FAHRT

Ich bin nicht gereist, ich weiß bis heute es nicht, wie ein Schlafwagen

ausschaut, verstehe nichts davon, daß man nachts in seinem Bett, auf

einem Kopfpolster, unter einer Decke und mit anderen nützlichen und

bequemen Utensilien, durch die Welt getragen wird und morgens, ganz

ausgeruht, irgendwo sich befindet, wo man, mit Respekt zu melden, noch

niemals auch nur annähernd gewesen ist. Nun brachte man mich an einem

frischen Julimorgen, per Automobil, 70 Kilometer die Stunde, nach

_Wiener-Neustadt_. Alle Wiesen begossen uns fortwährend mit ihren

Parfüms. Wind und Duft, das allein spürte man. Lioschka sagte nur

einmal: „Wenn etwas geschieht, gehen die Splitter der Autobrille vorerst

in die Augen und zerreißen sie!“ Dann nahm sie langsam die Autobrille

ab. Dann sagte sie: „Ihre geliebten weißen Kartoffelblütenfelder! Früher

habe ich mich nicht getraut, sie schön zu finden! Es hätte sich auch

nicht für mich geschickt!“ Dann sagte sie: „Haben Sie auch den roten

Mohn in den Wiesen gern, obzwar es ein Unkraut ist und schädlich für die

armen Kühe?!“

Ich berührte leise ihre Hand in den hellbraunen Rehlederhandschuhen. In

Wiener-Neustadt setzte man mich ab. Gerade fiel einer von einem Gerüste,

brach sich das Genick. Ich kaufte mir Bergblumenansichtskarten und

fünffarbige Hülsen für Bleistifte. Ich ließ mir ein Zimmer aufsperren im

Hotel neben dem Bahnhof, um zu schlafen. Alle Bediensteten waren wie

besorgte Kindermädchen, obzwar ich nicht nach „reichlichem Trinkgeld“

aussah. Aber der Schein trügt. Das ist vielleicht die letzte Philosophie

dieser dienenden Menschen.

Er ist vielleicht doch ein reicher Narr! Das letztere stimmte. Man

brachte mir alles, das heißt zehn Flaschen Pilsner Bier. Das _ist_ doch

alles! Ja und einen Roßhaarpolster. Wenn ich nur wüßte, weshalb man noch

nicht auf polierten Granitsteinen schläft?! Diese Eiderdaunen aus

zusammengedrückter Watte sind doch nur für die „Prinzessinnen in den

Kindermärchen“! Wir Erwachsenen wollen hart schlafen, wie die Kaiser in

ihren einfachen Feldbetten im Kriege. Amen.

Ich erwachte und fuhr sogleich auf den Semmering zurück. Aus dem Dunst

ins Gebirge. In _Pottschach_ stieg eine ein, in einem braungrün

schillernden seidenen Bauernkostüme. Die hatte ein Gesicht wie eine

14jährige Eleonora Duse. Aber in Payerbach stieg sie wieder aus. Sie sah

meinen Blick nicht voll Trauer und Verzweiflung. Besser für sie und

mich. Vielleicht hätte sie gedacht: „Alter Hund!“ Die Lokomotive

„pustete“, wie man zu sagen pflegt, in die Bergweltkurven hinauf. Man

glaubt immer, daß sie es nicht überwältigen wird. Aber das ist ein

laienhafter Irrtum. Sie ist dazu geschaffen, konstruiert und

ausprobiert. Gerade so ist es wie mit der „unglücklichen Liebe“. Unser

Herz ist dazu konstruiert. Manchmal zerbricht es. Das sind

„unvorhergesehene Fälle“, die auch der genialste Maschinentechniker

nicht vorausberechnen kann. Die Luft wurde immer frischer, und ich

gedachte des genialen Erbauers dieser Bahn, Ritter von Ghega, der sie in

die Felsen mit Gewalt hineinbohrte, damit der Naturfreund alles genieße,

Abgründe, Urwälder, Ausblicke, kurz die Dekoration der Bergeswelten! Auf

dem Semmering dachte ich: „In Pottschach ist eine eingestiegen, in einem

braungrün schillernden seidenen Bauernkostüme. Weshalb hat sie meinen

Blick nicht gesehen von namenloser Begeisterung?! Vielleicht hätte er

sie geschützt vor dem Herrn so und so, dem sie jetzt unbefangen die Hand

reichen wird zum „ewigen Bunde“?! Unsere Blicke sind nicht da, um zu

„zünden“, sondern um zu „schützen“, vor Blicken, die „seelisch stargrau“

sind! Wir sind nicht da, um zu „erobern“, sondern um zu „schützen“! Ein

jeder hat _seine_ Aufgabe im Leben! Er erfülle sie!

"Semmering 1912" · 第 253 / 325 题