Bei meiner Seele! ich kann mich nicht erinnern, wie, wann und wo ich die
erste Bekanntschaft machte -- der Lady Ligeia. Lange Jahre sind seitdem
verflossen, und mein Gedächtnis ist schwach geworden durch vieles
Leiden. Vielleicht auch kann ich mich dieser Einzelheiten nur darum
nicht mehr erinnern, weil der Charakter meiner Geliebten, ihr
umfassendes Wissen, ihre eigenartige und doch milde Schönheit und die
überwältigende Beredsamkeit ihrer sanft tönenden Stimme -- weil dies
alles zusammen nur ganz allmählich und verstohlen den Weg in mein Herz
nahm, zu allmählich, als daß ich daran gedacht hätte, mir jene äußeren
Umstände einzuprägen.
Ich habe jedoch das Empfinden, als sei ich ihr zum ersten Mal und
hierauf wiederholt in einer altertümlichen Stadt am Rhein begegnet. Und
eins weiß ich bestimmt: sie erzählte mir von ihrer Familie, die sehr
alten Ursprungs war. -- Ligeia! Ligeia! -- Trotzdem ich in Studien
vergraben bin, deren Art mehr noch als alles andre dazu angetan ist,
mich von Welt und Menschen abzusondern, genügt dies eine süße Wort
»Ligeia«, um vor meinen Augen ihr Bild erstehen zu lassen -- das Bild
von ihr, die nicht mehr ist. Und jetzt, während ich schreibe, überfällt
mich urplötzlich das Bewußtsein, daß ich von ihr, meiner Freundin und
Verlobten, der Gefährtin meiner Studien und dem Weib meines Herzens, den
Namen ihrer Familie nie erfahren habe. War es ein schalkhafter Streich,
den Ligeia mir gespielt hatte? War es ein Beweis meiner bedingungslosen
Hingabe, daß ich nie eine Frage danach tat? Oder war es meinerseits eine
Laune, ein romantisches Opfer, das ich auf den Altar meiner
leidenschaftlichen Ergebenheit niedergelegt hatte? Der bloßen Tatsache
sogar kann ich mich nur unklar erinnern -- was Wunder, daß ich die
Gründe dafür vollständig vergessen habe! Und wirklich, wenn jemals der
romantische Geist der bleichen und nebelbeschwingten Aschtophet des
götzengläubigen Ägyptens, wie die Sage meldet, über unglückliche Ehen
geherrscht hat, so ist es gewiß, daß er meine Ehe stiftete und
beherrschte.
Immerhin hat mich wenigstens in einem Punkt meine Erinnerung nicht
verlassen: die Persönlichkeit Ligeias steht mir heute noch klar vor
Augen. Sie war von hoher, schlanker Gestalt, in ihren letzten Tagen
sogar sehr hager. Vergebliches Bemühen wäre es, wenn ich eine
Beschreibung der Erhabenheit, der würdevollen Gelassenheit ihres Wesens
oder der unvergleichlichen Leichtigkeit und Elastizität ihres Schreitens
versuchen wollte. Sie kam und ging wie ein Schatten. War sie in mein
Arbeitszimmer gekommen, so bemerkte ich ihre Anwesenheit nicht eher, als
bis ich den lieben Wohlklang ihrer sanften, süßen Stimme vernahm oder
ihre marmorweiße Hand auf meiner Schulter fühlte. Kein Weib auf Erden
trug solche Schönheit im Antlitz wie sie! Strahlend schön war sie, wie
die Erscheinung eines Opiumtraumes, wie eine göttliche, beseligende
Vision -- göttlicher noch als die Traumgebilde, die durch die
schlafenden Seelen der Töchter von Delos wehen. Doch waren ihre Züge
keineswegs von jener Regelmäßigkeit, wie die klassischen Bildwerke des
Heidentums sie aufweisen und die man mit Unrecht so übertrieben
bewundert. »Es gibt keine auserlesene Schönheit«, sagt Bacon Lord
Verulam da, wo er von allen Formen und Arten der Schönheit spricht,
»ohne eine gewisse Seltsamkeit in der Proportion.« Aber wenn ich auch
sah, daß die Züge Ligeias nicht von klassischer Regelmäßigkeit waren,
wenn ich auch feststellte, daß ihre Schönheit in der Tat »auserlesen«
war, und fühlte, daß viel »Seltsamkeit« in ihren Zügen lag, so habe ich
doch vergebens versucht, dieser Unregelmäßigkeit auf die Spur zu kommen
und meine Feststellung des »Seltsamen« zu begründen. Ich prüfte die
Kontur der hohen und bleichen Stirn -- sie war fehlerlos. Wie kalt
klingt doch dies Wort für eine so göttliche Majestät, für die wie
reinstes Elfenbein schimmernde Haut, die gebieterische Breite und
ruhevolle Harmonie dieser Stirn, die sanfte Erhöhung über den Schläfen,
die eine üppige Fülle rabenschwarzer glänzender Locken umschmiegte --
Locken, die das homerische Epitheton »hyazinthen« so wunderbar
ausfüllten! -- Ich prüfte die feinen Linien der Nase: nirgends anders
als auf althebräischen Medaillons hatte ich ebenso vollkommen Schönes
gesehen; nur dort hatte ich eine gleich wundervolle Zartheit und
dieselbe kaum wahrnehmbare Neigung zu sanfter Krümmung, dieselben
harmonisch geschweiften Nasenflügel, die einen freien Geist verrieten,
gefunden. -- Ich betrachtete den süßen Mund. Hier feierten alle
Himmelswonnen ihr triumphierendes Fest: dieser entzückende Schwung der
kurzen Oberlippe, diese weiche, wollüstige Ruhe der Unterlippe, diese
tändelnden Grübchen, diese lockende Farbe, diese schimmernden Zähne, die
jeden Strahl des heiligen Lichtes widerspiegelten, mit dem ihr heiteres
und ruhevolles und gleichwohl frohlockendes Lächeln sie blendend
schmückte. -- Ich prüfte die Form des Kinns und fand auch hier in seiner
sanften Breite Majestät, Fülle und griechischen Geist -- fand die
Kontur, die der Gott Apoll dem Kleomenes, dem Sohn des Atheners, im
Traume nur enthüllte. -- Und dann vertiefte ich mich in Ligeias große
Augen.
Für Augen finden wir im fernen Altertum kein Vorbild. Es mochte sein,
daß eben hier -- in den Augen meiner Geliebten -- das Geheimnis lag, von
dem Lord Verulam spricht. Sie schienen mir weit größer als sonst die
Augen unsrer Rasse. Sie waren üppiger als selbst die üppigsten Augen der
Gazellen vom Stamme des Tales Nourjahad. Doch geschah es nur zuzeiten --
in Augenblicken tiefster Erregung --, daß diese »Seltsamkeit«, von der
ich vorhin sprach, deutlicher bei ihr wahrnehmbar wurde. Und in solchen
Augenblicken war Ligeias Schönheit -- vielleicht kam es auch nur meiner
erglühten Phantasie so vor -- die Schönheit von überirdischen oder
unirdischen Wesen, die Schönheit der sagenhaften Huri der Türken. Von
strahlendstem Schwarz waren ihre Pupillen und waren tief beschattet von
sehr langen, jettschwarzen Wimpern. Die Brauen, deren Linien kaum
merklich unregelmäßig waren, hatten die gleiche Farbe. Die Seltsamkeit
aber, die ich in den Augen fand, lag nicht in Form, Farbe oder Glanz,
sie muß wohl in ihrem Ausdruck gelegen haben. Ach, bedeutungsloses Wort!
Leeres Wort, hinter dessen bloßem Klang wir uns mit unsrer Unkenntnis
alles Geistigen verschanzen.
Der Ausdruck von Ligeias Augen! O, wie viele Stunden habe ich ihm
nachgesonnen! Wie habe ich eine ganze Mittsommernacht lang gerungen, ihn
zu ergründen! Was war es, dies Etwas, das tief innen in den Pupillen
meiner Geliebten verborgen lag, das unergründlicher war als die Quelle
des Demokritos? Was war es? Ich war wie besessen von dem Verlangen, es
zu entdecken. Diese Augen! Diese großen, diese schimmernden, diese
göttlichen Augen! Sie wurden für mich die Zwillingssterne der Leda, und
ich war ihr andächtigster Astrologe.
Es gibt in der Psychologie viele unlösbare Rätsel, das unheimlichste
aber und aufregendste von allen erschien mir stets die Tatsache -- die
übrigens von den Psychologen kaum je erwähnt worden ist --, daß wir oft,
wenn wir etwas längst Vergessenes wieder in unser Gedächtnis zurückrufen
wollen, bis an die Schwelle des Erinnerns gelangen, ohne doch das, was
sozusagen schon vor uns steht, wirklich festhalten zu können. Und wie
oft, wenn ich den Augen Ligeias nachsann, fühlte ich mich der vollen
Aufklärung über die Bedeutung ihres Ausdrucks ganz nahe: ich fühlte,
diese Aufklärung war da -- gleich, gleich würde ich sie erfassen -- und
da entschwebte sie wieder, noch ehe ich sie hatte festhalten können. Und
-- sonderbares, o sonderbarstes Mysterium! -- ich fand in den
gewöhnlichsten Dingen von der Welt eine Reihe von Analogien zu diesem
Ausdruck. Ich will damit sagen: nachdem Ligeias eigenartige Schönheit
mir bewußt geworden war und nun im Altarschrein meines Herzens ruhte,
lösten viele Erscheinungen der realen Welt dasselbe Empfinden in mir aus
wie der Blick aus Ligeias großen, leuchtenden Augen. Trotzdem aber
wollte es mir nicht gelingen, dies Empfinden zu ergründen oder zu
zergliedern; auch überkam es mich nicht stets in der gleichen Stärke. Um
mich näher zu erklären: jenes Gefühl erfüllte mich zum Beispiel beim
Anblick einer schnell emporschießenden Weinrebe, bei der Betrachtung
eines Nachtfalters, einer Schmetterlingspuppe, eines eilig strömenden
Wasserlaufes. Ich habe es im Ozean gefunden und beim Fallen eines
Meteors, sogar im Blick ungewöhnlich alter Leute. Und es gibt am
Firmament ein paar Sterne, vor allem ein veränderliches Doppelgestirn
sechster Größe nahe beim großen Stern der Leier, bei deren Betrachtung
durch das Teleskop ich mich des nämlichen Gefühls nicht erwehren konnte.
Gewisse Töne von Saiteninstrumenten und bestimmte Stellen in Büchern
durchschauerten mich in ähnlicher Art. Unter zahllosen andern Beispielen
erinnere ich mich besonders eines Ausspruchs, den ich bei Joseph
Glanvill fand und der -- vielleicht nur wegen seiner Wunderlichkeit --
immer wieder diese Stimmung in mir erweckte: »Und es liegt darin der
Wille, der nicht stirbt. Wer kennt die Geheimnisse des Willens und seine
Gewalt? Denn Gott ist nichts als ein großer Wille, der mit der ihm
eignen Kraft alle Dinge durchdringt. Der Mensch überliefert sich den
Engeln oder dem Nichts einzig durch die Schwäche seines schlaffen
Willens.«
Eifriges Nachdenken lange Jahre hindurch hat mir nun wirklich gewisse
leise Beziehungen gezeigt zwischen diesem Ausspruch des englischen
Philosophen und einem Teil von Ligeias Wesen. Es lebte in ihr ein
unerhört starker Wille, der während unseres langen Zusammenlebens nie
spontan zutage trat, sondern sich nur in einer unglaublichen Anspannung
des Denkens, Tuns und Redens zu erkennen gab. Von allen Frauen, die ich
je gekannt, war sie, die äußerlich ruhevolle, die stets gelassen milde
Ligeia, wie keine andre die Beute der tobenden Geier grausamster
Leidenschaftlichkeit. Und diese Leidenschaftlichkeit enthüllte sich mir
nur im wundervollen Strahlen ihrer Augen, die mich gleichzeitig
entzückten und entsetzten, in der fast zauberhaften Melodie, Weichheit,
Klarheit und Würde ihrer sonoren Stimme und in der flammenden Energie,
die in ihren seltsam gewählten Worten lag und die im Kontrast mit der
Ruhe, mit der sie gesprochen wurden, doppelt wirkungsvoll war.
Ich erwähnte schon das umfassende Wissen Ligeias: ihre Kenntnisse waren
unermeßlich -- für eine Frau ganz unerhört. In allen klassischen
Sprachen war sie Meister, und auch in den modernen Sprachen des
Kontinents habe ich ihr, soweit ich selbst mit diesen Sprachen vertraut
war, nie einen Fehler nachweisen können. Und gab es denn überhaupt
irgendein Thema aus den Gebieten der höchsten und schwierigsten
Wissenschaften, bei dem ich Ligeia jemals auf Unkenntnis oder Irrtum
ertappt hätte? Wie sonderbar, wie schauerlich! Diese eine Seite nur vom
Wesen meiner Frau ist meinem Gedächtnis heute noch erinnerlich. Ich
sagte, an Wissen überragte sie weit alle anderen Frauen -- doch wo lebt
der Mann, der die philosophische, physikalische und mathematische
Wissenschaft in ihrer ganzen unermeßlichen Ausdehnung so verständnisvoll
beherrscht hätte?! Damals sah ich noch nicht, was ich jetzt klar
erkenne, daß dies Wissen Ligeias unglaublich, daß es gigantisch war.
Doch blieb ich mir ihrer unendlichen Überlegenheit genügend bewußt, um
mich mit kindlichem Vertrauen ihrer Führung durch die chaotische Welt
metaphysischer Probleme, mit denen ich mich während der ersten Jahre
unserer Ehe eifrig beschäftigte, zu überlassen. Mit welch ungeheurem
Triumph -- mit welch lebhaftem Entzücken -- mit welch himmlischer
Hoffnung konnte ich, wenn sie in diesem so unbekannten, so wenig
gepflegten Studium sich helfend zu mir neigte, fühlen, wie vor mir der
herrlichste Ausblick sich öffnete und ein in diese glänzenden Höhen
führender, langer, köstlicher und noch ganz unbetretener Pfad sichtbar
wurde, auf dem ich wohl endlich empor ans Ziel einer Weisheit gelangen
durfte, die zu göttlich erhaben ist, um nicht verboten zu sein!
Wie heftig muß da der Gram gewesen sein, mit dem ich einige Jahre später
meine so festgegründeten Hoffnungen Flügel nehmen und sich
davonschwingen sah! Ohne Ligeia war ich nichts als ein durch Dunkel
tastendes Kind. Nur ihre Gegenwart, ihr Erklären brachte helles Licht in
die vielen Mysterien des Transzendentalen, in die wir eingedrungen
waren. Wenn den golden züngelnden Schriftzeichen der leuchtende Glanz
ihrer Augen fehlte, wurden sie matter als stumpfes Blei. Und seltener
und seltener fiel nun der Strahl dieser Augen auf die Blätter, über
deren Inhalt ich brütete. Ligeia wurde krank. Die herrlichen Augen
strahlten in übernatürlichen Flammen, die bleichen Hände wurden
wachsfarben wie bei einem Toten, und die blauen Adern auf der hohen
Stirn hoben sich und pochten ungestüm bei der geringsten Aufregung. Ich
sah, daß sie sterben mußte -- und mein Geist rang verzweifelt mit dem
grimmen Azrael.
Noch angestrengter als ich -- rang zu meinem Erstaunen das
leidenschaftliche Weib. So manches in ihrer ernsten Natur hatte in mir
den Glauben gezeitigt, daß für sie der Tod keine Schrecken haben werde
-- doch dem war nicht so. Es gibt keine Worte, die auch nur annähernd
die Wildheit ihres Widerstandes beschreiben könnten, den sie dem
Schatten Tod entgegensetzte. Ich stöhnte gequält bei diesem
mitleiderregenden Anblick. Ich wollte besänftigen, aber gegenüber der
unheimlichen Gewalt, mit der sie nur leben -- nur leben -- nichts als
leben wollte, schienen Trost und Zuspruch unsäglich albern. Aber
trotzdem sich ihr feuriger Geist so wild gebärdete, bewahrte sie die
Hoheit ihres äußeren Wesens bis zum letzten Augenblick, dem Augenblick
des Todeskampfes. Ihre Stimme wurde noch sanfter -- wurde noch tiefer --
dennoch möchte ich jetzt bei dem grausigen Sinn der Worte, die sie in
aller Ruhe sprach, nicht nachdenkend verweilen. Mein Geist, der diesen
überirdischen Tönen hingerissen lauschte -- diesem Hoffen und Ringen,
dieser gewaltigen Sehnsucht, wie nie zuvor ein Sterblicher sie fühlte --
taumelte und verwirrte sich.
Daß sie mich liebte, daran hatte ich nie gezweifelt, auch konnte ich mir
wohl sagen, daß die Liebe eines solchen Herzens nicht mit gewöhnlichem
Maß zu messen sei. Aber erst in ihrem Sterben erhielt ich von der wahren
Kraft ihrer Liebe den vollen Eindruck. Lange Stunden hielt sie meine
Hand und schüttete vor mir das Überfluten eines Herzens aus, dessen mehr
als leidenschaftliche Ergebenheit an Anbetung grenzte. Wie hatte ich es
verdient, mit solchen Bekenntnissen gesegnet zu werden? Und wie hatte
ich es verdient, durch den Verlust der Geliebten verdammt zu werden --
in der nämlichen Stunde, da sie mir diese Bekenntnisse machte? Doch ich
kann es nicht ertragen, von diesen Dingen zu sprechen. Nur eines laßt
mich sagen: ich erkannte in Ligeias mehr als weiblicher Hingabe an eine
Liebe, die ich, ach, gar so wenig verdiente, den wahren Grund für ihr so
tiefes, so wildes Begehren nach dem Leben -- dem Leben, das jetzt so
eilend entfloh. Für dies wilde Sehnen, für diese Gier und Gewalt des
Verlangens nach Leben -- nur nach Leben -- finde ich keine
Ausdrucksmöglichkeit; keine Worte gibt es, die es sagen könnten.
In der Nacht ihres Scheidens ließ sie mich nicht von ihrer Seite. In
tiefster Mitternachtsstunde bat sie mich, ihr einige Verse herzusagen,
die sie selbst wenige Tage vorher verfaßt hatte. Ich gehorchte. Hier
sind sie:
O schaut, es ist festliche Nacht
Inmitten einsam letzter Tage!
Ein Engelchor, schluchzend, in Flügelpracht
Und Schleierflor, sieht zage
Im Schauspielhaus ein Schauspiel an
Von Hoffnung, Angst und Plage,
Derweil das Orchester dann und wann
Musik haucht: Sphärenklage.
Schauspieler, Gottes Ebenbilder,
Murmeln und brummeln dumpf
Und hasten planlos, immer wilder,
Sind Puppen nur und folgen stumpf
Gewaltigen, düsteren Dingen,
Die umziehn ohne Form und Rumpf
Und dunkles Weh aus Kondorschwingen
Schlagen voll Triumph.
Dies närrische Drama! -- O fürwahr,
Nie wird's vergessen werden,
Nie sein Phantom, verfolgt für immerdar
Von wilder Rotte rasenden Gebärden,
Verfolgt umsonst -- zum alten Fleck
Kehrt stets der Kreislauf neu zurück --,
Und nie die Tollheit, die Sünde, der Schreck
Und das Grausen: die Seele vom Stück.
Doch sieh, in die mimende Runde
Drängt schleichend ein blutrot Ding
Hervor aus ödem Hintergrunde
Der Bühne -- ein blutrot Ding.
Es windet sich! -- windet sich in die Bahn
Der Mimen, die Angst schon tötet;
Die Engel schluchzen, da Wurmes Zahn
In Menschenblut sich rötet.
Aus -- aus sind die Lichter -- alle aus!
Vor jede zuckende Gestalt
Der Vorhang fällt mit Wetterbraus,
Ein Leichentuch finster und kalt.
Die Engel schlagen die Schleier zurück,
Sind erbleicht und entschweben im Sturm;
»Mensch« nennen sie das tragische Stück,
Seinen Helden »Eroberer Wurm«.
»O Gott!« schrie Ligeia, sprang vom Bett auf und reckte die Arme empor.
»Gott! Gott! O göttlicher Vater! Muß das immer unabänderlich so sein?
Soll dieser Sieger nie, niemals besiegt werden? Sind wir nicht Teil und
Teile von dir? Wer -- wer kennt die Geheimnisse des Willens und seine
Gewalt? Der Mensch überliefert sich den Engeln oder dem Nichts einzig
durch die Schwäche seines schlaffen Willens.«
Und nun, wie von innrer Bewegung überwältigt, ließ sie die weißen Arme
sinken und kehrte feierlich auf ihr Sterbebett zurück. Und als sie die
letzten Seufzer hauchte, kam gleichzeitig ein leises Murmeln von ihren
Lippen. Ich legte das Ohr an ihren Mund und vernahm wieder die
Schlußworte des Glanvillschen Ausspruchs: »Der Mensch überliefert sich
den Engeln oder dem Nichts einzig durch die Schwäche seines schlaffen
Willens.«
Sie starb. Und ich, der vom Gram völlig zermalmt war, konnte nicht
länger die einsame Verlassenheit meiner Behausung in der düsteren und
verfallenen Stadt am Rhein ertragen. Ich hatte keinen Mangel an dem, was
die Welt »Besitz« nennt; Ligeia hatte mir viel mehr, o sehr viel mehr
gebracht, als für gewöhnlich einem Sterblichen zufällt. So kam es, daß
ich nach einigen Monaten planlosen und ermüdenden Umherwanderns in einer
der wildesten und abgelegensten Gegenden des schönen England eine alte
Abtei, deren Namen ich nicht nennen möchte, käuflich erwarb und instand
setzte. Die düstre und traurige Majestät des Gebäudes, die unglaubliche
Verwilderung der Ländereien, die vielen melancholischen und
altehrwürdigen Erinnerungen, die sich an beide knüpften, hatten viel
gemein mit dem Gefühl äußerster Verlassenheit, das mich in jenen
entlegenen und unwirtlichen Teil des Landes getrieben hatte. An dem
Abteigebäude selbst mit seinem verwitterten, unter blühendem Grün
verborgenen Mauerwerk nahm ich keine Veränderungen vor, dagegen widmete
ich mich mit kindischem Eigensinn und wohl auch in der schwachen
Hoffnung, meinen Kummer dadurch zu zerstreuen, der Ausstattung der
Innenräume und entfaltete hier eine ganz ungewöhnliche Pracht. Ich hatte
schon als Kind Geschmack an solchen Torheiten gefunden, und jetzt, da
mich mein Kummer wieder hilflos machte, stellte sich jener kindliche
Trieb von neuem ein. Ach, ich fühle, wieviel Spuren von
Geistesverwirrung sogar in den prunkhaften und phantastischen Draperien,
in den feierlichen ägyptischen Schnitzereien, in den grotesken Möbeln,
in den tollen Mustern der goldgewirkten Teppiche zu finden waren. Ich
lag, ein gefesselter Sklave, in den Banden des Opiums, und meine
Handlungen und Anordnungen hatten den Charakter meiner Träume
angenommen. Doch ich will nicht bei der Beschreibung dieser Torheiten
verweilen, laßt mich nur von jenem einen verfluchten Gemach sprechen, in
das ich in einem Anfall von geistiger Umnachtung sie als mein
angetrautes Weib führte -- als die Nachfolgerin der unvergessenen Ligeia
-- sie, die blondhaarige und blauäugige Lady Rowena Trevanion of
Tremaine.
Selbst die unbedeutendste Einzelheit in Architektur und Ausstattung
dieses Brautgemachs steht mir noch jetzt deutlich vor Augen. Was dachten
sich nur die goldgierigen, hochmütigen Angehörigen meiner Braut, als sie
einem so geliebten Mädchen, einer so geliebten Tochter gestatteten, die
Schwelle eines derart ausgeschmückten Brautgemachs zu überschreiten.
Trotzdem leider so manche tief bedeutsamen Dinge meinem Gedächtnis
entschwanden, so sind mir doch, wie ich schon sagte, die geringsten
Einzelheiten dieses Zimmers gegenwärtig; ich erinnere mich ihrer,
obgleich in diesem phantastischen Prunk kein System, kein Halt war, an
die mein Erinnern sich hätte klammern können. Das Zimmer lag in einem
hohen Turm der burgartig gebauten Abtei; es war ein fünfeckiger Raum von
beträchtlicher Größe. Die ganze Südseite des Fünfecks nahm das einzige
Fenster ein, eine ungeteilte, riesige Scheibe venezianischen Glases von
bleifarbener Tönung, so daß Sonnenlicht wie Mondglanz über die
Gegenstände des Zimmers nur einen gespenstischen Schein gossen. Der obre
Teil dieser ungeheuren Fensterscheibe wurde durch das Rankenwerk eines
uralten Weinstocks, der an den massigen Mauern des Turmes
emporkletterte, dunkel beschattet. Das düstere Eichenholz der
außerordentlich hoch gewölbten Zimmerdecke war mit Schnitzereien in halb
gotischem, halb druidenhaftem Stil überladen. Genau aus dem Mittelpunkte
dieser melancholischen Wölbung hing an einer einzigen goldenen,
langgegliederten Kette ein mächtiger, goldener Kronleuchter in Form
eines Weihrauchbeckens, mit sarazenischem Bildwerk geschmückt. Dieser
Kronleuchter hatte rundum viele Öffnungen, aus denen wie lebhafte
Schlangen fortwährend die buntesten Flammen züngelten.
Ein paar Ottomanen und goldene orientalische Kandelaber waren im Raum
verteilt. Und da stand auch das Lager, das Brautbett! Es war nach einem
indischen Modell gearbeitet; es war niedrig und aus massivem Ebenholz
geschnitzt und von einem Baldachin, der einem Bahrtuch glich, überdacht.
In jeder Ecke des Zimmers stand aufrecht ein riesiger, schwarzgranitener
Sarkophag, den unsterbliche Skulpturen schmückten. Diese Sarkophage
stammten aus den Königsgräbern von Luxor. Aber noch mehr als in allem
andern waltete meine unheimliche Phantasie in der Wandverkleidung des
Gemachs. Die unverhältnismäßig hohen Wände waren von der Decke bis zum
Fußboden mit faltenreichem schwerem Goldstoff verhangen -- demselben
Stoff, der als Fuß- und Ottomanenteppich, als Bettdecke und Baldachin
sowie als prunkhafter Überhang der einen Teil des Fensters
überschattenden Vorhänge Verwendung gefunden hatte. Dieser Goldstoff
trug in unregelmäßigen Zwischenräumen arabeskenartige Figuren von einem
Fuß Durchmesser, die aus tiefschwarzem Stoff gearbeitet waren. Aber nur
von einer einzigen Stelle aus betrachtet schienen diese Figuren nichts
als Arabesken zu sein. Infolge eines heute allgemein bekannten
Verfahrens, das man jedoch schon im frühen Altertum anwendete, boten sie
dem Beschauer von jeder Seite ein andres Bild. Wenn man das Zimmer
betrat, erschienen sie einfach nur wie Monstrositäten, je mehr man sich
ihnen aber näherte, desto bestimmtere Gestalt nahmen sie an, und Schritt
für Schritt, je nach dem vom Beschauer gewählten Standpunkt, sah man
sich von einer wechselnden Prozession gespensterhafter Wesen umringt,
wie etwa der Aberglaube der Normannen sie ersonnen hat oder ein Mönch in
sündenhaftem Traum sie erschauen mag. Der gespenstische Eindruck wurde
noch erhöht durch einen künstlich hinter die Draperien geführten
ununterbrochenen Luftzug, der dem Ganzen eine rastlose und abscheuliche
Lebendigkeit verlieh.
In solchem Raum also, in solchem Brautgemach verlebte ich mit Lady
Rowena of Tremaine die gottlosen Stunden unsres Honigmonds -- ohne viel
Aufregung. Daß mein Weib vor meiner Übellaunigkeit Furcht hatte, daß sie
mir aus dem Wege ging und mir nur wenig Liebe entgegenbrachte, konnte
mir nicht entgehen, aber gerade dies freute mich mehr, als wenn es
anders gewesen wäre.
Ich verabscheute sie, ich haßte sie, mit einer Inbrunst, die geradezu
teuflisch war. Mein Erinnern floh, o, mit welch tiefem Leidgefühl! zu
Ligeia zurück, der Geliebten, der Hehren, der Schönen, der Begrabenen!
Ich schwelgte im Gedenken ihrer Reinheit und Weisheit, ihres erhabenen,
ihres himmlischen Wesens, ihrer leidenschaftlichen, ihrer anbetenden
Liebe. Jetzt lohte in meiner Seele noch wildre, noch heißere Flamme, als
sie in ihr, in Ligeia, gebrannt hatte. In den Ekstasen meiner
Opiumträume -- ich lag fast immer im Bann dieses Giftes -- rief ich
wieder und wieder ihren Namen durch das Schweigen der Nacht oder bei Tag
durch die schattigen Schluchten der Landschaft. Es war, als ob das wilde
Verlangen, die tiefernste Leidenschaft, das verzehrende Feuer meiner
Sehnsucht nach der Dahingegangenen sie auf den irdischen Pfad
zurückführen müßten, den sie -- ach konnte es denn für ewig sein? --
verlassen hatte.
Gegen Beginn des zweiten Monats unsrer Ehe wurde Lady Rowena plötzlich
von einer Krankheit befallen, von der sie nur langsam genas. Zehrendes
Fieber machte ihre Nächte unruhig, und in ihrem aufgeregten
Halbschlummer redete sie von gespenstischen Lauten und Schatten, die im
Turmzimmer und in seiner nächsten Umgebung sich vernehmen, sich sehen
ließen. Ich hielt diese Äußerungen natürlich für Einbildungen einer
kranken Phantasie, die allerdings durch das unheimliche Zimmer geweckt
sein konnte. Sie erholte sich schließlich wieder -- und genas endlich
völlig. Doch nur für kurze Zeit; denn bald warf ein zweiter, heftigerer
Anfall sie von neuem aufs Krankenlager. Und von diesem Rückfall erholte
sie, die ohnedies von zarter Gesundheit war, sich nie mehr vollständig.
Die Krankheitserscheinungen, die dem zweiten Anfall folgten, waren sehr
beunruhigend und spotteten aller Wissenschaft und allen Bemühungen der
Ärzte. Mit dem Anwachsen ihres chronischen Leidens, das ersichtlich
schon tiefer wurzelte, als daß man ihm mit Medikamenten erfolgreich
hätte beikommen können, bemerkte ich auch eine Steigerung ihrer nervösen
Reizbarkeit und ihres schreckhaften Entsetzens bei ganz nichtigen
Anlässen. Sie sprach wieder -- und häufiger und hartnäckiger jetzt --
von den Lauten, den ganz leisen Lauten, und von den seltsamen Schatten,
die sich an den Wänden regten.
In einer Nacht, es war gegen Ende September, wies sie meine
Aufmerksamkeit mit mehr als gewöhnlichem Nachdruck auf diese peinigenden
Ängste hin. Sie war soeben aus unruhigem Schlummer erwacht, und ich
hatte -- halb in Besorgnis und halb in Entsetzen -- das Arbeiten der
Muskeln in ihrem abgemagerten Gesicht beobachtet. Ich saß seitwärts von
ihrem Ebenholzbett auf einer der indischen Ottomanen. Sie richtete sich
halb auf und sprach in eindringlichem leisen Flüstern von Lauten, die
sie jetzt vernahm, die ich aber nicht hören konnte -- von Bewegungen,
die sie jetzt sah, die ich aber nicht wahrnehmen konnte. Der Wind wehte
hinter der Wandverkleidung in hastigen Zügen, und ich hatte die Absicht,
ihr zu zeigen (was ich allerdings, wie ich bekenne, selbst nicht ganz
glauben konnte), daß dieses kaum vernehmbare Atmen, daß diese ganz
geringen Verschiebungen der Gestalten an den Wänden nur die natürliche
Folge des Luftzuges seien. Doch ein tödliches Erbleichen ihrer Wangen
ließ mich einsehen, daß meine Bemühungen, sie zu beruhigen, fruchtlos
sein würden. Sie schien ohnmächtig zu werden, und keiner der Dienstleute
war in Rufnähe. Da erinnerte ich mich einer Flasche leichten Weines, den
die Ärzte ihr verordnet hatten, und eilte quer durchs Zimmer, um sie zu
holen. Doch als ich unter den Flammen des Weihrauchbeckens angekommen
war, erregten zwei sonderbare Umstände meine Aufmerksamkeit. Ich fühlte,
daß ein unsichtbares, doch greifbares Etwas leicht an mir
vorbeistreifte, und ich sah, daß auf dem goldenen Teppich, genau in der
Mitte des reichen Glanzes, den die Ampel darauf niederwarf, ein Schatten
-- ein schwacher, undeutlicher, geisterhafter Schatten lag; so zart war
er, daß man ihn für den Schatten eines Schattens hätte halten können.
Aber ich war infolge einer ungewöhnlich großen Dosis Opium sehr
aufgeregt und achtete dieser Erscheinungen kaum, erwähnte sie auch
Rowena gegenüber nicht.
Ich fand den Wein, schritt quer durchs Zimmer ans Bett zurück, füllte
ein Kelchglas und brachte es an die Lippen der nahezu ohnmächtigen
Kranken. Sie hatte sich ein wenig erholt und ergriff selbst das Glas;
ich sank auf die nächste Ottomane und sah gespannt zu meinem Weib
hinüber. Da geschah es, daß ich deutlich einen leisen Schritt über den
Teppich zum Lager hinschreiten hörte, und eine Sekunde später, als
Rowena den Wein an die Lippen führte, sah ich -- oder träumte, daß ich
es sah --, wie, aus einer unsichtbaren Quelle in der Atmosphäre des
Zimmers kommend, drei oder vier große Tropfen einer strahlenden,
rubinroten Flüssigkeit in den Kelch fielen. Ich nur sah dies -- Rowena
sah es nicht. Sie trank den Wein ohne Zögern, und ich unterließ es, ihr
von der Erscheinung zu sprechen, die, wie ich mir nach reiflicher
Überlegung sagte, vielleicht nur eine Vorspiegelung meiner lebhaften
Einbildungskraft gewesen sein mochte, die durch die Äußerungen der
Leidenden, durch das Opium und durch die späte Nachtstunde krankhaft
erregt sein mußte.
Dennoch konnte ich mir nicht verhehlen, daß die Krankheit meiner Frau,
nachdem sie den Becher geleert hatte, eine rapide Wendung zum
Schlimmsten nahm. Und in der dritten Nacht darauf kleideten die
Dienerinnen Lady Rowena in das Leichengewand -- und in der vierten Nacht
saß ich allein bei ihrem Leichnam in dem seltsamen Gemach, in das sie
als meine Braut eingetreten war.
Wilde Visionen, eine Folge des Opiumgenusses, umschwebten mich wie
Schatten. Meine Blicke musterten unruhig die in den Ecken des Zimmers
aufgestellten Sarkophage, die veränderlichen Gestalten des Wandteppichs
und die züngelnden, buntfarbigen Flammen des Weihrauchbeckens mir zu
Häupten. Ich erinnerte mich der sonderbaren Erscheinungen jener Nacht,
in der über Rowenas Leben entschieden worden war, und blickte
unwillkürlich auf die vom Ampellicht bestrahlte Stelle des Teppichs, wo
ich damals den schwachen Schein eines Schattens bemerkt hatte. Es ließ
sich jedoch nichts mehr sehen, und ich wandte mich aufatmend ab und
heftete meine Blicke auf das bleiche und starre Antlitz der
Aufgebahrten. Da überfielen mich tausend liebe Erinnerungen an Ligeia,
und über mein Herz stürzte mit der Wucht eines Gießbaches das ganze
unsagbare Weh, mit dem ich sie im Leichentuch gesehen hatte. Die Stunden
gingen, und immer noch saß ich und starrte Rowena an, das Herz
geschwellt vom Gedenken an die eine Einzige, die himmlisch Geliebte.
Es mochte gegen Mitternacht sein -- vielleicht etwas früher oder später,
ich hatte der Zeit nicht geachtet --, als ein leiser, zarter, aber
deutlich wahrnehmbarer Seufzer mich aus meinen Träumen aufschreckte. Ich
fühlte, daß er vom Ebenholzbett her kam -- vom Totenbett. Ich lauschte
in angstvollem, abergläubischem Entsetzen -- aber der Laut wiederholte
sich nicht. Ich strengte meine Augen an, um irgendeine Bewegung des
entseelten Körpers wahrzunehmen -- nicht die mindeste Regung war zu
entdecken. Dennoch konnte ich mich nicht getäuscht haben. Ich hatte das
Geräusch, wie schwach es auch gewesen sein mochte, tatsächlich
vernommen, und meine Seele war erwacht und lauschte. Ich heftete meine
Augen durchdringend und mit aller Willenskonzentration auf den
Totenleib. Viele Minuten vergingen, ehe sich auch nur das geringste
ereignete, das Licht in dies Geheimnis bringen konnte. Endlich sah ich
ganz deutlich, daß ein leiser, ein ganz schwacher und kaum wahrnehmbarer
Hauch sowohl die Wangen wie auch die eingesunkenen feinen Adern der
Augenlider gerötet hatte. Ein namenloses Grausen, eine wahnsinnige
Furcht, für die es keine Worte gibt, ließ mich auf meinem Sitz zu Stein
erstarren und lähmte das Pulsen meines Herzens. Und doch gab mir
schließlich ein gewisses Pflichtgefühl meine Selbstbeherrschung zurück.
Ich konnte nicht länger daran zweifeln, daß wir in unserm Vorgehen allzu
voreilig gewesen waren, ich konnte nicht länger daran zweifeln -- daß
Rowena lebte. Man mußte sofort Wiederbelebungsversuche anstellen. Doch
der Turm lag ganz abseits von den andern Gebäuden, in denen die
Dienerschaft untergebracht war -- keiner der Leute befand sich in
Hörweite -- wollte ich sie zu meiner Hilfe herbeiholen, so hätte ich das
Zimmer auf viele Minuten verlassen müssen -- das aber durfte ich nicht
wagen. Ich bemühte mich daher allein, die Seele, die noch nicht ganz
entflohen schien, wieder ins Leben zu rufen. Aber schon nach kurzer Zeit
war ersichtlich ein Rückfall eingetreten; die Farbe verschwand von
Wangen und Augenlidern, die nun bleicher noch als Marmor erschienen. Die
Lippen schrumpften ein und kniffen sich zusammen und trugen den
gräßlichen Ausdruck des Todes; eine widerliche, klebrige Kälte breitete
sich schnell über den ganzen Leib, der überdies vollständig steif und
starr wurde. Schaudernd sank ich auf das Ruhebett zurück, von dem ich in
so fassungslosem Schreck aufgescheucht worden war, und gab mich von
neuem leidenschaftlichen, wachen Visionen hin, in denen ich Ligeia vor
mir sah.
So war eine Stunde verstrichen, als ich -- konnte es möglich sein? --
ein zweites Mal von der Gegend des Bettes her einen schwachen Laut
vernahm. Ich lauschte in höchstem Grauen. Der Ton wiederholte sich -- es
war ein Seufzer. Ich eilte zur Leiche hin und sah -- sah deutlich --,
daß die Lippen zitterten. Eine Minute später öffneten sie sich und
legten eine Reihe perlenschöner Zähne bloß. Zu der tiefen Furcht, die
mich bis jetzt gebannt hielt, gesellte sich nun auch Bestürzung. Ich
fühlte, wie es dunkel vor meinen Augen wurde, wie meine Gedanken
wanderten, und nur durch ganz gewaltige Anstrengung gelang es mir, mich
für die Aufgabe, auf die mich die Pflicht nun wiederum hinwies, zu
stählen. Sowohl auf der Stirn wie auf Wangen und Hals war jetzt ein
sanftes Glühen zu bemerken, eine fühlbare Wärme durchdrang den ganzen
Körper, am Herzen ließ sich sogar ein leichter Pulsschlag spüren. Die
Tote lebte, und mit doppeltem Eifer unterzog ich mich den
Wiederbelebungsversuchen. Ich rieb und benetzte die Schläfen und die
Hände und wendete alles an, was Erfahrung und eine gute Belesenheit in
medizinischen Dingen erdenken konnten. Doch vergeblich. Plötzlich
verschwand die Farbe, der Pulsschlag hörte auf, die Lippen nahmen wieder
den Ausdruck des Todes an, und einen Augenblick danach hatte der Körper
die frostige Eiseskälte, den bleiernen Farbton, die vollkommene Starre,
die eingesunkenen Formen und all die widerlichen Eigenschaften dessen,
der schon seit vielen Tagen ein Bewohner des Grabes gewesen war.
Und wieder sank ich in Träume von Ligeia -- und wieder -- was Wunder,
daß ich beim Schreiben jetzt noch schaudre -- wieder drang vom
Ebenholzbett her ein leiser Seufzer an mein Ohr. Aber warum soll ich die
unaussprechlichen Schrecken jener Nacht in allen Einzelheiten schildern?
Warum soll ich darüber nachsinnen, wie ich es ausmalen könnte, wie bis
zur Morgendämmerung dies fürchterliche Drama des Wiederbelebens und des
Wiederabsterbens sich fortsetzte, wie jeder schreckliche Rückfall einen
tiefren, unlöslicheren Tod bedeutete, wie jede Agonie wie ein Ringen mit
einem unsichtbaren Feind erschien und wie jeder Kampf ich weiß nicht was
für eine gräßliche Veränderung in der Erscheinung des Körpers nach sich
zog? Laßt mich zum Schluß eilen.
Der größte Teil der furchtbaren Nacht war dahingegangen, und sie, die
tot gewesen, rührte sich wieder. Und die Lebenszeichen waren jetzt
kräftiger als bisher, obgleich sie kurz zuvor in eine Auflösung gesunken
war, die gräßlicher schien als alle früheren. Ich hatte es schon längst
aufgegeben, mich zu bemühen, mich überhaupt noch zu rühren. Ich saß
erstarrt auf der Ottomane -- eine hilflose Beute wilder Aufregungen,
deren am wenigsten schreckliche, am wenigsten aufreibende wohl eine
maßlose Angst war. Der Leichnam, ich wiederhole es, rührte sich, und
zwar lebhafter als bisher. Die Farben des Lebens schossen mit
unglaublicher Energie ins Antlitz, die Glieder wurden wieder beweglich,
und wenn die Augenlider nicht noch immer fest geschlossen geblieben
wären, wenn der Leib nicht noch immer still in seinen Grabtüchern und
Bändern dagelegen hätte, so hätte ich glauben müssen, daß Rowena sich
endgültig aus den Fesseln des Todes befreit habe. Doch wenn bis dahin
dieser Gedanke noch entschieden zurückgewiesen werden mußte, so
schwanden alle Zweifel, als nun das leichentuchumhüllte Wesen vom Bette
aufstand und schwankend, unsicheren Schrittes, mit geschlossenen Augen
und mit dem Gebaren eines Traumwesens, doch körperlich sichtbar und
fühlbar, sich in die Mitte des Zimmer vorbewegte.
Ich zitterte nicht -- ich rührte mich nicht -- denn eine Fülle
unaussprechlicher Empfindungen, die sich an das Aussehen, die Gestalt
und ihre Bewegungen knüpften, hatte mein Hirn überfallen und mich ganz
gelähmt. Ich rührte mich nicht -- doch meine Blicke hingen an der
Erscheinung. Meine Gedanken taumelten wie im Wahnsinn -- tobten und
ließen sich nicht halten und bändigen. Konnte das wirklich die lebende
Rowena sein, die mir da gegenüberstand? Konnte es überhaupt Rowena sein
-- die blondhaarige, blauäugige Lady Rowena Trevanion of Tremaine?
Warum, warum sollte ich es bezweifeln? Die Binde lag fest um den Mund --
aber warum sollte es nicht der Mund, der atmende Mund der Lady of
Tremaine sein? Und die Wangen -- sie trugen Rosen wie im Mittag ihres
Lebens -- ja, das waren wohl sicher die schönen Wangen der lebenden Lady
of Tremaine. Und das Kinn, das Kinn mit den Grübchen der Gesundheit, war
es nicht das ihre? -- Aber war sie denn in ihrer Krankheit gewachsen?
Welch unaussprechlicher Wahnsinn faßte mich bei dem Gedanken? Ein
Sprung, und ich lag zu ihren Füßen! Sie wich meiner Berührung aus, und
die gräßlichen Leintücher, die den Kopf umschlossen hatten, lösten sich
und fielen nieder -- und in die wehende Atmosphäre des Gemachs strömten
gewaltige Wogen aufgelösten Haares: es war schwärzer als die
Rabenschwingen der Mittnacht! Und nun öffneten sich langsam die Augen
der Gestalt, die dicht vor mir stand. »Hier, hier endlich«, schrie ich
laut, »kann ich mich niemals -- niemals irren: dies sind die großen und
die schwarzen und die wilden Augen -- meiner verlorenen Geliebten -- die
Augen der Lady -- der Lady Ligeia!«