STAMMGÄSTE

Die „Stammgäste“ eines Hotels haben eine eigentümliche Art von

Sicherheit, die ein wenig an „Größenwahn“ erinnert. Sie haben die

Ansicht, daß alles glücklich sei, daß sie wieder da sind, und daß bisher

in dem gesamten Hotelbetrieb eine Art von empfindlicher Stockung

eingetreten sei, die nun glücklicherweise schwinden werde! Sie haben

eine „falsche Liebenswürdigkeit“ mit dem Bedienungspersonal, erkundigen

sich nicht ungern nach Dingen, die sie nichts angehen. Auch ihre

eventuellen „Beschwerden“ gegen die Hotelusancen bringen sie in einem

gütig-väterlich-wohlwollenden Tone an, als wollten sie das ganze

Etablissement vor dem Ruine schützen! In J. war ein reicher Stammgast,

der jeden „Eingeborenen“ mit der Frage beglückte: „Nun, wie war der

Winter bei Euch heuer?!“ Obzwar ein jeder darauf mit Freuden geantwortet

hatte: „Schmecks!“, so sagten doch alle, mit Rücksicht auf Trinkgelder,

die niemals stattfanden: „Heuer besonders hart, gnä’ Herr —.“ Worauf der

Stammgast leutselig erwiderte, daß dafür der Sommer zur Erholung,

nämlich für ihn, diene!

Trotz aller dieser Eigenheiten möchte dennoch keine Gegend ihre

Stammgäste missen, denn sie gehören dazu und machen das Ganze sogar

heimlich, wie die Schwalben, die Störche und anderes stets

wiederkehrendes Getier!

"Semmering 1912" · 第 177 / 325 题