Sehr geehrte gnädige Frau!
Sie wollen „glücklich“ sein? Das ist schrecklich! Beethoven, Schiller,
Hugo Wolf, Novalis, Lenau waren nicht glücklich. Mit welchem Rechte
wollen _Sie_ also glücklich sein? Mit dem Rechte der „Inferiorität?“
Aber darauf haben Sie keinen legitimen Anspruch, da Sie es doch nicht
sind! Sie erzählen mir, daß irgend jemand um Sie bange war, um Sie
geweint hat? Erzählen Sie mir doch lieber, daß _Sie_ um irgend jemand
besorgt waren, geweint haben! Sie sagen mir, was man von Ihnen halte?
Sagen Sie mir doch lieber, was Sie von den andern halten! Sagen Sie mir,
von wem _Sie_ schwärmen, und sagen Sie mir nicht, wer von Ihnen
schwärmt! Ihre eigene Welt ist gerade so wie sie ist, aber die Welt der
andern, der „Nicht-Sie-Seienden“, die ist eine Bereicherung _Ihres_
Denkens, _Ihres_ Fühlens! Zeugnisse mit ausgezeichneten Referenzen sich
von Nichtverstehern ausstellen lassen, ist eine allzu billige
Befriedigung! Sind Sie die Duse, die Yvette Guilbert, die Else Lehmann!
Nun also! Sagen Sie stets: „Ich verehre!“ sagen Sie niemals: „Ich werde
verehrt!“ Ein „labiles Selbstbewußtsein“ ist an und für sich
„unkünstlerisch“! Sei, der du _bist_! Nicht mehr, nicht weniger! Wenn
Sie vom „Russischen Ballett“ schwärmen, von Nidjinsky, von der
Karsawina, von der Niedermetzelung der Haremswächter, von den russischen
Volksmelodien, von den Damen in den Logen und den Silberreifen um ihre
süßen Lockenköpfe, von Samthemden in Violett und Grasgrün, die alles
verbergen wie edel-verschwiegene schwere Portieren — dann, dann sind Sie
Sie selbst! Eine Aufsaugerin der Schönheiten der Welt, eine
_Bereicherte_! Aber wenn Sie von sich selbst sprechen, werden Sie
armselig! Eine, die erzählt, man habe ihr ein Almosen gegeben; eine
Bettlerin an der Brücke, die hinüberführt ins „Versorgungshaus des
Lebens“!