Dann bleibt der Tod nur wie ein Schritt durch ein Tor in blaues Lieht.«

Jedem war, als strömten diese Worte aus seiner eigenen Seele. Sie

enthielten alles, was sie zu sagen wußten, je hätten sagen können.

Schweigend genossen sie jetzt das große Glück, nicht einsam zu sein vor dem

Tode. Sie waren ihrer Sieben eine Allmacht.

Sieben Tage und Nächte warteten sie geschlossen auf das Ende. Ihre Kraft

nahm nicht ab, sie dachten nicht, sie wußten nicht. Sie saßen und warteten.

Am Morgen des siebenten Tages zog der Wärter sie aus der Zelle. In einer

Schar von Brüdern und Schwestern trieb man sie zum Zirkus, der im Schatten

heller Pinien vor der Stadt erbaut war. Alle Wege strömten über von Volk.

Lautes Geschrei begrüßte die Gefangenen, Abschiedsrufe und Wehrufe und

Wehklagen. (Aber es duldete, sah stumpf und grausam gleichgültig zu, daß

die Behörden, die doch alle verachteten, Opfer aus ihrer Mitte rissen und

von wilden Tieren zerfleischen ließen.) Die Soldaten drängten voran, da sie

einen Aufstand befürchteten. Oder es ihnen Freude machte, die Wehrlosen zu

quälen.

Die sieben Freunde schritten Hand in Hand nebeneinander. Manchmal, wenn sie

Bekannte in der Menge sahen, riefen sie ihr Glück freudig in die

erschreckten Gesichter, die sich verlegen abwandten.

Ihnen war, als hörten sie schon das Gebrüll der Löwen, als öffne sich ihre

Brust, die Seele auszulassen, die sich an der Brust des Ewigen bergen

wollte. In ihrer Erregung schritten sie hastiger aus, an die Spitze des

Zuges, sie begannen zu laufen, das Volk wich zurück, öffnete eine Gasse --

es hob sie über die Köpfe hinweg ein leichter Wind des Himmels, über die

Dächer, durch den Wald.

Als sie das Klirren der Legionäre hinter sich hörten, Pfeile ihnen

nachschwirrten, fühlten sie voll Schrecken, daß sie auf unwiderstehlicher

Flucht waren. Sie sahen einander an und stürmten weiter, die Verfolger

trabten mit lautem Geschrei hinterdrein. Schweiß vor Anstrengung und

Verzweiflung troff über ihre Gesichter, und die Haare klebten kalt an ihren

Schädeln.

Sie konnten ihren Beinen nicht Halt gebieten, eine unwiderstehliche Kraft

riß sie nach vorne wider ihren Willen. Mit steigendem Entsetzen fühlte

jeder, wie er sich gegen die heiligsten Entschlüsse gleichsam vor der

Seligkeit rettete, wie sie ihren liebsten, brennendsten Wunsch zu sterben

für die Unsterblichkeit der Idee Gottes aufgaben und wie Feiglinge im

Schoße der Welt, die sie verachteten, Sicherheit suchten.

Im Berg zu ihrer Rechten klaffte ein Spalt. Sie schlüpften hinein und

hinter dem letzten ward es Nacht, durch die sie noch ihre Verfolger

vorbeistürmen hörten.

Glücklich, einander nicht anschauen zu brauchen, legten sie sich nieder und

schliefen ein vor Erschöpfung und Trauer.

Als sie erwachten aus unendlichen Träumen, war es lichter Tag um sie her.

Sie sprangen vom Boden auf und waren einig, sich sofort dem Richter zu

stellen, damit der Tod Flucht und Schande von ihnen nehme und ihnen endlich

die Pforte des Paradieses öffne.

Eilends verließen sie ihre Höhle. Sie wanderten lange durch einen Wald, den

kein Weg aufteilte. Sie verhehlten einander ihre Unruhe, denn keiner kannte

die Gegend und die Stadt schien vom Erdboden verschwunden.

Sie änderten ihren Kurs und gelangten auf eine wüste Stätte voller Ruinen

und Trümmer von Säulen, Tempeln, Kasernen und Gerichtsgebäuden. Fern am

Rande der Vernichtung sahen sie müde Rauch wirbeln. Sie atmeten auf und

hielten auf dieses Zeichen zu. Da lagerten einige armselige Hütten um ein

Kreuz. Menschen saßen vor den Türen und blickten in den Abend. Sie standen

auf, als die Sieben sich näherten. Man verstand einander zuerst nicht. Aber

die Leute gaben ihnen freundlich Brot und Käse und zeigten ihnen den Weg

zur Stadt.

Diese Stadt aber kannten sie nicht. Sie schien neu, niedriger, kleiner als

ihre Vaterstadt. Sie fragten nach dem Richter Glädonius, der sie zum Tod

verurteilt hatte.

Niemand hatte von ihm gehört.

Sie fragten nach dem Gouverneur Procius, dem Feldherrn Caronius, nach allen

Beamten, allen Großen der Stadt, allen Philosophen und Dichtern. Nie hatten

die Leute dieser Stadt ihre Namen vernommen.

Offenbar war ein Furchtbares geschehen in ihrer Abwesenheit, ein Erdbeben,

eine Feuersbrunst, Kriege schienen in einer Nacht, einem Schlaf die Erde

umgestürzt und alle Menschen verändert und ihr Gedächtnis ausgelöscht zu

haben.

Endlich führte man sie in ein weißes, gedecktes Haus, über dessen Tür das

Zeichen des Kreuzes gemalt war und der Gekreuzigte aus Stein gemeißelt in

einer Nische stand. In diesem kühlen Hause empfing sie ein alter Mann mit

großen Augen und faltig-knochigem Gesicht.

»Wir bitten Dich, uns vor den Richter zu führen. Wir sind Christen und den

Soldaten des Kaisers entflohen. Wir sind bereit, jetzt sofort zu sterben.

Wir wollen jetzt Zeugnis ablegen.«

»Wir sind alle Christen, meine Brüder,« meinte vorsichtig der Greis,

»weshalb seid Ihr den Soldaten entflohen? Und wenn Ihr ein Verbrechen

begangen habt, so sollt Ihr es büßen. Sagt mir, was Ihr begangen habt!«

»Wir sind Christen und wollen Zeugnis ablegen für den Glauben an die

Gleichheit der Menschen, die Unsterblichkeit der Seele, die Liebe, die alle

Welt erlöst, und für den Sohn des Menschen. Wenn auch Du Christ bist, um so

besser, so wollen wir zusammen gehen und bekennen. Vielleicht, daß wir

zusammen sterben können.«

Der Alte erschrak, und während er zugleich zitternd einen Schritt

zurückwich, sah er die Sieben genauer an. In ihren hageren Gesichtern

glühten Augen schwarz wie geronnenes Blut, Glanz und Modergeruch strömte

aus ihren schimmligen Gewändern und wüsten Bärten. Ein heller Schein wölbte

gleichsam eine Kuppel über sie.

Da stürzte der Alte in die Knie und rief entsetzt um Hilfe, denn er

fürchtete sich vor diesen sieben Männern, die vom Tode auferstanden waren

und wie die Richter des jüngsten Tages verschlossen und hartnäckig nach dem

Sinn fragten.

Volk drängte herbei und umringte sie mit Ausrufen der Verwunderung,

Neugierde und Ehrfurcht.

»Von welchem Kaiser redet Ihr? Welchem Richter, welches Jahr schreibt Ihr?

Wir sind alle Christen und leben doch. Wir leben doch alle trotz unseres

Glaubens. Keiner tötet uns, keiner verfolgt uns. Ihr redet von längst

vergangenen, finsteren Zeiten.«

»Wir meinen den Kaiser Dezius, der unsere Freunde und Geschwister wie uns

selber einfing für die Löwen im Zirkus.

Gestern sind wir entflohen, wir wurden hinweg geführt und verbrachten eine

Nacht im Schlaf in einer Höhle.«

Wie Schläge fiel die Wahrheit über sie her:

Dezius ist seit zweihundert Jahren tot, alle Götter sind tot, alle Tempel

und Altäre der Heiden zerstört.

Es gibt keine Heiden mehr. Die Heiden werden bekehrt oder verbrannt. Kaiser

und Heer, das ganze Volk, alle sind Christen, vereint in der wahren Kirche

Christi. Wenn Ihr also rechtgläubige Christen seid, so seid ohne Furcht.

»Euer Glaube, für den Ihr nicht mehr zu sterben braucht, beseelt uns alle.

Niemand denkt daran, für diese Tatsache sich töten zu lassen oder in ihr

etwas Erstaunliches zu sehen.

Aber erzählt, wie es Euch erging in Eurem Leben. Wie lebten die Menschen

damals, wie starben sie?«

Und die Sieben bekannten ihren Glauben in aller Einfalt und Glut. Ihr Leben

war ihnen, da sie den Sieg sahen, entschwunden und sie wußten nichts

anderes zu berichten, als daß sich alle unterordneten in Liebe unter das

erlebte Gebot Christi, daß Leben, Eigentum und irdische Ehre nichts galten

im Hinblick auf die Ruhe des Herzens und Erfüllung der Liebe.

Aber es erhob sich von neuem und die nächsten Tage fort ein Fragen nach dem

Wie und Wo, dem Aussehen und Gebaren der Menschen in ihren Tagen. Man

bestaunte sie wie wilde Tiere trotz aller Scheu.

Die aber vermochten in ihrer Errettung nichts Sonderbares oder

Unglaubliches mehr zu sehen. Wohl aber sahen sie viele Dinge in ihrem neuen

Leben, die sie mit wachsender Trauer erfüllten, weil sie ihrem Verständnis

fremd und ihrem Glauben tot, unlebendig erschienen.

Es war ihnen, als seien sie am Leben geblieben, um zu erfahren, daß die

Welt gestorben sei.

Und sie äußerten laut ihre Mißbilligung und tadelten die hohen Herren der

Kirche, die Beamten und Besitzer der Äcker und Häuser. Nach außen waren

alle Christen, fromm hielten sie alle Gebote, die sich seltsam rasch

vermehrt hatten. Ihre Herzen aber entbehrten alles fühlenden Wissens, aller

Geduld, aller Wärme.

Man beorderte sie vor ein Konzilium, das sie höflich und salbungsvoll

behandelte, ihnen aber eindringlich diese Reden gegen die bestehende

Ordnung verwies und sie vor den Folgen einer Irrlehre warnte. Bald stellten

sich bei den Sieben auch die Zeichen ihres furchtbaren Alters ein. Sie

holten ihr Leben nach. In wenigen Tagen bekamen sie das Aussehen uralter

Bäume, die mit Moos und Flechten bewachsen einsam in stillen Tälern

trauern, in schwarze Schatten gehüllt.

Sie ließen nicht ab, laut und lauter ihre Stimmen zu erheben. Sie zogen wie

die gerettete, unbeugsame Wahrheit durch Städte und Dörfer und predigten

voll Eifer die Reinheit des armen Lebens, das sich der Ewigkeit verdungen.

Viele hörten auf sie, heimlich kamen manche und empfingen Händedruck und

Trost, die Masse des Volkes geriet in Wallung: Zeichen und Wunder, neuer

Eifer, neuer Drang gegen Himmel schloß die Menge in Ehrfurcht und Glauben

aneinander.

Viele aber lachten hinter ihrem Rücken, nannten sie komische Käuze und die

Geschichte des hundertjährigen Schlafes eine dumme Legende. Die Behörden

der Kirche aber ergrimmten mehr und mehr über diese unliebsamen Heiligen

und riefen die Wächter des Staates zu Hilfe. Die gingen vor nach den

Buchstaben des Gesetzes und stellten die Sieben vor Gericht. Man hatte sie

dabei ertappt, daß sie Früchte von Feldern und Brot stahlen.

Sie erklärten zu ihrer Verteidigung, daß unter Christen, die doch Brüder

seien, alles Eigentum gemeinsam sei, in Wahrheit also fortfalle, und

vermochten die schwierige Deutung der Beamten nicht einzusehen. Man sperrte

sie ins Gefängnis. Mittlerweile aber hatten ihre Anhänger, die sich die

freien Brüder im Geiste nannten, Zulauf erhalten und dann versucht, das

Gefängnis zu stürmen.

Die sieben Schläfer aber weigerten sich hartnäckig, ihnen zu folgen auf der

Flucht. Sie fühlten, daß sie sich dem Ziele näherten.

Da überließ man sie ihrem Schicksal.

Der Gouverneur gab endlich den Befehl, sie im Gefängnis zu erdrosseln.

Der Sprung aus dem Fenster · 第 7 / 10 题