BESUCH

Mein Freund, der Doctor philosophiae aus Heidelberg, schrieb mir, er sei

in tief deprimierter Stimmung, wolle in den „Frieden der Berge

flüchten“, höchst moderne Ausdrucksweise, und vor allem beim Dichter

eine Art von „seelisch-geistigem“ Reinigungsbad nehmen. Als er ankam,

begann ich daher von Rax und Schneeberg, Pinkenkogel und Sonnwendstein

zu schwärmen. Er erwiderte: „Lasse gefälligst diese Marlittiaden einer

überwundenen Epoche und zeige mir lieber eine Dame, mit der man

stundenlang über Ibsen, Hofmannsthal, Stephan George und ähnliche

Geschöpfe seine endgültigen Ansichten los werden kann.“ Er war

glücklich, als ich ihm mitteilte, daß ich zufälligerweise gerade jetzt

drei solcher Damen auf Lager habe, leider aber eine jede in einem

anderen Berghotel. Er meinte, er wolle gern den Wagen bezahlen, und wir

sollten von einer zur anderen fahren. Auf dem Wege könne man ohne

weitere Schwierigkeiten die Schönheit, den Frieden der Bergwelt, aber

ohne Exaltationen über jeden einzelnen Baum, sondern in Bausch und Bogen

genießen. Dieser annehmbare Plan wurde zu allgemeiner Zufriedenheit

ausgeführt. Eine vierte Dame, die sich anschloß, konnte wegen

Zeitmangels nicht ins Gespräch gezogen werden über die Philosophie in

der Musik des Debussy. Der Doktor sagte zu mir: „Ist es also wirklich

wahr, daß man nur bis 11 Uhr abends hier Getränke bekommt?!“ — „Nein,“

erwiderte ich, „das ist eine Verleumdung, man erhält bis Mitternacht

Limonade und Soda-Himbeer!“ — „Esel,“ sagte er, „ich meine schweren

Burgunder!“ Er schlug nun vor, schon um 7 Uhr abends anzufangen, damit

man bis zur Schank-Sperrstunde das Nötige absolviert haben könne. Ich

erklärte ihm, daß ich seit anderthalb Jahren Antialkoholiker sei und

daher vor halb 8 Uhr abends nicht anfangen könne! Er sagte, er sei

einverstanden, da er mich von meinen schwer errungenen Grundsätzen nicht

abbringen wolle. Im Laufe des Abends gesellten sich einige Herren zu

uns, die er in liebenswürdigster Weise anstänkerte, indem er sie fragte,

ob sie sich ernstlich von der Bergluft und der Enthaltsamkeit eine

Heilung ihrer anscheinend doch unheilbaren Leiden erwarteten?!? Bald

waren wir allein, und später erklomm er mit meiner Bergführerhilfe die

Treppe. Er sagte noch: Rax, Schnee—berg, Sonn—wend—stein, Pin—ken—ko—gel

..., dann verschwand er hinter der gepolsterten Tür.

"Semmering 1912" · 第 166 / 325 题