicht
leben, das würde höchstens für eine Büchse Kaviar im Monat reichen.«
»Also ist am Ende Ihre Einsamkeit ein ökonomisches Prinzip?«
»Um Gottes willen, wer wird so philisterhaft denken!«
»Und da treiben Sie sich nun mutterseelenallein herum, ohne Genossin,
ohne Freundin –?«
»Ach was, Freundin! Ich habe keine Freundin, habe nie eine gehabt. Eine
Frau hat niemals eine Freundin.«
»Aber die Freunde, Faustina! Sie ließen mich einmal glauben, daß ich Ihr
Freund sei.«
»So? Wirklich? Mag sein, doch ich ärgerte mich, daß Ihnen keinen
Augenblick lang der Einfall kam, etwas anderes sein zu wollen.«
Sie lachte über mein verdutztes Gesicht und fuhr fort: »Spricht man
hingegen nicht vom Freund, sondern von den Freunden, so muß ich
gestehen, daß ich für solche Beziehungen nicht viel übrig habe. Die
Freunde, das sind Wesen von einer geradezu lächerlichen Gefräßigkeit.
Sie verdauen schneller als die Hühner, und sie bleiben immer mager, ihr
Herz bleibt immer mager.«
»Dennoch, Faustina, mit Menschen verbunden zu sein, bleibt der schönste
Vorzug des Menschen. Einen isolierten Zustand schadlos zu ertragen, dazu
gehört schon eine ungewöhnliche Seelenstärke.«
»Mag sein, mag sein«, erwiderte Faustina, und sie lächelte unbestimmt
vor sich hin.
»Offen gestanden, hätte ich nicht erwartet, Sie so zu finden«, fuhr ich
fort. »Ich dachte Sie mir in großen Erlebnissen. Eine Gestrandete, oder
wie Sie sagen, einen Robinson, nein, das hatte ich nicht erwartet.
Faustina unentflammt, Faustina ohne Liebe, ohne Verliebtheit, Faustina
einsam, was hat das zu bedeuten?«
Sie sah mich lange schweigend an, bevor sie antwortete. »Was kann es
andres zu bedeuten haben, bester Freund, als daß für Faustina keine
Liebe mehr da ist? Fertig, Freund, fertig! Abgewirtschaftet! Die Rahel
Varnhagen, die ja eine grundgescheite Person war, hat es einmal als
besondere Genialität Goethes gepriesen, daß er im Wilhelm Meister die
drei Frauen, die lieben können, Marianne, Aurelie und Mignon, sterben
läßt; denn, sagte sie, es ist noch keine Anstalt für solche da. Sehr
tiefsinnig: es ist noch keine Anstalt für solche da! Sie schweigen? Sie
meinen, ich lebe ja. Gewiß, ich lebe, aber wie, das sehen Sie doch.
Ehemals, da spürte ich nur mein eigenes Feuer, jetzt empfinde ich die
ganze Kälte des Zeitalters. Vielleicht ist es mein Mißgeschick, für eine
Epoche geboren zu sein, in der die Liebe nur ein artistischer Begriff
ist.«
»Verallgemeinerungen sind töricht. Man muß sich, Faustina, vor der
Manier der Malkontenten hüten. Der Malkontente nämlich, das ist ein
Mensch, der aus seiner persönlichen Unfähigkeit eine Weltanschauung
macht.«
»Sie sind sehr deutlich, mein Lieber. Ich bin aber keine Malkontente.
Malkontente opfern sich nicht.«
»Haben Sie sich denn geopfert?«
»Wenn es opfern heißt, zu lieben, wahrhaft zu lieben, sich wegzuwerfen –«
»Sich wegzuwerfen, das heißt nicht lieben und das heißt nicht sich
opfern. Doch wir verstimmen uns im Wesenlosen. Erzählen Sie mir.
Erzählen Sie mir von Ihrem bisherigen Leben. Es gibt nichts
Überzeugenderes als das Erlebnis, Faustina, nichts Unbedingteres als die
Art, wie ein Mensch von Erlebnissen sie vorzutragen weiß.«
»Um keinen Preis. Ich kann nicht von mir sprechen, solang Sie argwöhnen,
daß ich meine persönlichen Enttäuschungen gewissermaßen an der Zeit
rächen möchte.«
»Es ist schwer, liebe Freundin, und nicht einmal dem Glücklichen gelingt
es, Zeit und Schicksal auseinanderzuhalten.«
»Was wäre auch zu erzählen«, versetzte Faustina. »Eine Geschichte wie
hundert andere. Wenn ich Ihre Erwartungen in bezug auf meine Person
betrüge, so ist das Ihre Schuld.«
»Sie sagen, Sie hätten geliebt und sich weggeworfen. Darin liegt mehr
Schuld, als Sie glauben.«
»Ich habe keine Schuld. Oder sind übertriebene Hoffnungen eine Schuld?
Bin ich dafür verantwortlich, daß eure Gesellschaft, wie sie nun einmal
ist, Liebe nicht mehr gewährt, daß für die Liebe kein Platz mehr in ihr
ist? Sie schütteln den Kopf, und doch ist es so. Gibt es heutzutage noch
eine Gestalt, in der Dichtung oder im Leben, deren Existenz in der Liebe
wurzelt? Der Politiker, der Staatsmann, der Forscher, der Erfinder, der
Soldat, der Fabrikant, der Börseaner, im Notfall sogar der Künstler, sie
alle können ein modernes Lebensideal bilden, der Liebende nicht. Man
bewundert eine Figur wie die des Casanova, man findet eine Frau wie
Julie de Lespinasse äußerst rührend, man erstaunt über Ninon de
l’Enclos, aber sie sind im Grunde nichts weiter als Legenden und
Raritäten, man hat für sie das Interesse des Orientalisten, der
babylonische Ruinen ausgräbt. Wenn Casanova heute erschiene, würde er
wahrscheinlich als Hochstapler ins Gefängnis gesteckt werden, und auch
bei Don Juan würde schließlich anstatt des steinernen Gastes ein
Polizeiagent vorsprechen. Der Staatsmann, der Soldat, der Forscher, der
Künstler, sie sind heute nichts weiter; Staatsmann, Soldat, Forscher und
Künstler, basta; darauf sind sie gestellt, darin sind sie spezialisiert.
Liest man jedoch die Briefe Diderots an Sophie Voland oder die Briefe
Mirabeaus an Mademoiselle de Monnier, so zeigt sich, daß da über den
Geist hinaus, über ein allgemeines, ja welthistorisches Wirken hinaus
noch Leidenschaften blühten, zwecklos wie die Blumen in einem Garten.
Heutzutage ist die Liebe das Geschäft der Poeten, ob sie nun schreiben
oder bloß träumen, und nicht einmal der berufensten, denn die stellen
sich würdigere Aufgaben, sie müssen Probleme lösen. So sagt man doch:
Probleme lösen. Nußknacker der Zeit, die sie sind.«
»Zu viel Bitterkeit, Faustina. Sie vergessen, daß die menschliche Natur
immer dieselbe bleibt. Die Wandlungen der Zeit bringen nur eine
oberflächliche Häutung mit sich. Es sind Wandlungen des Geschmacks, der
Mode, der Manier, der Gebärde. Herz und Blut verwandeln sich nicht. Die
Leute des achtzehnten Jahrhunderts gefielen sich in schwungvollen
Episteln; das war eben der Geist der Epoche. Sie mögen uns überlegen
gewesen sein in der Fähigkeit, über ihre Empfindungen zu reden und sich
darin zu spiegeln, darum aber waren die Empfindungen selbst nicht
tiefer. Sie hatten auch die Gabe, alltägliche wie besondere Ereignisse
ihres Daseins in der Konversation auf das anmutigste zu behandeln. Ich
gebe zu, daß damit eine Kunst der Geselligkeit verbunden war, deren
Verlust wir beklagen müssen –«
»Ja, sehr, sehr! Das ist es eben, was ich behaupte. Unsere Form der
Geselligkeit macht das Entstehen der Liebe fast unmöglich. Bringen Sie
einmal ein Dutzend Menschen aus derselben Bildungssphäre zusammen, die
einander halbwegs fremd sind. Abgesehen davon, daß Sie Gespräche hören
werden, bei denen Ihnen die Haut schaudert, wird auch der einzelne mit
dem Wunsch nach Annäherung die größten Schwierigkeiten finden.«
»Wir sind eben schweigsam geworden.«
»Nur schweigsam? nicht auch zerstreut, nicht auch müde? nicht auch
faul?«
»Nur schweigsam. Unsere Altvordern, die hatten viele Heimlichkeiten,
aber Geheimnisse hatten sie eigentlich keine. Für uns spielen
Heimlichkeiten keine Rolle mehr, dagegen sind wir voll von Geheimnis.
Ehemals kannte man in der Chemie nur vier Elemente, heute hat sich alles
Elementare in Atome gelöst. Ähnlich ist es der Gesellschaft ergangen.
Wir haben keine Gesellschaft mehr, weil jedes Individuum als eine Welt
für sich und mit dem ganzen Geheimnis seiner Welt auftritt.«
»Auch mit der ganzen Anmaßung seiner Welt.«
»Gut. Natürlich war es bei geschlossenen Gesellschaftskomplexen, wo
jeder gleichsam das Abzeichen seiner Kaste trug, viel leichter, gewisse
Kulturideale, oder besser gesagt, modische Ideale durchzuführen und als
gang und gäbe festzuhalten. Modische Ideale haben wir nicht mehr, weil
wir von vornherein entschlossen sind, in nichts, was mit dem Ideal
zusammenhängt, Konzessionen zu machen. Deswegen kann die Liebe keine
gesellschaftliche Übereinkunft mehr sein, deswegen auch hat sie keine
gesellschaftliche Abgrenzung mehr. Es haben sich die Grenzen verschoben,
nach außen und nach innen. Nach außen und nach innen ist alles
komplizierter geworden; oder sagen wir: verfeinerter, oder:
verschwiegener. Ehemals begehrte man in einem Liebesverhältnis die
Person des Liebenden oder Geliebten, jetzt begehrt man mehr, nämlich die
Persönlichkeit.«
»Modische Ideale oder andere Ideale, darnach frag ich nicht«, entgegnete
Faustina lebhaft. »Ideale aufzustellen, in dieser Beschäftigung habt ihr
es freilich zu einer gewissen Handfertigkeit gebracht. Aber die Sache
scheint mir die, daß zwischen Ideal und Wirklichkeit eine so ungeheure
Entfernung ist, daß die beiden schon gar nichts mehr miteinander gemein
haben. Da ist kein Weg, keine Brücke. Es ist, als riefe man mir zu: geh
nach dem Mond. Es war der Vorzug vergangener Zeiten, daß sie
realisierbare Ideale hatten.«
»Heißt denn das schon ein Ideal realisieren, wenn man imstande ist, sich
gesellschaftlich mitzuteilen oder selbst hinzugeben?« erwiderte ich.
»Konversation fordert Leichtigkeit; die allerdings fehlt uns. Sie setzt
ein Interesse für vieles voraus, wofür Teilnahme zu heucheln uns gar
nicht mehr einfällt. Wir würden es abgeschmackt finden, über die Liebe
und ihre verschiedenen Arten zu philosophieren. Unsere Zeit ist nach
jeder Richtung hin monologisch gestimmt. Gesteigerte Anschauung und ein
erhöhter Respekt verhindern uns durchaus, über das Bedeutungsvolle
gewisser Lebensfragen zu sprechen. Wo wir uns sympathisch erfaßt sehen,
glauben wir eine Erörterung darüber entbehren zu können; ganz mit Recht.
Ich möchte sagen, wir verkehren unter tieferen Voraussetzungen
miteinander. Ist Ihnen denn nicht auch im Grunde jede Ankündigung eines
Gefühls ein Greuel? Finden Sie denn nicht auch die ganze Phraseologie
der Liebe von Anno dazumal lächerlich und aufdringlich? Kribbelt es
Ihnen nicht in den Fingern, wenn der Liebhaber auf dem Theater seine
Liebeserklärung vom Stapel läßt?«
»Ach ja, das sind Geschmackssachen«, versetzte Faustina. »Geschmack, das
lasse ich gelten, Verfeinerung ist mir zuwider. Die Scham seiner Gefühle
haben, schön. Aber noch schöner ist es, dünkt mich, den Mut seiner
Gefühle haben. Wenn Sie mir den Punkt angeben können, wo eines aufhört
und das andere anfängt, ich meine, wo die Feigheit aufhört und die
Verantwortlichkeit anfängt, dann will ich mich zufrieden geben. Aber
dazu werden alle Waffen Ihrer Rabulistik nicht ausreichen.«
»Möglich. Man kann ja überhaupt nicht streiten, wenn man nicht derselben
Meinung ist.«
»Wie? kann man nur streiten, wenn man derselben Meinung ist?«
»Gewiß; im Grunde gewiß.«
»Großartig! Ein wildes Paradox!« Faustina lachte, was ihrem Gesicht
einen entzückenden Reiz verlieh. »Aber wir verstehen uns am Ende doch«,
fuhr sie fort. »Sie kennen sicherlich die arabische Erzählung vom
Sklaven der Liebe; ist es nicht ergreifend, wie der schöne Jüngling
unter der Gewalt seiner Sehnsucht hinsinkt, als ob ihn eine tödliche
Krankheit erfaßt hätte? Oder da las ich neulich die Geschichte von
Raimundus Lullus, der am Hof des Königs von Arragon ein ausschweifendes
Leben führte, bis ihn plötzlich eine glühende Leidenschaft zu der
schönen Ambrosia de Castello packte. Eines Tages läßt ihn die Dame in
ihr Gemach kommen, enthüllt sich ihm, und es zeigt sich, daß sie durch
einen furchtbaren Brustkrebs dem Tod verfallen ist. Raimundus, bis ins
Innerste erschüttert, weiht sich einem Leben völliger Keuschheit. Doch
wozu Beispiele; vielleicht beweisen Beispiele nichts. Ich sehe freilich
darin Kundgebungen edler Leidenschaft. Dieser Raimundus Lullus etwa, ich
nenne gerade ihn, obwohl es auf Namen hier nicht ankommt, er lebte in
seiner Liebe wie die atmende Kreatur in der Luft. Es gab für ihn nicht
anderes außer seiner Liebe. Er war in der Liebe, er war von Liebe
besessen, ein Besessener war er. Ich habe niemals einen von Liebe
Besessenen gefunden. Viele besaßen die Liebe, das wohl, aber von ihr
besessen waren sie nicht. Solche fand ich, die vom Spiel besessen waren,
vom Geld, vom Ehrgeiz, von Wollust, aber von Liebe Besessene fand ich
nicht.«
»Wenn Sie Umschau halten, Faustina«, fiel ich ihr ins Wort, »können Sie
zu jeder Zeit und wo immer es auch wäre, Handlungen von der gleichen
Bedeutung und Intensität gewahren. Wir führen eine zu abgeschlossene
Existenz, als daß Sinn und Motiv ihrer einzelnen Vorgänge zu jeder
Stunde offenbar oder handgreiflich zu nehmen wären. Es ist nichts
einfältig genug, es ist alles zu vielfältig, zu weitschichtig, als daß
man durch anekdotische Belege imponieren könnte. Selten hat ein Ereignis
Anfang und Ende für uns, selten läßt es sich als Anekdote fassen, noch
seltener ein ganzes Leben. Ja, es ist alles unfaßbar, unendlich, alles
auch scheinbar ohne Stichhältigkeit oder ohne Konsequenz, und doch, wenn
man hinfühlt, wenn man im Nerv der Dinge lebt, von tiefstem Belang.«
»Aha, Sie spielen schon wieder auf das Geheimnis an. Es läßt mich kalt,
Ihr Geheimnis, es ist mir zu pomphaft. Ich lobe mir dafür die
Heimlichkeit; sie ist heiter und beweglich.«
»Lassen wir das Geheimnis. Ich sage nur: die Leidenschaften waren und
sind zu jeder Zeit und in jedem Jahrhundert dieselben. Ich will gar
nicht an die Tragödien erinnern, die sich in stillen Stuben ereignen, es
wird davon wenig Aufhebens gemacht und drei Zeilen in einer Zeitung sind
alles, was bisweilen ans Licht kommt. In meiner Heimat gab es ein junges
Paar, und sie liebten einander. Die Eltern des Mädchens setzten der
Verbindung hartnäckigen Widerstand entgegen. Als man sah, daß die Liebe
der beiden nur um desto größer wurde, je mehr Hindernisse man ihnen
bereitete, wurde dem jungen Mann gesagt, er solle das Mädchen haben,
doch müsse er sich zuvor drei Jahre lang nach Amerika begeben und
während dieser Zeit dürfe weder er der Geliebten schreiben, noch sie
ihm. Wenn er nach abgelaufener Frist seine Neigung unbesiegbar finde,
werde man gegen die Heirat nichts mehr einwenden. Und so geschah es, der
Jüngling reiste übers Meer. Etwa ein Jahr lang ging alles gut, das
Mädchen lebte in schöner Gewißheit. Auf einmal fing sie an zu kränkeln,
verlor ihre Munterkeit, und ohne daß ein Arzt den Sitz des Übels zu
entdecken vermochte, siechte sie hin. Die Eltern wurden besorgt, man
begann nach dem jungen Mann zu forschen, aber da er keine Angehörigen in
der Stadt hatte, verursachte dies viele Umstände, und das junge Mädchen
starb, ihr Leben erlosch wie ein Feuer, das keine Nahrung hat. Gleich
darauf stellte es sich heraus, daß der junge Mann dort drüben im fremden
Land ebenfalls den Tod erlitten hatte, und zwar beinahe an demselben
Tag, an welchem die Krankheit des Mädchens begonnen hatte.«
»Eine hübsche Geschichte zwischen Menschen ohne Elan«, sagte Faustina.
»Warum waren sie gar so still und subaltern, die armen Liebesleutchen?
Ach, täuschen wir uns nicht darüber hinweg; man hat aufgehört, die Liebe
als eine herrschende Gewalt zu betrachten. Es ist deswegen auch ihr
Ritus und Zeremoniell, wenn ich mich so ausdrücken darf, verloren
gegangen. Und was ist schuld daran? Wer weiß es! Vielleicht der Beruf,
vielleicht die Bildung, vielleicht beides. Der eine Moloch verschlingt
die Zeit, die schöne Muse zweckloser Träume, der andere vernichtet die
Ursprünglichkeit der Gefühle. Es gibt zu wenig Leute, die sich
langweilen, oder besser gesagt, die das Talent haben, sich zu
langweilen. Man ist rationalistisch bis auf die alltäglichen Launen. Man
will immer einen Grund und immer einen Zweck. Man geht nicht mehr
spazieren, sondern man macht Touren. Wenn man das Leben aufs Spiel
setzt, geschieht es für Dinge, die dessen nicht wert sind. Was mich
betrifft, ich sah Männer, ernsthafte Männer erschrecken bei dem bloßen
Gedanken an tieferes Attachement. Ich kannte andere, die auf Abenteuer
ausgingen und die schleunigst, wie vom Donner gejagt, die Flucht
ergriffen, wenn sie in Gefahr waren, einer Leidenschaft zu unterliegen,
deren Meister sie nicht sein konnten. Da ist ein Mann, fähig zur
Hingebung, ja, zur Aufopferung, der jeden Keim großer Empfindung durch
unablässiges Frage- und Antwortspiel mit sich selbst zerstört, wie wenn
ein verrückt gewordener Gärtner jeden Morgen die schönsten Knospen
abrisse und zwischen den Fingern zerriebe, und da sind andere die aus
purer Herrschsucht, aus purem Mutwillen, aus purer Eitelkeit, aus purem
Unverstand das Kostbarste, was sich ihnen anbietet, zu niedrig
einschätzen, nur weil es sich ihnen anbietet, und verwesen lassen, was
sie hegen sollten. Ich spreche jetzt nicht von dem, was mir widerfahren
ist, denn mit uns Frauen ist es ja nicht viel besser. Da sind solche,
die ihr halbes Leben darnach versehnen, sich in einem großen Gefühl
verlieren zu dürfen; wenn dann das wunderbare Ereignis kommt, sind sie
plötzlich voller Ausflüchte, voller Ausreden, voller Angst, den Geist
ihrer Kaste zu beleidigen. Sie haben jede Entschlossenheit in der Idee
und in der Sehnsucht verausgabt. Das, sehen Sie, ist Empfindsamkeit, und
diese Art Empfindsamkeit, sich in der Idee und in der Sehnsucht zu
verschwenden, ist uns so verderblich. Da stürzt man sich dann in den
Pfuhl einer charakterlosen Ehe, die Frauen, um ein Asyl zu gewinnen,
oder um den Zustand einer allgemeinen sinnlichen Unruhe zu beenden, oder
um Konflikten zu entgehen, denen sie nicht gewachsen sind, oder um
gewisser sozialer Vorrechte teilhaftig zu werden oder aus frivoler
Gedankenlosigkeit schlechthin; die Männer, um ein Heim zu gründen, wie
sie mit heuchlerischer Poesie behaupten, in Wirklichkeit, um sich zur
Ruhe zu setzen, um sich von ihren Jugendsünden, Sünden des Geistes und
des Herzens, des Körpers und der Seele zu erholen. Wäre dabei die Ehe
bloß eine soziale Konvenienz, die wie im Zeitalter der Galanterie
gewisse Freiheiten eher fördert als verbietet, oder wie im Altertum ein
ungleiches Verhältnis von Tyrannei und Sklaverei zum Gesetz erhebt, so
wäre es noch gut; aber nein, sie ist sakrosankt, und damit schützt sich
die Gesellschaft vor dem schlechten Gewissen, das ihr die
Phrasenhaftigkeit der ganzen Institution sonst erwecken müßte. Großer
Gott, was für ein Rattenkönig von Verlogenheiten! Alles muß herhalten,
um den Mangel wahrhafter Liebe, uneigennütziger und edler Gefühle zu
vertuschen: Wissenschaft und Kunst, Staatsinteresse und Humanität,
Christentum und Freigeisterei, lauter schöne Kulissen für ein
nichtswürdiges Schauspiel!«
Faustina war außerordentlich bewegt. Ich hatte Mitleid, ihr zerstörtes
Wesen rührte mich. Ich erkannte, wie das Schicksal in ihr gehaust, und
ein halb entschuldigendes, halb selbstverspottendes Lächeln, das alsbald
auf ihre Lippen trat, konnte mich nicht täuschen. Ich schwieg; mein
langes Schweigen gab ihr wieder einige Haltung. Sie erhob sich und ging
mit verschränkten Armen auf und ab, wobei sie fortfuhr: »Es gibt eine
Novelle von Tschechow, sie handelt von einem alternden Mann, der ein
Liebesverhältnis mit einer verheirateten Frau hat. Sie treffen sich
heimlich, und einmal, gerade während er sie begrüßend umarmt, wird er
traurig und fragt sich, warum ihn diese so liebt. Er denkt an die
andern, er denkt daran, wie viele ihn geliebt haben, und daß keine von
ihnen, keine einzige mit ihm glücklich gewesen sei. Die Zeit verging, so
heißt es ungefähr, er machte Bekanntschaften, schloß Verhältnisse,
trennte sich wieder, aber niemals liebte er; es war alles, was man nur
wollte, gewesen, aber keine Liebe. Das Wort ist in mir haften geblieben.
Alles, was man nur wollte, war es gewesen, aber keine Liebe. Der Mann
war, wie viele sind, und die Frau liebt ihn, ja, sie liebt ihn, aber
nicht ihn selbst, sondern den Menschen, den ihre Phantasie geschaffen
hat, und wenn sie ihren Irrtum bemerkt, liebt sie ihn dennoch weiter.
Was sollte sie sonst tun? Darf ich Ihnen etwas verraten? Etwas recht
Lächerliches? Ich habe eine kleine Einteilung gemacht. Ich habe die
Frauen eingeteilt in Katzennaturen und in Hundenaturen, und die Männer
in Streber und Faulpelze. Katzen sind an den Ort gebunden, Hunde an den
Herrn, Katzen sind treulos, Hunde sind treu, Katzen haben Charakter,
Hunde nicht; wenn Sie den Finger ausstrecken, wird die Katze auf Ihre
Hand, der Hund aber gegen das Ziel blicken; und so weiter. Sie wissen
schon, was ich meine. Oder ist die Analogie nicht plausibel? Streber und
Faulpelze, darüber lassen sich amüsante Beobachtungen machen. Was dem
einen die Karriere, ist dem andern die Behaglichkeit. Der Streber ist
skrupellos, der Faulpelz satt; der Streber ist ein Glücksjäger, der
Faulpelz ein heimlicher Dieb, der seine Beute in Sicherheit gebracht
hat, denn der Faulpelz ist immer ein heimlicher Dieb. Der Streber ist
konservativ aus Grundsatz, der Faulpelz aus Stumpfsinn, der Streber ist
revolutionär aus Opportunismus, der Faulpelz aus Eigennutz; der eine ist
ein Wucherer, der andere ein Kuppler, und Philister sind alle beide. Ja,
es ist eine herrliche Welt, eine herrliche Zeit! Wenn man dieses ganze
Geschlecht in einen großen Sarg legen und auf einmal beerdigen könnte,
so wüßt’ ich eine wunderbare Grabschrift.«
»Und die wäre?«
»Verstorben an der weitverbreiteten schleichenden Seuche: Trägheit des
Herzens.«
»Na, daran stirbt man nicht.«
»Gewiß nicht, weil man ganz bequem davon leben kann.«
»Verrannt, verrannt, Faustina, rettungslos verrannt.«
»Freilich,« murmelte Faustina, »verrannt wie Theseus. Aber aus diesem
Labyrinth gibt’s kein Entkommen.«
»Packen wir doch den Stier bei den Hörnern, Faustina. Was ist Liebe? Wer
hat Liebe? Wer ist der Liebe fähig? Wer darf sich vermessen zu reden:
Liebe ist so und so und nicht anders. Wer darf es wagen, über die
Relationen des Begriffs hinauszufliegen und seine Einheit, seine
pragmatische Gültigkeit, seine reinste Inkarnation zu verkündigen? Liebe
ist etwas ungeheuer Seltenes, Faustina. Machen wir uns das klar! Die
Liebe, die wirkliche Liebe, nicht die aus aller Leute Mund, ist ein
Phänomen, genau so selten, genau so großartig, genau so
bewunderungswürdig wie das Genie. Ihre niedrigen oder minder niedrigen
Erscheinungsformen durch die Rangstufen der Kreaturen sind allerdings
so reich und wechselnd wie die Kreaturen selbst. Nehmen Sie aber ein
Individuum heraus, um es nach Ihrer Weise kurzerhand vor den Imperativ
der Liebe zu stellen, so ist das ungefähr so, wie wenn Sie ihm die
fünfundzwanzig Buchstaben des Alphabets vorsagen und ihm dann befehlen:
da hast du alles Notwendige, nun schaffe mir ein schönes Dichtwerk. Man
ist gewohnt, mit dem Wort Liebe umzuspringen wie mit einem Hausgerät. Es
hat gar keine Unberührtheit mehr, dies unglückselige Wort, es ist wie
eine Dirne zu jedermanns Diensten, und mir scheint, man müßte ein neues
erfinden, um das auszudrücken, was es ausdrücken sollte. Da ist eine
gewisse mittlere Literatur, die vorzugsweise von Liebe handelt, und zwar
von einer Liebe, die Distinktion haben soll, Bedeutung haben soll,
edelherzig und selbstlos sein soll, und ach, nichts von alledem besitzt
sie, eine Wachspuppe ist sie. Wollte man sich, was ja nahe liegt, durch
diese Produkte verführen lassen, an die Häufigkeit der Liebe zu glauben,
so ginge man sehr fehl. Unsere besten Dichter, denen eine untrügliche
Vision die Realität ihrer spezifischen Welt gibt, beziehen auch nur mit
einer höchst belehrenden Vorsicht die Liebe in das Bereich ihrer
Erfindungen.«
»Weil sie nichts davon wissen und weil sie sich davor fürchten, genau
wie im Leben.«
»O nein, Faustina, das wäre ein gar zu billiger Schluß. Weil sie ihre
Seltenheit erkannt haben. Halten wir uns an das Gleichnis mit dem Genie.
Das Genie tritt erst in Funktion, wenn es in eine Zeit geboren ist, die
für sein Wirken schon vorbereitet ist. Es ist zwischen dem Genie und der
Zeit sozusagen eine elektrische Spannung aufgespeichert. Mit der Liebe
ist es nicht anders. Der zur Liebe geborene Mann muß den für ihn
bestimmten höchsten Typus gewinnen und umgekehrt. Es genügt nicht, daß
in einem Einzelwesen die Fähigkeit und Möglichkeit der Liebe vorhanden
ist, sondern sie muß durch ein besonderes Walten günstiger Umstände
einen würdigen Gegenstand finden. Wer zur Liebe bestimmt ist, der muß
zugleich etwas vom Helden und etwas vom Märtyrer haben. Nehmen wir also
an, es entsteht in zwei bevorzugten Individuen die Liebe. Gehen wir ein
wenig anatomisch zu Werke. Zerlegen wir eine solche Liebe in ihre
Bestandteile. Da haben wir in erster Linie die Leidenschaft, die als
eine Art Entflammung des Blutes und des Geistes gelten muß; ferner:
vergöttlichende Kraft; durch sie wird das geliebte Wesen herausgehoben
aus der Schar der Mitlebenden und in ein Idol verwandelt. Ferner:
sinnliches und übersinnliches Verlangen; das sinnliche entspringt der
Leidenschaft, das übersinnliche der Vergöttlichung; sodann: unbegrenzte
Hingebung; ihr Merkmal ist jedoch, daß sie auch bei höchster Großmut des
Gewährens nie zu befriedigen vermag; ferner: eine Zartheit der
Empfindung, die abhängig ist von jedem Traum, von der leisesten Ahnung,
und endlich eine Ruhelosigkeit, die gleichwohl ein ganz bestimmtes Ziel
hat, so wie die zitternde Magnetnadel. Sie mokieren sich über meinen
professoralen Ton, wie ich sehe. Ich wähle ihn mit Absicht, da ich
zwischen Schwärmerei und Sachlichkeit keine Wahl habe, und wenn ich
nicht schwärmerisch erscheinen will, muß ich trocken sein.«
»Ich mokiere mich nicht. Fahren Sie nur fort.«
»Man braucht nur geringen Scharfblick, um daraus zu erkennen, daß die
Liebe zwei Hauptquellen hat; eine elementare und eine ethische, eine
sinnliche und eine sittliche. Betrachtet man nun die trivialeren Formen
der Liebe, so zeigt es sich, daß sie fast immer nur auf eine einzige
jener Eigenschaften gegründet ist. Wir haben dann die Liebe aus
Leidenschaft; oder die Liebe aus Sinnlichkeit; oder die
selbstentäußernde Liebe; oder die empfindsame Liebe; oder die ruhelos
unbefriedigte Liebe. Die Variationsmöglichkeiten sind natürlich zahllos;
zum Beispiel, wenn der Mann eine sinnliche und das Weib eine
vergöttlichende Liebe hegt oder umgekehrt; oder wenn der Mann ruhelos
unbefriedigt und das Weib selbstentäußernd liebt, und so weiter. Meist
wird es so sein, daß gerade die schroffsten Gegensätze zusammentreffen.
Mit der Variation beginnt auch schon der Konflikt, und wo Konflikte
sind, ist keine Beständigkeit. Die große Liebe kennt keine Konflikte;
bei ihr findet ein vollkommener Ausgleich statt. Alles Differenzierte
vereinigt sich zur Harmonie und zur Schönheit. Ein auszeichnender Vorzug
wird nie isoliert sein und nie ohne Widerspiel wirken; erst das
Widerspiel, in einem bejahenden Sinn, bringt eine Tugend zur
Entwicklung: Anmut wird zum Beispiel den Geist bedingen, Güte die Kraft,
Vornehmheit die Tapferkeit. In der großen Liebe und nur in ihr,
verwandelt sich der Mensch; er wird sozusagen nach seinen idealen
Grenzen erweitert. Er ist in einem Zustand von Dämonie, oder um Ihren
Ausdruck zu gebrauchen, von Besessenheit. Alles Sichtbare und alles
Fühlbare hat nur einen einzigen Bezug, er findet überall und in allen
Dingen das Gleichnis mit dem Objekt seiner Liebe, in der Musik und im
Gedicht, im Ziehen der Wolken, im Rauschen der Bäume, im Anschauen eines
Bildes, einer Flamme, eines Steines; Vogelflug und Menschenwege haben
für ihn dieselbe nebelhafte Ferne, und doch hat er alles in sich und
nichts außer sich, er ist nach allen Seiten gegen die Welt geöffnet und
doch von ihr nicht mehr berührbar, er ist der freundlichste Freund, der
teilnehmendste Gefährte und trotzdem mit der Geliebten im ganzen
Universum allein. Was ihn zuerst an ihr hingerissen hat, sagen wir eine
besondere Wölbung der Stirne, eine besondere Art, die Lider zu heben
oder die Hand zu reichen, ein Ton der Stimme, ein Rhythmus des
Schrittes, ein Lächeln, eine Gebärde, das alles wird Weltgesetz, das
heißt: so gehen ein für allemal die Menschen, so sprechen sie, so
blicken sie, so reichen sie die Hand, das ganze Bild des Daseins wird zu
einem fixierten Bild der Schönheit. In der großen Liebe nämlich ist
alles Positivität, und es ist alles in ihr unendlich und ewig. Sie kann
deshalb niemals aufhören, weder auf der einen, noch auf der andern
Seite. Nur der Tod kann ihr ein Ende bereiten, ein Ende, das freilich
dem tiefsten Sinne nach ein scheinbares ist und sein muß. Glück oder
Unglück kommen für sie nicht in Frage, ihre Tragik liegt anderswo, ja
sie ist die einzige Lebensform, die eine mitgeborene Tragik besitzt, und
diese Tragik ist für sie nicht nur in der Möglichkeit, sondern auch in
der Notwendigkeit des Untergangs, des Todes beschlossen. Die Liebe weiß
keine andere Gefahr und Bedrohung als den Tod. Vom ersten Augenblick der
Liebe steht der Tod als stummer Wächter förmlich sichtbar daneben. Sehr
schön ist das in Shakespeares Liebestrauerspiel zur Anschauung gebracht:
alles strebt von Beginn an dem Tode zu, die Unabweisbarkeit, mit der er
auftritt, regiert heimlich jedes Geschehen. Und um den Unterschied der
Gattungen zu bezeichnen, ist Romeo, bevor das große Entetement eintritt,
in eine Liebe von gewöhnlicher Beschaffenheit verstrickt.«
»Wohin führen Sie mich da, mein Teurer«, seufzte Faustina. »Das gelobte
Land dieser Liebe ist für unsereinen nicht erreichbar. Dazu müßte man
unter einem besonderen Stern zur Welt kommen.«
»Ja, wie zu allem Großen«, versetzte ich.
»Glauben Sie denn im Ernst, daß es eine solche Liebe wirklich gibt?«
Ich mußte lächeln, denn ihre Frage hatte etwas von der Naivität eines
Kindes.
»Glauben Sie auch,« fuhr sie fort, »daß die Bestimmung dazu nur auf der
einen Seite, auf der Seite des Mannes oder des Weibes liegen kann, daß
der eine Teil vergeblich nach dem andern schmachtet und die ganze Erde
durchsucht, ohne ihn zu finden?«
Faustina sah mich ängstlich an, sie wollte offenbar eine Beruhigung
gewinnen, sie merkte nicht, daß ich die Antwort auf diese Frage schon
gegeben hatte. »Ohne Zweifel«, erwiderte ich. »Jeder denkbare Zustand
der Seele und des Gefühls kann und wird irgendwie und irgendwo zur
Erscheinung gelangen, sonst wären wir nicht imstande ihn uns
vorzustellen. Der Fall, den Sie fiktieren, hat aber mit der großen Liebe
nichts mehr gemein, vielleicht überhaupt nicht mit der Liebe.«
»Sondern?«
»Sondern mit der Sehnsucht. Sehnsucht kann produktiv sein, sie kann aber
auch unfruchtbar sein. Das hängt von dem ab, der sie nährt.«
»Mich dünkt, Sehnsucht ist das erhabenste Gefühl in der menschlichen
Brust.«
»Wenn sie produktiv ist, ja.«
»Was nennen Sie produktive Sehnsucht?«
»Produktive Sehnsucht nenn ich diejenige, die imstande ist, einer
Vorstellung Wirklichkeit, einem geträumten oder erwünschten Zustand
Gegenwart zu verleihen.«
»Da setzen Sie ja, und wie ist das möglich bei der Sehnsucht, einen
Willensakt voraus?«
»Ja, das tue ich allerdings; einen Willensakt, der vielleicht durch
geheimnisvolle telepathische Mächte begünstigt und unterstützt wird.«
»Hm, ich sehe schon, Sie decken sich. Wenn man zum Unerforschlichen
seine Zuflucht nimmt, hören die Argumente auf. Dem Unerforschlichen
gegenüber gibt es ja keine Schuld und keinen Irrtum mehr.«
»Warum auch von Schuld reden, Faustina? Aber Sie mögen recht haben,
vielleicht ist es wirklich eine Art von Schuld, wenn das Gefühl nicht
bis zum geliebten Gegenstand trägt, sondern unterwegs durch fremde
Einflüsse gebrochen wird. Nie beirrbaren Instinkt zu besitzen, das ist
schon eine große Sache; und eine seltene Sache. So wie unser Leben sich
heute abspielt, nicht wahr, wie jeder einzelne verwoben ist in ein
maschinenhaft bewegtes Ganzes, wie er gezwungen ist, sich an vieles
hinzugeben, was seinem Wesen fremd ist, wie sein geringster Fehltritt
ihn unrettbar hinunterreißt von dem Weg seines Willens, wie er
unverborgen dasteht, immer Kettenglied, wie all sein Tun und Handeln
eine weitaus nähere und schnellere Folge hat als er es wünscht, wie das
Elementare beständig in ihm ankämpfen muß gegen die Forderungen des
Tages und der Welt, wie er Ruhe und Selbstbestimmung hingeben muß, nur
um nicht erdrückt zu werden von den Gewalten, die um ihn toben, so wird
es natürlich immer schwerer, einer inneren Stimme zu gehorchen, ja bloß
überhaupt sie zu hören. Was vor wenigen Generationen noch einer Zahl von
fünfzig beschieden war, das wird heute infolge der strengeren Wahl und
härteren Erprobung nur an zwölfen oder fünfen oder dreien erfüllt. Wer
wird um des Ideals in der Liebe willen sein Leben aufs Spiel setzen?
Glücklicherweise ist das menschliche Herz immer zu Verträgen bereit.
Würde die Liebe plötzlich Gemeingut aller, so wäre in vierzig Jahren die
Erde ausgestorben. Wer nicht zur Liebe erwählt ist, dem hat das
Schicksal auch Stärke und Geduld versagt. Er bescheidet sich, weil er
sich bescheiden muß. Er liebt, was ihm Liebe entgegenbringt; sein Regent
ist der Zufall. Er erobert oder er läßt sich erobern, ein Anschein von
Schwierigkeit und Ferne erzeugt die ihm notwendige Poesie. Der eine
liebt einen Körper, der zweite ein Gesicht, der dritte einen Blick, ein
Hand. Ich meine das nicht gerade wörtlich, ich will damit nur sagen, daß
er den Teil für das Ganze nimmt. Den Teil für das Ganze zu nehmen, das
ist so Menschenart, und nicht einmal die schlechteste, sie bildet sogar
Charaktere. Der Liebende ist Augenmensch; seine Leiden sind wirklich,
seine Freuden sind dionysisch; der andere, der die Liebe nur ahnt wie
ein Nachtgänger das Morgenrot, ist ein tastender Mensch, seine Glut ist
ein Fieber, seine Leiden und Freuden sind imaginär, er sättigt sich von
Brot, indes seine Phantasie Himmelsspeise verzehrt, er sieht nicht, er
versteht gar nicht zu sehen, er will nur eingelullt sein, er will nur
träumen, er ist stets philosophisch aufgelegt oder ist argwöhnisch,
eifersüchtig, traurig, unersättlich, rasch übersättigt; er kann sich
nicht in der Liebe verlieren, so gern er es möchte, denn der Strom, der
ihn erfaßt hat, ist nicht tief genug. Manche lieben nur die Liebe oder
die Sehnsucht nach der Liebe oder die Maske der Liebe oder die Unruhe
der Liebe oder den Triumph der Liebe, und so können wir immer tiefer
heruntersteigen, bis von der Liebe nichts mehr übrig bleibt als der
Name. Unvermögen hat vielerlei Gestalten. Kannten Sie nicht damals auch
den jungen Baron B., der bei der deutschen Gesandtschaft war?«
»Den großen Frauenverführer –?«
»Jawohl. Nichts ist heute leichter als den Titel eines Verführers zu
erwerben, man braucht bloß ein wenig Methode in die Art zu bringen, wie
man sich amüsiert. Dieser Baron B. also war immer mit einem Dutzend
Frauen gleichzeitig intim. In jede einzelne war er eines bestimmten
Vorzugs wegen verliebt, und er setzte mir einmal allen Ernstes
auseinander, seine Vorstellung von Liebe sei eine so ungeheure, daß er
niemals hoffen könne, das was er suche, in der Totalität einer Person
anzutreffen.«
»Ein Freibeuter«, erwiderte Faustina verächtlich. »Vor fünf Jahren hat
er eine ältliche Millionärin geheiratet.«
»Ja, so enden unsere Verführer in der Regel.«
»Von hundert sogenannten Frauenhelden wissen neunundneunzig überhaupt
nicht, wie eine Frau beschaffen ist«, sagte Faustina.
»Nun ja, wo Sinnlichkeit den Blick verwirrt, kann von Liebe nicht mehr
die Rede sein. Es ist ein Unterschied wie zwischen dem Rauch und der
Flamme.«
»Ist es so? Ist es wirklich so?« versetzte Faustina hastig. »Sinnliche
Leidenschaft trägt nicht, das gebe ich zu. Aber wenn wir die Liebe nur
in ihrer Vollkommenheit anerkennen wollen, was bleibt dann noch
bestehen? was darf dann noch Liebe heißen? Lassen Sie mir doch die Dinge
ein wenig einfacher. Der Mensch, so wie er eben ist, vermag sich nicht
auf der Höhe seines Gefühls zu halten. Der Gütigste, der Edelste hat
einen Teufel in der Brust, der ihn zwingt, sich am göttlichen Teil
seines Wesens zu vergreifen. Vielleicht ist in der Liebe die
Sinnlichkeit so ein Teufel, vielleicht ist sie ein boshaftes Tier, wie
die Heiligen sagen. Vielleicht ist sie aber die Erhalterin der Welt? Und
wenn sie die Erhalterin der Welt ist, warum ihr Übles nachreden? Läßt
sie sich denn von der Liebe trennen? Sie sagen: Liebe will den Tod. Ich
wage nicht daran zu rütteln, obwohl ein solcher Satz alle meine Gedanken
durcheinanderwirbelt. Aber angenommen, Sie haben recht, wie läßt sich
das mit der Absicht der Natur vereinigen, die doch durch Liebe die
Gattung fortpflanzen will?«
»Das ist ein Irrtum, Faustina. Durch Liebe wird die Gattung eben nicht
fortgepflanzt, zum mindesten ist sie nicht darauf gestellt. Sie ist sich
selber Zweck.«
»Oho! Wenn Sie das vor versammeltem Volk sagen, wird man Sie steinigen.
Ich dachte, ein heutiger Mensch dürfe gar nicht an Liebe denken, ohne
zugleich an das Kind zu denken. Mein Gott, sehen Sie nur unsere
gebildeten jungen Mädchen an! Welche Sachlichkeit! Welche
Wissenschaftlichkeit! Sie tun, als ob sie in der Liebe zugleich ein
Hebammenexamen bestehen müßten. Na gut, werde jeder selig wie er will.
Aber das muß ich schon sagen, ein Symptom liegt darin. Man ist nicht
ehrlich in diesen Dingen. Und weil man nicht ehrlich genug ist, der
Liebe oder der Sinnlichkeit ihre selbstverständlichen Rechte
zuzugestehen, nimmt man das Kind als Vorwand, sich zu decken. Man gibt
der Prüderie und der Entschleierung ein Pseudonym, das sie mehr
entwürdigt als beschönigt.«
»Nicht so wild, Faustina! Sie haben eine Art mir beizupflichten, die
mich fast an meiner Meinung irre macht. Die Geschöpfe, von denen Sie
sprechen, sind ja nur Mißleitete. Und der Geist der Zeit selber ist es,
der sie betrügt. Aufklärung heißt heute das große Wort. Nur ist
allerdings diese Aufklärung etwas anderes als man sie vor hundert Jahren
verstand. Vor hundert Jahren wollte man einfach alles aufklären: Himmel
und Hölle, Märchen und Wunder, Kunst und Religion. Eine verhängnisvolle
Strömung, der das noch lange nicht genug, nicht dankbar genug gewürdigte
Emporwachsen der deutschen Romantik sich hilfreich entgegendämmte.
_Unsere_ Aufklärung hat sich verinnerlicht. Man will allem, was in der
Seele des Menschen vor sich geht, nicht so sehr verstandesmäßig als auf
Wegen des Gefühls, der Deutung, der Ahnung beikommen. Die Schriftsteller
haben sich in Seelenforscher verwandelt, die Erzieher in mehr oder
weniger eigensinnige Deterministen. Man legt dem Unbestimmtesten eine
Bestimmung unter, uralte Traditionen verlieren ihr Gewicht,
bedeutungsvoll Gestaltetes seine Kontur, Rangunterschiede werden
verwischt, Autorität erweckt Mißtrauen, und ich leugne es nicht, ich
kann es leider nicht leugnen, die allgemeine Demokratisierung, dem
kleinen Geist eine Wohltat, dem großen ein Horror, erstreckt sich bis in
die verborgensten Winkel des Herzens. Aber mein Trost ist, daß dies
alles ja nur ein Übergang ist. Mir ist oft zumut, als ob ein
unsichtbarer Riese unsere Welt in Stücke zerfetzte, um aus den
Bestandteilen eine neue, bessere, schönere zu machen, und als ob diese
Zerstückelung notwendig sei, um unser Dasein auf eine höhere Fläche zu
heben.«
»Hirngespinste«, sagte Faustina kopfschüttelnd. »Was soll ich mit
Hirngespinsten? Um mich mit einem Gegebenen abzufinden, dazu bin ich.
Ist mir der gegebene Zustand unerträglich, nun, so empöre ich mich.
Demokratisierung, ja, ja, das ist es! Was heißt denn: Demokrat sein?
Demokrat sein heißt, etwas bedeuten wollen außerhalb einer organischen
Sozietät. Nicht wahr?«
»Jawohl, oder als Persönlichkeit auftreten außerhalb der Sozietät und
sich ihr entziehen auf Grund singulärer Rechte oder selbstgeschaffener
Befugnisse.«
»Ausgezeichnet. Was kann nun dabei zustande kommen? Da ist der Adel. Was
hat ihn zu allen Zeiten so mächtig werden lassen? Doch wohl nur der
eherne Zusammenhang seiner Mitglieder auf Grund einer ehernen
Überlieferung. Heute aber, heute ist jeder Ladendiener schon mit einer
Individualität versehen, und jede aufgeputzte Kuh faselt von ihrem
Selbstbestimmungsrecht. Was ist die Folge? Ehe noch die ärmlichsten
Menschenpflichten erfüllt sind, werden der Menschheit schon
Glücksforderungen gestellt, wie man einen Wechsel auf Sicht präsentiert.
Alle, die so im glücklichen Besitz einer Persönlichkeit sind, was eben
Persönlichkeit nach ihrer Ansicht ist, gleichen den schlechten
Kaufleuten, die sich bei einem großen Unternehmen mit einem kleinen
Kapital beteiligen und über Nacht Millionäre werden wollen. Diese
Persönlichkeitsritter üben ein neues Faustrecht aus und die
Gesetzlosigkeit, die sie begünstigt, erscheint ihnen als der Gipfel der
Freiheit und Kultur. Meine Überzeugung ist aber die, daß ein
demokratisches Zeitalter nun und nimmermehr ein Zeitalter der Liebe
sein kann. Gerade in der Liebe wird ja die Aufopferung der
Persönlichkeit verlangt. Hingabe! Ein herrliches Wort! Der Demokrat, der
individuelle Demokrat, er gibt sich nicht hin, er gibt sich nur auf. Und
liebt er, so muß er zweckvoll lieben. Und außerhalb der Sinnlichkeit, wo
wäre da für ihn noch Zweck? Also muß er sinnlich lieben.«
»Man kann das formulieren, wie man will, Faustina, und ich streite nicht
dagegen, nur wundre ich mich, weil Sie vorhin doch selbst für die
Sinnlichkeit plädiert haben.«
»Hab ich das? So wollt ich eben damit sagen, daß die Sinnlichkeit ihren
eigenen Thron aufgerichtet und die andern Kräfte der Liebe unterjocht
hat. Wenn das organische Ineinanderwirken der Kräfte aufhört, so
entstehen, medizinisch gesprochen, Neugebilde, die sich auf Kosten des
übrigen Körpers nähren und ihn langsam vernichten.«
»Dieser medizinische Vergleich ist mir zu – moralisch, liebe Freundin.
Wir dürfen hier um keinen Preis moralisch sein, wir untergraben uns
sonst die Möglichkeit der Verständigung. Es gibt eine Art von
Sinnlichkeit, die wirkt nicht viel anders als das Licht, wenn es in
klares Wasser fällt und das Wasser bis auf den Grund durchleuchtet, es
entmaterialisiert. Welche Sinnlichkeit wollen Sie der individuellen
Sinnlichkeit entgegenstellen? Etwa die naive? Das gäbe ein Schema. Jedes
Schema bleibt hinter der Erfahrung zurück, von der Synthese ganz zu
schweigen. Statuieren wir also, beispielsweise, einen Unterschied
zwischen elementarer und differenzierter Sinnlichkeit. Wo ist die
Grenze? Ist der Wilde elementar, weil er nur das Weibchen schlechthin
begehrt? Ist Werther differenziert, weil er sich um Lotte erschießt? Sie
sehen, man hat bei solchen Unterscheidungen keinen Halt.«
»Ach, unterscheiden Sie nach Herzenslust, aber Sie werden mir doch nicht
ausreden, daß es eine Sinnlichkeit gibt, die eine Ursache und eine
Sinnlichkeit, die eine Folge ist. Die eine ist eine Wallung, die andere
eine Kraft, die eine regiert den Willen, die andere kommt aus der Seele
...«
»Gut, gut, das mag seine Richtigkeit haben, aber damit kommen wir zu
keinem Ergebnis. Wir gewinnen nur dann Einsicht, wenn wir von der
Phantasie ausgehen, wenn wir sagen: es gibt eine Sinnlichkeit ohne
Phantasie, und es gibt eine Sinnlichkeit mit Phantasie. Ja, ich gehe so
weit zu behaupten: Phantasie und Sinnlichkeit sind gleichsam die beiden
Flügel desselben Wesens, des Liebewesens nämlich, die beiden Flügel,
ohne welche es sich nimmermehr vom Chaos lösen und von der Erde erheben
kann. Und das eine ist mir klar: daß das moderne Ideal von Liebe oder
von Sinnlichkeit viel mehr unter dem Zeichen der Phantasie steht, als es
jemals der Fall war.«
»Ist das Ihr Ernst?«
»Mein vollkommener Ernst. Ich sage ausdrücklich: das Ideal. Ich will
die Erscheinungen selbst nicht betrachten; ich will gern zugeben, daß
wir vom Ideal weiter als je entfernt sind. Der Grund liegt aber nicht in
der Inferiorität des Lebens, sondern in der Superiorität des Ideals.
Gerade durch die Persönlichwerdung unserer Existenz wird ja der Reichtum
der Formen und der Reichtum der Daseinsresultate unendlich gesteigert.
Was auf der einen Seite die Vereinzelung der Guten, die Vereinsamung der
Tüchtigen bewirkt, macht auf der andern Seite den Zwang und das Gesetz
aus, unter dem sie überhaupt zur Geltung, zur Entfaltung ihrer Kräfte
gelangen. Es findet dadurch ein Zusammenfluß von vielen isolierten
Idealen, ein Ineinandergreifen erhöhter Lebensstimmungen der
heterogensten Art statt, deren Gesamtheit und deren organische
Verschmelzung, wenn es einmal so weit gekommen sein wird, sich gar sehr
von den primitiven und deswegen von vornherein harmonischen Idealen
früherer Epochen unterscheiden wird. Und außerdem, was könnte ein
stärkerer Ansporn für die Phantasie sein als gerade die Distanz zwischen
Ideal und Wirklichkeit?«
»Ach so,« sagte Faustina stirnrunzelnd, »es soll also die Phantasie ein
Mittel des Verzichtes werden? Da sieht mans, mit Logik kommt man
herrlich weit!«
»Zu einem Mittel des Verzichtes, – ja. Aber nicht im Geist der Askese,
sondern im Geist der Vollkommenheit und Vervollkommnung. Ein Liebender,
Faustina, was ist er denn anders als einer der gewählt hat, einer
dessen drängendes Gefühl sich für die intensivste ihm mögliche
Lustquelle entschieden hat. Denken wir uns die sinnlichste Natur; denken
wir sie zugleich liebefähig und zur Liebe bestimmt in der edelsten Art.
Indem sie wählt, vollzieht sie unwiderruflich ihr Schicksal; das weiß
sie, und weil sie es weiß, folgt sie einem hohen sittlichen Gebot, wenn
sie den Gegenstand der Liebe in die höchste Region der Vollkommenheit
erhebt. Je mehr Phantasie nun dabei im Spiel ist, je mehr kann die
Realität vergessen werden, und nicht in einer selbstsüchtigen Täuschung,
sondern in einer schönen, selbstlosen, idealen Täuschung, ja, schlankweg
gesagt, in einer Täuschung zugunsten des Vollkommenen. Oder nehmen wir
ein negatives Beispiel: nehmen wir unglücklich Liebende; ich meine
natürlich nicht solche, die aus äußerlichen Gründen, sondern solche, die
aus innerlichen Gründen verhindert sind, eins zu werden. Unglücklich
Liebende sind Wesen, die nicht die Geduld, das heißt, nicht die Kraft,
im letzten Grund nicht die Bestimmung hatten zu wählen. Nun was heißt
aber das: geduldig sein und dabei leidenschaftlichen Gemüts? Es will
nichts anderes sagen als schöpferische Phantasie besitzen. Und daß der
wahrhaft Liebende schöpferische Phantasie besitzt, das zeigt sich eben
in demselben Augenblick, wo er zu lieben beginnt.«
»Noch immer nicht, lieber Freund, noch immer nicht sehe ich ein,
inwiefern wir, wir Auserlesenen des zwanzigsten Jahrhunderts, darin
einen Vorzug haben. Ihre Argumente genügen mir nicht; ach, in Argumenten
bin ich so ungenügsam wie in allem andern. Es gab eine Zeit, da war die
Liebe ein Ereignis, ein Abenteuer, ein Wunder, ja, ein Wunder war sie,
und heute? Ist für Sie oder für Ihre Altersgenossen, ist für Mann oder
Weib die Liebe noch ein Wunder? Dies große Unbegreifliche, dies ... nun
dies Wunderbare –? Nein, nein, nein! Oder kenne ich uns nicht? Kenn ich
nicht meine Zeit? Sind die Augen einer Frau befangen? Verwandeln sich
die Erlebnisse einer Frau nicht in ein Erkennen? In diesem Punkt ist
eure Gerechtigkeit, eure berühmte Männergerechtigkeit nichts wie
aufgeschmückte Philosophie und Ausrede. Wo das Wunder nicht ist, was
soll da die Phantasie? Was sollen Flügel, wo keine Luft ist, die sie
trägt? Vom Adler erzählt man, daß er sterben muß, wenn er nicht mehr
fliegen kann; zu gehn vermag er nicht, also muß er sterben. Ihr gleicht
nicht den Adlern, ihr Männer, ihr könnt auch gehn und macht euch vor
jedem Jäger aus dem Staub.«
»Das Wunder! Das Wunder der Liebe! Wie das klingt, Faustina! Wie aus
einem Roman der George Sand. Die Sache ist wirklich die, daß uns die
Liebe gar kein Wunder mehr bedeutet.«
»So? Und warum, wenn man fragen darf? Lassen Sie mich den Grund hören;
ich bin neugierig und im voraus voller Widerspruch, denn daran hängt
mir ein Stück Herz.«
»Nein, die Liebe als Phänomen ist für uns kein Wunder im Sinn von 1750
oder 1820, wo der Liebende sich in der Erlesenheit seines Gefühls
spiegelte, an seinem Gefühl fast zum Narziß wurde. Der Grund, weshalb
dem nicht mehr so ist, besteht darin, daß wir einerseits zu
wissenschaftlich, andrerseits zu historisch dazu empfinden. So trocken
herausgesagt, schmeckt das nach Pedanterie, aber wir sind uns ja der
Ursachen nicht bewußt. Zu wissenschaftlich: nicht nur, weil wir es in
Büchern lesen oder weil wir es in der Natur beobachten oder weil uns
jeder Vorgang des Lebens darüber belehrt, sondern weil uns die
Überzeugung oder besser ausgedrückt die Anschauung in Mark und Knochen
sitzt, daß alles, was da atmet, wird und wächst, ein und demselben
Gesetz gehorcht, daß ein Band der Liebe sich um alle Wesen schlingt, ein
Trieb der Zeugung, ein Wille, Schöpfer zu sein, den Tod zu besiegen,
alle und alles bis ins Innerste durchdringt. Zu historisch darum, weil
unser Geist in keinem Fall berauscht und egoistisch am Augenblick hängt,
weil wir voll sind von Vergangenheit, von immanenter Erfahrung, weil das
Geschick einzelner sowohl wie ganzer Geschlechter, ja der ganzen Gattung
beständig und ohne daß wir dessen gewahr werden, zu uns redet und unsere
eigenen Wege deutet. So wenig uns ein Gewitter in abergläubische Furcht
versetzt, so wenig also wird uns das Ereignis großer Liebe wunderbar
dünken; beides kommt ja aus der Natur, beides ist im Entstehen und
Vergehen gegründet. Nun jedoch tritt das Seltsame ein: Im Großen, in
allem Katastrophalen der Existenz haben wir aufgehört, Wunder und
Begünstigung, Geheimnis und persönliche Verschuldung zu erblicken; im
Kleinen aber, im Alltäglichen des Tuns und Betrachtens wird uns ein
jedes Ding verwunderlich. Höchst bezeichnend ist es, dies Wort: sich
wundern. Wir verwundern uns eigentlich unaufhörlich. Es erstaunt uns der
Wurm, es erstaunt uns der Sternenhimmel, es erstaunt uns der Apfel, es
erstaunen uns Berg, Strom und Wasser. Es erstaunt uns der Bettler und es
erstaunt uns der reiche Mann, es erstaunt uns der Mörder und es erstaunt
uns der Dichter, es erstaunt uns der Tapfere und erstaunt uns der
Feigling. Das macht, weil wir in allen diesen die Notwendigkeit entdeckt
haben, das Gefühl für die Unbedingtheit ihres Seins und damit in letzter
Linie die Schönheit, die ihnen eigene Form der Schönheit. Wie ehedem von
einem Pantheismus könnten wir von einem Panhumanismus sprechen oder
besser von einer Allwesenheit. Es ist uns alles menschlich geworden,
kreatürlich geworden, – zugehörig. Daß sich dadurch die Quellen der
Freude um ein Unermeßliches vermehrt haben, ist klar, und das Reich der
Schönheit ist, wie Christus vom Reich Gottes sagte, in uns. Das Reich
der Liebe auch. Und wenn wir nun die ganze Welt dermaßen in uns haben,
wenn unsere Sinne sie unaufhörlich besitzen, so folgt daraus doch für
die Sinne selbst, daß sie auf ein Begrenztes, auf ein Gehaltvolles, auf
ein Zweck- und Zielvolles gewiesen sind, daß sie mutiger, sicherer und
stolzer geworden sind und daß ihr unentbehrlichster Verbündeter, weil
sie von Anschauung, von Ahnung, von Begreifen, von Andacht, von
Weltgefühl genährt werden, die Phantasie ist. So ist es auch in der
Liebe. Die Sinnlichkeit ist darum nicht mehr auf den Körper beschränkt,
sie will nicht erobern und nicht verführen; von galanten Künsten braucht
sie überhaupt nichts zu verstehen, denn sie sucht nichts weiter als
Übereinkunft. Sie überlistet nicht, weil sie wertet; sie enthüllt nicht
den Leib, sondern die Seele, ja, sie ist ganz und gar auf solche innere
Enthüllungen angewiesen, und eine Form gibt ihr nichts, wenn der Form
nicht ein Inhalt entspricht. Eifersucht ist ihr deshalb ein unfaßbarer
Begriff, denn gerade die Einmaligkeit, die unwandelbare Gesetzmäßigkeit,
darauf beruht sie. Es ist keine Regung in ihr, die nicht, mit einem Wort
gesagt, auf Verständigung beruhte. Damit sind wir wiederum bei der
Phantasie angelangt, denn Verständigung hat ja keine andere Wurzel als
die geistige Macht des Menschen, die Phantasie.«
»Sie springen etwas willkürlich mit der Phantasie um, mein Bester«,
bemerkte Faustina kühl.
»_Tu_ ich das? In der Tat, ich schreibe der Phantasie eine weitaus
größere Rolle zu als es sonst geschieht. Erst mit ihrer Hilfe sind wir
fähig, die Seelen anderer Menschen zu erfassen. Viele Eigenschaften, die
man nur zu leicht als Laster anzusprechen geneigt ist, sind lediglich in
einem Mangel an Einbildungskraft begründet. Der Geizhals, der
Hoffärtige, der Grausame, der Nörgler, der Denunziant, der
Selbstzufriedene, der Gottesleugner usw. was sind sie anders als
Phantasielose oder – Phantasten, was beinahe das selbe ist. Gewisse
Worte müßten uns töten, wenn nicht die Einbildungskraft wäre, die sie zu
Luft und Schall zerstieben läßt. Haben Sie das nie erfahren, Faustina?«
»Ich hab’s erfahren, wahrlich.«
»Und gäbe es Verzeihung für erlittene Beleidigungen ohne die Phantasie?
Nein. Der Mensch ist rachsüchtig, die Phantasie veredelt diesen Impuls.
Ein solcher Mensch ist nun nicht mehr lasterhaft. Man kann getrost
sagen: wer echte Phantasie besitzt, der ist tugendhaft. Wenn Sie nun der
Sinnlichkeit die Phantasie nehmen, was bleibt dann übrig? Wenn ich
liebe, und mein sinnliches Verlangen ist ohne Phantasie, so bin ich wie
einer, der in absoluter Finsternis gefangen ist, ja, es ist möglich, daß
ich dadurch dem Wahnsinn verfalle. Erst durch die Phantasie erhält meine
Begierde die Weihe, die Süßigkeit, die Schönheit, den Mondglanz der
Bezauberung und jenen Tropfen von Melancholie, ohne den eine
Leidenschaft nicht beseelt erscheint. Sinnlichkeit ohne Phantasie ist
nichts als der traurige Zweikampf zweier Wesen, die einander unbewußt
zu vernichten trachten. Freilich, es gibt im Leben nicht bloß das eine
oder das andere; die Leiden und Irrungen, die ein unvollkommener Zustand
mit sich bringt, bleiben schließlich wenigen erspart. Wie oft sieht man
Eheleute oder Liebesleute im Streit! Wie manche Ehe, die durch die Liebe
getragen schien und nur noch durch Gewohnheit und bürgerliche
Rücksichten befestigt ist, schleppt sich mühselig hin unter Hader, Zank
und Mißverständnissen! Männer, sonst gerecht und vornehm, Frauen, sonst
zärtlich und nachsichtig, vergessen sich; sie werden zu Tieren, die auf
einander Jagd machen, sich einander Wunden zufügen, harte Worte wählen,
Worte wie geschliffene Messer, mit übertriebenen Beschuldigungen die
Achtung untergraben, die jeder vom andern billig verlangen muß, und ohne
die Haltung sind, die sie auch dem Gleichgültigen gegenüber zu wahren
wissen. Es sind das häßliche Szenen, und häßlich sind sie, weil solche
Menschen aller Phantasie bar sind, weil sie nicht vermögen, die
Armseligen, über den Augenblick hinauszudenken, weil der Augenblick in
ihnen stärker ist als das Herz, als das Schicksal, als Tod und Ewigkeit.
Ja, so sind die Phantasielosen, sie leben nur von Augenblick zu
Augenblick, sie schwingen nur in den Intervallen, der Augenblick selbst
ist ihnen nichts.«
»Das alles ist mir zu allgemein«, sagte Faustina. »Teils zu allgemein,
teils zu kategorisch. Ich kenne Verhältnisse, deren Beschaffenheit mit
der Phantasie gar nichts zu tun hat, oder ich müßte den Begriff der
Phantasie zu weit ausdehnen. Nehmen Sie an, eine geistig bedeutende Frau
liebt einen Gimpel; oder ein Mann von Genie liebt eine gewöhnliche Gans.
Das kommt doch häufig genug vor, sollt ich denken. Und wie einfach sind
diese Beziehungen, mein Gott, wie einfach. Ihr A und O ist eine
natürliche Sinnlichkeit, und bieten sie nicht meist größere Gewähr für
ein dauerndes Glück als jene feinnervigen Bündnisse, in denen doch alles
auf Eigenschaften gestellt ist, und nicht auf das Ganze der Kreatur? Man
muß einander nicht gar zu gut verstehen in der Liebe; ein wenig
Fremdheit tut not. Wir Leute, wie wir da sind, wir verstehen einander zu
gut und mißverstehen uns deshalb so oft. Den Leibern, finde ich, ist die
allzugroße Vertrautheit der Seelen von Übel. Sie verletzt die
Schamhaftigkeit.«
»Die Schamhaftigkeit? Inwiefern?«
»Das leidet gar keinen Zweifel. Je größer die seelische Verfeinerung
wird, je größer wird auch die Schamhaftigkeit. Es ist ein heikles Thema,
und irgendein Schriftsteller meint mit Recht, daß es schon schamlos sei,
über die Schamhaftigkeit zu sprechen oder was jemand darüber sagt,
anzuhören. Je tiefer man in den andern hineinschaut, je mehr ist man
geneigt, das, was in ihm vorgeht, zu überschätzen, je mehr fürchtet man
den andern oder fürchtet sich selbst, je mehr versteckt man sich, ja
ich habe es erlebt, daß solche Menschen aus lauter Zartfühligkeit und
Hellseherei sich die Möglichkeit harmlosen Daseinsgenusses untergruben.«
»Aber was hat das mit der Schamhaftigkeit zu tun?«
»Sehr viel! Wenn die dunklen Zustände und Vorgänge in der Brust dermaßen
ans Licht gezerrt werden, daß der Mensch sozusagen in sich selber kein
Heim mehr hat, wo er sich mit seinem Verschwiegensten bergen kann, so
muß ihm doch allmählich dabei zumute werden, als ob man ihn entblöße und
an den Pranger stelle. Ich, ich für meinen Teil, fühle mich durch das
beständige, wachsame Verständnis eines andern, und sei er das
geliebteste Wesen, ganz und gar an den Pranger gestellt, und ich sage
Ihnen auch, daß mir jene Frauen, die man unverstandene zu nennen
beliebt, mir, mir für meinen Teil, immer nur schamlos erschienen sind.
Das wären die einen. Dann sind jene, bei welchen die Schamhaftigkeit
sich ins Krankhafte steigert und die in einer so dünnen Luft leben, daß
ihnen das gesund Sinnliche zum Ekel wird. Ich hatte einst eine solche
Unglückliche zur Freundin; sie war die schamhafteste Natur, wurde aber
bisweilen von einem förmlichen Enthüllungswahn verfolgt, und indem sie
sich preisgab, unterlag sie einem Zwang, der sie etwas ausüben hieß, was
ihrem wahren Wesen gerade entgegengesetzt war. Da war kein Halt, keine
Haltung, und als sie eines Tages liebte, versagte sie sich dem
betreffenden Mann, weil sie überzeugt war, daß er nur ihren Körper
liebte und nicht die Seele. Ist das nicht schauerlich? Ein einziges,
grobes Mißverständnis des Lebens?«
»Freilich; es gibt Frauen genug, die in dieser Hinsicht einem
unheilvollen Irrtum und Unbegreifen verfallen sind«, erwiderte ich. »Der
unheilvollste Irrtum, den sie begehen können, ist aber, wenn sie aus
ihrer Art der Schamhaftigkeit und deren Überwindung einen Begriff der
Treue folgern, der für sie Gesetz und Notwendigkeit, für den Mann aber
eine Freiwilligkeit ist. Diese Freiwilligkeit wieder einer höheren
Notwendigkeit unterzuordnen, das ist die _Tat_ des liebenden Mannes,
eine Handlung, die von seiner Kultur, von seiner Selbstbeherrschung, von
seinem Schönheitsempfinden abhängt. Die Frauen besitzen nur die Scham
des Geschlechts; die Keuschheit einer Nonne und die Verderbtheit einer
Dirne sind nur verschiedene Wirkungen ein und derselben Kraft, ähnliche
Zustände mit verschiedenen Hemmungen. Dem Mann ist eine andere
Schamhaftigkeit eigen, eine übersinnliche, ich möchte sie die Scham vor
Gott nennen, und er kann sie nur verlieren, wenn er sich selber vor Gott
verliert. Wir haben demnach das Schauspiel eines beständigen Krieges
zweier dem Grund und der Beschaffenheit nach völlig unähnlicher Arten
der Schamhaftigkeit, und während eine Frau die ihre sozusagen wörtlich
nimmt, sie trägt oder abwirft wie man ein Kleid trägt oder abwirft,
verheimlicht der Mann die seine, denn ihm ist sie nur ein Symbol.
Niemals darf die Frau sich einfallen lassen, das Symbol in die
Wirklichkeit zu zerren, etwa eine Forderung daraus zu machen.«
»Das sagt – ein Mann!« rief Faustina. »Ich muß Sie schon sehr hoch
einschätzen, lieber Freund, wenn ich das nicht anmaßend finden soll.
Klipp und klar gesprochen heißt das doch: die Liebe des Weibes ist eine
Realität, die des Mannes ein Symbol. Oder nicht?«
»Ausgezeichnet formuliert, Faustina.«
»Na, schön. Ich will dagegen nicht streiten, weil es ins Grenzenlose
führt. Ich sehe nur so viel, die tägliche Erfahrung beweist es mir, daß
diese Realität keinen Bestand und dieses Symbol keine Bedeutung hat.
Flausen, Flausen, nichts als Flausen! Bester Freund, sperren Sie mich
doch nicht ein für allemale in die Rumpelkammer der ›Realität‹! Denken
Sie daran, daß auch ich geliebt habe! Ja, wirklich, wirklich geliebt!
Beweisen kann ich nicht, daß es mehr war als ein Irdisches,
Erdgebundenes, an Zweck und Zeit und Augenschein Gebundenes, aber dafür
kann ich beweisen, daß der andere, der Partner im Spiel, keinen Einsatz
wagte, der die Mühe verlohnte zu kämpfen, beweisen kann ich, daß seine
Liebe – und er _liebte_ – nur unzulänglich war, also nicht bis zu dem
Punkt reichte, wo eine symbolische Kraft das Flüchtige des Lebens
festhält. Aber weshalb so hohe Worte? Napoleon tat auf Sankt Helena den
ungeheuerlichen Ausspruch: Ein solcher Schurke kann kein Mann sein als
ich von ihm glaube, daß er einer ist. Fast jede Frau kann dasselbe von
ihren Erfahrungen in der Liebe sagen, vorausgesetzt, daß sie nicht ein
blindes Tierchen ist. Ihrer Methode gemäß werden Sie mir wahrscheinlich
entgegenhalten: du hast eben nicht zu wählen verstanden. Ja, um Gottes
willen, wenn der sich nicht bewährt, den ich als den besten erkenne,
wozu schlägt dann mein Herz, warum denke und fühle ich dann? Entweder
muß ich demnach mein Leben in der Wurzel verneinen oder Ihre ganze
Weisheit wird mir zum Sophisma. Da ist ein Mann, der mich anbetet; es
erscheint mir zweifellos, daß ich ihm viel, daß ich ihm alles bin, ich
ergebe mich, verbünde mich ihm, und da muß ich entdecken, daß er nur zu
werben versteht, zu besitzen, den Besitz zu verteidigen, zu bilden, zu
erhöhen, dazu ist er nicht fähig. Oder ein anderer Fall: da ist ein Mann
von Geist, Gemüt, Talent, aber er lebt in tiefem Elend. Das Mitleid
nähert mich ihm, es gelingt mir einen wahren Sturm der Energie in ihm zu
entfesseln, die Liebe zu mir trägt ihn empor, das Schicksal begünstigt
ihn, aber er kann es nie verwinden, daß diejenige, die er liebt, auch
seine Helferin war, er selbst gesteht mir seine Scham und alles
scheitert an einer Grille.«
»Und was taten Sie?«
»Was sollt ich tun? Ich ließ ihn seiner Wege gehen. Ist es etwa diese
Scham, die Scham, nicht mehr der Mächtige zu sein, die Sie symbolisch
nennen?«
»Der Mann hatte vielleicht nicht viel zuzusetzen, deshalb raubte diese
Scham seiner Liebe die Kraft«, antwortete ich. »Es kommt nur darauf an,
was einer zuzusetzen hat, und für den Mann ist in der Liebe tatsächlich
alles nur eine Frage der Macht. Mitleid ist ein Feind der Liebe, Mitleid
zerstört die Gleichberechtigung, geradeso wie ein ausschließliches
ästhetisches Wohlgefallen; jenes schafft eine zu große Nähe, dieses eine
zu große Ferne. Der Bemitleidete und der Bewunderte atmen nicht dieselbe
Atmosphäre mit demjenigen, der Mitleid oder Bewunderung hegt, und sie
sprechen nicht in derselben Sprache zueinander. Aber es gibt Mittel, den
Zwiespalt zu überbrücken, und die Frau ist es, die in dem einen wie im
andern Fall ausgleichend zu wirken vermag, und zwar durch die göttliche
Eigenschaft der Sanftmut. Sie, Faustina, sind nicht sanft genug.«
»Nicht sanft genug! Das wurde mir schon einmal gesagt. Wenn ich sanft
wäre, wurde gesagt, hätte ich weniger Anlaß, mich über das Leben zu
beklagen.«
»Oder über die Liebe. Das ist meine Meinung.«
»Sanftmut! Die schätzbare Gabe, stumm zu bleiben, wenn man getreten
wird, und nur zu seufzen, wenn das Herz bricht, die nennt man Sanftmut,
die nennen die Männer Sanftmut. Und weil sie ihnen die bequemste
Eigenschaft am Weibe ist, darum wird sie gepriesen. Wer aber Augen hat
und sieht, und vieles sieht, und Blut, das sich erhitzt, und eine Faust,
die sich ballen muß, der kann nicht sanft sein.«
»Gemach, Faustina. Sie erinnern mich ein wenig an den Knaben, den man
fragte, wer tapfer zu heißen sei, und der darauf entgegnete, tapfer sei,
wer nicht davonlaufe. Sanftmut ist nicht Nachgiebigkeit, nicht
Unterwürfigkeit, nicht Schweigsamkeit. Sanftmut ist der Ruhe des
Feldherrn zu vergleichen, oder der Besonnenheit des Künstlers. Sie ist
nicht eine Schwäche, sondern eine Kraft. Sie ist in der Liebe die
eigentliche Kraft des Weibes, ihre Waffe wie ihr Schutz. Sie ist nicht
an ein bestimmtes Temperament gebunden, dem cholerischen kann sie
gegeben, dem melancholischen kann sie versagt sein. In jedem Tun und
Lassen drückt sie sich aus: in der Freude, in der Angst, in der Trauer
und im Schmerz, im Blick und im Schritt. Sie ist geradezu ein Rhythmus
des Lebens. Das Lächeln der sanften Frau ist unwiderstehlich, die sanfte
Frau ist niemals häßlich. Nun ist freilich die echte Sanftmut beinahe
ebenso selten wie die Liebe, und leider muß man konstatieren, daß sie
immer seltener wird, je mehr die Erregbarkeit der Nerven wächst, je mehr
auch die Frauen von Liebe und über die Liebe wissen, und je weniger sie
Liebe fühlen. Denn die Liebe der Frau ist hauptsächlich auf ein
Elementares, auf ein Unbewußtes gestellt. Da gibt es Frauenrechte und
Frauenberufe, man bildet Körperschaften und veranstaltet Versammlungen.
Dabei mag viel Nützliches entstehen, aber für die Sanftmut ist alles zu
fürchten. Haben Sie nie den Unterschied bemerkt zwischen dem Geschmack
einer Birne, die frisch vom Baume kommt, und einer solchen, die schon
unter vielen andern Birnen auf dem Speicher gelegen war? Ein solcher
Unterschied herrscht zwischen der Frau als Einzelwesen und der Frau, die
sich sozial betätigt.«
»Sie mögen ja recht haben«, antwortete Faustina. »Aber am Birnenbaum
hängen viele Birnen. Sollen die Birnen also warten, bis die Leckermäuler
anspazieren, um die schönsten zu verspeisen? Die übrigen können warten;
sie müssen verfaulen und ins Gras fallen, wie? Um der Sanftmut willen.
Danke schön. Wir haben nicht Konsumenten genug, wir armen Birnen, wir
müssen unterzukommen trachten. Ihr wollt uns rein, ihr wollt uns
engelhaft, ihr wollt, daß jede sich für einen Messias aufspare, aber
ihr, ihr wollt nichts entbehren, keinem Gelüst die Befriedigung
vorenthalten, keinem Appetit die Stillung. Und der Messias, der sich
schließlich bei uns einstellt, ist entweder ein alberner Fant, der nicht
weiß, was er in Händen hält und seinen blinden Jünglingsrausch austobt,
oder ein kritischer Herr, der sich wieder trollt, wenn das Birnchen
einen Flecken hat.«
»Das ist wohl wahr, Faustina, praktisch genommen ist es wahr, und daß
ihr Grund habt, euch selbst zu schützen, kann nur einem Dummkopf
verborgen bleiben. Jedoch von einer höheren Zinne betrachtet, liegen
die Dinge anders. Die Natur will nicht, daß man ihr zuvorkomme. Sie will
nicht, daß ihr heiligstes Gesetz, das Gesetz der Auslese, umgestoßen
wird, und wenn es trotzdem geschieht, rächt sie sich durch die
Hervorbringung lebensuntüchtiger Geschöpfe. Ist Ihnen bekannt, daß zum
Beispiel unsere Jagdvorschriften der Rassigkeit und Widerstandsfähigkeit
des Wildes, besonders des Edelwildes, erheblichen Abbruch tun? Wir haben
Frauen, die gezwungen sind, einen Beruf zu ergreifen; ohne Pathos tun
sie es, verdienen ihr Brot; andere sind mit Intelligenz und Scharfsinn
am Werk, um soziales Elend zu mildern. Wer hätte dagegen etwas
einzuwenden? Das Schicksal des Individuums wird mir immer Teilnahme
einflößen, ob es eine Nähmamsell oder eine Fürstin ist;
Massenbestrebungen aber, wenn sie der unmittelbaren Leidenschaft des
Erlebnisses entbehren, lassen mich natürlich kalt. Das Wesen der Frau
deutet mehr als das des Mannes auf Vereinzelung; ich habe immer
gefunden, daß die edlere Art der Frau sich nur kraft dieser Vereinzelung
bewahrte, und daß sie sich zur Vervollkommnung der Rasse gar nicht teuer
genug bezahlen läßt.«
»Und wenn dem so wäre,« versetzte Faustina, »was hülfe es? Ist denn die
Frau nicht immer willfährig zum Besten, wo der Mann das Beispiel edler
Initiative gibt? Was frommt aber der Natur, was hilft selbst Gott das
Gesetz der Auslese, wenn ihm das Gesetz der Trägheit entgegensteht?«
»Der Trägheit ... Schon vorhin haben Sie das Wort gebraucht. Sie sagten
Trägheit des Herzens.«
»Ja. Trägheit des Herzens.«
»Trägheit des Herzens ist eine von den sieben Todsünden, soviel ich
weiß.«
»Sie ist die einzige Todsünde, die es gibt.«
»Sie verbergen also einen großen Sinn dahinter, so etwas wie eine Idee.«
»Einen großen Sinn, da haben Sie recht, einen schmerzlichen Sinn. Das
Gute, das ich will, das tue ich nicht, sondern das Böse, das ich nicht
will, das tue ich, heißt es in einem Brief des Paulus an die Römer. Da
ist ein Erkennen: das Gefühl trotzt dem Erkennen, beharrt auf dem
falschen Weg; oder da ist ein Gefühl, ein großes, ein wahres; und doch,
es läßt sich betrügen, es läßt sich verwirren durch Rede und durch
Denken. So entsteht Trägheit des Herzens, und ist selber noch ein
Tieferes, Schwereres, Dunkleres, Schuldigeres. Es gab Zeitläufte, wo die
Menschen mehr ihren Trieben untertan waren, barbarische, kriegerische,
im großen und ganzen auf eine Sache, auf ein Ziel gestellte Zeiten. Da
konnte Trägheit des Herzens für eine Sünde gleich andern gelten, gleich
Geiz oder Neid oder Habsucht. Heute ist der Mensch zur Rechenschaft
gezogen, heute ist jeder sich selbst verantwortlich. Sie sagen es
selbst, nicht die Religion, nicht Himmel und Hölle darf er zur Ausrede
und Ausflucht machen, in seiner Brust muß er sein Schicksal suchen. Da
wird Trägheit des Herzens zur Kardinalsünde, und wie es nun ist, diese
Sünde liegt auf uns allen wie Gewitterlast. Fordern Sie Beispiele? Wo
soll ich anfangen? wo enden? Vorübergehen, wenn die Stimme des Gemüts
zum Bleiben mahnt, bleiben, wenn sie verlangt, daß ich weitergehe; die
Augen schließen, wenn es gilt zu sehen, und schweigen, wenn es gilt,
Partei zu nehmen; urteilen und verdammen, wenn vieles davon abhängt, zu
schweigen und Milde zu üben; den reinen Sinn betäuben, den unreinen zu
falscher Tat stacheln; Zwecke wollen, wo keine sind; nach Gerechtigkeit
streben und der Liebe vergessen; Liebe beanspruchen, ohne sie zu geben;
genießen wollen und nicht bezahlen; von Gott reden und den Teufel im
Innern füttern; Ideale aufrichten und einen armen Schuldner vor Gericht
zitieren; in Musik und Dichtung schwelgen und vor den kleinen
Menschenpflichten die Flucht ergreifen; Freundschaft preisen und den
Freund verleugnen; Philosoph sein und den Dienenden mißhandeln; den
Genius herbeiwünschen und, wenn er sich zeigt, ihn schmähen und in den
Kot zerren, alles dies, all dies Vergessen, all dies _Wissen_ und
_Nicht-Tun_ ist Trägheit des Herzens. Ach, wie schön ist das Herz! zu
wie vielem fähig! wie viel vermag es! Und Liebe, das Herz des Herzens,
wie wird sie mißachtet, mißbraucht, vergewaltigt und zertreten! Wie
ummauert sind alle Herzen, wie wenig mag ein jedes sich verraten, und
wie schnell und bereitwillig das des anderen! Wir reden da von Liebe,
von Liebe, und wo ist sie, die Liebe? Ein Symbol soll sie sein, ein
seltenes Phänomen, ich aber möchte sie haben, sehen möchte ich sie!
Zeigen Sie mir einen Liebesbegeisterten, zeigen Sie mir einen
Verschwender der Liebe! Die Liebe, von der ich weiß, war immer nur ein
zartes Pflänzchen, es ertrug die Lebensstürme nicht, versteckte sich vor
der Sonne und kroch in labyrinthisch verschlungene Tiefen,
weltabgewandt, der Nacht zugewandt. Ich fragte einmal einen Mann, ob
seine Geliebte schön sei. Schön, das könne er nicht behaupten, sagte er,
aber alles an ihr sei charakteristisch. Ei, erwiderte ich ihm, Sie sind
ein ganz famoser Zeitgenosse. Charakteristisch! Ein niedliches Wort! Man
müßte es in eiserne Lettern gießen und auf den Schandpfahl des
Jahrhunderts nageln. Alles ist so charakteristisch, so individuell, so
besonders, so künstlich, so ins Kleine zerspalten, ins Geistige
verdünnt, so scheu, so furchtsam, so wissend und so unsicher in
jeglichem Gefühl. Was ist da um Gottes willen noch zu hoffen, Freund!
Was kann ein volles Herz noch für sich hoffen? Es gibt nur eines; nur
eines gibt es: sich bescheiden.«
»Es gibt noch ein zweites, Faustina, ein größeres.«
»Und das wäre?«
»Die Freude an der Erscheinung. Beklagenswert ist allerdings der Druck,
unter dem wir leben, das seltsam fatalistische Dahinrasen. Das Dasein
wird immer scheinhafter, seine kurze Dauer wird uns immer schmerzlicher
bewußt, und wer Sinn und Liebe sucht, kann wohl in ungemessene
Verzweiflung stürzen, wenn ihn dies eine nicht rettet: zu schauen. Dem
Schauenden enträtselt sich die Welt; ihm entwirrt sich jedes Dunkel; er
legt seine Hand auf Gräber und sie werden zu Altären, er wandelt durch
Schneegestöber und er spürt den Frühling, er ist verlassen von den
Freunden und er lebt mit der Menschheit. Daß die Dinge da sind, daß ich
sie besitze, daß Schöpfer und Geschaffenes mein sind, daß das Leben,
soweit es denk- und fühlbar ist, in mir steckt, daß es nichts gibt,
nicht das kleinste Denk- und Fühlbare außerhalb des Lebenskreises, und
daß mir das Ungeheure wie das Unscheinbare, Hohes und Niedriges, der
Festzug des Kaisers und das Vorüberflattern eines Schmetterlings, daß
mir Schönheit und Häßlichkeit, Liebe und Haß, Selbstentäußerung und
Trägheit des Herzens, daß mir alles dies zur Erscheinung wird, das kann
mich retten.«
»Mit einem solchen Quietismus will ich mich nicht beruhigen«, antwortete
Faustina düster.
»Wenn das Quietismus wäre, dann wäre der Erdball nicht mehr imstande,
seine Bahn um die Sonne zu laufen. Glauben Sie doch nicht, Faustina, daß
ich mich damit freispreche von menschlichem Tun oder mich des
mitstrebenden Herzens entledigen wollte. Es ist kein künstlerisches,
kein ästhetisches Prinzip, sondern durchaus ein religiöses, durchaus ein
göttliches. Wie in der Liebe durch ein höchst instinktives und
beseligtes Erkennen Vorzüge und Fehler des andern zu einem
anbetungswürdigen Bild vereinigt werden, so und nicht anders ergeht es
dem Schauenden mit der Welt. Er hat alles innen; alles was außen ist,
hat er innen; ihm ist nichts verloren, ihm ist alles gegenwärtig. Er
gibt sich hin, er gibt sich aus, aber er wirft sich niemals weg, denn
wie er das Leben besitzt und wie er Gott besitzt, so besitzt er sich
selbst. Und das, Faustina, ist das Große: sich selber besitzen. Dann
besitzt man auch die Welt, dann besitzt man auch die Menschheit; die
andern, die sich zu jeder Stunde wegwerfen, die besitzen nichts und
niemanden. Nur die Erwartung der Liebe täuscht sie mit der Hoffnung auf
Besitz.«
Faustina hatte den Kopf abgewandt und schwieg. Eine lange Zeit verging
im Schweigen und die Freundin hielt beständig den Kopf abgewandt. Die
gesprochenen Worte erzeugten eine doppelte Stille. Es war weit über
Mitternacht, als ich mich zu gehen anschickte. Mit starrer Miene reichte
mir Faustina die Hand. Sie sah mich an, und wundersam, ihr Auge war voll
Frage wie das eines kleinen Mädchens.
Sehr gern hätte ich Faustina wiedergesehen, aber als ich zwei Tage
später in die Wohnung kam, wurde mir gesagt, daß sie abgereist sei.