GEFANGENE MÄDCHEN

Wie kleine arme Dirnen an belebten Straßenecken

Sich schüchtern fast und wieder roh bewegen,

Im Schatten der Laternen sich erst dreister regen

Und den zerfransten Rock kokett verstecken ...

Wie Waisenkinder, die geführt auf Promenaden,

Je zwei und zwei in allzu kurzen grauen

Verschoßnen Kleidern sehr verschämt zu Boden schauen

Und Stiche fühlen in den nackten Waden ...

So schlürfen sie umstellt von hagren Wärterinnen,

Die warmen Hüften wiegend auf asphaltnen Kreisen,

Sie streichen heimlich mit Gebärden, leisen,

Das härne Kleid, als strichen sie plissiertes Linnen,

Und wie sich in gewölbten Händen Brüste runden,

Befällt sie Grauen ob der Last der leeren Stunden ...

FABRIKSCHORNSTEINE AM VORMORGEN

(Dem Andenken des erschoßnen Kameraden Lohmar, München)

Sie stemmen ihre schwarze Wucht in Dämmerhelle,

Gepanzert recken sie sich drohendsteil,

Sie spalten zarte Nebel wie getriebner Keil,

Daß jeder warme Hauch um sie zerschelle.

Aus ihren Mäulern kriechen schwarze Schlangen

In blasse Fernen, die ein Silberschleier hüllt.

Sie künden lautlos: »Wir sind Burg und Schild!

Die Gluten winden sich, in uns gefangen.«

Der Morgen kündet sich mit violettem Lachen,

Den Himmel füllt ein tiefes Blau,

Da gleichen sie verfrornen Posten, überwachen,

Und werden spitz und kahl und grau,

Und stehen hilflos da und wie verloren

Im lichten Äther, den ein Gott geboren.

DIE MAUER DER ERSCHOSSENEN

Pietá

Stadelheim 1919

Wie aus dem Leib des heiligen Sebastian,

Dem tausend Pfeile tausend Wunden schlugen,

So Wunden brachen aus Gestein und Fugen,

Seit in den Sand ihr Blut verlöschend rann.

Vor Schrei und Aufschrei krümmte sich die Wand,

Vor Weibern, die mit angeschoßnen Knien »Herzschuß!« flehten,

Vor Männern, die getroffen sich wie Kreisel drehten,

Vor Knaben, die um Gnade weinten mit zerbrochner Hand.

Da solches Morden raste durch die Tage,

Da Erde wurde zu bespienem Schoß,

Da trunkenes Gelächter kollerte von Bajonetten,

Da Gott sich blendete und arm ward, nackt und bloß,

Sah man die schmerzensreiche Wand in großer Klage

Die toten Menschenleiber an ihr steinern Herze betten.

DER GEFANGENE UND DER TOD

(Meinem lieben Zellennachbarn Valtin Hartig)

Der Gefangene spricht:

Ich denke deinen Namen, Tod, und um mich bricht

Der Zellenbau in Trümmer, Fundamente liegen bloß,

Aus Pfosten reißen sich die schweren Eisengitter los

Und krümmen sich im maskenlosen starren Licht.

In meiner Seele gellt ein Schrei. Ein Zittern wirft verschüchterte

Gebärde

Ins Blut, darin das Leben pochend schwingt --

Und wie die Kreißende um sich und um ihr Junges ringt,

So ringt mein Blut verzweifelt um den Quell der Erde.

Oh, daß ich fliehen könnte! Denn dir hilflos hingegeben,

Heißt hilflos sich zerstören. Wer sich aufgibt,

Wählt dich zum Freund. Ich aber will das Leben!

Ich will das Leben so, daß mich das Leben liebt

Und seinen Rhythmus durch mich strömt, mich Welterfüllten,

Deß trunkne Erdenlust nicht tausend Jahre stillten.

Der Tod spricht:

Da du das Leben willst, warum Erbleichen,

Wenn meine Melodie in deiner Seele tönt?

Wer mich erträgt, der atmet wie versöhnt,

Sein Herz kann nicht mehr greller Klang erreichen.

Ist tot der Baum im Herbst der Abendweiten?

Ist tot die Blume, deren Blüte fallend sich erfüllt?

Ist tot der schwarze Stein, der glutne Kräfte hüllt?

Ist tot die Erde über Gräbern menschlicher Gezeiten?

Oh, sie belogen dich! Auch ich bin Leben,

Ein Märchen sprachen sie: der Tod sei in der Welt.

Ich bin das Ewige im Spiel der Formen, die Vollendung weben,

Dem Einen nahe, das den Sinn in Händen hält.

Ich bin der Wanderer, der überwand die tiefsten Wunden,

Und wer mich fand, der hat den Schoß der Welt gefunden.

Gedichte der Gefangenen: Ein Sonettenkreis (Nr. 44) · 第 10 / 20 题