Blick auf unsere Kaffeeplantage. -- Unser fertiges Wohnhaus 225

Eine Ecke der Diele im Hause Prince mit Durchblick in das

Speisezimmer. -- Idyll auf dem Hofe der Kaffeepflanzung zu

Sakkarani 225

Die Reichstagsabgeordneten auf ihrer Studienreise nach

Deutsch-Ostafrika Juli-August 1896 233

Skizze der Reiseroute der Frau v. Prince in

Deutsch-Ostafrika. Am Schluß

[Illustration]

Einleitung.

Wenn ich an alle die inhaltschweren Vorreden denke, die Verfasser

oder Verleger ihren literarischen Erzeugnissen als Empfehlung mit

auf den Weg zu geben pflegen, dann kommen mir doch gelinde Zweifel.

Eines schickt sich nicht für alle, und was den mehr oder weniger

anmutigen Kindern der Muse recht ist, braucht den anspruchslosen

wirklichkeitsnüchternen Kindern der Muße einer afrikanischen Hausfrau

noch lange nicht billig zu sein. Denn die nachstehenden Tagebuchblätter

geben in der Tat nur die Aufzeichnungen wieder, zu denen ich in den

ersten Jahren meines ostafrikanischen Hausfrauenlebens gelegentlich

Zeit fand.

Für den Entschluß, diesen Blättern einige Worte zur Einführung

voranzusetzen, war zunächst der Wunsch entscheidend, diesen

bescheidenen literarischen Versuch dem Wohlwollen meiner Leserinnen zu

empfehlen. Daß ich die zuweilen unter recht erschwerenden Umständen

zu Papier gebrachten Notizen dereinst der Öffentlichkeit übergeben

würde, ahnte ich freilich noch nicht, als ich Herrn v. Wissmann das

Versprechen gab, ein möglichst getreues Tagebuch zu führen; die

Ausführung stellte zuweilen recht hohe Anforderungen an Willens- und

an Körperkraft, besonders wenn es galt, nach beschwerdereichem Marsche

die Ereignisse des Tages noch schriftlich festzulegen, anstatt der

wohlverdienten Ruhe zu pflegen. Die Energie zur Durchführung dieser

selbstauferlegten Pflicht auch unter schwierigen Verhältnissen verdanke

ich dem Beispiel meines Gatten.

Dann aber möchte ich mit diesem Vorworte der gesellschaftlichen Pflicht

persönlicher Vorstellung nachkommen, indem ich die Vorgeschichte

der Entstehung dieser Tagebuchblätter kurz kennzeichne. Da muß ich

denn bis auf unsere Schulzeit in Liegnitz zurückgehen. Daß der

damalige Schüler der Ritterakademie, Tom Prince, und ich füreinander

bestimmt seien, das unterlag für uns beide schon damals keinem

Zweifel, und diese Schülerliebe hat sich bewährt; aus den Kindern

wurden Leute, das Schicksal führte uns weit auseinander: Tom wurde

Offizier beim Infanterie-Regiment Nr. 99 in Straßburg im Elsaß und

ich kam nach Königsberg i. Pr., wo mein Vater als Rittmeister bei

den Wrangel-Kürassieren stand. Das war ungefähr das Höchste, was wir

uns im Deutschen Reiche an Entfernung leisten konnten, es sollte

aber noch ganz anders kommen. Zu jener Zeit zogen die kühnen und

erfolgreichen Kämpfe Hermann Wissmanns und seiner tapferen Schar die

Augen der Welt auf unsere junge Kolonie. Zu dem Tatendrang des jungen

Leutnants kam die Sehnsucht nach den Tropen, wo einst seine Wiege

gestanden. Tom ist auf der Insel Mauritius (_Ile de France_) geboren,

wo sein Vater englischer Polizeigouverneur war, er entstammt einer

englischen Familie; seine Mutter war deutscher Abkunft, eine Tochter

des Missionars Ansorge, der viele Jahre hindurch in Indien gewirkt

hat. So hielt es den jungen Offizier nicht länger in dem Einerlei des

Garnisondienstes.

Der Name Wissmann war ein mächtiger Magnet für die kriegerische Jugend

Deutschlands; zur Zeit, als Tom auf eigenes Risiko sich auf den Weg

machte, um in der Wissmannschen Schutztruppe Dienst zu nehmen, standen

ungefähr 1500 Anwärter vor ihm auf der Liste. In Sansibar heuerte er

gleich nach seiner Ankunft eine Dhau, um so rasch als möglich sein

Ziel zu erreichen. Diese Ungeduld sollte verhängnisvoll werden: das

kleine Fahrzeug erlitt Schiffbruch, die arabische Bootsmannschaft

ertrank, und nur Tom wurde gerettet, nachdem er 13 Stunden lang mit

Hilfe einer Holzkiste sich über Wasser gehalten! All sein Gepäck, sein

Geld, seine Papiere waren verloren. So gelangte er zu Wissmann, der

ihn vorläufig seiner Truppe beigab, dann aber als Offizier einstellte,

nachdem die erforderlichen Papiere aus Deutschland besorgt waren.

Die Taten Wissmanns, dieses im Kampfe heldenmütigen, im Aushalten

von Anstrengungen und Entbehrungen des Tropenkrieges unermüdlichen

und vorbildlichen Führers der ersten deutschen Kolonialtruppe,

gehören der Geschichte an und damit auch die meines Mannes. Was ich

in jenen sieben Jahren durchlebte, in Furcht und Hoffnung um das

Leben des Jugendgeliebten bangend, mit welcher Sorge die spärlichen

Zeitungsnachrichten über neue Kämpfe und Expeditionen der Wissmannleute

das Mädchenherz erfüllten, bis endlich einmal wieder ein Brief von

Toms eigener Hand mir für kurze Zeit Beruhigung gab -- das weiß nur

ich und der allgütige Gott, der den Geliebten mir erhielt und mir die

Kraft verlieh, das schier Übermenschliche zu tragen! So wurde mir der

Brautstand zur strengen Lebensschule, zur Vorbereitung auf meinen Beruf

als deutsche Offiziersfrau in den neugewonnenen Kolonien.

Endlich nach sieben langen bangen Jahren hatten die Verhältnisse in

Deutsch-Ostafrika sich soweit geklärt, daß Tom mich nach seiner neuen,

schwererkämpften Heimat hinüberholen konnte, an der auch ich mir in

meinem sorgenvollen Brautstand ein Heimatsrecht erworben zu haben

glaube.

Am 4. Januar 1896 war unsere Hochzeit in Militsch, und nach etwa einem

halben Jahr, das wir noch in Deutschland verbracht, trafen wir in

Dar-es-Salaam ein und warteten dort auf weitere Bestimmung für meinen

Mann. Der letzte, gefährlichste Gegner der deutschen Herrschaft, der

Sultan Quawa von Uhehe mit seinen tapferen Scharen, galt nach der

Erstürmung seiner Hauptstadt für überwunden, ein Erfolg, an dem mein

Mann in anerkannter Weise beteiligt war. Aber die Zeit sollte lehren,

daß ein solcher Schlag nicht genügt, ein afrikanisches Kriegervolk

niederzuhalten, dessen Hauptkriegskunst darin besteht, den Stößen des

Angreifers geschickt auszuweichen.

Nach einem kurzen Aufenthalt in Dar-es-Salaam, wo mir von allen Seiten

mit der größten und freundlichsten Fürsorge begegnet wurde, erhielt

mein Mann den Befehl, die Station Perondo zu übernehmen, die an der

Grenze von Uhehe neu gegründet war. Von dort aus sollte er die

friedliche Unterwerfung des Volks der Wahehe weiter fördern. Nähere

Kunde über die Station wie über die augenblickliche Stimmung Quawas und

seiner Wahehe war aber zunächst nicht zu erhalten, denn die letzten

Berichte waren infolge der Überschwemmungen im Inneren des Landes noch

nicht zur Küste gelangt. Daß der verheißungsvolle Name Dar-es-Salaam,

Hafen des Friedens, den wir bei unserer Einfahrt in die prachtvolle

Bucht als günstiges Vorzeichen begrüßten, in Wahrheit nur geographische

Bedeutung für uns haben sollte, ahnten wir freilich nicht, als wir

hoffnungsvoll den Marsch nach der Stätte unseres Wirkens antraten.

Zum Schluß möchte ich noch einem Bedenken begegnen, das vielleicht

gegen den Gebrauch so mancher fremdklingender Ausdrücke in den

nachfolgenden Blättern erhoben werden könnte. Es ließe sich gewiß

manches durch entsprechende deutsche Bezeichnung ausdrücken oder

umschreiben, und in einem Buche mit lehrhafter Tendenz nach

irgendwelcher Richtung sollte der Verfasser stets bemüht bleiben, die

so oft gerügten Anleihen an die arabischen und Suaheli-Mundarten sowie

an die uns aus den englischen Kolonien überkommenen Bezeichnungen zu

vermeiden. Hier sind jedoch nur die frischen persönlichen Eindrücke

wiedergegeben, die eine gänzlich „unliterarische“ junge Frau in

ihrem Tagebuche zunächst für sich und ihre nächsten Angehörigen

skizzierte; würde da nicht ein gut Teil von unmittelbarer Anschauung,

„afrikanischer Lokalfärbung“ dieser anspruchslosen Skizzen verloren

gehen? In diesem Sinne bitte ich für diese kleine Unart meines

schriftstellerischen Erstlings um freundliche Nachsicht.

Seit zwei Jahren leben wir nun als friedliche, betriebsame Pflanzer

in der neuen Heimat, nachdem mein Gatte den Degen mit dem Pfluge

vertauscht. Gott schenke dem schönen Lande, das mit so vielem edlen

Blut auf dem Schlachtfelde erkämpft, das so schwere Opfer an Leben

und Gesundheit unserer wackeren Pioniere der Kultur gekostet, eine

segensreiche Entwicklung. Noch stehen wir am Anfange dieser Kultur,

möchte deutscher Unternehmungsgeist sich mehr und mehr auf diesem

neuen Gebiete betätigen, der Lohn wird nicht ausbleiben.

Möchten vor allem auch die +deutschen Frauen+ regen Anteil nehmen an

der friedlichen Eroberung des herrlichen, zukunftsreichen Landes. Der

Mann +gründet+ das Haus, die Frau +hält+ es! Der Satz gilt heute mehr

wie je auch für unsere Kolonien. Könnte ich doch Euch, Ihr deutschen

Frauen und Mädchen, für unser junges Deutschland über See gewinnen.

Was Ihr an gewohnten Annehmlichkeiten des Lebens, an Geselligkeit,

Vergnügungen und Anregungen aller Art hier im Vergleich mit der

alten Heimat entbehren würdet, es wird mehr als aufgewogen durch die

Betätigung und Pflichterfüllung, in der Ihr Euch an der Seite eines

geliebten Gatten ausleben könnt. Wahrlich, es ist ein schönes Los, in

diesem Siegeszuge deutscher Kultur eine Stelle einnehmen zu dürfen!

Deutsches Familienleben, deutsche +Jugend+ in Ostafrika -- wenn dieses

hohe Ziel erreicht ist, dann erst strahlt unsere neue Heimat als

herrlicher Edelstein in der deutschen Kaiserkrone!

+Sakkarani+ (West-Usambara), Winter 1902.

=Magdalene Prince= geb. v. Massow.

[Illustration]

Erstes Kapitel.

Auf dem Marsche von Dar-es-Salaam nach der Station Perondo.

+Aulepschamba+, 28. Mai 1896.

Unser erster Marschtag liegt hinter uns. Eigentlich kann man diese

Bezeichnung nicht gut anwenden, denn wir kamen nur eine halbe Stunde

weit von Dar-es-Salaam weg. Der kurze Marsch hatte nur den Zweck, die

Kompagnie und die Träger aus der Stadt hinaus zu bekommen; es ist das

eine hergebrachte Sitte. Wenn die Leute im Lager angelangt sind, merken

sie nämlich erst, was ihnen noch alles für den bevorstehenden Marsch

fehlt, und schnell wird das dann aus der noch leicht erreichbaren Stadt

nachgeholt.

Die Tage vorher schon war ich in fieberhafter Aufregung, konnte aber

leider nicht viel tun und bestimmen, da mir die Verhältnisse noch zu

fremd waren. Der Tagesanbruch fand uns bereits in den Kleidern, und

die letzten Sachen wurden zusammengepackt. Tom (mein Mann) war fast

die ganze Zeit fort, um die Lasten an die Träger zu verteilen und nach

seiner Kompagnie zu sehen; als das alles besorgt war, schrieb ich noch

an Eltern und Geschwister. Dann kam Herr v. Natzmer[1] und holte mich

ab.

Eine so große Karawane hatte ich natürlich noch nie gesehen; auch

anderen, die schon lange draußen waren, war sie etwas Neues.

Wie ein unentwirrbarer Knäuel wälzte sich die Masse dahin. 130

Askaris (Soldaten), weit über 500 Träger, beladen mit Kisten der

verschiedensten Arten, Paketen in Leinwand und in schwarzem Ledertuch,

1 Maxim- und 1 Berggeschütz, Zelte, Gewehre, Kästen mit Schweinen,

Puten, Hühnern, Tauben, Enten, Schafen, Ananas, Mangos, Kokosnüssen,

Weiber und Kinder in hellen oder vielmehr dunklen Haufen. Da beinahe

jeder Askari zwei Boys (ich muß schon die bequeme englische Bezeichnung

beibehalten, die sich in unserer Kolonie so fest eingebürgert hat, daß

sie kaum noch zu verdrängen ist, umsoweniger, als es ein deutsches

Wort, das diesen vielseitigen Begriff, der die ganze Stufenleiter vom

„Silbendiener“ bis zum „Wichsier“ und „Putzkameraden“ umfaßt, nicht

gibt) und zwei Weiber hat, der Träger aber auch von jeder Sorte eins,

ist die Karawane gegen 1100 Mann stark. Die Askaris zogen voraus mit

Pfeifen- und Trompetenschall, dann kamen sämtliche Offiziere der

Schutztruppe, die uns bis zum ersten Lager begleiteten, zum Schluß

die Träger mit ihrem Anhang, die mit dem üblichen Geschrei von den

zurückbleibenden Abschied nahmen. Es war ein sinnbetäubender Lärm.

Im Lager wimmelte es wie in einem Ameisenhaufen, alles rührte sich

in einer seltenen Geschäftigkeit. Die Zelte wurden aufgeschlagen,

und rasch waren wir mit unseren liebenswürdigen Begleitern um den

Frühstückstisch versammelt. Unsere niedlichen Frühstückskörbe, unsere

Zelte, die Tische, Stühle und anderes Hausgerät, welches mein Mann

für mich angeschafft hatte, wurde gebührend bewundert, dann aber auch

fleißig getrunken und gegessen. Da es bald dunkel wurde, kehrten die

Herren der Schutztruppe zurück, nachdem mein Mann ihnen für ihre

Freundlichkeit gedankt hatte. Mit besonderem Danke sei hier noch einmal

des Herrn v. Natzmer gedacht.

Es bedeutete diese Trennung für uns nicht nur einen Abschied von

unseren Begleitern, sondern auch von der Kultur, denn von nun an sind

wir nur noch auf uns allein angewiesen. In den nächsten Jahren werden

wir kaum mit anderen Europäern zusammentreffen, und von Kultur nur das

haben, was wir uns selbst schaffen. Ein ganz leichter Abschied war es

also nicht. Bei der Trennung ließ mein Mann von den Askaris Herrn v.

Natzmer noch ein dreifaches Hoch ausbringen, der diesen Abschiedsgruß

in gleicher Weise erwiderte. Die Hochs klangen, wie es zu Hause kaum

hätte besser sein können. Als die Herren uns verlassen, setzten wir

uns mit unseren Reisebegleitern zu unserem ersten Mittagsessen auf dem

Marsche. Lange nach dem Zapfenstreich trennten wir uns erst. Wir waren

uns einig, daß wir trotz aller uns entgegengebrachten Liebenswürdigkeit

und vieler schöner, gemeinsam verlebter Abende gern von Dar-es-Salaam

fortgingen. An der Küste spürt man zu viel von den Nachteilen Europas,

ohne dessen Vorteile zu haben.

Als gute Vorbedeutung für das Leben in der Wildnis nahm ich die

Heimatswünsche, die am Morgen kurz vor dem Abmarsche uns die Post

aus Deutschland gebracht hatte, an sich schon ein Ereignis, dessen

Bedeutung jeder „Afrikaner“ zu würdigen weiß; für mich war es aber noch

von besonderer Wichtigkeit; mein in Hamburg liegengebliebener Koffer

mit all meinen Kleidern und aller Wäsche, Schuhen usw. war gleichzeitig

angekommen, so daß ich meine gewohnte deutsche Garderobe noch mitnehmen

konnte. Die sechzehn neuen, in indischen Läden von Männern fabrizierten

Kleider sind mir doch nicht so bequem wie die in der Heimat gewohnten.

Ein dreibeiniger Hund kommt mitgelaufen, zukünftiger Kamerad von

Schnapsel, meinem treuen, vierbeinigen Heimatsgenossen, den mir mein

Vater schweren Herzens mitgegeben hatte.

+Kongoramboto+, 29. Mai 1896.

Um 5½ Uhr Reveille, um 6 Uhr abmarschiert. Da ich nicht ganz wohl war,

mußte ich mich tragen lassen, ganz wie eine orientalische Fürstin:

Großartige Sänfte mit Sonnendach und vier Träger, die zwei und zwei

abwechselnd trugen, den Dolmetscher und einen Boy zur Seite, drei

Stunden marschiert. Am Lagerplatz angelangt, sah ich von meinem

Lehnstuhl aus dem Aufschlagen der Zelte zu: ein Schlafzelt und ein

anderes zum Aufenthalt während des Tages. Unser Koch fängt an, mir zu

imponieren. Es gab Huhn in afrikanischer Zubereitung. Unsere Leibgarde

macht mir Spaß. Fünf Bengels in Khakianzug, kurzen Hosen, mit roten

Aufschlägen und Achselstücken, unseren Reserve-Tropenhelmen und Toms

Mützen. Die beiden kleinsten sehen aus wie schwarze Amoretten, und wenn

sie auf dem Marsche hin- und herlaufen, ist es eine Freude, zuzusehen.

+Kisserawe+, 30. Mai 1896.

Lager nahe der auf einem hohen Hügel gelegenen Missionsstation. Der

Marsch ging durch hügeliges, dicht bewaldetes Gelände. Ich wurde wieder

getragen, war sehr müde und wollte schlafen; doch war die Gegend so

schön, daß es mir keine Ruhe ließ, und ich soviel als möglich von

meinem Lager aus sehen wollte. Tom fing sehr viel Schmetterlinge,

die wir des Abends verpackten. Auf dem Marsche kurze Frühstücksrast

an einer besonders malerischen Stelle. Tom hat alles sehr nett

eingerichtet, es ist wie im Märchen: „Tischlein deck dich“ -- im Nu

stehen die verschiedensten Getränke und Chakula (Essen) vor mir, um

sogleich wieder zu verschwinden, wenn zum Aufbruch geblasen wird.

Essen -- wieder Hühner, aber wieder anders zubereitet, und zwar sehr

schön gebraten mit unglaublich wenig Butter; ich will dem Koch unsere

Kochkunst lieber nicht beibringen.

Schnapsel trabt fleißig mit, da er aber zu eifrig auf die Jagd in die

Büsche geht, müssen wir ihn anbinden, weil er uns doch sonst leicht

abhanden kommen könnte. Kassuku[2] (unser Papagei) wird auf dem Kopf

eines Trägers getragen und guckt sehr vergnügt zu seinem Käfig hinaus;

im Lager klettert er auf Bäume und kommandiert sein „Gewehr ab“, „das

Gewehr über“.

Das deutsche Kommando klingt in dieser Umgebung komisch, und zwar nicht

nur aus dem Papageienschnabel; noch drolliger wirkt es aus dem Munde

der schwarzen Soldaten. Die Kerls sind ganz famos einexerziert, sie

marschieren mit einer Strammheit, wie unsere Soldaten zu Haus, machen

„Kehrt“ und Schwenken usw., wie man es sich exakter kaum denken kann --

und wie sie sich schlagen, haben sie auch schon zur Genüge bewiesen!

+Kola+, 31. Mai 1896.

Beim Abmarsch schenkte ich einem meiner Träger eine „Kokosnuß“, darob

großes „Kelele“ (Geschrei). Die Boys wollten sie ihm wieder wegnehmen,

sie fanden die Gabe zu verschwenderisch, da es jetzt nur noch schwer

welche zu kaufen gab.

Gestern übrigens kam eine kleine Karawane mit einem Missionar und

zwei Damen an unser Lager heran; dabei befand sich der kleine Sohn

eines Häuptlings, der infolge einer früheren Anregung Toms zur Mission

geschickt worden war, er suchte Tom sofort auf, und man erkannte seine

Anhänglichkeit. Das Abc und ein paar deutsche Wörter hatte man ihm

zwar beigebracht, er verstand aber deren Sinn noch nicht, so daß er

sie herunter leierte wie ein aufgezogenes Uhrwerk. Er kam mit seinem

schwarzen Lehrmeister.

+Mlongoni+, den 1. Juni 1896.

Heute ließ ich mich bis zum Frühstückszeltplatz tragen; doch länger

hielt ich es nicht aus und setzte den Weg auf dem Maultiere fort. Es

ging nun viel besser. Welche Freude machte es mir jetzt, die Gegend

in ihrer ganzen Eigenart sehen zu können. Jede fremde Blume war mir

willkommen, jeder Schmetterling, der uns umgaukelte, erfreute das

Auge, und manch einer endete sein Dasein in unserer Sammlung. Bis

jetzt sind wir auf einer vom Gouvernement angelegten Straße gewandert,

heute bogen wir auf einen Negerpfad ein, den seiner Zeit auch die

zweite, von Schelesche Waheheexpedition gegangen ist. Wir haben heute

ein wunderschönes Lager bezogen und sind ganz abgesondert von allen

Menschen, das ist zu schön!

Eine große Schlange haben wir gefangen. Wenn unsere Sammlung so

fortschreitet, werden wir mit großen Koffern voll „Zoologie“ ankommen;

schon jetzt sind Büchsen, Gläser und Kasten voll allerhand, das da

kreucht und fleucht. Ich sah heute die Frau unseres zweiten Boys

(Mabruk) und freute mich, daß sie mitgekommen war. In Dar-es-Salaam

nämlich machten mir die Frauen von unseren Boys Juma und Mabruk

„Besuch“. Das war sehr spaßhaft. Sie wollten trotz allem Bitten nicht

mit. Die Juma gab sich sehr schüchtern, deshalb glaubte ich, sie würde

sich nicht dazu bewegen lassen, denn Juma schwang ganz entschieden den

Pantoffel. Er meinte: sie verdiente, wenn sie ihn im Stiche ließe, an

die Kette zu kommen. Die andere hatte sehr gute silberne Armbänder an

beiden Armen und Beinen, Ketten um den Hals, gute Tücher umgeschlagen

und eines auf dem Kopfe, sowie Ringe an den Fingern. Sie kam in das

Zimmer getänzelt, was hier als besonders vornehm und schick gilt und

von den schwarzen Damen auch auf der Straße mit Hin- und Herwiegen

des Oberkörpers geübt wird. Sie schaute mit ihrem jungen, runden,

hübschen, schwarzen, durch ihren Nasenschmuck freilich verunstalteten

Gesicht ganz keck in die Welt, schüchtern war sie durchaus nicht;

sie bot mir einen „Jambo“ (guten Tag) und steuerte gleich auf den

Spiegel zu, um sich ganz in ihren persönlichen Reiz zu vertiefen und

den möglichst malerischen Faltenwurf ihrer Tücher auszuprobieren. Die

Schwarzen verstehen es ausgezeichnet, sich mit Tüchern zu drapieren. Es

liegt etwas ungesucht Malerisches darin. Sie besitzen übrigens große

Geschicklichkeit, ihre Toilette vor aller Augen zu wechseln, ohne dabei

mit unseren europäischen Anschauungen von Schicklichkeit in Konflikt zu

geraten. Ich sagte „malerisch“, und in der Tat, diesen Abend sah ich

einen Neger, der ein Stück Baumwollenstoff wie einen wallenden weißen

Mantel umgehängt hatte und auf einer einsaitigen Gitarre entsprechend

eintönige Musik zum besten gab. Entschieden ein anziehendes Bild.

+Msenga+, 2. Juni 1896.

Gleich vom Lager aus geritten, weshalb mir der Marsch sehr kurz vorkam.

Bis zum ersten Ruheplatz sollte ich getragen werden, doch gab ich es

bald auf. Das Sichtragenlassen ist nur auszuhalten, wenn man wirklich

elend ist.

Viele Schmetterlinge, die es jetzt nach der Regenzeit mehr gibt

(besonders an feuchten Orten) und viele seltsam erscheinende Tiere

gesammelt, Molche, Schlangen und eine originelle Raupe, stachlig wie

unser Igel, nur, daß die Stacheln am Finger hängen bleiben wie bei

unseren Kletten und dann ekelhaft jucken. Diese angenehmen Kletten gibt

es übrigens auch hier, beim Marsche machen sie sich sehr unangenehm

bemerkbar. Auch eine Grasart mit kleinen Dornen ist sehr lästig auf dem

Marsche. Die Engländer nennen sie bezeichnenderweise „_wait a bit_“.

Die Natur weist auch in Blumen manche europäischen Arten auf, so z. B.

Winden der verschiedensten Sorten, gelbe, rote, blaue, lila; von Bäumen

fiel mir der Reichtum an Akazien auf. Bei der Ruhepause unterhielt ich

mich mit den Trägern; der „Engländer“, d. h. der englisch sprechende

Schwarze, verdolmetschte. Die Leute erzählten, Quawa, der Sultan der

Wahehe, werde sich nicht sehen lassen, das würde also gleichbedeutend

sein mit Krieg. Welcher ungewissen Zukunft gehen wir entgegen!

Heute kamen wir durch einen Heuschreckenschwarm; der Himmel war

buchstäblich schwarz, man kann es sich gar nicht vorstellen, lauter

schwarze Punkte, die hin- und herschwirren, und ringsum alles, alles

abgefressen, kein Blatt, kein Grashalm, nur die langen, dürren Stiele

ragen noch in die Luft. Kommt der Schwarm aber tiefer und scheint

die Sonne auf die glitzernden Flügel, dann funkelt alles weiß, wie

Schneegestöber. Der Schwarm kann sich so verdichten, daß sich, nach dem

Bibelwort, „die Sonne verfinstert“. Leute nur 10 Meter entfernt, sieht

man nicht mehr. Der Schwarm läßt sich nieder, dann ist die Erde wie mit

einer schillernden Haut überspannt. Flügel an Flügel, manchmal sogar

dicht aufeinander sitzend. So etwas könnt Ihr Euch nicht vorstellen.

Es wäre schön anzusehen, wenn es nicht die Zerstörung aller Vegetation

bedeutete.

+Mafisifähre+, 3. Juni 1896.

Ein schöner Tag liegt hinter uns. Heute habe ich erst einen wirklichen

Marsch mitgemacht. Man kann die Marschleistungen einer so großen

Karawane allmählich steigern. Zu berücksichtigen ist, daß, wenn die

Tete auch nur 3 Stunden marschiert, es für die Queue mindestens 4½

Stunden bedeutet; deswegen machen wir auch immer eine Ruhepause,

um den Nachtrab herankommen zu lassen. Für diesen war es also ein

anstrengender Tag, denn wir marschierten 3 Stunden und ritten 2

Stunden. Für mich war’s eine Kraftprobe und machte mir viel Spaß;

obgleich manchmal der Weg so eng und so ausgehöhlt war, daß man den Fuß

nicht ordentlich setzen konnte. Die Gegend war sehr schön, teilweise

wie Parklandschaft, dann wieder wie ein Obstgarten, nur daß hier

der Reiz des Unberührten sich darüber breitet. Das Lager war sehr

hübsch wie eine Wagenburg anzuschauen. Unsere drei Zelte machen sich

recht schön, dann zur Seite der Koch und die Boys mit ihrem Hofstaat

in kleinen Zelten aus 3 Stöcken und einem Stück Tuch verfertigt;

ringsum unsere Lasten mit den Trägern und ihren Zelten, so bunt und

zusammengewürfelt.

Es ist spaßig, welches Vertrauen die Leute zu Tom haben; wie die Kinder

sich Rat bei ihrem Vater holen, so kommen die Schwarzen zu ihm. Dann

fällt er salomonische Urteile; z. B. zwei hatten sich geschlagen,

der eine war auf den Kopf getroffen -- dafür durfte er dem anderen

mehrere Ohrfeigen versetzen; er war so erregt, daß er die ersten Male

in die Luft schlug, ehe er traf. Schwieriger war der zweite Fall: Ein

Träger hatte dem anderen mit Absicht ein Loch in sein Tuch gebrannt.

Ein auf den Austausch der Tücher zwischen Schuldigem und Geschädigtem

anspielender Vergleich wurde von letzterem abgelehnt, weil sein Tuch

länger war als das des anderen. Zur Entschädigung durfte er sich dann

ein Stück aus des Gegners Tuch ausschneiden, um das seinige wieder zu

flicken. Beide zogen befriedigt und vergnügt ab.

Wir sind mit unserer Karawane sehr zufrieden: von den 1100 Menschen

sind nur 20 Träger fortgelaufen. Wir werden jetzt viel von den Jumben

(Dorfhäuptlingen) heimgesucht, welche Schafe, Hühner, Eier, Ziegen zum

Geschenk bringen, dafür aber tüchtig bezahlt werden müssen; den ganzen

Tag hocken sie um uns herum und wollen unterhalten sein, bis man sie

endlich mit einem „Kwaheri“ (Lebewohl) fortschickt. Aber man ist auf

sie angewiesen, denn sonst bekommt man kein Chakula, und man kann sehr

froh sein, wenn sie überhaupt etwas bringen; ist ein Europäer wenig

beliebt oder wenig bekannt, so bekommt er nur das Notwendigste. Mir ist

es bis jetzt sehr gut gegangen, denn für den „Sakkarani“ (Spitzname

meines Mannes, auf den ich sehr stolz bin, denn er bedeutet: +der

keine Furcht kennt+) gehen sie durchs Feuer, und da geht es der „Bibi“

natürlich auch gut. _Dr._ C. Velten, der sich um die Suahelisprache mit

großem Erfolg bemüht hat, schreibt: „der verbreitetste Spitzname ist

_bana sakkarani_, d. h. der sich wie ein Betrunkener in jede Gefahr

stürzt“; die Schwarzen können sich nämlich nicht vorstellen, daß es

einen nüchternen Menschen gibt, der so mutig allen Feinden begegnet.

Wie oft wurde mir gesagt: „Ihr Mann ist zu tollkühn, ein Draufgänger

wie Blücher“ -- aber stets behielt er kaltes Blut dabei, denn z. B.,

hätte er sonst schwerlich im heftigsten Kampfe bei der Erstürmung

Iringas einem Offizier das Leben gerettet, indem er ihm zurief: „Aber

Menschenskind, Sie stehen ja vor einer Schießscharte“ und -- bums --

schon knatterte ein Schuß daraus hervor. Derselbe Offizier wurde doch

noch später bei demselben Gefecht verwundet. Eier und Hühner schenkt

man mir persönlich, dafür spendiere ich dann Kognak. Heute brachte

einer ein ganzes Poesiealbum an, in welchem sich die einzelnen Europäer

durch schöne Verse verewigt hatten; ich war die erste Dame in dieser

Sammlung. Bis jetzt hat kein Jumbe mehr als zwei weiße Frauen gesehen.

Die Jumben kommen zum Sakkarani von weit her, der eine sogar von weit

jenseits des Flusses.

Von der Mabrukschen Frau bekam ich vier Eier geschenkt. Schon in

Dar-es-Salaam bekam ich welche von ihr, und ohne daß ich mich

revanchiert hatte, brachte sie mir einen Teller Kuchen zum Geschenk,

sehr ähnlich unseren Waffeln, ganz knusperig, also sehr schön.

+Nordufer des Kingani+, beim „Husarenjumben“,[3] 4. Juni 1896.

Heute wurde nicht so früh vom Lager aufgebrochen, denn wir wollten nur

über den Kinganifluß mit der von Herrn v. Soden geschaffenen Fähre

hinübersetzen. Durch diese, wie durch so viele andere grundlegenden

Einrichtungen hat Herr v. Soden sich den dauernden Dank der Kolonie

erworben. Es war für die Schwarzen ein Ruhetag, für die Europäer aber

desto größere Arbeit und für mich anstrengender als ein Marschtag.

Die Fähre ist so klein, daß Maultiere und Esel den Fluß durchschwimmen

mußten, nur an Stricken festgebunden; währenddessen wurde fortwährend

ins Wasser geschossen, um die Krokodile abzuhalten. Es ist häufig

vorgekommen, daß die Tiere im Wasser von den Bestien angefallen wurden.

Der Übergang dauerte sechs Stunden. Für jeden Passanten mußten an den

Jumben, der die Fähre in Ordnung hält, 2 Pesa gezahlt werden. Unter

der Last der ihm in +Kupfer+ ausgezahlten 2200 Pesas wankte unser

„Husarenjumbe“ tief gebeugt aber seelenvergnügt nach Hause.

Wir hatten noch eine halbe Stunde Marsch. Hier sahen wir Vieh auf der

Weide; ein gutes Zeichen, denn früher versteckten die Jumben vielfach

ihr Vieh aus unbegründeter Angst, daß es ihnen weggenommen werden würde.

Heute wurden die ersten Träger bestraft, sie hatten „Chakula“ bei den

Eingeborenen gestohlen. Nach neun Tagen die erste Bestrafung unter so

viel Leuten; wir machten abends einen Gang durch das Lager. Die vielen

kleinen Feuer, an denen die Leute an primitiven Herden (drei Steine

und ein Topf mit Reis darauf) ihr Essen kochten, boten einen hübschen

Anblick. Einige der Neger spielten Karten.

+Geringeri+, 5. Juni 1896.

Heute liegt ein tüchtiger Marsch hinter uns -- ohne Pause von 6

Uhr 4 Minuten bis 12 Uhr 49 Minuten. Da ich es verschmähte, mich

tragen zu lassen, mußte ich diesen wenig angebrachten Stolz mit recht

schmerzhaften Blasen an den Füßen bezahlen. Der Weg war oft so eng und

ausgehöhlt wie eine Straßenrinne, durch die das Wasser abfließen soll;

es ging viel durch Dornengestrüpp und mannshohes Gras, welches einem

fortwährend ins Gesicht schlug -- eine wenig angenehme Zugabe zu dem

ohnehin schon so anstrengenden Marsch. Im ganzen war die Natur recht

ausgestorben: die fast blätterlosen Bäume mit ihren Dornen und das

langstielige gelbbraune Gras gaben der Landschaft ein ödes Ansehen.

Um so mehr freuten wir uns, als endlich vor uns dichtbelaubte Bäume

sichtbar wurden, denn sie verhießen uns fruchtbares Land und somit

aller Wahrscheinlichkeit nach auch Wasser, ein Dorf -- und einen guten

Lagerplatz. Bald trafen wir auch auf die ersten Schamben (Felder), und

eine halbe Stunde vor dem Marschziele empfing uns auch schon der Jumbe

mit seinen Untertanen.

Heute habe ich mich auch zum ersten Male um die Küche gekümmert: immer

noch Huhn und Reis, dazu ein Täubchen, welches mein Mann mir alle

Tage schießt und welches mir trefflich schmeckt. Ich sah auch heute

die erste Affenfamilie und den ersten bunten Tropenvogel, der sich in

dieser Einöde ganz prächtig ausnahm. Auch Ebenholzbäume sah ich viel.

Es scheint, als ob selbst die meist stumpfsinnigen Träger veredelndem

Einflusse nicht unzugänglich sind. Die ersten Tage blieb alles stumm,

wenn ich an ihnen vorüber kam und ihnen „Jambo“ (guten Tag) bot, heute

schrie mir alles schon entgegen, ja, einer der Träger spielte sich als

Kavalier auf, indem er mir eine seltene schöne Blume brachte; ich habe

mich darüber recht gefreut. Am Morgen sah ich der Mabrukschen Frau zu,

wie sie ihre Ohrenverzierungen herstellte: sie wickelte in gelbe und

rote Farbe getauchte Zeugstreifen sauber auf und steckte sie in die

ungefähr 1 _cm_ großen Löcher in den Ohrmuscheln.

Den Jumbe von Perondo sind wir glücklich los, er muß voran marschieren,

um uns Brücken über die Flüsse bauen zu lassen. In Dar-es-Salaam

belästigte er uns unaufhörlich. Übrigens macht er einen ganz harmlosen,

gemütlichen Eindruck.

+Mkulassi+, 6. Juni 1896.

Um 4½ Uhr schon zum Aufbruch geblasen, um 5½ Uhr Abmarsch aus dem

Lager. Da wir den Geringeri passieren mußten, ging es sehr langsam

vorwärts, denn die Notbrücke, die über den Fluß gelegt war, verdiente

ihren Namen in der Tat. Die Tiere mußten den Fluß durchschwimmen, die

Träger krabbelten langsam hinüber.

Um 1½ Uhr im Lager. Zur Abwechslung gab es heute einmal Ziege anstatt

Huhn, für uns alle sehr erfreulich, auch Schnapsel profitierte davon.

Der Hund hat uns viel Sorge gemacht; infolge eines Insektenstiches war

ihm ein Auge ganz blutunterlaufen, so daß ich schon fürchtete, er würde

es verlieren; ich habe es ihm tüchtig mit nassen Umschlägen gekühlt und

hatte die Freude, es bald wieder heil zu sehen.

Tom geht es heute gar nicht gut, seit mehreren Tagen schon hat er

Fieber, natürlich ist auch meine Stimmung dementsprechend. Mit der

Kocherei fängt es an, besser zu werden.

+Magugoni+ (Kinganifluß), 7. Juni 1896.

Heute wird Tom von allen Seiten von Eilboten bestürmt, infolgedessen

hat er riesig viel zu tun. Um den Tag zu feiern, haben wir unsere

Herren zu einer Bowle eingeladen. Der Marsch war heute wieder sehr

schön, durch ein fruchtbares Stück Land. Vorgestern kamen wir durch

ein 4 bis 5 _m_ hohes Maisfeld, wohl eine halbe Stunde lang; das

Marschieren war zwar nicht angenehm, aber wir freuten uns doch, da uns

Tom erzählte, so fruchtbares Feld habe er seit 3 Jahren nicht gesehen,

denn die Heuschrecken hätten zu arg gehaust; jetzt ist diese gräßliche

Landplage, Gott sei Dank, im Aussterben. Gestern noch sahen wir ganz

abgefressene Grashalme, mit großen braunen länglichen Punkten -- tote

Heuschrecken, zu fünf und sechs an einem Halm. Viele Wildspuren,

aber kein Wild zu sehen, da das Gras, 3 bis 4 _m_ hoch,[4] jeden

Umblick hinderte. Zur Linken lugten zwischen einzelnen Baumgruppen

waldige Hügel herüber, und zur Rechten zeichneten sich mit allen

landschaftlichen Einzelheiten, mit ihren Wölbungen und Tiefen, die

wunderschönen 8000′ hohen Uluguruberge in der durchsichtigen, klaren

Luft ab. Wir marschierten 6¾ Stunden, eine ganz ansehnliche Leistung,

wenn man den schmalen, gewölbten „Straßenrinnen-Weg“ in Betracht zieht,

der, von darüber fallendem Gras bedeckt, uns zwingt, immer hübsch vor

uns hinzusehen und der Steine und Wurzeln zu achten, denn das Stolpern

bringt aus dem Marschtempo. Dazu die besondere Eigentümlichkeit, daß es

hier kaum Bäume ohne Dornen gibt. Ich hatte keine Gamaschen angelegt

und mußte diese Unterlassung beim Reiten durch zahlreiche Dornenrisse

büßen.

+Chansi+, Kinganifluß, 8. Juni 1896.

Heute war ein schöner Tag -- beinahe ein Ruhetag! Es wurde erst um 6¼

Uhr zum Aufbruch geblasen, dann ein kurzer Marsch bis zum Fluß, den wir

in Kanoes kreuzten; die Leute wateten durch. -- Nachmittags schossen

die Herren die Gewehre ein. Während ich hier schreibe, lodern ringsum

große Feuer gen Himmel, an denen schwarze Gestalten umherhocken. Die

Feuer brennen die ganze Nacht hindurch, in ihrem Bereiche suchen sich

die Leute ihre Lagerstätten.

+Mihama+, 1½ Stunde westlich von Tulu, 9. Juni 1896.

Trotzdem schon um 5¼ Uhr zum Abmarsch geblasen wurde, kamen wir

doch erst um 7½ Uhr aus dem Lager. Die Soldaten hatten einige Gnus

geschossen, die erst unter die Askaris verteilt wurden -- ein großes

Ereignis! Nachmittags war wieder Fleischverteilung, bei der ich zugegen

war; mit welcher Gier stürzten sich die armen Kerls auf die leckere

Beute! Auch einige Hartbeeste waren geschossen worden, darunter eins

von meinem Mann, mit prachtvollem Gehörn. Wir behielten uns ein

Stück des besten Fleisches, hoffentlich bereitet es der Koch auch

schmackhaft zu. Von der Vorzüglichkeit unseres Küchenchefs bin ich

nämlich schon längst abgekommen, trotz seines Rufes als des anerkannt

besten seines Faches. Er bezieht ein Gehalt von 40 Rupien monatlich,

hat als Assistenten einen Küchenjungen zu 3 Rupien und einen Esel zum

Reiten auf der Safari (Reise) und muß außerdem noch sehr gut behandelt

werden, damit er bleibt! Leicht hat er es übrigens ebensowenig wie

unsere Jungens. Wenn wir ins Lager kommen, meistens gegen 12 Uhr und

später, müssen die Zelte aufgeschlagen, der Tisch gedeckt, aufgewaschen

und hunderterlei Kleinigkeiten besorgt werden, von denen eine deutsche

Hausfrau keine Ahnung hat, die aber zu den täglichen Notwendigkeiten

unseres afrikanischen Marschlebens gehören.

+Dutumi+, 10. Juni 1896.

Ein kurzer aber sehr beschwerlicher Marsch heute. Das an 4 _m_ hohe,

taufrische Gras hinderte uns sehr am Vorwärtskommen und durchnäßte

uns bis auf die Haut. Zuweilen sahen wir, wenn das Gras einmal einen

Ausblick gestattete, die waldigen Höhen der Uluguruberge rechts

vorgelagert, ein Zeichen, daß unsere Karawanenstraße im großen Bogen

lief; wir hatten diese Berge bisher immer zur Linken gehabt. Unsere

Zelte stehen abseits von den übrigen unter einem großen Baum, der

seinen Schatten nach allen Seiten hin spendet; ein ideal schönes

Plätzchen. Während ich schreibe, üben unsere Askaris ihre Hornsignale.

Wie mich das an Weißenrode erinnert, wenn vom Liegnitzer Haag die

Musik der Königsgrenadiere herüberschallte. Es ist eigentümlich: der

Zulu, obwohl musikalisch, ist zum Signalblasen nicht zu gebrauchen, da

seine Lungen zu schwach sind; der Sudanese dagegen ersetzt, was ihm an

musikalischer Begabung abgeht, durch kräftige Lungen; die Kerls blasen

ihre Signale wie man’s zu Hause kaum besser hören kann. Die Sudanesen

halten sich übrigens, wie ich hier einschalten will, für besser als die

anderen Stämme und wollen nicht mit zu den Negern gerechnet werden.

Von dem gestrigen Wege bin ich so entzückt, daß ich die Schilderung

heute nachholen möchte. Der Marsch ging auf breit ausgehauenem Pfade,

auf welchem sogar 10 bis 15 Neger mit dem Ausjäten des Unkrautes

beschäftigt waren. Solch Zeichen von Kultur hier zu finden, ist wie

eine Oase in der Wüste, und zwar besonders erfreulich als Zeichen, daß

der Jumbe in dieser wohlhabenden Gegend eine gewisse Macht besitzt;

die Beschaffenheit der Wege kann man als besten Maßstab hierfür gelten

lassen. Diese Jumben lassen sich mit unseren Dorfschulzen vergleichen,

doch stehen ihnen größere Machtbefugnisse zu, denn das Gouvernement

kann sich hier nicht um alle die Kleinigkeiten bekümmern, für die

der Dorfschulze seinem Amtsvorsteher und Landrat verantwortlich ist;

unsere Jumben hier stehen in dieser Beziehung doch selbständiger da,

und das Gouvernement unterstützt ihre Anordnungen. So schön geebneten

Weg hatten wir bisher noch nicht gefunden, vor allem nicht auf diese

Länge hin, selbst die Brücken über die Flüsse fehlten nicht. Der Jumbe

_en chef_ hatte augenscheinlich die ihm unterstellten zehn Unterjumben

gut im Zug. Er kam uns entgegen und war sehr enttäuscht, als wir unser

Lager nicht in seiner Residenz aufschlugen.

Eine Stelle des Weges haftet mir besonders im Gedächtnis: Dornröschens

Schloß meinte ich vor Augen zu haben, hohe Wände von dichtem grünen

Laub, hochragende Baumwipfel als die Mauertürme dieses verzauberten

Schlosses. -- Die Temperatur war recht afrikanisch: trotz Tropenhelms

und Regenschirms trug ich eine Brandblase auf der Nasenspitze davon.

Das Trinkwasser ist hier recht unappetitlich, es gehört schon

Überwindung dazu, sich in dieser trüben Flüssigkeit zu waschen --

trinkbar ist es nur in der Form von Tee, und zwar aus silbernem Becher,

um die trübe Brühe nicht beim Trinken auch noch sehen zu müssen.

Station +Kisaki+, 11. Juni 1896.

Die erste Station im Innern! Von meinem Mann 1892 erbaut; kurz vorher

war Leutnant v. Varnbüler, der mit meinem Mann herausgekommen war, der

Malaria erlegen. Es war doch schön, wieder einmal nachts ein Dach

über sich zu wissen. Morgen ist nämlich Ruhetag, deshalb haben wir uns

in der Station selbst einquartiert. Unsere Wohnung erinnert mich sehr

an die in Dar-es-Salaam, dort wie hier fliegen die Schwalben ein und

aus, denn wir haben weder Fensterscheiben noch Türen. Freilich ist

alles hier noch viel baufälliger, da die Wände nur aus Lehm hergestellt

waren. Zur Entschädigung gab es aber frische Milch und Salat -- das

ist eine große Erquickung. Der Weg ist bis Kisaki gut imstande, so

daß uns die Mühsal des Marsches durch hohes Gras erspart blieb,

aber die zahlreichen, teils trockenen, teils wasserführenden, oft

metertiefen Bachrinnen, wohl an zwanzig von jeder Sorte, bildeten recht

empfindliche Hindernisse. Die 4 bis 5 _m_ hohen Ufer fallen sehr steil

ab, so daß die Tiere nur mit Mühe durchzutreiben sind; man lernt hier

das Klettern, aber schwindelfrei muß man sein.

Diesseits der Fähre bin ich die erste weiße Frau, die in diese Gegend

kommt, und werde auch dementsprechend angestaunt, von den Frauen mehr

noch wie von den Männern. Unsere Askaris stellen sich mit den Jumben

im allgemeinen auf guten Fuß; gestern beobachtete ich eine solche

Begrüßung: sie schüttelten sich, ohne dabei viel Worte zu machen, drei-

bis viermal kräftig die Hand und wiederholten nach ein paar Minuten

diese Szene. Händeschütteln ist hier sehr _en vogue_.

Vor ungefähr zwei Jahren ist Tom das letzte Mal durch diesen Landstrich

marschiert; seitdem sind viele neue Dorfgemeinden hier entstanden, die

ihre Felder bebauen und Viehzucht treiben; ein schönes Zeichen für den

Segen, den die europäische Kultur in diese Gegend gebracht hat, in

welcher sonst Kampf und Fehde unter der Bevölkerung herrschte, so daß

von irgendwelchem wirtschaftlichen Betriebe keine Rede sein konnte.

Die Station ist ziemlich verwildert: 19 Mann Besatzung genügen nicht,

um alles instand zu halten und dabei noch Garten und Feld zu bestellen.

Die meisten Baulichkeiten liegen in Trümmern, da auf Herrn v. Wissmanns

Befehl Bastionen, Mauern und Gebäude eingerissen wurden, um die

Station der Verteidigungskraft der kleinen Besatzung anzupassen.

+Mgeta+, 13. Juni 1896.

Nachdem wir heute früh eine Anzahl von Wellblechlasten, einige

Stühle und Pflanzen vom Gouvernement für die Station abgeliefert

hatten, brachen wir ziemlich spät (gegen 9 Uhr) mit Hörnerklang und

Trommelschlag von Kisaki auf, nicht ohne uns bei dem Unteroffizier

für den schönen Salat, die frische Milch und allerhand Sämereien

bedankt zu haben. Auch in das „Fremdenbuch“ der Station trugen wir

uns ein. Nach anderthalbstündigem Marsche kam uns schon einer der

Mafiti mit Hühnern und Mehl entgegen; früher war er mit seinem ganzen

Anhang vor Tom geflohen, heute rechnete er es sich zur Ehre, Toms

Gewehr tragen zu dürfen. Unser Weg ging auf breiter Straße an einem

Mafitidorfe vorüber, welches erst seit Jahresfrist wieder aufgebaut

ist, bis an den Mgetafluß. Hier schlugen wir unser Lager auf, mitten

im hohen Gras, gegen welches unsere Soldaten in Reih und Glied

in Sturmkolonne vorgingen, um durch Niedertrampeln einen glatten

Lagerplatz zu schaffen. Den eigentlichen Feind trafen wir aber erst

+nach+ dieser siegreichen Attacke: es wimmelte von Ameisen, und zwar

den blutgierigsten ihres Geschlechts! Wir konnten unsern Lagerplatz

nur dadurch vor diesen Blutsaugern schützen, daß wir doppelte Decken

ausbreiteten und ringsum einen „Zauberkreis“ zogen, d. h. ringsum

einen Streifen Gras abbrannten, denn Asche bildet für sie ein

unübersteigbares Hindernis.

Ich hatte mich dieses Mal durch den Fluß tragen lassen. Mitten im

Flusse verlor mein Träger in der Strömung das Gleichgewicht, und wären

nicht andere rasch zugesprungen, hätte ich im Wasser gelegen. Nun

erhielt ich rechts und links Begleitmannschaften, aber trotz aller

Sorgfalt kam ich bis an die Knie ins Wasser. Unsere Tageseinteilung

hielten wir auch heute inne: Nach dem Marsche wurde gegessen, ein

kurzes Schläfchen; nach dem Kaffee wissenschaftliche Beobachtungen:

Höhenmessung durch genaueste Bestimmung des Siedepunktes des Wassers,

eine Methode, die wir kurz „Höhe abkochen“ nennen, Uhrenvergleichen

und Zeitberechnungen. Inzwischen tut Tom seinen Dienst. Dann schreibe

ich meine Tagebuchnotizen, bis zum Mittagessen, abends 7 Uhr. Nach

Dunkelwerden „gucken wir Sterne“, verpacken die auf dem Marsch

gefangenen Schmetterlinge und spielen zum Schluß noch eine Partie

Schach oder „Sechsundsechzig“. Um 9 Uhr ist’s Schlafenszeit. Von ½7 Uhr

an ist es hier abends schon so kalt, daß wir Mäntel anziehen, und zwar

je dicker je besser.

Kurz nach Dunkelwerden flog eine Schar schneeweißer Reiher wie eine

dichte Wolke am dunkeln Himmel hin -- ein feierlicher Anblick: Seelen,

die ihrer Heimat zustreben!

+Msengebach+, 14. Juni 1896.

Heute liegt ein Marsch hinter uns, wie er angestrengter kaum gedacht

werden kann; fortwährend durch hohes Schilfgras, das den Blick

behindert; man muß mit den Füßen jeden Schritt fühlen und tasten --

wie oft fällt man da über einen Baumstamm oder bleibt in Wurzelwerk

und Schlingpflanzen hängen. Das starre Gras schlägt Gesicht und Hände

blutig. Von der Landschaft sah ich natürlich wenig, dagegen fanden wir

sehr viele Elefantenspuren und eine Löwenfährte.

+Makirika+, 20. Juni 1896.

Das erste Fieber überstanden! -- Das waren böse Tage. Daheim wäre man

bei 39° Bluttemperatur im dunkeln Zimmer ins Bett gepackt worden, hier

sieht die „Krankenstube“ wesentlich anders aus. Ich wurde getragen,

und Tom machte nur kurze Märsche von 2½ bis 3 Stunden; damit ich nicht

zu sehr geschüttelt wurde, ließ er den Weg noch besonders aushauen und

pflegte mich überhaupt während des Marsches nach Menschenmöglichkeit.

Von der schönen Gegend, die wir durchzogen, sah ich natürlich nichts;

erst gestern war ich wieder so klar, um erkennen zu können, wie

wunderschön unser Lager, rings von Bergen umgeben, gelegen war.

Der gestrige Tag muß überhaupt in unserem Kalender rot angestrichen

werden; seit 3 Wochen sahen wir die ersten Deutschen, die Herren v.

Kleist und Albinus, die Tom von Perondo ablöst. Es war eine Freude,

solche prächtige Menschen kennen zu lernen. Wir hoffen, Herrn Albinus

als Leutnant zu bekommen. Sie schenkten uns eine Kalbskeule, die

großartig geschmeckt hat. Herr v. Kleist litt ebenfalls so stark am

Fieber, daß er getragen werden mußte, und Herrn Albinus sah man die

beiden kürzlich überstandenen „Perniziösen“ auch noch an. Zum Frühstück

waren wir recht gemütlich zusammen, Perondo bildete natürlich den

Mittelpunkt unserer Unterhaltung. Um 10 Uhr hatten wir uns getroffen,

um 2½ mußten wir uns schon wieder trennen. Uns blühten noch neunzehn

Bachübergänge, alle mit den bekannten steilen Ufern; das gab viel

Anstrengung, aber auch der Lohn fehlte nicht; die ersten Bergspitzen

von Uhehe grüßten zu uns herüber!

+Mfajeka+, 21. Juni 1896.

Das große Ereignis des heutigen Tages war der Übergang über den Ruaha,

der eine Stunde in Anspruch nahm. Vorher besuchte ich den Jumbe, dessen

Hütte, Ställe und Garten auf einem waldigen Hügel am diesseitigen Ufer

recht einladend aussahen. Zwei Kindern von drei bis fünf Jahren hätte

ich gern die Hand gegeben, aber das kleinste fing an jämmerlich zu

schreien, als ich auf sie zukam. Da war es allerliebst anzusehen, wie

das ältere die Ärmchen um das kleine Schwesterchen schlang und den

kleinen Angsthasen schützend zur Mutter führte, die mich von weitem mit

nicht gerade freundlichen Blicken ansah. Sonst freuen sich die Frauen

im Lager, wenn ich mit ihren Kleinen schön tue, obgleich diese auch

zuerst immer jämmerlich schrieen. --

Der Flußübergang bot ein prächtiges Bild afrikanischen Lebens. In

drei Kolonnen wälzte sich die Masse der Soldaten, Träger und ihres

Anhanges von Weibern und Kindern durch den Strom bis zu einer Sandbank.

Bei hohem Wasserstand ist auch diese überflutet, dann ist der Ruaha

an dieser Stelle gegen 400 Meter breit. Von der Sandbank bis zum

anderen (rechten) Ufer sah man, etwa 100 Meter weit, nur die schwarzen

Köpfe und die Trägerlasten über dem Wasser. Die Frauen hatten sich

ihre Babies mit dreieckigen Tüchern auf den Rücken gebunden, --

die landesübliche Sitte des Kindertragens -- und wurden mit ihrer

lamentierenden Last von den Männern durchs Wasser gezogen, die größeren

Kinder balancierten strampelnd und schreiend auf den Köpfen ihrer

Mütter. Wir selbst bewerkstelligten den Übergang auf einem als Boot

ausgeputzten großen Stück Baumrinde, auf welchem wir niederhockten

und so von den Schwarzen durchbugsiert wurden. Besonders imposant war

die Stellung nicht, in der wir in unser neues Reich einzogen, aber

wir betraten es wenigstens trockenen Fußes. Hier fängt Toms neuer

Wirkungskreis an: wir sind heute zum erstenmal auf eigenem Gebiete.

Während des Flußüberganges brach einer der Träger ein Bein: aus

Schrecken vor einem in seiner Nähe auftauchenden Flußpferd war er

ausgeglitten und gegen einen Felsen getrieben worden; er wurde sofort

herausgeholt, geschient und verbunden.

+Mfajeka+, 22. Juni 1896.

Heute ist Ruhetag. Auf Herrn Ramsays Karte verfolgte ich unsern

bisherigen Weg; er hat auch die „Teufelsstelle“ eingezeichnet, die

wir am 15. d. M. passierten. Dort ist einmal jemand ermordet worden,

nun bringt jeder Vorüberziehende den Manen des Ermordeten eine Gabe

dar, damit er vor allen Fährlichkeiten bewahrt bleibe. Große Unkosten

entstehen dem frommen Wanderer durch diese Opfergabe nicht: ein Stein,

ein Blatt genügt, und wer das nicht zur Hand hat, begnügt sich damit --

auszuspucken, und hat damit die Anwartschaft auf Schutz vor Krankheit,

wilden Tieren und bösen Menschen entsprechend bezahlt.

Von meinem Platze aus kann ich die Kompagnie sehen, die oben zum Appell

angetreten ist. Auf dem Marsche tragen unsere schwarzen Kerls je nach

Geschmack alle möglichen Zierate an den Mützen: Federn, weiße Sterne

u. a. m.; heute sehen sie in ihren, den Husarenkalpaks ähnlichen Mützen

ganz militärisch und schmuck aus.

+Dorf Kranse+, 24. Juni 1896.

Der Abmarsch verzögerte sich, weil wir auf den Arzt warten mußten, der

erst den im Ruaha verunglückten Träger neu verbunden hatte und dann

noch nach einem kranken Kinde sehen mußte. Drei Stunden ließ ich mich

tragen, versuchte dann, auf meinem Maskatesel weiter zu kommen, mußte

mich aber bald bequemen, über einen durch Auswaschung entstandenen

Erdspalt auf Baumwurzeln zu balancieren. Als nächstes Hindernis kam ein

Urbusch, der erst gangbar gemacht werden mußte: dunkler Moorboden oder

Graswuchs, lianenumschlungene Stämme mit dichtem Laub, Wasserpfützen

mit dem bekannten metallisch-rötlich-schimmernden schleimigen Überzug,

das alles in einem düstern Zwielicht, dazu eine Fülle von Tieren

und Insekten -- das ist das Bild eines afrikanischen Urbusches oder

Urwaldes.

Unser Lager liegt dicht an den Bergen, die uns einen frischen Wind

herübersenden; das erfrischt Mark und Nerven und hält die gefährlichen

Fiebermiasmen der sumpfigen Niederung fern. Gegenüber ein prächtiger,

breiter Wasserfall. Welch schöner Abend: ringsum die Lagerfeuer, an

denen die Leute sich schon schlafen gelegt haben, silberklar zieht der

Mond seine stille Bahn am tiefblauen Sternenhimmel, an dem einzelne

Silberwolken glänzen, der Horizont begrenzt von den hohen Bergen von

Uhehe -- in die tiefe Stille dringt nur das gleichmäßige Rauschen des

Wasserfalls herüber und ab und zu der Schritt des Wachtpostens.

+Mahenge+, 25. Juni 1896.

Um 6 Uhr 20 Minuten Aufbruch. Die ersten 3½ Stunden ließ ich mich

tragen und las dabei, wie ich meistens tue. Dann ritt ich meinen

braven Maskatesel. Der Weg durch den Wald war recht schlecht,

Tom mußte einen Unteroffizier als Bahnbrecher vorschicken. Das

Marschtempo ist im allgemeinen 100 Schritt in der Minute, der Schritt

etwa 70 Zentimeter, so daß wir durchschnittlich in der Stunde 4 bis

4½ Kilometer vorwärtskommen. In einem hohlen Baum fand Tom heute

ein ganzes Schmetterlingsnest, aus dem er die Tierchen wie junge

Vögel ausnehmen konnte. Es war sehr niedlich. Jetzt kommen wir meist

ziemlich manierlich ins Lager, freilich durch das hohe, nasse Gras

gewöhnlich bis auf die Haut durchnäßt, und beim Durchreiten der

Bäche kommt man auch oft genug mit den Füßen ins Wasser, obgleich

ich im Sattel balanciere wie eine Kunstreiterin. Morgens regnet es

hier auch öfters; im Gegensatz zu vielen anderen regenarmen Gegenden

Deutsch-Ostafrikas ist das Land deshalb hier auch ungemein fruchtbar.

Man macht sich keinen Begriff, mit welchem Reichtum die Natur diesen

Landstrich ausstattet! Wir kamen durch einen Graswald, der uns mit

seinem, die Bäume überragenden Schilfgras ganz vorweltlich anmutete;

bei den Maisfeldern wuchsen sechs bis acht Stauden aus einer Wurzel

durchschnittlich 5 bis 7 Meter hoch. Ein Stückchen solch fruchtbarer

Erde in Europa!

Afrika geht auf die Gesundheit! Von uns fünf Europäern haben Tom und

der Zahlmeister Winkler seit vierzehn Tagen fortwährend Fieber bis zu

40°, der Unteroffizier Hammermeister sogar bis 41°, und auch unser Arzt

_Dr._ Stierling laboriert daran. Das beste Vorbeugungsmittel ist und

bleibt kräftige Nahrung, um dann während der Fieberanfälle möglichst

bei Kräften zu bleiben, denn auch bei nicht allzuhohem Fieber taten die

Herren immer ihren Dienst. Man muß hier nach Möglichkeit gut leben,

schon um den Dienst im Gange zu halten. Wer nur Wasser trinkt und nicht

gut und kräftig ißt, der spart wohl -- und zwar nicht unbeträchtlich!

-- am Geldbeutel, auf die Dauer wird er aber dieses Sparsystem nicht

aushalten. Trotz alledem -- Afrika hat doch Reize, die man in Europa

vergeblich suchen würde. Wenn die Träger ins Lager ziehen und ihre

Lieder vom „Sakkarani“ singen, wenn wir nach angestrengtem Marsche

unsere Zelte aufschlagen als vorgeschobene Pioniere deutscher Kultur,

mit dem Ziel vor Augen: wir wollen und können unserm deutschen

Vaterlande auf diesem vorgeschobenen Posten dienen und nützen, jeder

nach seinem Pfund! -- das ist ein Bewußtsein, welches über den Mangel

europäischen Komforts und selbst eine tüchtige Dosis Fieber kräftig

hinweghilft!

Heute war offizieller Empfang! Eine Stunde vor dem Dorfe kam uns der

Jumbe entgegen und begrüßte uns mit einer feierlichen Ansprache,

die ich allen seinen deutschen Kollegen als Muster von -- Kürze

bestens empfehlen kann. Auch sonst fanden sich Vergleichspunkte mit

europäischen Einzugsfeierlichkeiten: die Stelle der weißgekleideten

Jungfrauen vertraten die mit schneeweißem Linnen drapierten Einwohner

beiderlei Geschlechts, die uns zu Ehren angetreten waren. Das Dorf

war rings um einen großen freien Platz angelegt, in dessen Mitte ein

riesiger wilder Feigenbaum die Stelle unserer Dorflinde vertrat. Hier

spielt sich das öffentliche Leben ab, in seinem Schatten wird Schauri

gehalten, getanzt, gekneipt und wohl auch gelegentlich mal gerauft,

ganz wie bei einer deutschen Kirmes. Unser Lager wurde unter einer

stattlichen Baumgruppe aufgeschlagen, die als deutliches Zeichen

dieser ihrer Bestimmung an einem Stamme ein -- Reklameschild für

deutschen Sekt trug! Die Herren v. Kleist und Albinus, die früher

hier stationiert waren, hatten uns gesagt, wir würden wohl wenig

Lebensmittel auftreiben, da die Leute sehr arm seien, höchstens einige

Hühner, von Ziegen ganz zu schweigen; um so angenehmer waren wir

überrascht, als uns eine Menge Ziegen, Hühner, Eier und Mehl gebracht

wurde. Der Besuch nahm den ganzen Tag kein Ende. Es sieht zu drollig

aus, wenn so dreißig bis fünfzig Schwarze um uns herum hocken; ich

bewirte sie mit eigens für sie bestimmten Tassen mit Gin; gern würde

ich mich auch mit ihnen unterhalten, aber ich verstehe ihre Sprache

noch nicht.

Eine deutsche Frau im Innern Deutsch-Ostafrikas Elf Jahre nach Tagebuchblättern erzählt · 第 16 / 132 题