DIE KOSTÜME AUF DEM SEMMERING IN DER SILVESTERNACHT

Ich sah ein ockergelbes Musselinkleid-Hemd mit breitem lila Samtband

geputzt. An der Brust eine große lila-weiße Kamee. Dann sah ich an dem

herrlichen Fräulein Schw... eine weiße seidene Wolke, am Rande bestickt

mit grellem Silberschimmer aus großen viereckigen Silberplättchen. Dann

sah ich an der braunen Frau S. eine schwarze Tüllrobe, mit schwarzem

Hut, mit einer schwarzen samtenen Tulpe an der Brust. Kardinalfarbene

Seidenrobe, bestickt mit kardinalfarbigen Glasperlen. Eine staubgraue,

nebelgraue Tüllrobe, mit breiten ockergelben Samtbändern. Eine

erbsengrüne Tüllrobe, mit hechtgrauen Glasperlen bestickt; braungelbe

Orchideen an der Brust. Frauenschuh. Dann sah ich eine — — — da wußte

ich gar nicht, was sie anhatte; denn ich sah nur ihr Antlitz, ihr süßes,

süßes Antlitz, mit den klaren schimmernden Madonnenaugen — — —. Da sagte

eine ältere Dame zu mir: „Nicht wahr, das bemerke ich sofort, die

Toilette dieser jungen Dame ist ganz nach Ihrem etwas aparten und

übertriebenen Geschmack — — —!?!“ — „Jawohl“, erwiderte ich, „obzwar ich

gar nicht sah, was sie anhatte — — —.“ — „Ja, Sie urteilen eben auch nur

nach dem Äußeren, mein Lieber, sehen Sie wohl?!?“ — „Ja, leider“,

erwiderte ich und starrte die Madonnenaugen an — —. Sie hieß Kl. P. und

dennoch kann niemand ahnen, wer es ist — — —.

"Semmering 1912" · 第 163 / 325 题