Fig. 1. Antike Sonnenuhr 6

„ 2. Wasseruhr von ~P.~ Athanas Kircher 14

„ 3. Sanduhr aus dem 16. Jahrhundert 15

„ 4. Oeluhr 20

„ 5. Aelteste Hemmung (Waagunruhe) 28

„ 6. Waageuhr 30

„ 7. Alte Räderuhr 31

„ 8. Uhr von Dover Castle aus dem Jahr 1348 35

„ 9. Uhr von Lyon 38

„ 10. Uhr von 1392. Germanisches Museum Nürnberg 41

„ 11. Uhrmacherwerkstätte im 16. Jahrhundert nach Stradanus 45

„ 12. Zeitglockenturm in Bern 48

„ 13. Kalenderzifferblatt der Uhr am Zeitglockenturm in Bern 49

„ 14. Automatengruppe der Uhr am Zeitglockenturm in Bern 50

„ 15. Zifferblatt der Uhr in Solothurn 53

„ 16. Straßburgeruhr 57

„ 17. Federhaus, Schnecke und Kette 71

„ 18. Alte Tischuhr von 1504 72

„ 19. Inneres derselben 73

„ 20. Taschenuhr aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts 78

„ 21. Zylindrische Taschenuhr aus der Zeit Peter Henleins 79

„ 22. Französische Taschenuhren aus der Zeit der Valois 80

„ 23. Totenkopfuhr 81

„ 24. Jost Bürgi 86

„ 25. Galilei 89

„ 26. Pendeluhr Galileis 92

„ 27. Galileische Hemmung 93

„ 28. Christiaan Huygens 96

„ 29. Pendeluhr von Huygens 102

„ 30. Pendelaufhängung 105

„ 31. Aeußeres einer Huygensʼschen Uhr 105

„ 32. Entstehung einer Cykloide 110

„ 33. Halbcykloide 111

„ 34. Hemmung von Clement 115

„ 35. Graham 116

„ 36. Graham-Anker 117

„ 37. Stiftehemmung 118

„ 38. Mannhardtʼsche Uhr 119

„ 39. Riesterʼs Hemmung, Vorderansicht 123

„ 40. „ „ Seitenansicht 124

„ 41. „ Astronomische Uhr unter Glas 126

„ 42. Rostpendel 127

„ 43. Quecksilberpendel 129

„ 44. Nickelstahlpendel 130

„ 45. Einfachste elektrische Uhr 132

„ 46. Schematische Kontaktvorrichtung 133

„ 47. Vorderansicht einer Uhr von Hipp 134

„ 48. Seitenansicht „ „ „ „ 135

„ 49. Kontaktvorrichtung von Hipp 136

„ 50. }

} System Magneta 137 u. 138

„ 51. }

„ 52. Pneumatische Uhr 140

„ 53. ~a.~ ~b.~ Zwei Taschenuhren mit Automaten 141 u. 142

„ 54. Ringuhr ~c.~ 1780 143

„ 55. Kleine Uhr von 1680 143

„ 56. Uhr von Beaumarchais und Genferuhr 143

„ 57. Zylinderhemmung, vergrößert 146

„ 58. Wirkungsweise der Zylinderhemmung 146

„ 59. Schweizer Ankerhemmung 147

„ 60. Kompensationsunruhe 148

„ 61. Chronometer 155

„ 62. Chronometerhemmung 156

„ 63. La Chaux-de-Fonds 166

„ 64. Breguet 168

„ 65. Aelteste Holzräderuhr von 1613 175

[Illustration]

~I.~

Die Zeitmesser der alten Völker.

Die Worte der Genesis: „Es wurde Abend und es wurde Morgen, ein Tag”,

geben uns einen Fingerzeig über das zuerst angewandte Zeitmaß: den

scheinbaren Umlauf der Sonne. Nach ihrem Auf- und Untergang berechnete

der Mensch die Tage, ohne jedoch damit vorläufig ein eigentliches,

genaues Zeitmaß zu haben. Mond und Sterne wurden ebenfalls schon in den

ersten Zeiten beobachtet, um auf das „Wie spät ist es?” eine Antwort

geben zu können. Der Wechsel des Mondes führte allmählich zum Begriff

„Monat”; Sommer und Winter mit je sechs solchen Wechseln bildeten das

Jahr.

Die fortschreitende Kultur verlangte aber bald eine genauere Messung;

diese finden wir im Begriff „Mittag”. Sein Ursprung ist wohl bei den

Chaldäern, Babyloniern und Aegyptern zu suchen; die westlichen Völker,

so z. B. die Römer, überkamen ihn erst ziemlich spät von den Griechen.

Ein öffentlicher Diener der Konsuln mußte diesen Mittag ausrufen,

sobald er von der Kurie aus die Sonne zwischen den Rostren und dem

Gesandtenpalast stehen sah. In den zwölf Tafeln findet sich auch zuerst

die Bezeichnung „~ante meridiem~” vormittags; man brauchte aber bei

den Römern mit Vorliebe, wie aus vielen Stellen der antiken Texte

hervorgeht, den Ausdruck „~hora sexta~” (sechste Stunde).[1]

Uebrigens mochte schon von Anfang an der Magen die Stelle einer ersten

Tageseinteilung vertreten, wie denn auch nach Aulus Gellius[2] Plautus

in einer verloren gegangenen Komödie einen Schmarotzer sagen läßt:

„Daß die Götter den verdammen, der zuerst die Stunden erfand und

deshalb diese erste Sonnenuhr setzte, die mir Armen stückweise den Tag

verkürzt. Als Knabe war der Bauch meine Sonnenuhr, unter allen die

beste und richtigste. Ueberall mahnte diese zum Essen, außer wo nichts

zu essen war; jetzt aber wird auch was da ist, nicht gegessen, wenn es

der Sonne nicht gefällt” u. s. w. -- Das Kriegswesen der Römer brachte

bald auch die Einteilung der Nacht in sog. Vigilien, vier an der

Zahl[3].

Als weiteres Mittel der Zeitbestimmung diente auch schon früher der

Haushahn. Die Römer führten ihn mit sich auf ihren Kriegszügen,

daher war er dem Mars geweiht. Weil er zweimal kräht, das erstemal

um Mitternacht, dann vor Tagesanbruch, so ließ sich mit dieser Uhr

allenfalls auskommen, so lange keine große Genauigkeit erforderlich

war, wie ja auch jetzt noch der Hahn bei den Landleuten vielfach

als Wecker dient. Uebrigens blieb dieses streitbare Tier noch

lange Begleiter der Heere; so führten in der ersten Hälfte des 15.

Jahrhunderts die Burgunder bei der Belagerung von Calais unter Philipp

dem Guten viele Hähne mit sich, damit sie ihnen die Mitternacht und den

Beginn der Dämmerung anzeigten. Zum gleichen Zwecke nahmen auch die

Seefahrer Hähne mit sich[4].

Viel leichter aber und genauer läßt sich irgend eine Tageszeit aus

der Länge des Schattens, d. h. aus der Sonnenhöhe bestimmen. So finden

wir auch tatsächlich in den ältesten Nachrichten neben den später zu

erwähnenden Wasseruhren Sonnenuhren genannt. Sonnen- und Wasseruhren

sind also die ältesten Zeitmesser.

Die Erfindung der Sonnenuhr liegt vollständig im Dunkeln; vielleicht

benutzten die Aegypter die Obelisken als Sonnenzeiger, vielleicht

ist sie babylonischen Ursprungs. Gewöhnlich wird als ihr Erfinder

der Chaldäer Berosus (ca. 600 v. Chr.) genannt,[5] der seine Heimat

verlassend, auf der Insel Kos, gegenüber Milet, eine Schule errichtete

und so die Kenntnis der Sonnenuhr den Griechen vermittelt hätte.[6]

Ursprünglich diente ein Stab oder eine Säule als Sonnenzeiger

(Gnomon), auch der menschliche Körper wurde dazu benützt. Eine der

ältesten Sonnenuhren, die erwähnt wird, ist jene des Königs Achaz

(4. Könige 20, 9-11; Is. 38, 8.), welche für den Gebrauch des

Hofes bestimmt war; nach und nach kamen auch auf die öffentlichen

Plätze der Städte Sonnenuhren. Von derartigen Uhren haben uns die

alten Schriftsteller viele Nachrichten überliefert. So läßt z. B.

Aristophanes in den „~Ecclesiazusen~” die Praxagora, eine Schwärmerin

für Frauenemanzipation, ihrem Manne auf die Frage, wer denn unter dem

neuen Regiment das Feld bestellen müsse, antworten: „Die Sklaven. Du

aber hast nichts zu besorgen, als gebadet und gesalbt zum Essen zu

kommen, wenn das Stoicheion (der Schattenzeiger) 10 Fuß mißt.” Der

Erklärer sagt dazu, daß man damals die Tageszeit, zu der man sich zum

Essen bestellte, durch die Länge des Schattens angab. Ebenso hat uns

Athenäus ein Fragment des Menander aufbewahrt, worin ein Schmarotzer

geschildert wird, dem das Ungeschick widerfährt, morgens beim Aufstehen

den hellen Mondschein für die Nachmittagssonne anzusehen; eiligst mißt

er den Schatten, und da er ihn länger als 12 Fuß findet, so läuft er

aus Leibeskräften, um -- bei Tagesanbruch an dem Orte anzukommen,

wohin er auf den Abend geladen ist. -- Der Komiker Eubulos (~Athen.

I, 8.~) läßt den Philokrates den Schatten, statt vor Sonnenuntergang,

nach Sonnenaufgang messen; dieser mißt 22 Fuß. Er ist aber auf 20 Fuß

zum Mahle bestellt, und entschuldigt sich mit Geschäften, die ihn

zurückgehalten hätten.[7]

Der Schatten wurde ursprünglich durch Abschreiten, Fuß vor Fuß,

gemessen, nachdem man sich vorher genau die Stelle merkte, wo der

Schatten des Kopfes war. Salmasius bemerkt hiezu, daß die Ungleichheit

des Schattens bei verschiedener Körperlänge sich durch das Fußmaß zum

guten Teile wieder ausgleiche, indem ein konstantes Verhältnis bestehe

zwischen der Körperlänge eines Menschen und seiner Fußlänge. Diese

Meßmethode findet sich sogar bis ins Mittelalter hinein, so z. B.

in der Gnomonik von Schoner, einem im 16. Jahrhundert erschienenen

Werke über Sonnenuhren. Später verzeichnete man die Grenzen des

Schattens auf dem Boden vor dem Sonnenzeiger, wie dies der Fall war

bei dem Obelisken, den Augustus auf dem Marsfelde errichten ließ.

Plinius berichtet hierüber:[8] „Den Obelisk auf dem Marsfelde hat der

göttliche Augustus auf eine merkwürdige Art nutzbar gemacht: er dient

nämlich als Zeiger der Länge des Sonnenschattens und also der Tag-

und Nachtlängen. Er ließ nach Verhältnis der Höhe des Obeliskus einen

Stein legen (nordwärts) von solcher Länge, daß ihm der Sonnenschatten

am kürzesten Tage in der 6. Stunde (zu Mittag) gleich wurde. Auf diesem

waren metallene Linien eingelegt, nach welchen man das Ab- und Zunehmen

der Schattenlänge wahrnehmen konnte. Was dabei besonders merkwürdig

ist und dem erfinderischen Genie des Mathematikers ~Facundus Novus~

Ehre macht, ist dieses: Auf die Spitze (des Obelisken) setzt er eine

vergoldete Kugel, weil sich der Schatten am Scheitel einer Kugel

beisammen hält, während er, von einer Spitze geworfen, sich regellos

zerstreut; der menschliche Kopf soll ihn, wie man sagt, auf diese Idee

gebracht haben.”

Aus dieser Stelle geht hervor, daß vor dem Obelisk eine Art Zifferblatt

angebracht war, mit Ziffern aus Erz; daß ferner die Spitze desselben

mit einer Kugel versehen war, welche den Schatten sammelte, d. h.

genauer abgrenzte als die Spitze, und daß endlich diese Messung des

Schattens analog war jener, bei welcher als Endpunkt der Kopf des

Menschen genommen wurde. -- Selbstverständlich gibt aber ein und

derselbe Schattenzeiger zu verschiedenen Jahreszeiten auch verschiedene

Schattenlängen; man mußte also den Zeiger öfters auswechseln,

wenigstens zweimal im Jahre. Leicht ließ sich auch für einen

bestimmten Sonnenzeiger der Schatten ein für allemal feststellen durch

Kreise, die man konzentrisch zum Gnomon zog, wodurch das Abschreiten

wegfiel. Aber auch so war die Zeitbestimmung noch eine sehr rohe,

und es trat an Mechaniker und Mathematiker die schwierige Aufgabe

heran, eine Sonnenuhr zu konstruieren, welche den zu verschiedenen

Zeiten ungleichen Bogen der Sonne in gleiche Teile teilte und so den

Schattenweg zu einem getreuen Abbild des Sonnenweges machte. Bald

wurden auch Schattentabellen für alle Monate des Jahres angefertigt,

woraus man jederzeit eine beliebige Tagesstunde aus der Länge des

Schattens berechnen konnte.

Ohne hier auf Einzelheiten in der Konstruktion näher einzugehen, sei

nur noch bemerkt, daß Sonnenuhren in Form hohler Halbkugeln im Altertum

sehr verbreitet waren. Vitruv (~l. IX c. 8~) bezeichnet eine solche Uhr

als „halbe Hohlkugel viereckig und in einem der Polhöhe entsprechenden

Winkel geschnitten.” Es möge hier die Abbildung (Fig. 1) einer antiken

Sonnenuhr folgen, mit der Beschreibung, wie Bilfinger sie gibt

(~l. c.~ S. 25). „Man denke sich eine ausgehöhlte Halbkugel, genau

wagrecht gestellt und mit der Höhlung dem Zenith zugewendet. Im Zentrum

sei irgend ein kleiner schattenwerfender Gegenstand, etwa ein Kügelchen

(oder wie gewöhnlich ein gegen die Mitte der Höhlung ragender Stift)

angebracht. Sobald die Sonne am Horizont erscheint, wird sich auch am

Horizont der hohlen Halbkugel, nur an der entgegengesetzten Seite der

Schatten des Kügelchens zeigen und dieser wird dann bis zum Untergang

der Sonne im Inneren der Hohlkugel genau denselben Kreis beschreiben,

den die Sonne am Himmel macht, nur in umgekehrter Richtung. Bezeichnet

man im Inneren des Hemicycliums den Weg des Schattens durch eine

bleibende Linie und wiederholt dieses an beliebig vielen Tagen, so hat

man ebenso viele Tageskurven für die zu entwerfende Uhr gewonnen. Man

wird sich aber nach der Gewohnheit der Alten mit drei Schattenkurven,

für das Aequinoktium, für den längsten und den kürzesten Tag, begnügen

und darf dann nur noch jede dieser Kurven in zwölf gleiche Teile

teilen, die Schnittpunkte durch Stundenlinien miteinander verbinden,

und im Prinzip ist die Uhr fertig.”

[Illustration: Fig. 1.]

Die hier abgebildete Sonnenuhr stammt aus der „~casa dei capitelli

figurati~” und wurde von Avellino (~Descrizione di una casa Pompeiana.

Napoli 1837~) veröffentlicht. Die Ziffern und Zeichen des Tierkreises

sind nur des bessern Verständnisses halber beigefügt, fehlen also im

Original, indem die Alten die Stunden wahrscheinlich abzählten, statt

sie abzulesen; nur die Mittagslinie wurde besonders hervorgehoben.

Außer dieser Art Uhren kannten die Alten noch viele andere. Bald

konstruierte man auch tragbare Sonnenuhren, die man aufhing, vielleicht

am Halse, wie später die mechanischen Taschenuhren. Darauf scheint

auch eine Stelle bei Athenäus hinzudeuten, wo von einem Geizhals,

der einen Oelkrug trägt, gesagt wird: „Er sah so oft nach seinem

Oel, daß man glauben konnte, er trage eine Uhr.” Es bezeichnet diese

Verallgemeinerung der Uhren einen großen Fortschritt; denn die

Sonnenuhren waren nicht bloß kostbare Instrumente, sondern mußten

natürlich für gewöhnlich auf freien Plätzen aufgestellt sein; es war

somit bei der eigentümlichen Bauart der Alten oft sehr umständlich, zu

wissen, wieviel Uhr es sei. Reiche Leute hielten sich einen eigenen

Sklaven, welcher ihnen die Zeit anzuzeigen hatte; oft bezahlten auch

mehrere miteinander einen Stundenherold zum gleichen Zweck. Ganz reiche

Männer erlaubten sich den Luxus einer kostbaren Uhr in ihrer Wohnung,

wie z. B. Petronius von Trimalchio, einem zu großem Reichtum gelangten

ehemaligen Sklaven berichtet, er habe seinen staunenden Gästen eine

solche Uhr vorweisen können.[9]

Als Erbteil der Alten erhielten sich die Sonnenuhren bis weit in

die neuere Zeit herein. Im Mittelalter und später wurde die Theorie

derselben vielfach ausgebildet und vervollkommnet. Die bedeutendsten

Mathematiker und Astronomen beschäftigten sich mit Gnomonik, der Lehre

von den Sonnenuhren. Hier mögen bloß die Namen Purbach, Regiomontan,

Stabius und besonders Sebastian Münster (1489-1552) genannt sein, von

denen der letztere allein drei Werke hierüber verfaßte, weshalb er oft

der Vater der Gnomonik heißt.

Einen Fehler aber haben die Sonnenuhren bei aller Vollkommenheit, der

sich auch gar nicht beseitigen läßt: sie zeigen bei trübem Wetter und

bei Nacht nicht. Es lag nun wohl der Gedanke nahe, beim Anblick z. B.

von langsam ausrinnendem Wasser, diese scheinbare Gleichmäßigkeit als

Zeitmesser zu benützen, d. h. eine Wasseruhr zu konstruieren. Der

klassische Name dieses Instrumentes „Klepshydra” ist vielleicht gerade

von dem langsamen, gleichsam „verstohlenen” Ausfließen des Wassers

hergenommen.

Wer die Wasseruhren erfunden, läßt sich nicht sagen. Sicher ist, daß

die Chaldäer solche verwendeten; Macrobius berichtet nämlich von ihnen,

daß sie ein bestimmtes Quantum Wasser in zwölf Teilen teilten, so

daß jeder Teil während der Zeit ablaufen sollte, während welcher ein

Zeichen des Tierkreises durch den Meridian ging. Aus vielen Gründen

konnte aber diese Art der Zeitmessung bei den Alten nicht genau

sein, denn abgesehen von der stets ändernden Druckhöhe und folglich

veränderlichen Ausflußmenge, war die eigentümliche Stundeneinteilung

ein großes Hindernis der Genauigkeit. Die Alten teilten bekanntlich

den Tag und die Nacht das ganze Jahr hindurch in zwölf gleiche

Teile, so daß die Dauer der Stunden beständig wechselte. Genannter

Uebelstand wurde jedoch bald überwunden und die Wasseruhren kamen

rasch zu ziemlicher Vollkommenheit. Bilfinger (~l. c.~ S. 8) ist

der Ansicht, daß die bekannte Klepshydra der attischen Gerichtssäle

nicht ein eigentlicher Zeitmesser im heutigen Sinn gewesen, sondern

nur zur rohen Abmessung der zum Sprechen eingeräumten Zeit überhaupt

gedient habe. Sie bestand aus einem größeren, auf einem Dreifuß

stehenden Gefäß, welches durch eine enge Oeffnung das eingefüllte

Wasser in einen darunter stehenden Behälter abgab. Aus verschiedenen

Notizen geht hervor, daß Versuche angestellt wurden, wie viele

solcher Wassermaße in einem Lichttag Raum fanden, und daß man, weil

der kürzeste Tag als Norm angewendet wurde, nie in die Nacht hinein

kam. Deshalb werden die Wasseruhren in einem Tacitus zugeschriebenen

Werke mit Recht Zügel der Beredsamkeit genannt. Die eigentümlichen

Ausdrücke, die sich auf Wasseruhren beziehen, sind dem Leser der

alten Klassiker geläufig. So z. B. bei ~Aeschines~: „erstes, zweites

etc. Wasser” ebenso „~clepshydras clepshydris addere~,” wenn der

Richter in außerordentlichen Fällen doppelte Zeit bewilligte, oder

„~aquam sustinere~,” das Wasser aufhalten, beim Verlesen von Urkunden,

Zeugenverhör u. s. w., bis der Redner wieder weiterfahren konnte. „~Hic

hæret aqua~,” „~aqua mihi hæret~,” sagte man, wenn etwa durch ein

Fäserchen, was leicht vorkam, die Ausflußöffnung verstopft war. ~Aquam

perdere~, hieß „in den Tag hinein reden.”

Auch die Aegypter benützten schon Wasseruhren, wie z. B. die Sage

vom Kynoskephalos (Hundskopf), von der Horapollo berichtet, beweist.

Nach ihr hätte dieses Tier täglich zwölfmal sein Wasser lassen müssen

und dabei geschrieen; daher stamme die Zwölfteilung. Deshalb wurde

auch häufig auf die Wasseruhren dieser Kynoskephalos gesetzt. Sie

gebrauchten die Wasseruhr auch zu astronomischen Zwecken; Ptolemäus

tadelt zwar in seinem Almagest die Ungenauigkeit dieser Instrumente,

indes sind doch die von den Aegyptern erzielten Resultate erstaunlich

genau. Sie berechneten aus der Zeit, während welcher die Sonne

ganz über den Horizont heraufsteigt, bezw. durch Vergleichung des

Wasserquantums, das hiebei ausfloß, mit dem den ganzen Tag über

ausfließenden, den Durchmesser der Sonne zu 28 und zirka 31 Minuten für

Sonnennähe und Sonnenferne; neuere Messungen ergaben hiefür 31 bezw. 32

Minuten![10]

Die Babylonier benützten schon 600 v. Chr. Wasseruhren, welche bei

Sonnenaufgang gefüllt wurden; sobald sie leer waren, wurde dies durch

Herolde in der Stadt bekannt gemacht, was täglich mehrere Male

geschah. So konnte also jeder seine Uhr leicht selbst richten.

Plato (427-347 v. Chr.)[11] soll ebenfalls eine Wasseruhr verwendet

haben und zwar als Wecker, so daß fälschlich dieser Gelehrte hie und

da als deren Erfinder genannt wird. Vitruv gibt im 9. Buch seiner

Architektur weitläufigere Nachrichten über die Wasseruhren und deren

Konstruktion. Nach ihm wäre der Sohn eines Barbiers, Ktesibius aus

Alexandrien (geb. ca. 150, oder nach anderer Angabe 247 v. Chr.),

ein mechanisches Genie des Altertums, der Erfinder dieser Uhren. Wie

bekannt, wird diesem gleichen Mann auch die Erfindung der Feuerspritze,

d. h. der Druckpumpe und der Wasserorgel zugeschrieben.[12]

Die von Vitruv gegebene Beschreibung ist so kompliziert, daß die

Uhr des Ktesibius jedenfalls nicht als erste derartige Vorrichtung

angesehen werden kann. Sie zeigte nicht bloß die Tagesstunden, sondern

auch den Monatstag, den Monat und sogar den Stand der Sonne im

Tierkreis. Auch war sie mit einem Räderwerk versehen, und wenn nicht

schon Aristoteles (384-322) Räderwerke erwähnte, könnte man Ktesibius

für deren Erfinder halten.

Um dem Leser jedoch wenigstens einen Begriff von den Wasseruhren der

Alten zu geben, lassen wir hier die Beschreibung Vitruvs folgen.[13]

„Zuerst stellte Ktesibius eine Mündung her (im oberen Wassergefäß),

indem er sie entweder in einem Stück Gold ausarbeitete, oder mit einem

durchbohrten Edelstein versah, denn diese beiden Körper werden weder

von dem Hindurchfließen des Wassers angegriffen, noch bildet sich an

ihnen Unreinigkeit, welche das Mündungsloch verstopfen könnte. Indem

nun das Wasser ganz gleichmäßig durch diese Mündung hindurchfließt,

hebt es ein umgestürztes Becken, das von den Technikern „der Kork” oder

„die Scheibe” genannt wird, auf welchem ein Stab angebracht ist, der

mit gleichen Zähnchen besetzt ist, wie die damit in Verbindung stehende

Drehscheibe (Rad), welche Zähne, ineinandergreifend, eine langsame,

regelmäßige Drehung und Bewegung verursachen.[14] Andere damit in

Verbindung stehende und in derselben Weise gezähnte Drehscheiben, die

alle durch ein und dieselbe bewegende Kraft getrieben werden, bewirken

durch ihre Drehung die verschiedenen Bewegungen, nach welchen Figuren

sich bewegen, Kegelsäulen sich drehen, Kügelchen oder Eier fallen

(Schlagwerk!), Blasinstrumente ertönen und andere Nebendinge mehr. Bei

diesen Uhrwerken sind die Stunden entweder auf einer Säule oder einem

Pfeiler verzeichnet und eine von unten heraufsteigende menschliche

Figur zeigt den ganzen Tag über mit einem Stäbchen auf diese hin.”

Weil aber, wie schon bemerkt, die Tages- und Nachtstunden bei den Alten

nicht das ganze Jahr hindurch gleich blieben (Aequinoktialstunden),

sondern beständig wechselten, so mußte natürlich auch die Regulierung

des Wassers veränderlich sein, ebenso das Zifferblatt. Ersteres

wurde nach Vitruv erzielt durch einen massiven Kegel, der in den mit

Wasser gefüllten Hohlkegel genau paßte und durch einen Regulierstab

höher oder tiefer gestellt werden konnte, wodurch die Oeffnung des

Hohlkegels mehr oder weniger frei wurde. Das Zifferblatt war entweder

auswechselbar oder es wurde theoretisch für das ganze Jahr konstruiert,

indem man die Stunden des längsten und kürzesten Tages auf der Säule

in zwei vertikalen Linien anbrachte und durch zur Basis der Säule

etwas schräglaufende horizontale Linien mit einander verband. Der

Zwischenraum wurde wieder durch die Monatslinien in vertikaler Richtung

geteilt. So entstand eine Art Netz, wie bei den Sonnenuhren; durch

Einstellen der Stundensäule auf die richtige Zeit ließ sich dann auch

eine beliebige Tagesstunde ordentlich genau ablesen.[15]

Auch andere Uhren werden von Vitruv angeführt, sie sind jedoch, bei der

dunkeln Ausdrucksweise dieses Schriftstellers, schwierig zu erklären.

So z. B. das ~„horologium anaphoricum,”~ die Aufzuguhr, mit Gewichten,

welche sich aber doch wesentlich von unsern heutigen Räder- und

Gewichtuhren unterscheidet.

Von alten indischen Wasseruhren berichtet Schlagintweit (Münchener

Sitzungsberichte 1871. 2. S. 128-38). Sie bestehen aus metallenen

hohlen Halbkugeln, die unten mit einer feinen Oeffnung versehen

sind. Auf Wasser geworfen, füllen sie sich langsam und werden, wenn

sie untersinken wollen, geleert und neu aufgesetzt. Ein aus Benares

mitgebrachtes Exemplar brauchte bei einem Radius von 7 ~cm~ und 6 ~cm~

Höhe etwas über eine Stunde, bis es untersank. Die Zeit vom Auflegen

bis zum Untersinken der Kugel nannte man Najika; dieselbe hatte wieder

ihre Unterabteilungen.

Ob die Alten ihre Wasseruhren regelmäßig, auch nachts benützten,

erscheint zweifelhaft, denn einmal finden wir z. B. bei Vitruv nie die

Bezeichnung Nachtuhr, sondern nur: ~„horologium hibernum,”~ d. h. eine

Uhr, welche die Stunden auch bei trübem Wetter angibt; ferner zeigten

diese Uhren bloß zwölf Stunden, und endlich war es im Altertum wohl

nicht leicht, sich zu jeder Stunde der Nacht Licht zu verschaffen. Bei

Sternenhimmel, und das ist in der Heimat der alten Völker doch die

Regel, konnte man viel bequemer das schon von Hipparch (ca. 160-125 v.

Chr.) erfundene ~Astrolabium~ verwenden, welches aus der Höhe eines

Gestirns in jedem Augenblick die Zeit anzugeben gestattet.[16] Eine

Menge Wasseruhren der verschiedensten Konstruktionen, zum Teil mit

Abbildungen, finden sich in C. Schott ~S. J.~, ~Hidraulica pneumatica~.

Würzbg. 1658.

[Illustration: Fig. 2.]

An der Vervollkommnung der Wasseruhren wurde bis ins Mittelalter

hinein, ja selbst bis in die neueste Zeit emsig gearbeitet. Es seien

hier nur genannt Hero, der Schüler des Ktesibios, der auch eine Art

Dampfmaschine erstellte; der Philosoph Boëthius; Galilei; der Abbé

Varignon (1654-1722); der schweizerische Gelehrte Johann Bernoulli und

dessen Sohn Daniel, der 1725 den Preis der Pariser Akademie im Betrag

von 2000 Franken gewann; die Aufgabe hatte gelautet: ~La perfection

des Clepsydres ou des sabliers sur mer.~[17] Auch der berühmte ~P.~

Athanasius Kircher (1601-1680) beschäftigte sich mit der Konstruktion

von allerlei Wasseruhren; er verfertigte für Kaiser Ferdinand ~III.~

eine solche mit dem kaiserlichen Doppeladler (Fig. 2). Die Abbildung

ist wohl ohne weitere Erklärung verständlich; der Schwimmer zeigt die

Stunden; durch eine über die Rolle ~a~ (~II~) gehende Schnur wird

ein weiterer Stundenzeiger bewegt. (Vergl. Kircher: ~Musæum Collegii

Romani. Amstelodami~ 1680. ~p.~ 40).

[Illustration: Fig. 3.]

Außer den bisher behandelten Zeitmessern benützten die Alten auch noch

die _Sanduhren_, deren sich schon Archimedes bedient haben soll. Eine

Sanduhr besteht bekanntlich aus zwei in ein Gestell eingesetzten,

gleichen konischen Gefäßen, welche mit ihren offenen Spitzen gegen

einander gekehrt sind (Fig. 3). Ist z. B. das obere mit feinem Sande

gefüllt, so fließt dieser in einer bestimmten Zeit in das untere ab.

Durch Umdrehung der Vorrichtung kann das Spiel von neuem beginnen.

Die älteste bekannte Abbildung einer solchen Uhr liefert ein antikes

Basrelief, die Hochzeit des Peleus und der Thetis vorstellend; unter

anderen Figuren sieht man auch Morpheus mit einer Sanduhr in der

Linken.[18] Die Größe dieser Uhren wechselt von einem Fuß bis zu

wenigen Zoll Höhe, ebenso die Zeit, welche sie zu messen gestatteten;

gewöhnlich gingen sie ½ bis eine Stunde. Sie wurden zu jeder Zeit

verwendet, im Mittelalter bei Turnieren, bei Schützenfesten etc.,

selbst als die Räderuhren schon lange erfunden waren. Vielfach nahm

man sie, ähnlich wie Messer und Pfriemen, auf Reisen mit. Eine solche

Reisesanduhr, die von Erasmus herstammt, wird noch in Basel aufbewahrt;

sie wurde in einem blechernen Futteral mitgeführt. In dem notariellen

Verzeichnis der Ammerbachschen Sammlung von 1662 findet sich auch

diese Uhr, mit dem sonderbaren Titel: „~Erasmi~ bleyern Sanduhrlein

von Ebenholz in einem Futter.”[19] Zur Zeit Pascals (1623-1672) wurden

Sanduhren auch in der Sorbonne gebraucht, um den Rednern die Zeit

zuzumessen (~Lettres provinciales~, ~II~). Dieser Gebrauch erhielt sich

vielerorts noch bis tief in unser Jahrhundert hinein auf Kanzeln, in

Gerichtssälen, bei Auktionen u. s. w. Heute findet sich der Gebrauch

der Sanduhren noch etwa in der Küche beim Eiersieden, oder im Atelier

des Photographen. Auch beim sogenannten „Logen,” um die Geschwindigkeit

eines Schiffes zu bestimmen, bedient man sich einer Sanduhr, die

gewöhnlich 14 Sekunden läuft. Fig. 3 zeigt eine reich verzierte

Sanduhr, französische Arbeit, aus dem 16. Jahrhundert.

Die Genauigkeit der Sanduhr läßt aber noch viel zu wünschen übrig,[20]

denn wie man sich leicht überzeugen kann, treten sehr oft Stauungen des

Sandes auf, welche natürlich die Richtigkeit der Zeitmessung nachteilig

beeinflussen.

Noch im ausgehenden 16. Jahrhundert fanden die Uhrmacher es nicht für

unnötig, auf den feinen Uhrsand hinzuweisen, wie der Spruch zeigt, den

ein zeitgenössischer Versmacher unter den bekannten Holzschnitt von

Jost Amman setzte:

Ich mache die reysenden Vhr/[21]

Gerecht vnd Glatt nach der Mensur/

Von hellem glaß vnd kleim Vhrsant/

Gut/daß sie haben langen bestandt/

Mach auch darzu Hültzen Geheuß/

Dareyn ich sie fleissig beschleuß/

Ferb die gheuß Grün/Graw/rot vnn blaw

Drinn man die Stund vnd vierteil hab.

Viertelstunden konnte man auch an Sanduhren ablesen, wie noch erhaltene

Exemplare zeigen; es waren in diesem Falle vier Stück aneinander

gereihter Sanduhren. Die erste lief eine Viertelstunde, die zweite eine

halbe, die dritte drei viertel, und die vierte eine ganze Stunde. Das

Germanische Museum in Nürnberg besitzt eine solche Zusammenstellung.

~II.~

Uhren und Zeitmessung bis zum 12. Jahrhundert.

Was Geist und Fleiß des klassischen Altertums geschaffen, ging in den

Stürmen der Völkerwanderung zum großen Teil unter; die wenigen Keime,

die noch geblieben, fanden eine neue Pflanzstätte in den Klöstern.

Dorthin zog sich auf viele Jahrhunderte hinaus Kunst und Wissenschaft

zurück, und von da aus verbreiteten sie sich wieder nach und nach in

die Welt, um neue Triumphe zu feiern.

Im vorigen Kapitel wurde darauf hingewiesen, wie die drei Zeitmesser

der Alten vervollkommnet wurden bis in die neuere Zeit hinein, und zwar

sind es während des ersten Jahrtausends fast ausschließlich Geistliche

und Mönche, die sich damit beschäftigten. Wohl lebte man damals noch

langsamer als jetzt und kannte die Hast des heutigen Erwerbslebens

nicht, die Uhr aber diente gleichwohl als ein Regulator des

menschlichen Lebens, „zum großen Nutzen des Menschengeistes erfunden,”

wie Cassiodor († um 570) sagt.[22]

Der hl. Benedikt dringt in seiner Regel oft darauf, daß alles zur

bestimmten Zeit, ~„horis competentibus”~ geschehe (Vergl. ~S. Reg. c.~

47). Zu den vorzüglichsten Pflichten der Mönche gehörte aber von jeher

das gemeinschaftliche Psalmengebet, welches zu bestimmten Stunden des

Tages und der Nacht verrichtet werden mußte. Natürlich benutzte man wo

möglich zur Zeitbestimmung Sonnen- und Wasseruhren, wie auch der oben

erwähnte Cassiodor (a. a. O.) seinen Mönchen sagt: „Wie Ihr wißt, habe

ich Euch eine Sonnenuhr hergestellt; ebenso eine Wasseruhr, welche

Tag und Nacht die Zeit bestimmt, denn oft ereignet es sich, daß an

einzelnen Tagen der Sonnenschein fehlt; dann vollbringt auf wunderbare

Weise das Wasser auf Erden, was sonst die feurige Kraft der Sonne am

Himmel wechselnd vollendet.”

Cassian († ca. 435) bezeugt, daß die alten Mönche die Sterne

beobachteten, um aus ihrer Stellung die Zeit zu entnehmen. Es wird

nämlich derjenige ermahnt, dem die Sorge seine Mitbrüder zu wecken

oblag, dies nicht nach Gutdünken zu tun, nämlich wann er aufwache,

je nachdem er gut oder schlecht geschlafen, sondern fleißig nach

den Sternen zu sehen; wenn auch die Gewohnheit, zur bestimmten Zeit

aufzustehen, ihn gewöhnlich wecke. In Frauenklöstern besorgte eine

Nonne dieses Geschäft. Mabillon berichtet in den ~Acta SS. O. S. B.~

von einer solchen, „daß sie aufstand und hinausging, um aus den Sternen

zu sehen, ob es Zeit sei, das Zeichen zur Mette zu geben.”

Oft wurden zwei Brüder als Wächter bestellt, die andern zu wecken.

Diese nannte man ~„vigilgallos,”~ was also, nur in anderer Form, unsern

Nachtwächtern entspricht, die besonders früher die Stunden ausriefen.

Ihnen oblag auch die Aufsicht über die Wasseruhr, wo eine solche

vorhanden war.

In vielen Klöstern besorgte der Sakristan die Uhr. In den „Gebräuchen”

von Hirschau (10. und 11. Jahrhundert) wird von ihm berichtet:[23] „Er

besorgt und richtet die Uhr sorgfältig; weil es aber vorkommen kann,

daß diese unrichtig geht (Wasseruhr), so soll er die Zeit abschätzen

an der Kerze (~in cereo~) oder nach dem Lauf der Sterne oder des

Mondes, damit er die Brüder zur bestimmten Zeit wecken könne. Es läute

aber niemand mit der Schelle zur Mette, als nur er.” Fast genau mit

denselben Worten wird das Amt des Sakristan geschildert in dem sog.

~Ordo Cluniacensis~ (Cluny), von einem Mönch Bernard im 11. Jahrhundert

verfaßt (Herrgott: ~Ordo Clun. c.~ 51).

Erwähnt sei hier noch ein anderer interessanter Zeitmesser, die Oeluhr,

welche Speckhart (Geschichte der Zeitmeßkunst, Bautzen, Verlag von E.

Hübner, S. 175 u. ff.) folgendermaßen beschreibt: „Die Oeluhr besteht

eigentlich nur aus einer Lampe, deren Glasbehälter unten eine kleine

Abflußöffnung besitzt, durch die das Brennöl von einem Dochte angesaugt

wird. Das Gestell der Lampe ist aus Zinn gearbeitet, ebenso die am

Oelbehälter angebrachte Stunden-Skala. Letztere trägt die Stunden

von abends ~VI~ bis morgens ~VIII~ Uhr. Die Stärke des Dochtes war

so gewählt, daß das Oel in der Lampe von der Flamme in 14 Stunden

aufgezehrt wurde. Füllte man abends ~VI~ Uhr den Oelbehälter bis zum

obersten Teilstrich und brannte die Lampe an, so hatte man während der

ganzen Nacht nicht nur Beleuchtung, sondern annähernd auch die Zeit,

welche durch die Spiegelfläche des langsam sinkenden Oeles angezeigt

wird.

[Illustration: Fig. 4.]

Der Oelbehälter bekam später die Form einer Birne, damit auch die

einzelnen Stunden in möglichst gleicher Länge angezeigt wurden, weil

der Druck des Oeles, wenn es aufgefüllt war, einen zu raschen Brand des

Lichtes in einem ganz cylindrischen Glase erzeugte.” Unsere Abbildung

Fig. 4 zeigt diesen eigenartigen Zeitmesser, der, wenn wir nicht irren,

1900 in Paris ausgestellt war und der berühmten Junghansʼschen Sammlung

in Schramberg angehört.

Eine andere vielgebrauchte Methode, die Zeit zu messen, bestand in der

Rezitation bekannter Gebete, die sich noch erhielt, als die Räderuhren

schon lange im Gebrauch waren. Petrus Damiani († 1072) sagt, die Mönche

möchten sich an eine bestimmte Methode des Psalmengebetes gewöhnen,

wenn sie täglich wissen wollten, wie viel es an der Zeit sei. Wenn

dann die Sonne nicht scheine oder die Sterne verdeckt seien durch

Wolken, so hätte doch jeder eine Uhr, an der Art und Weise, wie er die

Psalmen bete. In den Schriften der Mystiker treffen wir häufig auf

ähnliche Zeitbestimmungen; es mögen hier nur einige Proben genannt

werden. Die Nonne Adelheid Langman († 1375 im Kloster Engelthal bei

Nürnberg) erzählt: „do sweig (er) und sprach ein wort niht, wohl als

lang als daz man ein fünftzig Ave Maria gesprechen moht.” Oder: „etwan

gestillet ich, als umb einen de profundis,” (war ich still, so lang

als man ein de profundis beten mag). Mechthild von Magdeburg[24] (†

1291) schreibt: „daß ich so lang gedenke daran, als daß man gesprechen

mag Ave Maria”; „kum eines Ave Marien lang,” oder: „sie pruft es wol,

daz diu stund als lang wert, als daz man rasch ein Ave Maria gesprech

oder lanksam ein halbs,” u. s. w. Daraus ergibt sich, daß Uhren um

diese Zeit entweder selten waren, oder daß man von der altgewohnten

Weise, die Zeit zu messen, noch nicht abging. -- Wenn wir aber in

Christian Wolfs (1679-1754) ~Elementa Pyrotechniæ~, ~Problem. XI~, bei

einem Rezept für Anfertigung von Feuerwerkskörpern und als Prüfmittel

derselben, die Angabe finden, die Probe solle nicht eher aufhören zu

brennen, „bis schnell das Apostolische Glaubensbekenntnis gebetet ist,”

so kann man sich kaum eines Lächelns erwehren beim Gedanken an die

Mienen moderner Chemiker, denen bei einer analytischen Arbeit derartige

Kriterien vorgeschlagen würden! -- Nach dieser kleinen Abschweifung

kehren wir zurück zur Geschichte der Uhren in den Klöstern des früheren

Mittelalters.

Wo eine Wasseruhr vorhanden war, wandte man sie selbstverständlich an

als die beste Zeitmessung. Hildemar (9. Jahrhundert) sagt in seiner

Erklärung der Benediktinerregel: wer das nächtliche Psalmengebet

vernünftig (~rationabiliter~) machen will, hat eine Wasseruhr nötig.

In Ermanglung von Wasser- oder andern Uhren gebrauchte man auch den

Haushahn als Wecker. Schon Chrysostomus beschreibt in seiner 59.

Homilie an die Antiochener das Leben der Mönche seiner Zeit mit den

Worten: nachdem der Hahn gekräht, kommt sofort der Obere und weckt

alle, mit festem Tritte den gemeinsamen Schlafsaal durchwandernd; doch

ohne allzuviel Lärm zu machen, wie der gleiche an einer andern Stelle

sagt.

Auch ein Brett, auf das geschlagen wurde, oder eine Schelle wurde als

Weckvorrichtung gebraucht; eine kleine Glocke bezeichnet auch der

Ausdruck ~„index,”~ den Martene also umschreibt (~Index. onomastic.

t. IV~): ein Zeichen, durch welches die Brüder zum göttlichen Dienste

gerufen wurden. Es ist also unrichtig, wenn übersetzt wird „Uhrzeiger,”

wie Dufresne und Muratori tun.

Papst Paul ~I.~ übersandte an Pipin eine Nachtuhr, von deren

Beschaffenheit wir jedoch leider gar nichts Näheres wissen. Eine

Seltenheit war das Geschenk zweifelsohne, wenn es auch nicht, wie man

schon angenommen hat, eine Räderuhr war.

Bekannt ist die Beschreibung der Uhr, welche Karl d. Gr. von dem

Kalifen Harun Al-Raschid erhielt. Das ~Chronicon Turonense~ berichtet

darüber: Im 7. Jahr der Regierung Kaiser Karls (807) schickte der

König von Persien eine große Menge kostbarer Geschenke und eine Uhr,

an welcher man die 12 Stunden ablesen konnte; es ertönte nämlich eine

Cymbel und nach Verlauf der einzelnen Stunden traten nach und nach

zwölf Reiter aus den Türen heraus; nach Ablauf der letzten Stunde zogen

sich alle wieder zurück, indem sie die Türen schlossen. Diese Uhr hatte

zwar Räder, da sich sonst der komplizierte Mechanismus nicht leicht

erklären ließe, im übrigen war es eine Wasseruhr.

Als Erfinder der Räderuhren wird vielfach der Archidiakon Pacificus von

Verona († 846) genannt. Muratori führt seine Grabschrift an,[25] worin

es heißt, daß niemand vorher je eine Nachtuhr gesehen, und daß er sie

als Erster erfunden habe.

Es scheint, um mit Muratori zu reden, seltsam, daß hier gesagt wird,

man habe nie zuvor eine Nachtuhr gesehen, da doch, wie wir soeben

gezeigt, Pipin eine solche erhielt, und Cassiodor gerade für nächtliche

Zeitbestimmungen eine Wasseruhr verfertigt hatte. Vielleicht ist es

nicht unrichtig, in dieser Inschrift eine Uebertreibung zu sehen, die

also nicht so wörtlich zu nehmen wäre; eine Uhr konnte zu jener Zeit

immerhin etwas so Seltenes sein, daß man sie verewigen wollte. Neu aber

war die Erfindung kaum, und an eine Räderuhr zu denken, fehlen uns alle

Anhaltspunkte. Wie der Ausdruck „Nachtuhr” zu erklären sei, ist schwer

zu sagen, denn wenn z. B. irgend ein Ton oder Geräusch die Stunden

angab, so geschah dies doch bei Tag und Nacht, warum also „_Nacht_uhr?”

Räderwerke gab es in Verbindung mit Uhren schon frühe, sie dienten

zum Betrieb der künstlichen Beigaben an den Uhren. Schon die Araber

hatten solche. Gelcich (Geschichte der Uhrmacherkunst, S. 17 und 18)

beschreibt eine derartige Uhr von Damaskus ausführlich.

Vom 11. Jahrhundert an findet man bald diesem, bald jenem Gelehrten die

Erfindung der Räderuhr zugeschrieben, ohne daß mit auch nur einiger

Wahrscheinlichkeit auszumachen wäre, wem wir diesen so wichtigen

Schritt in der Herstellung der Zeitmesser verdanken. Sicherlich

kannten die Alten das Räderwerk und verwendeten es auch. Eine Räderuhr

unterscheidet sich aber von der Wasseruhr nicht etwa bloß durch

die Räder, auch nicht dadurch allein, daß ein Gewicht oder eine

Feder Ursache der Bewegung sei, sondern vor allem durch die Hemmung

(~échappement~). Verbinden wir mit einer durch Gewichte in Umlauf

versetzten Welle Räder und Getriebe, so haben wir ein durch Gewichte

bewegtes Räderwerk, das aber so schnell abläuft, daß es zur Zeitmessung

untauglich wird. Kommt aber die Hemmung hinzu, d. h. eine Vorrichtung,

welche den Gang des Räderwerkes mäßigt und gleichförmig macht, dadurch,

daß ein Hindernis von einem Zahn des letzten Rades weggestoßen wird,

aber immer wiederkehrt, so haben wir eine Räderuhr, welche sich im

Prinzip von den heutigen nicht wesentlich unterscheidet. Die Frage

nach dem Erfinder der Räderuhr läuft also darauf hinaus: _wer hat die

Hemmung erfunden_? Es bedurfte dazu jedenfalls eines mechanischen

Talentes ersten Ranges und so treffen wir auch in der Geschichte der

Uhren Männer, welche den gelehrtesten ihrer Zeit beizuzählen sind,

und man darf, ohne zu irren, die praktische Beschäftigung mit der

Uhrmacherkunst als den Prüfstein mechanischen Könnens in alter und

neuer Zeit ansehen.

Gerbert[26] von Aurillac, einer der gelehrtesten Männer seiner Zeit

(ca. 950-1003), als armer Hirtenknabe von den Mönchen zu Aurillac

(~Dép. du Cantal~) aufgenommen und gebildet, wird sehr oft als Erfinder

der Räderuhr genannt. Er soll seine mathematischen und mechanischen

Kenntnisse bei den Arabern geholt haben; wurde Oberer des Klosters

Bobbio in Italien, Erzbischof von Reims, Lehrer Ottos ~III.~,

Erzbischof von Ravenna und endlich unter dem Namen Sylvester ~II.~

Papst.

Die Sage, daß Gerbert auf den arabisch-spanischen Hochschulen

studiert habe, wurde von dem engl. Geschichtsschreiber Wilhelm

von Malmesbury[27] überliefert; derselbe berichtet auch allerlei

Zaubergeschichten von ihm. Sevilla und Cordova, diese Hochsitze

arabischer Wissenschaft, hat Gerbert nie gesehen (Vgl. Büdinger, S.

7 u. ff.), dagegen wird ihm allgemein die Einführung der sogenannten

arabischen Ziffern zugeschrieben. Wenn aber auch gesagt wird,[28] er

habe die Gewichtuhren und die Hemmung erfunden, so läßt sich dies nicht

beweisen. Tiethmar, Bischof von Merseburg, sagt bloß (~Mon. Germ. V~,

835, 21): „Gerbert machte in Magdeburg eine Uhr, welche er richtig

aufstellte mit einer Röhre und unter Zuhilfenahme eines gewissen

Sternes, des Führers der Schiffer.” Um mit dem letzteren zu beginnen,

so ist der Stern, der Führer der Schiffer, offenbar der Nordstern;

die Röhre diente dazu, auf diesen Stern zu visieren, war also eine

Art Diopter. Wir können folglich hier an eine Sonnenuhr denken, deren

Zeiger mit Hilfe des Polarsterns gerichtet wurde, oder auch an eine Art

Sternglobus (wie ja Gerbert derartige Instrumente verfertigte), bei

welchem die vorüberziehenden Sterne durch eine Röhre beobachtet wurden.

Für eine Räderuhr aber spricht der vorliegende Text nicht. Es ist

schwer zu sagen, wie die Verfasser der ~Hist. litt. de la France~ (~t.

VI~, ~p.~ 68 und 609) diese Annahme aufrecht halten können.

Eine weitere Schwierigkeit bleibt auch noch zu lösen: angenommen,

Gerbert habe die Räderuhr erfunden, wie kommt es, daß eine so wichtige

und nützliche Sache für so lange Zeit vergessen wurde? Warum hat keiner

der zahlreichen Schüler Gerberts dessen Erfindung weiter entwickelt,

oder doch wenigstens erwähnt? Wie kommt es, daß noch 200 Jahre später

Ludwig der Heilige eine Kerze als Zeitmesser benützte, um seine Lektüre

während der Nacht zu regeln? Der Name ~„horologium”~ darf uns nicht

schwankend machen, da er ja ganz allgemein für alle Uhren angewendet

wurde.

Als gelehrten Uhrmacher finden wir noch Abt Wilhelm von Hirschau

(Württemberg) erwähnt († 1091). Er verfertigte eine sehr künstliche

Uhr, welche die Aequinoktien und Solstitien zeigte; die dürftige

Nachricht, welche uns überliefert ist, erlaubt jedoch keinen Schluß auf

die Konstruktion der Uhr. Allerdings findet sich in den Konstitutionen

von Hirschau (~l. II. c.~ 29) der Ausdruck: „nachdem die Uhr

geschlagen” was aber noch nicht notwendig eine Gewichts- und Räderuhr

voraussetzt.

Es läßt sich also gar nicht sagen, wer die Räderuhr erfunden habe, noch

beweisen, daß sie vor dem 12. Jahrhundert aufkam. Diese Dunkelheit

wird uns weniger befremden, wenn wir bedenken, wie schwer es oft wird,

den Urheber einer nützlichen Maschine oder Erfindung zu nennen, selbst

in unserer Zeit, wo doch die öffentlichen Blätter, Fachschriften und

Patente große Sicherheit in dieser Hinsicht zu gewähren scheinen.

Man denke nur an die so hartnäckigen Prioritätsstreitigkeiten, die

alljährlich auf dem Gebiete der Naturwissenschaften auftauchen! --

Allgemein aber wird angenommen, und dies läßt sich auch mit ziemlicher

Sicherheit beweisen, daß im 12. Jahrhundert die Räderuhren erfunden

wurden. Von dieser Zeit an mehren sich nämlich die Nachrichten über

Uhren, welche unmöglich durch Wasser getrieben sein konnten derart, daß

man annehmen muß, die Erfindung unserer heutigen Zeitmesser falle ins

12. Jahrhundert.

~III.~

Anfänge und Entwicklung der Räder- und Gewichtuhren.

In den sogenannten „Gebräuchen” des Cisterzienserordens, die

ungefähr um 1120 niedergeschrieben wurden, finden wir mehrfach

Weckeruhren erwähnt. So heißt es z. B. ~c.~ 21, daß von der Messe

des hohen Donnerstages an bis zum Karsamstag die Glocken bei keinem

Gottesdienst geläutet werden dürften, und daß nicht einmal die

Uhr (Schlaguhr) gehört werden solle. -- Im 114. Kapitel wird dem

Sakristan befohlen, daß er seine Uhr so richte, daß durch ihren Ton

die Brüder im Winter vor der Matutin geweckt würden. In den Statuten

des Prämonstratenserordens findet sich die Vorschrift: der Sakristan

soll die Uhr richten und sie täglich vor der Messe schlagen lassen,

damit er wach werde. Ebenso bestimmt das ~Chronicon Mellicense~ (Mölk,

12. Jahrhundert), ~c.~ 774: daß ein von den Obern zu bezeichnender

Bruder, der eine Weckeruhr haben solle, die andern wecken und in jeder

Zelle für Licht sorgen müsse; dieser Brauch hat sich bis heute in den

Klöstern erhalten.

Die vollkommenste und berühmteste Uhr des 13. Jahrhunderts ist

diejenige, welche Sultan Saladin 1232 dem Hohenstaufen Friedrich ~II.~

zum Geschenk übersandte. Trithemius sagt ausdrücklich, die Bewegung sei

durch Räder und Gewichte vermittelt worden, und schätzt das Werk auf

die für jene Zeit ungeheure Summe von 5000 Dukaten. Diese Uhr war eine

astronomische, sie zeigte den Lauf der bekannten Planeten, sowie die

Zeichen des Tierkreises, ebenso Tag und Stunde und zwar genau. Weil uns

hier die Räderuhr bereits in hoher Vollendung entgegentritt, glauben

manche Schriftsteller, sie sei nicht eine europäische Erfindung,

sondern stamme aus dem Orient.

Schon in diesem Jahrhundert treten die Zeitmesser in den Dienst der

Gemeinden und geistlichen Genossenschaften. 1288 wurde unter Eduard

~I.~ von England in Westminsterhall eine Schlaguhr aufgestellt, deren

Kosten aus Strafgeldern bestritten wurden. Ebenso verfertigte Richard

Wallingford, ein englischer Benediktiner, Sohn eines Schmiedes und

zuletzt Abt des Klosters St. Alban († ca. 1326), eine sehr künstliche

Uhr, welche neben den gewöhnlichen Angaben (Planetenlauf u. s. w.) auch

noch Ebbe und Flut anzeigte. Er hinterließ eine Beschreibung seines

Werkes mit dem Titel „Albion” (Anspielung auf: ~„all-by-one”~ d. h.

alles zeigt das Werk durch ein und dieselbe bewegende Kraft), welche

sich noch jetzt auf der Bodleyanischen Bibliothek zu Oxford befinden

soll.

[Illustration: Fig. 5.]

Bevor wir uns weiter mit der Entwicklung und Ausbreitung der

Uhrmacherkunst beschäftigen, mag hier eine kurze Beschreibung des

wichtigsten Bestandteiles jeder Räderuhr, der Hemmung folgen, speziell

jener, welche bis zur Erfindung des Pendels ausschließlich zur

Anwendung kam. (Siehe Fig. 5).

~A~ ist das von der Triebkraft am weitesten entfernte letzte Rad,

Steigrad genannt, wie es noch in den Spindeluhren verwendet wurde. ~B~

eine runde Stahlwelle oder Spindel, ist an einer Schnur aufgehängt,

und das Ganze am Kolben ~C~, einem Holz- oder Metallstück, befestigt.

~D~ und ~D′~ sind flache Stahlplättchen, die Spindellappen, welche an

der Welle unter einem Winkel von etwa 100° befestigt sind. ~E~ ist

die Unruhe, eine Stange aus Holz oder Eisen, auch Wage oder Balancier

genannt. An ihr sind kleine Gewichte ~F~ und ~F′~ zu beiden Seiten der

Welle angebracht.

Der Mechanismus ist nun folgender: das Gewicht treibt unmittelbar

das erste Rad (Walzenrad) und mittelbar alle übrigen, zuletzt das

Steigrad an. Als Bewegungsrichtung gelte die des Pfeiles, so daß also

die oberen Zähne sich vom Beschauer weg, die unteren ihm zuwenden. Dem

obersten Zahn stellt sich auf seinem Weg der Lappen ~D~ entgegen und

wird weggedrängt, bis das Rad vorbei kann; er kommt aber nur so weit,

als die halbe Entfernung zweier Zähne beträgt, weil dann der untere

Lappen ~D′~ sich einem unteren Zahn entgegenstemmt und nun ebenso

weggeschoben wird, wie kurz zuvor der obere. So wiederholt sich das

Spiel beständig. An der Bewegung, welche die Spindel hiebei macht,

nimmt natürlich auch der Wagebalken, die Unruhe teil. Sie dreht sich

also, wenn ein oberer Zahn an den Lappen stößt, in der einen, und

wenn ein unterer gehemmt wird, in der entgegengesetzten Richtung. So

wirkt jeder Stoß eines Zahnes als Antrieb auf die Unruhe und zwar so

lange, bis das Gewicht abgelaufen ist. Dies würde sehr rasch geschehen,

wenn nur 2 oder 3 Räder verwendet würden; durch Zwischenglieder

(Uebersetzungen) kann man das Fallen des Gewichtes, also auch den

Gang der Uhr leicht bis zu einer gewissen Grenze verlängern. -- Es

liegt auf der Hand, daß die Unruhe um so langsamer schwingen wird, je

weiter ihr Schwerpunkt nach außen liegt, oder kurz gesagt, je größer

ihr Trägheitsmoment ist. Die Größe dieses Trägheitsmomentes kann aber

beliebig verändert werden durch Verschiebung der Gewichte ~F~ und ~F′~;

dadurch wird auch die Uhr selbst reguliert. Geht sie z. B. vor, so

werden die Gewichte nach außen, geht sie aber nach, gegen die Spindel

zu verschoben. (Auf ähnliche Weise wirkt bei unsern Taschenuhren der

sogenannte Korrektionsrechen, durch Verkürzung, bezw. Verlängerung des

schwingenden Teiles der Unruhefeder).

[Illustration: Fig. 6.]

Mit der Erfindung der Hemmung war außerordentlich viel gewonnen; das

Gewicht konnte nur fallen, so oft ein Zahn am Lappen der Spindel

vorbeiging und nur so lange, bis der entgegengesetzte Lappen den

nächsten Zahn ergriff. Der nächste Zahn derselben Seite traf aber

erst auf die Hemmung, nachdem der entgegengesetzte die Unruhe auf die

andere Seite gedreht hatte. So machte die Wage noch einmal soviel

Schwingungen, als das Kronrad (Steigrad) Zähne besaß. Um den Gang der

Unruhe gleichmäßiger zu machen, ist die Spindel durch eine Schnur am

Kolben ~C~ aufgehängt. Wenn nämlich die Unruhe sich nach einer Richtung

dreht, wird die Schnur immer stärker gespannt, sie strebt also wieder

und zwar mit stets vermehrter Kraft in ihren ursprünglichen Zustand

zurückzukehren und hemmt so den Wagebalken. Wir haben also hier schon

die Spiralfeder unserer Taschenuhren in ihrem ersten Anfang. -- Es

wird sich später noch Gelegenheit bieten, über die Mängel der alten

Räderuhren zu sprechen; die Wagehemmung aber wurde bis zur Pendeluhr,

und an den Schwarzwälderuhren bis zu Ende des 18. Jahrhunderts

vielfach beibehalten. In Kabinetten und Sammlungen findet man noch

viele derartige Uhren. Um eine genaue Vorstellung einer Waguhr zu

ermöglichen, fügen wir hier zwei Ansichten einer solchen bei (Figur 6

und 7). Von der Größe alter Uhren kann man sich einen Begriff machen,

wenn man hört, daß an der Uhr, welche Heinrich von Vick für Karl ~V.~

von Frankreich machte, das Gewicht des Schlagwerkes 5 Zentner betrug

und in 24 Stunden 32 Fuß herabstieg; es gab aber auch Gewichte bis zu

zwölf Zentnern. Auf manchen Türmen befinden sich noch solche Ungetüme

von Uhren, ganz aus Schmiedeisen verfertigt, mit Rädern von 2-3 Fuß

Durchmesser und Pendel von 20 bis 30 Fuß Länge.[29]

[Illustration: Fig. 7.]

Nun zur Verbreitung der Uhren! Im Verlauf des 14. und 15. Jahrhunderts

eroberten sie sich die ganze zivilisierte Welt, und in verhältnismäßig

kurzer Frist war nicht bloß jede Stadt, jeder Palast oder jedes Kloster

im Besitze eines derartigen Zeitmessers, sondern diese bildeten auch

den Schmuck des Salons wie des bürgerlichen Hauses, natürlich in

entsprechender Ausführung. Schon im jüngeren Titurel (ca. 1270 verfaßt)

wird unter andern kostbaren Zieraten des hl. Graltempels auch eine

Räderuhr erwähnt (~„orolei”~), welche die goldfarbene Sonne und den

silberweißen Mond in Bewegung setzte, ohne daß man von den Rädern etwas

sah; goldene Cymbeln verkündeten die sieben Tagzeiten und die sonstigen

Stunden des Gebetes und Gottesdienstes. Dante (1265-1321) erwähnt in

seiner Göttlichen Komödie die Uhr mehrfach, so z. B. Paradies, ~XXIV.~

V. 13:

~E come cerchi in tempra di oriuoli

Si giran si, che il primo a chi pon mente

Quieto pare e lo ultimo che voli,~ ...

(„Und wie gemeßnen Ganges des Uhrwerks Räder sich drehen, so daß das

erste dem Betrachter zu stehen scheint, und das letzte scheint zu

fliehen.” Philalethes[30]). Auch ein anderer Zeitgenosse des berühmten

Florentiners, ~Jean de Meun~, mit dem Zunamen ~Clopinel~ († ca. 1320),

der Fortsetzer des berühmten ~„Roman de la Rose,”~ singt (V. 21288 u.

ff.) von der Räderuhr:

~Et refait sonner ses horloges

Par ses salles et ses loges

A roës (roues) trop sotivement (très-adroitement)

De pardurable movement.~

Aus diesen Stellen geht hervor, daß schon im 13. oder zu Anfang des

14. Jahrhunderts die neuen Zeitmesser weit verbreitet waren. Vom

alten Kulturland Italien wissen wir dies auch aus andern Quellen ganz

bestimmt. So berichtet Fiamma, der Chronist des Klosters St. Eustorgius

in Mailand, daß 1306 der Glockenturm einen neuen Stern erhalten habe

und die eiserne Uhr vergrößert (?) worden sei (~horologium ferreum

multiplicatur~). Dies ist, so viel bekannt, die älteste Uhr Italiens;

es mag jedoch schon früher derartige Werke gegeben haben, denn

Fiamma spricht von der erwähnten Uhr als etwas ganz Gewöhnlichem.

Derselbe Schriftsteller sagt auch, daß unter der Regierung von ~Azo

Visconti~ (1328-1339) auf dem Turm der St. Gotthardkirche eine

bewunderungswürdige Schlaguhr erstellt worden sei; „es befindet sich

an derselben ein sehr dicker Klöppel, welcher 24 mal auf eine Glocke

schlägt, gemäß den 24 Stunden des Tages und der Nacht; derart nämlich,

daß sie in der ersten Nachtstunde einen Schlag gibt, in der zweiten

zwei u. s. w. und so Stunde von Stunde unterscheidet, was höchst

notwendig ist für jeglichen Beruf.”

Die berühmtesten Uhrmacher Italiens sind zwei Mediziner von Padua,

Jakob und sein Sohn Johannes, aus der alten Familie ~de Dondis~. Nach

der Chronik dieser Stadt wurde auf Befehl Ubertinos von Carrara, dem

Padua gehörte, im Jahre 1344 auf dem Stadthaus eine Uhr erstellt, die

24 Stunden zeigte. Sie war das Werk Jakob de Dondis, der zu jener Zeit

lebte, wie aus seiner Grabschrift hervorgeht; sein Todesjahr fällt um

1350.

Johannes, der Sohn des vorigen, 1318-89, war als geschickter Uhrmacher

noch viel berühmter. Er verfertigte eine Räderuhr, welche den

Planetenlauf anzeigte und als eine Art Weltwunder angestaunt wurde.

Von allen Seiten strömten Künstler und Astronomen herbei, das Werk

zu schauen. Ein Freund und Zeitgenosse Johannes de Dondis, Philipp

de Mazières hat uns in seinem Werke ~„Songe du vieil Pélerin”~ eine

Beschreibung davon hinterlassen.[31] Nach derselben hätte das Werk

aus sehr vielen (200) Rädern bestanden; alles aus Messing oder Kupfer

von Johannes selbst gearbeitet während eines Zeitraumes von 16

Jahren. Michael Savonarola, der Großvater des berühmten Fra Girolamo,

berichtet, daß das Werk nach dem Tode des Urhebers stille gestanden,

daß aber niemand sich getraute, eine Reparatur vorzunehmen, bis

endlich ein französischer Astronom es mit vieler Mühe wieder in Gang

gebracht habe. Von dieser in ganz Italien und weit über dessen Grenzen

hinaus berühmten Uhr erhielt die Familie de Dondis den Beinamen ~„ab

Horologio”~ (~degli orologi~).

Johannes de Dondis war außer durch seine mechanische Geschicklichkeit

noch berühmt als gelehrter Arzt und Astronom. Er genoß die

Freundschaft Petrarcas (1307-74), welcher, obgleich erbitterter

Feind aller Aerzte, Johannes hoch schätzte und mehrere Briefe an

denselben richtete. In einem derselben sagt er, die Medizin sei für

ihn (Johannes) doch nur ein Anhängsel, so daß er noch größer geworden,

ja bis zu den Sternen gestiegen wäre, hätte nicht die unglückselige

Arzneikunst ihn gehemmt. Petrarca bedachte seinen Freund im Testament

mit 50 Dukaten, damit er sich einen Ring kaufe und ihn zum Andenken

tragen möge.

[Illustration: Fig. 8.]

Zu den ältesten beglaubigten Uhren, die noch vorhanden sind, zählt

jene von Dover-Castle aus dem Jahre 1348. Gerland bringt in Westermanns

Monatsheften 1884 eine Abbildung davon (Fig. 8). Er sagt, daß dieses

Werk fünf Jahrhunderte lang, von 1348-1872 die Stunden schlug. Nach dem

gleichen Schriftsteller würde diese Uhr aus der Schweiz stammen, was

aber von anderer Seite bestritten wird.

1353 ließ der Erzbischof von Mailand, Johann Visconti, eine Uhr in

Genua errichten; sie wird als „ein schönes und genaues Werk” (~pulcra

et subtilis fabrica~) gerühmt, das jede Stunde des Tages und der

Nacht schlug.[32] Drei Jahre später folgte Bologna dem Beispiele der

Genuesen (~Murat. l. c. t. XVIII, p. 444~). „Am achten April wurde

die große Glocke, welche auf dem Palaste des Messer Giovanni Pepoli,

des Herrn dieser Stadt, sich befand, herabgenommen, in den Hof des

Stadthauptmanns geführt und auf dem Turm daselbst aufgehängt; es war

das die erste Gemeindeuhr von Bologna, sie schlug zum erstenmal am 19.

Mai.” Alle Bolognesen über 20 Jahren mußten an diese Uhr eine Steuer

von einem Soldo und 6 Denaren bezahlen. -- Die Herren der italienischen

Städte wetteiferten im 13. und 14. Jahrhundert überhaupt mit einander,

ihre Paläste mit prächtigen Uhren zu zieren, so daß diese bald

allgemein verbreitet waren.

Zu den ersten öffentlichen Uhren Frankreichs zählt Dubois diejenige von

Caen, welche 1314 auf einer Brücke daselbst aufgestellt wurde mit der

Inschrift:[33]

~Puisque la ville me loge

Sur ce pont pour servir dʼorloge,

Je feray les heures ouir

Pour le kommun peuple réjouir.

Mʼa faite Beaumont 1314.~

(Da die Stadt mich auf diese Brücke stellt, als Uhr zu dienen, so will

ich zur Freude des Volkes die Stunden hören lassen. Mich hat Beaumont

gemacht 1314). Dieser Angabe widerspricht jedoch entschieden der

Uhrmacher und Forscher Hainaut von Rouen. Nach ihm wurde eine Glocke

„Uhr” genannt, weil sie dazu diente, gewisse Tageszeiten durch ihr

Geläute dem Volke kund zu geben. Zudem war die Normandie, als Karl ~V.~

durch den gleich zu erwähnenden Heinrich von Vic 1370 für Paris eine

Uhr anfertigen ließ, schon lange mit der Krone vereinigt. Sicher hätte

man nun doch einen fähigen Inländer dem Fremden vorgezogen. Aus all dem

geht hervor, daß eine eigentliche Uhr 1314 in Caen nicht existierte,

daß aber auf einer Glocke Zeichen gegeben, resp. durch einen Wächter

die Stunden geschlagen wurden, entweder nach dem Stande der Sonne,

oder nach den Angaben einer Wasser- oder Sonnenuhr (Ausführliches über

diesen Punkt siehe bei Saunier-Speckhart: Geschichte der Zeitmeßkunst.

Bautzen. S. 207 u. ff.).

Dijon besaß eine sehr berühmte Uhr, welche Herzog Philipp der Kühne

von Burgund von Courtray, dem ursprünglichen Standorte, 1382 auf

Wagen verladen und samt der Glocke nach Dijon bringen ließ. Diese Uhr

schlug alle 24 Stunden des Tages.[34] Hier finden sich auch zuerst

zwei Automaten, sogenannte ~„Jacquemarts”,~ ein Mann und eine Frau;

später kam noch die Figur eines Kindes hinzu. Einige Autoren leiten

das Wort ~Jacquemart~ ab von dem barbarischen lateinischen Ausdruck

~„jaccomarchiadus,”~ was Panzerhemd heißen soll; wahrscheinlicher

ist jedoch die Ableitung vom Namen des ersten Erstellers Jaques

Marck, eines Uhrmachers, der im 14. Jahrhundert lebte und diese

Zugabe erfunden haben soll. (~Jacquemart~ war auch ein Spottname der

Nachtwächter.)

[Illustration: Fig. 9.]

Geschickte Künstler waren aber in diesen Zeiten eine Seltenheit. Karl

~V.~ von Frankreich ließ 1370 in Paris eine Uhr herstellen durch einen

Deutschen, Heinrich von Vic oder Wick. Dieser erhielt als bescheidenen

täglichen Lohn 6 Pariser Sous, nebst freier Wohnung im Turm, wo die

Uhr aufgestellt werden sollte. Derselbe König ließ auf seinem Schloß

~Montargis~ (~Loiret~) durch ~Jean Jouvence~ 1380 eine Uhr errichten;

1372 erhielt Sens eine solche; Karl ~V.~ bezahlte die Hälfte der

~„lanterne.”~ Auxerre folgte ungefähr um dieselbe Zeit; 1391 finden wir

in Metz die neue Erfindung erwähnt. Die berühmteste Uhr Frankreichs

wurde erst etwa 200 Jahre später erstellt in Lyon, durch den Basler

Künstler Nikolaus Lipp. Sie galt als würdige Nebenbuhlerin des

Straßburger Werkes.

Unsere Abbildung (Fig. 9) gibt eine Ansicht der berühmten Uhr, die in

der ehrwürdigen Kathedrale in St. Jean aufgestellt ist. 1578 von Lipp

verfertigt, wurde sie im Jahre 1660 von Wilhelm Nourisson repariert

und beträchtlich vervollkommnet; 1780 wurde eine neue Reparatur nötig,

welche Charny besorgte, zuletzt besserte M. Maurier das alte Werk aus.

Wie die meisten derartigen Kunstuhren zeigt auch das Werk des Basler

Künstlers den Lauf der Gestirne sowie einen ewigen Kalender. Stunden

und Minuten, Tag, Monat und Jahr, die Mondphasen etc. werden angegeben,

die Wochentage sind bezeichnet durch Figuren, die um Mitternacht

wechselnd, in einer Nische erscheinen. Die Bewohner Lyons sind ebenso

stolz auf ihre Uhr, als die Straßburger auf das berühmte Werk des

Dasypodius.

Leider gingen viele derartige Kunstdenkmäler im Sturme der Revolution

unter, selbst in unserer Zeit zerstört hie und da ein unbegreiflicher

Vandalismus den einen oder andern Ueberrest frühen Kunstfleißes der

Vorfahren. So hatte, um nur ein Beispiel zu nennen, die berühmte Uhr

von Bourges von 1423 bis 1872 allen Gefahren getrotzt, um dann auf

Befehl eines aufgeklärten Magistrates ohne Grund zerschlagen und zum

alten Eisen geworfen zu werden! Einzig das Zifferblatt blieb und

dient jetzt einer modernen Fabrikuhr. Verfertiger des Werkes war Jean

Furoris, Canonicus von Paris und Reims; der Preis stellte sich auf 60

Goldgulden, die durch allgemeine Beisteuer aufgebracht wurden. Das

Ganze bestand aus 26 Rädern und Scheiben.

Wenn schon 1370 ein Deutscher Karl ~V.~ eine Uhr erstellte, und 200

Jahre später ein Basler Lyon durch sein Kunstwerk berühmt machte,

wenn 1368 Eduard ~III.~ von England drei Uhrmachern, die er aus Delft

berufen hatte, seinen Schutz angedeihen ließ, so läßt dies alles

schließen, daß auch in deutschen Landen die Uhrmacherkunst schon sehr

frühe Wurzel gefaßt und sich rasch zu hoher Blüte entwickelt habe. In

der Tat beweisen vielfache Nachrichten, daß in Deutschland die Uhren im

14. Jahrhundert bekannt waren. So erhielt, um einige Namen anzuführen,

1368 Breslau sein erstes Schlagwerk durch Meister Schwelbelin;

Frankfurt a. M. 1383 durch Johann Orglocker aus Hagenau; 1359 ist

die Frankenberger Pfarrkirche im Besitze einer Uhr; 1396 der Dom zu

Magdeburg; 1395 Speier; 1398 Augsburg; Mainz 1369; Kolmar 1370; Köln

ca. 1385; Metz 1391 u. s. w.

Das Germanische Museum in Nürnberg besitzt eine der ältesten

Räderuhren, die noch erhalten sind (Fig. 10). Sie stammt aus dem Jahre

1392 und gab auf dem südlichen Sebaldusturme stehend, dem Wächter

die verflossenen Stunden an, damit er sie durch Schläge auf die

große Glocke der Stadt verkünde. Es ist das Verdienst des bekannten

Geschichtsforschers auf dem Gebiete der Uhren, Hofuhrmacher G.

Speckhart in Nürnberg, dieses Stück gerettet zu haben. Wir geben im

Folgenden die Beschreibung kurz nach den Ausführungen des genannten

Forschers (Saunier, a. a. O. 235 u. ff.). Die Uhr ist ganz aus Eisen

gebaut, ihre Höhe mißt 40 ~cm~. Das Zifferblatt hat einen Durchmesser

von 28 ~cm~. Es war am Umfang mit 16 Nieten versehen, die oberste,

da wo jetzt die Ziffer 12 angebracht wird, war mit einem Stachel

versehen. Speckhart entfernte den Anstrich von 2 Zifferblättern,

bis er das ursprüngliche aufdeckte. Die Uhr zeigte 16 Stunden, ging

also nach der sogenannten „großen (Nürnberger) Uhr,” welche den Tag

von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang maß. Die Nieten dienten dem

Wächter in der Dunkelheit, um die Zeit abzulesen, der Stachel war der

Anfangspunkt der Zählung. Ein Schlagwerk ist nicht vorhanden, wohl

aber ein Wecker, der alle Stunden abläuft. Man mußte sich also bis zur

Erfindung der selbstständigen Schlaguhren auf diese Weise behelfen und

kam auch ganz gut zustande damit.

[Illustration: Fig. 10.]

In der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts treffen wir auch in der

Schweiz in den meisten größeren Städten Räderuhren.

So in Basel 1381. Vergl. Fechter: Basler Taschenb. 1852. Dort wird auf

ein Urteil hingewiesen, das gegen einige wegen nächtlicher Ruhestörung

gesprochen wurde, weil sie nachts „_da die Glogge zwey geslagen hatte_,

den Lüten uf Colahüsern und zu Crüze ir thüren ufbrachent.” Ebenso

findet sich in den Rechnungen der Münsterfabrik folgender Posten: ~pro

materia dicta~ „möschin trat” ~ad horologium~. Nach Boos (Geschichte

der Stadt Basel, 1877, ~I.~ S. 239) erhielt auch der Martinsturm

gegen Ende des 14. Jahrhunderts eine Uhr, die 1475 verbessert und auf

den Georgsturm verbracht wurde. 1407 wird ein „Orlei” auf dem Rathaus

erwähnt.

Eine Eigentümlichkeit der Basler Uhren, daß sie nämlich eine Stunde

vorausgingen, hat Simrock in dem launigen Gedichte: „Die Basler Uhr”

behandelt, von welchem wir hier einige Strophen anführen wollen:

Wenn wir die Basler necken,

So istʼs um ihre Uhr,

Sie sei in ein jedem Stücke

Wohl hundert Jahr zurücke

Und vor ein Stündchen nur.

Simrock berichtet, wie 1271 die Stadt einst um 12 Uhr nachts überfallen

werden sollte, was der Glöckner noch kurz vor Mitternacht erfuhr;

rasche Tat war jetzt nötig:

So schlug es gar nicht Zwölfe

und auch nicht wieder Elfe,

Es schlug gleich Eins vom Turm.

Damit war der Ueberfall vereitelt.

Die (Uhr) ließ man zum Gedächtnis

Nun gehen immer so,

und noch in unsern Tagen

Die Basler Glocken schlagen

Eins mehr als anderswo.

Doch auf dem Turm der Brücke

Da guckt ein Kopf hervor,

Der 60 Mal die Stunde

Die Zunge reckt im Munde

Den Feinden vor dem Tor.

und neckt ihr nun die Basler,

Verdirbt man euch den Spaß;

Sagt ihr, sie seiʼn zurücke,

Führt man Euch auf die Brücke

Und sagt: „Wie gʼfallt euch das?”

Ueber den Grund dieser Abnormität sind die Geschichtsschreiber der

Stadt nicht einig. Groß (Kurtze Basler Chronik, 1624) sagt, es sei

um 1433 diese Aenderung eingeführt worden, „zur Beförderung des

Konziliums, daß, da es sonst 12 Uhr schlagen sollte, die Uhr eins

geschlagen ... J. Stumpfius haltet dafür, diese Aenderung werde

gehalten zu einem ewigen Gedenkzeichen eines mordtlichen Ueberfalls

wider die Stadt” (S. 76). Daniel Bernoulli hielt die ungenaue

Orientierung des Münsters und die hieraus erfolgte unrichtige

Konstruktion der Sonnenuhr, nach welcher die Stadtuhr gerichtet

wurde, für die Ursache. Streuber (die Stadt Basel) (S. 377 ff.)

schreibt hierüber: „Eine Eigentümlichkeit Basels, die bis zum Jahre

1798 bestanden, war, daß die Uhren eine Stunde früher zeigten, als

anderswo. Vergebens suchte der Rat im November 1778 die Sonderbarkeit

abzuschaffen, schon im Januar 1779 mußte der alte Stundenschlag wieder

eingeführt werden. Den Grund dieser sonderbaren Abweichung der Basler

Stadtuhren von allen übrigen kennt man nicht. Daß man bei einer

Verräterei 1271 den Zeiger vorgerückt, ist ebenso unbegründet, als daß

die besondere Stundenrechnung daher rühre, daß die erste Sonnenuhr

unrichtig auf die östliche Lage des Chores gegründet worden sei. Die

älteste Schlaguhr Basels ist erweislich aus dem Jahre 1380. Da diese

Uhren aber von untergeordneten Personen, Schlossern u. s. w. gerichtet

wurden, so schiebt man wohl am besten diese Unrichtigkeit auf Rechnung

der Unkenntnis dieser Leute; einmal eingewurzelt, konnte sie nicht mehr

ausgerottet werden.”

Soweit Streuber. Hiezu bemerkt Speckhart (a. a. O. S. 222): „die

oben ausgesprochenen Ansichten und Nachrichten über die sonderbare

Schlagweise der alten Baseleruhr sind nicht stichhaltig. Die uns so

eigentümlich berührende Schlaganordnung, nach welcher die alte Basler

Uhr _eins_ schlug, wenn alle Uhren der unter dem gleichen Längengrad

liegenden Orte der Welt _zwölf_ schlugen, scheint eine wohl erwogene

und richtig begründete Bewandtnis zu haben.

Stellen wir uns vor, daß, wenn es bei uns 12 Uhr schlägt, der höchste

Stand der Sonne, der Mittag eingetreten ist. Die Mittagsstunde,

d. h. die 12. Stunde ist somit bei uns _beendigt_. Anders war das

an der alten Basler Uhr: sie schlug 12 Uhr, wenn die 12. Stunde, die

Mittagsstunde, ihren _Anfang_ nimmt, also in dem Augenblick, wenn

es bei uns 11 Uhr schlägt. Der Mittag, der höchste Stand der Sonne,

fällt demnach bei der Basler Uhr nach Verlauf der 12. Stunde mit

dem Glockenschlag _eins_ zusammen. Beide Zählarten der Stunden sind

richtig, denn die sich ergebende Differenz von einer Stunde liegt in

Wirklichkeit gar nicht vor.”

Als weitern Grund erwähnt Speckhart noch, daß die Stundenmeldung erst

nach abgelaufener Zeit, eigentlich nur für den ersten Schlag gelte, die

übrigen Schläge aber sozusagen zu spät kommen. Deshalb wäre es nach ihm

richtiger gewesen, den abgelaufenen Mittag nur durch _einen_ Schlag zu

bezeichnen, also da _eins_ schlagen zu lassen, wo die gewöhnliche Uhr

12 schlägt. Diese Auffassung ist ja mathematisch unstreitig richtiger,

es scheint uns nur fraglich, ob man früher, wo der Wert der Zeit lange

nicht wie heute gewürdigt ward, so spitzfindig zu Werke ging. Immerhin

ist das eine Erklärung, die vieles für sich hat. Ein weiterer Umstand

fällt nach unserem Ermessen noch schwer in die Wagschale zugunsten

dieser Ansicht: eine von Stradanus gezeichnete Uhrwerkstätte aus dem

16. Jahrhundert zeigt eine Uhr mit der eigentümlichen Einteilung des

Zifferblattes, daß da eins steht, wo unsere Uhren 12 zeigen. Auch eine

Art „Lällenkönig” ist über der Mitte des Zifferblattes angebracht.

Unsere Abbildung (Fig. 11) gibt diesen interessanten Stich wieder.

Der Kopf, den Simrock erwähnt, ist der berühmte „Lällenkönig,”

ebenfalls von einer Uhr getrieben. Er befand sich über dem Zifferblatt

der Uhr des nun abgetragenen Rheintores von Großbasel, auf der Seite

gegen Kleinbasel. Von Zeit zu Zeit streckte derselbe seine Zunge

heraus und zog sie wieder ein. Diese Figur war zum Wahrzeichen Basels

geworden und befand sich bis 1839 auf der Brücke: jetzt ist sie im

mittelalterlichen Museum, wo sie zeitweilig ihre Tätigkeit wieder

aufnimmt, aber nicht bloß zur Freude der Handwerksburschen und Kinder

wie ehedem, sondern auch aller derjenigen, welche es bedauern, daß dem

oft urwüchsigen, im ganzen aber harmlosen Humor der Alten keine Stätte

mehr gegönnt wird im unruhigen Hasten unserer Tage.

[Illustration: Fig. 11.]

Man erzählt auch, die Kleinbasler hätten sich durch eine noch derbere

Karrikatur gegen Großbasel hin gerächt.

Für Luzern fertigte der Basler Heinrich Halder im Jahre 1385 eine Uhr

an, welche zuerst „uf dem graggen turne” aufgestellt war und sich

jetzt auf dem „Zytturm” befindet. (Vergl. auch v. Liebenau, das alte

Luzern, an verschied. Orten). Der Meister hinterließ eine interessante

Anleitung zur Regulierung und Behandlung dieser Uhr, aus welcher hier

einige Sätze folgen mögen (Geschichtsfreund ~I~, S. 87). „Als du das

Vrleiy (Uhr) wit richten, und das nider gewe (Gewicht) uf ziehen, oder

ab lan, so tuo das Frowen gemuete (die Wagunruhe) von dem Rade oder

us dem Rade do es Inne gat, und behab das Kamprat sicher in der hant,

oder das gewege verlieffe sich als balde, dass das werg vil liechte

breche.... Und so das Frowen gemuete ze balde (schnell) gat, des dich

dunkt, so henke di bli kloetzli vaste hin us an das redelin, und so

es ze trege gat, so henke sie hin In an das redelin, hie mitte macht

du es hindern und fürdern wie du wit, sunderlich darf es ze nacht

fürnderndes, wand das werg den merteil ze nacht treger got denne tages”

.... Im Jahre 1408 erhielt auch der Rathausturm eine Uhr. -- In Zürich

schloß der Rat 1366 mit dem Werkmeister Konrad von Klothen einen

Vertrag über den Bau und Unterhalt einer Uhr auf St. Peter. (Vergl.

Salom. Vögelin, Das alte Zürich; neue Auflage; 1879-90.)

Bern hatte in seinem Zytglockenturm, ungefähr aus der nämlichen Zeit,

eine Merkwürdigkeit ersten Ranges.

[Illustration: Fig. 12.]

Diese Stadt hatte anfangs des 16. Jahrhunderts drei Zeitglocken;

eine auf Nydeck, eine im obern Spital und diejenige, welche uns hier

beschäftigt. Aber auch diese Uhr war keineswegs die erste, denn schon

eine Rechnung aus dem Jahre 1499 bemerkt, daß dem „Zitgloggenrichter”

4 pfd. verrechnet wurden. Ebenso 1519: „dem Zitgloggenmacher uff

sin arbeit des _wärchs_ der Zitgloggen, mit sampt dem trinkgeld den

Knechten 109 ℔ 10 ß.” „Zitgloggenrichter” hieß der Angestellte, der die

Uhr im Stand zu halten hatte. 1526 wurde Kaspar Bruner für dieses Amt

gewählt. Er legte dem Rate bald ein Projekt für eine ganz neue Uhr vor,

welches auch genehmigt wurde. „Ist mit Brunner dem slosser überkommen,

daß er die reder zu der Zitgloggen machen soll, wie er die mustrung

anzöngt, umb 1000 gulden (ca. 30000 Fr.) und ime alle fronvasten darzu

10 pfund geben und soll die zitgloggen richten wie vor und darzu acht

haben, alls lang ~m. h.~ das gevellig.” Höchst wahrscheinlich wurde

alles, auch das Spielwerk von der Hand desselben geschickten Meisters

gefertigt. Vollendet wurde das Werk schon 1530 (nicht erst 1534), wie

eine am eisernen Gehäuse des Räderwerkes angebrachte Tafel zeigt:

„Kaspar 1530 Bruner.” Nur der geharnischte Stundenschläger scheint

älter zu sein; er hieß „Hans v. Thann.”[35]

[Illustration: Fig. 13.]

Die älteste Beschreibung des berühmten Werkes stammt aus dem Jahre

1534. Der Ulmer Fischer bereiste als Handwerksbursche die Schweiz

und zeichnete überall die Merkwürdigkeiten auf, die er gesehen. Die

Zeitglockenuhr hat er sogar abgezeichnet; merkwürdigerweise zählt er

die Ziffern von rechts nach links! Wir lassen diese Beschreibung in

ihrem treuherzigen Wortlaute folgen:[36] ... „Jetzt will ich schreyben,

wie fisierlich es vff ainander gadt vnd folgt also: wan es will anfahen

schlahen, so sytzt ain guldiner han enbor vff dem dechle, der thutt die

fligel auff vnd zu, sam (als ob) er flieg, vnd hangen an den fliglen

vil schella. Wan nun der han hat auffheren schella, so stand darneben

zwen thurnblaser, die fahen an zu blausen so artlich zusamen, als

ob sy leben. Wan sy nun ain weyl geblasen haund, so heren sie auff

blasen vnd halten ain weyl still vnd sehen sich vm, darnach so thond sy

die Kepf wider zum busaunen vnd blasen die backen auff vnd thrumeten

zusamen wie forhin. Wan sy nun haben außgeblasen, so sitz ain narr

oben uff dem dechle, der schlecht all fiertel stund, das erst fiertayl

ain straych, das ander fiertayl zweu straych, das dryt fiertayl drey

straych, vnd wan die drumeter außgeblosen haund fier straych. Wan

nun der narr die fier straych hat außgschlagen, so ist ain großer

geharnaster man zu aller oberst im thurn bey der stund, vnd so oft er

ain straych thut, so sytzt ain alts mendle daniden vnder dem hamer vnd

thurnblaser, das thut den mund auff vnd zu vnd zelt alle straych, die

er thut. Vnd wan der geharnest man hat außgeschlagen, so hat das alt

mendle ain stund (Sanduhr) in der hand, die kert es vm, vnd gadt also

wesentlich uff ainander als ob es als lebendig sey. Vnd ist das, da dan

der han vnd die drumeter, der narr vnd das alt mendle ist, das ist ain

ercker, der fein firn thurn herausgadt wie ain ercker an aim hauß vnd

fein inainander verfaßt, wie ich dan alle ding fleyßig vnd ordenlich

fir augen gemalet vnd gstelt hab, sampt der stund und reder darin, auch

die zwelff zaichen, die bloneten, die ob der stund staund, als Jupiter,

Mars vnd Fenus ist nur sunst darzu gmalet, vnd auch die beeren vnd die

zwen geyger ist als nur am thurn gmalet, aber die reder vnd die zwelff

zaychen vnd Sun vnd Mon, das sellig gadt vm nach yrem lauff. Im 1534

jar haun ich zu Bern ain gantz jar gearbayt, da haun ich diesen thurn

abgemalet.”

[Illustration: Fig. 14.]

Wie diese Beschreibung und die von Fischer gemachte Zeichnung beweisen,

ist die berühmte Uhr bis heute wesentlich die gleiche geblieben; nur

der Erker (Fig. 14) ist ein anderer geworden, er baut sich jetzt aus

zwei über einander gestellten Nischen auf; der Hahn steht zur Linken

des alten Mannes, gegenüber einem Löwen. An Stelle der beiden Trompeter

sind laufende Bären angebracht, welche stündlich unter dem Sitze des

alten Mannes (Sonnenkönig) ihren Umzug halten. Gruner berichtet in

„Merkwürdigkeiten der Hochlöbl. Stadt Bern” Zürich 1732, daß die Uhr

lange Zeit still gestanden, ohne daß ein Meister sich gefunden hätte,

der sie wieder herstellte. 1712 aber brachte ein Bauer aus Langnau im

Amt Trachselwald sie wieder in Gang.

Das Aeußere des Turmes wurde leider 1770 „renoviert,” wobei die alten

Malereien verschwanden. Die Inschrift, welche damals angebracht wurde,

lautet:

~Bertholdus V Dux Zähringiæ, Rector Burgund. Urbis conditor Turrim

et portam fecit MCXCI et renovata MDCCLXX~ (Berthold ~V.~ Herzog von

Zähringen, Regent von Burgund, der Gründer dieser Stadt, hat diesen

Turm und das Tor erbaut im Jahre 1191; die Renovation geschah 1770).

Solothurn, diese uralte Schweizerstadt, von der Glarean behauptet,

daß sich diesseits der Alpen nur Trier an Alter mit ihr messen könne,

besitzt auch eine merkwürdige alte Uhr. Sie befindet sich auf dem

aus dem 12. Jahrh. stammenden Turm auf dem Marktplatz. Zum erstenmal

wird dieses Gebäude 1408 in einem Protokoll als Uhrturm erwähnt. Im

Jahre 1452 wurde daselbst eine Uhr aufgestellt, ebenso der Automat,

welcher die Stunden schlägt. Joachim Habrecht (der Vater der beiden

Habrecht, welche die Straßburger Uhr erbauten?) erstellte 1545 die

jetzige Uhr. Sie hat 4 Zifferblätter, das gegen den Marktplatz sehende

mit zwei Zeigern, die übrigen weisen nur die Stunden. Das Uhrwerk

selbst stellt einen Würfel dar von 1,6 ~m~ Länge, 1,7 ~m~ Breite und

1,7 ~m~ Höhe. Die beiden Platten (Platinen), sowie die Räder bestehen

aus Schmiedeisen, mit Ausnahme der Zähne des Hemmungsrades, welche

stählern und einzeln durch Gewinde mit dem Radumfang verschraubt sind.

Die Automaten werden vom Uhrwerk durch ein System von Hebeln betrieben.

Es sind ein Kürassier, der die Viertel auf seinem Panzer schlägt;

der König auf dem Throne, welcher alle Stunden das Scepter bis auf

das Knie senkt und der Tod, der seine Sanduhr unmittelbar vor jedem

Stundenschlag umstürzt. Oberhalb der Automaten befindet sich eine Kugel

zur Darstellung der Mondphasen, die sich an einem Sternhimmel bewegt.

[Illustration: Fig. 15.]

Das astronomische Zifferblatt (Fig. 15), ist unter einem Schutzdach

angebracht und über 30 Quadratmeter groß; allein der Stundenkreis

hat über 4 ~m~ Durchmesser. Wie die Abbildung zeigt, ist er in 2 mal

zwölf Stunden geteilt. Von den 3 Zeigern gibt der größte, in eine Hand

endigend, mit Zeiger und Mittelfinger die Stunden an. Der Mondlauf im

Tierkreis ist durch den zweiten Zeiger dargestellt und hat monatlichen

Umlauf; der letzte gibt den Sonnenlauf während eines Jahres an. Diese

Zeiger haben ein eigenes Räderwerk, welches von der Uhr mittels

Stangenübertragung bewegt wird. Die Malereien stammen aus dem Jahre

1583 und wurden von dem Meister Heinrich Nikolaus Knopf ausgeführt;

1880 restaurierte sie H. Jenny von Solothurn. Besonders treten S. Urs

und Victor, die Patrone der Stadt hervor.

Hier sehen wir auch noch die Eigentümlichkeit, daß der

Viertelstundenzeiger kürzer ist als der Stundenzeiger; die

Viertelteilung stammt erst aus dem Jahre 1642. Die auf unserer

Abbildung sichtbare Türe diente zum Richten der Zeiger von innen aus.

-- Die Solothurner Uhr ist neben derjenigen zu Bern eine Merkwürdigkeit

der Schweiz; möge sie sich noch recht lange erhalten als Wahrzeichen

der Stadt und des historischen Sinnes ihrer Bewohner.

Ein Zeitmesser darf hier nicht übergangen werden: die berühmte Uhr von

Straßburg, welche im ganzen Mittelalter und bis in unsere Zeit den

Stolz und die Freude dieser Stadt bildete. Auch heute noch wird wohl

kaum ein Tourist versäumen, dem äußerst interessanten Werke seinen

Besuch abzustatten. Es galt als eines der 7 Wunderwerke Deutschlands;

an dem Portal des Domes zu Mainz stand zu lesen: Die 7 Wunderwerke

Deutschlands sind: der Straßburger Turm, der Kölner Chor, die

Straßburger Uhr, die Orgel von Ulm, die Frankfurter Messe, Nürnberger

Kunstwerke und das Augsburger Rathaus.[37] Diese Uhr wurde von Fischart

in ziemlich hölzernen Versen besungen; auch Frischlin, Xylander,

Cell, Crusis u. a. erwähnen sie in ihren Gedichten. Die neue Uhr fand

ihren Sänger in Bilharz: Die astron. Uhr von Straßburg, Gedicht in

alemannischer Mundart, 1872.

Die erste Münsteruhr zu Straßburg wurde 1352 begonnen und 2 Jahre

später unter Bischof Johann von Lichtenberg von einem unbekannten

Meister vollendet. 1399 mußte sie repariert werden und ging später

nach und nach zugrunde. Das Gehäuse bestand ganz aus Holz und umfaßte

drei Abteilungen: zu unterst war der gewöhnliche Kalender, in der

Mitte das Astrolabium samt Stundenblatt; oben waren verschiedene

Automaten angebracht. Im Jahre 1547 beschloß die Stadtbehörde nach dem

Beispiel anderer Städte (Bern erhielt 1527 eine „gar schöne” Uhr für

den Zytglockenturm von einem auswärtigen Künstler; 1538 erstellte Hans

Luther von Waldshut eine neue Uhr auf St. Peter in Zürich um 2394 ℔, 9

Schillinge und 2 Heller, wofür er das Bürgerrecht erhielt u. s. w.),

auch eine neue, der alten würdige Uhr anzuschaffen. „Drey fürnemme,

gelehrte und verständige Mathematici, ~Dr.~ Michael Herus, Nicolaus

Brucknerus, Christianus Herlinus und neben ihnen andere Handwerksleut”

wurden beauftragt, die Uhr in Angriff zu nehmen, „und ward das Werk so

weit gebracht, das der Uhrenmacher ettliche redder, und das gestell

verfertigt hat, der Steynmetz das geheuß auffgefürt, bis gar nach

an den helm, die Mathematici das Astrolabium auffgerissen haben:

aber solches werk ist darnach durch ettlicher absterben unnd anderer

ungelegenheit verhindert, unnd also unaußgemacht verbliben.”[38]

So stockte die Arbeit, bis 1570 Konrad Dasypodius (Rauchfuß) von

Schaffhausen, der Nachfolger Herlins als Professor der Mathematik in

Straßburg, die Sache wieder aufnahm. Er erweiterte den ursprünglichen

Plan und führte ihn auch aus; den mechanischen Teil übernahmen zwei

Landsleute, Isaak und Josias Habrecht aus Schaffhausen, (letzterer

erstellte auch 1580 die Uhr auf dem Rathause in Ulm), während zwei

andere Schaffhauser, die Maler Tobias und Josias Stimmer das Gehäuse

ausschmückten. M. David Wolkenstein aus Preßlaw unterstützte den durch

allzugroße Arbeitslast krank gewordenen Freund Dasypodius bei der

Vollendung der Uhr; 1574 war sie fertig gestellt und zur allgemeinen

Zufriedenheit ausgefallen. Das Werk war sehr künstlich gearbeitet,

es zeigte an einem Globus von drei Fuß Durchmesser alle täglichen

Erscheinungen an Sonne, Mond und den sämtlichen 1022 auf dem Globus

verzeichneten Ptolemäischen Sternen. Mehrere Scheiben zeigten z. B.

den immerwährenden Julianischen Kalender, die Mondphasen, die Zeichen

des Tierkreises u. s. w. Automaten fehlten natürlich auch nicht, so

z. B. ein Hahn, der anfangs jeden Mittag krähte, später aber, als

1640 der Blitz in ihn schlug, nur mehr an den Sonn- und Feiertagen.

Der bildliche Schmuck war sehr reich; das Porträt des Astronomen

Copernicus, das Stimmer nach einer Vorlage aus Danzig gemalt, gab

Veranlassung zur Sage, jener hätte die Uhr verfertigt. 1669 und 1732

wurden Ausbesserungen vorgenommen; 1789 stand die Uhr still. Als 1838

die neue Uhr in Arbeit genommen wurde, fügte man den Mechanismus

und die übrigen Teile der alten wieder zusammen und stellte sie im

Frauenhause in Straßburg aus, wo sie noch zu sehen sind. Die jetzige

Uhr wurde 1842 vollendet von J. B. Schwilgué; sie ist wohl allgemein

bekannt, so daß hier von einer nähern Schilderung abgesehen werden

kann. Das Gehäuse ist das alte von 1574, weshalb wir hier eine

Abbildung desselben geben (Fig. 16). Es sei nur noch bemerkt, daß diese

nach allen Anforderungen der modernen Wissenschaft konstruierte Uhr bis

zum Jahre 9999 richtig zeigt und dann erst eine Ziffer geändert werden

müßte, falls es möglich wäre, daß ein Werk so lange dauern kann.

Eine Sage, die sich an die Straßburger Uhr knüpft, sei hier noch

erwähnt, die Blendung des Meisters nach Vollendung seines Werkes,

damit er kein ähnliches mehr erstellen könne. Gleiches wird auch von

Lipp, dem Erbauer der Lyoner Uhr erzählt, aber mit ebenso geringer

Berechtigung. Dieser lebte hochgeehrt und reich belohnt in Lyon; Isaak

Habrecht starb in Straßburg 1610 als Stadtuhrenmacher; sein Bruder

Josias in Kayserswerk; er hatte eine blinde Schwester, welcher Umstand

vielleicht zur erwähnten Sage Veranlassung gab.

[Illustration: Fig. 16.]

Die Künstler des Mittelalters waren noch nicht beeinflußt von einem

so unruhigen Gewerbsleben, wie es sich heute überall geltend macht.

Sie konnten ihre Arbeiten in aller Muße vollenden. In unserer modernen

Zeit, wo ein Fortschritt sozusagen den andern verdrängt, hat man auch

nicht mehr so viel Verständnis für Werke, deren Ausführung jahrelange

geduldige Arbeit und mühevolles Studium erfordert. Die Eindrücke kommen

zu rasch und verwischen sich entsprechend schnell wieder, wir sind eben

in gar vielen Punkten blasiert geworden. Dennoch hat es bis in die

neueste Zeit Meister gegeben, welche ihr Können an Kunstuhren erproben

wollten und es mit dem besten Erfolge auch getan haben. Bevor wir das

Gebiet der alten Kunstuhren verlassen, möge es deswegen gestattet sein,

der Zeit vorgreifend, zwei neuere Werke kurz anzuführen.

Hier ist besonders zu nennen die astronomische Uhr von C. Julius Späth

in Steinmauern (bei Rastatt), welche u. a. das Osterfest selbsttätig

darstellt. Der Erfinder verwandte 19 Jahre auf die Erbauung dieses

Werkes, das aus 2200 Teilen besteht. -- Eine andere Uhr, die hier noch

genannt sein soll, ist jene von Hofuhrmacher Gustav Speckhart von

Nürnberg. Sie wurde erstellt im Auftrage von C. Marfels in Berlin und

bildete auf der Ausstellung von Chicago 1893 eine Zierde des „Deutschen

Hauses.” Zur Darstellung kommt das Passionsspiel von Oberammergau.

Das Innere der Uhr zählt 13 Uhrwerke; eines für die Musik, neun zur

Bewegung der Gruppen, sowie eines für den Hahnenschrei und Stunden

und Viertelschlagwerk. Das Kunstwerk wurde 1897 durch einen Brand

vernichtet, aber zum zweiten male hergestellt; 1900 vertrat es würdig

deutschen Kunstfleiß auf der Ausstellung zu Paris. Gegenwärtig befindet

sich die Uhr im Museum für Zeitmeßkunde in Schramberg.

Vom 15. Jahrhundert an gab es bald keine bedeutendere Stadt mehr,

die nicht ihre Uhr gehabt hätte; nach allen Richtungen der Windrose

breiteten sich die neuen Zeitmesser aus. Es kann nicht unsere Aufgabe

sein, eine Aufzählung der in diesem Zeitraum erstandenen Uhren zu

geben, weshalb hier nur noch einige Länder genannt sein mögen. Im

Norden finden wir in der alten Universitätsstadt Lund eine Uhr mit

vielen Automaten aus gediegenem Silber. Als 1658 die Provinz Schonen an

die Schweden kam, wurde das kostbare Kunstwerk sogleich eingeschifft,

das Fahrzeug versank aber im Sturme und so ruht der Schatz schon

lange auf dem Meeresgrunde. Auch Upsala hatte schon frühe Uhren, wie

Erzbischof Olaf Magnus († 1544) berichtet. Er sagt,[39] zwar hätten die

nordischen Völker die Uhren erst später erhalten, ebenso die Glocken;

jetzt aber gebe es in diesen Ländern so gute und richtig gehende Uhren,

sowohl einheimischen als fremden Ursprunges, daß nur noch die richtige

Wartung für dieselben erfordert werde.[40]

In England waren im 14. Jahrhundert die Uhren schon verbreitet. Es

läßt sich dies schließen aus einigen Stellen Chaucers (ca. 1340-1400),

des Vaters der englischen Dichtkunst, der in seinen ~Canterbury Tales~

(~V.~ 14859 und 60) singt:

~Full sickerer was his crowing in his loge,

As is a clock, or any abbey orloge.~

(Viel sicherer konnte man nach seinem Krähen, als nach der Kirchen-

oder Abteiuhr gehen.) Bekannt ist auch, daß Shakespeare die Uhren

öfter erwähnt.

In Spanien stellte man die erste Uhr zu Olite auf. Sevilla erhielt 1400

eine solche; 1402 Moskau, durch einen serbischen Künstler Lazarus.

In den ersten Zeiten der Uhrmacherkunst stellten sich die Uhren

natürlich teuer, da sie einerseits große Kenntnisse bei dem Ersteller

voraussetzten, anderseits waren der bedeutenden Größe wegen die

Materialkosten nicht gering. Später jedoch verfertigte man sie kleiner

und billiger, so daß gegen Ende des 15. Jahrhunderts auch Privatleute

im Besitze von Uhren sind. Auch verschwinden nach und nach die

Gelehrten und Astronomen als Uhrmacher, an ihre Stelle treten die

Schlosser und später die eigentliche Uhrmacherzunft.[41] Wenn nun

auch die Herstellung der Zeitmesser handwerksmäßig betrieben wurde,

so entbehrten sie vielfach doch nicht des künstlerischen Schmuckes,

weshalb solche alte kleinere Uhren sehr gesucht und wichtig sind für

das Kunsthandwerk. Mancherorts finden sich, besonders aus der Zeit der

Renaissance, wahre Perlen der Kleinkunst unter den Uhren vor.

Die Obrigkeit beschäftigte sich bald mit der Organisation der

Uhrmacher. Sehr ausführliche, zum Teil strenge Bestimmungen enthält die

Zunftordnung der Pariser Uhrmacher vom Jahre 1544, welche im folgenden

der Hauptsache nach angeführt werden.

1. Es ist weder einem Goldschmied, noch sonst jemand erlaubt, Uhren

oder Bestandteile derselben herzustellen, feil zu bieten oder zu

verkaufen, unter Strafe der Einziehung seiner Waren und einer Buße in

Geld; außer er habe sich als Meister in die Zunft aufnehmen lassen.

2. Niemand darf als Meister aufgenommen werden vor Ablegung einer

Prüfung und Fertigstellung eines Probestückes in der Werkstätte eines

Aufsehers.

Die Uhren: Ein Abriß der Geschichte der Zeitmessung · 第 12 / 25 题