NEKROLOG (FRITZ STRAUSS)

Siehe, es sind schon Leute gestorben, denen ich hätte nachtrauern

sollen, und ich tat es nicht. Andere wieder sind noch am Leben und ich

wünsche ihnen — — — nur nicht gleich fluchen! Aber um einen mir

verhältnismäßig ganz Fremden trauere ich jetzt. Erstens sehe ich gar

nicht ein, weshalb gerade ein 24jähriger Millionärssohn weggerafft

werden soll, der genug Kultur hatte, Geld in _wirkliche_ Werte, ohne

Pflanz, umzuwandeln. Zweitens besaß er Humor, obzwar er wußte, daß es

mit ihm schief gehen könne bei einer zweiten Operation. Er war ein

„_Gentleman-Musical-Clown_“, so benannte ich ihn sogleich. Jeden Abend

nach dem Souper erfreuten er und Herr H., der es auch „nicht nötig“

hatte, das elegante Publikum des Sanatoriums „Wolfsbergkogel“ mit

ihren unübertrefflichen Knock-about-Einfällen, bei Klavier und

Violine. Sie ersetzten eine ganze Varietévorstellung. Die reichen

Damen vergaßen ihrer Leiden, was ihnen umso leichter fiel, als sie gar

keine hatten; die kranken Herren vergaßen, den kranken Damen den Hof

zu machen. Das Lachen war da, das Lachen, in diesen heiligen, ernsten

Gesundheitsräumen, und die Langeweile der _Liegekuren_, dieser neuen

Art, sich noch mehr auf sein armes Ich zu konzentrieren, war

vergessen, gelöscht! Ich bat den jungen Mann, doch ja als

„Gentleman-Champion“ in großen Varietés, ohne Gage, aufzutreten, und

er sagte es mir lächelnd zu. Nun ist er tot. Um den trauere ich. 24

Jahre alt, unabhängig, mit Humor gesegnet, begnadet, gutmütig,

bescheiden. Der hätte _bleiben_ dürfen! Nur der!

"Semmering 1912" · 第 231 / 325 题