Dada spricht: »Ich bin der Orient.«

Er reist durch Finnmarken nach St. Petersburg; er geht durch das

Geschlinge aller Rassen und Sprachen und er bildet das Gehör zur

äußersten Feinheit der Wahrnehmung, um die allertiefsten und

allerfernsten Urklänge der lebenden Völker zu verstehen und zu besitzen.

Er betritt vom ersten Augenblick an jene Bahn, die jedermann wählt, wenn

er weder Geld noch Beschützer besitzt, um zum Erfolge zu gelangen. Dada

tritt in die berühmte Organisation der russischen Geheimpolizei. Er wird

beauftragt, einer Reihe revolutionärer Klubs als ordentliches Mitglied

anzugehören. Auf Grund gefälschter Zertifikate erlangt er Zutritt zu

einer Reihe politischer Versammlungen, erwirbt sich Vertrauen und wird

schnell berühmt auf Grund seiner persönlichen herkulischen Erscheinung,

die an die Leibesfülle des Begründers russischen Terrors erinnert:

Michail Bakunin. Dadas Vorname, bei dem ihn jetzt das Proletariat kennt,

ist: Michail.

Auf einer Werbereise zu den Muschiks eines westlichen Gouvernements

kommt der erfolgreiche Istrianer in einem Provinzstädtchen mit zwei

Männern zusammen, die Bauern und Arbeiterschaft ihrer Bezirke in

Bewegung gesetzt haben, ohne eine Kopeke von den Geldern des

Zentralkomitees zu brauchen. Der eine ist Klavierlehrer, der andere

Angestellter der Stadtdruckerei. Mit diesen beiden Männern gerät er in

ein Gespräch über ein Ereignis, das ganz Rußland erschüttert. Ein junges

Mädchen aus guter Familie, gut erzogen und von der Jugend der Charlotte

Corday, hat einen General mit der Bombe getötet, weil er ein grausamer

Gouverneur war. Dies Mädchen wird in der Untersuchungshaft von den

überwachenden Offizieren vergewaltigt und am nackten Leibe gemartert.

Sie löschten z. B. die Zigaretten auf ihrer Haut. Als sie vor ihren

Richtern steht, erklärt sie, daß sie aus dem Leben wolle.

Eine düstere Tragödie folgt der anderen, diese glühenden Verfinsterungen

einer Nation, in der die mechanische Cinéma-Kultur Europas sich mit den

asiatischen Triebkräften zur ungeheuren Selbstzerstörung vermischen.

Dada sieht sich durch die Ochrana unheimlich verstrickt und weiter als

je von Italias Freiheitssendung entfernt. Er schließt sich gequält den

beiden Männern an, die eine für ihre Schicht ungewöhnliche politische

Vernunft und kühne Rücksichtslosigkeit in der Verfolgung ihrer Ziele

besitzen, außerdem lernt Dada in ihnen zwei Freunde jener Terroristin

kennen. Mit ihnen geht der Istrianer auf die Straße, sie halten die

Vorübergehenden an und erklären jedem einzeln ihre Ideen. Sie flüstern,

versprechen geheimnisvoll, drohen, spotten -- sie werben mit

unbezwinglicher Überzeugungskraft. Die Polizei ist machtlos gegen sie.

Auch Dada glaubt an die Revolution, die Demokratie und Kindlichkeit der

Völker. Er glaubt an das Werk der Freiheit. Er bittet seine Freunde, das

erste große Werk sozial zielvoller Ekstase den Muschiks und Proletariern

vortragen zu dürfen: »Das Nordlicht!« und begründet: »Die Kindlichkeit

neuer Demokratien erfordert eine ihr gemäße neue Urform des Ausdrucks

und des Stils. Erst der kindliche Mensch ist der wahrhaft Freie! ein

ausgelassener unbändiger Junge ist das Urbild der Freiheit!«

Seine Sätze brauche man nicht durch Kommas und Punkte eingeschachtelt zu

hören, jedes seiner Worte sei ein Hauptwort, auf dem die Sonne der

Urlandschaft sprieße. Jede seiner Empfindungen habe nur einen Ausdruck:

Den o- oder aj-Ausruf, den Schmerz oder die Freude. Sein Wille kenne nur

eine Wortform von substanziellstem Wert.

Vor dem gleichgültig rauchenden und trinkenden Publikum einer

Arbeiterversammlung trägt Dada die Hymne des Nordlichts vor. Die Völker

beider Welthälften erzählen selbst im eintönigen Chore von den

Grausamkeiten, den Kriegen und den Kulten ihrer kindlichen Zeiten. Die

Idole der Osterinsel, Perus und der grausamen Mexikaner erzählen ihre

paradiesischen Feste und ihre schändlichsten Greuel, Madagaskar, Indien,

und endlich jene untergegangene Atlantis, von der die lateinischen

Neu-Republiken nur blasse Revenants sind, blühen urwaldblumenhaft in

ihren wenigen gewaltigen Urlauten aus Dadas Rhythmen auf. Tänze,

Prozessionen, Orgien, Fratzen, Götzen der alten Naturkulte leben

magnetisch in einigen gelallten Silben Dadas, obgleich hier bereits die

Grenzen des im Worte Darstellbaren erreicht werden. Diese Silben

gleichen Kakteen oder Orchideen, die märchenhafte Systeme von Stacheln

oder farbigen Blättern entfalten und mit ihren künstlichen Gebilden das

Entzücken der Sammler oder ästhetischer Salons sind.

Dadas sozial zielvolle Dichtung ist ein archäologisches Museum der

Seltsamkeiten des Völkerlebens, ein Erotikon und Folklore aller

Geschlechtskulte. Die Menschheit eilt mit dem eintönigen Summen eines

vielgeschäftigen Bienenstockes vorbei, ohne sich umzublicken, den Blick

auf ihre erhabenen Idole geheftet. Immer auf dem Marsche nach Norden,

immer von neuem ungeheuren Zuchtmitteln unterworfen, die aus Einöden

entsprangen und die Erschlafften geißeln -- durch die Kriege, Opfer,

Brände, Seuchen, Untergänge wandeln die gleichmütig gereimten Hymnen

Dadas, um endlich das Nordlicht anzubeten und aus seinen glühenden

Falten die kalte Prophetie Europas zu empfangen. Dada verkündet die

Zertrümmerung dieses Erdteils, und nach Niederlegung all seines

Menschen- und Pflanzenwuchses den Triumph der Polarwüste über die

verworfenen Reiche, den Sieg des Nordlichts!

Seine Vorlesung schließt Dada mit dem Ausruf: »Betragt euch _kindlich_,

so fühlt ihr euch frei und ihr seid es auch!«

Eine drückende Stille liegt auf den Zuhörern. Die beiden Freunde fassen

Dada an den Armen und zwingen den bequemen herkulischen Italiener

aufzustehen und mit ihnen die Versammlung zu verlassen.

Seit einiger Zeit ist Dada verdächtig des Einverständnisses mit der

Polizei, und bei seiner ungewöhnlichen Vorlesung, die mit sämtlichen

Perversitäten der bürgerlichen Gesellschaft aller Völker spielte, haben

die Freunde das stärkste Mißtrauen der Versammlung bemerkt. Selbst die

Freunde haben Dadas Werk nicht verstanden, das auf das Erscheinen

irgendeines neuen bürgerlichen Ssanin hinaus zu gehen schien, der auf

Kosten der Arbeiter einem Geschlechtskulte im Zeichen des Nordlichts

sich hingeben wird. Ein Jahr hat Dada in Rußland verbracht, ohne seine

Aufgabe, die Freiheit auch diesem gequälten Lande zu bringen, erfüllt zu

haben, diesem mißtrauischen, bis auf die Wurzeln verdorbenen Volke, das

in dem Bewußtsein ständiger Gefahr von Umsturz und Empörung sich dem

Rausche ergeben hat, erregt von einer tief fressenden, stets

sprungbereiten tierischen Sexualität. Ihre Freiheitsideen verdammt Dada

im selben Maße wie ihren Fortschritt vom Stumpfsinn des Mir zum Cinéma

und zum Alkohol.

Die Macht der Idee selbst bei den armen russischen Bauern und Arbeitern

ist das Wunder, das Dada rührt, und er wünscht ihnen dazu die Vernunft

des -- Nordlichts!

Dada ahnt nicht, daß er jene beiden Russen kennen gelernt hat, die nach

dem Sturze des Zaren, nach Ausbruch unerhörtester Ereignisse, die

günstige Stunde des Weltkrieges benutzten und das Schicksal der

russischen Republik in ihre Hände nahmen, jene selben Männer, die noch

eine Zeitspanne weiter dieselbe Terroristin und Freundin füsilieren

ließen, als sie sich _ihnen_ entgegen stellte.

Der unglückliche Weltreisende muß sich von neuem entschließen zu

wandern. Dada soll ebenso sanft wie nachdrücklich nach Deutschland

abgeschoben werden, dem Zion aller Juden und Emporkömmlinge Rußlands und

Polens.

Mit Hilfe seiner herzoglichen Freibriefe entrinnt er rechtzeitig der

russischen Polizei und gelangt nach Deutschland.

Dada Mit einem Holzschnitt von Lyonel Feininger · 第 12 / 25 题