Dein getreuer Georg.«

Kein Wort von _ihr_ in dem Schreiben ... Paula faltete es schweigend

zusammen und steckte es in den Umschlag. Wahrscheinlich hatte der

Geistliche sie den Brief just deshalb lesen lassen ... Georg mußte von

ihr gesprochen oder geschrieben haben; wie würde sein Freund sonst auf den

Gedanken verfallen sein, zu ihr zu kommen? Dieses Schreiben war wohl das

gefaßteste, sollte sie über sein Schicksal beruhigen. Ein ungläubiges

und bitteres Lächeln umspielte ihre Lippen. Sie mußte eine Bewegung

machen, um die Aufmerksamkeit Perkows, der bis jetzt den Blick absichtlich

von ihr abgewendet gehalten, auf sich zu lenken.

»Da haben Sie den Brief wieder,« sagte Paula. Er nahm ihn in Empfang.

»Sind Sie zufrieden?« fragte er.

»O ja ... Wann werden Sie wieder nach Keßten gehen?«

»Sobald es mir möglich sein wird. Der Ausflug nimmt doch einen ganzen Tag

in Anspruch und der Herr Dekan sieht es nicht gern, wenn die Arbeiten im

Rückstand bleiben.«

Er grüßte und ging seiner Wege.

»Er mag mich nicht,« dachte Paula. »Seines Auftrages hat er sich

entledigt, und er ist froh von mir fortzukommen. Vielleicht haßt er mich

sogar, klagt mich an, ... und doch, ... ist es denn _meine_ Schuld, daß

ich dort Leid bringen muß, wo ich so gern beglücken möchte? Hartes,

hartes Schicksal ...«

Und wieder folgte ein Tag dem anderen. In trostloser Einförmigkeit

verstrich Woche um Woche, verging der Sommer, kam der Herbst ... Schon

färbten sich die Blätter der Bäume gelb und rot, lag frischer Schnee

auf den Bergen; der ernste Oktober brach herein, der traurige November kam

gezogen, ... und immer noch wartete Paula auf eine neue Kunde, schlich oft

an dem Pfarrhof vorbei, um den jungen Priester vielleicht zu erspähen ...

Sie besaß ihm gegenüber keinen Stolz mehr. War er doch der einzige, der

ihr Nachricht geben konnte von dem Freunde ... Gern hätte sie sich vor dem

kalten jungen Manne gedemütigt, ihn angefleht, ihr ein, nur ein Wort zu

sagen, ... aber der Geistliche wußte ihr immer auszuweichen. Einmal jedoch

traf sie ihn zufällig auf der Straße, und da sie ihm den Weg vertrat und

vor ihm stehen blieb, hemmte auch er den Schritt.

»Ich bin mit dem Befinden meines Freundes gar nicht zufrieden,« sagte er

unaufgefordert. »Vor mehreren Wochen hat er sich stark erkältet. Er wurde

in der Nacht zu einem Sterbenden geholt, der Weg war weit und beschwerlich,

das Wetter sehr häßlich ... und seitdem geht es ihm schlecht. Auf

meinen Rat hin hat er nach Salzburg geschrieben und um seine Versetzung

nachgesucht ... Hoffentlich wird seinem Wunsche bald entsprochen werden.

Die Seelsorge in Keßten ist zu anstrengend für ihn und das Klima zu

ungesund.«

»Ja, ... der geistliche Tod,« sprach Paula dumpf vor sich hin.

Mit einer Mischung von Verwunderung und Schrecken schaute Perkow sie an:

»Was sagten Sie?«

»Nichts ...« Sie blickte starr in die Luft. Unausweichlich sah sie es

kommen, ... Schritt vor Schritt, ... das längst Geahnte, oft Gefürchtete.

Es konnte nicht anders sein. Menschen und Schicksal reichten einander die

Hand, um ihn zu verderben.

»Wann gehen Sie wieder zu ihm?« fragte sie.

»Dieser Tage. Der Gedanke an ihn läßt mir keine Ruhe. Ich sehe ihn immer

vor mir ...«

Hastig brach er ab und entfernte sich.

Kurz vor Weihnachten fand Paula sich an einem Morgen zur Frühmesse in der

Kirche ein. Sie saß teilnahmlos in einer Kirchenbank, während Toni neben

ihr kniete und andächtig betete. Das junge Mädchen faltete mechanisch die

Hände, ihre Gedanken aber weilten nicht bei Gott. Unverwandt hingen ihre

Augen an der Gestalt des jungen Priesters, der die heilige Messe las ...

Ach! wenn sie doch endlich vorüber wäre, diese Messe. Nicht des Gebetes

halber war Paula gekommen. Die Messe war zu Ende, der junge Geistliche

erteilte der Gemeinde den Segen, setzte sein Barett auf und begab sich in

die Sakristei.

»Geh Du nach Hause,« sagte Paula zu Toni. »Ich komme bald nach ...«

Sie stand auf und folgte dem Priester. Er war eben im Begriff, das

Meßkleid auszuziehen und sah die Eintretende nicht sonderlich freundlich

an.

»Was wünschen Sie?« fragte er.

»Mit Ihnen sprechen, ... unter vier Augen ...«

Perkow zuckte die Achseln, gab aber dem Meßner und dem Ministranten

die Weisung, sich zu entfernen. Die beiden gehorchten mit verwunderten

Gesichtern.

»Sie wollen wahrscheinlich wissen, was Harteck macht,« sagte

der Geistliche in hartem, fast erbittertem Tone und fuhr fort sich

auszukleiden. »Vernehmen Sie denn, daß er sehr krank ist, ... nicht

herzkrank, meine ich, sondern physisch krank, ... und wenn die Herren

in Salzburg nicht bald die Gnade haben, seinen wiederholten Bitten um

Versetzung von Keßten nach einem milderen Klima Gehör zu geben, wird

er wohl auf immer dort bleiben müssen ... Wünschen Sie noch etwas zu

erfahren?«

»Warum hassen Sie mich?« fragte Paula mit versagender Stimme. »Was habe

ich getan? Als ob er allein ... Ich bin ja auch unglücklich.«

»Das bedaure ich von Herzen,« erwiderte er frostig. »Halten Sie mir

meine Kälte nicht für übel, ... ich habe meinen Freund sehr lieb; er hat

ohnehin genug zu tragen, ... mußte auch das noch über ihn kommen!«

»Ist keine Hoffnung da, daß er Keßten verlassen wird?« fragte Paula.

»Bis jetzt keine ... Er hat schon einige Male nach Salzburg

geschrieben, ... aber die Herren dort scheinen an seine Krankheit nicht

recht zu glauben, denn sie geben ihm einfach keine Antwort. Wenn ihm

nur wenigstens ein Hilfsgeistlicher zugeteilt würde! Auch darum hat

er gebeten, ... aber bei der herrschenden Seelsorgernot hält es

wahrscheinlich schwer, sein Ansuchen zu erfüllen. Er ist ganz

verändert, ... so reizbar, erbittert und ungeduldig, ... ein ganz anderer

Mensch, als er war.«

»Er war so gut, so weich,« sagte Paula und Tränen stürzten aus ihren

Augen. »Gott! mein Gott! Und wir stehen müßig da und können nichts tun

für ihn ...«

Sie lehnte sich an die Wand und weinte bitterlich, hilf- und trostlos.

Perkow schien gerührt.

»Beruhigen Sie sich,« sagte er, »und verzeihen Sie mir, wenn ich Sie

hart anließ ... Ich hatte unrecht.«

»Was liegt an mir!« rief sie unter Tränen. »Helfen Sie _ihm_, ... alles

andere ist gleichgültig.«

»Was kann ich tun?« entgegnete Perkow. »Ich habe alles versucht, ...

habe mit dem Dekan gesprochen und ihn gebeten, sich für Georg zu

verwenden, ... habe selbst nach Salzburg geschrieben, ... wer aber bin ich?

Meine Stimme verhallt ungehört. Ich will noch ein Letztes wagen und, wenn

die Feiertage vorüber sind, nach Salzburg reisen, ... vielleicht, daß es

etwas nützen wird.«

»Ja, reisen Sie hin,« sprach Paula hastig. »Gott segne Sie!« Und das

Taschentuch an die zuckenden Lippen und nassen Augen pressend, enteilte

sie mit raschen Schritten. In Gedanken versunken blieb der junge Priester

stehen. Es war doch etwas Erhabenes um eine so tiefe, hingebungsvolle

Liebe, trotz allem Schmerz und aller Pein. Sogar _er_ mußte das zugeben.

Dieses Mädchen hatte nichts zu hoffen, die Welt und vor allen er nannte

ihre Liebe eine sündige, ... und dennoch, ... wie frei trug Paula das

Haupt, verachtend jeden Spott und Hohn, alles vergessend, alles ertragend

bis auf das Leid, das der geliebte Mann zu erdulden hatte. »Ich will ihr

nie wieder hart begegnen,« gelobte sich Perkow. »Sie ist, trotz allem,

treu und brav.«

Weihnachten kam und ging, -- Silvester, -- das alte Jahr sank ins

Grab. Trübe genug waren die hohen Festtage für den jungen Geistlichen

verstrichen; die Sorge um den kranken Freund verdrängte jeden anderen

Gedanken, verfolgte ihn bis ins Gotteshaus, bis in die Ausübung seiner

teuersten Berufspflichten. Am heiligen Christtag hatte er sanfter als sonst

gepredigt; und als er von der Liebe und den Leiden des Gottessohnes sprach

und seine Gläubigen daran erinnerte, sie möchten dem Heiland zuliebe

gut gegen ihre Nebenmenschen sein, möchten sein Gebot: ›Liebet Euch

untereinander‹ treu befolgen, denn die Menschen stürben, und wenn wir

jemand Teuren verloren und ihn, solange er lebte, gekränkt hätten,

käme alle Reue zu spät, und wir möchten die Erde aufscharren, um den

Dahingeschiedenen nur noch einmal zu sehen, ihm ein Liebeswort, ein Wort

der Reue zu sagen, ... da zitterte die Stimme des jungen Predigers und in

seinen Augen schimmerte ein feuchter Glanz. Er dachte an den Freund.

An einem eisig-kalten Januarabend saß der junge Priester allein in seinem

Zimmer, damit beschäftigt, an Georg Harteck zu schreiben. Aber mutlos

ließ er die Feder sinken. Was sollte er dem Freunde sagen? Daß er in

Salzburg gewesen war und nichts erreicht hatte? Ach! Immer nur Trauriges

berichten können! ... Er stand auf und schritt im Zimmer auf und ab. War

denn alles schon versucht worden? Alle Hilfsquellen erschöpft? Er drückte

die geballte Hand wider die Stirn und sann und grübelte ...

Horch! Ein Wagen. Er hielt vor dem Hause still. Wer kommt um diese Stunde?

Vielleicht der Bote eines Kranken, der nach einem Priester sendet? Perkow

stand still und horchte. Schritte und Stimmen auf der Treppe; sie nähern

sich, die Tür geht auf und: »Jesus!« entringt sich unwillkürlich

den Lippen des jungen Geistlichen, er weicht ein paar Schritte weit

zurück, ... meint er doch ein Gespenst zu sehen. »Du hier, Georg?«

stotterte er, »bei dieser Kälte, in so später Stunde! Was, um aller

Heiligen willen, führt Dich hierher?«

Der Ankömmling schüttelte sich und griff mit der Hand an die Kehle, als

ob etwas ihn würgte ...

»Gib mir Wein,« brachte er mit heiserer Stimme heraus, »Glühwein, wenn

möglich ... Ich bin ganz starr vor Kälte.«

Joachim ging um ihn herum, befühlte seine Hände, seine Kleider, ... er

glaubte noch immer zu träumen.

»Ich will sogleich ... Setz Dich einstweilen ... oder, besser noch, leg

Dich zu Bett ... Wie kannst Du mich _so_ erschrecken, Georg!«

»Es ist nun einmal mein böses Schicksal, die zu quälen, die mich

lieben,« erwiderte Harteck und ließ sich auf einen Stuhl sinken. »Ich

vermag es nicht zu ändern.«

Joachim entfernte sich und kehrte sehr bald zurück.

»Nun sag mir, was Du hier zu suchen hast,« begann er, holte seine

Bettdecke und warf sie über die Kniee des Freundes. »Weshalb bist Du

gekommen? Doch nicht ... wegen des Mädchens?«

»Nein. Ich bin auf dem Wege nach Salzburg.«

»Dort bin ich gewesen und ...«

»Und sie haben Dich abgewiesen, nicht wahr? Eben, weil ich das voraussah,

gehe ich hin. Sie sollen mit eigenen Augen sehen, was sie aus mir gemacht

haben.«

Ein heftiger Hustenanfall zwang ihn, seine Rede zu unterbrechen.

»Dieser verdammte Husten!« murrte er, als er wieder sprechen konnte.

»Tag und Nacht läßt er mir keine Ruhe. Immer röchelt er in meiner Brust

und will heraus, heraus ... Der Dekan schläft wohl schon?« fragte er

ablenkend und trocknete sich den Schweiß von der Stirn.

»Ich weiß es nicht ... Was willst Du von ihm?«

»Mit diesem Herrn habe ich auch ein Wort zu sprechen. Er wolle nichts für

mich tun, schriebst Du mir. Ich möchte einmal sehen, ob er mir das Aug' in

Auge zu wiederholen wagt!«

»Georg, rege Dich nicht gewaltsam auf,« sagte Joachim und legte

beschwichtigend die Hand auf die Schulter des Freundes.

»Ich soll wohl noch ruhig bleiben?« rief dieser leidenschaftlich. »Was

habe ich getan? Daß ich ein paar alten, miserablen Pfaffen nicht zu

Gesicht stand, ... kann ich dafür! Was habe ich sonst verbrochen, daß sie

mich verenden lassen wollen wie einen räudigen Hund? Mir soll mein Recht

werden, das schwöre ich! Ich will den Herren Pfaffen und Ultramontanen in

Salzburg Dinge sagen, die ihnen noch lang in den Ohren liegen sollen ...

Ich bin nicht mehr der sanfte, furchtsame Narr, der ich war, ... leider zu

lang gewesen bin, ... sonst stünde ich heute anders da. Aber noch ist es

Zeit ...«

Ein lautes Klopfen an die Tür machte ihn verstummen und nach der Tür

hinblicken.

»Wer ist es?« fragte Perkow, aus dessen Gesicht, während der Freund

gesprochen, alle Farbe gewichen war.

»Kann ich eintreten?« fragte es draußen zurück.

»Der Dekan!« murmelte Joachim mit einem verstörten Blick auf Georg.

»O ja! Warum nicht?« antwortete Harteck für den anderen. »Im Gegenteil!

Ich werde mich sehr freuen, den gnädigen Herrn Dekan zu begrüßen ...«

Die Tür ging auf und hereintrat mit zögernden Schritten die beleibte

Gestalt des Dekans. Seine Miene war ängstlich und vorsichtig schloß er

die Tür.

»Ich habe gehört, daß Sie gekommen sind,« hob er an; doch was er ferner

sagen wollte, blieb ihm in der Kehle stecken. Hartecks Anblick entsetzte

ihn. Diese abgemagerten Glieder, um die der schwarze Priestertalar

schlotterte, die eingesunkene Brust, die hinaufgezogenen Schultern, die

hohlen Wangen und Schläfen, die gespenstisch großen Augen und um die

Lippen ein scharfer, krankhafter Zug: in so kurzer Zeit eine solche

Verwandlung, ... das zu finden, hatte der Dekan nicht erwartet.

Harteck war sitzen geblieben und sah den ehemaligen Prinzipal mit höhnisch

herausfordernden Blicken an.

»Sie finden mich sehr verändert, nicht wahr?«

»Allerdings ... ein wenig,« stammelte der Dekan.

»Wenn das hochwürdige Domkapitel von Salzburg« -- er schnitt bei diesen

Worten eine Grimasse -- »mich sehen wird, werden die Herren vielleicht an

meine Krankheit glauben, meinen Sie nicht, Herr Dekan? Dann wird es

nicht mehr heißen: Was dieser Mensch nur will, ... in einemfort will er

anderswohin ... Oder vielleicht irre ich ... vielleicht beurteile ich die

Herren zu menschlich, ... vielleicht werden sie sagen: Um so besser!

Werden wir ihn endlich los! Er tut ja doch nirgends gut ... Keiner seiner

Vorgesetzten mochte ihn leiden, und der hochwürdige Herr Dekan von

St. Jakob hat uns streng auf die Seele gebunden, diesen Menschen nicht zu

schonen, seinen Alfanzereien kein Gehör zu leihen ...«

»Ich bitte Sie,« fiel ihm der Dekan verstört in die Rede, »halten

Sie inne! Was glauben Sie von mir? Es ist mir doch niemals in den Sinn

gekommen ...«

»Nicht? Dann bitte ich um Verzeihung, obwohl ich, entschuldigen Sie, Ihren

Worten keinen rechten Glauben beimessen kann. Sind nicht _Sie_ es gewesen,

der meine Versetzung nach Keßten in Vorschlag gebracht hat?«

»Das habe ich zwar getan ... Wie aber konnte ich voraussehen ...«

»Daß ich erkranken würde? Das konnten Sie freilich nicht voraussehen.

Als aber mein Freund Sie bat, Sie _wiederholt_ bat, ein gutes Wort für

mich einzulegen, ... was gaben Sie ihm zur Antwort? Daß er Sie verschonen

möchte, Sie hätten sich mit diesem Menschen -- mit mir nämlich -- schon

genug gequält und seine Krankheit wäre ohnehin nur erlogen, ... das haben

Sie ihm geantwortet. Glauben Sie wirklich, daß ein Mensch mit einem so

ehrlichen Gesicht und so treuen Augen wie mein Joachim lügen könne?

Das können Sie nicht geglaubt haben, ... aber es war Ihnen lästig, sich

meinethalben zu bemühen. Freilich hätte es Ihnen bloß einige Zeilen

gekostet, ... aber auch das war zu viel verlangt. Sie _wollten_ mir keinen

Liebesdienst erweisen. Das war's.«

Der Dekan sah sich hilfesuchend nach Perkow um. Der aber war zum Fenster

hingetreten und kehrte den Sprechenden den Rücken zu. Seine Hände lagen

auf dem Fensterbrett, seine Stirn lehnte an der Scheibe. Sogar aus der

Entfernung konnte der Dekan wahrnehmen, daß der junge Priester am ganzen

Leibe zitterte.

»Sie gehen denn doch zu weit,« sagte der Dekan, der einsah, daß er nicht

länger stumm bleiben konnte. »Weshalb sagen Sie mir das alles? Warum sind

Sie überhaupt hier?«

»Um Ihnen das alles zu sagen. Zuerst Ihnen, dann der ehrenwerten

Gesellschaft in Salzburg. So krank ich bin, ... ich schleppe mich hin zu

diesen Herren und fordere Gerechtigkeit. Daß sie sich hüten! Ich bin

ein verzweifelter Mensch. Wenn sie nicht nachgeben, will ich andere Saiten

aufziehen, ... will aller Welt verkünden, wie man in dieser Diözese gegen

den niederen Klerus verfährt, ... austreten will ich aus dieser Diözese

und in allen Blättern veröffentlichen lassen, wie man gegen mich

vorgegangen ist, ... sie sollen an mich denken, diese Diener der Kirche.

Zertreten haben sie mich, -- aber ich will den Fuß stechen, der mich

zertreten hat. Vielleicht, daß ein Skandal anderen armen, unterdrückten

Pfaffen zum Heile werden wird, ... dann mag ich in Gottes Namen zugrunde

gehen.«

»Hören Sie mich, Herr Vikar,« sagte der Dekan sichtlich aufgeregt.

»Kommen Sie doch zu sich! Sie waren ja sonst nicht so heftig ...«

Harteck lachte bitter in sich hinein.

»Sehen Sie das jetzt ein?«

»Alles sehe ich ein. Hören Sie mich nur, ich beschwöre Sie. Einen

Skandal können und dürfen Sie nicht machen. Was würde die Welt dazu

sagen? Daß wir den jungen Klerus nichtswürdig behandeln, ... von dem

einen Beispiel würden unsere Gegner auf die Gesamtheit schließen. Und

das wäre doch eine Unwahrheit ... Fragen Sie Ihren Freund, fragen Sie

alle jungen Geistlichen, die in meinem Hause lebten, ... alle werden Ihnen

sagen, daß ich sie anständig behandelt habe. Ich bitte Sie, nehmen Sie

Vernunft an. Ich werde alles für Sie tun, werde selbst nach Salzburg gehen

und den Herren erzählen, was ich gesehen und gehört habe, und ich gebe

Ihnen mein Wort, daß Sie von Keßten fortkommen sollen ... Wollen Sie noch

sonst etwas? Ich bin bereit, alle Ihre Wünsche zu erfüllen.«

Harteck dachte nach. In seinem gesenkten Gesichte dämmerte kein Schimmer

von Versöhnung auf, ... seine Züge blieben finster, wie sie gewesen.

Er wußte, was den Dekan so nachgiebig stimmte. Nicht Reue war es oder

Mitgefühl; einzig und allein die Furcht vor einem möglichen Skandal.

»Ich bin unfähig, den Seelsorgedienst in Keßten zu versehen,« sagte er

nach einer Stille. »Indessen muß er besorgt werden. Verschaffen Sie mir

einen Hilfspriester, der, solang ich noch dort bin, den Dienst für mich

verrichtet.«

»Gern,« versetzte der Dekan hastig. »Wenn Sie wollen, stelle ich Ihnen

den Pater Benediktus zur Verfügung.«

»Den mag ich nicht.«

»Oder Ihren Freund, ... wir werden uns auch ohne ihn behelfen. Lang dauert

es keinesfalls ... Ich werde darauf dringen, daß Sie schleunigst versetzt

werden.«

Harteck nickte bloß schweigend mit dem Kopfe. Seine Züge verrieten große

Erschöpfung, er atmete unruhig. Plötzlich faßte er sich an der Brust und

sein Gesicht überflog ein Ausdruck schmerzhafter Ungeduld.

»Der Husten kommt schon wieder,« sagte er verzagten Tones und blickte wie

in Angst um sich. »Wenn ich mich nur vor _dem_ erretten könnte! Es tut so

weh ...«

Joachim eilte rasch zu ihm hin und stützte sein Haupt mit beiden Händen.

Während sich der Brust des Kranken ein lauter, quälender Husten entrang,

hielt sich Georg krampfhaft an Joachims Rock fest und auf seine Stirn trat

kalter Schweiß.

Der Dekan wurde blutrot im Gesichte. Er glaubte nicht anders, als daß

der Priester ersticken müßte. Erleichtert atmete er auf, als der Anfall

endlich vorüber ging und er den Kranken mit erloschener Stimme sagen

hörte: »Gib mir Wasser, Juchei.«

»Warten Sie! _Ich_ will es ihm bringen!« rief der Dekan. »Bleiben Sie

bei ihm.«

Und eilfertig goß er ein Glas voll und setzte es an die Lippen des

Priesters, während Joachim mit einem Tuch leise die Schweißtropfen von

Georgs wachsbleicher Stirn wischte.

»Danke,« sagte Harteck kurz zum Dekan und trank. Der Dekan betrachtete

die abgemagerten, zitternden Hände des Kranken und tiefe Wehmut beschlich

seine Seele. Erst dreißigjährig und vielleicht nur noch einen Schritt vom

Grabe entfernt! Das war doch namenlos traurig ...

»Weiß Ihre Familie um Ihre Erkrankung?« fragte er.

»Nein.«

»Aber das ist nicht recht von Ihnen ... Sie sollten Ihre Mutter zu sich

berufen, um sich von ihr pflegen zu lassen.«

»Ich brauche niemanden, wenn ich Joachim habe,« antwortete Harteck mit

unsäglicher Zärtlichkeit und führte die Hand des Freundes an die Lippen.

Juchei kämpfte augenscheinlich gegen Tränen.

»Unter meiner Pflege wirst Du gewiß wieder gesund werden,« sagte er mit

dem Versuch, seiner Stimme einige Festigkeit zu verleihen, was ihm jedoch

schlecht gelang.

»_Dazu_ ist es wohl zu spät. Aber vielleicht, daß in einem milderen

Klima, ... ich bin noch jung, ... nur noch ein paar Jahre, ... nur nicht

schon jetzt! Jetzt ist es noch zu früh. Nicht daß ich so sehr an diesem

elenden Dasein hinge, ... nicht meinetwegen kämpfe ich so ängstlich um

das Leben, ... es ist ja doch verspielt ... Dennoch flehe ich zu Gott,

mir noch einige Jahre zu schenken und mich erst dann abzuberufen, wenn --

jemand mich vergessen hat ...«

Er stand rasch auf und ging mit großen Schritten in Joachims Schlafstube.

»Morgen reise ich nach Salzburg,« sprach der Dekan erschüttert. »Und

Sie, ... was gedenken Sie mit ihm anzufangen?«

»Ich werde morgen mit ihm nach Keßten fahren, wenn sein Zustand es

erlaubt. Es ist doch besser für ihn, wenn er wieder zu Hause ist.«

»Freilich, freilich,« sprach der Dekan. Er würde viel darum gegeben

haben, wenn er den unerwünschten Gast nach Keßten hätte zurückversetzen

können; seine Nähe war ihm unheimlich. Eilig sagte er zu Perkow gute

Nacht und entfernte sich so schnell er konnte. Joachim stand lang in

düstere Gedanken verloren da. Erst als er eine Magd eintreten sah --

nicht die hübsche Uschei, die hatte mittlerweile geheiratet, sondern eine

Fremde --, schreckte er aus seinem Sinnen empor und folgte dem Freund.

Georg lag auf dem Bette, das Gesicht in die Kissen vergraben.

»Der gewünschte Glühwein steht auf dem Tisch, Georg,« sagte Juchei.

»Ach ja! Den hatte ich vergessen. Verzeih, daß ich Dich umsonst bemüht

habe, ... ich darf keinen Wein trinken und das war mir entfallen. Aber Eis

soll ich nehmen, wenn ich fühle, daß das Blut kommt.«

»Das -- Blut?« wiederholte der andere mit starrem Blick. »Hustest Du

denn Blut?«

»Ja, manchmal,« antwortete Harteck gleichgültig. »Im Anfang hat es mich

erschreckt, doch jetzt habe ich mich bereits daran gewöhnt. Es verschafft

mir sogar eine Art von Erleichterung.«

»Ich werde Eis holen lassen,« sagte Joachim leichenblaß und starrte

den Freund noch immer an. Georg versuchte zu lächeln, aber der Versuch

mißlang. Seine Mundwinkel bebten nervös, als ob er gegen Tränen

kämpfte, -- dann fiel er auf die Kissen zurück und: »Paula! Paula!

Paula!« kam es mit wildem, sehnsuchtkrankem Schrei von seinen Lippen.

»Georg!« rief Joachim und stürzte zu ihm hin. »Du tötest Dich,

Georg, ...« er faßte ihn bei den Schultern und rüttelte ihn, ... der

arme Junge wußte in seiner Hilflosigkeit nicht, was er tat, ... »komm zu

Dir!«

»Mein süßes, treues, armes Mädchen!« rief Harteck mit schluchzender

Stimme. »Wenn sie wüßte, daß ich ihr so nahe bin! Ach! Wie es mich

gepackt hat, als ich an ihrem Hause vorüberfuhr! Alles lebte in mir

auf, ... all unser kurzes, jammervolles Liebesglück ... Glück! Daß Gott

erbarm!«

»Willst Du sie sehen? Soll ich sie holen?« fragte Joachim, der sich nicht

mehr zu raten wußte.

»Nein! O nein! _Gleichgültige_ sogar erschrecken bei meinem Anblick, ...

wie dann erst _sie_, die mich so zärtlich liebt! ... O Joachim! Wie lebt

sie? Siehst Du sie manchmal? Spricht sie von mir?«

»Wenn wir zusammentrafen, sprachen wir bloß von Dir. Du hast recht, ...

sie ist Dir treu ergeben.«

Harteck seufzte und blieb lange still.

»Brauchst Du außer Eis noch etwas?« fragte Joachim endlich.

Georg verneinte die Frage mit einer Kopfbewegung.

»Dann will ich um Eis schicken,« sagte sein Freund. »Nur

vorsichtshalber ... Hoffen wir, daß wir es in der Nacht nicht benötigen.

Und glaubst Du, Georg, Lieber, daß Du morgen imstande sein wirst, nach

Keßten zurückzukehren?«

»Wenn _Du_ mit mir kommst, ... ja. Nur laß mich nicht allein.«

»Natürlich begleite ich Dich, ... der Dekan hat es erlaubt. Bist Du

schläfrig?«

»Ja ...«

»Dann erlaube, daß ich Dir die Kleider ablegen helfe.«

»Du hast das schon einmal getan,« sagte Harteck, während Joachim ihm die

Kleider vom Leibe zog. »Weißt Du es noch? In der Nacht war es, die meinem

Scheiden von hier voranging ... Du mußt viel Geduld mit mir haben.«

»Du Narr!« sagte Juchei mit erzwungener Heiterkeit. »Hast Du die Zeit

vergessen, wo _ich_ krank war und _Du_ mich pflegtest? Jetzt ist die Reihe

an mir, ... ich vergelte nur gleiches mit gleichem.«

»Gute Nacht,« sagte Harteck und drückte seine Hand. Joachim machte das

Zeichen des Kreuzes über ihn und schlich dann auf den Fußspitzen hinaus,

um Auftrag zu geben, daß Eis geholt werden möchte.

Der geistliche Tod: Roman. Zehnte Auflage. · 第 30 / 35 题