Die Freude an den Kindern bekam ein helleres Herz mit jedem

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Ullstein-Bücher

Eine Sammlung

zeitgenössischer Romane

[Illustration]

Ullstein & Co / Berlin und Wien

Jockele und die Mädchen

Roman aus dem heutigen Weimar von

Max Geißler

[Illustration]

Ullstein & Co / Berlin und Wien

Alle Rechte, insbesondere das der Uebersetzung, vorbehalten.

Amerikanisches Copyright 1916 by Ullstein & Co, Berlin.

Als wäre diese Geschichte nicht wahr -- so wunderlich angetan mit allem

Zierate der Romantik schreitet sie heraus aus dem grünen thüringischen

Waldleben! Mit Zigeunern, die sich die Häuser aus bunten Lappen

und Fichtenreisern erbauen und durch den Bergwald fliegen wie die

Distelfinken, denen der Herrgott am letzten Schöpfungstage die Reste

seiner Farbeschalen aufgetupft hat. Und mit einem alten Mädchen, das in

besinnlicher Güte und Einsamkeit dem Herzschlag des Thüringer Waldes

lauschte -- auf einmal fiel der Veronika Sinsheimer ein Kind in die

Hände, als sie schon daran dachte, wem sie das kleine Haus vermachen

solle, wenn eines Tages der Mann im weißen Mantel über das Gebirge

schritt, der die blauen Mohnkörner des ewigen Schlafes auswirft.

Das mit dem Kinde geschah ganz früh am Jakobustage -- zu Sommeranfang,

wenn die Drosseln das Silber ihrer Lieder über den Wald werfen wie die

jungen Mütter des Christkindleins Haar um die Weihnachtstanne.

Die Häuslein sind um den Fuß der Vorberge gesäet wie die Weizenkörner;

ein paar sind emporgeweht an die Hänge, und der Bergwald legt seine

grünen Arme darum. Zuhöchst steht das des Fräuleins Veronika Sinsheimer

-- von weitem anzuschauen als ein Wildrosenbusch im Mai; denn es hatte

frühlingsgrüne Mauern und ein hellrotes Ziegeldach, darin zwei blanke

Augen, just wie das alte Fräulein selber.

An den Fenstern waren weiße Vorhänge, feuerrote Geranien und

Glockenstöcke; die standen auch während des Bergwinters in lachendem

Blühen. Kein Wunder, denn das Fräulein in dem Frühlingshause wandelte

in einem freundlichen Spätlichte des Lebens, so warm und hell, daß die

grämlichen Nebel der Altjüngferlichkeit sich darin niederschlugen als

ein Tau in den Sommermorgen.

Die Leute von Ibenheim gingen gern bei ihr ein und aus; denn sie

sprach eine feine thüringfremde Sprache. Die hatte sie mit aus der

norddeutschen Heimat gebracht und schoß das »s« von dem feinen Bogen

ihres Mundes wie einen Pfeil. Die zu ihr kamen, banden sich daheim eine

saubere Schürze vor und strichen sich die Schuhe vor der Schwelle des

Hauses ab, oder sie ließen die Pantoffel draußen stehen; denn um das

Fräulein Veronika war alles blank.

Die lebte das Leben des späten Mädchens in Freude und erzählte keinem

Menschen, daß sie hundertmal Gelegenheit gehabt hätte, einen Mann

zu nehmen, oder daß gar einer wegen seiner Liebe zu ihr ins Wasser

gegangen sei, sondern sie sagte: es wäre halt keiner gekommen, sie lieb

zu haben, darüber wäre sie stehengeblieben. Und ihre Augen lachten das

leise Lachen der Freude über diese Rede, weil sie dennoch mit dem Leben

fertig geworden war.

Dies stille Leben lag vor den Augen all der Leute von Ibenheim, und

doch war die feine kleine Person des alten Fräuleins für sie voller

Geheimnisse. Aus jedem Stücke des Hausrats schaute eine ferne liebe

Zeit, wie sie in den Erkerstuben alter Burgen eingefangen ist, die

vordem einmal Kemenaten junger Frauen gewesen sind. Ahnungsreich lag

der Duft von Lavendel um alle Körbchen und Decken, um Kissen und

Polster, und Fräulein Veronika Sinsheimers reinliches Wesen trippelte

zwischen diesen Dingen umher, und das Leben hatte kein Stäubchen auf

sie geworfen.

Die Menschen sahen sich an ihr die Augen voll Sonntag. Und an dem

Zinzilein, dem kleinen Mädel des Holzhauers, das an jedem Tag in das

Frühlingshaus kam, war all der Sonntag hängengeblieben: es schoß das

spitze »s« aus seinem Mündlein wie sie; seine kleine Zunge schwang in

diesem Mündlein als gegen eine silberne Glocke, und wenn das Zinzilein

aus der Hütte des Holzhauers über den Weg lief, ward der Waldsaum hell

-- in Kindern leuchtet das Scheinen der anderen Welt, aus der sie

gekommen sind, rasch wieder auf.

Das Zinzilein blühte seinen fünfjährigen Frühling so in das Leben der

alten Dame hinein und schüttete seine klingenden Fragen über sie, als

es anfing, an dem Dasein herumzuraten: »Warum kann ich nicht in Deinem

Hause schlafen, liebe Tante Veronika? Und warum sage ich zu Dir Tante

und nicht Mutter? Warum bist Du nicht meine Mutter? Und was ist für ein

Unterschied zwischen einer Tante und einer Mutter? Wenn ich groß bin --

kann ich dann immer bei Dir sein, liebe Tante Veronika? Und warum ist

es bei Dir so schön, so schön?«

Darüber kamen sie dann beide ins Raten; und wie eine Blume wandte

sich diese junge Menschenblüte der Sonne zu, in der Fräulein Veronika

stand. Den Namen Zinzilein hatte die Kleine für sich gemacht -- er

war aus der Zeit, da die Worte in dem jungen Munde noch manchmal

durcheinanderpurzelten, aus Kreszenzia und Sinsheimer entstanden. Und

weil es ein so wunderlicher Zusammenklang war, blieb er an dem Kinde

hängen: als das ›Zinzilein‹ ist die Kreszenzia Laufer durch ihr Leben

geschritten.

Aus dem unbewußten Blumendasein des ganz kleinen Holzhauermädels wurde

gemach ein Menschenleben; und in seligem Erschauern ließ Fräulein

Veronika das Glück dieses sachten Blühens in die Waldstille ihrer Tage

rieseln und fühlte, wie es an ihrem vereinsamten Herzen zum Wunder ward.

Die Eltern des Zinzilein gingen zu Walde roden und aufforsten,

und wenn der Schneewind über die Berge brauste, saßen sie bei der

Heimarbeit, die in dieser Gegend Brauch ist: sie machten Puppen.

Außer dem Zinzilein hatten sie kein Kind; und dies eine ward ihnen

fremder mit jedem Tag. Es dachte anders und redete anders als Vater

und Mutter. Und wenn das Zinzilein des Abends heimkam und aus seinem

Frühlingsherzen heraus über sie schüttete, was das alte Fräulein am

Tage hineingelegt hatte, merkten sie, daß das Kleine ein Gast in ihrer

Waldhütte geworden war. Dann gaben sie sich Mühe, so fein mit ihm zu

sprechen, wie es selber sprach, und standen vor ihm in feierlicher

fremder Freude wie vor einer Tulpe, die ihnen auf den Geburtstagstisch

gestellt worden. Wenn das Zinzilein nebenan in seinem Bette lag, holte

die Mutter jedes Stück herzu, das es auf seinem Körperlein getragen,

ließ ihre harte Hand darübergleiten und drückte es gegen die Wangen,

zu fühlen, wie sanft es sei. Oder sie hielt das Kräuschen aus alten

Spitzen gegen das Licht der Lampe, den feinen Lauf der Fäden zu sehen;

denn Fräulein Veronika sorgte für alles -- auch dafür, daß sich das

Kinderherz den Eltern nicht völlig abwende. Und das war sehr schwer.

Sie badete es an jedem Tage des Sommern in einem klaren Bergquell, der

aus dem schwarzen Wurzelgrunde heraus sich in ein Sonnenbett legte und

das Glück des Himmels und Lichts in sich trank, ehe er als fußbreites

Wasser in die Welt lief. Sie lehrte das Kind, diese Welt durch ihre

klugen, reinen Augen zu sehen, und schloß ihm auf jedem Gang in den

Frühling ein Wunder der Erde auf.

Es schien, als wäre die unerforschliche Macht, die die Menschen

Schicksal nennen, zu der späten Erkenntnis gelangt, daß diesem Fräulein

Veronika das herrlichste Mutterherz geschenkt worden, das sich denken

ließe -- da legte es ihr das kleine fremde Mädel in die Arme; denn das

Kleinod dieses Frauenherzens, das kein Mann gefunden hatte, durfte

nicht in Vereinsamung verloren gehen. Und dies Schicksal erkannte

auch, daß dies Frauenherz unerschöpflich sei an hingebender Liebe

und Klugheit ... am frühen Morgen des Jakobustages, als das Fräulein

Veronika sein Spitzenhäubchen auf die ergrauenden Haare gesetzt hatte

und gleich einmal nach dem Zinzilein ausschauen wollte, ob es schon am

Waldrand herüberschreite ... »Na,« sagte Fräulein Sinsheimer, »wer hat

mir denn da etwas auf die Haustürschwelle gelegt?«

Sie beugte sich ein wenig nieder und machte die Augen weit. Es war ein

Bündel aus grauem Wolltuch. Sie rührte ein wenig mit ihrem weichen

Morgenschuh daran. Da wackelte etwas unter dem Tuche. Und sie tastete

mit ihren Fingern darüber. Da kneckerte ein Lebendiges in dem Bündel --

»Na!«

Es war aber weder ein junger Hund noch eine junge Katze darin, sondern

ein leibhaftiges Menschlein, in Dinge gewickelt, die große Armut als

Windeln ansehen konnte. Und daneben kniete das gütige alte Mädchen und

wußte nicht, was es mit sich selber anfangen sollte.

Da kam ein wunderliches verzweifelte Lachen über sie. Sie trippelte

durch die Stuben und durch die Küche, und ihre besonnenen Hände

begannen umherzugreifen, als könnten sie einen der vielen flatternden

Gedanken erhaschen. Sie legte die Hände vor den Mund, als müsse sie

dies hilflose Lachen ersticken, das gar keinen Platz hatte in diesem

seltsamsten Augenblick ihres Lebens ...

»Na, na, und gar ein Bübchen!« schrie sie aus ihrem gepreßten Herzen

heraus. Aber dieser Ruf war schon Glück; denn er brach aus ihr hervor

wie die Sonne aus dem verstürmten Märzhimmel.

Dann lief sie und nahm das große Bündel auf ihre Arme und trug es in

die Küche und aus der Küche in das Zimmer und aus dem Zimmer zu ihrem

Bette und legte es darauf. Und alle Türen standen offen, da lief ein

goldener Morgenwind ins Haus und lief um sie her, und sie legte in

ihrer freudigen Not eine Serviette dreieckig zusammen und das braune

Bübchen darauf und deckte es mit ihrem weichen Deckbett zu bis an die

Nase.

Zu all dem sagte der Junge gar nichts; als Zeichen seines lebendigen

Unverständnisse wackelte er einmal mit den Lippen eine saugende

Bewegung, beschied sich aber, ballte die Fäustlein, legte sie an seine

Wangen und schlief sich tief in die wohlige Wärme dieses Bettes und

neuen Lebens hinein wie ein Maulwurf.

Als das kleine braune schlafende Ding mit dem glänzenden Fellchen auf

dem Kopfe nicht mehr in den Lumpen war, faßte Fräulein Veronika die

Hülle mit sehr spitzen Fingern an und legte sie auf ein Zeitungspapier

... da klapperte etwas auf den Fußboden. Es war ein silberner Ohrreif,

der der Mutter über der Hast und dem Schmerze des Scheidens entfallen

sein mochte; oder eine der kleinen Hände hatte über dem letzten Kusse

stürmischer Liebe nach einem Halt gesucht; oder die große Herzensnot

der Frau hatte dem Kinde das einzige Besitztum mitgegeben, dem sie noch

einen geringen Geldeswert beimaß.

Das Fräulein verwahrte den Ring in einer Glasschale auf der Etagere;

aber die Hüllen trug sie in dem Papier hinaus und legte sie rechts

neben die Schwelle.

Da kam das Zinzilein, wie der Frühling, der über die Berge steigt --

der Morgenwind nahm es an der Hausecke gleich ein bißchen beim Kopfe;

aber das Mädel stellte ihn darüber zur Rede: »Was fällt Dir denn ein?

Du verstruwelst mir ja ganz meine Haare!« und schubste mit seinen

kleinen Händen vor sich in die wehende Bergluft.

Fräulein Veronika führte das Zinzilein gleich an das Bett, und weil sie

auf den Zehen ging und die Augen voller Geheimnis hatte, mußte etwas

ganz Wunderbares in diesem Bette sein.

Da sah das Zinzilein das blauschwarze Fellchen und sah die kleinen

Läden, die über die Augen herabgelassen waren ... aber das Wundern

dauerte nur einen Augenblick, dann krümmte sich das Zinzilein in

leisem, über die Maßen lustigem Lachen, und damit es nicht laut werde,

klemmte es die Hände zwischen die Knie und lachte in einem fort. Dann

warf es seine Arme stürmisch um Veronika.

»Das ist aber eine feine Geschichte!« sagte es. »Ich werde jetzt gleich

laufen und meinen Puppenwagen holen!«

»Nein,« sagte das Fräulein, »der ist viel zu klein.«

Und sie gingen miteinander in die Küche, wo das Wasser zum Morgenkaffee

noch immer wallend gegen die Stürze des Topfes stieß, und ließen die

Tür ein wenig offen.

»Weißt Du,« sagte das Zinzilein und redete ganz leise, »ich werde mich

so lange an das Bett setzen, bis er aufwacht! ... Ob man ihm nicht

einmal die Augen ein wenig aufklappen könnte?«

»Ach lieber gar,« sagte Tante Veronika. »Zuerst gehst Du einmal zum

Gemeindevorsteher und sagst zu ihm: Sie möchten, bitte, gleich einmal

zu Fräulein Sinsheimer kommen -- es ist eine sehr wichtige Sache.«

Das Zinzilein mußte diese Worte dreimal wiederholen, lief damit einen

Steinwurf weit den Berg hinab zum dritten Hause und sah den Vorsteher

in seinem Garten. Da hielt es sich an einem Zaunstänglein fest und

schrie: »Die Tante Veronika hat ein Kind gekriegt -- es hat einen

schwarzen Kopf, und Du sollst schnell kommen. Es ist eine großartige

Sache!«

Herr Peter Squenz wußte, daß das Zinzilein ein unterhaltsames kleines

Mädchen war, aber diese Botschaft schien ihm im höchsten Grade

sonderbar. Er trat zu dem Kind an den Zaun, und weil er lachte, kam die

Kleine ein bißchen aus dem Gleichgewicht. Da sah er, daß das Gesicht

verängstigt war; denn das Zinzilein merkte, daß es die Worte der Tante

über der Wichtigkeit des Augenblicks ganz vergessen hatte, aber es

verließ sich auf sich selber und drängte: »Komm nur! Ein wirkliches

richtiges Kind hat sie, liegt im Bette und hat die Augen ganz fest zu.«

Da dachte Herr Squenz, dem Fräulein Sinsheimer müsse etwas zugestoßen

sein, warf sich schnell den Rock über und ging mit dem Zinzilein. Das

redete immerfort von dem Kinde und seinem Sammetfellchen, und brauchte

altkluge Worte, die wunderlich in dem kleinen Munde standen, aber als

Herr Peter Squenz das Fräulein in der Haustür stehen sah, geriet seine

lustige Neugier in abgrundtiefe Verwirrung.

Da mußte Fräulein Sinsheimer einspringen und ihn auf den rechten Weg

führen. Die Sache war anders, aber sie war nicht weniger wunderlich;

denn von dem kleinen Trupp Zigeuner, der in der Mondnacht durch den

Bergwald gezogen war, hatte niemand etwas gesehen. Und weil das

Fräulein Veronika auch erkläre, sie wolle für das Kind sorgen, wenn

sich die Mutter nicht fände, und es solle der Gemeinde nicht zur

Last fallen, so hatte Herr Peter Squenz weiter nichts zu tun, als

den Vorfall mit dem Protokoll und der Unterschrift der Pflegemutter

an seine Behörde zu berichten. In den umliegenden Dörfern und

Städten blieben die Nachforschungen erfolglos. Die blanken Reden,

die ins Ländchen liefen, versickerten, und es versickerte der Eifer

der Behörden. So hatte Fräulein Veronika Sinsheimer zu dem blonden

Zinzilein einen kleinen schwarzen Jakobus bekommen, den ihr recht gerne

kein Mensch streitig machte. Diesen Namen hatte sie ihm gegeben nach

dem Tage, an dem er gefunden worden. Etliche meinten zwar, er müsse

Moses heißen: denn ob er aus dem Wasser oder aus dem Walde gezogen sei,

wäre nicht so wichtig. Das Fräulein mochte davon nichts wissen.

Es blieb aber auch nicht bei dem Jakobus, denn das Zinzilein machte

einen Jockele daraus und war mit seinem hellen ahnungsvollen Herzen um

ihn und lebte sich in seiner Freude an ihm in ein sorgendes leuchtendes

Glück; und die Tante Veronika lebte sich darüber hinein in die

leuchtende Ewigkeit.

Natürlich hatte es Tante Veronika damit nicht eilig; denn Festungen,

die ihm so sicher sind wie das Grab, pflegt ein weltfrohes Menschenherz

nicht im Sturm zu erobern.

Es war nun doch ein großer Wandel der Dinge im Leben der alten Dame

eingetreten: mit seinem kleinen Fäustchen warf das am Waldrand

aufgelesene Büblein das stille Gleichmaß des blumenhaften Daseins

einfach über den Haufen. Die rote Knospe seines Mundes faltete sich

erst so leis auseinander, da herrschte er schon als König in seinem

Reiche. Die blauen Wunder seiner Augen, in denen noch kaum etwas

anderes war als die rätsellose Unbewußtheit des Himmels, machten das

Wetter im Frühlingshause. Und weil er gewöhnlich nach Tante Veronika

rief -- mit Lauten, die ebensogut von einem Maikätzlein hervorgebracht

werden konnten -- wenn diese gerade in der Küche zu tun hatte, so

mußte ein Mädchen ins Haus. Es waren da überhaupt hundert Dinge um

seine kleine Majestät zu verrichten, deren viele recht unköniglich

aussahen und die am besten einer dienenden Person überlassen wurden;

denn zur Betätigung der unerschöpflichen Liebe blieb auch ohne jene

Pflichterfüllung Gelegenheit genug.

So war das Haus am Bergrand vollgeworden zum Ueberlaufen, und die Tage

begannen darin zu rennen wie die Windrädchen. Aber sie waren auch

lustig wie diese, und es dauerte gar nicht lange, so hatte das Fräulein

Sinsheimer wieder alles in seinen feinen weißen Händen, und die kleinen

Sonnen, die sie sich an den Späthimmel des Lebens gestellt hatte,

richteten ihren Gang nach dem großen Licht ihres Herzens.

Darüber lernte das Bübchen seine Freude in die Welt jubeln, und das

Zinzilein fand sich in ahnungsvoller Hingabe in die seltsame Rolle,

die es diesem Jungen gegenüber zu spielen berufen war. Es ward ihm

Schwester und Mütterchen; es herrschte und gehorchte; es ward Pol und

Kompaß, Saat und Sonne für das kleine Herz und schlang von einem zum

anderen das Kettlein einer Liebe, das köstlicher war als Gold.

Weil es dem eigenwilligen Wunsche Jockeles entsprach, zog das

Zinzilein in diesem Sommer ganz in das Frühlingshaus. Der Junge, dem

Tante Veronika nachdrücklich klar gemacht hatte, daß es ein Gesetz

des Wohlbefinden sei, die Nacht zum Schlafen zu benutzen, fand sich

darein als in eine unverletzliche Pflicht. Und das Zinzilein war zu

der Erkenntnis gelangt, daß man einem kleinen Menschen die Augendeckel

nicht aufklappen dürfe, wenn sie heruntergelassen werden, und daß

man so feine Härchen nicht stundenlang mit den scharfen Zähnen eines

Staubkammes bearbeite. Dabei hatte sie Tante Veronika einmal ertappt,

als es schon ganz rot unter dem Sammetfellchen hervorleuchtete. Man

durfte einen Jungen auch nicht an einem Beine herumschlenkern wie

eine Puppe. Es war überhaupt eine viel künstlichere Sache mit einem

richtigen kleinen Menschen, und weit unterhaltsamer; denn der Jockele,

als er sitzen konnte, bemühte sich nicht nur, dem »großen« und sehr

klugen Zinzilein alles nachzutun, sondern er erfand auch eine Sprache,

die das Zinzilein besser verstand als alle anderen.

Daß es nicht in dieser Sprache mit ihm reden durfte, war verdrießlich.

Aber die Tante war gewöhnt, daß man Ordre pariere, und so mußte das

Zinzilein in seiner klaren und reinen Sprache schon mit dem ganz

kleinen Jockele verkehren. Und merkwürdig -- die Tante war in dieser

Sache zu keinem Entgegenkommen zu bewegen ... die gütige, allerliebste

Frau, die es gab! Und sie ließ sich nicht einmal auf Erklärungen ein.

Darüber geriet das Herz Zinzileins beinahe in Not, und das Mädchen Mali

wurde von ihm zu Rate gezogen. Es fand sich in dem wunderlichen Willen

der Tante Veronika aber auch nicht zurecht. --

Die Kinder schliefen droben in der Giebelstube, und das Zinzilein hatte

sich von der Sorge um die Nächte ein für allemal frei gemacht mit der

Frage: »Wenn der Jockele kneckert, soll ich dann aufwachen?« --

»Nein,« hatte die Tante gesagt und behauptet, sie schliefe so leise,

daß sie die Träume der Kinder kommen und gehen höre.

Von nun an änderte sich durch eine lange Reihe von Jahren nichts mehr;

denn das Glück bleibt gern zu Gast in einem Haus, in dem man zufrieden

mit ihm ist. Nur weil die Menschen immer an ihm herumnörgeln, ist es so

scheu geworden, und es muß einer in dieser Zeit oft meilenweit wandern,

um es einmal über den Weg laufen zu sehen.

Seit das Zinzilein im Haus am Walde wohnte, hatten sich auch die

Holzhauerleute mit dem Dasein des kleinen Jakobus abzufinden versucht,

denn denen war der Junge wie ein Meteorstein in die Suppe gefallen.

Armut ist immer eigensüchtig und wird darüber noch ärmer.

Einmal erschien die Mutter des Zinzilein bei dem Fräulein Veronika. Sie

hatte sich zu dem Gange äußerlich zurecht gemacht wie ein Dorfsonntag

und gab sich redlich Mühe, frohmütig zu erscheinen. Aber was sie sagte,

kam aus einem angesäuerten Herzen; denn der Puppenmacherin Barbara

Laufer wollte just der schönste Pott ihrer Hoffnung in Scherben gehen

und klirrte vernehmbar in ihre Rede: das Zinzilein würde nun wohl übrig

werden ... Und von dem kleinen Mädel sprang sie gleich mittenhinein

in ihre saure Weltanschauung, vor der die Milch auf dem Teetische

zusammenrinnen konnte.

Aber Tante Veronika wußte derartigen Ausfällen zu begegnen.

Was sie sich an Lebensglück und an Freude zurechtgerichtet hatte, stand

mit einer etwas spitzen Ueberlegenheit gegen die Menschen, und es

hätte wie Feindseligkeit ausgesehen, wenn Veronika eine Unterhaltung

über derlei Dinge jemals eingegangen wäre; denn die Lebensauffassung

dieser Menschen baut sich auf die Weisheit: Wir können anfangen, was

wir wollen -- wir haben kein Glück und sind an die Schattenseite des

Daseins gesetzt. -- Fräulein Sinsheimer aber sagte: Jeder Mensch hat

vom Glücke genau so viel, als er sich erzwingt. Und in ihrem Munde

lag das unausgesprochene Wort: »Sie haben alle nicht das Geschick,

glücklich zu sein!«

Und damit hatte das Fräulein recht. Die leuchtende Weisheit der wenigen

Stillen im Lande war auch die ihre geworden; denn zuletzt sind es doch

nur diese Stillen, die in allen Stücken mit dem Leben fertig werden.

Aber sie wußte auch: es würden alle an ihr herumnagen wegen dieser

Erkenntnis, sobald sie einmal ihre Zunge davonlaufen ließ, und man

würde sie als eine verrückte alte Jungfer ausrufen.

Sie hütete sich, die Menschen zu bessern und zu bekehren, damit ihr

nicht die eigene Sonne über diesem müßigen Beginnen auslösche. Sie

ließ sich tausendmal sagen: »Ja, ja, das Fräulein Sinsheimer hat das

Große Los des Lebens gewonnen!« Aber sie verriet keinem, wie töricht

diese Rede sei, und daß sie selbst auf ein in Tränen ertrunkenes

Dasein zurückschauen würde, wenn sie ihren vereinsamten Jahren nicht

eine Fülle von Licht mit aller Weisheit und Zähigkeit ihres Herzens

abgerungen hätte.

An einem Sonntagnachmittag um die Teestunde brach die Barbara Laufer

in das Frühlingshaus. Sie ließ aus ihren ungeschickten Worten heraus

merken, daß der Eindringling Jakobus dem Zinzilein leicht ein Glück

streitig mache. Dies Glück hatten sie in dem Holzhauerhause schon mit

heimlicher Freude gehätschelt.

Ueber allem rückte das Fräulein seinen Stuhl mit Entschiedenheit in die

Sonne, faßte das flache altmeißener Schälchen mit drei spitzen Fingern

und schlürfte ihren Tee mit jener süßen Behaglichkeit, gegen die keine

Säuernis verknitterter Herzen ankommen konnte. Sie wäre gewöhnt, ihr

Haus und ihr Leben selber zu bestellen, sagte sie, und fand dafür

so feine und blanke Worte, daß die Frau Barbara in ganz demütiger

Dankbarkeit zuhörte und mit der Erkenntnis davonging, sie wäre nahe

daran gewesen, eine fürchterliche Dummheit zu machen.

Als ihr Mann sie vom Waldsaume her gegen das Haus kommen sah, schritt

sie voll unverrichteter Dinge ihres Wegs.

Er fragte an ihr herum, ob sie denn nicht von Leben und Sterben geredet

habe? Es könne doch einem alten Menschen einmal etwas zustoßen, und

dergleichen.

Aber die Frau Barbara meinte, so weit wäre sie gar nicht gekommen, und

er solle nur selber zusehen, wenn er sich einbilde, er mache es besser.

Danach knurrten sie sich noch ein bißchen an, trösteten sich zuletzt

aber mit der Weisheit, daß ein gesprungener Topf oft recht haltbar

wäre. Sie trauten sich dabei nicht, die Sache mit dem rechten Namen zu

nennen, und hatten doch schon so lange daran herumgedacht.

Das Fräulein Sinsheimer aber hatte sich in ihrem Leben nur ein einziges

Mal überraschen lassen. Das war an jenem Sommeranfang gewesen, als ihr

die Vorsehung den kleinen Jakobus in die Arme gelegt hatte. Nun war

längst alles wieder in schöner Ordnung in ihrem Herzen, und es war

fertig zum Leben und zum Sterben. Die Puppenmacherin Barbara Laufer

brauchte gar nicht zu kommen, um einmal nachzuschauen, wie die Sachen

stünden.

Aber die sehnerigen Augen der Leute von Ibenheim rieten vergeblich

an der geheimnisvollen Freude des Fräuleins vom Berge und an ihren

Absichten für die Zukunft herum.

Die Freude an den Kindern bekam ein helleres Herz mit jedem Tage; denn

es blühte an ihnen alles licht hinein in das Leben. Nur das Mädchen

Mali war ein Ding im Hause, dem das Glück über dem Zusammensein mit den

anderen Menschen längst keine Selbstverständlichkeit mehr war. Um Mali

schauerten um diese Zeit die kühlen Tage des späten Mädchenlebens, in

denen die Lippen ihre Sehnsucht zu vergessen haben, und es doch nicht

können. Malis Herz spähete aus vom Turme der höchsten Zeit, ob sich

eine Stätte finden ließe, von der es sagen könnte: Hier bin ich daheim.

So hatte Fräulein Veronika auch ihr Sorgenkind, das nicht gleich in die

Sonne des Hauses als in sein fröhliches Besitztum hineinwuchs. Aber es

fiel ihr nicht ein, dem Mädchen Mali Wohltaten für die kommende Zeit zu

verheißen, sondern sie schrieb einfach unter den letzten Willen, durch

den sie die Kinder bedacht hatte, daß die Mali -- wenn sie die Kleinen

bis zur Mündigkeit erziehe -- in der oberen Giebelstube des Hauses

für den Rest ihres Lebens Wohnung haben solle, und setzte ihr einen

Geldbetrag aus.

Das Mädchen erfuhr von alledem nichts, und Fräulein Sinsheimer war zu

jeder Stunde bereit, diese Bestimmung durch eine andere zu ersetzen,

wenn Mali der Ansicht wäre, das Glück finde sich im Lande irgendwo für

sie leichter als an dem hellen Herdfeuer des Frühlingshauses.

Und als sie sich derart auch mit ihrem Sterben auseinandergesetzt hatte

-- damit sie sich Grab und Himmel nicht vergälle -- nahm sie die große

Kunst mit aller Zähigkeit wieder auf, das Leben in klarster Bewußtheit

zu leben. Sie empfing jeden Tag aus den Händen ihres heiteren Gottes

als ein Geschenk, das sie in grenzenloser Hingebung austeilte an alle,

die in ihrem Hause waren.

Tante Veronika hatte dreißig Jahre tiefster Sommereinsamkeit ihres

Lebens mit Bergwald, Büchern und sich selber verbracht. Darüber kann

der Mensch ein wunderlicher Kauz werden und eine so zerknitterte

Seele bekommen, daß sie der Stahl des blankesten Glücks nicht wieder

ausplättet. Er kann aber auch zu einer lichten Höhe mit erhabener

Rundschau über alles Menschentum gelangen, für die besondere Gesetze

des Lebens geschrieben sind.

Für Tante Veronika galt beides.

Sie war aus der langen Stille nicht ganz ohne Knitter hervorgegangen,

aber die waren an ihr als feine Besonderheiten; und wenn sie da und

dort Aehnlichkeit mit jenen Brüchen hatten, in denen sich der Staub

der Altjüngferlichkeit festsetzt, so verbarg sie das unter dem Takt

ihres geläuterten Frauentums und blies diesen Staub nicht durchs Haus

nach der Gewohnheit jener Frauenzimmer, in denen verwelkte Jahre ihre

Verwüstungen anrichten. Schon das Wort Staub verursachte ihr das

Unbehagen einer nahenden Krankheit, und wenn sie es ausgesprochen

hatte, rollte sie die Spitze der Zunge hinter den Zähnen in dem

Gefühle, es sei von der grauen Wolke, die darübergestrichen, etwas

hängen geblieben. Aber sie wedelte nicht als ein lebendig gewordenes

Wischtuch durch das Haus. Und da sie dies Haus vor dreißig Jahren

erbaute, geschah es in der weisen Erwägung, daß sie an dem sonnenvollen

Rande des Buchenschlages so hoch über allem stehe, was innerhalb der

menschlichen Gemeinsamkeit wie Staub auffliegt, als es einem Menschen

möglich ist, der einsam sein will, ohne sich in die Welt feindseliger

Einsiedelei zu vermauern.

Sie hatte in diesen dreißig Jahren die hellen Augen frohsinnig in die

Welt gerichtet und hatte in der Rolle des vergnügten Zuschauers das

Wundern nicht verlernt. Sie stand der neuen Zeit mit dem Respekte

gegenüber, den große Wandlungen der Dinge zu beanspruchen haben, und

redete nicht nach der Art alternder Leute mit wehmütigem Bedauern von

der guten vergangenen Zeit, weil sie mit der neuen nicht mehr Schritt

halten können -- hoho, diese Tante Veronika schloß sich ihre Tage auf,

als hätte sie eine Geschichte der Entwicklung des deutschen Volkes im

zwanzigsten Jahrhundert vor! Und als der erste Zeppelin über die Wälder

im Herzen Deutschlands donnerte, wunderte sie sich, daß man darauf so

lange habe warten müssen, und sie sagte zu Herrn Peter Squenz: »In

fünfzig Jahren werden die Menschen über die Maßen lustig sein bei dem

Gedanken, daß ihre Großväter mit solch einer Explosionsmaschine die

Fahrt in die Welt des gestirnten Himmels begonnen haben; den Mut werden

sie bewundern, aber die Weisheit, die mit Gas und Funken durch die

Lüfte reiste, werden sie belächeln.«

Herrn Peter Squenz, dem gerade das Herz in seligem Stolz auf die Zeit

erschauerte, in der er lebte, sah Fräulein Sinsheimer mitleidig aus den

Winkeln seiner Augen an und sagte, die Errungenschaft sei eine Sache,

über die hinaus es einfach nicht mehr ginge.

Fräulein Veronika aber lächelte und antwortete: »Schade, daß wir

in fünfzig Jahren beide irgendwo im All herumwirbeln oder etwa als

wilde Rosen an einer Berghalde unsere Sommerseele in heiterem Blühen

verhauchen und uns über unsern heutigen Zusammenstoß nicht mehr

unterhalten können!« Dann lachte sie ihm so überlegen ins Gesicht,

und das erhabene Bild des Luftkreuzers versickerte im Blau über dem

Gebirge. Herr Peter Squenz aber dachte: »Was richten Bücher, Gedanken

und Einsamkeit in von Natur ganz vernünftigen Menschen für heillose

Verwirrungen an!«

Nun hatte Fräulein Sinsheimer aber weder den Ehrgeiz, ein gelehrtes

Frauenzimmer zu sein, noch war sie vom Dichterwahn oder den

Emanzipationsgelüsten ihrer städtischen Schwestern befallen; sie

predigte weder die Erlösung vom Manne -- was in ihrer manneslosen

Lage nicht unverständlich gewesen wäre -- und forderte auch nicht

das Frauenstimmrecht ... aber schon daß sie ein ganzes Regal voll

Bücher besaß und sich sogar mit ihnen belästigte, war für Ibenheim

bei Waltershausen eine unerhörte Tatsache. Und die hätte genügt, die

Besitzerin so vieler gedruckter Gelehrsamkeit zum Gegenstand sorgsamer

Beobachtung ihres Geistes zu machen, wenn das Fräulein das Bedürfnis

gefühlt hätte, den Leuten häufiger in ihrer Ueberlegenheit zu begegnen.

So aber hatte sie sich die herrlichste aller Künste in vollkommenem

Maße zu eigen gemacht: sich vor der Welt ohne Haß zu verschließen. Und

ihr kleines Reich blieb für alles, was draußen lag, uneinnehmbar.

Als der Jockele seinen Einzug in das Frühlingshaus gehalten hatte,

rieten die Leute eine Zeitlang wieder lebhafter an den Dingen da oben

herum und sagten: Wenn ein Mensch keine Sorge hätte, so mache er sich

welche -- an dem Jungen von dunkler Herkunft werde sie ihr Wunder schon

noch erleben! Etliche mutmaßten sich darum in eine wilde Zukunft hinein

und sahen den Jakobus Sinsheimer, der doch wahrscheinlich ein Zigeuner

wäre, als Räuberhauptmann sein Unwesen in den thüringischen Wäldern

treiben.

Einmal brachte das Mädchen Mali solchen phantastischen Klatsch mit

aus dem Dorfe. Das war sehr heilsam für sie, denn sie erkannte an der

hellen Empörung ihres Herzens, wie sie sich in ihrer Denkart allgemach

loslöste von den Schichten, aus denen sie gekommen war.

Tante Veronika lachte ihr vergnügtes Lachen darüber und sagte einige

Worte über die Macht der Erziehung, die nicht nur den Leuten von

Ibenheim, sondern der Menschheit im allgemeinen noch ein Buch mit

sieben Siegeln sei ... Doch -- das war wieder einmal eine der gelehrten

Reden des Fräuleins, die das Mädchen Mali nicht ganz verstand. Aber

zu denken hatte ihr diese Unterhaltung gegeben, und sie lenkte das

Gespräch in der Folgezeit immer wieder einmal darauf zurück; denn

der Unterschied zwischen der Blütenfreude des kleinen Jockele und

einem angehenden Räuberhauptmann hätte schließlich doch selbst einem

Holzhauerverstande eingehen müssen.

Weil es nicht in dem Wesen des Fräuleins lag, so schulmeisterte sie

weder an Mali noch an den Kindern herum. Sie ging zwischen diesen drei

Menschen einher wie zwischen den vielen, vielen Rosen ihres Gartens,

und ließ blühen und ranken nach eigenen Gedanken, bis die Natur einmal

sich selber im Wege war. Wie sie des Morgens mit der kleinen blanken

Rosenschere durch die Sommerbeete wandelte, so schuf sie mit der

klaren Feinfühligkeit des Herzens auch Ordnung in der überschießenden

Seligkeit des jungen Lebens. Und die Regel, in die sich dies Leben

hineinlief, hieß: der Wille zum Glück.

Nicht weit vom Hause lag eine Sandgrube, die war voll Sonne, und

um ihre Säume wob der Sommer blühende Borden. Da standen die Kerzen

des Natterkopfs, und an jeder brannte ein Dutzend blauer Flämmlein

und leuchteten über die goldene Einsamkeit der Sandhalde. Da war

ein Wildrosenbusch, da war purpurner Steinklee -- es brachte jeder

Monat ein paar Hände voll neuer Blumen, es brachte auch jeder dem

Buchwald eine neue Farbe des Kleides, und zuletzt den scharlachenen

Königsmantel. Und als das große Rauschen der Wälder gekommen war, fuhr

der Wind über den Sandbruch hinweg, und es war, als hätte sich aller

Sommersonnenschein in der Kuhle gesammelt.

Das Zinzilein war über diese Wahrnehmung ganz außer sich vor Freude,

kletterte hinab in den gelben Trichter und sah zu, wie der Wind droben

an den Rändern die bunten Blätter als Kreisel trieb. Er jagte ihrer

gleich hundert auf einmal in wirrem Tanze dahin, immer auf dem schmalen

Rande -- wenn eins davon an den Hang entwischte, durfte es nicht mehr

mitspielen; denn in dem Trichter war es still und warm wie an einem

schönen Sommertage. Da sagte das Zinzilein: der Sandbruch wäre ihr

goldenes Haus; aber die Mali meinte, das Haus hätte ja kein Dach, also

wäre es keins. So genau ginge das nicht, sagte wieder das Zinzilein,

wurde aber auf einmal schweigsam und patschte mit seinen kleinen Händen

die Mauern der Sandburg fester, die sie während der vorigen Tage gebaut

hatten. Nach einiger Zeit sagte es: »Mali, es ist ein Loch, und es ist

voll Gold -- und wenn es kein Haus sein kann, so ist es ein Brunnen;

denn ein Brunnen hat auch kein Dach.« -- »Aber in einem Brunnen ist

Wasser,« wußte die Mali. -- »Haha,« lachte das Zinzilein, »in unserem

ist etwas viel Feineres -- guck nur, es ist ein ganz goldener Brunnen!«

Da guckte die Mali und fand das nun wirklich.

Von Stund an hieß der Sandbruch der Goldbrunnen. Zwar -- dies Wort

hatte zuerst die Tante Veronika ausgesprochen, als sie ihr erzählten,

was sie heute miteinander geredet hätten; aber das Zinzilein hatte doch

die ganze Sache erfunden. -- Der Wildrosenstrauch hatte nun Hagebutten

mit schwarzen Mützen, und die Mali lehrte davor das Zinzilein das Lied

von dem Männlein, das still und stumm im Walde steht und sein Mäntlein

aus lauter Purpur umhat. Der Gesang der Mali war scheußlich, aber das

Lied war fein.

Manchmal ging auch Tante Veronika mit in den Goldbrunnen. Zuvor war

sie über den farblosen Schacht nie erfreut gewesen, der mit in ihrer

Umzäunung lag, aber nun waren die Kinder darin vor allen Einbrüchen und

vor der Zerstörungswut junger Dorfgenossen sicher. In den Tagen des

Herbstes sammelten Veronika und Zinzilein Samen von hundert Blumen, und

das Zinzilein kroch an den Hängen des Goldbrunnens herum, schaufelte

da und dort ein Loch und legte Samen und bessere Erde in den Sand und

wollte auch gleich warten, bis es wüchse.

Als wieder Tage voll Sonne den pfeifenden Bergwinter vertrieben und

die Kätzchenweide im Goldbrunnen schon Wolken gelben Blütenstaubes

in den Frühling warf, spazierte der Jockele auf eigenen Füßen in

den Sandbruch, kam aber nicht weit über den Rand, an dem im Herbste

die bunten Buchenblätter gelaufen waren; denn dann geriet er ins

Kugeln und schoß kopfüber kopfunter auf den Grund des Trichters. Das

war eine peinliche Geschichte, hätte ihn aber keine Träne gekostet,

wenn die Mali und das Zinzilein nicht mit so schrecklichem Schreien

hinterdreingelaufen wären, als müßten sie nun alle seine Beinchen

zusammensuchen.

Darüber merkte der Junge, daß etwas mit ihm passiert sei, aber er hätte

es mit jungmännlicher Tapferkeit getragen, wenn die beiden Mädchen

nicht in ein erlösendes Lachen verfallen wären, als er sich den langen

Weg mit verständnislosen Augen betrachtete, den er in Purzelbäumen

durchmessen hatte. Da begann er ein gefährliches Heulen, bis man ihm

den Sand aus Mund und Nase gewischt hatte und ihm aus sorgenden Herzen

versicherte, daß er noch ganz sei.

Im Jahre darauf hatte er schon ein Holzschwert und lief dem Zinzilein

damit entgegen, wenn es aus der Schule kam.

Als er diesen Weg in die Welt zum ersten Male schritt, hatte er gleich

einen Kampf zu bestehen. Auf dem Anger vor dem Hause des Herrn Peter

Squenz sonnte sich nämlich eine Gänsemutter mit ihren sechs Kücken. Die

Kinder stiegen so sachte daran vorüber, auf einmal ward der Hals der

alten Gans zu einer zischenden Schlange und schoß ihnen entgegen. Das

Zinzilein überkam der Schreck, aber der Jockele riß sein Schwert aus

dem Gürtel und fuchtelte damit bedrohlich in der Luft herum. Da mußte

die Frau Peter Squenz kommen und ihn retten.

»Ha!« sagte er mutig, als ihn die Squenzin wieder auf sicheren Grund

gestellt hatte -- »ha!« Aber in diesen Ruf der Tapferkeit gewitterte es

sachte aus überstandenen Fernen.

Der Goldbrunnen erhielt in den folgenden Jahren das Aussehen eines

Bahnhofsneubaus. Man konnte dabei aber auch an die Anlage einer

Kupfermine denken.

Als Jockele dann in die Schuljahre hineinwuchs, standen ihm die

Sandburgen, die unter jedem Gewitterregen einstürzten, nur noch in

lächelnder Erinnerung; denn da hub er ein lebensgefährliches Graben in

der Sandkuhle an ... Holzhauer hatten beim Stöckeroden am Saum einer

Waldau ein Hockergrab gefunden, dazu Waffen und Urnen. Deshalb wollte

auch er in forschendem Eifer ein Stück Weltgeschichte zutage wühlen.

Das betrieb er, bis er einmal die Schule vergaß und Tante Veronika

selbst sich auf den schwierigen Weg in den Goldbrunnen machte. Da kroch

er aus den Röhren im Sande wie ein Fuchs aus dem Bau, und die Tante

hatte Gelegenheit, ein bißchen Wildwuchs zu beschneiden. Das Zinzilein

war in dem Sandbruch nun schon ein seltener Gast geworden, und die

Mali war seit Jahren nicht mehr hinabgestiegen. Da nahm der Jockele

in Jungenweise überhand. Aber in dieser Stunde bewährte sich die

Erziehungskunst der alten Dame wieder einmal ausgezeichnet --

»Ich hätte Dir sagen sollen, daß solch eine wilde Hantierung für einen

Jungen gefährlich ist. Hast Du denn gar nicht daran gedacht, daß die

Sandmassen über Dir zusammenbrechen könnten?«

»O ja,« sagte der Jockele, »wenn jemand darauf herumliefe, könnte das

wohl sein.«

Da leitete sie ihn zu einer besseren Erkenntnis, und dann mußte er

sein Ränzlein überhängen und in die Schule gehen, die schon längst

angefangen hatte.

Das war eine furchtbar peinliche Geschichte; denn als er über die

Schwelle trat, spießten ihn die Blicke aus hundert Augen auf; und als

er dem Lehrer berichtete, wie er zu der Verspätung gekommen, brandete

ein Lachen aus fünfzig Kinderkehlen um ihn, daß es ihm ganz rosenrot

vor den Augen wurde. Während er dann auf seinem Bänklein saß, sauste

ihm ein Sturm in den Ohren, als ob er die große Seemuschel von Tante

Veronikas Wandbrett daranhielte.

Aber ein Gutes hatte diese Sache doch: er bekam an jenem Tage die

Taschenuhr, deretwillen er sich schon lange um ein paar Jahre älter

gewünscht hatte -- nun hörte er auf einmal die Zeit laufen in richtigen

kleinen Schritten, deren jeder eine Wegstrecke vorwärts bedeute. Und

das war an dem gleichen Tage, an dem er darüber nachdenken lernte: Tod

und Leben stünden so dicht beieinander, daß oft nur eine Handvoll Sand

zwischen beiden wäre ... Und er hatte immer gedacht, vom Leben zum Tode

wäre es weiter als bis an das blaue Gewölbe des Himmels, das kein Adler

und kein Zeppelin erfliegen könne.

Die Wahrsager im Dorfe waren darüber entweder hinweggestorben, oder sie

getrauten sich nicht, ihre wilden Prophezeiungen aufrechtzuerhalten;

denn der Jockele war ein über die Maßen manierlicher Junge geworden,

er brach ihnen weder in die Hühnerställe, noch schnörrte er den Leuten

die kleinen Fenster in den Giebeln und Dächern mit der Steinschleuder

in Stücke; und wenn ein paar Schlingel vom Förster bei dem Stellen von

Leimruten und Sprenkeln abgefaßt wurden, so war der Jakobus Sinsheimer

nie dabei. Manchmal gab es zwar auch ein wildes Fahren durch den

Bergwald, aber nicht zu oft; denn die Kinder in dieser köstlich grünen

Welt blühen wie die Nägelein in den Scherben auf den Fenstersteinen:

sie puddeln sich über der Heimarbeit die roten Backen zum Teufel, oder

es löscht ihnen im halben Licht der Stuben der Glanz aus den Augen,

und die Wälder und dunkelblauen Berge ihrer Heimat stehen vornehmlich

in ihrer Sehnsucht. Dem Jockele aber sprudelten die Quellen entgegen

und -- unerhört: er badete sogar darin. Dies zuzulassen, war auch

eine solche Lästerlichkeit des Fräuleins Sinsheimer! ... Der Jockele

durfte mit dem Zinzilein und der Mali durch den jauchzenden Hochwald

streifen, so oft er wollte. Oder er ging mit einem Forstgehilfen

zwischen Tag und Dunkel, wenn nur über dem Hörselberge noch eine Flamme

Licht im Verleuchten war und wenn die Nebel in feinen Gespinnen in den

Wipfeln hingen, und sah die Hirsche heraustreten und hörte sie ihren

königlichen Brunftschrei über die Grenzen ihres Reiches schlagen -- ah,

du dunkelgrüne, du starke, du einzige Thüringer Erde!

Um diese Zeit lief der Jockele den Dorfjungen aus den Händen. Es war

ein so kümmerliches Blühen des Geistes und Herzens um sie, und sie

rochen nach Leim und Stube -- was soll einer damit anfangen?

Das alte Fräulein, das nun ganz weiße Scheitel hatte, hielt alles

Leben im Hause weiter in ihren sicheren Händen. Manchmal gab es eine

freundschaftliche Unterredung über den Jockele mit dem Zinzilein; denn

dieses war nun ein ›Fräulein‹ geworden, litt an einer verzärtelnden

Liebe zu dem Jungen und dachte, es müsse den ›Kleinen‹ aus der tiefen

Hingabe ihres Herzens heraus noch beraten wie damals, als er im

Kittelchen in der Sandgrube Kuchen buk. Mit solch mütterlichem Behaben

drohte sie oft die ganze Pädagogik der Tante über den Haufen zu werfen.

»Du mußt nicht meinen, Du hättest ein Mädchen vor Dir,« sagte dann

die Tante; »ein Junge, der unter der ängstlichen Fürsorge von lauter

Frauen aufwächst, läuft Gefahr, unter die Räder des Lebens zu kommen.

Ich habe es deshalb von frühester Kindheit mit dem Jockele anders

angefangen als mit Dir. Ein Junge muß einmal in der Welt stehen und muß

sich ein Stück dieser Welt erobern können.«

Die Dorfschule reichte für den Jungen längst nicht mehr zu. Tante

Veronika spannte ihn immer eine Stunde des Tages noch zur Fahrt durch

das Reich ihrer Bücher ein. Sie hatte sich da einen klugen Plan

zurechtgedacht, und weil sie selbst in allen Werken, die auf dem Regale

standen, wohl beschlagen war, ging Jockele willig in dem Geschirr und

nahm gegen die alte Dame nicht überhand. Als er auf einen Physikband

verfiel, richtete er sich in dem Gartenhause, das aus Stein war und ein

Fenster hatte, und in dem es sich sehr traulich lebte, eine Werkstätte

zu allerlei Hantierung ein.

Einmal baute er wochenlang an einer Lokomotive, eine Konservenbüchse

mußte dabei die Rolle des Dampfkessels übernehmen. Danach galt es,

ein Flugzeug zu erdenken, natürlich von so kühner Bauart, wie sie den

Fachleuten noch nie eingefallen war. Und als er aus einem Automaten

eine apfelgroße Weltkugel erstanden hatte, die mit Schokolade gefüllt

gewesen war, hing er sie an einem Faden an die Decke des Gartenhauses,

und die Frauen mußten kommen und sich die Sache ansehen. Das Fenster

stellte die Sonne vor, und Jockele löste an der im Raume schwebenden

Erdkugel der Mali das Geheimnis von Tag und Nacht. Zur größeren

Anschaulichkeit hatte er die Schattenseite ein bißchen mit Ofenruß

angestrichen.

Er hatte in dem Gartenhaus überhaupt hundert Dinge aufgestapelt:

wunderlich gewachsene Hölzer, die die Form von Köpfen hatten, der er

dann immer ein wenig nachhalf, bis die Mali sich vor ihnen entsetzte;

dazu Versteinerungen, sauber aufgespannte Schmetterlinge, die sich in

einem Kasten mit einem Glasdeckel befanden, und zu denen er nach den

Büchern der Tante die Namen geschrieben hatte; Raupenhäuser, in denen

er den Wandel der Würmer zum Falter beobachtete; ein Fischglas und ein

Terrarium mit Eidechsen, einer Blindschleiche und einer Ringelnatter.

Damit die Bergwinter seinen Eifer nicht unterbrachen, war der einzige

Raum des steinernen Gartenhäusleins auch mit einem kleinen Ofen

versehen worden.

Je mehr er in das betriebsame Jungentum hineinwuchs, desto sicherer

entglitt er den Einflüssen der sehr sanften Mädchenhaftigkeit, mit

denen das Zinzilein um ihn war.

Tante Veronika bemerkte das mit Genugtuung; denn das Behaben des

Zinzilein zu dem Jungen war ganz voll von der Rätselhaftigkeit der

Liebe, die in ihrer Maßlosigkeit gar nicht anders bezeichnet werden

kann als hingebungsvolle Eigensucht. Es schien fast, als vereinsame

das Zinzilein über seiner Liebe zu dem Jungen, weil er nun so von ihr

fortwuchs.

Sie sagte das Veronika auch. Aber die Tante blieb bei ihrer

wunderlichen Ansicht: das müsse so sein. Im übrigen ließ sie sich auf

Erklärungen nicht ein, hütete sich dem Jungen gegenüber ängstlich vor

aller Schulmeisterei und sorgte dennoch, daß sie ihm an der Hand ihrer

Bücher von Zeit zu Zeit ein neues Wissensgebiet erschloß. Er ging auf

alles mit begieriger Freude ein, aber von der Sorge, die Veronika in

dieser Zeit des flüggen Jungentums am meisten beschäftigte, sagte sie

dem Zinzilein gar nichts. Und dennoch schlief die Sorge nie ganz ein,

es möchten sich eines Tages an Jockele vererbte Eigentümlichkeiten

zeigen, denen gegenüber alle Erziehung und Liebe ohnmächtig wären. Aber

diese Bangigkeit nagte nicht an ihr und quälte sie nicht; denn sie

war ihr in Wahrheit gegen ihre Ueberzeugung gekommen in einer Zeit,

die ganz voll war von der Mechanikerweisheit der Vererbung. Und dafür

fand sie zu ihrem Erstaunen eines Tages auch bei dem Menschheitslehrer

Goethe eine Belegstelle -- »Man könnte erzogene Kinder gebären, wenn

die Eltern erzogen wären ...«

Darüber geriet sie von neuem ins Raten. Aber trotz aller Mühe, die sie

sich gab, konnte sie diese Verse nicht ganz zu ihrer Ansicht umdeuten,

daß eine in allen Stücken vollkommene Erziehung die geistige und

sittliche Verfassung eines Menschen aller Vererbung zum Trotze bestimme.

Tante Veronika hätschelte den Gedanken solchen unerkannten Königtums

der Erziehung mit eifersüchtiger Liebe als die köstlichste Erkenntnis

ihres Lebens -- und nun wälzte ihr gar Johann Wolfgang einen Fels in

den Weg! Zwar: er setzte damit auch der Erziehung eine der vielen

Kronen auf, die seine königliche Hand zu vergeben hatte, aber ... Und

dies Aber blieb stehen und rumorte in Winkeln ihrer Seele herum, die

Jahrzehnte in wundervoller Sonnenruhe gelegen hatten.

Doch -- eine sechzig Jahre alte Dame läßt sich schwerer umstimmen als

ein sechshundert Jahre altes Klavier. Und das war in diesem Falle ein

großes Glück.

Wunderlicherweise war es das Zinzilein, das die Frage zuerst aufwarf,

was einmal aus dem Jockele werden solle. Das kam daher, daß der Gedanke

in dem Mädchen Wurzel geschlagen hatte: ein Junge müsse geschickt

werden, sich ein Stück Welt zu erobern. Wie er das in Ibenheim anfangen

sollte, war nicht leicht zu denken.

Tante Veronika war in diesem Falle von einer unerforschlichen

Sorglosigkeit und sagte:

»Zuerst und vor allem muß er ein Mensch werden. Es ist falsch, einen

Jungen für einen Beruf zu bestimmen, weil er im Spiele diese oder jene

Neigungen zeigt. Solche Neigungen sind wichtig, aber es geht nicht an,

darin in verliebtem Stolze gleich einen Weg fürs Leben zu erkennen.«

Das Zinzilein meinte, Naturforscher wäre für den Jockele das Richtige,

und dachte sich etwas ganz Närrisches dabei.

Jockele und die Mädchen: Roman aus dem heutigen Weimar · 第 1 / 16 段