DAS NORDLICHT.

Ewige Feuchtigkeit, graue Wolken, jäh vorbrechende Stürme. Die

Meereswüste wird nur selten von einigen die kimerische Dämmerung

durchbrechenden Sonnenstrahlen gefärbt. Den Tagen folgen wunderliche

Nächte von gleicher Helligkeit.

Eines Abends sitzt Dada wie gewöhnlich am Meere, das ihm Derobea

genommen hat und erwägt einen Satz aus dem Buche, das seiner Hand

entglitten ist: »Die Überwindung der unsozialen, richtungslosen Ekstase

durch die soziale Ziel-Ekstase, das himmlische Jerusalem aus irdischen

Bausteinen.« Es ist ihm, als unterhielte er sich mit Derobea über den

Sinn dieses Satzes.

Der Wind schläft ein, die Wolken stehen reglos, und das Meer verändert

fern hinaus seine Düsternis zur tiefsten Schwärze. Nur der Schall der

gegen die Blöcke des tiefen Strandes vorbrechenden Flut donnert im

Gleichmaß fort. Unheimliche Finsternis der Antarktis steht

undurchdringlich vor Dada. Nur das Land bleibt schattenhaft in seinem

gespenstigen Eigenlicht sichtbar. In Höhe des Meeres beginnen einzelne

gelbe Streifen ein zuckendes Spiel hinter einem unermeßlichen Vorhang

finstrer Geschiebewinde, einzelne ferne Fanfarentöne, dann tiefste

Stille. Dicht überm Meere wird es in endloser Ausdehnung vom Licht

lebendig, der Horizont glüht an von geisterhaftem ruhigem Blau und Grün

und strahlt auf, während ungeheure Fächer, Gardinen, schwere Vorhänge

sich hell färben und aus durchsichtigem Kristall werden, um ein

unerhörtes lohgelbes Flammen mit tiefstem Schweigen auszustrahlen.

Endlich erhebt sich hinter den starren Falten der purpurne Riesenfächer

eines ungeheuer starken Kernfeuers, das mit blutigem Licht durch die

flammenden Kristalle hinaus aufs Meer in breiten Strömen rieselt. Ein

unermeßliches Blutergießen überflutet den geheimnisvollen Polarkreis.

Die wilde Schönheit purpurner Grotten und Eismeere, ungeheurer Pflanzen

und Wale und Berge von Eis, vom zartesten Splitter bis zu den

Kristall-Stalaktiten antarktischer Riesendome in düsteren Gluten

errötend und elektrisch funkelnd schauert tief in Dadas Herz und tötet

mit Geisterhänden sein Liebesleid. Das Miramar des Nordpols steht vor

seiner Seele, und von seinen Zinnen spricht Gott in tiefster Stille das

Wort des neuen Jahrtausends aus.

Es graut Dada vor dem erhabenen Nordlicht, von schrecklicherer Kälte als

alle grausamen Kulte Mexikos, Indiens und Karthagos. Das kälteste und

feurigste Wunder des Erdballs hat der Italiener geschaut. Das grausigste

der Schöpfungswerke, das der äußersten Finsternis die blendendste Pracht

des Lichtes beigesellte.

* * * * *

Das blutige Nordlicht, gewaltiger als je eins seit Menschengedenken, ist

von vielen Lappländern beobachtet worden.

Dada hat das Fieber seit jener Nacht gepackt und liegt im Gasthofe zu

Bett, wo er von einer Lappländerin gepflegt wird. Und diese erzählt ihm

eines Tages vom Nordlicht und seiner Prophetie. Es kündigt einen Krieg

an, in dessen weißglühenden Ring alle Völker der Erde nacheinander ihre

Söhne hineinschmieden müssen, um sie in seiner unerlöschlichen Glut für

ewig versinken zu sehen. Ein herrlicher Vorhang flammensprühend verbirgt

wohltätig die Greuel denen, die warten, aber wenn ein Vorhang verzehrt

ist, so stellt ein neuer noch herrlicher sich dar. Niemand vermag

hineinzuspringen, die abscheulichen Gluten auszutreten oder die

Geopferten ihnen zu entreißen. Hier wird Retter, Henker und Opfer eines

und gleich. Diese Schrecken verkünden die prophetischen Falten des

Nordlichts.

Dada Mit einem Holzschnitt von Lyonel Feininger · 第 10 / 25 题