GARTENGEDANKEN

Ich habe nichts hinzugelernt durch das ausgezeichnete Buch

„Gartengestaltung der Neuzeit“, und dennoch habe ich das Höchste

profitiert — die Festigung meiner Intuitionen! Gärten wirkten seit jeher

auf mich wie die Natur selbst; so eine eingefangene und dennoch

freigelassene Natur, ein Extrakt derselben! Unser Wiener Rathauspark ist

mir ein Muster, nur fehlt ihm die romantische Verwendung von Wasser in

Form von unregelmäßigen Bassins und Wiesenbächlein samt Wasser- und

Sumpfpflanzen! Ich schrieb schon vor 15 Jahren eine Skizze: „Der

Farbengarten“. Zum Beispiel Graufichte, Picea pungens glauca, graue

Bodenbedeckungspflanzen, grauer Steinbrunnen und Rosen, Rosen, Rosen.

Irgendwo an einem Baumast ein silberner großer Käfig mit einem grauen

Papagei, Lori! Zwei-Farben-Gärten! Nun einige Anregungen: weite

Rasenflächen sind still-aristokratisch, werden aber durch alte,

knorrige, spärlich unregelmäßig hingesetzte Obstbäume sofort

bewegt-romantisch! Es dürfte nie heißen: ein Garten, sondern immer nur:

sein Garten. Goethe hat einen andern Garten als Victor Hugo.

Wasserpflanzen und Steinpflanzen erfordern Bassins und Mauern. Diese

können aber nicht diskret bescheiden genug sein. Der Kurpark in Baden

bei Wien entspringt gleichsam einer dunklen, echten Waldquelle, die die

Wiesenabhänge herabstürzt, sich zerteilend und winzige Tümpel bildend.

Hier ist die Natur am allerdiskretesten organisiert! Ein enragierter

Feind jedoch bin ich seit jeher der Teppichbeete, die mir wie als

Smyrnateppiche mißbrauchte Blumenpracht erscheinen. Man überlasse diese

stilisierten Farbensymphonien den Webern und Knüpfern. Ich bin gegen die

Riesenlineale, Riesenzirkel, gespannten Stricke der Gartenkunst!

Rhabarber erscheint im Gemüsegarten als Nutzpflanze, an Teichen jedoch

als Wildstaude, pittoresk. Jeder Platz eine andere Welt!

Waldrebe, Klematis, ist, an alten Bäumen, unsre „Liane des Urwalds“. Der

Boden ist so reich, daß er auch noch die Schmarotzer in Üppigkeit

erhalten kann. Immergrün als Bodenbedeckung ist ein natürlicher Rasen.

Rasen braucht doch Schneiden, Spritzen, Walzen und Düngen. Rasen will

„gepflegt, gehegt“ werden. Immergrün ist einfach immer grün. Es läßt den

Wurzeln aller andern Pflanzen das Regenwasser, das Gießwasser, das

Tauwasser, das Schneewasser, während der Rasen sich vollsauft und andre

verdursten läßt! Selbst im Winter gibt Sedum spurium noch einen

lebendigen bräunlichgrünen Bodenüberzug, während unser Rasen dann nur

„Winterlieder zum Cello“ in der Seele hervorbringt. Sedum spurium wirkt

körperlicher, plastischer, naturgemäßer, dichter, verworrener als Rasen,

der mir stets den Eindruck von geschnittenem Samt und Plüsch hinterläßt.

Ich bin sehr für Trockenmauerwerk mit schmiedeeisernen Geländern und

dicht bepflanzt mit Kapuzinerkresse. Wie wenn die überstarke Natur auch

da noch Stein und Eisen schmücken möchte mit Grün und Dunkelgelb. Zur

Schlingpflanze gehört ihre _Stütze_. Man _soll_ sie sehen, sie ist ein

naturgemäßer Schmuck. Ihr Holzgitterwerk kann daher sogar aus Edelholz

sein, oder in diskreten Ölfarben, Ocker, Ruß, steingrau. Ich weiß nicht,

weshalb man nicht an niederen Ästen von exotischen Bäumen, Tulpenbaum,

Trompetenbaum, herrliche Käfige mit exotischen Vögeln aufhängt, so als

Urwaldstaffage?! Brombeere, Himbeere, Kletterrose sind mir ein

sympathisches Dickicht, so Dornröschenwald, undurchdringlich einsam.

Weshalb sind Villen nicht dicht bedeckt mit Bauerngärtengeranke?! Ein

Überfluß der Reichen und der Armen.

Steinplattenwege im Garten, in deren Fugen Blumen sprießen, sind

romantisch. Das Haus ströme gleichsam in den Garten aus, erweitere sich,

erhöhe sich zum Garten, verliere seine Bedachungen, an deren Stelle der

blaue Himmel, die graue Wolke tritt. Ich sah an einem Lindenpark ein

dickes rotes Backsteinportal mit eichener Holztür. Da können keine

Talmimenschen wohnen, sondern nur gediegene. Grellrote Holzpforte

zwischen Granitmauern. Gelbe Eschenholzpforte zwischen weiß-schwarzen

Betonmauern.

Weiße Rankrosen geben Märchenstimmung. Gartenlaube am Wasser,

Nachmittagstraumplatz. Buchenjungwald, wunderbar im Vorfrühling und im

Spätherbst. Ein Teppich von raschelnden braunen Blättern darunter.

„Warte nur, balde ruhest du auch!“

Weshalb bepflanzt man die Bergwiesen in Berggärten (Semmering) nicht

dicht mit Wacholder, Rhododendron, Zirbelkiefer, das, was Rax und

Schneeberg von selbst leisten in ihrem künstlerischen Naturgeschmack?!

Stauden vor Gebüsch, ein ideales Ausklingen! Birken, Schlehen, Eriken,

und schon ahnst du den Sandboden der „Mark“. Mit gewissen Pflanzen

kannst du ferne Gegenden herzaubern! Meine Lieblingsbäume: Lärche,

Graufichte, Knieholz, Blutbirke, Rotbuche, Weide! Wasser, Wasser,

fließend oder stehend, du bist der Dichter in dieser Realität:

Landschaft! Du bringst die Romantik, die Musik der Landschaft!

Des Teiches Stille singt des Lebens Schwermut.

Des Baches Murmeln klingt wie Wiegenkindes Plaudern aus dem Traum.

Der Wasserfall singt dir von einer Welt, deren Getöse auch _nicht mehr_

enthält!

Springbrunnen’s Melodie bei Tag und Nacht,

die sanften Herzen melancholisch macht.

Der Sommerregen trommelt auf hunderttausend Blätter,

dürstenden Blumen zärtlicher Erretter!

Über dem Gartensumpf schwirrt die Libelle,

Vom Froschsprung klagt ans Ufer eine Welle!

_Gießkannen_ rieseln sanft auf schwarze Erde,

damit die Pracht des Sommers baldigst werde!

Hörst du dem Brünnlein lange, lange zu,

kommt über dich unmerklich Fried’ und Ruh’!

Oh Mensch, worauf willst du denn ewig warten?!

Such’ deine _kleine große_ Welt in deinem Garten!

"Semmering 1912" · 第 140 / 325 题