2. Ebenso das Westufer des Isonzo, soweit die Bevölkerung rein
italienisch ist, sowie die Stadt Gradisca.
3. Triest soll zur freien Kaiserlichen Stadt gemacht werden, eine den
italienischen Charakter der Stadt sichernde Stadtverwaltung und eine
italienische Universität erhalten.
4. Die italienische Souveränität über Valona und die dazugehörige
Interessensphäre wird anerkannt.
5. Österreich-Ungarn erklärt seine politische Uninteressiertheit an
Albanien.
Das Deutsche Reich hatte dem römischen Kabinett gegenüber im
Einverständnis mit der österreichisch-ungarischen Regierung die volle
Garantie für die loyale Ausführung dieser Anerbietungen übernommen.
Aber Sonnino hatte sich schon im April der Entente gegenüber gebunden.
Der volle Umfang der österreichischen Zugeständnisse wurde dem
italienischen Volke und seiner Vertretung vorenthalten. Die beiden
Kammern des italienischen Parlaments, deren Mehrheit friedensfreundlich
war, ließen sich durch die bis zum Weißglühen erhitzte Straße
einschüchtern und stimmten der Kriegserklärung zu, die von dem
italienischen Botschafter am Pfingstsonntag, dem 23. Mai 1915, in Wien
überreicht wurde. »Die Erfüllung der nationalen Aspirationen gegen jede
gegenwärtige und künftige Bedrohung« wurde in diesem Dokument als der
Kriegsgrund bezeichnet!
Deutschland gegenüber wurde eine Kriegserklärung nicht abgegeben. Auch
Deutschland sah zunächst von einer Kriegserklärung ab und beschränkte
sich auf den Abbruch der diplomatischen Beziehungen.
Auch der Fürst Bülow hatte den Eintritt Italiens in den Krieg nicht
mehr verhindern können. Ob es ihm gelungen wäre, wenn die Wiener
Regierung eine größere Entschlußfähigkeit betätigt und rascher mit
ihren Zugeständnissen hervorgetreten wäre, ist nachträglich wohl kaum
zu entscheiden. Persönlich bin ich der Ansicht, daß die italienische
Regierung, nachdem sie einmal den Weg des Verrats und der Erpressung
betreten hatte, durch das Mißtrauen des Verräters und Erpressers
zwangsläufig in den Krieg getrieben worden ist, und daß von jenem
Augenblick an keine Diplomatie und kein Entgegenkommen den Krieg noch
verhindern konnte. Auch nach allem, was mir Fürst Bülow über seine
römische Mission erzählt hat, ist dieser Eindruck bei mir bestehen
geblieben.
War so die Sendung des Fürsten Bülow zum Scheitern verurteilt, so
hat der Fürst doch einen in seiner Tragweite kaum hoch genug zu
veranschlagenden Erfolg erzielt: er hat es verstanden, die Entscheidung
hinauszuschieben bis zu einem Zeitpunkt, in dem die Gestaltung der
militärischen Ereignisse unserem Bundesgenossen die Möglichkeit gab,
dem italienischen Angriff eine Verteidigung entgegenzustellen. Noch
in der letzten Aprilwoche 1915 hat mir der General von Falkenhayn
auf meine Frage geantwortet, daß weder die Österreicher noch wir
in der Lage seien, einem italienischen Angriff nennenswerte Kräfte
entgegenzuwerfen. Die am 2. Mai einsetzende Schlacht bei Gorlice
befreite Österreich-Ungarn von der russischen Gefahr und machte ihm
rechtzeitig die Hände frei für die Abwehr des italienischen Überfalls.
Von der italienischen Kriegserklärung bis zum Eintritt Bulgariens in
den Krieg
Die Mittelmächte waren am Ende des Jahres 1914, wie wir gesehen haben,
in die Verteidigung gedrängt, in eine feste Verteidigung im Westen, eine
bewegliche im Osten. Es handelte sich für die Leiter ihrer Operationen
darum, auch in dieser schwierigen Lage die Initiative zu behalten. Wie
die Dinge lagen, konnte sich die Initiative nur im Osten entfalten.
Dort setzte sie bald nach Beginn des Jahres 1915 auf den breiten
Flügeln der in gewaltigem Bogen von den Masurischen Seen über das
westliche Polen und die Karpathen bis zur ungarisch-rumänischen Grenze
geschwungenen Kampffront ein.
An der Karpathenfront gelang es, den Russen Czernowitz wieder
abzunehmen und sie in schweren Winterkämpfen über die verschneiten
Pässe zurückzuwerfen. Aber die Kraft der dort kämpfenden
österreichisch-ungarischen Armee und der sie verstärkenden deutschen
Truppen reichte nicht aus, um den Ausgang aus dem Gebirge zu erzwingen
und das belagerte Przemysl zu entsetzen. In der zweiten Februarhälfte
kam die Angriffsbewegung ins Stocken.
Dagegen führte die Umfassungsschlacht, die Hindenburg am 7. Februar
gegen den rechten Flügel der russischen Front einleitete, zu einem
vernichtenden Schlag, dessen Wucht selbst Tannenberg übertraf. Acht
Tage nach dem Beginn des Ringens war die russische Armee im Raume von
Augustow-Suwalki eingekreist, und wenige Tage darauf erreichte die
»Winterschlacht in Masuren« mit der Vernichtung der russischen Nordarmee
ihren Abschluß.
Ostpreußen war jetzt endgültig von den Russen befreit und vor neuen
Einbrüchen gesichert. Die Offensivkraft der russischen Gesamtarmee war
durch die Zerschmetterung ihres rechten Flügels und den Verlust seines
gesamten Kriegsmaterials auf das schwerste erschüttert. Bis in die
Karpathen hinein empfanden die Armeen der Mittelmächte die Entlastung.
Ihre Führer sahen den Weg zu einer umfassenden und entscheidenden
Offensive geöffnet.
Inzwischen rüttelten an der Westfront Franzosen, Engländer und Belgier
mit ihren farbigen Hilfsvölkern unausgesetzt an den deutschen
Stellungen, bald in Flandern, im Artois und in der Picardie, bald an
der Aisne und in der Champagne, bald vor Verdun und in den Vogesen.
Alle diese Vorstöße vermochten das deutsche Stellungssystem wohl da und
dort leicht einzubeulen, aber nicht zu erschüttern, geschweige denn zu
durchbrechen. Ja, die deutschen Truppen zeigten sich trotz der starken
zahlenmäßigen Überlegenheit der Feinde zu kräftigen Gegenstößen fähig.
Als sie gegen die Mitte des Januar 1915 in wuchtigem Gegenangriff
die Franzosen von den Soissons beherrschenden Höhenstellungen
herunterfegten, erzitterte Paris in Panik, und die Feldherren wie die
Staatsmänner der Entente mußten sich Rechenschaft geben, daß die Träume
vom September ausgeträumt waren, daß nur eine riesenhafte Anstrengung
den deutschen Stellungsring würde sprengen können.
Eine solche Anstrengung versuchte der Marschall Joffre um die Mitte des
Februar 1915. In breit angelegter Durchbruchsschlacht versuchte er die
deutschen Linien in der Champagne zu zerreißen, zum mindesten aber dem
in der Masurenschlacht schwer bedrängten russischen Verbündeten eine
Entlastung zu verschaffen. Weder das weitere noch auch das engere Ziel
wurde erreicht. Nach drei Wochen fast ununterbrochenen Ansturmes mußte
das Unternehmen aufgegeben werden.
In den folgenden Monaten lag der Schwerpunkt der Kämpfe bei dem
nordwestlichen Frontteil. Am 23. April begannen unsere Truppen einen
umfassenden Angriff auf die britischen Stellungen in der Gegend von
Ypern. Jetzt, in der besser gewordenen Jahreszeit, wollte unsere
Heeresleitung noch einmal den im Spätherbst mißlungenen Versuch machen,
hier die feindliche Stellung aus den Angeln zu heben. Die Anfangserfolge
waren vielversprechend. Es schien, als ob es gelingen sollte, die
Ypernstellung in eine eiserne Zange zu nehmen. Aber auch diesmal blieb
dem Heldenmut unserer Truppen der entscheidende Erfolg versagt. Dagegen
setzten vom 10. Mai an Franzosen und Engländer mit schweren Angriffen
gegen unsere Stellungen auf und an der Lorettohöhe ein. Abermals und
dringender denn je brauchte das russische Heer eine Entlastung.
Denn am 2. Mai hatte mit der Schlacht bei Gorlice die gewaltige Aktion
der verbündeten Armeen eingesetzt, für die die Karpathenkämpfe im
Januar und Februar und auch die Winterschlacht in Masuren, trotz ihrer
gewaltigen Dimensionen, nur eigentlich die Einleitung gewesen waren.
Die russischen Linien in Westgalizien von der ungarischen Grenze bis
zur Mündung des Dunajec in die Weichsel wurden im ersten Anprall
an zahlreichen Stellen durchbrochen. Die westgalizische Front war
zerschmettert, die südlich anschließende Karpathenfront kam ins Weichen,
ebenso die im Weichselbogen stehenden russischen Linien. Vierzehn Tage
nach Beginn der Offensive war der San erreicht und an mehreren Stellen
überschritten. Am 3. Juni wurde das nach langer Belagerung am 22. März
gefallene Przemysl wiedererobert. Am 22. Juni wurde Lemberg den Russen
entrissen.
Im Juli rückte der Schwerpunkt des Ringens nach Polen. Westlich der
Weichsel wie zwischen Weichsel und Bug drängten unsere siegreichen
Armeen gegen Norden. Gleichzeitig begann unsere Nordarmee, die
inzwischen mit schwachen detachierten Kräften den größten Teil von
Kurland erobert hatte, einen zermalmenden Druck von der Südgrenze
Ostpreußens gegen die Narewlinie. Im August war die Frucht reif. Fast
gleichzeitig fielen am 4. und 5. August Iwangorod im Süden und Warschau
im Norden. Am 19. August folgte Kowno, am 20. Nowo-Georgiewsk mit einer
unerhörten Beute an Artillerie und sonstigem Material. Am 26. August
war Brest-Litowsk, der gewaltige Waffenplatz am Bug, in unserer Hand.
Drei Wochen später waren unsere Truppen 180 Kilometer weiter östlich in
Pinsk angelangt; das russische Heer war vor ihnen in den Pripjetsümpfen
verschwunden. Die wolhynischen Festungen Luck und Dubno wurden eine
leichte Beute. Im Norden wurde am 3. September das stark befestigte
Grodno gestürmt. Am 18. September fiel Wilna. Aber leider blieb einem
großartigen Umfassungsversuch Hindenburgs in Richtung auf Minsk der
Erfolg versagt. Ende September 1915 hielten wir in einer Linie, die aus
der Gegend Dünaburg in fast genau südlicher Richtung über Pinsk nach der
Ostgrenze Galiziens führte. Hier war die große, Anfang Mai eingeleitete
Operation zum Abschluß gekommen.
Gewaltiges war in den fünf Monaten erreicht worden. Das Anfang Mai bis
auf einen kleinen Rest von den Russen besetzte Galizien und der östliche
Rand von Ostpreußen waren befreit, ganz Polen, Litauen und Kurland, dazu
große Teile von Wolhynien und Weißrußland mit ihren starken Festungen
waren erobert. Die große russische Armee, die größte, die wohl je die
Welt gesehen, war geschlagen und auseinandergesprengt, große Teile von
ihr waren vollkommen vernichtet. Mehr als eine Million Gefangener waren
in unsern Händen geblieben. Die Verluste der Russen an Kriegsmaterial
waren ungeheuer.
Und doch war Rußland nicht bezwungen. Seine Armee als Ganzes war zwar
stark geschwächt, aber nicht vernichtet, sein Kriegswille war nicht
gebrochen. Hinter der langgestreckten neuen Front begann es, aus seinem
fast unerschöpflichen Menschenreservoir und mit der finanziellen und
industriellen Hilfe seiner Verbündeten wie der neutralen Amerikaner
sich ein neues Kriegswerkzeug zu formen; das es später bei den weiteren
Entscheidungen mit Wucht in die Wagschale warf.
* * * * *
Während wir mit klopfendem Herzen dem Siegeslauf unserer Armeen folgten,
stürmten schwere politische Sorgen auf uns ein.
Die Entente war nicht imstande, den wuchtigen Schlag, den wir
militärisch gegen Rußland führten, durch einen Gegenschlag zu parieren.
Die Loretto-Offensive brachte ihr zwar einigen nicht unwichtigen
Geländegewinn; aber sie vermochte ebensowenig, wie im Februar und
März die Champagne-Offensive, unsere Stellungen zu durchbrechen oder
uns zu zwingen, die russische Armee freizugeben. Dafür suchte die
Entente Entlastung auf diplomatischem Gebiete. Rumänien und Bulgarien
wurden gleichzeitig in Bearbeitung genommen. Das Ziel war, einen neuen
Balkanbund herzustellen, die Türkei endgültig von uns zu trennen,
Konstantinopel und die Dardanellen durch eine vom Lande her mit der
Ententeflotte und dem Landungskorps von Gallipoli zusammenwirkende
Armee zu forcieren und gleichzeitig vom Osten und Südosten her einen
umfassenden Angriff der vereinigten Balkanstaaten auf Österreich-Ungarn
anzusetzen, der unserer Offensive gegen Rußland ein Ende setzen
sollte. Zusammen mit dem vom Süden und Südosten zu führenden Einmarsch
der italienischen Armeen sollte diese Aktion den Zusammenbruch der
Donaumonarchie und das Ende des Krieges bringen. Mit allen Mitteln wurde
darauf hingearbeitet, die beiden Balkanstaaten diesem Plane dienstbar zu
machen. Geld wurde ebensowenig gespart wie Versprechungen.
Unsere Gegenaktion war besonders schwierig in Rumänien, wo mit dem Tode
des Königs Carol die letzte Stütze der Mittelmächte gefallen war und
der Hof, die Regierung, die Armee und das Volk aus der Geneigtheit,
im geeigneten Zeitpunkt mit der Entente zu gehen, überhaupt keinen
Hehl mehr machten. Den Versprechungen der Entente, die den Rumänen
Siebenbürgen und Ungarn bis zur Theiß in Aussicht stellte, vermochten
wir nichts annähernd Gleichwertiges gegenüberzustellen. Auch wenn es
gelang, die ungarische Regierung zu erheblichen Zugeständnissen an
die ungarländischen Rumänen zu bewegen, auch wenn man die Rumänen auf
Bessarabien hinwies, selbst wenn man ihnen die Bukowina anbot, was
wollte dies besagen gegenüber der von der Entente eröffneten Aussicht
auf ein im Umfang und der Bevölkerung verdoppeltes Großrumänien! Zwar
feilschte man um Kleinigkeiten, so um das Banat, auf das auch Serbien
Ansprüche erhob; aber diese Differenzen waren nicht das retardierende
Element in den Entschlüssen der Bratianu und Take Jonescu, sondern
einzig und allein die mangelnde Sicherheit des unbedingten Erfolges.
Man wollte einer starken russischen Hilfe für die Moldau, einer Deckung
gegen Bulgarien für die Walachei vergewissert sein, ehe man sich
entschloß, einzugreifen. Demgegenüber gab es für die Mittelmächte nur
ein Mittel, Rumänien draußen zu halten oder gar es auf ihre Seite zu
bringen: wir mußten als die Stärkeren erscheinen und in der Lage sein,
auf Rumänien einen unmittelbaren militärischen Druck auszuüben.
Auch in Bulgarien lagen die Verhältnisse für unsere Diplomatie nicht
leicht. Zwar war der Haß gegen Serbien und Rumänien groß. Serbien
hatte sich im zweiten Balkankrieg den in den ursprünglichen Abmachungen
Bulgarien zuerkannten Hauptteil von Mazedonien angeeignet. Die
bulgarischen Mazedonier aber waren seit langem die eifrigsten und
tätigsten bulgarischen Nationalisten und spielten in Sofia eine große
und einflußreiche Rolle. Die Rumänen hatten durch ihre Intervention das
Schicksal Bulgariens im zweiten Balkankrieg entschieden und den Bulgaren
die südliche Dobrudscha abgenommen. Aber auch mit Griechenland, das die
Mittelmächte neutral zu halten wünschten und bisher mit dem König und
gegen Venizelos neutral gehalten hatten, und mit der Türkei, die an
unserer Seite kämpfte, hatten die Bulgaren Rechnungen zu begleichen.
Griechenland hatte sich nicht nur in dem auch von den Bulgaren begehrten
Saloniki festgesetzt, sondern den Bulgaren im zweiten Balkankriege die
wertvollen Gebiete von Serres, Drama und Cavalla abgenommen. Die Türkei,
die nach dem ersten Balkankrieg auf die Linie Enos-Midia zurückgedrängt
war, hatte den zweiten Balkankrieg benutzt, um sich Adrianopel sowie
einen bis an die Maritza heran- und über die Maritza hinausreichenden
Geländestreifen wiederzuholen. Auch das war eine noch nicht vernarbte
Wunde. Die Entente bot den Bulgaren Mazedonien und Thrazien an, war aber
hinsichtlich Mazedoniens durch serbischen und griechischen Widerstand,
hinsichtlich einer allzu starken Annäherung an Konstantinopel durch
russische Empfindlichkeiten behindert.
Spiel und Gegenspiel auf dem Balkan war in vollem Gange und schien
der Entscheidung zuzudrängen, als Italien am Pfingstsonntag 1915 an
Österreich-Ungarn den Krieg erklärte. Aus zuverlässiger Quelle hatten
wir vorher Nachrichten über Abmachungen zwischen Italien und Rumänien
erhalten, nach denen die beiden Staaten sich dahin verständigt hatten,
gemeinschaftlich einzugreifen. Aber schon in den Wochen vor der
italienischen Kriegserklärung war es klar, daß Rumänien noch zögerte. Es
war wohl in erster Linie unser Sieg von Gorlice und seine Auswirkung,
die Rumänien noch zur Zurückhaltung veranlaßten; aber die Lage Rumänien
gegenüber blieb prekär.
Die Bulgaren zeigten sich zurückhaltend und warteten offenbar auf
Anerbietungen, die wir ihnen in Rücksicht auf die Türkei nicht machen
konnten. Auch die auf Kosten Griechenlands gehenden Wünsche konnten
wir nicht erfüllen. In Athen kämpfte König Konstantin mit Venizelos
einen schweren Kampf um die griechische Neutralität. Hätten wir
Bulgarien damals die griechischen Provinzen an der Bucht von Cavalla
versprochen, so hätten wir uns die bulgarische Unterstützung mit der
Kriegserklärung Griechenlands erkauft. Wir drückten auf die Türkei, die
Entente drückte auf Serbien und Griechenland, um die Voraussetzungen
für ein Gewinnen Bulgariens zu schaffen. Oft schien die Entscheidung
auf des Messers Schneide zu stehen. Aber auch hinsichtlich Bulgariens
hatte ich den Eindruck, daß den Ausschlag nur ausreichende militärische
Garantien für den Erfolg seines Losschlagens geben würden. Nur wenn
wir uns fähig und bereit zeigten, sofort mit der bulgarischen Armee
wirksam zu kooperieren, konnten wir hoffen, den unerträglich werdenden
Schwebezustand zu unsern Gunsten zu beendigen.
Die immer dringender werdenden Hilferufe von den Dardanellen erinnerten
fast täglich an das, was auf dem Spiele stand.
Nach der Landung der Ententetruppen auf Gallipoli war eine Aktion gegen
den Negotiner Kreis erneut in Erwägung gezogen worden. Angesichts
des guten Verlaufs der Offensive in Westgalizien war die Oberste
Heeresleitung mehr als bisher geneigt, die Aktion in Angriff zu nehmen.
Die Kriegserklärung Italiens an Österreich machte den Plan abermals
zunichte; denn jetzt mußte jeder anderswo entbehrliche Mann zur Abwehr
des italienischen Angriffs herangezogen werden. Auch diese Aussicht auf
eine Lösung mußte also vertagt werden.
Wenn die Lage überhaupt noch eine Verschärfung erfahren konnte, so
durch die ernste Spannung unseres Verhältnisses zu den Vereinigten
Staaten infolge der Torpedierung der »Lusitania«. Das Schiff war am
7. Mai versenkt worden; am 17. Mai, sechs Tage vor der italienischen
Kriegserklärung, übergab Herr Gerard die Note, die im ernstesten Ton
Genugtuung und Sicherheiten gegen die Wiederholung eines solchen Falles
verlangte. Seit jenen Tagen lag der schwere Schatten des Bruchs mit
Amerika über unserm Schicksal.
Den Abend des 22. Mai, den Vorabend des Pfingstfestes, verbrachte ich
bis spät in die Nacht hinein beim Kanzler. Wir waren allein auf dem
großen Gartenbalkon. Eine wundervolle Mondnacht lag über dem Park. Der
Kanzler schloß sich auf und sprach über seine Sorgen. Vom Fürsten Bülow
waren Telegramme aus Rom gekommen; der Fürst hatte noch eine letzte,
ganz schwache Hoffnung, aber das Gefühl sagte uns, daß der italienische
Krieg unabwendbar sei. Wir konnten jetzt hoffen, daß es gelingen werde,
den italienischen Angriff am Isonzo und an der Alpenfront aufzuhalten.
Aber die Rückwirkung auf den Balkan? Wie lange würde in Rumänien das
Schwanken, das seit unserer Gorlice-Offensive bemerkbar war, vorhalten?
Wie lange noch würden die Türken ohne ausgiebige Munitionszufuhr die
Dardanellen halten können? Welche Mittel gab es, Rumänien unter Druck
zu halten und die Verbindung mit der Türkei herzustellen? Unser Angriff
in Galizien hatte den San und damit einen gewissen Abschluß erreicht.
Weiter östlich hatten die österreichisch-ungarischen Truppen überall
die Karpathenausgänge erkämpft und standen in der Bukowina, am Pruth
und an der rumänischen Grenze. Die Frage lag nahe, ob jetzt nicht die
Möglichkeit gegeben sei, einen Teil unserer Ostarmeen heranzuziehen,
um die Lage auf dem Balkan in unserm Sinne zu entscheiden. Der Kanzler
sagte mir, daß General Falkenhayn eine Erneuerung der Offensive in
Galizien vorbereite und dafür seine Truppen brauche. Ich fragte nach dem
strategischen und politischen Ziel; die Säuberung Ostgaliziens und die
Befreiung Lembergs ständen nach meiner Ansicht politisch und schließlich
auch militärisch doch weit hinter einer endgültigen Eingliederung des
Balkans in unser politisch-strategisches System zurück. Der Kanzler
entgegnete, nach Falkenhayns Ansicht sei die russische Armee furchtbar
mitgenommen; der jetzt beginnende neue Angriff solle das Werk vollenden;
beim Durchhalten dieses Programms hoffe die Oberste Heeresleitung in
wenigen Wochen die russische Offensivkraft, zum mindesten für den Rest
des Sommers, endgültig zu brechen; es sei für ihn, den Kanzler, auch
wenn er weniger zuversichtlich denke als Falkenhayn, sehr schwer, dem
siegreichen Feldherrn in den Arm zu fallen.
Am nächsten Vormittag sprach ich mit dem Unterstaatssekretär Zimmermann
und einigen meiner Freunde vom Auswärtigen Amt über dieselbe Frage. Die
italienische Kriegserklärung war inzwischen sicher geworden, und der
Kanzler hatte sich entschlossen, am nächsten Abend mit Herrn von Jagow
nach dem Großen Hauptquartier zu reisen. Mir schien von dem richtigen
Entschluß in dieser kritischen Lage für den Ausgang des ganzen Krieges
so viel abzuhängen, daß ich für meine Person nichts versäumen wollte.
Ich übergab deshalb dem Kanzler vor seiner Abreise die nachstehende
Niederschrift:
»Unsere Feinde werden, nachdem die Verführung Italiens zum
Treubruch gelungen ist, alles daransetzen, um die Balkanstaaten,
insbesondere Rumänien und Bulgarien, zum Eingreifen gegen uns
zu bringen und dadurch gleichzeitig der Türkei das Ausharren an
unserer Seite unmöglich zu machen. Das Gelingen dieser Bemühungen
würde sofort die militärische Aufgabe aufs äußerste erschweren: das
österreichisch-ungarische Staatsgebiet wäre nicht nur im Norden
gegen die Russen und im Südwesten gegen die Italiener, sondern im
weiten Bogen auch im Osten und Süden gegen die neuen Balkanarmeen
zu verteidigen, während gleichzeitig die Öffnung der Dardanellen
gestatten würde, den Russen und Rumänen Kriegsmaterial und eventuell
Hilfstruppen in unbeschränkten Mengen zuzuführen.
»Es ist also nicht nur ein politisches, sondern auch ein
militärisches Lebensinteresse, daß der Übertritt Rumäniens und
Bulgariens in das Lager unserer Feinde verhindert wird.
»Ein solches Verhindern ist heute durch das Mittel bloßer
Versprechungen oder auch sofortiger effektiver Zugeständnisse nicht
mehr möglich. Versprechungen sind nach dem Treubruche Italiens
noch stärker im Kurs gesunken, als sie es bereits waren; außerdem
sind unsere Gegner in der Lage, alle unsere und Österreich-Ungarns
Versprechungen zu übertrumpfen. Sofortige effektive Zugeständnisse
könnten nur gegenüber Rumänien in Betracht kommen (Bukowina,
Siebenbürgen); aber der Appetit der Rumänen geht heute bereits
so weit, daß er nicht befriedigt werden kann; irgendwelche
Anerbietungen würden also nur eine Einladung zur Chantage sein und
als Zeichen der Schwäche aufgefaßt werden und so die zu vermeidende
Entwicklung vielleicht noch beschleunigen.
»Sowohl Rumänien wie auch Bulgarien werden sich unter diesen
Umständen in ihrem Verhalten nur durch positive Ereignisse und
Handlungen bestimmen lassen. Dabei wird das Verhalten der beiden
Balkanstaaten sich gegenseitig beeinflussen: ein Vorgehen Rumäniens
gegen uns wird der russenfreundlichen Partei in Sofia Oberwasser
geben, während umgekehrt die Furcht vor einem Vorgehen Bulgariens
an unserer Seite die Russenfreundschaft und Kriegslust Rumäniens
dämpfen würde.
»Frage: Was hat zu geschehen: