Dada trägt Tschako, Bluse und Habsburgs Doppeladler. Sein Blick steht
schräg, und auf die bewaffneten Horden, die gen Osten ziehen, fällt sein
Schatten dumpfer Härte, mürrischer Unlust; verstaubt, verdorrt, verwest
in den Wirbeln der Menschenöde, die bis ins ferne Morgenland schäumen.
Der jüngst weltweite Horizont, den Dada zu erobern ausgezogen war, hat
sich verkrochen, liegt in der Kriegswildnis im Hinterhalt, bestückt mit
zehntausend Drohungen. Das Standbild der Freiheit, in den verzehrenden
Flugsand irgendeiner Wüste Gobi gestürzt, wonneglänzt ihm nimmer zu den
Mondungen seiner Seele, und das hellste der irdischen Festländer ist
finster geworden.
Zu einem runden Silbervollmond der Steppe steigt Dada auf dem Damm der
Bahnlinie, die Wien mit dem goldenen Kiew bindet. Hell, zart leuchtend
ist die nächtliche Ebene. Dada steht lauschend und sinnt gen Osten.
Auf den im Monde bläulichen Schienen schreitet hoch und anmutsvoll ein
Weib, den Rock geschürzt, und bleibt vor Dada still, die entblößten Arme
über dem starken Busen gekreuzt. Das stattliche Weib ist von Angesicht
und Haltung frei der knechtigen Plumpheit träger Halbslawen. Sie spricht
leise im Wind der Sommernacht im Sieden der Erde: »Mich trug Istriens
armer Karst, durch das tote Europa bin ich in alle Länder bis zu den
letzten aller Slawen gewandert, um sie den Klauen des Doppeladlers zu
entreißen. Du bist müde und schwer geworden, seit dich Italia zu ihrem
Geliebten machte und sie dich zu den kraftvollen Spannungen der Freiheit
erkor. Gib acht, ob du noch taugst zu der Sendung, die dich in die
Freiheit pflanzte. Du warst geschmückt mit dem Adel Etruriens und
gebotest mit dem Lockklang Pans über die Horden. Aus Galiziens
Kriegswildnis schmachtest du nach dem Orient und verhüllst Abtrünnigkeit
und weibische Zagheit mit dem Lack Chinas und Krischnas Liebesblumen.
Weil beflissene Knechte die Völker in Kriegsgerät, Panzer und Flugzeug
schnürten, glaubst du, daß die Freiheit verliegt und fault?
Einst gefürstet von Cäsaren empfing ich Legionen in der Kraft meiner
kimerischen und dacischen Völker. Ungebeugt, roh, von Bärenkraft und
Pantheranmut, genoß ich die römische Freiheit und senkte sie meinen
Jungbürtigen in Hirn und Herz. Gründer neuer Reiche und Pflüger neuer
Grenzen zogen ihre düstren ergebenen Fahnen nach Norden und zeugten das
neue Europa.
Dada, ich weiß, dir fehlt Garibaldis Feuerblick, Magnet der Freischar,
wahrer Gott der armen ruhmbelohnten Kämpfer. Du hast viele Geliebte
nötig gehabt, und schließlich hat eine Köchin, die einem Deutschen
gehört, dich um dein entartet lateinisch Blut betrogen. Mit einer braven
Zweischichtigen, Zweischläfrigen wurdest du bettgewöhnt und hast die
Freiheit verschlafen. Als es dann zu spät war, als alle um dich aus dem
Rausch erwachten, und Männerblut und Weibertränen ihnen bis an den Hals
in roter Sintflut stand, fürchtetest du dich und du verhülltest die
Seelennot mit deines furchtsamen Verstandes bunter Wortkunst.
Aber es ist keine Schonzeit für die Furchtsamen.
Nimm die Schiene, löse ihre Schrauben und trage die starken Stahlglieder
beiseite, damit das Gleis zerbrochen sei. Und an das Ende des westlichen
Schienenkörpers befestige diesen eisernen Topf mit hohen Explosiven.«
Das Weib löst vom Gürtel ein kleines schwarzes Gefäß und Dada nimmt es
schweigend. Ein Balken starken weißen Lichtes quert den Bauch der
Geheimnisvollen. Sie lächelt. Dada kniet und birgt den treuen
Zentaurenkopf in den groben Falten des Bauernrocks. Ein Bäumchen mit
dicken, grünen Blättern und drei dunklen Granatäpfeln sprießt aus der
Erde und wölbt um Dadas am Bauch der Serbin ruhendes Haupt betäubende
Wollust.
Das Weib entfernt sich unmerklich, auf bleichen Schienen entwandelnd.
Dada liegt quer über die Schienen gestreckt und küßt in blinder Inbrunst
den schrecklichen Stahl. Dada biegt die Schrauben, lockert sie mit
Steinschlägen, trägt die Schienen auf dem Rücken beiseite und befestigt,
gehorsam der Slawin, das Hochexplosiv.
Danach macht er sich fertig und wandert gen Osten in der Tracht
kroatischer Bauern.