Der Sprung aus dem Fenster

Wahllos kopulierten sich Fehler und Vorzüge in dem Charakter des Herrn B.

Um jeden Preis suchte er zu widerlegen, daß er dem Durchschnitt angehöre;

aber das Wort Mittelmäßigkeit stand oft wie eine Fassade vor ihn

hingemauert; oft umringte es ihn wie eine Mauer, längs der er rundlief; oft

klang es wie der Ruf Manitobas überlaut und einzig in seiner Brust, so daß

er zitternd wie ein gehetzter Hase hin und herriet, wie zu vermeiden sei,

daß es offenbar werde.

So sprach er denn bei allem mit. Erfindungen deutete er an in ihrer ganzen

tragisch-revolutionären Größe, wenn sie überraschend auf den Markt

niederkamen, Kunst, Politik, Dichtung fielen seinem gelehrigen Eifer zum

Opfer. Insgeheim schrieb er Artikel für die Jägerzeitung, das freie Echo,

Kunst dem Volke, der neue Staatsmann. Aber es war, als gehöre sein Name zum

Text. Und doch kam es ihm ledig gerade auf die Unterscheidung, auf den

Beweis seiner Existenz an.

War es ihm in der Wirtschaft nicht gelungen, bei seinen Freunden den

Eindruck eines Philosophen zu erregen, so behandelte er sie ungnädig, gab

keine Antwort oder lehnte jede Erklärung mit verletzender Ironie ab. Den

Kellner dagegen beschenkte er mit reichem Trinkgeld, guten Ermahnungen und

Händedrücken.

In der Elektrischen oder im ersten Halbschlaf fiel ihm der Plan zu einem

Zyklus Preisgesängen auf die Freiheit des Geistes ein. Er dichtete, so

dünkte ihm, die ganze Nacht -- ja er raffte sich aus den Decken auf und

schrieb beim Kerzenlicht eine Stunde frierend Ekstasen aus sich ab. Der

Morgen war Büro, Schreibmaschinen, der Mittagstisch die versalzene

Erkenntnis: Genies gehen eher zugrunde, notorisch häufiger als schlechte

Köchinnen.

Ihm fehlte nichts als Mut zuzugeben, daß Schwächen in der Überzahl sogar

immer noch Leben sind und ein Bekenntnis fordern. Er ahnte wohl

dergleichen, suchte aber krampfhaft sein Denken rückwärts zu drängen, um

den Punkt zu ergründen, wo eigentlich der Fehler seiner Konstitution liege.

Aber es fielen ihm keine Beweise, keine Erinnerungen, keine Daten ein. Auch

sonst keine Ideen. Reichtum des Geistes konnte aus Sprichwörtern nicht

gesogen werden. Haltlosen Banalitäten schraubte er sich nach, beseelt von

Feuereifer das Perpetuum mobile aus dem Bauch der Dummheit zu reißen.

Führte ihm der Zufall einen Menschen vor die Klinge, der Geduld und Einfalt

besaß, sich belehren zu lassen, oder die pensionslüsterne Tochter eines

guten Freundes, nannte er sie zwar insgeheim Philister und Schmarotzer am

Geiste, sprühte jedoch zugleich von Witz und Einfalt, blendete sich selbst

mit gelehrter Skepsis und zynischen Analysen. Lärmende Freude ließ ihn

hochgeschwellt, Wind unter allen Flügeln, Einsamkeit der Straßennacht groß

und Sterne ewig empfinden.

Er rannte hier- und dorthin. Kein Ausweg, der Unerträglichkeit des Ichs,

Dingen, Menschen, Mittagsmählern, dem Licht, der Finsternis zu entkommen.

Ihm war, als sei er eingespannt zwischen zwei Krallen, die ihn dehnten in

allen Lagen; die Widerstände seines Daseins bohrten sich in seine Seele.

Alle hatten Namen, Namen, die lockende Möglichkeiten klangvoll bargen,

Tausenden auch gaben. Ja ihn selbst auch beschenkten nicht nur in seiner

Jugend. Er sehnte sich ja danach, mit seiner Wirtin, den Kollegen, den

Trambahnschaffnern und Kellnern, den Arbeitern und Direktoren in Frieden zu

leben. Sein höchster Traum war: Frieden predigen und als leuchtendes

Vorbild mit weißen Händen sich über die Stirne fahren, um das Lächeln zu

überschatten, das immerdar auf seinen Lippen schweben, seinen Augen von

aller Lippen offenbar werden sollte.

Aber es kam nie dazu. Das Lächeln hatte er verlernt, er lachte dröhnend,

und die Falten um sein Kinn schaukelten. Und dieses Gelächter zwackte ihn

genau wie das hölzerne Sofa, wie das unausgesetzte Bimmeln der Glocken von

allen Türmen, Schulen, Milchwagen.

»Könnte ich doch einmal selbst Glocken läuten, von morgens bis abends, die

ganze Nacht, damit ich mich beruhige und freue, daß andere darunter

leiden.«

Seine Unruhe war nicht zu bändigen, obwohl er doch allen Grund gehabt

hätte, zufrieden zu sein. Er hatte alle Pläne bisher verwirklicht und das

Wahrscheinliche wahr gemacht, das Bizarre gemieden und vergessen.

Es trieb ihn um und um. Er flüsterte vor sich hin, er munkelte in eine Ecke

starrend und ratschte mit den Füßen über die Diele.

Seine Worte hatten keinen Sinn sichtbarer Verknüpfung. Es waren Worte, die

Lawinen dunklen Mißgeschicks ihm auspreßten.

»Unglaublich -- unglaublich -- gräßlich -- heraus -- nur heraus --

furchtbar.«

Und dazu stieß er tiefe Seufzer aus, Ekel verzerrte seine Lippen.

Alle Dinge sprangen ihm an die Kehle. Aber er kam ihnen zuvor und

schleuderte sie in eine Flut von Abscheu und Verachtung. Wenn die Stunde

jedoch gekommen war, stand er auf, reckte sich, nahm sein Frühstück, ging

ins Büro, ins Gasthaus, ging auf die Straße und legte sich zu Bett. Jedes

wenn die Stunde gekommen war.

Aber Ekel, Wut und Verzweiflung waren an keine Stunde gebunden. Sie waren

die Zeit selber, denn sie liefen unter ihm fort und hoben ihn plötzlich auf

und schüttelten ihn aufkochend zur Rechten zur Linken.

Auch daran hatte er sich gewöhnt und gewisse Mittel ergriffen, um »das

Ärgste zu vermeiden«.

Man konnte den Dienst wechseln, die Stadt, die Wohnung, oder in Urlaub

fahren. Der Anzug war unansehnlich, noch gut fürs Haus oder Büro. Man

kaufte einen neuen. Der Wechsel war ein Schlafmittel und machte doch

lebendig neuen Interessen. Dann brauchte man nicht nachzudenken, sondern

flatterte, plätscherte. In ungeahnter Fülle spendete Schicksal Erfolge,

Scherze, Schauspiele. Das Neue kitzelte einen neuen, unberührten Punkt der

Nerven und führte neues Licht auf alte Farben. Die leuchteten dann ganz

prächtig auf, das alte Grau war verschwunden.

Bis es eines Tages aufschwelte und alles in den Fingerspitzen juckte. Bis

seine Augen sich wieder öffneten, nachgebend einer unbekannten Hand, bis er

in den Ecken stand und vor sich hinknurrte.

Er war überzeugt, daß es nur ihm so ergehe, daß nur bei ihm Genialität und

bizarres Kleinbürgertum sich so mische, daß kein Charakter dagegen

aufblühen könne. Es war sein Irrtum, daß es nur ihn so schlage, daß er sich

dieses Leidens schämte als einer Minderwertigkeit, gegen die er nicht

genügend Energie verwende. Er wußte nicht, daß es alle Menschen anwandelt,

daß sie, wenn auch nur für ganz kurze Blicke, fremde Augen öffnen und ihre

Haut sich spannt vor Entsetzen. Hätte er's gewußt, er wäre beruhigt

gewesen, hätte sich ausgesprochen, womöglich gelacht. So mit den Händen

über den feuchten Tisch hin »dieses Etwas« hinabgewischt.

So jedoch stand er bis zum Hals im Sumpf. Und dieser Sumpf wuchs. Er merkte

die Luft über seinem Schädel weniger werden und doch schwerer. Und eine

tolle Wut packte ihn, daß unten Räder rollten, Stimmen tosten, Klaviere

schepperten und er dastehn mußte und nur fluchen konnte, seufzen,

verzweifeln.

Er öffnete die Türe und trat auf den Balkon.

Dieser Balkon war sein Stolz; er führte seine Gäste gerne auf ihn hinaus

vor diese Tiefe.

»Da sehen Sie erst, wie hoch ich über allen wohne,« lachte er üppig mit

runder Armbewegung, den Bauch gegen das Gitter pressend. Er öffnete die Tür

mit schlaffer Hand; sie gab lautlos nach (sonst gehorchte sie nur ächzend

mächtigem Druck). Zu Boden starrend wehte er vor, als sauge ihn ein

Ventilator an, der Schwung eines großen Rades, glühend groß wie die Sonne,

die drüben brannte. Bis an das gußeiserne Gitter preßte ihn der saugende

Mund, vornüber neigte er sich mit vorgestreckten Schwimmerarmen, die jeden

Halt fahren ließen. Seine Blicke sanken auf die Tiefe, das Blut rollte wie

eine Spielkugel in den Kopf, warf den Körper aus dem Gleichgewicht.

Er ließ ihn gleiten, befreite sich von ihm, er fühlte, daß er falle,

wabbernd in breiten Flugflächen wie ein Blatt; denn er schien sehr leicht,

schien ein Nichts zu sein an Gewicht. Ja, ein wirkliches Nichts, denn die

Droschken rutschten gelassen weiter, die Menschen krabbelten, schwarze und

helle Mäuse ihrer Wege, kein Knall, kein Schrei: ein Nichts war abgestürzt!

Und er hatte doch vollkommen durchfühlt, daß er sich löse vom Balkon, vom

Zimmer, das ihn bisher beherbergt; daß ihn die Welt ausgespieen hatte,

damit er stürze, sein eigener Wille ihn hinausgedrängt aus der Tür -- er

hatte den Schlag des Todes aufs Pflaster durch alle Knochen schmetternd

gespürt, aufatmend sein Blut verspritzt in den grauen Staub der Straße für

eine große heilige Sache, die alles Bittere erfordert, weil es so leicht

ist.

Er kroch zurück, glitt auf den Boden des Balkons, und seine Augen füllten

sich mit Tränen, er weinte in langen Strömen, unfaßbares Leid, unfaßbares

Glück.

Und ihm war, als schwebe er mit dem Balkon in reine Höhe, die er nur

ertragen konnte, weil sein Körper abgestürzt, zu Staub zerschmettert war.

Mit Schluchzen und Stößen senkte aufs neue Besinnung bleiernes Erwachen in

den noch Lebenden.

Lächelnd stand er auf, reckte sich, klopfte den Staub von der Hose. Und als

er sich umsah, Häuser, Himmel, Wolken, Türme, das Licht wie immerdar, legte

er die Hand an die Stirne, als suche er sich, vergebens, eines Vorfalles zu

erinnern.

Der Sprung aus dem Fenster · 第 5 / 10 题