Von der Wiege bis zum Grabe wurde mein Freund Ellison von der Woge des
Erfolges emporgehoben. Ich gebrauche aber nicht das Wort Erfolg im
landläufigen Sinne; ich gebrauche es als Synonym für Glück. Der Mensch,
von dem ich rede, schien geboren, um die Doktrinen eines Turgot, Price,
Priestly und Condorcet zu verwirklichen -- durch persönliches Beispiel
den Beweis zu erbringen für das, was man eine Schimäre der Puritaner
genannt hat. Ich vermeine in dem kurzen Dasein Ellisons das Dogma
widerlegt gesehen zu haben, daß in der Natur des Menschen etwas
verborgen sei, das ihn der Seligkeit entziehe. Eine eingehende Prüfung
seiner Laufbahn hat mir zu verstehen gegeben, daß im allgemeinen das
Unglück der Menschheit von der Verletzung einiger weniger einfacher
Menschengesetze abzuleiten ist -- daß wir die Elemente zu heiterer
Genüge bis jetzt ungenutzt in unserer Macht haben -- und daß selbst
jetzt in der gegenwärtigen Finsternis und Tollheit, da alle Gedanken auf
die große Frage der sozialen Lage gerichtet sind, es nicht
ausgeschlossen ist, daß der Mensch, das Individuum, unter gewissen
ungewöhnlichen und rein zufälligen Umständen glücklich sein kann.
Auch mein junger Freund war von derartigen Ansichten ganz erfüllt, und
es ist daher bemerkenswert, daß der ununterbrochene Genuß, den das Leben
ihm brachte, zum großen Teil die Folge weiser Voraussicht war. Ja, es
ist klar, daß Mr. Ellison, hätte er weniger instinktive Philosophie
besessen, die gelegentlich so gut die Stelle der Erfahrung zu ersetzen
weiß, sich durch den so außerordentlichen Erfolg, den das Leben ihm
brachte, in den üblichen Strudel des Unglücks hinabgezogen gesehen
hätte, der das Los aller hervorragend begünstigten Leute ist. Doch es
ist keineswegs meine Absicht, ein Essay über das Wesen des Glücks zu
schreiben. Die Gedankengänge meines Freundes seien nur in kurzen Worten
geschildert. Er gab nicht mehr als vier Elementarsätze oder, genauer
gesagt, Bedingungen für die Freude zu. Die Hauptsache war ihm (seltsam
genug!) der einfache und rein physische Grundsatz der Bewegung im
Freien. »Was man an Gesundheit«, sagte er, »auf anderm Wege erreichen
kann, ist dieses Namens kaum wert.« Als Beispiel führte er die Wonnen
des Fuchsjägers an und wies auf die Ackerbauern hin, die einzigen Leute,
die man, als Klasse betrachtet, glücklicher erachten kann als andre.
Seine zweite Bedingung war Weibesliebe. Seine dritte und sehr schwer zu
verwirklichende war die Verachtung des Ehrgeizes. Seine vierte ein
rastlos gesuchtes Ziel. Und er behauptete, da andre Dinge gleichgültig
seien, so stehe das Maß des erreichbaren Glücksgefühls im Verhältnis zu
der Geistigkeit dieses Gegenstandes.
Ellison zeichnete sich durch eine Fülle guter Gaben aus, die das Glück
ihm in den Schoß geworfen hatte. An Schönheit und Anmut überstrahlte er
alle Männer. Sein Verstand war von der Art jener, denen das Erwerben von
Kenntnissen weniger Anstrengung als Intention und Bedürfnis ist. Seine
Familie gehörte zu den erlauchtesten im Reich. Seine Braut war die
lieblichste und treu ergebenste aller Frauen. Er hatte stets über
reichliches Besitztum verfügt; als er aber mündig wurde, stellte es sich
heraus, daß das Schicksal ihm einen der seltenen Streiche gespielt
hatte, wie sie die ganze soziale Welt, in der sie sich ereignen,
zuweilen in Verblüffung versetzen und selten verfehlen, die
Geistesverfassung derer, denen sie gelten, völlig umzustoßen.
Es fand sich, daß etwa hundert Jahre vor Mr. Ellisons Mündigwerdung in
einer entfernten Provinz ein Mr. Seabright Ellison gestorben war. Dieser
Herr hatte ein fürstliches Vermögen zusammengerafft, und da er keine
direkten Nachkommen hatte, packte ihn die Grille, das Vermögen sich bis
hundert Jahre nach seinem Tode weiter aufstapeln zu lassen. Indem er die
Anlage des Kapitals eingehend und scharfsinnig bestimmte, vermachte er
die aufgehäufte Summe demjenigen nächsten Blutsverwandten des Namens
Ellison, der nach Ablauf von hundert Jahren am Leben wäre. Viele
Versuche waren gemacht worden, diese eigenartige Bestimmung zu umgehen;
ihr Ex-post-facto-Charakter ließ sie fehlschlagen; man lenkte aber die
Aufmerksamkeit einer habgierigen Regierung darauf und erlangte eine
gesetzliche Verfügung, die alle derartigen Geldanhäufungen untersagte.
Das hinderte freilich den jungen Ellison nicht, an seinem
einundzwanzigsten Geburtstag als der Erbe seines Ahnherrn Seabright in
den Besitz eines Vermögens von vierhundertundfünfzig Millionen Dollar zu
kommen.
Als es bekannt wurde, welch ungeheuerliche Summe die Erbschaft
ausmachte, gab es natürlich viele Vermutungen über die Art, wie sie
anzulegen sei. Die Höhe und die sofortige Greifbarkeit der Summe
verwirrte alle, die sich mit der Sache befaßten. Für den Besitzer
irgendeiner übersehbaren Geldmenge hätte man sich irgendeinen von
tausend Plänen ausgedacht. Wäre er mit Gütern gesegnet worden, die
lediglich die der andern Bürger überstiegen, so hätte man sich unschwer
vorgestellt, er werde die beliebten Extravaganzen seiner Zeit in
unerhörtester Weise übertreiben -- oder sich mit politischen Umtrieben
befassen -- oder nach der Machtstellung eines Ministers streben -- oder
sich den höheren Adel kaufen -- oder große Museen der schönen
Künste anlegen -- oder den freigebigen Mäzen in Wissenschaft,
Literatur und Kunst spielen -- oder seinen Namen in ausgedehnten
Wohlfahrtseinrichtungen verewigen. Bei dem unfaßlichen Vermögen jedoch,
in dessen unumschränktem Besitz der Erbe sich befand, empfand man diese
und alle gewöhnlichen Ziele als ein allzu begrenztes Feld. Man nahm zu
Zahlen seine Zuflucht, und auch diese verwirrten noch mehr. Es
stellte sich heraus, daß selbst bei nur drei Prozent das
Jahreseinkommen der Erbschaft nicht weniger als dreizehn
Millionen fünfhunderttausend Dollar betrug, was eine Million
einhundertundfünfundzwanzigtausend Dollar im Monat ausmachte; oder
sechsunddreißigtausendneunhundertundsechsundachtzig am Tag; oder
sechsundzwanzig Dollar für jede entfliehende Minute. So wurde natürlich
der übliche Weg der Mutmaßungen völlig umgestoßen. Die Leute wußten
nicht, was sie ersinnen sollten. Einige meinten sogar, Mr. Ellison werde
sich mindestens der Hälfte seines Vermögens als völlig überflüssig
entledigen -- und die ganze Sippe seiner Verwandtschaft durch Verteilung
dieses Überflusses bereichern. Den nächsten Verwandten überließ er
tatsächlich die ungewöhnlich großen Reichtümer, die ihm bereits vor der
Erbschaft gehörten.
Ich war jedoch gar nicht überrascht, als ich merkte, daß er schon längst
seinen Entschluß über einen Punkt gefaßt hatte, der von seinen Freunden
soviel erörtert worden war. Auch war ich über die Art dieses
Entschlusses nicht allzusehr erstaunt. Hinsichtlich der persönlichen
Wohltätigkeit hatte er sein Gewissen beruhigt. Von der Möglichkeit
irgendeines wesentlichen Dienstes, den der Mensch, wie man so zu sagen
pflegt, der Menschheit erweisen könnte, war er (wie ich leider gestehen
muß) wenig überzeugt. Kurz und gut, glücklich oder nicht glücklich, er
war so ziemlich ganz auf sich selber angewiesen.
Er war im weitesten und edeln Sinne ein Dichter. Er erfaßte überdies den
wahren Charakter, die erhabenen Ziele, die herrliche Majestät und Würde
der poetischen Empfindung. Er fühlte instinktiv, daß die vollste, wenn
nicht die einzige Befriedigung in der Erschaffung neuer Schönheitsformen
lag. Eine gewisse Eigenart, eine Folge seiner Erziehung oder seines
Intellekts, gab allen seinen ethischen Betrachtungen eine
materialistische Färbung, und dieser Hang vielleicht war es, der ihn zu
der Ansicht führte, das vorteilhafteste, wenn nicht das einzig
rechtmäßige Feld für angewandte Poesie biete die Schöpfung neuer Formen
von natürlicher, rein physischer Schönheit. So kam es, daß er weder
Musiker noch Dichter wurde -- wenn wir diese letztere Bezeichnung in
ihrer gewöhnlichen Bedeutung fassen. Mag aber auch sein, daß er beides
nicht werden wollte -- lediglich in Verfolgung seiner Idee, daß die
Verachtung jeglichen Ehrgeizes eine der wesentlichen Wurzeln des
irdischen Glückes sei. Ist es nicht tatsächlich möglich, daß, während
ein großes Genie naturgemäß ehrgeizig ist, noch ein größeres über dem
steht, was wir Ehrgeiz nennen? Kann es nicht sein, daß viele, die weit
größer sind als Milton, sich begnügt haben, »stumm und unberühmt« zu
bleiben? Ich glaube, die Welt hat auf dem Gebiet der Kunst die ganze
erschöpfende Fülle prachtvoller Leistungen, deren die menschliche Natur
unbedingt fähig ist, nie gesehen und wird sie nie sehen -- es sei denn,
daß allerlei Zufälle einmal eines jener größeren Genies, entgegen seiner
eigenen Anschauung, zu Taten veranlassen.
Ellison wurde weder Musiker noch Dichter, obgleich man Musik und Poesie
nicht inniger lieben konnte als er. Es ist nicht ausgeschlossen, daß er
unter andern Lebensbedingungen Maler geworden wäre. Die Bildhauerkunst
war trotz ihres stark poetischen Gehalts zu begrenzt in Form und
Wirkung, um jemals seine Aufmerksamkeit lange fesseln zu können. Und ich
habe nun alle Gebiete aufgezählt, in denen nach allgemeinen Begriffen
die poetische Empfindung sich ausbreiten kann. Ellison aber behauptete,
das reichste und echteste, das natürlichste und wohl auch umfassendste
Gebiet sei unverantwortlicherweise übersehen worden. Kein Deuter habe je
den Landschaftsgärtner als Künstler erwähnt; dennoch, so meinte mein
Freund, biete der Landschaftsgarten der wahren Muse die edelsten
Möglichkeiten. Hier sei wirklich das schönste Feld zur Entfaltung der
Phantasie in immer neuer Gestaltung neuer Schönheitsformen, da die zur
Zusammenstellung vorhandenen Elemente bei weitem die herrlichsten seien,
die die Erde zu bieten habe. In den zahllosen Formen und Farben der
Blumen und Bäume erkannte er den ausgesprochensten und kraftvollsten
Drang der Natur nach körperlicher Schönheit. Und in der Anordnung oder
Vereinigung dieser Bemühungen -- oder richtiger, in ihrer Anpassung an
die Augen, die sie auf Erden würdigen sollten -- glaubte er auf die
beste Art -- und mit erfolgreichsten Leistungen -- der Erfüllung nahe zu
kommen, nicht nur seiner eigenen Bestimmung als Künstler, sondern auch
den erhabenen Zielen, um deretwillen die Gottheit dem Menschen das
künstlerische Empfinden eingeimpft habe.
»Ihre Anpassung an die Augen, die sie auf Erden würdigen sollten ...« In
seiner Erläuterung dieses Ausdrucks trug Mr. Ellison viel zur Lösung
dessen bei, was mir immer als Rätsel erschienen war: -- ich meine die
(nur von Unwissenden bestrittene) Tatsache, daß es in der Natur keine
solchen Szenerien gibt, wie der geniale Maler sie zu schaffen weiß.
Keine solchen Paradiese sind in der Wirklichkeit zu finden, wie sie auf
der Leinwand Claudes erglühen. In den bezauberndsten natürlichen
Landschaften wird stets ein Mangel oder ein Unmaß zu finden sein --
viele Mängel und viele Unmäßigkeiten. Während die gegebenen Bestandteile
im einzelnen das größte Können des Künstlers übertreffen mögen, so wird
die Anordnung dieser Teile stets noch der Vervollkommnung bedürftig
sein. Kurz, in der ganzen weiten natürlichen Landschaft auf Erden gibt
es keinen Betrachtungspunkt, von dem aus ein Künstlerauge bei längerem
Zusehen nicht einen Verstoß gegen das fände, was man die »Komposition«
der Landschaft nennt. Und wie unbegreiflich ist das doch! In allen
andern Dingen sind wir richtig belehrt, die Natur als überlegen
anzusehen. Wir scheuen den Wettbewerb mit ihren Einzelschöpfungen. Wer
wollte es fertigbringen, die Farben der Tulpe wiederzugeben oder die
Gestalt des Maiglöckchens zu verbessern? Die Kritik, die von der
Bildhauerei oder der Porträtkunst sagt, daß hier die Natur nicht nur
erreicht, sondern übertroffen oder idealisiert sei, befindet sich im
Irrtum. Kein malerisches noch bildhauerisches Zusammenwirken von
Einzelheiten menschlicher Schönheit kann mehr, als der lebendigen,
atmenden Schönheit nahe kommen. Nur in der Landschaft ist jener
Standpunkt des Kritikers im Recht, und da er seine Wahrheit hier
empfand, so ist es nur die unüberlegte Vorliebe zur Verallgemeinerung,
die ihn dahin führte, ihn auf allen Gebieten der Kunst als richtig
aufzustellen. Ich sage, seine Wahrheit hier _empfand_; denn die
Empfindung ist keine Einbildung, keine Schimäre. Die Mathematiker
liefern keine exakteren Beweise, als sie dem Künstler in seiner Kunst
das Gefühl bietet. Er glaubt nicht nur, sondern er weiß positiv, daß die
und die scheinbar willkürliche Anordnung der Dinge die wahre Schönheit
ausmacht -- sie ganz allein ausmacht. Seine Gründe aber sind noch nicht
zum Ausdruck gereift. Es bleibt einer gründlicheren Analyse, als die
Welt sie bisher gesehen hat, überlassen, diese Gründe voll zu erforschen
und darzutun. Dessenungeachtet wird er in seiner instinktiven Ansicht
durch die Stimme aller seiner Brüder unterstützt.
Nehmen wir an, eine »Komposition« sei mangelhaft; sie solle lediglich in
ihrer Zusammensetzung umgearbeitet werden; nun möge man die Frage nach
der Notwendigkeit dieser Umarbeitung jedem Künstler, den es nur gibt,
vorlegen, von jedem wird die Notwendigkeit zugegeben werden. Und sogar
weit mehr als das: zur Behebung der fehlerhaften Komposition würde jedes
einzelne Glied dieser Bruderschaft die nämliche Änderung vorgeschlagen
haben.
Ich wiederhole, daß nur bei Landschaftsbildern die Schönheit der Natur
eine Steigerung zuläßt und daß daher die Fähigkeit zu ihrer
Vervollkommnung in gerade diesem einen Punkte ein Geheimnis war, das ich
nicht zu lösen wußte. Meine eigenen Anschauungen über den Gegenstand
gingen dahin, die Natur habe in ihrer ursprünglichen Absicht die Erde so
gebildet, daß sie in allen Punkten der menschlichen Auffassung von
vollendeter Schönheit oder Erhabenheit entsprach; aber diese
ursprüngliche Absicht sei durch die bekannten geologischen Störungen
vernichtet worden -- Störungen in Form und Farbengruppierung, in deren
Verbesserung oder Abschwächung die Seele der Kunst beruht. Die Kraft
dieses Gedankens wurde jedoch sehr abgeschwächt durch die in ihm
verborgene Notwendigkeit, die Störungen als anormal und durchaus
unzweckmäßig zu betrachten. Ellison war es, der die Vermutung aussprach,
sie seien ein Anzeichen des Todes. Er erklärte das so: -- Angenommen,
die ursprüngliche Absicht sei die irdische Unsterblichkeit des Menschen
gewesen. Dann finden wir die ursprüngliche Bildung der Erde seinem
seligen Zustand angepaßt -- zwar nicht bestehend, aber beabsichtigt. Die
Umwälzungen waren die Vorbereitungen für seine später beschlossene
Bestimmung zum Tode.
»Nun könnte aber«, sagte mein Freund, »das, was wir als Steigerung der
landschaftlichen Schönheit empfinden, eine lediglich menschliche
Anschauungsweise sein. Jede Veränderung der natürlichen Szenerie würde
das Bild vielleicht verunstalten, wenn wir es uns von weitem -- als
große Masse gesehen -- denken, von einem der Erdoberfläche fernen Punkt,
wenngleich nicht hinter den Grenzen ihrer Atmosphäre. Es ist leicht
begreiflich, daß das, was einem nah besehenen Detail zum Vorteil
gereichen mag, gleichzeitig eine allgemeine oder entferntere Wirkung
beeinträchtigen kann. Es _könnte_ doch eine Art vordem menschlicher, nun
aber der Menschheit unsichtbarer Wesen geben, denen aus der Ferne unsre
Wirrnis als Ordnung erscheint -- unser Unmalerisches als malerisch; mit
einem Wort, ich meine die Erdengel, für deren Betrachtung mehr als für
unsere und für deren durch den Tod veredelte Bewertung des Schönen die
weiten Landschaftsgärten der Hemisphären von Gott aufgestellt worden
sein mögen.«
Im Laufe des Gespräches führte mein Freund einige Zitate eines
Beurteilers der Landschaftsgärtnerei an, der, wie man sagt, sein Thema
gut behandelt haben soll:
>Es gibt eigentlich nur zwei Richtungen in der Landschaftsgärtnerei, die
natürliche und die künstliche. Man versucht die ursprüngliche Schönheit
der Landschaft wiederherzustellen, indem man ihre eigenen Mittel auf die
Umgebung anwendet: Bäume anpflanzt, die sich den benachbarten Hügeln
oder Flächen harmonisch anpassen; jenen reizvollen Einklang von Größe,
Form und Farbe entdeckt und anwendet, der, dem gewöhnlichen Beschauer
verborgen, sich erfahrenen Naturbeobachtern überall enthüllt. Das
Resultat der natürlichen Richtung in der Gärtnerei zeigt sich mehr in
der Vermeidung aller Mängel und Mißverhältnisse -- in der Pflege einer
gesunden Harmonie und Ordnung --, als im Hervorbringen von Wundern oder
Besonderheiten. Die künstliche Richtung hat soviele Abstufungen, als es
Geschmacksverschiedenheiten zu befriedigen gibt. Sie hat eine gewisse
allgemeine Verwandtschaft mit den verschiedenen Baustilen. Da gibt es
die pomphaften Alleen und Boskette Versailles, italienische Terrassen
und ein vielfach gemischter altenglischer Stil, der eine gewisse
Ähnlichkeit mit der profanen Gotik oder der englischen elisabethanischen
Architektur zeigt. Was auch gegen den Mißbrauch der künstlichen
Landschaftsgärtnerei gesagt worden sein mag, so gibt doch eine
Beimischung reiner Kunst einer Gartenszene große Schönheit. Teils
erfreut es das Auge, daß es eine Ordnung und Planmäßigkeit wahrnimmt,
teils ist es ein geistiges Genießen. Eine Terrasse mit einer alten
moosbewachsenen Balustrade ruft uns sofort die reizenden Gestalten ins
Gedächtnis, die hier in früheren Tagen gewandelt sind. Die kleinste
Darbietung von Kunst ist ein Beweis der Sorgfalt und menschlicher
Selbstliebe.<
»Aus meinen bisherigen Bemerkungen werden Sie begreifen,« sagte Ellison,
»daß ich den Gedanken verwerfe, die ursprüngliche Schönheit der
Landschaft wieder herstellen zu wollen. Die ursprüngliche Schönheit ist
nie so groß, wie die, welche man hervorrufen könnte. Allerdings liegt
alles an der Wahl eines geeigneten Platzes. Was oben über die Entdeckung
und praktische Anwendung hübscher Beziehungen in Größe, Gestalt und
Farbe gesagt ist, ist nichts als eine hohle Redensart, um unklare
Gedanken zu bemänteln. Der genannte Ausspruch kann alles und nichts
besagen und gibt keinerlei Anweisung. Daß der wahre Erfolg des
natürlichen Stils in der Gärtnerei mehr in der Vermeidung aller Mängel
und Mißverhältnisse, als in der Erschaffung irgendwelcher Wunder und
Besonderheiten zu suchen sei, ist ein Vorschlag, der besser zu dem
niedrigen Begriffsvermögen der Herdenmenschen paßt als zu den feurigen
Träumen eines genialen Mannes. Der befürwortete negative Vorzug gehört
zu den hinkenden Beurteilungen, die in der Literatur zum Beispiel einem
Addison eine Apotheose bereiten würden. Ja, während jene Tüchtigkeit,
die lediglich in der Vermeidung von Fehlern besteht, sich direkt an
unsere Einsicht wendet und daher durch Vorschriften umschrieben werden
kann, ist die erhabenere Gabe, die in der Neuschöpfung flammt, allein in
ihren Wirkungen zu begreifen. Regeln behandeln nur die Vorzüge der
Vermeidung -- den Wert der Enthaltsamkeit. Darüber hinaus kann die
kritische Kunst nur mutmaßen. Man kann uns unterweisen, einen >Cato< zu
konstruieren, aber vergeblich wird man uns belehren, wie ein Parthenon
oder ein >Inferno< zu schaffen sei. Ist aber die Sache getan, das Wunder
vollendet, so ist es allgemeinverständlich. Die Sophisten der negativen
Schule, die aus Unfähigkeit zum Schöpferischen solches Tun verspottet
haben, sind nun die eifrigsten im Beifallspenden. Was im Larvenzustand
seines Beginns ihren zahmen Verstand beleidigte, verfehlt nie, in seiner
Reife der Vollendung ihrem Instinkt für Schönheit Bewunderung
abzunötigen.«
»Gegen die Bemerkungen des Verfassers über den künstlichen Stil ist
weniger zu sagen«, fuhr Ellison fort. »Die Beimischung reiner Kunst gibt
einer Gartenszene eine große Schönheit. Das ist richtig, ebenso wie der
Hinweis auf menschliche Selbstliebe. Das angeführte Prinzip ist
unbestreitbar -- es _könnte_ aber darüber hinaus noch etwas geben. Es
könnte ein auf diesem Grundsatz aufgebautes Ziel geben -- ein mit den
üblichen Mitteln des einzelnen unerreichbares Ziel, das aber, wenn es
erreicht wird, dem Landschaftsgarten einen Reiz verleihen würde, der
alles weit überträfe, was menschliche Sorgfalt hervorbringen könnte. Ein
Künstler mit ganz außergewöhnlichen Geldmitteln könnte, trotz
Beibehaltung der notwendigen Begriffe von Kunst oder Kultur oder, wie
unser Autor sagt, von Selbstliebe, seine Pläne gleichzeitig so durch
großzügige Anlage und neuartige Schönheit bereichern, daß man an die
Einmischung von Feenhand glauben möchte. Man wird sehen, daß er zu
solchem Resultat alle Vorteile der Selbstliebe oder Absicht heranzieht,
während er doch sein Werk von der Schärfe oder den Kunstgriffen der
irdischen Kunst befreit. Im finstersten Urwald -- in den entlegensten
Gebieten der Natur -- ist die Kunst eines Schöpfers erkennbar; doch
diese Kunst wird nur dem Verstande deutlich; in keiner Weise hat sie die
einleuchtende Kraft des Gefühls. Nun wollen wir uns diesen Sinn in der
Absicht des Allmächtigen nur einen Grad niedriger denken -- irgendwie in
Harmonie oder in Übereinstimmung gebracht mit dem Wesen der menschlichen
Kunst -- um ein Zwischenglied zwischen beiden zu bilden: -- stellen wir
uns beispielsweise eine Landschaft vor, die durch Ausgedehntheit und
Bestimmtheit, durch Schönheit, Pracht und Absonderlichkeit den Gedanken
an Sorgfalt, Kultur und Pflege durch höhere und doch der Menschheit
verwandte Wesen wachruft -- dann ist der Begriff der Interessiertheit
gewahrt, während die eingeflochtene Kunst zur Annahme einer
vermittelnden oder zweiten Natur führt -- einer Natur, die weder Gott
noch eine Emanation Gottes ist, die aber dennoch Natur ist, als
Kunstwerk der Engel, die zwischen den Menschen und Gott schweben.«
Ellison gedachte seinen ungeheuren Reichtum in der Verwirklichung einer
derartigen Vision anzulegen -- in der durch persönliche Überwachung
seiner Anordnungen gebotenen Bewegung im Freien -- in dem unbeschränkten
Ziel, das diese Absichten boten, in dem vergeistigten Wesen dieses
Ziels, in der Verachtung ehrgeizigen Strebens, die ihm dadurch
ermöglicht wurde, in dem ewigen Lenz, mit dem dieses Ziel, ohne je zu
übersättigen, seine Hauptleidenschaft, den Durst nach Schönheit,
befriedigte; vor allem aber in der Sympathie eines nicht unweiblichen
Weibes, deren Lieblichkeit und Liebe sein Dasein mit der purpurnen
Atmosphäre des Paradieses umgeben; und er hoffte, Befreiung von den
Alltagszielen der Menschheit zu finden, und er _fand_ sie und eine weit
größere Fülle positiven Glücks, als je in den überschwenglichen
Wachträumen einer Staël glühte.
Ich bezweifle, daß ich dem Leser eine irgendwie klare Vorstellung der
Wunder vermitteln kann, die mein Freund tatsächlich verrichtete. Ich
möchte beschreiben, fühle mich aber von der Schwierigkeit der
Beschreibung entmutigt und zögere zwischen Detaillierung und
Verallgemeinerung. Der beste Weg ist vielleicht der, die beiden Extreme
zu vereinigen.
Mr. Ellisons erster Schritt galt natürlich der Wahl einer Örtlichkeit,
und kaum hatte er über diesen Punkt nachgedacht, als die üppige
Naturpracht der Südsee-Inseln seine Aufmerksamkeit fesselte. Ja, er
hatte schon beschlossen, eine Reise in die Südsee anzutreten, als die
Überlegung einer Nacht ihn veranlaßte, die Idee aufzugeben. »Wäre ich
ein Menschenfeind,« sagte er, »so würde mir solch ein Ort gefallen. Die
völlige Abgeschlossenheit und die Schwierigkeit des Hin- und
Zurückgelangens wäre in solchem Falle der Reiz aller Reize; noch aber
bin ich nicht Timon. Ich wünsche die Erholung, aber nicht das
Bedrückende der Einsamkeit. Ich muß in gewissem Sinne den Grad und die
Dauer meiner Zurückgezogenheit bestimmen können. Es mögen Stunden
kommen, in denen ich das, was ich geleistet habe, der Sympathie
poetischer Geister vorführen will. Ich werde daher einen Ort wählen, der
nicht weit von einer volkreichen Stadt liegt, deren Nähe mir auch die
Durchführung meiner Pläne am besten ermöglicht.«
Auf der Suche nach einem solchen Ort reiste Ellison mehrere Jahre umher,
und mir war es erlaubt, ihn zu begleiten. Wohl tausend Plätze, von denen
ich entzückt war, verwarf er aus Gründen, deren Richtigkeit ich jedesmal
anerkennen mußte. Wir kamen schließlich zu einem erhöhten Tafelland von
wundervoller Fruchtbarkeit und Schönheit, das einen Rundblick bot, der
dem des Ätna an Ausdehnung sehr wenig nachstand und das nach Ellisons
wie meiner Ansicht die weitberühmte Aussicht jenes Berges in allen
wesentlichen Elementen des Malerischen überragte.
»Ich bin mir bewußt,« sagte der Reisende mit einem Seufzer tiefen
Entzückens, nachdem er die Szene wohl eine Stunde lang bezaubert
betrachtet hatte, »ich weiß, daß neun Zehntel der wählerischsten Männer
an meiner Stelle hier befriedigt sein würden. Dieses Panorama ist in der
Tat herrlich, und ich würde davon hingerissen sein, wenn es nicht
übertrieben herrlich wäre. Der Geschmack aller mir bekannten Baumeister
veranlaßt sie, der >Aussicht< wegen, ihre Häuser auf eine Höhe zu
stellen. Der Irrtum ist klar. Größe in jeder Form, besonders aber als
Ausdehnung, bringt Überraschung, Erregung -- und ermüdet dann, drückt
nieder. Als gelegentliche Szene kann es nichts Besseres geben -- zum
dauernden Anblick nichts Schlimmeres. Und zum dauernden Anblick ist die
unzulässigste Art der Größe die der Ausdehnung, des weiten Raumes. Sie
steht mit dem Gefühl, dem Sinn für Zurückgezogenheit auf dem Kriegsfuß
-- dem Sinn, den wir zu befriedigen suchen, wenn wir uns >auf das Land
zurückziehen<. Wenn wir vom Gipfel eines Berges um uns blicken, so
fühlen wir uns unwillkürlich verloren in der Welt. Die tief
melancholischen Seelen meiden einen weiten Blick wie die Pest.«
Nicht vor Ende des vierten Jahres unsrer Suche fanden wir eine Gegend,
mit der Ellison sich einverstanden erklärte. Es ist natürlich
überflüssig, zu sagen, wo diese Gegend lag. Der kürzlich erfolgte Tod
meines Freundes, der seine Besitzung für gewisse Kreise von Besuchern
erschloß, hat Arnheim zu einer heimlichen und gedämpften, wenn nicht
traurigen Berühmtheit verholfen, ähnlich -- allerdings in unendlich
höherem Grade -- wie es mit dem so lang verehrten Fonthill gegangen ist.
Der übliche Weg nach Arnheim war der Fluß. Der Besucher verließ die
Stadt am frühen Morgen. Im Laufe des Vormittags glitt er zwischen Ufern
voll stiller, ländlicher Schönheit dahin, auf denen zahllose Schafe
weideten, deren weißes Fell das strahlende Grün der vorüberziehenden
Wiesen sprenkelte. Nach und nach wirkte die Landschaft weniger bebaut,
als lediglich mit Sorgfalt gepflegt. Das wandelte sich allmählich in
Verlassenheit -- diese wieder in völlige Abgeschiedenheit. Als der Abend
kam, wurde der Kanal enger, die Ufer erhoben sich steiler und waren mit
üppigem, dunklem Laubwuchs bedeckt. Das Wasser wurde durchsichtig. Der
Fluß machte tausend Windungen, so daß man seine schimmernde Fläche nur
immer eine kurze Strecke weit überschauen konnte. Jeden Augenblick war
es, als befinde sich das Schiff in einem Zauberkreis aus
undurchdringlichen Laubwänden, einer Decke von tiefblauer Seide und --
_keinem_ Boden, da der Kiel mit staunenswerter Geschicklichkeit auf dem
eines andern gespenstischen Bootes zu balanzieren schien, das, zufällig
kieloben treibend, die beständige Begleitung und gewissermaßen der Halt
des wirklichen Bootes zu sein schien. Der Kanal wurde jetzt zu einer
Schlucht -- die Bezeichnung ist allerdings etwas unangebracht, und ich
gebrauche sie nur, weil die Sprache kein Wort hat, das diesen
auffälligsten Zug der Landschaft kennzeichnet. Der Charakter einer
Schlucht wurde nur durch die Höhe und Gleichmäßigkeit beider Ufer
gegeben; in allem andern war keine Ähnlichkeit zu spüren. Die Wände der
Schlucht (durch die das Wasser weiter still dahinfloß) erreichten eine
Höhe von hundert und gelegentlich hundertfünfzig Fuß und neigten sich
einander soweit zu, daß sie das Tageslicht wesentlich abdämpften,
während das lange flaumige Moos, das in dichten Büscheln vom
verflochtenen Strauchwerk oben herniederhing, der ganzen Kluft eine
trauernde Düsterkeit verlieh. Die Windungen wurden häufiger und
verworrener und schienen oft wieder nach rückwärts zu führen, so daß der
Reisende längst nicht mehr die Richtung kannte. Überdies fühlte er mit
Entzücken die Seltsamkeit seiner Umgebung. Freilich, Natur war es noch
immer, aber sie war beeinflußt worden. Da war eine zauberhafte
Symmetrie, eine packende Gleichmäßigkeit, eine märchenhafte Sauberkeit
hier in ihren Werken. Nicht ein totes Zweiglein -- nicht ein welkes
Blatt -- nicht ein verirrter Kiesel -- nicht ein Fleckchen nackter Erde
war zu sehen. Das kristallklare Wasser wellte an dem sauberen Granit
oder dem fleckenlosen Moos empor in einer so ebenmäßigen Grenzlinie, daß
es das Auge entzückte und bestürzte.
Hatte man die Irrgänge dieses Kanals einige Stunden lang durchzogen,
während die Dämmerung immer mehr zunahm, so brachte eine scharfe und
plötzliche Wendung das Boot wie vom Himmel gefallen in ein rundes Becken
von ansehnlichen Ausmaßen, mit denen der Schlucht verglichen. Es hatte
etwa zweihundert Meter Durchmesser und war bis auf eine einzige Stelle,
die dem Boot bei seinem Eintritt genau gegenüber lag, von Hügeln
eingefaßt, deren Höhe den Mauern der Schlucht entsprach, die aber ganz
anders in der Anlage waren. Sie glitten in einem Winkel von etwa vierzig
Grad zum Wasser herunter, und diese Hänge waren von unten bis oben --
ohne den kleinsten Zwischenraum -- mit den prächtigsten Blüten
geschmückt; kaum ein grünes Blättchen war in dem Meer duftender Farben
und flutender Blütensterne zu sehen. Dieses Becken war von großer Tiefe;
das Wasser war aber so durchsichtig, daß der Boden, der aus einer
dichten Menge kleiner, runder Alabasterkiesel zu bestehen schien,
gelegentlich deutlich sichtbar wurde, das heißt immer dann, wenn das
Auge es fertig brachte, nicht tief unten im umgekehrten Himmel das
verdoppelte Blühen der Hügel wahrzunehmen. Auf diesen gab es weder Bäume
noch Sträucher irgendwelcher Größe. Der Eindruck für den Beschauer war
Fülle, Wärme, Farbe, Ruhe, Gleichmäßigkeit, Sanftheit, Zartheit,
Vornehmheit, Üppigkeit und ein so wundervolles Übermaß von Pflege, daß
man träumen mochte, das Geschlecht der Feen, der fleißigen,
geschmackvollen, prunkliebenden und stolzen Feen sei auferstanden; wenn
aber der Blick von der scharfen Wassergrenze des myriadengetönten Hanges
zu seiner in niedrig ziehenden Wolken verschwimmenden Höhe schweifte, so
war es wirklich schwer, nicht an einen stürzenden Wasserfall von
Rubinen, Saphiren, Opalen und goldschimmernden Onyxen zu denken, der
schweigend aus dem Himmel niederstürzte.
Der Besucher, der plötzlich aus dem Dämmer der Schlucht in diese Bucht
herausgleitet, ist entzückt und überrascht, den vollen Ball der
untergehenden Sonne zu erblicken, die er längst tief unter dem Horizont
glaubte, die ihm nun aber gegenübersteht und den einzigen Abschluß eines
andernfalls unbegrenzten Ausblicks durch einen andern schluchtartigen
Einschnitt in den Hügeln bildet.
Hier aber verläßt der Reisende das Schiff, das ihn soweit getragen hat,
und besteigt ein leichtes Boot aus Elfenbein, das innen wie außen mit
Arabesken in Scharlachrot geziert ist. Bug und Hinterteil des Bootes
heben sich in scharfer Spitze hoch aus dem Wasser, so daß die Form des
Ganzen ein unregelmäßiger Halbmond ist. Mit der stolzen Anmut des
Schwanes wiegt es sich auf dem Spiegel der Bucht. Auf seinem
hermelinbelegten Boden ruht ein einziges leichtes Ruder aus Atlasholz;
doch kein Ruderer oder Begleiter ist zu sehen. Der Gast wird gebeten,
sich vertrauensvoll darauf zu verlassen, daß das Schicksal ihn behüten
wird. Der größere Kahn verschwindet, und er bleibt allein in dem Boot
zurück, das anscheinend unbeweglich mitten im See liegt. Während er
überlegt, welchen Kurs er nehmen soll, spürt er jedoch, daß das Feenboot
sich sacht bewegt. Es schwingt sich langsam herum, bis sein Bug zur
Sonne weist.
Es bewegt sich mit sanfter, aber zunehmender Schnelligkeit voran, und
das leichte Wellenkräuseln umtanzt die elfenbeinernen Bootswände wie mit
himmlischen Melodien -- und gibt jedenfalls die einzige Erklärung für
die schmeichelnde, doch schwermütige Musik, nach deren unsichtbarem
Ursprung der bestürzte Reisende vergeblich um sich blickt.
Das Boot rückt stetig voran, und das Felsentor der Durchsicht rückt
näher, so daß man deutlicher in seine Tiefen spähen kann. Rechts erhebt
sich eine Kette wild und üppig bewaldeter Höhen. Immer aber kann man
sehen, daß die köstliche Sauberkeit des Ufers dort, wo es ins Wasser
taucht, erhalten bleibt. Nicht ein Zeichen des an Flußufern sonst
üblichen Verfalls ist wahrzunehmen. Nach links ist die Szene sanfter,
und das Künstliche ist stärker betont. Hier schwingt sich das Ufer in
sehr sanfter Steigung vom Fluß empor und bildet eine breite Rasenfläche,
die nur mit Sammet zu vergleichen ist und ein so strahlendes Grün
aufweist, daß es mit dem reinsten Smaragd wetteifert. Dieses »Plateau«
hat eine wechselnde Breite von zehn zu dreihundert Metern und reicht vom
Ufer bis zu einer Mauer, die in unzähligen Kurven dahinzieht, im
allgemeinen aber dem Flußlauf folgt, bis sie sich nach Westen in der
Ferne verliert. Diese Mauer besteht aus einem zusammenhängenden Fels und
ist dadurch entstanden, daß man den einst zerklüfteten Hang des
südlichen Flußufers senkrecht abschnitt; doch nicht die kleinste Spur
dieser Arbeit ist mehr zu sehen. Der gemischte Stein ist altersgrau und
ist verschwenderisch mit Efeu, korallenrotem Geisblatt, der wilden Rose
und Klematis behangen und umwuchert. Die Gleichmäßigkeit der oberen und
unteren Abschlußlinie der Mauer wird durch Bäume von gigantischer Größe
erreicht, die vereinzelt oder in Gruppen auf dem »Plateau« oder im
Bereich hinter der Mauer, aber immer dicht neben ihr stehen, so daß
zuweilen die Äste (besonders jene der schwarzen Walnuß) herübergreifen
und ihre hängenden Spitzen ins Wasser tauchen. Weiter hinten ist das
eingeschlossene Gebiet von undurchdringlichem Laubwerk verhüllt.
Diese Dinge bemerkt man, während das Boot der Stelle immer näher kommt,
die ich das Tor der Durchsicht genannt habe. Je mehr man sich ihm
nähert, desto mehr verschwindet das Zauberhafte daran; nach links öffnet
sich ein neuer Abfluß aus der Bucht, und in dieselbe Richtung scheint
auch die Mauer sich zu ziehen, die immer noch den Flußlauf begleitet.
Weit kann das Auge nicht in diese neue Flucht hinunterspähen, denn das
von der Mauer begleitete Wasser biegt wiederum nach links ab, bis beide
im Laubdach verschwinden.
Das Boot aber gleitet wie durch Zauberkraft in den gewundenen Kanal, und
hier zeigt das der Mauer gegenüberliegende Ufer Ähnlichkeit mit dem
vorhin beschriebenen Ufer. Hohe Hügel, die sich gelegentlich zu Bergen
erheben und eine üppige, wilde Vegetation tragen, schließen die Szene
ein.
Das Boot gleitet sanft, aber mit zunehmender Geschwindigkeit dahin, bis
nach vielen kurzen Drehungen der Reisende seinen Weg von einem
gigantischen Tor oder vielmehr einer vergoldeten, überreich zierlichen
Tür gehemmt sieht, die den vollen Strahlen der jetzt schnell sinkenden
Sonne ein so glänzender Spiegel ist, daß der ganze umliegende Wald in
Flammen zu stehen scheint. Dieses Tor ist in die hohe Mauer eingelassen,
die den Fluß hier scheinbar rechtwinklig kreuzt. Nach kurzer Zeit
allerdings sieht man, daß der Hauptstrom des Wassers noch immer in
sanftem und gedehntem Bogen nach links gleitet, wie zuvor der Mauer
folgend, während eine nicht unbeträchtliche Strömung sich von dem
Hauptarm abzweigt und leise kräuselnd unter dem Tor den Blicken
entschwindet. Das Boot fällt in den kleinen Kanal und nähert sich dem
Tor. Seine weitausladenden Flügel dehnen sich langsam und sanft
erklingend. Das Boot gleitet hindurch und fliegt eilig einem ungeheuren
Amphitheater zu, das vollständig von purpurnen Bergen umschlossen ist,
deren Füße ein schimmernder Fluß umspült. Und nun zeigt sich den Blicken
urplötzlich das ganze Paradies Arnheim. Eine bezaubernde Melodie rauscht
auf; ein seltsam süßes Duften umschmeichelt die Sinne, -- und
traumgleich erstehen vor dem Auge hohe, schlanke Zypressen,
laubenartiges Gesträuch, Scharen goldener und scharlachroter Vögel,
lilienumsäumte Teiche, Wiesen voller Veilchen, Tulpen, Mohn, Hyazinthen
und Tuberosen, lange, gewundene, silberne Wasserläufe und mitten aus
alledem phantastisch emporstrebend ein halb gotisches, halb maurisches
Bauwerk, das wie durch Wunderkraft frei in der Luft zu schweben scheint,
im roten Sonnenglanz mit hundert Erkern, Minaretten und Zinnen
erglitzert und vermuten läßt, es sei ein Geisterwerk der Sylphen, Feen,
Genien und Gnomen.