Der Schutzmann, dessen Schlitzaugen Bosheit höherer Waltung funkelten,
gestattete nicht, daß der ihm anvertraute Sohn das Haus seiner Eltern
bezeichnete. Nein, bei jeder Haustüre machte er halt. Sein runder
Mongolenkopf quoll aus robusten Schultern auf, die Hausnummer besser zu
erkennen, schüttelte sich; dann ging man weiter, der Polizist nörgelnd über
schlechte Beleuchtung, schlechtes Wetter, schlechte Zeiten, der Häftling
schweigend. In dessen Brust aufschimmerten diese feuchten Fenster wie
Tränen, aus diesen dunklen Türen staunten die Gesichter seiner Jugend --
das Pflaster war noch immer weißer als anderswo und in der Mitte der Straße
grün bemoost. Er hatte den grauen Hut bis auf die Nase gezogen und sein
größtes Glück war diese Rabenfinsternis.
In ihm war alles tot, baufällig; weil er die Luft nicht vertrug; schon gar
nicht die Luft seiner Heimat, den Raum vor seinen Füßen, diese Straße, die
er als Gymnasiast hinauf, hinab gesprungen war.
Gleichwohl sollte das schneller gehn. Er drückte die rechte Schulter vor
und fuhr den Tartaren an: »Machen Sie keinen Unfug. Ich kenne doch mein
elterliches Haus, was halten Sie denn da vor jeder Laterne? Ich möchte Sie
bitten, etwas schneller -- gehen -- pardon -- zu dürfen --« (Wozu das?
stotterte es in ihm weiter, dieser Halunke kennt doch keine größere Freude.
Meine Aufregung ist ein Genuß, eine Zigarre, der Lohn für seinen
Judasschmerz.)
»Sie werden doch jetzt zum Schluß keinen Fehler begehen wollen. Ich warne
Sie, Klaasen! Die Reise ist ohne Zwischenfall verlaufen, den ganzen Tag
haben Sie sich bändigen können. jetzt am Ziel werden Sie frech.« Bleibt
stehen, die Laterne zu ihren Häupten ist eingeworfen und flackert. Der
Sträfling hat das Gefühl, daß der Tartare ihn fragen wird, ob er diese
Laterne eingeworfen habe. Das Protokoll wäre gerecht, aber gleich mit einer
Strafe wieder zu beginnen, was würde der Vater -- der andere schaute zuerst
die Laterne und dann ihn strenge an.
»Ich habe es nicht getan,« sprudelte es aus seinem Munde wider seinen
Willen plötzlich los, »kann mich jedenfalls nicht mehr erinnern, schon
lange her; der Völler, mit dem ich spielte, kann das auch gewesen sein --«
Er hatte blasses Blut bekommen vor lauter Todesangst; aber der andere
verstand ihn ganz richtig, viel richtiger.
»Weshalb muß man Ihnen erst drohen? Sie sind immer ein unbegreiflicher,
leichtsinniger Patron. Woher kommt Ihr ganzes Elend? Doch nur, weil Sie
über eine Sekunde nicht hinwegkommen. Statt eine Sekunde den Mund zu
halten, zu schweigen und sich Ihr Teil zu denken, fangen Sie an zu
krakehlen, zu reden, zu schlagen, machen tolle Streiche und stürzen sich
und Ihre Eltern ins Unglück. Seien Sie froh, daß ich es bin -- ein anderer
wäre schon zum Präsidenten zurückgegangen und hätte Sie drei Tage dort
nachdenken lassen.«
Klaasen starrte zur Laterne empor, froh, daß der andere doch nicht ein so
ganz glänzender Spitzel war. Natürlich hatte er die Laterne eingeschmissen,
von vorn bis hinten mitsamt dem Zylinder und Glühstrumpf.
Der Polizist packte ihn beim Arm und zerrte ihn fort. »Jetzt wollen Sie
scheint's gar hier festfrieren. Sie spinnen tatsächlich, mein Lieber --
aber ich möchte auch noch zu Bett.«
Eine irrsinnige Wut kochte in dem anderen auf. Hier war nichts mehr Gitter,
Zelle, Schlüssel, Gewehre, wenn man auf dem Hofe karussellte, hier war
seine Heimat, seine Jugend, Recht auf jeden Pflasterstein und Haustritt.
»Sie reden von meiner Sekunde. Ich meinte diese Laterne, Sie Fürst aller
Spione. Sie brauchen nicht in die Tasche greifen, lassen Sie Ihr Auge vor
Ihrer Frau, Ihrem kleinen Sohn funkeln, bevor Sie sie ins Genick schlagen.
Hier brauch ich nur zu pfeifen; aus allen Fenstern und noch vom Himmel
stürzen meine Legionen zu Pferd und Fuß mir zur Hilfe herbei. Ich sage
Ihnen für Ihr ganzes Leben« -- schnaufte, strahlte voll harmloser Mordlust,
tiefglücklich zuckt seine blasse Sehnenfaust vor die Schlitzaugen, spreizt
die Finger zum Fanggriff -- »Sie hatten bisher nur Kindsköpfe, Quertreiber
und Frömmler zu behandeln oder zu enthaupten. Ich werde alle diese Sekunden
noch täglich wiederholen. Ich bin glücklich, Ihnen sagen zu dürfen -- hier
drei Schritte von meiner endgültigen Freiheit, meinem Elternhaus, meiner
Schwester, meinen Büchern -- daß ich mein ganzes Leben als unerhörtes Recht
empfinde, als Entscheidung gerade diese Sekunden begangen und Euch, Euch
diese Sekunden angetan zu habe.« Der Tartare zuckte die Achseln, grinste
freundschaftlich, indem er die Straße hinabspähte, ob keiner zur Hand sei
für jeden Fall.
Adelbert Klaasen fühlte dieses selbstbewußte Grinsen zu nahe, als daß er
hätte ruhig bleiben können; die Jahre, die er es schon ertragen hatte,
schnitten mit einmal gleichsam sein Leben aus aller Zukunft. Kein Büro,
kein Hof, keine Zelle, kein Baum und Stein, dem nicht dieses höhnisch
unschuldsvolle Grinsen der Ewigkeit von Macht und Herrlichkeit aufgeklebt
war. Der Wind klirrte mit den Scherben, und er wollte ihn gerade beim Hals
packen, den Tartaren, der hier nichts zu suchen hatte, nur die Luft
verpestete. Alles war ihm verekelt, finster und lieber wieder eingesperrt,
als auch hier noch ohne Mut; er spie aus und sah das Mädchen an, das im
Schneeschein vorüberglitt. Und schon gingen beide beinah versöhnt und
brüderlich nebeneinander weiter. Da stand das Haus, es fiel vom Himmel
gleichsam unverändert. Sein geliebtes und verfluchtes Bild packte, würgte
ihn nieder, der totenstarre Blick der unverhängten Fenster, die beiden
Steinbalkone. Sollte er nicht weitergehn, vorbei in eins der anderen Häuser
-- in irgendeines, gleichgültig welches; nur gerade jetzt und dieses nicht.
Denn was er in Fremde, Haft und Verbannung an diesem Augenblick als
Erlösung und Gefühl der Bergung empfunden, jubelnd und trostvoll, es war
jetzt furchtbare drohende Wirklichkeit. Sein Weg der Schmerzen bis zu
diesen Stufen aus blauem Stein war doch Verblendung, Dummheit und Hoffart.
Ein Spiel mit der Geduld des Schicksals, das sich täuschen, übertölpeln
lassen würde. Aber dieses Hier war grauenhaft und er aufs neue Schuft,
Falschspieler und ein geduckter Knabe, dem rote Tinte den Körper ätzt.
O Gott, vielleicht gelang es noch vorbei zu schlüpfen, diesen Druck auf den
Klingelknopf zu vermeiden für fünf Minuten, für einen Augenblick -- aber
der Wärter rief schon mit tadelndem Frohsinn; »Aber wir laufen ja schon
vorbei, hier ist ja Nummer zwei. Sieh da, jetzt hast du noch Zeit, mich zu
foppen -- kennst du denn dein elterliches Haus nicht mehr?«
Sein dicker Finger drückte auf den Knopf, daß das ganze Haus aufschrie.
Drei-, viermal. Er lauschte mit gespitztem Ohr dem Schrei der Glocke. Sein
pflichttreues Gemüt labte sich am altvertrauten Notschrei -- wie oft hatte
er schon mit Mordwonne diesem Zeichen gelauscht, ein Jäger auf dem Anstand,
das wütend, angstvoll, überreizt unter dem Finger ungezählter Gefangener
aufschrillte, um von ihm überhört zu werden. Stundenlang hatte das Opfer
auf den Knopf gedrückt -- aber dieser gelbe Hund schlich hin, stellte den
Strom ab und grinste durchs Guckloch -- Tausenden hatte er so mitgespielt
und auch jetzt, zu anderem Behufe, versagte die Glocke ihm nicht Beute und
kitzlige Sehnsucht. Adelberts Fuß zitterte rasselnd auf dem Stein, dieser
Demütigung nicht zu unterliegen, unbändige Freude riß ihm den Hut vom Kopf,
schamloseste Trauer, die sein ganzes Innere von Grund auf umleerte, warf
ihn an die Mauer, an der entlang er doch nicht fliehen konnte.
Auch öffnete sich das winzige Schiebefenster und ein Auge spähte in die
Nacht, in sein Gesicht; ganz trocken sagte seine Mutter, daß sie gleich
komme, ruhig, allzu gebändigt. Schlüssel klirrten, verdammte Riegel
krachten -- wer war eingesperrt? erlöste er? und richtig erschien die
Mutter ganz schneeweiß im weißen Glanz des Flurlichtes und hinter ihr
schlängelte die rote Spur des Teppichs hinauf zu seiner Stube -- und
richtig sagte sie guten Abend und reichte dem Tartaren die kleine harte
Hand -- dann erst ihm den Mund -- dann erst rollten ihre Tränen auf seine
Backen.
Er kuschte sich vor beiden, die beglückt und überzeugt sich trennten.
Adelbert ließ nicht ab, dem Wärter Verachtung zu zeigen und lüpfte flüchtig
den Hut, eintretend schon als der Herr, der junge Herr, über den jener
Recht und Befugnis verloren hatte, dem bittere Beleidigung nur deshalb
widerfahren durfte, damit an ihm einst aller Welt die teuflische Bosheit
des Systems offenbar werde und die Edlen zum Kampf treibe.
Das Haus und seine Insassen schliefen. Er störte trotz der Teppiche, trotz
der Liebe, mit der ihn die Mutter geleitete und tröstend anlächelte. Am
Ende der ersten Stiege stand vor der Wand ein großer Spiegel, und er sah
sich auftauchen, Kopf, Schultern, Beine, auftauchen aus der Unterwelt, der
Nacht, und alles schien von ihm abzufallen, hinzuklirren mitsamt der
verruchten Welt. Sollte sie sich weiden an seiner Vergangenheit und ihn mit
Mist bewerfen -- er stand hier bei seiner Mutter und sah sich ins umflorte
Auge, nahm ihren Arm und war rein, erlöst, befreit. Endlich brannten,
entbrannte er in Tränen, den müden Kopf bettend auf ihre Schulter.
»Ich kehre zurück von wo ich ausgegangen -- es ist noch nichts und niemals
ein Mensch verloren. Wie ungerecht, gemein war diese Zeit und ihr Haß gegen
diese Unschuldigen. Wie tief und göttlich weht mich hier endlicher Friede
meiner ersten Tage an -- o Freunde, kehrt um, zurück und vorwärts in die
Arme eurer Mütter -- laßt ab von mir, von eurem großen Wahnsinn.«
Die Mutter gab ihn in die Arme der Schwester, die irrlächelnd das spitze
Kinn an seinen Stoppeln wetzte. Ihre kleinen Brüste fühlten sich weich
durch seinen Mantel ins entwöhnte Blut. Auch hier Erholung, Liebe und
Zärtlichkeit -- kein Blick, kein Strich der Hand verletzte sein gieriges
Mißtrauen. Er kehrte sich um gegen sich selbst, alles war vergessen, aller
Unflat, alle Angst, alle Prügel.
Gewandt, lebendig legte er Hut und Mantel ab, setzte den Koffer in die
Ecke. Richtete sich auf, die beiden Frauen sahen ihn ernst an, sie
lauschten. Ein schwaches Wimmern biß von oben -- man sah sich an und
seufzte. Die Schwester stopfte das Tuch vor die Augen, die Mutter faltete
die Hände und wehrte alles von sich ab, warf die Last zu Boden. Seine Knie
schlotterten, als er zum Schlafzimmer emporstieg, in die Höhle dessen, den
er nur als Löwe, funkelnd von Mähne, Zorn und Kraft der väterlichen Pranken
gekannt hatte. Seine Knie schlotterten, sein Herz lag im Hinterhalt, -- wer
hält mir die Kehle zu? Vor zehn Richtern und Generälen habe ich nicht
gezuckt, nicht gewankt! Muß ich hier wie von je her schlottern?
Wie Gummi schwankten Treppen und Wände mit ihm. Die beiden Frauen ließen
ihn allein gehen. -- Es erleichterte ihn, daß der Tisch mit den ekelhaften
Kakteen verschwunden war; ihre saftige, stachlichte Behäbigkeit, die geile
Röte ihrer klebrigen Blüten hatten ihn stets gereizt -- jetzt aber stand
der Tisch voller Flaschen und Schachteln, die nach Jod und Schwefel
stanken. Und er erinnerte sich. Er war krank, man hatte ihm doch
geschrieben, daß der Vater krank sei, unheilbar, dem Tod geweiht!
Das hatte ihm so unbegreiflich geklungen, daß er es nicht einmal gelesen
oder geglaubt hatte. Es war ihm nicht eingegangen. Dieser starke,
unbeugsame Richter seiner Jugendtage, Jahre, Ewigkeiten konnte nicht krank
werden.
Er schob die Tür voll kalter Angst ob bösen Scherzes gegen das Weinen, das
laut und flehentlich ihn peitschte -- trat in den Flackerschein des
Nachtlichtes. --
Mit großer Stimme schrie es auf in seinem Kopf, in seinem Brustkasten, daß
er allein, er, Adelbert Klaasen, schuld an diesem Morde sei. »Mörder!«
formte die niedrige Kammer die fieberdürren Lippen.
Aus wildem Filzbart greinte ihm gebläht von Schmerz, verklärt von Glück
dennoch, vergilbt vom nahen Tod, des Vaters Angesicht zu. Ob dieser
ungeheuren Schuld war jede Pose, auch die aufrichtigste, verlorenes Spiel,
vergebliche Liebesmüh.
Steif, belästigt vom Röcheln, das weißen Schleim auf die blauen Lippen
feixte, so lag er da, und der Sohn trat ans Bett des Vaters, nahm seine
Hand, die Hand, deren Spuren er noch am Körper zu schmecken glaubte; er
knickte ein, fiel vornüber und küßte die Lippen, die gebettet lagen im
braunen, weißgestreiften Bart. Der Vater lächelte unter Tränen, konnte
nicht sprechen vor Freude, vor Schmerz, trank nur immer wieder mit
Fieberaugen sein Bild -- ja, er vergaß sogar, daß er seine Gebrechlichkeit
hatte übertreiben wollen, und richtete sich auf im Bett, bat um Licht, um
ihn besser betrachten zu können.
Und als er die Sprache wiedergefunden, von seinem Herzleiden, den Ärzten,
den Medizinen, den Aussichten und Hoffnungen redete, jammerte und
querulierte, ließ Adelbert nicht ab von seinen Stelzen.
Er wußte: Ich bin vernichtet. Ich habe diesen Mann gehaßt, verflucht und
verdammt -- ich war entschlossen ihn für alle Ewigkeit zu hassen; ja, ich
wollte sogar jetzt von meinem Haß ablassen, um ihn ganz auf sich zu
stellen, da mit er hervorbreche am Tage der Vergeltung, Faust oder
Dolchschlag oder Anklage. Und jetzt häuft alle Schuld mein Wille auf mein
Haupt.
Rede du nur von Medizin und Pillen, von Schmerz und schlaflosen Nächten.
Sage es mir doch, damit ich zu Boden stürze: »Du hast mir das Herz
gebrochen! Sträfling! Schande meiner alten Tage!« Was war all sein Unglück,
sein Schicksal, die Verdächtigungen, Fußtritte und Gemeinheiten, Strafen,
Verbote, Hohn und erzwungenen Feigheiten seines Lebens, was starke Hoffnung
und Glauben an die Mission für die Menschheit, wenn alles darin gipfelte,
alles davon ausging und wurzelte: Ich habe meinen Vater ermordet! Daß
dieser Vater Schuld auf Schuld wider ihn getürmt, von Grund auf ihn aus
allen Bahnen geschleudert hätte zu eigener Wollust, Herrschsucht und
Eitelkeit, was war dieser unkontrollierbare, einseitige Verdacht, den
ungezählte Geschenke, Sorgen und Opfer wettmachten, gegen diese grenzenlose
Schandtat, die mit der Gewalt eines Taifuns aus allen Ritzen des Hauses auf
ihn niederpfiff?
Vor wessen Auge konnte er ohne zu erröten noch hintreten und von
Menschheit, Empörung, Glück und Reinheit reden?
Gierig lauerte er drei Tage auf die Worte des Alten. Sie blieben sich
gleich. Röntgenstrahlen, Medizin, Ärzte, Tod. Kein Wort von seinem
Verbrechen, seiner Schuld, Schurkerei. Niemand ließ einen Blick gegen ihn
fallen. Wie glückliche Engel saßen sie um den Tisch unter der heiligen
Lampe geselligem Schein. Sie erlosch nicht -- es war keine Täuschung: Alle
waren an ihm satt und glücklich.
Das hielt er nicht aus. Bleich sprang er vom Abendtisch, forschend grub
sich sein Wutblick in die erschreckten Gesichter. Der Alte schlief -- und
er war entwaffnet, mußte sich wieder hinsetzen. Mit Bissen guten Fleisches
würgte er die wütende Forderung nach dem gerechten Lohn und Aufschrei nach
Rache wider sich hinab.
Es nützte ihm nichts, auf der Brücke zu stehen, unter der die Züge
durchqualmten, ihn einhüllend mit lockendem Rauch. Er sprang nicht hinab.
Er stürzte sich nicht in den Fluß. Nicht Gift, Dolch, Revolver vermochten
gegen ihn. Wie damals schlich er, die Schuhe in der Hand, auf die schwarzen
Straßen und zog mit Gesindel von Kneipe zu Kneipe. Das Grau des Morgens riß
den noch eben stocksteif Betrunkenen zu vollstem Bewußtsein auf und er
schlich auf Strümpfen in sein Zimmer, erschien frisch und gesund beim
Frühstück.
Was wollten diese Menschen von ihm mit ihren kleinen, gleichgültigen
Sorgen? Sollte er sich im Ernst über die Höhe des Eiffelturmes aufregen,
über die Schnelligkeit der elektrischen Bahnen, das Gewicht des Saturn
einen Schwindel nennen? Muteten sie ihm im Ernste zu, er solle den
Präsidenten für einen Heiligen, seine Minister für Götter, den ganzen Staat
und seine blödsinnigen Einrichtungen für Offenbarungen Gottes selbst
anerkennen?
Und doch wagte er es nicht einmal, den freundlichen, interessiert
lächelnden Priester, der den Vater besuchte, nicht zu begrüßen. Er hätte
ihm sogar die Stiefel abgeleckt, wenn der Kranke oder die Mutter es von ihm
verlangt hätten. Er ging zur Messe, kniete und segnete sich, machte Besuche
bei Verwandten und erzählte von vergangenen Tagen. Ein grauer Schleier, ein
Ewiges: »Wie freut es mich, Sie wieder zu sehen, gesund und munter«
schläferte ihn ein. Wie oft drohte es aus ihm aufzuschreien; glaubt Ihr
denn, ich merke Eure Hinterlist nicht? Ihr wollt mich durch Euren Anblick
zwingen in die Knie, in den Wahnsinn, in die Gemeinheit. -- ja ich weiß und
Ihr wißt, daß ich ein Schuft, ein Mörder, ein Heuchler bin -- ich bekenne
es ja -- so laßt ab von Euren Banalitäten, Euren Regen und Mordgeschichten,
Eurem Klatsch und Ekel vor Spinnen -- entweiht nicht meine Niedrigkeit und
Reue. Ich bereue, ich liebe Euch, ich wedele mit dem Schwanz, tretet,
schlagt, pufft mich in die Ecken -- macht mit mir was Ihr wollt -- aber
laßt Eure Masken fallen!
Er kam betrunken nach Hause, verschwand dann tagelang und streifte durch
den Wald. Sein finsterstes Gesicht stieß er jedem freundlichen Wort
schnaubend entgegen, aber Blick und Wort des Kranken, der Mutter und
Schwester blieben ruhig, mitleidig und voll Verständnis. Ihm fehlte zum
Schluß jede Erinnerung, ob das auch früher so war, ob er auch früher schon
so verhetzt, verrückt vor Stolz und Mißtrauen gewesen oder ob die Krankheit
des Vaters erst den Keim zu dieser weihevollen Laune des alltäglichen
Dramas gelegt hatte.
Jedenfalls fühlte er die Unmöglichkeit in sich, länger diesem, seinem
Untergang zuzuschauen, bei dem er das stärkste, untrügliche Gefühl hatte,
selbst dem Tod verschrieben zu sein.
Er lag im Bett. Der gepackte Koffer stand neben ihm auf dem Stuhl, Mantel
und Hut darüber; auf dem Tisch lag ein Brief: »Erlogen und erstunken von A
bis Z. Ich verreise nicht -- ich fliehe beladen mit meiner Schuld, damit er
ganz gerechtfertigt, ganz beruhigt von dannen gehen kann. Ihn trifft gar
keine Schuld mehr. Denn ich habe ihm das letzte Wort abgeschnitten, das
Wort der Todesstunde, das Wort des Vaters, der erst im Tode allmächtig wird
und von da aus dich ganz beherrscht, ganz zwingt auf seine Seite
überzutreten.
Wie groß ist Er in seiner Macht, in der Erhabenheit seiner banalen
Entschuldigungen meines Lebens, des Lebens seines Mörders.«
Da scholl ein Schrei und Türenschlag zu ihm hinauf -- man lief da unten --
schnell auf und davon! Nur nicht wissen, daß er stirbt, daß er mir
verziehen hat und duldet, duldet, daß ich weiterlebe, daß er seinem Mörder
Absolution vor Gott und Welt erteilte. Aber die Schwester winkte totenblaß
schon in der Türe, zitternd und zähneklappernd folgte er und stand am Bett
des Sterbenden, früh genug, um den letzten verdrehten, geraden und dann
glasigen Blick der grauen Augen noch zu begreifen.
Und als der starke Mann dalag, tot, kalt und hölzern, nicht mehr aufstand,
nicht mehr schimpfte noch Zeitung las, nicht mehr stritt, jammerte und
rechtete um die Mark, fand Adelbert als erster sein Gleichgewicht. Mit Ruhe
und Umsicht leitete er Begräbnis und Besuche, Abrechnungen und Geschäfte,
und von Schmerz oder Verwirrung war nichts an ihm zu spüren.
Man ließ den Sarg in die rote Erde, es regnete, und man fuhr nach Hause und
klappte den Zylinder zusammen. Da erst atmete er auf, als wieder Licht und
Sonne in die offenen Zimmer strömten.
Er stutzte vor seiner Ruhe. Sie blieb und er konnte wieder arbeiten, Briefe
schreiben. Er dankte dem Toten. Und als er die ersten Blumen auf sein
Hügelchen pflanzte, wußte Adelbert, daß da unten nicht nur der Vater
schlief -- da schlief auch ihre Schuld -- des einen Vaterwahn, des anderen
Sohnesrache.
Kein Drittes zeugte ihr Bett -- er hatte sich frei gemordet.
Und wie er auf der Trambahn nach Hause fuhr, konnte er schon lächeln über
die ängstige Geschäftigkeit zweier Schulfreunde, ihn nicht zu sehen.