ECHT

Ich bin sehr _skeptisch_ in bezug auf _Empfindungen_. Festliche Stimmung

bei Geburtstagsjausen, bedenkliche Gesichter bei schweren

Krankheitsfällen können mir noch lange nicht imponieren. Ich kenne diese

„Rolle“ wohlerzogener Leute. Darüber mehr zu sagen, wäre eine Banalität,

obzwar auch dieses wenige schon eine beträchtliche ist. Aber _eine_

Empfindung gibt es, die _nicht_ unecht ist, das ist das klägliche

Aufheulen, ähnlich wie Hunde beim Klavierspielen, der allernächsten

Angehörigen, in _dem_ Augenblicke, da der Sarg aus dem Schlafzimmer

hinausgetragen wird. Da gibt es kein Schluchzen, kein adieu, kein

Lebewohl, kein _oh_ und kein _ach_. Da gibt es nur ein klägliches

erschreckendes Aufheulen, ein Winseln, wie wenn man den liebevollen Hund

aussperrt, ihm die Türe vor der Nase zuschlägt. Freilich „derfangt“ man

sich sogleich wieder, von den „nicht allernächsten“ Verwandten liebevoll

gestützt, und wankt zu Hut, Handschuhen und Schirm. Der Leichenwagen

wartet nämlich.

Aber dieser _eine_ kurze Augenblick ist _echt_, da der Tote sein

Schlafzimmer verläßt, getragen von vier fremden Männern. Da sagt man

nämlich wirklich Adieu und heult auf, und winselt und spürt es daß

eigentlich alles, alles auf der Welt nicht dafürsteht — — —.

"Semmering 1912" · 第 204 / 325 题