GEMEINSAME HAFT

Sie sind gepfercht in einen schmalen Käfiggang,

Gleich Tieren, die an Gitterstäben wund sich biegen,

Und die von Heimweh krank am Boden liegen

Und fast erschrecken vor der eignen Stimme Klang.

Sie dorren hin und träge wird ihr Blut,

Nur böser Giftstrom bricht aus ihrem Munde,

Der sucht und ätzt des Nachbarn offne Wunde --

Die eingesperrten Menschen sind nicht gut.

Die eingesperrten Menschen sind gleich Kranken,

Sie wurden taub und stumm und blind,

Sie hassen sich, weil sie so ärmlich einsam sind.

Weil sie im Chaos ihres Ichs versanken,

Weil grobe Nähe auch des Freundes Antlitz roh und häßlich macht,

Weil jeder über jeden zu Gerichte sitzt und hämisch lacht.

ENTLASSENE STRÄFLINGE

1918

(Meiner Mutter)

Sie träumen, Trunkne, durch vertraute Gassen,

Gefäß, darin ein Lichtmeer brandet,

In tausend Farben schäumt, im Asphalt strandet --

Form kann die Fülle noch nicht fassen.

Wie Auferstandne tasten sie mit durstgen Blicken

Nach Blätterknospen, die im Frühlingsatem schwellen ...

Sie streifen von sich modrig Kleid verwester Zellen

Und wachsen flammend auf in irdischem Entzücken.

Doch Stadt erschreckt sie jäh wie fremdgespenstig Land ...

Dann wieder sind sie tief in sich verklungen ...

Unendlich fern die Zeit, da sie gebannt

In grauen Sarg, und hohle Wände Totenlied gesungen.

Zerbrechlich lächeln sie, als ob sie irgendwo Erloschnes fänden,

Und streichen fremdes Kind mit scheuen, unbeholfnen Händen.

Gedichte der Gefangenen: Ein Sonettenkreis (Nr. 44) · 第 18 / 20 题