»ad 1. Bei dem nahezu sicheren Versagen aller Versprechungen und
Zugeständnisse bleibt uns -- außer der unter 2. zu besprechenden
Sicherung über Bulgarien -- nur der militärische Druck; wenn wir in
der Lage sind, den Rumänen zu sagen: sobald ihr euch rührt, schlagen
wir zu, ist die Situation gewonnen. Erscheinen wir den Rumänen
gegenüber als die Stärkeren und Fordernden statt als die Schwachen
und Bittenden, so wird der Mut der Rumänen sich verflüchtigen; und
selbst, wenn wir dann zum Losschlagen gegen Rumänien gezwungen sein
sollten, können wir als Angreifer mit großer Sicherheit auf ein
Mitgehen Bulgariens rechnen, während wir als schwache Angegriffene
auch Bulgarien auf der andern Seite sehen würden.
»Die Frage ad 1 kommt also darauf hinaus: Können unsere Armeen in
Galizien und der Bukowina jetzt schon eine den sofortigen Einmarsch
in die Moldau gestattende Gruppierung erfahren?
»ad 2: Auch Bulgarien gegenüber wird mit Versprechungen allein
(Mazedonien, Dobrudscha usw.) nichts auszurichten sein. Immerhin
kann Bulgarien vielleicht stark beeindruckt werden durch den Hinweis
auf die großen, vom Dreiverband den Rumänen gemachten Versprechungen
(Ungarn bis zur Theiß), wodurch Rumänien endgültig die Vorherrschaft
auf dem Balkan gewinnen würde. Sichere Wirkung ist aber auch bei
den Bulgaren nur durch Handlungen zu erreichen. In erster Linie
steht hier der Angriff auf den Negotiner Donauzipfel; hier ist
die geographische Entfernung am kürzesten, und ein Losschlagen
gegen Serbien würde den Bulgaren wegen Mazedonien eher liegen als
ein Losschlagen gegen Rumänien im Falle unseres Einrückens in der
Moldau. Eine Aktion gegen den Negotiner Zipfel würde freilich die
Bulgaren nur dann mit Sicherheit zum Losschlagen an unsere Seite
bringen, wenn unsere Aktion raschen Erfolg aufweisen oder wenigstens
von vornherein durch das Einsetzen ausreichend starker Kräfte den
Erfolg sichern würde.
»Als wirksamstes Mittel, eine gegen uns gerichtete Balkankombination
im Keim zu zerstören und Bulgarien zum Eingreifen an unserer Seite
zu veranlassen, erscheint also nach wie vor eine ausreichend starke
Aktion gegen den Negotiner Zipfel.
»An zweiter Stelle steht eine Gruppierung unserer Truppen in
Galizien und der Bukowina, die in der kürzesten Zeit uns gestatten
würde, einen starken Druck auf Rumänien auszuüben, nicht nur nach
der negativen Seite des Stillhaltens hin, sondern auch nach der
positiven Seite des Durchlassens von Munition usw. nach Bulgarien
und der Türkei.
»Geschieht nicht in der allernächsten Zeit entweder das eine
oder das andere, dann ist zu befürchten, daß trotz des schönsten
Fortgangs unserer Operationen in Galizien der ganze Balkan gegen uns
geht und die Türkei zur Kapitulation gezwungen wird. Dann wären die
Früchte des galizischen Sieges verloren und alle die großen Opfer
umsonst gebracht.
»Es ist also zwingend notwendig, auf das gewissenhafteste und
sorgfältigste zu überlegen, wie der Fortgang der galizischen
Operation -- und natürlich auch die Verteidigung gegen den
italienischen Angriff -- mit den unter 1 und 2 angeführten Aktionen
in Einklang gebracht werden kann. Diese zwingende Notwendigkeit ist
nicht nur eine politische; denn die politischen Entwicklungen von
heute setzen sich morgen in militärische Zwangslagen um[1].«
[1] Auch Graf Czernin, damals noch österreichisch-ungarischer Gesandter
in Bukarest, sah in jener Zeit eine Aussicht, Rumänien zu
gewinnen. In einer Rede, die er am 11. Dezember 1918 in Wien
gehalten hat, führte er aus, daß Majorescu, der Führer der
rumänischen Konservativen, damals nicht abgeneigt gewesen sei,
sich auf unsere Seite zu stellen; die rumänische Armee, die
nach Bessarabien vorgestoßen wäre, wäre weit in den Rücken
der zurückflutenden russischen Armee gekommen und hätte nach
menschlicher Berechnung in Rußland ein Debacle herbeiführen
müssen. Damals, wo es noch kein »Amerika« am Horizont gab, hätte
man nach einem solchen Erfolg vielleicht den Krieg beendigen
können. Allerdings hätten damals die Rumänen als Preis für ihre
Kooperation eine ungarische Grenzrektifikation verlangt, die von
Ungarn glatt refüsiert worden sei.
Der Kanzler schloß sich meiner Auffassung an. Im Großen Hauptquartier
jedoch stellte man die Ausnutzung des galizischen Sieges bis zur
äußersten Möglichkeit über alle andern Erwägungen.
Während unsere Armeen in Galizien neue Siege errangen, Lemberg
befreiten und weiter gegen Osten vordrangen, blieb die Balkanlage
im Schwebezustand. Bulgarien suchte sich mit der Türkei direkt zu
verständigen; aber die Sondierung, ob die Türkei bereit sei, den
Bulgaren Adrianopel und die Grenze Enos-Midia zuzugestehen, stieß
in Konstantinopel, trotz der bedrängten Lage der Dardanellen, auf
entrüstete Ablehnung. Insbesondere Enver Pascha, der Wiedereroberer
Adrianopels, konnte sich mit der Herausgabe dieser Festung nicht
abfinden. Djavid Bey, mit dem ich in jener Zeit über die Deckung
des türkischen Geldbedarfs verhandelte, sagte mir am 1. Juli, die
Herausgabe von Adrianopel sei gänzlich ausgeschlossen, deutete aber
an, daß die Maritza als Grenze möglich sei. Das war eine Grundlage für
die diplomatische Verständigung; aber gleichzeitig wurde auch immer
deutlicher, daß ohne eine militärische Aktion unsererseits auf dem
Balkan Bulgarien nicht zum Marschieren zu bringen war.
Wieder trat in jener Zeit eine Pause auf dem galizischen Kriegstheater
ein. Die Offensive nach Osten hatte sich ausgewirkt. »Die Lage ist
unverändert« lautete fast Tag für Tag der Heeresbericht über den
südöstlichen Kriegsschauplatz. Aber auch jetzt konnte sich die Oberste
Heeresleitung nicht entschließen, sich dem Balkan zuzuwenden. Das
große Kesseltreiben gegen Polen von Norden und Süden her war bereits
in Vorbereitung. Falkenhayn vertröstete den Kanzler auf die Beendigung
dieser Aktion.
Der glänzende Feldzug in Polen füllte den Juli und August. Mit Hängen
und Würgen hielten die Türken die Dardanellen, während in Sofia der
Herzog Johann Albrecht von Mecklenburg, unterstützt von dem Gesandten
Grafen Oberndorff und Herrn von Rosenberg vom Auswärtigen Amt, mit König
Ferdinand und seiner Regierung, im Großen Hauptquartier der General
von Falkenhayn mit den bulgarischen Militärs über die politischen und
militärischen Bedingungen des Zusammenschlusses verhandelten, nachdem
unter unserer Mitwirkung eine Einigung zwischen Bulgarien und der
Türkei zustandegekommen war, die den Türken Adrianopel beließ, den
Bulgaren aber die Maritza mit einem Geländestreifen auf dem östlichen
Ufer zurückgab.
Den Bulgaren wurde ferner das bulgarische Mazedonien sowie das östliche
Serbien bis zur Morawa zugesagt. Ihre Ansprüche auf das griechische
Gebiet von Drama, Serres und Cavalla sollten nur dann praktisch werden,
wenn Griechenland von seiner Neutralität zu Kriegshandlungen gegen
unsern Verband übergehen sollte. Dafür behielten sich die Türken vor, im
Falle einer bulgarischen Gebietserweiterung auf Kosten Griechenlands die
jetzt von ihnen abzutretenden Gebiete von Bulgarien zurückzuverlangen.
Die Entente hat nicht vermocht, so lange wir ihr auch notgedrungen Zeit
lassen mußten und so sehr sie alle diplomatischen Künste spielen ließ,
den Anschluß Bulgariens an die Mittelmächte zu verhindern. Zwar war
der griechische Ministerpräsident bereit, der Entente über den Kopf
seines Königs hinaus einen großen Trumpf in die Hand zu geben, indem er
zugunsten Bulgariens auf Serres, Drama und Cavalla gegen Entschädigung
durch Smyrna und andere von Griechen bevölkerte Teile Kleinasiens
verzichten wollte. Aber Serbien sperrte sich gegen die Ausdehnung der
von den Westmächten in Mazedonien gewünschten Konzessionen; und den
großen Trumpf, Konstantinopel, der bei den Bulgaren sicher gestochen
hätte, wagte man in Rücksicht auf Rußland nicht auszuspielen. So
gewannen die Mittelmächte das Übergewicht.
Am 7. September konnten in Sofia alle Verträge unterzeichnet werden. Die
Vorbereitungen für die gemeinschaftliche Aktion gegen Serbien wurden
sofort eingeleitet.