RESPEKT

Er war immer, immer gerührt, ergriffen durch ihre „Persönlichkeit“, die

auch die lange Krankheit nicht in ihr vernichten konnte. Er hatte immer

die Idee, sie würde mit dem letzten Atemzuge noch einen überaus herzigen

und aparten Clowntrick machen, und z. B. sagen: „O, Peter, ich werde

also, wenn ich hinkomme morgen, den Petrus bitten, er soll, wenn du

ankommst, dir deine vielen Sünden verzeihen, schon weil du sein

Namensvetter bist!“

Infolgedessen konnte er sich nicht enthalten, sie im Gespräche hie und

da zärtlichst bei der Hand, am Arme, am Haupte, anzurühren. Wie ein

süßes Kindchen.

Da sagte sie eines Tages: „Frau Lilly rührst du _nie_ an, obzwar du sie

_auch_ sehr gern hast! Du hast aber mehr _Respekt_ vor ihr! Siehst du?“

Seitdem habe ich die süße kindliche Frau nie mehr angerührt.

Einmal sagte sie zu mir: „Hast du mich also nicht mehr so gern wie

früher, Peter?“

„O ja, aber ich habe Respekt vor dir bekommen!“

„Du dummer Mensch!“ sagte sie und lächelte —

"Semmering 1912" · 第 269 / 325 题