_1_
Die römische Provinz _Rätien_ reicht nördlich bis zur Donau (Ries!),
östlich zum Inn; von da bis zum Wienerwald Noricum, von Tacitus nicht
genannt; weiter zwischen Donau und Save _Pannonien_. _Sarmater_ in
Osteuropa, etwa von der Weichsel an, _Daker_ in Siebenbürgen. _Gebirge_
die Karpathen. _Ein Kriegszug_: der des Tiberius im Jahre 5 n. Chr.?
_Abnoba_ Schwarzwald.
_2_
Der Beweis des ersten Absatzes ist wenig überzeugend. _Asien_, _Afrika_,
_Italien_ die römischen Südprovinzen. _Tuisto_ (Zwist!) ist
zweigeschlechtig, _Mannus_ Mann, Mensch, der erste Mensch. Die Namen der
_Marser_ (Merseburg) und _Gambrivier_ verschwinden bald; sind es, wie
_Sueben_ und _Vandilier_ (Ostgermanen), Kultverbände? Die _Tungrer_
(Tongern!) wurden Germanen genannt (von den Kelten? die Form ist keltisch:
„Rufer im Streit“ oder „Nachbarn“?); sie drohten, um ihr Ansehen zu heben,
mit anderen „Germanen“ über dem Rhein. Die Völker rechts des Rheins hätten
sich dann wirklich so genannt (Müllenhoff). „Eine verzweifelte Stelle!“
(Grimm.)
_3_
_Herkules_ wohl _Donar_; _barditus_ ist nicht genügend erklärt. _Ulixes_
(Odysseus) der Schwanenritter? _Asciburgium_ Asberg bei Mörs im Rheinland.
_Griechische Schrift_ verwenden die Kelten.
_5_
Tacitus selbst erwähnt in den späteren Annalen, daß die Mattiaker (bei
Wiesbaden) Silbergruben hatten. Ganz so harmlos gegen Gold und Silber
waren auch die ältesten Zeiten der Germanen nicht (Tacitus an anderen
Orten, die Sage!). Die erwähnten römischen Münzen, Silberdenare, wurden
bis zum Jahre 54 v. Chr. geprägt; später hat sich der Feingehalt
verschlechtert!
_6_
Die Germanen galoppieren rechts, weil sich beim Galopp links die linke,
nicht vom Schild gedeckte Seite des Körpers dem Feinde zuwenden würde.
Wirklich zeigen Gräberfunde den Sporn nur am linken Fuß
(Schweizer-Sidler). Der _Keil_ kehrt seine Spitze dem Gegner zu.
_7_
_Könige_ und _Fürsten_ haben gleiche Befugnis, Fürst ist der König eines
kleineren Gebietes. Der König wird aus dem Erbgeschlecht jedesmal gewählt.
Königtum und Fürstenherrschaft gehen geradezu ineinander über. Im Osten
sind Könige häufiger. Der König ist Heerführer. Nur bei der Vereinigung
mehrerer Heere wird ein König zum _dux_ gewählt (Müllenhoff).
_8_
_Die Brüste entblößend_: ihr Leib soll nicht fremden Siegern gehören.
_Veleda_ zuletzt gefangen nach Rom gebracht. _Machten_ ... _Göttinnen_ wie
die römischen Senatoren, die so den Frauen der Kaiser schmeichelten.
_9_
_Mercurius_ (besonders als Totenführer): Wotan (_dies Mercurii_ =
_Wednesday_). Mars: Tiu, Ziu (_dies Martis_ = _Tuesday_). _Herkules_:
Donar. Diese drei Götter nennt noch ein Taufgelöbnis des 8. Jahrh. _Isis_:
vielleicht Freya? (Nerthus!) Die illyrischen _Liburner_ hatten leichte
Schiffe.
_10_
_Wilder Fruchtbaum_: Eiche, Buche, Haselstrauch, Wacholder. Zeichen durch
Pferde auch bei Persern und Slaven.
_11_
_Nächte_ noch jetzt Weihnacht, Fastnacht, _Fortnight_. _In Waffen_ noch
jetzt „Spießbürger“. _Jeder_: Müllenhoff folgert aus dem grammatischen
Sinn, daß nur _rex vel princeps_ reden durften, nicht jeder Teilnehmer.
Aber jedesfalls _licet accusare_ usw. (Kap. 12).
_12_
_Am Körper Geschändete_: widernatürliche Männer, aber wohl auch „entehrte“
Frauen, für die sich Todesstrafe noch lange erhält. Dieses Versenken ist
eine Weiberstrafe, daher besonders schimpflich. _Frevel – Schandtat_: das
germanische Rechtsbewußtsein nimmt die offene, nicht verheimlichte Tat,
ohne List, leichter hin. _Die Fürsten bestimmt_ nämlich aus der Zahl der
vorhandenen Fürsten. _Recht sprechen_ ist römische, nicht germanische
Auffassung; nach dieser leitet der Fürst (später Gaugraf) nur die
Volksverhandlung, der _Rat_ macht den Urteilsvorschlag, der _Beistand_
gibt das „Vollwort“: sie „finden“ das Recht, der entsendete Richter tut
nur den Spruch.
_15_
_Brustschmuck_ (_phalerae_) ähnlich den Orden (oder wie Medaillons?).
_Geld_: römische Kaiser (Caligula, Domitian) schließen um Geld mit den
Germanen Frieden oder erkaufen Triumphe.
_16_
_Vielleicht_: in Wirklichkeit aus Unabhängigkeitssinn. Der Schlußsatz
sucht die gewohnte Zuspitzung am Ende eines Abschnittes, wird aber gerade
wortreich und gewöhnlich.
_17_
_Kleid_ die Unterkleidung, unter dem Rock, geht nach Baumstark unten (auch
bei Frauen?) in Hosen aus. Bei Frauen, namentlich aber bei vornehmen,
trotzdem Unterschiede in der Kleidung (vgl. die Germanin, sog. Thusnelda
der Loggia dei Lanzi in Florenz): lang herabwallende Kleidung bis zu den
Füßen. Ihre _Kleidung_ läuft oben nicht in Ärmel aus wie in Rom. Die
germanischen Männer wiederum hatten Ärmel, wenn auch kurze. Das
Frauengewand wird nur an der Schulter zusammengehalten; der Armschlitz
läßt die Brust zum Teil sichtbar werden.
_18_
_Umworben werden_ von den Familien der Mädchen. _Mitgift – Geschenke_:
Tacitus merkt nicht, daß er vom Brautkauf erzählt; _Mitgift_ ist der
Preis. Das Gegengeschenk der Braut (etwa ein Speer) ist das Zeichen für
den Übergang der Gewalt vom Vater an den Ehemann. Alles dies vermengt
Tacitus mit den Vorstellungen und Formeln der _confarreatio_, der strengen
altrömischen Ehe.
_19_
_Schauspiel_ das römische Theater mit seinem mehr als eindeutigen
Getriebe.
_20_
Anspielungen auf die Erziehung durch Sklaven in Rom und auf die
Erbschleicherei bei Kinderlosen sind deutlich.
_22_
_Eröffnet es noch_: die Römer halten sich selbst da zurück. Überhaupt ist
in diesem Kapitel fast jeder Satz ein Widerspiel römischer Sitten
(Passow). Die Römer stehen früh auf, speisen lieber an einem gemeinsamen
Tisch, dürfen in der Stadt nicht bewaffnet gehen und sollen nicht vor
Abend trinken.
_23_
_Getränk_ Bier. _Ufergrenze_ wohl nur des Rheins; die Sueben an der Donau
dulden keinen Wein, weil die Händler als Gegenwert Sklaven fortschleppen.
_25_
Tacitus denkt hier nur an die „Hintersassen“; es gibt aber auch
Haussklaven (Kap. 20). Im folgenden Anspielung auf das Treiben der
Freigelassenen in Rom.
_26_
_Besser verhütet_: Müllenhoff und Baumstark können diesen Satz nur durch
Flüchtigkeit erklären. Die folgende Schilderung der Anbauverhältnisse, von
allen Seiten her erläutert, ist nach Müllenhoff übersetzt. _Nicht in vier
Zeiten_: sondern in Winter und Sommer. So zählen sie auch, also nach
halben Jahren. Doch ist _Herbst_ ein altgermanisches Wort; nur brachte die
Getreideernte bei den Germanen freilich schon der Sommer, Wein und edles
Obst aber kannten sie nicht. Daher wohl der Irrtum des Textes.
_27_
Übergang vom allgemeinen zum besonderen Teil der Schrift.
_28_
_Caesar_ wird als einziger Gewährsmann ausdrücklich genannt. Diese seine
Behauptungen nimmt schon Tacitus nur mehr hin, heute sind sie als
unrichtig erkannt. Die Kelten, die früher auch rechts vom Rhein saßen,
wurden vielmehr von den Germanen überall zurückgedrängt. _Herzynischer
Wald_ das ganze deutsche Mittelgebirge, hier etwa Schwarzwald und Rauhe
Alb. _Helvetier_ bald darauf in der Nordschweiz, _Bojer_ damals in Böhmen
(Beheim), _Aravisker_ um Stuhlweißenburg, _Osen_ in Oberungarn; diese
beiden pannonische Stämme. Von den Osen ist es Kap. 43 ausdrücklich
bezeugt; die Worte _Germanorum natione_ können nur auf den Wohnsitz
gedeutet werden. _Treverer_ um Trier, wahrscheinlich Gallier, _Nervier_ an
der Sambre, _Vangionen_ um Worms, _Triboker_ bei Hagenau, _Nemeter_ um
Speyer, _Ubier_ 38 v. Chr. durch Agrippa ans linke Rheinufer verpflanzt;
ihr Hauptort wird die _colonia Agrippinensis_, der Geburtsort der Agrippa,
Tochter des Germanicus und Gemahlin des Kaisers Claudius. Sie ist auch die
Stifterin der Kolonie (Köln!).
_29_
_Bataver_ im Rheindelta; die behauptete Auswanderung von den Chatten her
wohl nicht richtig. Auch nach dem Aufstand des Civilis (69 und 70 n. Chr.)
bleibt das Freundschaftsverhältnis zu den Römern. _Mattiaker_ um
Wiesbaden, dessen Quellen schon bekannt sind. _Über die alten Grenzen_
endgültig durch den Bau des Grenzwalls (_limes_), der, von Domitian
begonnen, in seiner Vollendung (3. Jahrh.) von der Donau bei Lorch oder
Kehlheim über Odenwald und Taunus an den Rhein (Neuwied) ging; 550 km
lang. Man hat schon tausend Wachttürme und hundert Kastelle (darunter die
Saalburg) festgestellt. Er ist zuletzt eine förmliche Mauer. _Zehntland_
(_agri decumates_, nur hier erwähnt) römisches Staatspachtland am
mittleren Neckar.
_30_
_Weiter hinaus_ über das Zehntland hin. _Chatten_ = Hessen. Sie sind,
außer den Friesen, nach Grimm „der einzige deutsche Volksschlag, der mit
behauptetem alten Namen bis auf heute an derselben Stelle haftet, wo sie
in der Geschichte zuerst erwähnt werden“. Ihnen widerfährt hier unter
allen Stämmen das größte Lob.
_32_
_Usipier_ (Usipeter) und _Tenkterer_, immer gemeinsam genannt, vom
Siebengebirge gegen Ruhr oder Lippe.
_33_
_Brukterer_ zwischen Ems und Lippe (ihre Seherin Veleda!); später
zurückgedrängt, aber keineswegs vernichtet. Die 60000 sind übertrieben.
Alle diese Stämme gehen in den Franken auf, deren Hauptvolk später die
_Chamaver_ werden, damals nördlich der Lippe bis zum Zuydersee.
_Angrivarier_, an der Weser, später als Angern ein Hauptstamm der
Altsachsen.
_34_
_Im Rücken – vorn_: die Völker mit dem Gesicht zur See. _Dulgubiner_ in
der Gegend von Hannover (?), _Chasuarier_ an der Haase, Friesen zwischen
Zuydersee und Ems, die Kleinfriesen zwischen Rhein und Yssel. _Seen_
besonders der Zuydersee, aber auch viele andere, da es an Deichen fehlt;
so entstehen förmliche Inseln. _Römische Flotten_: Drusus Germanicus (12
v. Chr.) und sein Sohn Germanicus (14 und 15 n. Chr.). Auf eine andere,
nicht recht zu bestimmende Unternehmung deutet Kap. 1. _Säulen des
Herkules_ wie bei Gibraltar (die Klippen von Helgoland?); hier ist der
römische Herkules gemeint. _Niemand versucht_: nach Drusus Germanicus
jedesfalls Tiberius (5 n. Chr.).
_35_
Zum Anfang dieses Kapitels: man denkt sich die kimbrische Halbinsel
(Schleswig-Jütland) von der Elbemündung an stark ostwärts geneigt.
_Chauken_ am Meer zwischen Ems und Elbe. Nach Müllenhoff sind es
vielleicht überhaupt nur andere Friesen, „Chauken“ ein Ehrenname. Im Bogen
hätten sie die Chatten an der Weser treffen müssen, eine wahrscheinlich
unrichtige Angabe. Plinius schildert die Chauken als armseliges
Fischervolk, immer von Sturmfluten bedroht. Das auffallende Lob des
Tacitus vielleicht beabsichtigter Gegensatz zum folgenden Kapitel.
_36_
_Zur Seite_ östlich. _Cherusker_ in der Umgebung des Harzes, früher noch
weiter nordwestlich, zwischen Weser und Elbe. Am bekanntesten durch ihren
Kampf gegen die Römer: Vernichtung des Varus im Teutoburger Walde.
Arminius, der „Befreier Germaniens“, besiegt auch Marbod, den König der
Markomannen. Bald werden aber die Cherusker zurückgedrängt, innere
Zwistigkeiten, Kämpfe mit den Chatten wüten, vom Frieden des Tacitus ist
keine Rede. Ebenso scheint die Demütigung der Cherusker übertrieben. Nur
ihr (hieratischer?) Name verschwindet. Sind es die späteren Sachsen?
_Fosen_ in der Wesergegend.
_37_
_Kimbern_: ein Rest also noch auf der kimbrischen Halbinsel. Auf ihrem
großen Zuge stoßen die Kimbern 113 v. Chr. (641 [der varronianischen, 640
der catonianischen Ära] nach der Gründung der Stadt – Tacitus hält sich an
die runde Zahl –) auf die Römer unter Papirius Carbo. 107 wird der Konsul
L. Cassius mit seinem Heer vernichtet, 105 der Prokonsul Servilius Caepio
und der Konsul Gnaeus Mallius. Das sind drei konsularische Heere; Aurelius
Scaurus, gleichfalls geschlagen und getötet, hatte kein eigenes Heer, und
Carbo erlitt nur eine geringe Niederlage. Das zweite Konsulat Trajans ist
98 n. Chr. Diese Stelle gilt als Beweis für die Abfassung der „Germania“
im gleichen Jahre. _Arsaces_ begründet im 3. Jahrh. v. Chr. das große
Partherreich, lange neben Rom die einzige östliche Großmacht; Crassus wird
53 v. Chr. von den Parthern getötet, Ventidius, ein Emporkömmling, rächt
die Niederlage, indem er die Parther am Jahrestage dieser Schlacht 38
v. Chr. besiegt und ihren Prinzen Pacorus tötet. _Selbst dem Caesar_:
Augustus. _Nero_ ist Tiberius. _Rüstungen des C. Caesar_: Caligula; er
läßt seine germanische Leibwache Feind spielen und triumphiert (40
n. Chr.); später feiert auch Domitian einen höchst sonderbaren Triumph. In
den Bürgerkriegen nach Neros Tod beginnt der Aufstand der
Nordwestgermanen.
_38_
_Nunmehr_ eröffnet den zweiten Hauptteil: Tacitus rechnet alle folgenden,
auch die nichtgermanischen Stämme zu den Sueben. Aber schon die
Nerthusvölker gehören nicht mehr dazu; auch nicht die Ost- und
Nordgermanen. _Sueben_ wortgleich mit „Schwaben“. _Stammeszeichen_: der
Knoten, ohne Band, an der rechten Schläfe über dem Ohr ist durch Bilder
bezeugt, aber auch bei Nichtsueben; eher wären nach Baumstark im letzten
Satz des 43. Kapitels Kennzeichen angegeben. Baumstark unterscheidet die
Männer, die diese Knoten ohne Band tragen, von denen, die ihn über dem
Scheitel (mit einem Band) flechten, und diese wieder von den „Vornehmen“.
_39_
Müllenhoff hält den Namen _Semnonen_ für hieratisch: ihr Wohnsitz, etwa im
Spree- und Havelland, entspricht der von ihm behaupteten Urheimat der
Germanen. Der besonders großartige Kultus ist denn auch der des
Stammvaters Ziu, an dem die Sueben festhalten; ihre Stadt ist Ziesburg =
Augsburg. Im 3. Jahrh. wandern die Semnonen als Alamannen (alle Mannen,
ein Zusammenschluß!) an den rätischen Limes und erobern von da ab das
jetzt noch alemannisch-schwäbische Gebiet. Der Vers _auguriis – sacram_ im
Deutschen durch „Zeichen – weihten“ wiedergegeben. Vgl. die allgemeine
Einleitung!
_40_
_Langobarden_ an der unteren Elbe; im 5. Jahrh. über Südmähren ins Alföld
(ihr „Feld“) und weiter nach Pannonien und Italien (Lombardei). Die sieben
Nerthusvölker: eine Kultgemeinschaft, in Schleswig-Holstein, vielleicht
auch Mecklenburg; die Angeln gehen später nach England. Nicht genannt sind
die Sachsen, damals in Holstein. _Nerthus_ nicht etwa Hertha (eine falsche
Bildung), sondern Freya; als Mutter Erde (_magna mater Idaea_) bezeichnet,
weil auch diese auf einem Wagen gefahren wird und ein Priester Bild und
Wagen reinigt. _Insel_ sicher nicht Rügen, ebenso der See nicht der
Herthasee, dessen Sage eine späte gelehrte Erfindung ist. _Wenn man es
glauben darf_: also kein Götterbild (Kap. 9).
_41_
_Wie noch zuvor_: vom Zehntland bis zu den Chauken (Kap. 35), ja im
wesentlichen sogar bis zu dieser Stelle folgt Tacitus der Südnordrichtung
des Rheins; im folgenden der Westostrichtung der Donau. _Hermunduren_
zwischen Harz und Erzgebirge, südwärts bis zum Main, vielleicht sogar zur
Donau. Die gute Ausnahme bei den Römern deutet nicht gerade auf
unmittelbare Nachbarschaft; Grenznachbarn des Reiches dürfen den Strom nur
an bestimmten Stellen unter Aufsicht überschreiten. _Kolonie_ ist _Augusta
Vindelicorum_ (Augsburg). _Elbe_: man dachte sich wohl die Moldau oder
Eger oder thüringische Saale als Oberlauf der Elbe. So weit waren römische
Heere gedrungen, aber seit der Niederlage des Varus kannte man die Elbe
nur noch vom Hörensagen.
_42_
_Varisten_ am Fichtelgebirge, _Markomannen_ in der großen „Mark“ zwischen
Main und Donau, die nach dem Abzug der Helvetier entstanden war, ein
suebisches Volk. Marbod führt sie nach Böhmen, wo schon vorher, vielleicht
mit durch die Markomannen, die Bojer vertrieben worden waren. Er begründet
ein mächtiges Reich, das bis zur Weichsel reicht, aber ein Krieg mit den
Cheruskern zerstört es, und Marbod flüchtet zu den Römern. Später, unter
Marc Aurel, der Jahre währende große Markomannenkrieg der Römer (Vorspiel
der Völkerwanderung?). Im 6. Jahrh. wird Böhmen slavisch, die Markomannen
sind nach Bayern gerückt. Hier ist der Stamm, vom Lech bis zur Enns,
geblieben (Bayern und Deutschösterreicher). _Quaden_ wahrscheinlich mit
den Markomannen zusammen gewandert, gleichfalls Sueben, in Mähren und
Oberungarn, Bundesgenossen der sarmatischen Jazygen, 407 mit den Vandalen
nach Spanien. _Stirnwehr_ gegen Rom. _Tudrus_ wahrscheinlich ein
Quadenkönig.
_43_
_Noch weiter ab_: nördlich und östlich der Markomannen und Quaden, um das
schlesische Gebirge. _Eisen_, das bei den Germanen so selten ist,
verwenden die Kotiner nicht einmal, um sich von den Abgaben zu befreien.
_Gebirge_ der östliche Teil des Herzynischen Waldes, besonders das
Eschengebirge, slavisch Jesenik, Gesenke. _Lugier_ oder Lygier die
Südgruppe der Ostgermanen, wieder ein Kultverband (Vandilier, Kap. 2), der
alle hier genannten Stämme und wohl auch die nicht genannten Burgunder
umfaßt. Das Heiligtum liegt bei den Nahanarvalern (hieratischer Name,
Müllenhoff). Die Lugier, von der Ostgrenze Böhmens bis zur Weichsel,
heißen später Vandalen, eine Nebenform von „Vandilier“. Ihre Wanderung
führt nach Gallien, Spanien, Nordafrika. _In Frauentracht_: nur der
Haarschmuck oder wirklich Frauenkleidung? Das erste aus Hasdingi (dem
Namen des Königsgeschlechtes und darnach des ganzen Volkes) abgeleitet,
„Männer mit Frauenhaar“; das Königsgeschlecht aber nennt sich nach dem
Brüderpaar „Kastor und Pollux“, einer alten indogermanischen
Lichtgottheit, gleich den Dioskuren: „Alken“ und „Hasdingi“ soll
zusammenhängen. Das Totenheer und die straffere Königsherrschaft leitet
die Steigerung ein, die allmählich in das Reich des Märchens hinüberführt.
_Goten_, das bedeutendste ostgermanische Volk, das Heldenvolk der
Germanen, zwischen Weichsel und Pregel; später in Südrußland, wo sich in
der Krim Reste bis ins 16. Jahrh. erhalten haben. Ihre Wanderung ist
bekannt. _Rugier_ und _Lemovier_ damals an der Ostsee zwischen Weichsel
und Oder, die Rugier später an der österreichischen Donau.
_44_
In der Westostrichtung zur Ostsee, von der man damals keine rechte
Vorstellung hatte. _Suionen_ sind Schweden, Skandinavien gilt als Insel.
Schiffe, ähnlich den hier beschriebenen, noch heute bei den Norwegern als
Scherenboote gebaut. _Reichtum_: Geldgier führt zur Entartung, und
Entartete lassen sich einen unumschränkten Herrscher gefallen. Aber der
schwedische König, der ein Stammesheiligtum verwaltet und dafür
Opfersteuern einnimmt, hat in Wirklichkeit gar keine unbeschränkte Macht.
Nur gebietet er Festfrieden, und dann sind alle Waffen verschlossen (Kap.
40). Vielleicht haben Südgermanen, die den Glanz dieser Feste sahen, das
Mißverständnis verschuldet. Steigerung gegenüber der Königsmacht der
Goten!
_45_
_Jenseits_ nördlich. _Starr_: Pytheas von Massilia berichtet, es gebe eine
θάλασσα πεπηγυῖα, ein geronnenes Meer (im Mittelalter die Sage vom
Lebermeer). Also Kunde vom Eismeer und von der Mitternachtssonne! _Der
Erdkreis_ ist eine Scheibe, die Sonne am Rand so nahe, daß man ihre Rosse
und die Strahlen um das Haupt des Sonnengottes wahrnimmt. Die aufgehende
Sonne erklingt nach altem Glauben. „Tönend wird für Geistesohren schon der
neue Tag geboren ... welch Getöse bringt das Licht!“ (Faust). _Nun denn_:
der Bericht geht wieder zu einer bekannten Gegend über. Die _rechte_ Küste
ist nach der Westostrichtung die der Ostsee. _Ästier_ sind die Litauer;
erst später geht der Name auf die finnischen Esthen über. Das Folgende
zeigt gerade, daß die Ästier keine Germanen sind; die Ähnlichkeit mit der
britannischen Sprache wohl nur zufällig. _Bernstein_, ein uralter Schmuck,
wird über die „Bernsteinwege“ zu Land und zur See nach Südeuropa gebracht.
Die Entstehung des Bernsteins nach Plinius; die Anschauung, daß von den
Enden der Welt kostbare Schätze kommen, bei Herodot. _glesum_: Glas, das
Glänzende. _Landtiere_: Martial nennt die Viper. _Sitonen_ östlich von den
Suionen sind Finnen (Kvänen; Anklang an gotisches _qêns_, Weib, _queen_):
daher der Bericht über die Frauenherrschaft. Höhepunkt der Steigerung:
Goten, Suionen, Sitonen immer unbeschränkter regiert, immer märchenhafter
bis zur Frauenherrschaft.
_46_
_Peuciner_ ein anderer Name für die Bastarner, das östlichste Germanenvolk
(von der Weichsel durch Galizien hin zur Donaumündung), auch das zuerst,
schon den Griechen, 200 v. Chr. an der unteren Donau bekannte. _Veneter_
Wenden, das germanische Wort für Slaven. _Fennen_: Finnen. Die Schilderung
bezieht sich nur auf ihr Leben im Sommer. Die _Hellusier_ sollen
„Hirschartige“, die _Oxioner_ „Ochsenartige“ sein, vielleicht nach den
Tierfellen, die sie tragen; und daher wohl auch die Fabel.
[Illustration: Karte zu Tacitus’ Germania]
Druck der Spamerschen
Buchdruckerei, Leipzig