EIN REGENTAG

Es regnet. 9. Juli 1912, nachmittag 5 Uhr. Ganz dichte graue Schleier

ziehen über den Bergwald vor meinen Fenstern. Alles trieft, ist

untergetaucht in Nebel. Die Blumen haben ihre Farbe verloren, die

Blechdächer glänzen, sind von Staub gereinigt, naß-poliert. Die

Schaukel, die Schaukel. Vormittags schaukelte noch die sonnigste Frau,

die blondgelichtete, die _musiksprechende_, in der Sonne! Ich sah sie

schweben und weinte. Mir ist nichts anderes gegeben als zu weinen. Ich

kann keine Lieder komponieren zum Preise, wie Brahms, Hugo Wolf, Grieg.

Ich kann nur eine Melodie — — — weinen. Klara, Klara. Es regnet. Graue

Schleier ziehen über den Bergwald vor meinem Fenster. Es duftet nach

nassem Wald natürlich. Alles ist wie ertränkt. Klara, Klara, du sitzest

in deinem Zimmer, lernst wichtige Dinge, fürs nächste Jahr, für die

Prüfung, für das Leben. Deine blonden Lockenwolken streifen das weiße

Papier, auf dem du schreibst — — —. Du sagst: „An einem solchen faden

Nachmittag ist’s noch am besten zu lernen — — —!“

"Semmering 1912" · 第 289 / 325 题