Sie sagte: „Nie, nie, nie, werde ich Ihnen genug dankbar sein können!“

„Oh ja, Fräulein, wenn Sie mich Ihre Achselhöhlen küssen lassen!“

✶

Das Schrecklichste ist, irgendeinen pathologischen Zustand, wie Rausch

oder Eifersucht, nicht „_ausschlafen_“ zu können! Denn dazu ist ja der

Schlaf da, daß man wieder „zur Besinnung“ komme, daß man „ein Vieh war“!

✶

_Schlaf_ ist der Verzeiher aller Sünden, die man dem armen Körper antut!

Man darf daher nicht _mehr_ Sünden begehen als man Schlaf hat! Einige

Sünden jedoch lassen sich nicht „ausschlafen“, z. B. zähes Fleisch mit

Kohl. Auch die „Sünde der Faulheit“ läßt sich schwer ausschlafen. Je

mehr man begeht, desto schläfriger wird man!

✶

Es gibt zwei Sorten moderner Musiker — — — die _Ehrlichen_, das sind

die, die den Richard Wagner _bestehlen_! Und die _Unehrlichen_, das sind

die, die _originell_ sind!

✶

Es gibt Dinge, die man nicht „modernisieren“ kann, z. B. den Kuckuckruf.

Oh ja, man macht ein Rabengekrächze und nennt es „Kuckuckruf“!

✶

„Der gute alte Richard Wagner“, sagen schon manche Vorge-trottelten!

✶

Mit 82 Jahren ist man mit dem Tode schon so _befreundet_, daß er einem

die unangenehmsten Wahrheiten ungeniert ins Gesicht sagt!

✶

Ein Gymnasialdirektor sagte zu jedem Abiturienten beim Abschiede:

„Werden Sie General!“ Er meinte, in jedem Berufe könne man es zum

General bringen!

✶

Es war direkt interessant, wie völlig uninteressant die Dame war!

✶

Es gibt keinen größeren Idealismus als den einer zärtlich liebevollen

Mama. Selbst eine unangenehme Erkenntnis hat bei ihr noch die Gloriole

von roten Herzbluttropfen!

✶

Millionäre trösten uns immer damit, man könne sich auch an Austern

„überessen“. Aber in _diesen Zustand_ eben einmal zu gelangen, ist ja

das Glück!

✶

Ich fahre lieber in einem gefährlichen Automobil als in einem

ungefährlichen Omnibus.

✶

Man ist häufig genötigt, in der guten Gesellschaft das Wort „entzückend“

auszusprechen. Ich habe daher im Tonfall dabei bereits so viele Nuancen

mir zurechtgelegt, daß eine Dame mir einmal, als ich etwas „entzückend“

fand, sagte: „Sie grober unverschämter Kerl! So ekelhaft ist es ja doch

nicht, wie Sie es finden!“

✶

Als der Kutscher uns liebenswürdig die Gegend erklärte, notierte ich bei

jedem Bergnamen zehn Heller Trinkgeld. Als er die „Hohe Veitsch“ nannte,

waren es bereits theoretisch 3 Kronen 70. Wir rundeten es auf 1 Krone 50

ab!

✶

Die Art deines Gehens, o Fraue, wenn du eine Hoteltreppe langsam

hinauf-, langsam heruntersteigst, ist bereits dein „Biografical essay“,

eine Offenbarung deiner wirklichen untrüglichen Werte!

✶

Ich sah sie im Speisesaal eine Zigarette rauchen und war entzückt. Ich

wußte noch gar nicht, was und wie sie sprechen würde. Sie hätte ewig

schweigen dürfen, sitzen, rauchen, blicken — — —.

✶

Das, was die Menschen uns nicht vortäuschen _können_, nicht vortäuschen

_wollen_, _das_ sind sie! Ich habe Kinder gesehen, bei denen das

„_Nießen_“ sogar entzückend war!

✶

Man kann auch elegant zanken, elegant verzweifelt sein, man kann elegant

langweilig sein, und sogar elegant ungezogen! Aber das ist das

schwerste!

✶

_Sie_ bezahlte Champagner und _beleidigte_ mich durch die Art, wie sie

es tat!

_Ich_ zahlte Champagner, und sie _versöhnte_ mich durch die Art, wie sie

es annahm!

✶

Eine Dame sagte: „Ich bitte, Herr Peter, welches ist das idealste

Mundwasser?!“

„Ein idealer Zahnarzt! Denn dann braucht man _gar kein_ Mundwasser, ja

_nicht einmal_ eine Zahnbürste!“

✶

Der Luxus der Frauen steht theoretisch _im umgekehrten Verhältnis_ zur

_Vollkommenheit_ ihres Leibes! Dem _Leinenkleide_ für 25 Kronen

entspricht der Leib der _Pauline Bonaparte_! Eine Dame sagte zu mir:

„Diese blöden teuren Fetzen! Mich müssen’s nackert sehen! Dö Sachen

verschandeln einen ja nur!“

✶

Wenn ein Blumenmädchen in einem Vergnügungslokale an deinen Tisch tritt,

dir für deine Dame eine Rose anzubieten, so muß die Dame _sofort_

erklären, daß sie keine wünsche. Sonst macht sie sich _ebenfalls_ einer

Erpressung schuldig!

✶

Wenn in einem Geschäfte eine Kundschaft nach einer Ware sich erkundigt,

die nicht vorhanden ist, so haben die Verkäufer nicht _stolz-abweisend_

zu erklären: „Nein, das führen wir nicht — — —!“, sondern

_zerknirscht-reuevoll_.

✶

Weshalb erhält man bei uns hölzerne _Fußschemel_ nur in den

_Spielereihandlungen_, während die Geschäfte für _Kücheneinrichtungen_

sich beharrlich sträuben, dieselben zu führen?! Fußschemel sind keine

Spielerei, und in der Küche braucht man Schemel — — —. Das sind

unergründliche Geheimnisse der Geschäftswelt!

✶

In Berlin kann man von März bis Oktober die riesigen

Spiegelscheibenfenster in die Keller hinablassen, und man sitzt im Lokal

gleichsam im Freien in guter Luft. Bei uns kann man das nicht. Wundert

Sie das?! Mich nicht!

✶

Unsere Auslage-Arrangeure wollen immer so viel als möglich vom Lager

hinauszwängen, während gerade _ein einzelnes, besonderes Stück_ die

_ganze Führung_ des Geschäftes, seinen _Geist_ bereits dokumentierte!

✶

Die Klosettfrauen sollten gezwungen werden, lose, einzelne Seifenblätter

zu verkaufen. Die _gemeinsame_ Seife erinnert fast an ein „gemeinsames

Zahnbürstchen“!

✶

Alle Menschen leben „über ihre Verhältnisse“, über ihre ökonomischen,

sexuellen und vor allem über die ihres Verdauungsapparates! Daher ihre

ewige Reizbarkeit und Unduldsamkeit. Irgend etwas bedrückt sie!

✶

Ich sagte einst einem befreundeten jungen Restaurateur in G.: „Vor allem

nimm jede nicht konvenierende Speise _zurück_, selbst im Falle einer

krassen Ungerechtigkeit. Du machst immer noch das _bessere_ Geschäft,

wenn du dieses eine Mal bei dem Hundskerl draufzahlst. Sonst redet er

dir noch Hunderte ab!“

✶

In den gutgehenden Geschäften sind die Bedienenden nervös, weil _zu

viel_ zu tun ist, und in den schlechtgehenden, weil _zu wenig_ zu tun

ist!

✶

Wenn ein Zyniker in der Gesellschaft von Damen zynisch ist, so ist er es

_nur_, weil alle diese Damen ihm _keinerlei Hochachtung_ einflößen. Ich

kann mir einen jeden Zyniker denken, der vor einer „innerlichen Kaiserin

des Daseins“ _verstummte_! Tut er es aber auch in diesem Falle nicht,

dann ist er ein Zyniker!

✶

„Ich verehre Euch, Meister Altenberg, seit Jahren. Aber wozu die Worte?!

Ich möchte Euer letztes Werk erstehen. Was kostet es?!“

„Fünf Kronen.“

„Für drei Kronen würde ich es nehmen — — —. Aber eine schöne

„persönliche Widmung“ erbitte ich mir natürlich!“

Ich schrieb eine persönliche Widmung: „_Sie_ haben mir zwei Kronen

abgehandelt, _ich_ habe es mir abhandeln lassen; jetzt wissen Sie, was

an _Ihnen_ und an _mir_ ist!“

✶

3jähriger Wahrheitsfanatiker, aus dem noch was werden kann:

„Wen hast du denn besonders lieb, Bubi?! Die Mama?!“

„Nicht besonders — — —.“

„Dein Schwesterchen?!“

„Nicht besonders — — —.“

„Wen also hast du besonders lieb?!“

„Die Schokolade!“

✶

Liebesbrief:

„Oh, ich habe ein so grenzenloses Vertrauen zu Ihnen, daß ich es auch

dann nicht verlieren könnte, wenn Sie es mißbrauchen würden!“

✶

Höchstes Lob (Frau Dr. Eugenie Schw.):

„Mein lieber Peter Altenberg, mit keinem der sogenannten „Modernen“

könnten Sie sich vertragen! Mit _Gottfried Keller_ hätten Sie sich

_vertragen_, obzwar Ihr von früh bis abend _erbittert gestritten_

hättet!“

Ausspruch:

„Wissen’s, bei uns in der Hofoper, ich mein’ beim Ballet, teilen wir die

Künstlerinnen, Sängerinnen, natürlich nicht ein nach dem, was sie

können, das is uns Tänzerinnen doch ganz egal, sondern nach dem, ob sie

„_betamt_“ (liebenswürdig-menschenfreundlich) oder „_unbetamt_“ sind!

Die Jüdinnen also sind alle _unbetamt_ natürlich, aber es gibt sogar

unbetamte _Christinnen_ bei uns! Und die sind noch ärger!“

✶

Für 500 Kronen Honorar erklären dir die Ärzte, du habest „eine leichte

Blutzirkulationsstörung“. Es sei nichts von Bedeutung. Für drei Kronen

erklären sie dir, es sei ein leichter Schlaganfall. Die Hauptsache wäre,

er solle sich ja nicht wiederholen!

✶

Ein genialer Arzt verlor seine Stelle und erschoß sich, weil er sich

jungen Patientinnen gegenüber schamlos benommen hatte. Sie fragen mich,

was ich über den Fall dächte?! Ich rechne mir es aus: 57 Patientinnen in

ihrer „Ehre“ gekränkt, 57 Tausend durch den Verlust des genialen Arztes

_effektiv_ geschädigt!

✶

„O, Herr von Altenberg, wie geht es Ihnen?! Noch immer nicht

verheiratet?! Woran arbeiten Sie jetzt momentan?! Schwärmen Sie noch

immer für schöne schlanke 15-Jährige?! Und überhaupt, was gibt es Neues

in Ihrem reichbewegten Leben?!“

„_Genehmigt!_“ erwiderte ich gelassen und entfernte mich.

✶

Jemand sagte zu mir (jeden Tag ist es ein anderer): „Sie sind der

glücklichste Mensch! Sie haben keine Bedürfnisse!“

„Nein, ich habe keinerlei Bedürfnis, Bedürfnisse zu haben, die ich ja

doch nicht befriedigen kann!“

✶

Die Forelle, der Hecht sind gefährliche, ewig auf der _Raublauer_

liegende Tiere. Aber man fängt sie geschickt mit irgendeinem Köder. Bei

Frauen macht man es aber ungeschickt. Meistens reißen sie sich los und

verspeisen nur den Köder!

✶

Die Prinzessin sagte: „Man macht dem Sudermann immer den Vorwurf, daß er

theatralisch sei. Das finde ich ungerecht. Wenn man das meinem Cousin,

dem Louis Liechtenstein, nachsagen dürfte, so wäre es gerecht. Denn der

hat’s nicht nötig. Aber der arme Sudermann, der ist doch dazu da,

theatralisch zu sein!“

✶

Ich sandte dem herrlichen 11jährigen Kinde Margit Kr. einen

selbstgebundenen Strauß von hellblauen Skabiosen und gelben Teerosen.

Die Mama sandte den Strauß zurück mit dem Bemerken, ihr Töchterchen sei

noch _minderjährig_. Ich schrieb: „Gnädige Frau, wann erfolgt die

Volljährigkeitserklärung für _Schönheit und Anmut_?! Gott, Jesus

Christus und die Dichter verstehen nichts von Kalenderberechnung!“

✶

Das mystisch schöne Kind hatte eine unschöne Mama. Alle Damen sagten zu

mir: „Sie wird der Mutter nachgeraten!“ Endlich kam der wunderbare Vater

an, wie ein Sieger-Torero. „Für einen Mann ist er viel, viel zu schön!“

sagten alle Damen. „Nun und das Kind?!“ sagte ich. „Weshalb soll es

gerade ihm nachgeraten?! Weil Sie es sich erwünschen?!?“ Bestien!

✶

Je lustiger, je übermütiger die Geliebte, desto verstimmter der

Geliebte. Alles geht auf seine Kosten, Unkosten. Aber manche Männer

nehmen regen Anteil — — — an diesem Diebstahl vor ihren Augen! Amüsement

ist „Ablenkung des Herzens!“ _Gutmütigkeit_ des _Mannes_ — — —

_verbrecherischer Idiotismus_!

✶

Was nützt es dir, o Jüngling, daß du mit Sorgfalt und Geschmack ein

Bukett zusammenstellest aus herrlichen Bergblumen und Gartenrosen?! Die

Dame fühlt: „Die Bergblumen kosten nichts, und die sieben Rosen je eine

Krone!“

✶

Nur Juden haben die Ungezogenheit, mich zu fragen, weshalb ich stets an

dickem, grünem, seidenem Kordon zwei herrliche Automobilpfeifen,

Sirenen, trage!? Christen fragen das nie. Sie denken gleich: „Weil er

ein Narr ist!“ Die Juden lassen sich durch die Frage noch wenigstens die

Hoffnung offen!

✶

Mein Gehirn hat Wichtigeres zu leisten als darüber nachzudenken, was

Bernard Shaw mir zu _verbergen_ wünscht, indem er mir es _mitteilt_!

✶

Die modernen Damen verlängern sich die Fingernägel statt des Gehirnes.

Das erstere scheint leichter zu sein!

✶

Die Männer suchen ihre Damen von 8 Uhr morgens bis 11 Uhr nachts bei

guter Laune zu erhalten! Wahrscheinlich wegen der übrigen Stunden!

✶

Körperliche Vollkommenheit verpflichtet zu jeder anderen,

geistig-seelischen Vollkommenheit! Aber glücklich die, die zu dieser

Verpflichtung _verpflichtet_ sind!

✶

Ein runder Rücken ist nicht nur ein _runder Rücken_. Es bedeutet auch

einen _flachen_ Brustkasten!

✶

Weshalb dieses unintelligente Sträuben gegen Nährmittelpräparate wie

„Sanatogen“?! Jedenfalls wird es euch mehr nützen als Rostbratl mit

Erdäpfelsalat! Ihr fürchtet euch vor zu viel Kräften?! Na ja, ihr müßt

es ja wissen, wofür ihr sie dann doch nur verwendet!

✶

Nährmittel haben zur Voraussetzung „eine ganze verfeinerte Kultur“.

Sonst bleibe man bei dem a la Hunnen auf dem Sattel weichgerittenen

Roastbeef!

✶

Ich habe gelesen: Den Engländern fehlen leider zwei Sachen: Sinn für

„feine zarte Küche“ und Sinn für „feine zarte Musik“. Jetzt weiß ich,

weshalb sie die Welt unterjocht, viel Geld und viel Ehre gemacht haben!

✶

„Ich habe meinen Gatten lieb, weil er mich reich ausstattet! Ich habe

meinen Geliebten lieb, _obwohl_ er mich nicht reich ausstattet! Wie lieb

hätte ich erst einen Geliebten, der mich reich ausstattet! Aber das gibt

es ja gar nicht; der hat das doch nicht nötig, das wäre ja ein

idiotischer Verschwender, den man unter Kuratel setzen müßte!“

✶

„Ich denk’ über so viele Sachen nach, Gustav, und da werd’ ich ganz

blöd. Wann ich einmal gar nicht nachdenk’, und was ganz Blödes sag’,

dann sagen die Leut’, daß es riesig g’scheit is. Aber unbewußt sagen

sie. Das heißt also, daß es doch blöd is, nicht, Gustav?!“ „Dummerl!“

sagte Gustav, das heißt: „Gscheidterl!“

✶

Die 5jährige Edith sagte abends beim Abschiede zu mir: „Also wann, wann,

wann — — —?!“

"Semmering 1912" · 第 296 / 325 题