I. Brief.

Briefwechsel

zwischen

Abaelard und Heloise

mit der

Leidensgeschichte Abaelards

Aus dem

Lateinischen übersetzt und eingeleitet

von Dr. _P. Baumgärtner_

_Verlag von Philipp Reclam jun. Leipzig_

_Druck von Philipp Reclam jun. Leipzig_

Printed in Germany

Inhalt.

_Einleitung_ 5--17

1. Brief: Abaelard an einen Freund (Die Leidensgeschichte) 19--73

2. Brief: Heloise an Abaelard 73--83

3. Brief: Abaelard an Heloise 83--91

4. Brief: Heloise an Abaelard 91--102

5. Brief: Abaelard an Heloise 102--125

6. Brief: Heloise an Abaelard 126--149

7. Brief: Abaelard an Heloise 149--203

8. Brief: Abaelard an Heloise 203--303

9. Brief: Heloise an Abaelard 303--305

10. Brief: Abaelard an Heloise (mit 2 Sammlungen von

Hymnen) 305--312

11. Brief: Abaelard an Heloise (mit einer Predigtsammlung) 312--313

12. Brief: Abaelard an Heloise (Abaelards Glaubensbekenntnis) 313--315

Einleitung.

Die Übersetzung dieser Briefe ist entstanden in einer Zeit, da körperliches

Leiden mir ein selbständiges wissenschaftliches Arbeiten unmöglich machte.

Ich las und übersetzte anfangs zu meiner eigenen Unterhaltung und Übung;

doch je mächtiger diese Urkunden der Liebe und des geistigen Verkehrs

zweier so hochherziger Menschen mich selber anzogen, desto lebhafter regte

sich der Wunsch, auch anderen sie zugänglich zu machen. Unsere

kirchengeschichtliche Litteratur enthält so manchen edlen Schatz, der in

staubiger Hülle vergessen in den Bibliotheken aufgespeichert steht -- so

manches Schriftdenkmal, das in seiner fremden Sprache nur zum Gelehrten

redet, während es ans Licht gezogen und verständlich gemacht manchem

ernstergerichteten Leser Genuß und Erbauung zu bieten vermöchte.

So sind auch die Briefe, die von Abaelard und Heloise auf uns gekommen

sind, in Deutschland wenigstens, nur wenig bekannt, obwohl die beiden zu

jenen Liebespaaren von weltgeschichtlichem Rufe gehören, deren Namen

unauflöslich miteinander verbunden sind, wie Hero und Leander, Tristan und

Isolde, Dante und Beatrice. Im Ausland dagegen und besonders in Frankreich

schenkte man diesen Briefen frühzeitig Aufmerksamkeit, und namentlich die

eigentlichen Liebesbriefe wurden mannigfach dichterisch bearbeitet und

romanhaft ausgeschmückt -- jedoch nicht zu ihrem Vorteil: man vergleiche

die Bearbeitungen, die diesem Gegenstand durch einen Pope und Colardeau --

bei uns durch eine formvollendete poetische Übersetzung Bürgers eingeführt

-- zu teil geworden sind, mit unserem Original, und man wird leicht gewahr

werden, um wie viel edler und, bei aller Leidenschaftlichkeit, keuscher

dieses letztere ist als jene pikanten Leistungen.

Eine sehr elegante, dabei meist textgemäße französische Übersetzung der

Briefe giebt _O. Gréard_ in seinem Buche: »Lettres complètes d'Abélard et

d'Héloise, Paris, Garnier Frères«. Der französischen Übersetzung ist der

lateinische Text in der Recension von _Viktor Cousin_ beigegeben, die auch

unserer Übersetzung zu Grunde liegt.

Im Jahre 1844 ist eine deutsche Übersetzung des Briefwechsels erschienen

von _Moriz Carrière_,[1] und dieses Werk würde meine Übersetzung

überflüssig machen, wenn es überhaupt noch im Buchhandel zu haben wäre. Da

es jedoch gänzlich vergriffen ist -- ich selbst habe es nur nach

langwierigen Bemühungen zu Gesicht bekommen -- und eine neue Auflage nicht

in Aussicht steht, so glaubte ich mich zu dieser neuen Veröffentlichung

berechtigt. -- Carrière schickt seiner Übersetzung eine ausführliche,

ebenso gelehrte wie geistvolle Einleitung voraus, in der er mit dem Feuer

einer edlen Begeisterung Abaelards philosophischen und theologischen

Standpunkt darstellt. Diese Einleitung bildet nahezu ein Drittel des ganzen

Buches, so daß eigentlich in ihr der geistige Schwerpunkt desselben zu

sehen ist. Ich meinerseits beschränke mich in dieser kurzen Einleitung auf

das, was dem Leser zum Verständnis der Briefe notwendig ist -- zumal uns in

den Briefen Abaelard doch mehr als Mensch, weniger als Gelehrter

entgegentritt.

[Fußnote 1: M. Carrière: »Abaelard und Heloise. Ihre Briefe und

Leidensgeschichte übersetzt und eingeleitet durch eine Darstellung von

Abaelards Philosophie und seinem Kampf mit der Kirche.« (Gießen 1844, 2.

Auflage 1853.)]

Die hier veröffentlichte Briefsammlung umfaßt im ganzen zwölf Briefe. Dabei

ist als erster Brief mitgezählt das unter dem Namen der »Leidensgeschichte«

(historia calamitatum) bekannte Schriftstück, das in Form eines Briefes,

der an einen unbekannten Freund Abaelards adressiert ist, das vielbewegte

Leben des letzteren schildert bis zu dem Zeitpunkt, wo er in den großen

Streit mit Bernhard von Clairvaux eintritt -- also ein Stück

Autobiographie, das die Einleitung zu dem folgenden Briefwechsel bildet.

Überhaupt wurde dieser Brief die Veranlassung zu der ganzen folgenden

Korrespondenz: über ein Jahrzehnt war seit der Trennung der Liebenden

vergangen, und allem Anschein nach hatte während dieser ganzen Zeit jeder

Verkehr zwischen ihnen aufgehört. Da kam durch einen Zufall jener Brief

Abaelards in die Hände Heloisens und weckte »der alten Wunde unnennbar

schmerzliches Gefühl«. Die Geschichte der Leiden des geliebten Mannes, zu

denen er auch mit vollem Recht seine Liebe zählte, facht den Funken, der

noch immer in ihrem Herzen glimmt, zur hellen Flamme an, und noch einmal

durchlebt sie in der Erinnerung alle Freuden und alle Leiden einer hohen

Liebe. Aus der Hochflut dieser neuerwachten Gefühle heraus sind die Briefe

II und IV geschrieben: eine Beichte sondergleichen, ein Herzensaufschrei in

den unmittelbarsten, leidenschaftlichsten, kühnsten Lauten, die je über

Frauenlippen gekommen sind. Im Vergleich mit diesen Ergüssen hat man von

jeher die Antwortschreiben Abaelards auffallend ruhig und kühl gefunden. In

der That gleicht er in seinen Briefen (III und V) dem starren Felsenriff,

das unbewegt und fühllos bleibt, mitten in den ewig wiederholten

Umarmungsversuchen der Wogen. Man hat ihm aus dieser Kälte schwere

moralische Vorwürfe gemacht, ja an sein Verhalten auch schon allgemeine

philosophische Betrachtungen darüber angeknüpft, wie verschiedenartig die

beiden Geschlechter lieben. So besonders Johannes Scherr in seiner

geistreich-extremen Weise (Menschliche Tragikomödie, Bd. 2, »Heloise«). Die

Art, wie Abaelard Heloisens hungriges Herz abzuspeisen sucht, wie er der

Frau gegenüber, mit der er einst so wenig geistlich verfahren war, nun ganz

die Sprache des Geistlichen, des orakelnden Heiligen und Propheten führt,

macht im ersten Augenblick einen peinlichen, unangenehmen Eindruck, und hat

sogar stellenweise etwas Empörendes. Allein der Ton, den er anschlägt, ist

keine angenommene Maske; was er an Heloise schreibt, sind nicht bloß fromme

Phrasen, sondern es ist ihm bitterer Ernst; er ist wirklich bekehrt, er

bereut und sieht von diesem Standpunkt aus sein und Heloisens äußeres

Mißgeschick für eine gnädige Fügung Gottes zur Rettung ihrer Seelen an.

Sodann ist allerdings das Gefühl, das in Heloisens Herz eben jetzt in neuen

Flammen erwachte, in ihm gänzlich erstorben. Er macht daraus kein Hehl; er

sucht die einst Geliebte darüber nicht hinwegzutäuschen. Seine

Wahrhaftigkeit ist seine Entschuldigung. Wo aber eine Liebe erloschen ist,

da wird niemand glühende Liebesbriefe erwarten.

Man wird solche aber auch nicht erwarten, wenn man die Verschiedenheit des

Lebenswegs und der weiteren Geschicke der einst in Liebe Verbundenen in

Betracht zieht. Heloise war einst wider ihren Willen und wider ihre Natur

ins Kloster gegangen, nur aus Gehorsam gegen den geliebten Mann. Sie hatte

damit ein Opfer gebracht, dem ihre Natur nicht gewachsen war. Ruhe hatte

sie jedenfalls nicht gefunden hinter den Klostermauern. Zwar brachte sie es

durch ihre geistige und sittliche Energie dahin, daß sie in den Ruf

besonderer Heiligkeit kam, aber man lese ihre erschütternden Selbstanklagen

im vierten Brief, um einen Einblick in dies ruhelose unbefriedigte Herz zu

gewinnen. Aus solchem Gemütszustand heraus sind jene leidenschaftlichen

Ergüsse begreiflich, denen gegenüber Abaelards Auslassungen und

beichtväterliche Ermahnungen freilich kalt erscheinen. Ferner ist zu

bedenken: mit dem Eintritt ins Kloster war Heloisens Leben eigentlich

abgeschlossen; neue gewaltige Eindrücke, durch die die alten verwischt

worden wären, erwarteten die Klosterfrau nicht mehr. Sie zehrte von einer

kurzen Vergangenheit. Was sie aber mitbrachte von Erinnerungen an die Welt,

von Lebenseindrücken, das alles war für sie beschlossen in dem Namen

Abaelard. Dieser Name, ihr Ein und Alles, lebte in ihrem Herzen und mit ihm

die Liebe, und so bedurfte es nur eines zündenden Funkens, um die

zusammengesunkene Glut aufs neue zu entfachen. -- Abaelard dagegen war aus

dem friedlichen Port des Klosters, wohin auch er sich geflüchtet hatte,

mehrmals wieder hinausgeschleudert worden auf die hochgehenden Wogen des

Lebens und der Händel dieser Welt. Er hatte in seinem Beruf, der zwar große

Aufregungen und gehässige Verfolgungen, aber auch glänzende Triumphe mit

sich brachte, einen gewissen innern Halt und Befriedigung gefunden.

Jedenfalls aber war sein Leben so reich an erschütternden neuen Eindrücken

und packenden Erlebnissen, daß jene eine Erinnerung an seine Liebe, jenes

Erlebnis mit Heloise notwendig davor erblassen mußte. Er fühlt sich

überhaupt zu der Zeit, da unsre Briefe geschrieben wurden, als ein

gehetztes Wild, das von allen Seiten bedroht ist. Er bittet Heloise und

ihre Nonnen um ihre besondere Fürsprache im Gebet; er ist ein wegmüder

Mann, hat Todesgedanken und will im »Paraklet«, dem Kloster, das er

Heloisen eingeräumt, begraben sein. Daß er in dieser Verfassung andere

Briefe schrieb, als Heloise, wird man begreiflich finden. Will man ihm

etwas anrechnen, so mag man ihm einen Vorwurf _daraus_ machen, daß er einst

das Opfer einer geheimen Ehe (wiewohl dies immer noch besser war als die

damals unter Klerikern ganz gewöhnlichen _wilden_ Ehen) -- und das noch

größere Opfer des Klostergelübdes von Heloise angenommen hat. --

Nicht ohne Rührung liest man, wie Heloise nun im _sechsten_ Brief die

Stimme des Herzens, die bei Abaelard kein Echo zu wecken vermocht hatte, zu

bezwingen sucht -- »wiewohl wir nichts so wenig in der Gewalt haben wie

unser Herz« -- und um dennoch den Verkehr mit Abaelard aufrecht zu

erhalten, auf das wissenschaftliche Gebiet übergeht. Sie verlangt von

Abaelard Aufschluß über die Entstehung des Mönchswesens, und bittet ihn um

Abfassung einer Klosterregel mit besonderer Rücksicht auf das weibliche

Geschlecht. -- Auf beide Anliegen bleibt Abaelard die Antwort nicht

schuldig, sondern er legt sie nieder in zwei ausführlichen Abhandlungen

(Briefe VII und VIII), von denen namentlich die zweite nach unseren

Begriffen eher ein Buch als ein Brief zu nennen wäre. Ich habe sie dennoch

beide in ihrem ganzen Umfang aufgenommen, weil sie in kultur- und

kirchenhistorischer Beziehung von allgemeinerem Interesse sind und

besonders in die Anschauungen des Mittelalters und in den Betrieb des

Klosterwesens einen lebendigen Einblick gewähren.

Bezeichnend für Abaelard ist es, daß er am Schluß seiner Klosterregel im

Geiste Benedikts den Nonnen die Beschäftigung mit der Wissenschaft aufs

nachdrücklichste anbefohlen hatte. Im _neunten_ Briefe nun schreibt Heloise

an Abaelard, daß sie in dem Bestreben dieser seiner Vorschrift Folge zu

leisten, vielfach auf Hindernisse stoßen, da es ihnen oftmals am nötigen

Verständnis fehle und sie über einzelne Fragen nicht ins reine kommen. Und

so legt sie ihm denn zweiundvierzig Fragen zur Beantwortung vor, die meist

im Zusammenhang mit der Bibellektüre, wie sie von den Nonnen betrieben

wurde, stehen. Diese Fragen sind uns samt den Antworten Abaelards

überliefert; doch habe ich sie selbstverständlich nicht in unsre

Briefsammlung aufgenommen. Denn dieses Frag- und Antwortbuch entbehrt jedes

persönlichen Charakters und ist von ausschließlich wissenschaftlichem

Interesse. -- Die Briefe X und XI sind Begleitschreiben Abaelards zu

litterarischen Sendungen an Heloise. Der zehnte Brief ist dadurch

interessant, daß er ein Schreiben Heloisens an Abaelard rekapituliert, in

dem sie über den Mißstand klagt, der in Beziehung auf die

gottesdienstlichen Gesänge in ihrem Kloster herrsche. Abaelard verfaßte

infolge dieser Anregung selbst eine größere Anzahl von Hymnen zum

gottesdienstlichen Gebrauch für die Nonnen und hängte dieser Sammlung in

seinem Begleitschreiben den üblichen gelehrten Zopf an. -- Der _elfte_

Brief ist ein kurzes Billet, das Abaelard mit einer Sammlung eigener

Predigten an Heloise sandte. -- Der _zwölfte_ Brief endlich enthält das

Glaubensbekenntnis Abaelards. Offenbar hatte er es für nötig befunden, die

Freundin über seine Rechtgläubigkeit zu beruhigen, die von seinen Gegnern

so lebhaft bestritten wurde. Der Brief ist durch eine Schrift seines treuen

und streitbaren Schülers Berengar auf uns gekommen; das darin enthaltene

Bekenntnis klingt für unsre Begriffe sehr orthodox. -- Auch an diese Briefe

hat man schon die Torturschraube der Echtheitsfrage angelegt, allein ohne

Erfolg: wenn irgend eine Urkunde aus dem Mittelalter, so tragen _sie_ den

Stempel der Echtheit an sich. --

Zum Verständnis der Briefe ist es nötig, ein kurzes Wort über _die

hauptsächlichsten Sätze und Lehren Abaelards_ zu sagen. Wir sehen aus der

Selbstbiographie, welchen Reiz litterarische Kämpfe, wissenschaftliche

Disputationen und Erörterungen für Abaelard hatten. Es scheint damals

überhaupt unter der studierenden Jugend eine wahre Disputierwut geherrscht

zu haben. Alles und nichts bewies man mittels der dialektischen Methode und

vielfach glaubte man wohl auch damals, »wenn man nur Worte hörte, es müsse

sich dabei auch etwas denken lassen.« Abaelard war ein geborenes

Disputiergenie, und schon als junger unerfahrener Schüler machte er mit

seiner Streitsucht den Lehrern zu schaffen.

Auf dem Gebiete der Philosophie war zu jener Zeit die Kardinalfrage, über

der die Gelehrten sich in zwei Lager teilten, die Frage nach dem Verhältnis

der _Allgemeinbegriffe_ zu den _Einzeldingen_ (z. B. Menschheit -- Mensch).

Der Streit ging zurück bis auf Plato und Aristoteles. Nach Plato kommt nur

dem Allgemeinen, der Idee wirkliche Existenz zu, während die Einzeldinge

nur schwache unvollkommene Abbilder, gleichsam Schatten davon sind. So hat

z. B. die Idee, das Urbild der Schönheit (in einer andern Welt), _reale_

Existenz und alles Einzelne, was wir hier in dieser Welt schön finden, ist

nur ein Abglanz dieses Ideals. Im Gegensatz zu dieser Meinung lehrte

Aristoteles: _reales_ Sein kommt nur dem _Einzelding_ zu, die

Allgemeinbegriffe existieren nur im menschlichen Denken, sind nichts als

Kombinationen des menschlichen Verstandes, eben nichts als Begriffe

(nomina).

Realismus und Nominalismus wurden nun seit dem elften Jahrhundert die

Schlagworte, die die Parteien auf ihre Fahne schrieben, je nachdem sie sich

an Plato oder an Aristoteles anschlossen. Der eigentliche wissenschaftliche

Begründer des Nominalismus ist Roscelinus; der Hauptvertreter des Realismus

Wilhelm von Champeaux. Beide waren Abaelards Lehrer, aber keiner konnte ihm

ganz Genüge thun. Mit welcher Kühnheit er Wilhelm von Champeaux nötigte,

seine Lehre zu ändern, lesen wir in Abaelards erstem Briefe. Daß diese

philosophischen Theorien, je nachdem man sie auf die Theologie anwandte, zu

bedenklichen Resultaten führen konnten, sieht man an dem Beispiel

Roscelins. Dieser leugnete als konsequenter Nominalist die wirkliche

Existenz des Allgemeinbegriffs »Gottheit« und es blieben ihm nur die drei

Einzelwesen Vater, Sohn, Geist als real existierend, während ihm die

Einheit in und trotz der Dreiheit verloren ging, so daß er der Ketzerei des

Tritheismus (der Dreigötterlehre) beschuldigt wurde. Seitdem war der

Nominalismus den Vertretern der Kirchlichkeit verdächtig und anrüchig. Aber

auch Abaelard selbst bekämpfte diesen Nominalismus seines ehemaligen

Lehrers, und in der schwebenden Frage nahm er seine Stellung in der Mitte

zwischen Roscelinus und Wilhelm von Champeaux, indem er lehrte: allerdings

sei der Begriff, das Allgemeine Grund und Wesen der Einzeldinge und dürfe

nicht bloß (wie die Nominalisten behaupteten) als bloße Abstraktion des

Verstandes und Vorstellung angesehen werden. Allein ebensowenig dürfe man

den Allgemeinbegriffen eine von den Einzeldingen gesonderte Existenz

zuschreiben (wie die Realisten), vielmehr komme das Allgemeine in der Welt

der Wirklichkeit nur in Verbindung mit dem Individuellen zur Erscheinung.

War demnach Abaelards philosophischer Standpunkt unter dem Einfluß der

Platonischen Ideenlehre eher realistisch (also nach damaligen Begriffen

korrekt) zu nennen als nominalistisch, so gingen auch auf dem Gebiete der

_Theologie_ seine wissenschaftlichen Bestrebungen nicht etwa auf Zersetzung

und Auflösung der kirchlichen Dogmen aus, sondern was die gesamte

scholastische Theologie anstrebte, die Vernünftigkeit der bestehenden

Dogmen verstandesmäßig nachzuweisen, das wollte auch er. Nur ging er dabei

mit einer Kühnheit und Konsequenz zu Werke, die ihm in kurzer Zeit eine

scharfe Gegnerschaft erwecken mußte. Schon sein _Erkenntnisprinzip_ drehte

die bisherige Anschauung geradezu um. Bis jetzt hatte in der Kirche der

Grundsatz gegolten: »credo, ut intellegam« (»ich glaube, damit ich

verstehe«), d. h. der Glaube muß dem Verständnis vorausgehen. Abaelard

dagegen lehrte, der Ausgangspunkt alles Wissens sei _der Zweifel_; etwas zu

glauben, ohne es zuvor eingesehen, mit dem Verstande durchdrungen zu haben,

sei widersinnig und unwürdig.

Am heftigsten wurde Abaelard wegen seiner _Lehre von der Trinität_

angegriffen; in seiner »Leidensgeschichte« schildert er aufs

anschaulichste, wie er das Buch, in dem diese Lehre enthalten war, auf der

Synode von Soissons (1121) verbrennen mußte; und noch zwanzig Jahre später,

auf der Synode zu Sens, wo er definitiv verurteilt wurde, hielt man ihm

diese Lehre als Ketzerei vor. Er lehrte nämlich über die Dreieinigkeit

folgendes: Die Substanz der einheitlichen Gottheit werde im einzelnen

bestimmt durch die drei Namen Vater, Sohn, Geist. Vater heiße die Gottheit

nach der ihr zukommenden Eigenschaft der Allmacht, Sohn nach ihrer

Weisheit, heiliger Geist nach ihrer Liebe und Güte. Gott ist also Vater,

Sohn und Geist, d. h. er ist allmächtig, weise und gütig. Diese Lehre

zeigte eine bedenkliche Verwandtschaft mit der von der Kirche verdammten

Trinitätslehre des Sabellius, der die drei Personen der Gottheit als

verschiedene Offenbarungsformen der einen Gottheit nahm (Modalismus).

Großen Anstoß mußten auch _seine ethischen Grundsätze_ und die daraus

resultierende _Lehre von der Sünde_ erregen. Nach Abaelard kommt für das

sittliche Urteil nicht die That als ausgeführte in Betracht, sondern _die

Gesinnung_, aus der sie entspringt. Die Kriegsknechte, die den Herrn

kreuzigten und glaubten damit etwas Gutes zu thun, haben nicht gesündigt.

Andererseits kann Sünde vorhanden sein, wo die sündige That noch gar nicht

geschehen ist. Eva hatte den Sündenfall bereits in dem Augenblick begangen,

als sie den Entschluß faßte, den Apfel zu essen. Alles kommt darauf an, daß

einer Liebe hat. »Habe nur Liebe und du magst thun was du willst.« Das Echo

dieser Lehre vernehmen wir in den Briefen wiederholt.

Während Abaelard so sehr den tiefen Ernst der Sünde verkannte, trat er auch

mit seiner _Lehre von der Erlösung_ in scharfen Gegensatz zu der

Kirchenlehre. In der Kirche war anerkannt die Satisfaktionstheorie des

Anselm von Canterbury, wonach Gott durch Hingabe seines Sohnes die erste

Sünde getilgt und die Menschheit von dem aus jener Sünde entspringenden

ewigen Verderben erlöst hat. Wie kann, ruft Abaelard aus, die

verhältnismäßig geringe Sünde durch die unendlich größere gesühnt werden,

wie sie sich in der Tötung Gottes darstellt! Vielmehr besteht die Erlösung

in einem innerlichen, rein sittlichen Prozeß. Nämlich im Leben, Leiden und

Sterben Jesu bekundet sich eine so mächtige Liebe zur Menschheit, daß

dieselbe notwendig in uns eine Gegenliebe entzündet von solcher Kraft, daß

wir dadurch von der Knechtschaft der Sünde erlöst und Kinder Gottes werden.

--

Dies waren die hauptsächlichsten Irrlehren, die man Abaelard zum Vorwurf

machte, und solcher einzelner Sätze bedurfte man freilich, wenn man ihn auf

Kirchenversammlungen der Ketzerei überführen wollte. Im Grunde aber war der

Kampf, in dem Abaelard kämpfte und schließlich fiel, ein viel

prinzipiellerer. Es war der große Gegensatz zwischen Dialektik und

kontemplativer Mystik, dem er zum Opfer fiel. Die letztere Richtung nahm

eben damals durch ihren geistesgewaltigen Vertreter, Bernhard von

Clairvaux, einen mächtigen Aufschwung. Er ist der eine der beiden Gegner,

die Abaelard am Schluß seiner »Leidensgeschichte« wie drohende Wolken an

seinem Horizont auftauchen sieht, und seinen Machinationen ist er erlegen.

Während die Dialektik durch Vermittelung des Verstandes zur

Glaubenseinsicht und Gotteserkenntnis zu gelangen strebte, wollte die

Mystik die Gottheit unmittelbar erfahren und erfassen. Als den Weg dazu

bezeichnet Bernhard _die Liebe_. »Gott wird _erkannt_, soweit er _geliebt_

wird« war sein Grundsatz. Nicht Nachdenken und logische Schlüsse führen in

die Nähe Gottes, sondern _die Heiligung_, deren höchste Blüte die _Ekstase_

ist, die freilich nur wenigen in besonders geweihten Momenten zu teil wird,

und mittelst deren sich die Seele zum unmittelbaren Anschauen und Genießen

der Gottheit emporschwingt. In diesem Zustand werden ihr Offenbarungen

kund, wie sie durch Studium und Wissenschaft niemals erreicht werden.

Dieser gewaltige Mensch, von dem selbst das Haupt der Kirche willig

Belehrung annahm, lud den Vielverfolgten zum Entscheidungskampf auf die

Synode zu Sens im Jahr 1141. Der langvorbereitete Streich fiel vernichtend

auf Abaelards Haupt. Zwar appellierte er von dem Urteil der Synode, das ihn

der Ketzerei bezichtigte, an den Papst; allein vergebens. Der päpstliche

Spruch lautete auf Exkommunikation, lebenslängliche Klosterhaft und

Verbrennung seiner Schriften. Abaelard wollte selbst seine Sache in Rom

führen und machte sich auf den Weg. Aber er kam nicht weit. Unterwegs

kehrte der müde Wanderer in der Abtei zu Clugny ein; Abt Petrus der

Ehrwürdige nahm ihn auf und bot ihm sein Kloster zum dauernden Asyl für die

kurze Zeit, die ihm noch vergönnt war, an. Abaelard machte durch die

Vermittelung des Petrus seinen Frieden mit der Kirche und mit Bernhard, und

hat wenigstens sein letztes Lebensjahr unangefochten im Frieden des

Klosters verbracht.

Über seine letzten Lebenstage haben wir einen anschaulichen Bericht von

Petrus, den dieser an Heloise schickte. Voll Befriedigung weist der

ehrwürdige Abt darauf hin, wie gläubig und kirchlich, wir möchten sagen,

wie orthodox der große Gelehrte gestorben sei. Auf uns aber macht der

Bericht den wehmütigen Eindruck, daß der einst so geistesmächtige kühne

Streiter hingeschieden ist als ein körperlich und geistig gebrochener Mann.

Die in Betracht kommende Stelle in dem Brief des Abts Petrus lautet in der

Übersetzung folgendermaßen: »Ich erinnere mich meines Wissens nicht, in

demütiger Haltung und Gebärde seinesgleichen gesehen zu haben, so daß einem

aufmerksamen Beobachter weder Germanus niedriger, noch selbst Martinus

ärmer erscheinen konnte. Wiewohl er in der großen Schar unsrer Brüder auf

meine Veranlassung eine höhere Stellung einnahm, schien er doch in seinem

vernachlässigten Gewand der letzte von allen zu sein. Oftmals, wenn er bei

Prozessionen nach der Sitte mit mir den andern voranschritt, wunderte ich

mich und mußte staunen, daß ein Mann von solch hochberühmtem Namen sich so

sehr gering achten und demütigen könne. Es giebt in unserm Orden Leute,

denen ihr geistliches Gewand nicht kostbar genug sein kann; er war in

dieser Hinsicht so bescheiden, daß er sich mit dem unscheinbarsten

begnügte. So hielt er es auch mit Speise und Trank und mit allen leiblichen

Bedürfnissen. Nicht etwa bloß das Überflüssige, sondern alles was nicht

unumgänglich notwendig war, verwarf er für sich und andere in Wort und

Beispiel. Beständig war er mit Lesen beschäftigt, häufig im Gebet vertieft;

sein Schweigen unterbrach er nur, wenn der vertrauliche Verkehr mit den

Brüdern oder ein öffentlicher Vortrag über göttliche Dinge im Konvent ihn

dazu nötigten. Die himmlischen Sakramente feierte er so oft er konnte, Gott

das Opfer des ewigen Lamms darbringend; ja nachdem er durch meine Briefe

und Verwendung die päpstliche Gnade wieder erlangt hatte, nahm er fast

beständig daran teil. Was soll ich viel Worte machen? Sein Geist, sein

Mund, seine Handlungsweise dachte, lehrte und bezeugte allezeit göttliche,

philosophische, wissenschaftliche Wahrheiten. Also lebte er mit uns noch

eine Zeitlang schlecht und recht, gottesfürchtig und meidend das Böse, und

weihte Gott die letzten Tage seines Lebens. Da er an einem starken

Hautausschlag und andern körperlichen Beschwerden litt, sandte ich ihn zur

Erholung nach Châlons. In der Nähe der Stadt, am Saônefluß, einer der

schönsten Gegenden unsres Burgunder Landes, hatte ich ihm für einen

passenden Aufenthalt gesorgt. Hier nahm er die gewohnten Studien wieder

auf, so weit die Krankheit es ihm gestattete und saß beständig über den

Büchern. Und wie man von Gregor dem Großen erzählt, so ließ auch er keinen

Augenblick verstreichen, ohne zu beten, zu lesen, zu schreiben oder zu

diktieren. In der Ausübung solch frommer Werke fand ihn bei seiner Ankunft

der Heimsucher, von dem das Evangelium spricht, und zwar nicht schlafend

wie viele, sondern wachend. Ja wachend fand er ihn und berief ihn zur

himmlischen Hochzeit, nicht als eine thörichte, sondern als eine kluge

Jungfrau. Denn er trug bei sich die Lampe, gefüllt mit Öl, das ist ein

Gewissen erfüllt vom Zeugnis heiligen Wandels. Den gemeinsamen Tribut der

Sterblichkeit zu entrichten, wurde er stärker und stärker von der Krankheit

ergriffen und gelangte in kurzer Zeit zum Ziele. Wie fromm, wie

gottergeben, wie ganz katholisch er seinen Glauben und seine Sünden

bekannte, mit welcher Inbrunst sein sehnsüchtiges Herz die letzte

Wegzehrung und das Unterpfand des ewigen Lebens, nämlich den Leib des

Herrn, unsres Erlösers, empfing, wie gläubig er Leib und Seele für Zeit und

Ewigkeit ihm empfahl, das bezeugen alle Brüder des Klosters, in dem der

Leib des heiligen Märtyrers Marcellus ruht. Also beschloß Meister Petrus

die Tage seines Lebens. Er, der durch sein Wissen und sein Lehren fast der

ganzen Welt bekannt und überall berühmt war, hat in der Schule dessen, der

gesagt hat: 'lernet von mir, denn ich bin sanftmütig und von Herzen

demütig' -- sanftmütig und demütig ausgeharrt, und ist also, das dürfen wir

glauben, zu ihm selbst hinübergegangen.«

* * * * *

Ein _chronologischer Überblick_ über das Leben Abaelards und Heloisens

ergiebt nach dem heutigen Stande der Forschung folgende Daten: Abaelard ist

geboren zu Palais bei Nantes im Jahr 1079; Heloise[2] geboren zu Paris

1101. Im Jahr 1113 ist Abaelard das Haupt der Pariser Schule. Nach längerer

Abwesenheit kehrt er 1117 nach Paris zurück und lernt im Jahr 1118 die

damals siebzehnjährige Heloise kennen, ihr Verhältnis dauert während des

Jahrs 1118-19. Die Gründung des Klosters »Zum Paraklet« durch Abaelard

fällt ins Jahr 1123. Von 1125 an ist Abaelard im Kloster von St. Gildas. Im

Jahre 1129 wird Heloise mit ihren Nonnen aus St. Denis vertrieben. Vom

Jahre 1131 stammt die Bulle des Papstes Innocenz II., worin die Überweisung

des Parakleten an Heloise bestätigt wird. Aus dem Jahre 1132 ungefähr

datiert die »Leidensgeschichte« (Brief I). Im Jahre 1134 verläßt Abaelard

das Kloster St. Gildas. 1136 ist er wieder Lehrer auf dem Berge der

heiligen Genoveva. Im Jahre 1141 wird er auf dem Konzil von Sens verurteilt

und stirbt 1142 im Kloster zu St. Marcel bei Châlons-sur-Saône. Heloise

folgt ihm im Jahre 1163.

[Fußnote 2: Über sonstige Personalien Heloisens sind wir ganz im Dunkeln.

Nicht einmal ihre Abkunft steht fest. Es sind darüber schon alle mögliche

Vermutungen aufgetaucht: von der Behauptung, sie stamme aus dem Geschlecht

der Montmorency, einem der ältesten Adelsgeschlechter Frankreichs -- bis zu

der Ansicht, sie sei nicht sowohl die Nichte des Kanonikus Fulbert gewesen,

als welche sie in den Briefen figuriert, sondern dessen eigene Tochter.]

_Davos_, im März 1894.

Dr. P. Baumgärtner.

I. Brief.

Abaelard an einen Freund.

(Die Leidensgeschichte.)

Gewöhnlich sind es nicht Worte, sondern handgreifliche Vorbilder, die das

menschliche Herz am meisten erregen oder aber zur Ruhe bringen. Darum habe

ich mich entschlossen, dir zum Trost _die Geschichte meiner Leiden_

niederzuschreiben, nachdem ich schon durch mündlichen Zuspruch dich

aufzurichten versucht habe, als du das letzte Mal bei mir weiltest. Erkenne

aus diesen Zeilen, daß das, was du Leiden nennst, im Vergleich mit den

meinigen überhaupt keine sind oder doch nur geringfügige Heimsuchungen --

und lerne sie geduldig tragen.

Ich bin geboren in der Stadt Palais, an der Grenze der Bretagne, ungefähr

acht Stunden östlich von Nantes gelegen. Ein lebhaftes Temperament und ein

leichtempfänglicher Sinn für die Wissenschaft war das Erbe meines

heimatlichen Bodens oder des Blutes, das in meinen Adern rollte. Mein Vater

hatte sich etwas mit Wissenschaft befaßt, ehe er den ritterlichen

Waffenschmuck angelegt hatte, und später war er so sehr für das Studium

eingenommen, daß er darauf sah, alle seine Söhne zuerst wissenschaftlich

auszubilden, ehe sie sich im Waffenhandwerk übten. Und so geschah es auch.

Ich war der Erstgeborene, und je mehr er mich als solchen ins Herz

geschlossen hatte, desto mehr war er bei mir auf einen sorgfältigen

Unterricht bedacht. Die Fortschritte, die ich in den Wissenschaften mit so

leichter Mühe machte, spornten meinen Eifer nur an und schließlich war

meine Neigung zu ihnen so stark geworden, daß ich allen kriegerischen Glanz

samt meinem Erbe und den Vorrechten meiner Erstgeburt drangab und die

Jüngerschaft des Mars verlassend mich ganz in den Dienst Minervas stellte.

Und da ich allen Systemen der Philosophie die Rüstkammer der Dialektik

vorzog, legte ich meine bisherige Waffenrüstung ab und erkor mir statt der

Kriegstrophäen die Kämpfe des Geistes. Ich wurde eine Art Peripatetiker,

indem ich disputierend die Gegenden durchwanderte, von denen es hieß, daß

dort die Kunst der Dialektik besonders ausgebildet sei.

So kam ich denn auch nach Paris, wo von alters her diese Wissenschaft in

höchster Blüte stand. Wilhelm von Champeaux, der in diesem Fache einen

wohlverdienten Ruf genoß, wurde mein Lehrer. Ich besuchte eine Zeitlang

seine Schule und war anfangs ganz wohl bei ihm gelitten; bald aber wurde

ich ihm höchst unbequem, da ich von seinen Sätzen einige zu widerlegen

versuchte und mir wiederholt herausnahm, ihn mit Gegengründen anzugreifen,

wobei ich ihm einigemale sichtlich überlegen war. Auch die bedeutendsten

meiner Mitschüler gerieten darüber höchlich in Entrüstung, um so mehr als

ich der jüngste war und von allen die kürzeste Studienzeit hinter mir

hatte. Und so begann die lange Kette meiner Leiden, die noch immer ihr Ende

nicht erreicht haben, und je weiter mein Ruf sich verbreitete, desto

heftiger entbrannte der Neid meiner Widersacher. Es geschah, daß ich meinen

jugendlichen Kräften Übermäßiges zumutend im Vertrauen auf meine

Geistesgaben noch als ganz junger Mann danach trachtete, eine eigene Schule

zu gründen und schon faßte ich einen Schauplatz für meine künftigen Thaten

in die Augen: nämlich Melun, einen Ort, der damals als königliche Residenz

von ziemlicher Bedeutung war. Mein Lehrer merkte meine Absicht, und um

meine Schule möglichst entfernt von der seinigen zu halten, bot er, so

lange ich seine Schule noch besuchte, insgeheim alle Mittel auf, um die

Einrichtung meiner eigenen zu verhindern und mir den Ort, den ich gewählt

hatte, unmöglich zu machen. Allein er hatte sich mit einigen einflußreichen

Herren des Landes verfeindet; mit ihrer Hilfe führte ich meinen Plan zum

Ziel, und gerade seine offenkundige Mißgunst verschaffte mir das Vertrauen

der Mehrzahl. Gleich durch die ersten Versuche, die ich im Unterrichten

machte, bekam ich einen solchen Namen als Meister der Dialektik, daß der

Ruhm meiner Mitschüler ja sogar der meines Lehrers selbst zu erbleichen

anfing. So wuchs mein Selbstvertrauen immer mehr und ich ruhte nicht, bis

ich meine Schule so schnell wie möglich nach Corbeil verlegt hatte, wo

wegen der Nähe von Paris meinem Ungestüm zu dialektischen Kämpfen

reichlichere Gelegenheit geboten war.

Es dauerte jedoch nicht lange, bis ich infolge von Überanstrengung

erkrankte und in meine Heimat zurückkehren mußte. So war ich einige Jahre

aus Frankreich sozusagen verbannt und wurde von denen, die sich der

Dialektik befleißigten, lebhaft vermißt. Nach Verfluß einiger Jahre jedoch,

als ich mich längst wieder erholt hatte, änderte Wilhelm von Champeaux,

mein berühmter Lehrer und Archidiakon von Paris, plötzlich seine

Lebensweise, indem er in den Orden der regulierten Chorherrn eintrat -- man

sagte mit der Absicht, auf diese Weise den Schein größerer Frömmigkeit zu

erwecken und sich dadurch zu um so höherer Würde aufzuschwingen. Dies

gelang ihm denn auch in kürzester Zeit: er wurde Bischof von Châlons, ohne

sich jedoch durch diese Umgestaltung seines Lebens von Paris oder von der

gewohnten Beschäftigung mit der Philosophie abhalten zu lassen; vielmehr

hielt er eben in dem Kloster, in das er sich, um der Frömmigkeit zu

pflegen, zurückgezogen hatte, öffentliche Vorlesungen wie früher. Damals

kehrte ich zu ihm zurück, um Rhetorik bei ihm zu hören; abgesehen von

mancherlei sonstigen wissenschaftlichen Kämpfen, in denen wir uns

gegeneinander versuchten, brachte ich ihn durch unumstößliche Beweisgründe

dahin, daß er seine von jeher vorgetragene Lehre von den Universalien

(Allgemeinbegriffen) abänderte, ja gänzlich aufgab. Seine Lehre von der

Gemeinsamkeit der Universalien bestand darin, daß er behauptete, ein und

dieselbe Wesensbeschaffenheit liege allen Einzeldingen zu Grunde, so daß

diesen nach seiner Meinung keine _eigentliche_ Wesensverschiedenheit

zukomme, sondern nur eine Mannigfaltigkeit, die von der Menge der

hinzutretenden Accidentien herrühre. Nun änderte er seine Lehre insofern,

daß er nicht mehr die Identität der Wesensbeschaffenheit behauptete,

sondern nur ihre Indifferenz. Dieser Punkt galt aber bei den Dialektikern

von jeher als einer der wichtigsten in der Lehre von den Universalien, so

daß selbst Porphyrius in seinen Isagogen bei Gelegenheit der Besprechung

der Universalien hierüber keine Entscheidung zu treffen wagt, sondern sich

damit begnügt zu sagen: »dies ist ein sehr heikler Punkt«. Da nun Wilhelm

von Champeaux in diesem Punkt seine Lehre geändert, oder vielmehr

unfreiwillig aufgegeben hatte, kamen seine Vorlesungen dermaßen in

Mißkredit, daß man ihm kaum noch gestattete, überhaupt Dialektik zu lesen,

als ob diese ganze Wissenschaft ihren Kernpunkt in der Frage von den

Universalien hätte.

Unter diesen Umständen wuchs das Ansehen meiner eigenen Schule nur

immermehr. Die eifrigsten Anhänger Wilhelms, die meine Lehre früher am

heftigsten bekämpft hatten, kamen nunmehr zu mir; ja, der Nachfolger

Wilhelms an der Schule zu Paris bot mir seinen Lehrstuhl an, um sich mit

den andern zu meinen Füßen zu setzen, da wo einst unser gemeinsamer Lehrer

geglänzt hatte. Und so war ich denn dort nach kurzer Zeit unbeschränkter

Herrscher auf dem Gebiete der Dialektik und als solcher ein Gegenstand

unsäglichen Neides und Schmerzes für meinen früheren Lehrer. Außer stande,

das Mißgeschick, das ihn betroffen hatte, länger zu tragen, griff er zu

unlauteren Mitteln, um mich auch jetzt wieder zu verdrängen. Da er im

offenen Kampfe nichts gegen mich vermochte, setzte er auf Grund von

allerhand ehrenrührigen Beschuldigungen die Entfernung des Mannes durch,

welcher mir seinen Lehrstuhl überlassen hatte, worauf einer meiner Gegner

an seine Stelle rückte. Daraufhin kehrte ich nach Melun zurück und begann

daselbst zu lehren wie früher, und je unverhüllter sich die Mißgunst

Wilhelms gegen mich zeigte, desto mehr trug sie zum Wachstum meines Ruhmes

bei -- nach dem Dichterwort:

»Die Größe macht der Neid zu seinem Ziel,

Am schärfsten weht der Sturmwind auf den Höhn.«

Bald darauf merkte Wilhelm, daß die Mehrzahl seiner Schüler an der

Aufrichtigkeit seiner Frömmigkeit zu zweifeln begann und sich allerhand

über seine Bekehrung zuraunte, da er sich nicht im geringsten veranlaßt

gesehen hatte, sich aus der Hauptstadt zurückzuziehen. Nun siedelte er mit

seinem Konventikel und mit seiner Schule an einen von der Stadt Paris

ziemlich entfernten Ort über. Alsbald kehrte ich von Melun nach Paris

zurück, in der Hoffnung, nun Ruhe vor ihm zu haben. Da jedoch, wie gesagt,

mein Platz noch von meinem Gegner eingenommen war, so ließ ich mich mit

meiner Schule außerhalb der Stadt auf dem Berg der heiligen Genoveva

nieder, als wollte ich jenen Eindringling belagern. Auf die Kunde davon war

Wilhelm unverfroren genug, alsbald nach Paris zurückzukehren; was er noch

an Schülern hatte, brachte er samt seiner kleinen Bruderschaft in seinem

alten Kloster unter; es sah aus, als wollte er den Posten, den er allein im

Feld gelassen hatte, von unsrer Belagerung befreien. Allein während er ihm

nützen wollte, schadete er ihm nur. Vorher nämlich hatte der gute Mann noch

etliche Schüler gehabt, hauptsächlich wegen seiner Vorlesungen über

Priscianus, für die ihm ein gewisser Ruf zur Seite stand. Nach der Ankunft

des Meisters jedoch verlor er vollends alle und war so genötigt, sein

Lehramt aufzugeben, und es dauerte nicht lange, bis auch er, dem Ruhme

dieser Welt völlig entsagend, ins Kloster ging. Welche Schlachten auf dem

Felde der Wissenschaft meine Schüler nach der Rückkehr Wilhelms mit ihm

selbst wie mit seinen Anhängern ausgefochten haben und wie die Gunst des

Schicksals in diesen Kämpfen mit mir und den meinigen war, das hat dir

längst der weitere Verlauf der Ereignisse gezeigt. Kühnlich, wenn auch

bescheidnern Sinnes, darf ich jenes Wort des Aiax auf mich anwenden:

»Und fragst du nach dem Ende dieses Kampfs,

So sag ich stolz: er hat mich nicht besiegt.«

Wollte ich darüber schweigen, die Thaten würden für sich selbst sprechen

und der schließliche Erfolg würde laut genug für mich zeugen.

Während dieser Vorgänge drang meine geliebte Mutter Lucia in mich, nach

Hause zu kommen. Mein Vater Berengar war nämlich ins Kloster gegangen, und

meine Mutter hatte das Gleiche im Sinn. Nach Erledigung dieser

Angelegenheit kehrte ich nach Frankreich zurück, hauptsächlich mit der

Absicht, Theologie zu studieren. In diesem Fache genoß Wilhelm von

Champeaux innerhalb seines Bistums Châlons eines ziemlichen Rufes. Die

größte Autorität auf diesem Gebiete war jedoch seit lange sein Lehrer

Anselm von Laon.

Ich besuchte also die Schule dieses ehrwürdigen Mannes, der freilich seinen

Namen mehr einer langjährigen Thätigkeit zu danken hatte als seinem Geist

und seiner Bedeutung. Wer über irgend eine Frage im Zweifel war und an

seine Thür pochte, um sich Rats zu erholen, der wußte nachher gewiß weniger

als vorher. Der Masse der Zuhörer wußte er zu imponieren, wenn man aber

unter vier Augen mit ihm sprach, machte er einen sehr dürftigen Eindruck.

Er verfügte über eine ungewöhnliche Redegewandtheit, aber es steckte im

Grunde wenig dahinter. Das Feuer, das er entzündete, füllte sein Haus nur

mit Rauch, statt es zu erleuchten. Er glich einem Baum, der in seinem

reichen Blätterschmuck von weitem vielversprechend aussah, und doch wenn

man ihn aus der Nähe genauer betrachtete, keine Früchte aufzuweisen hatte.

Daher als ich hinzutrat, um Früchte bei ihm zu finden, fand ich in ihm

jenen Feigenbaum, den der Herr einst verfluchte, oder jene alte Eiche, mit

der der Dichter Lucanus den Pompejus vergleicht, indem er sagt:

»Von seinem Namen lebt nur noch ein Schatten,

Wie im fruchtbaren Feld der hohe Eichbaum steht.«

Nachdem ich dies herausgefunden hatte, blieb ich nicht lange müßig in

seinem Schatten liegen, sondern besuchte seine Vorlesungen immer seltener.

Einige seiner bedeutendsten Schüler waren nun darüber empört, daß ich einem

Lehrer von solcher Bedeutung so wenig Achtung zollte und wußten ihn durch

allerlei Ränke und Verleumdungen gegen mich einzunehmen. Eines Tags nach

Abschluß einer wissenschaftlichen Besprechung unterhielten wir uns in

zwangloser Weise. Einer meiner Mitschüler fragte mich bei dieser

Gelegenheit, um mich in Verlegenheit zu bringen, was ich vom Lesen der

heiligen Schrift halte. Ich, der ich bis jetzt nur weltliche Wissenschaft

getrieben hatte, antwortete, daß es kein ersprießlicheres Studium gebe als

das der Bibel, weil diese uns über das Heil unserer Seele unterrichte; nur

müsse ich mich darüber höchlich wundern, daß den Gelehrten zum Verständnis

der heiligen Schriftsteller nicht der einfache Text und etwa die Glossen

dazu genügen, sondern daß sie noch weitere Hilfsmittel nötig hätten.

Darüber erhob sich ein allgemeines Gelächter und man fragte mich, ob ich

mir getraue, einen solchen Versuch zu machen. Ich erwiderte, daß ich zur

Probe bereit sei, wenn sie es darauf ankommen lassen wollten. »Gewiß wollen

wir,« antworteten sie mir unter Geschrei und erneutem Gelächter; »man wird

Euch zu einem weniger bekannten Text einen Ausleger anweisen und wir werden

sehen, wie Ihr Euer Versprechen haltet.«

Sie vereinigten sich nun auf ein höchst schwieriges Kapitel des Propheten

Ezechiel; ich nahm den Ausleger an und lud sie schon auf den folgenden Tag

zu einer Vorlesung ein. Sie jedoch wollten mich gegen meinen Willen eines

Besseren belehren und meinten, eine so wichtige Sache dürfe man nicht

übereilen; da ich in diesem Fache doch noch wenig Übung habe, müsse ich

mehr Zeit auf die Ausarbeitung meiner Erklärung verwenden. Allein ich

antwortete in gereiztem Tone, daß ich gewohnt sei, mich nicht auf eine

möglichst lange Frist, sondern auf meinen Verstand zu verlassen, und ich

werde überhaupt die ganze Sache aufgeben, wenn sie sich nicht ohne Verzug

zu der Vorlesung einfinden wollten, wann ich es wünsche. Zu meiner ersten

Vorlesung fanden sich nun allerdings nur wenige ein; die meisten fanden es

lächerlich, daß ich -- bisher ganz unbewandert im Studium der heiligen

Schrift -- damit so kurzer Hand verfahren wollte. Denen aber, die meiner

Vorlesung anwohnten, gefiel sie so gut, daß sie sie nicht genug loben

konnten und mich drängten, meine Erklärung nach dieser meiner Methode

fortzusetzen. Als dies bekannt wurde, beeilten sich auch die, die bisher

ferngeblieben waren, in die zweite und dritte Vorlesung zu kommen, und

waren eifrig darauf bedacht, von dem, was ich am ersten Tag gelesen hatte,

sich eine Abschrift zu verschaffen.

Die Folge davon war, daß der alte Anselm von gewaltiger Eifersucht befallen

wurde, und da er schon vorher infolge mißgünstiger Einflüsterungen nicht

gut auf mich zu sprechen war, verfolgte er mich nun wegen meiner

theologischen Vorlesungen gerade so, wie es einst Wilhelm wegen der

philosophischen gethan hatte.

Für seine beiden bedeutendsten Schüler galten damals Alberich von Rheims

und Lotulph aus der Lombardei; jemehr diese von sich selber eingenommen

waren, destoweniger waren sie mir hold. Es hat sich nachmals

herausgestellt, daß Anselm sich durch ihre Vorstellungen bestimmen ließ,

mir die Fortsetzung meiner begonnenen Erklärung am Schauplatz seiner

Lehrthätigkeit kurzweg zu untersagen, unter dem Vorwand, es möchten, da

meine Erfahrung in diesem Fache noch mangelhaft sei, Verstöße vorkommen,

für die er dann verantwortlich gemacht werden würde. Als dies meinen

Schülern zu Ohren kam, war ihre Entrüstung über einen so unverblümten

Brotneid groß; denn deutlicher konnte sich ja die Eifersucht nicht zu

erkennen geben. Je mehr ich übrigens unter solchen Verfolgungen zu leiden

hatte, desto größer wurde dadurch mein Ansehen und mein Ruhm.

So kehrte ich denn auch bald nach Paris zurück, und hatte dort den mir

schon längst bestimmten und angebotenen Lehrstuhl, von dem ich vertrieben

worden war, einige Jahre in ungestörter Ruhe inne; gleich im Anfang meiner

Wirksamkeit ging mein Streben dahin, jene Glossen zu Ezechiel zu vollenden,

die ich in Laon begonnen hatte. Dieses Werk fand beim Publikum eine äußerst

günstige Aufnahme, und man hörte bereits das Urteil, daß meine theologische

Begabung in nichts hinter meiner philosophischen zurückbleibe. Die

Begeisterung für meine Vorlesungen in beiden Fächern vermehrte die Zahl

meiner Schüler ganz erheblich; welcher Gewinn, welcher Ruhm mir daraus

erwuchs, das ist auch dir gewiß nicht unbekannt geblieben. Allein das Glück

hat von jeher die Thoren aufgebläht; die Sicherheit dieser Welt schwächt

die Kräfte der Seele und der Geist erliegt dann nur allzu leicht den

Lockungen des Fleisches. So ging es auch mir: schon hielt ich mich für den

einzigen Philosophen in der Welt, der von keiner Seite mehr einen Angriff

zu fürchten brauche, und ich, der bis jetzt die strengste Enthaltsamkeit

geübt hatte, begann nun meinen Leidenschaften die Zügel schießen zu lassen.

Je mehr ich in Philosophie und Theologie Fortschritte machte, desto weiter

blieb ich mit meinem unreinen Lebenswandel hinter den Philosophen und den

Heiligen zurück. So viel ist sicher, daß die Philosophen und noch mehr die

Heiligen, d. h. die, die ihr Leben nach den Geboten der heiligen Schrift

einrichteten, ihr Ansehen hauptsächlich ihrer Enthaltsamkeit verdanken. Ich

nun war ganz und gar von der Krankheit des Stolzes und der Sinnlichkeit

befallen, aber Gott hat mich in seiner Gnade von beiden Übeln geheilt,

freilich gegen meinen Willen, und zwar zuerst von der Sinnlichkeit, dann

vom Stolz. Von der Sinnlichkeit, indem er mich dessen beraubte, womit ich

ihr gefrönt hatte; vom Stolz, der sich auf mein Wissen gründete -- denn

»Wissen bläht auf«, sagt der Apostel -- indem er mich die Demütigung

erleben ließ, daß mein berühmtestes Buch verbrannt wurde.

Ich möchte, daß du mit der Geschichte dieser Vorgänge nicht bloß durchs

Hörensagen bekannt würdest, sondern durch eine getreue, dem Gang der

Ereignisse folgende Darstellung. Vor dem schmutzigen Verkehr mit

Buhlerinnen hatte ich von jeher einen Abscheu, andererseits ließ mich mein

Studium, das mich ganz und gar in Anspruch nahm, nicht zum Umgang mit

edleren Frauen kommen, auch war ich in den Umgangsformen weltlichen

Verkehrs nicht bewandert. Da fand das Schicksal, mich scheinbar hätschelnd,

in Wirklichkeit aber mir feindlich gesinnt, ein bequemes Mittel, um mich

von dem Gipfel meiner Größe herabzustürzen -- ja vielmehr die göttliche

Liebe wollte mich, der ich in meinem Übermut des Dankes gegen die Gnade

Gottes vergessen hatte, durch eine tiefe Demütigung auf den rechten Weg

zurückbringen.

Es lebte in Paris eine Jungfrau Namens Heloise, die Nichte eines Kanonikus

Fulbert, der ihr zuliebe alles that, um an ihrer wissenschaftlichen

Ausbildung nichts zu verabsäumen. Gehörte sie schon ihrem Äußern nach nicht

zu den letzten, so war sie durch den Reichtum ihres Wissens weitaus die

erste. Denn je seltener man den Vorzug wissenschaftlicher Bildung bei

Frauen findet, destomehr Reiz verlieh sie diesem Mädchen, das sich dadurch

bereits im ganzen Lande einen Namen gemacht hatte. Sie, die ich mit allem

geschmückt sah, was Liebe zu wecken pflegt, gedachte ich nun durch Bande

der Liebe an mich zu fesseln, und zweifelte keinen Augenblick an meinem

Erfolg. Mein Name war damals hoch gefeiert und ich stand in der Blüte

männlicher Jugendschöne, so daß ich keine Zurückweisung fürchten zu müssen

glaubte, wenn ich eine Frau meiner Liebe würdigte, mochte sie sein, wer sie

wollte. Von Heloise aber glaubte ich, daß sie sich mir um so lieber ergeben

werde, als sie wissenschaftliche Bildung besaß und eine Vorliebe für die

Wissenschaften hatte. Ich sagte mir, daß wir infolgedessen selbst in die

Ferne schriftlich miteinander verkehren konnten, daß man dabei der Feder

manches kühne Wort vertrauen könne, das die Lippe nicht gewagt hätte, und

daß uns so allezeit Gelegenheit zum süßesten Gedankenaustausch geboten sei.

Von glühender Liebe zu diesem Mädchen erfüllt, suchte ich nach einer

Gelegenheit, um sie durch täglichen Verkehr in ihrem Hause näher kennen zu

lernen und sie meinen Wünschen gefügig zu machen. Ihres Oheims eigene

Freunde waren mir dabei behilflich; ich kam mit ihm überein, daß er mich um

eine beliebige Entschädigung in sein Haus aufnehmen sollte, das ganz in der

Nähe meiner Schule lag. Ich gebrauchte dabei den Vorwand, daß mir bei

meinem Gelehrtenberuf die Sorge für meine leibliche Notdurft hinderlich sei

und mir auch zu teuer zu stehen komme. Nun war Fulbert ein großer Geizhals,

dabei aber doch darauf bedacht, daß seine Nichte in ihrer gelehrten Bildung

möglichst große Fortschritte mache. Beides zusammen verschaffte mir ohne

Schwierigkeiten die Einwilligung zu dem, was ich wollte: einerseits war der

Alte auf das Geld aus, andererseits versprach er sich von meinem Unterricht

einen Vorteil für das Mädchen. Ja, er kam selber meinen Wünschen über alles

Erwarten entgegen und leistete unbewußt meiner Liebe Vorschub. Er überließ

mir Heloise ganz und gar zur Erziehung und bat mich obendrein dringend, ich

möchte doch ja alle freie Zeit, sei's bei Tag oder bei Nacht, auf ihren

Unterricht verwenden, ja, wenn sie sich träge und unaufmerksam zeige, solle

ich sie rücksichtslos bestrafen. Ich mußte nur staunen über eine solch

grenzenlose Einfalt, die das unschuldige Lamm dem hungrigen Wolf

anvertraute. Er gab sie mir also nicht bloß in die Lehre, sondern übertrug

mir auch das Recht der Züchtigung. War damit meinen Wünschen nicht Thür und

Thor geöffnet? Machte er es mir auf diese Weise doch möglich, ohne daß ich

es wollte, mit Drohen und Schlagen zum Ziele zu gelangen, wenn die Worte

der Verführung nichts nutzten! Aber ein Zweifaches hielt jeden Verdacht

fern von ihm: die Liebe zu seiner Nichte und die allbekannte

Unbescholtenheit meines bisherigen Lebens.

Was soll ich weiter viel sagen? Zuerst Ein Haus, dann Ein Herz und Eine

Seele. Unter dem Deckmantel der Wissenschaft gaben wir uns ganz der Liebe

hin und unsere Beschäftigung bot uns von selbst die Gelegenheit des

Alleinseins, wie Liebende sie wünschen. Da war denn freilich über dem

offenen Buche mehr von Liebe die Rede als von Wissenschaft, da gab es mehr

Küsse als weise Sprüche. Nur allzu oft verirrte sich die Hand von den

Büchern weg zu ihrem Busen, und eifriger als in den Schriften lasen wir

eins in des andern Augen; ja, um jeden Verdacht unmöglich zu machen, ging

ich einigemale soweit, daß ich sie züchtigte. Aber es war Liebe, die

schlug, nicht Grimm; Neigung, nicht Zorn, und diese Züchtigungen waren

süßer als aller Balsam der Welt. Kurz: die ganze Stufenleiter der Liebe

machte unsre Leidenschaft durch, und wo die Liebe eine neue Entzückung

erfand, da haben wir sie genossen. Der Reiz der Neuheit, den diese Freuden

für uns hatten, erhöhte nur die Ausdauer unserer Glut und unsere

Unersättlichkeit. Je mehr ich ein Sklave der Lust geworden war,

destoweniger hatte ich mehr übrig für Wissenschaft und Schule. Es war mir

im Innersten zuwider, vor meine Schüler hinzutreten und unter ihnen zu

weilen; zugleich war es ein aufreibendes Leben, das ich führte: meine

Nächte gehörten der Liebe, die Tage der geistigen Arbeit. Meine Vorträge

waren gleichgültig und matt, meine Rede sprühte nicht mehr von Funken des

Geistes, erhob sich nicht mehr über das Gewöhnliche. Ich konnte nur noch

wiederholen, was ich früher ausgedacht hatte, und wenn ich dann und wann

noch imstande war, ein Lied zu dichten, so sang ich vom Lob der Minne,

nicht von den Tiefen der Weisheit. Die meisten dieser Lieder leben noch

jetzt, wie du wohl weißt, da und dort im Munde des Volkes und werden von

denen gesungen, die Gleiches erleben.

Von der Trauer, dem Jammer, den Klagen meiner Schüler als sie entdeckten,

daß ich innerlich in dieser Weise in Anspruch genommen, ja gestört sei,

kann man sich kaum eine Vorstellung machen. Eine Sache, die so klar am Tage

lag, konnte ja unmöglich ein Geheimnis bleiben, und ich glaube fast: nur

der Mann wußte nichts davon, dessen Ehre dabei am meisten auf dem Spiele

stand, der Oheim des Mädchens selbst. Zwar wurde er mehrmals und von

verschiedenen Seiten gewarnt; allein er schenkte solchen Einflüsterungen

keinen Glauben und zwar aus den oben genannten Gründen, wegen der

unbegrenzten Liebe zu seiner Nichte und wegen der unbezweifelten Reinheit

meines Vorlebens. Denn wohl fällt es uns schwer, von denen, die wir lieben,

Schlechtes zu glauben, und wahre Liebe weiß nichts von dem schleichenden

Gifte des Argwohns. So schreibt auch der heilige Hieronymus in seinem Brief

an Sabinianus: »Gewöhnlich erfahren wir selbst es zuletzt, wenn in unserem

Hause etwas nicht in Ordnung ist, und wissen nichts von den Fehlern unserer

Kinder und Frauen, wenn die Nachbarn schon laut davon sprechen.« -- Aber

wenn auch spät, einmal wird es doch offenbar; was alle wissen, bleibt einem

einzigen auf die Dauer auch nicht verborgen.

Dies war, nachdem einige Monate verflossen waren, auch das Schicksal

unserer Liebe. Ach, wie zerriß diese Entdeckung dem Oheim das Herz! Wie

groß war der Schmerz, der die Liebenden selbst durch die nun folgende

Trennung traf! Welche Schande, welche Verlegenheit für mich! Mit welcher

Verzweiflung erfüllte mich das Unglück des Mädchens! Welche Qualen, welche

Trauer über den Verlust meines eigenen guten Leumunds stand ich aus! Jedes

von uns beklagte nicht sein eigenes Mißgeschick, sondern nur das des

andern. Allein die körperliche Trennung befestigte nur das Band unserer

Seelen und unsere Liebe wurde um so glühender, je mehr die Befriedigung ihr

fehlte. Nachdem unsre Leidenschaft einmal die Fesseln der Scham

durchbrochen hatte, wurden wir unempfindlich gegen sie, und das Schamgefühl

hatte um so weniger Einfluß auf uns, je lockender die Sünde erschien, die

wir begangen. Wir erlebten an uns dasselbe, was der Dichter von Mars und

Venus erzählt, als sie bei einander überrascht wurden.

Bald darauf fühlte Heloise sich Mutter; in der höchsten Freude

benachrichtigte sie mich davon und fragte mich um Rat, was nun zu thun sei.

Nachdem wir vorher darüber eins geworden waren, entführte ich sie ihrem

Oheim in einer Nacht, da er nicht zu Hause war. Unverzüglich geleitete ich

sie in meine Heimat zu meiner Schwester, bei der sie bis zur Geburt eines

Knäbleins verblieb, dem sie den Namen Astralabius gab. Fulbert gebärdete

sich bei seiner Heimkehr wie ein Rasender; nur wer es selbst mit ansah,

kann sich eine Vorstellung machen von der Wut seines Schmerzes und von

seiner peinlichen Verlegenheit. Er wußte nicht, was er mir anthun, welche

Rache er an mir nehmen sollte. Mir nach dem Leben zu stehen oder mir einen

leiblichen Schaden zuzufügen -- davon hielt ihn die Angst ab, seine

vielgeliebte Nichte möchte dies bei den Meinigen zu büßen bekommen. Auch

konnte er sich nicht etwa meiner Person bemächtigen und mich mit Gewalt in

irgend einen Gewahrsam bringen. Denn gerade in dem Punkt war ich sehr auf

meiner Hut; ich kannte ihn als einen Mann, der sich nicht lange besinnen

würde, wenn sich gute Gelegenheit zu einem Wagnis böte. Zuletzt aber bekam

ich selbst Mitleid mit dem ungemessenen Schmerz des Mannes, auch machte ich

mir Gewissensbisse über die Art und Weise, wie ich ihn um meiner Liebe

willen hintergangen hatte, und klagte mich des schwärzesten Verrates gegen

ihn an. So ging ich denn zu Fulbert, bat ihn um Vergebung und bot ihm jede

beliebige Entschädigung an. Ich beteuerte ihm, daß niemand über meine That

befremdet sein könne, der die Macht der Liebe einmal erfahren habe und der

wisse, wie schmählich von Anbeginn der Welt an selbst die größten Männer

durch die Weiber zu Fall gebracht worden seien. Um ihn völlig zu

besänftigen, bot ich ihm eine Genugthuung an, die er nicht erwarten konnte:

nämlich das verführte Mädchen zu meiner rechtmäßigen Frau zu machen, unter

der einen Bedingung, daß unsere Ehe geheim bleiben sollte, damit ich an

meinem Ruf keine Einbuße erleide. Fulbert ging darauf ein und er sowohl als

seine Freunde gaben mir die Hand darauf und besiegelten durch Küsse den

Friedensschluß -- nur um mich desto sicherer zu verraten.

Ich kehrte nun in meine Heimat zurück und holte die Geliebte ab, um sie zu

meiner Frau zu machen. Aber Heloise war keineswegs damit einverstanden und

riet mir aus zwei Gründen dringend von meinem Vorhaben ab: nämlich wegen

der Gefahr und wegen der Unehre, der ich mich dadurch aussetze. Sie

versicherte mich, Fulbert lasse sich durch keine Genugthuung über das, was

geschehen sei, beruhigen. Es zeigte sich später, daß sie recht hatte. Sie

fragte mich, wie sie sich meines Besitzes sollte freuen können, wenn sie

dadurch meinen Ruhm untergrabe und sich und mich zugleich erniedrige. Wie

könnte sie es vor der Welt verantworten, wenn sie ihr eine solche Leuchte

entzöge! Wie viel Verwünschungen würden diesem Ehebund nachgesandt werden,

welcher Schaden würde der Kirche daraus erwachsen, wie viel Thränen würde

die Wissenschaft darüber vergießen! Wie erbärmlich und kläglich wäre es,

wenn ein Mann wie ich, geschaffen für die ganze Welt, sich durch ein Weib

binden lassen und sich unter ein schimpfliches Joch beugen wollte! Sie

verwarf diese Ehe aufs lebhafteste, da sie mir in jeder Hinsicht nachteilig

und eine Last sei. Sie hielt mir ferner die geringe Achtung vor, in der die

Ehe stehe und die Unannehmlichkeiten, die damit verbunden seien, zu deren

Vermeidung der Apostel uns mahnt mit den Worten: »Bist du los vom Weib, so

suche kein Weib. So du aber freiest, sündigest du nicht, und so eine

Jungfrau freiet, sündiget sie nicht; doch werden solche leibliche Trübsal

haben; ich verschonete aber euer gerne.« -- Und noch einmal sagt er: »ich

wollte aber, daß ihr ohne Sorge wäret.« -- Und wenn ich weder den Rat des

Apostels noch die Warnungen der heiligen Väter vor dem Joch der Ehe

annehmen wolle: so möchte ich doch wenigstens auf die Philosophen hören und

auf das, was in dieser Hinsicht entweder durch sie oder über sie

geschrieben worden sei. Auch die Kirchenväter beziehen sich ja vielfach auf

sie, um uns zu warnen. Als Beispiel führte sie den heiligen Hieronymus an,

der im ersten Kapitel seiner Schrift »Gegen Jovinianus« von Theophrastus

erzählt, daß dieser in einer ausführlichen Besprechung der unerträglichen

Beschwerden und beständigen Aufregungen, die der Ehestand mit sich bringe,

schließlich mit den überzeugendsten Gründen zu dem Schluß komme: der Weise

sollte überhaupt nicht heiraten. Am Schluß seiner Betrachtungen über jene

Äußerungen des Philosophen sagt Hieronymus selbst: »Welcher Christ muß sich

nicht beschämt fühlen, wenn er einen Theophrastus also reden hört?« In

derselben Schrift -- fuhr Heloise fort -- führt Hieronymus das Beispiel

Ciceros an. Als dieser sich von Terentia hatte scheiden lassen, redete ihm

sein Freund Hircius zu, er solle seine Schwester heiraten; allein er lehnte

dies entschieden ab, da er sich nicht zugleich einer Frau und der

Philosophie widmen könne. Er sagt nicht einfach »sich widmen«, sondern fügt

das Wort »zugleich« hinzu. Er wollte nichts thun, was ihn verhindert hätte,

seine Aufmerksamkeit völlig auf die Philosophie zu beschränken.

Doch ich will davon nicht weiter sprechen, welches Hindernis für deinen

gelehrten Beruf eine bürgerliche Ehe wäre. Denke nur an das übrige, was sie

in ihrem Gefolge hätte. Was für ein Durcheinander! Schüler und Kammerzofen,

Schreibtisch und Kinderwagen! Bücher und Hefte beim Spinnrocken,

Schreibrohr und Griffel bei den Spindeln! Wer kann sich mit Betrachtung der

Schrift oder mit dem Studium der Philosophie abgeben und dabei das Geschrei

der kleinen Kinder, den Singsang der Amme, der sie beruhigen soll, die

geräuschvolle Schar männlicher und weiblicher Dienstboten hören? Wer mag

die beständige widerliche Unreinlichkeit der Kinder gern ertragen? Reiche

Leute wissen sich in dieser Beziehung zu helfen, das gebe ich zu, denn sie

sind in ihren fürstlichen Räumen nicht beschränkt, sie brauchen in ihrem

Überfluß nicht auf die Kosten zu sehen und die Sorge ums tägliche Brot

liegt ihnen fern. Allein die Lage der Philosophen ist eine andere als die

der Reichen und wiederum: wer nach irdischen Schätzen trachtet und in die

Sorgen dieser Welt verwickelt ist, hat keine Zeit für göttliche oder

philosophische Dinge.

Darum haben auch die großen Philosophen der alten Zeit voll Weltverachtung

das Leben in der Welt aufgegeben, ja förmlich geflohen, jeden irdischen

Genuß sich versagend, um allein in den Armen der Weisheit Ruhe zu finden.

Einer der größten von ihnen, Seneca, giebt dem Lucilius folgende Anweisung:

»Nicht bloß deine freie Zeit darfst du der Philosophie widmen: ihr zulieb

muß man alles andere hintansetzen, nie kann man auf sie zu viel Zeit

verwenden. Vernachlässigst du das Studium der Philosophie eine Zeitlang, so

ist dies fast ebenso, wie wenn du es ganz aufgeben würdest; denn durch

zeitweise Unterbrechung geht der ganze Gewinn verloren. Anderweitigen

Ansprüchen müssen wir aus dem Wege gehen und sie fern von uns halten, statt

sie zu befriedigen.« Was noch jetzt unsere Mönche, wenigstens die diesen

Namen wahrhaft verdienen, aus Liebe zu Gott thun, das thaten in der alten

Zeit aus Liebe zur Weisheit die edlen heidnischen Philosophen. Denn in

jedem Volke, sei es heidnischen, jüdischen oder christlichen Glaubens, hat

es von jeher Männer gegeben, die durch Glauben oder Sittenreinheit über den

anderen standen und durch einen besonderen Grad von Enthaltsamkeit und

Strenge von der großen Menge geschieden waren.

So gab es bei den Juden von alters her Nasiräer, die sich nach einer

besonderen Gesetzesvorschrift Gott weihten; da waren ferner die Söhne der

Propheten, die Jünger des Elia und Elisa, die uns im Alten Testament nach

dem Zeugnis des heiligen Hieronymus wie Mönche beschrieben werden. Etwas

ähnliches waren auch jene drei philosophischen Sekten, die Josephus in

seinen »Altertümern«, Kapitel XVIII, aufzählt und teils Pharisäer, teils

Sadducäer, teils Essäer nennt. Bei uns sind die Mönche an ihre Stelle

getreten, die entweder das gemeine Leben der Apostel nachahmen, oder nach

dem ältern Vorbild das Einsiedlerleben des Johannes. Die Heiden aber hatten

dafür, wie gesagt, ihre Philosophen. Denn unter dem Namen »Weisheit« oder

»Philosophie« verstanden sie weniger den Betrieb der Wissenschaft als eine

gottgeweihte Lebensführung; dies lehrt uns die ursprüngliche Bedeutung des

Wortes und außerdem auch das Zeugnis der heiligen Väter. So sagt der

heilige Augustin im achten Kapitel seines Buches »Vom Gottesstaat«, wo er

die verschiedenen Philosophenschulen aufzählt, folgendes: »Der Stifter der

Italischen Schule ist Pythagoras von Samos; man sagt, daß von ihm der Name

'Philosophie' herrühre. Früher nämlich wurden Männer, die sich durch

tadellose Lebensführung irgendwie über die andern erhoben, Weise genannt.

Pythagoras dagegen sagte, als man ihn nach seinem Beruf fragte, er sei ein

Philosoph, d. h. ein Jünger oder Liebhaber der Weisheit; sich einen Weisen

zu nennen, hielt er für eine Anmaßung.«

Nun geht aus den Worten: »die sich _durch tadellose Lebensführung_

irgendwie über die andern erhoben« -- deutlich hervor, daß die heidnischen

Weisen, d. h. die Philosophen, ihren Namen nicht dem Ruhm ihres Wissens,

sondern der Vortrefflichkeit ihres Lebenswandels verdankten. Für die

Nüchternheit und Enthaltsamkeit ihres Lebens brauche ich dir aber nicht

erst Beispiele anzuführen: das hieße Eulen nach Athen tragen. Wenn aber

Laien, und dazu Heiden, durch kein religiöses Gelübde gebunden, also gelebt

haben, was wirst dann du zu thun haben, du, ein Geistlicher und Chorherr?

Wolltest du dem Dienste Gottes niedrige Sinnenlust vorziehen und dich in

ihren Strudel hineinziehen lassen, wolltest du in diesem Schlamm versinken,

jeder Scham bar und ohne Hoffnung auf Rückkehr? Wenn dich die Rücksicht auf

deinen geistlichen Beruf nicht zurückzuhalten vermag, so wirf wenigstens

die Würde des Philosophen nicht weg. Lässest du die Gottesfurcht außer

acht, so möge doch das Ehrgefühl deine Begierde zügeln. Denke an die

unglückselige Ehe des Sokrates, und wie schwer er den Verrat an der

Philosophie büßen mußte, allen anderen zum abschreckenden Beispiel.

Hieronymus spricht davon im ersten Buch seiner Schrift »Gegen Jovinianus«,

wo er eben von Sokrates erzählt: »Xanthippe überschüttete ihn einmal vom

Fenster aus mit einer endlosen Flut von Schimpfworten. Sokrates ließ es

ruhig über sich ergehen, und als ihm seine Ehehälfte auch noch schmutziges

Wasser auf den Kopf goß, trocknete er sich ruhig ab und sagte: 'Ich wußte

wohl, daß ein solches Donnerwetter nicht ohne Regen bleiben werde.'«

Heloise stellte mir außerdem noch vor, wie gefährlich es für mich sei, sie

nach Paris zurückzuführen, und wie viel lieber sie meine Geliebte als meine

Gattin heißen wolle, abgesehen davon, daß jenes für mich ehrenvoller sei.

Einzig und allein der freien Liebe wolle sie meinen Besitz verdanken, nicht

dem Zwang des ehelichen Bandes. Und je seltener unsere Zusammenkünfte

stattfinden könnten, desto süßer werden die Freuden unserer Vereinigung

nach der zeitweiligen Trennung sein.

Da sie nun durch derartige Ratschläge und Warnungen meinen verblendeten

Sinn nicht umzustimmen vermochte und mich doch auch nicht beleidigen

wollte, brach sie ihre Vorstellungen unter Seufzen und Thränen mit den

Worten ab: dies allein bleibt uns noch zu thun übrig: so wird unser

gemeinsames Verderben besiegelt sein und ein Jammer über uns kommen, so

groß wie einst unser Liebesglück war. Und auch darin -- die ganze Welt weiß

es -- hatte ihr prophetischer Geist nur allzurichtig gesehen.

Wir ließen unser Kind in der Obhut meiner Schwester und kehrten heimlich

nach Paris zurück. Dort wurden wir bald nach unserer Ankunft eines Morgens

in aller Frühe getraut, nachdem wir die Nacht in einer Kirche mit der Feier

der Vigilien in der Stille verbracht hatten. Als Zeugen waren zugegen der

Oheim Heloisens, sowie einige Verwandte von meiner und ihrer Seite. Dann

trennten wir uns alsbald -- jedes ging still seines Wegs, und von da an

sahen wir uns nur noch selten und verstohlen, da unsere Ehe geheim bleiben

sollte.

Heloisens Oheim jedoch und seine Angehörigen, die den ihnen zugefügten

Schimpf immer noch nicht verschmerzt hatten, fingen an, unser Ehebündnis

bekannt zu machen und brachen damit das Versprechen, das sie mir gegeben

hatten. Heloise ihrerseits verschwor sich hoch und teuer, daß jene lügen,

und zog sich dadurch vielfach Mißhandlungen des erbitterten Fulbert zu. Als

ich davon hörte, brachte ich sie in das Nonnenkloster Argenteuil bei Paris,

in dem Heloise erzogen worden war. Ich ließ sie auch die Gewandung anlegen,

die das Klosterleben erfordert -- mit Ausnahme des Schleiers. Nun aber

glaubten Fulbert und seine Verwandten, ich hätte sie jetzt erst recht

hintergangen und Heloise zur Nonne gemacht, um sie los zu werden. Aufs

höchste entrüstet vereinigten sie sich zu meinem Verderben. Nachdem sie

meinen Diener durch Geld gewonnen hatten, nahmen sie eines Nachts, als ich

ruhig in meiner Kammer schlief, die denkbar grausamste und beschämendste

Rache an mir, so daß alles darüber entsetzt war: sie beraubten mich dessen,

womit ich begangen hatte, worüber sie klagten. Die Thäter ergriffen alsbald

die Flucht, zwei von ihnen wurden jedoch festgenommen, geblendet und

entmannt. Einer davon war jener Diener, der stets in meiner Umgebung

gewesen und durch seine Geldgier zum Verräter an mir geworden war.

Als es Tag wurde, strömte die ganze Stadt vor meiner Wohnung zusammen, und

es ist schwer, ja geradezu unmöglich, die Äußerungen des Entsetzens, des

Jammers, des Geschreis, der Klagen zu beschreiben, die nun laut wurden.

Hauptsächlich die Kleriker und ganz besonders meine Schüler vermehrten

meine Qual durch ihre unerträglichen Lamentationen. Ihr Mitleid war mir

schmerzlicher, als meine Wunde selber; das Gefühl meiner Schmach war

lebendiger in mir als der körperliche Schmerz, ich dachte mehr an die

Schande als an die Verletzung. Der hohe Ruhm, dessen ich mich eben noch

erfreut hatte -- wie schwer war er in einem Augenblick geschädigt worden!

Ja, vielleicht war er für immer dahin! Wie gerecht war Gottes Strafe, die

mich an dem Teil meines Körpers schlug, mit dem ich gesündigt hatte! Wie

recht hatte der, den ich zuerst verraten hatte, wenn er mir nun Gleiches

mit Gleichem vergalt! Wie werden -- so sagte ich mir -- meine Widersacher

die Gerechtigkeit preisen, die hier so offenbar waltete! In welch

untröstliche Betrübnis wird dieser Schlag meine Eltern und Freunde

versetzen! Wie wird die Kunde von dieser seltenen Schmach die ganze Welt

durchlaufen! Blieb mir überhaupt noch ein Ausweg? Wie konnte ich's noch

wagen, in der Öffentlichkeit zu erscheinen, da alles mit Fingern auf mich

deuten und hinter mir herzischeln mußte? Würde ich nicht von allen als ein

ungeheuerliches Schauspiel betrachtet werden?

Nicht zum wenigsten ängstigte mich auch die folgende Erwägung: nach dem

tötenden Buchstaben des Gesetzes sind Eunuchen vor Gott ein solcher Greuel,

daß Leute, die ihrer Mannheit beraubt sind, als anrüchig und unrein den

Tempel nicht betreten dürfen, und daß sogar Tiere, bei denen dies der Fall

ist, nicht zum Opfer zugelassen werden. Im Levitikus heißt es: »Du sollst

dem Herrn kein Zerstoßenes oder Zerriebenes oder Zerrissenes oder was

verwundet ist, opfern« -- und 5. Mos., Kap. 23: »Es soll kein Zerstoßener

noch Verschnittener in die Gemeinde des Herrn kommen.«

In dieser verzweifelten Lage trieb mich weniger ein aufrichtiges religiöses

Bedürfnis -- ich gestehe es offen -- als die Verlegenheit und die Scham in

den bergenden Schutz der Klostermauern. Heloise hatte schon vorher auf

meinen Wunsch bereitwillig den Schleier genommen. Und so trugen wir nun

beide das geistliche Gewand: ich in der Abtei von St. Denis, sie im Kloster

von Argenteuil. Noch erinnere ich mich: man hatte vielfach Mitleid mit

ihrer Jugend und stellte ihr, um sie abzuschrecken, das Joch der

Klosterregel als eine unerträgliche Last dar. Vergebens: unter Thränen

schluchzend brach sie in jene klagenden Worte der Cornelia aus:

»O herrlicher Gatte,

Besseren Ehbetts wert! So wuchtig durfte das Schicksal

Treffen ein solches Haupt? Ach mußt ich darum dich freien,

Daß dein Unstern ich würd? -- Doch nun empfange mein Opfer

Freudig bring ich es dir --«

Mit diesen Worten trat sie vor den Altar, empfing aus der Hand des Bischofs

den geweihten Schleier und legte vor dem ganzen Konvent das Klostergelübde

ab.

Ich hatte mich kaum von meiner Verletzung erholt, als die Kleriker in Menge

herbeiströmten und sowohl meinen Abt wie mich selbst mit Bitten bestürmten:

ich solle das, was ich bisher aus Verlangen nach Geld oder Ruhm gethan

habe, jetzt aus Liebe zu Gott thun. Ich solle bedenken, daß Gott das Pfund,

das er mir anvertraut, mit Zinsen von mir zurückverlangen werde! Bisher

habe ich mich fast nur mit Reichen abgegeben, jetzt solle ich meine Kräfte

in den Dienst der Armen stellen. Ich möchte erkennen, daß die Hand des

Herrn mich vor allem deshalb geschlagen habe, damit ich desto

unbehinderter, den Lockungen des Fleisches und dem unruhigen Treiben der

Welt entrückt, der Wissenschaft leben könne, und nicht mehr die Weisheit

dieser Welt, sondern die wahre Gottesweisheit lehren möge.

In dem Kloster, in das ich eingetreten war, herrschte zu jener Zeit ein

überaus weltliches, sittenloses Leben. Je höher der Abt selbst seinem Range

nach über den andern stand, desto schlimmer und berüchtigter war sein

Lebenswandel. Da ich nun ihre empörende Sittenlosigkeit teils im vertrauten

Kreis, teils öffentlich mehrmals aufs nachdrücklichste rügte, so wurde ich

ihnen überaus unbequem und verhaßt. Mit Vergnügen sahen sie, wie meine

Schüler Tag für Tag unermüdlich mit Bitten in mich drangen; denn dieser

Umstand gab ihnen Gelegenheit, sich meiner zu entledigen. Da nun jene mir

unaufhörlich zusetzten und mir keine Ruhe ließen, auch der Abt und die

Brüder sich in den Handel mischten, gab ich endlich nach und zog mich in

eine Einsiedelei zurück, um meine gewohnte Lehrthätigkeit wieder

aufzunehmen. Hier strömte nun eine solche Menge von Schülern zusammen, daß

es ebenso an Raum, sie zu beherbergen, wie an Lebensmitteln zu ihrem

Unterhalt fehlte.

Wie es meinem jetzigen Beruf entsprach, hielt ich hauptsächlich

theologische Vorlesungen. Doch gab ich die Unterweisung in den weltlichen

Wissenschaften deshalb nicht ganz auf; in ihnen war ich einst am besten

bewandert gewesen und um ihretwillen suchte man mich hauptsächlich auf. So

benutzte ich sie gleichsam als Köder, um durch diese etwas nach Philosophie

schmeckende Lockspeise meine Zuhörer für das Studium der wahren Philosophie

zu gewinnen, wie denn die »Kirchengeschichte« dasselbe Verfahren von

Origenes berichtet, jenem größten aller geistlichen Philosophen. Da es nun

aber ersichtlich wurde, daß Gott mich mit heiliger wie mit weltlicher

Wissenschaft in gleicher Weise begabt hatte, so vermehrte sich die Zahl

meiner Zuhörer in beiden Fächern, während die andern Schulen sich

bedenklich leerten. Dadurch zog ich mir den heftigsten Neid und Haß der

Lehrer zu, die nun alles aufboten, um mir Abbruch zu thun. Hauptsächlich

zwei Vorwürfe waren es, die sie immer wieder gegen mich erhoben, während

ich fern war: daß sich mit dem Beruf eines Mönchs das Studium weltlicher

Wissenschaft nimmermehr vertrage und daß ich mir ein Lehramt in der

Theologie angemaßt habe, ohne vorher selbst in die Schule gegangen zu sein.

Sie hätten es am liebsten gesehen, wenn mir die Ausübung meiner

Lehrthätigkeit ganz untersagt worden wäre, und waren unablässig bemüht,

Bischöfe, Erzbischöfe, Äbte und sonstige einflußreiche Kirchenmänner für

ihre Absicht zu gewinnen. Ich befaßte mich nun zuerst damit, das Fundament

unseres Glaubens selbst durch menschliche Vernunftgründe faßlich zu machen.

Zu diesem Zweck schrieb ich eine theologische Abhandlung ȟber die

göttliche Einheit und Dreiheit« für den Gebrauch meiner Schüler, die nach

vernünftigen, wissenschaftlichen Gründen verlangten, und nicht bloß Worte

hören, sondern sich auch etwas dabei denken wollten. Sie meinten, es sei

vergeblich, viele Worte zu machen, bei denen sich nichts denken lasse; man

könne doch nichts glauben, was man nicht vorher begriffen habe; es sei

lächerlich, wenn einer etwas predigen wolle, was weder er selbst noch seine

Zuhörer mit dem Verstand fassen könnten; das seien »die blinden

Blindenleiter«, von denen der Herr spreche. Mein Buch gefiel allen meinen

Schülern außerordentlich, denn hier -- so schien es -- fand man auf alle

Fragen, die über diesen Gegenstand schwebten, eine befriedigende Antwort.

Und gerade diese Fragen galten damals für ganz besonders schwierig; je

größeres Gewicht man ihnen aber beilegte, desto mehr wurde die Feinheit der

Lösung geschätzt. Meine Neider jedoch gerieten dadurch in gewaltige

Aufregung und sie beriefen gegen mich ein Konzil, an ihrer Spitze meine

beiden alten Widersacher, Alberich und Lotulf. Diese maßten sich nach dem

Tode unserer gemeinsamen Lehrer Wilhelm und Anselm die Alleinherrschaft an

und wollten sich gleichsam in das Erbe der beiden berühmten Männer teilen.

Alberich und Lotulf lehrten damals beide zu Rheims und sie brachten es bei

ihrem Erzbischof Radulf durch allerhand Einflüsterungen in der That soweit,

daß man unter Beiziehung des Bischofs von Präneste, Conanus, der damals

päpstlicher Legat in Frankreich war, eine dürftige Versammlung unter dem

stolzen Namen eines Konzils in Soissons abhielt und mich einlud, mein

vielbesprochenes Buch »Über die Dreieinigkeit« dorthin mitzubringen. Und so

geschah es.

Indessen hatten mich meine beiden Hauptwidersacher bei Klerus und Volk noch

vor meiner Ankunft in ein so übles Licht gestellt, daß ich mit meinen paar

Begleitern von der Menge beinahe gesteinigt worden wäre; es hieß, ich lehre

in Wort und Schrift drei Götter -- das hatte man ihnen vorgeredet.

Sogleich nach meiner Ankunft in Soissons ging ich zum Legaten und übergab

ihm mein Buch zur Prüfung und Beurteilung; zugleich erklärte ich mich

bereit, meine Lehre zu berichtigen oder zu widerrufen, falls sie mit dem

katholischen Glauben im Widerspruch stehe. Der Legat jedoch schickte mich

mit meinem Buch zum Erzbischof und zu meinen Gegnern; die Männer sollten

über mich zu Gericht sitzen, die mich angeklagt hatten, und an mir sollte

sich das Wort erfüllen: »Meine Feinde sind meine Richter«.

Sie durchstöberten nun mein Buch mehrmals von vorn bis hinten, fanden aber

nichts, das sie in der Versammlung gegen mich hätten vorbringen können und

verschoben darum die Verdammung des Buchs, nach der sie lechzten, bis auf

den Schluß des Konzils. Ich meinerseits benutzte die Zeit ehe die Sitzungen

abgehalten wurden täglich zu öffentlichen Vorträgen über den katholischen

Glauben, wie er in meinen Schriften zum Ausdruck kam, und unter meinen

Zuhörern war nur eine Stimme des Lobes und der Bewunderung für meine

Redegewandtheit wie für meinen Scharfsinn. Das Volk aber und die

Geistlichkeit fingen an zu murren: »Sehet, nun redet er frei und offen vor

aller Welt und niemand widerspricht ihm! Das Konzil, das doch seinetwegen

vor allem berufen wurde, ist nächstens zu Ende. Sind vielleicht die Richter

zu der Einsicht gekommen, daß sie selber irren, nicht er?«

Infolgedessen stieg die Wut meiner Gegner von Tag zu Tag. Eines Tags nun

kam Alberich mit einigen seiner Schüler zu mir, um mir eine Schlinge zu

legen. Nach einigen einleitenden höflichen Redensarten sagte er, eine

Stelle in meinem Buch habe ihn befremdet: nämlich, obwohl Gott Gott gezeugt

habe und nur ein Gott sei, leugne ich doch, daß Gott sich selber gezeugt

habe. Unverzüglich antwortete ich ihm: »ich bin bereit, hierüber

Rechenschaft abzulegen, wenn es euch genehm ist«. Darauf versetzte er: »In

solchen Fragen lassen wir nicht menschliche Vernunftgründe oder unsre

eigene Weisheit gelten, sondern einzig und allein die Autorität der Väter.«

-- »Schlaget nur in meinem Buche nach,« erwiderte ich, »und ihr werdet eine

solche Autorität finden.« -- Das Buch war zur Hand; er hatte es selbst

mitgebracht. Ich schlug die Stelle auf, die ich im Kopfe hatte und die dem

Alberich entgangen war, weil er nur nach solchen suchte, die mir schaden

konnten. Gott wollte es, daß ich das Gewünschte alsbald fand. Es war ein

Citat aus dem ersten Buche von Augustins Werk »Über die Dreieinigkeit« und

lautete: »Wer da glaubt, Gott habe die Macht sich selbst zu erzeugen, ist

in einem schweren Irrtum befangen, denn diese Fähigkeit kommt Gott so wenig

zu wie irgend einer anderen geistigen oder leiblichen Kreatur; es giebt

überhaupt kein Wesen, welches sich selbst erzeugen könnte.«

Diese Worte versetzten die Schüler Alberichs in peinliche Verlegenheit. Er

selbst, um nur irgend etwas zu sagen, meinte: »Das ist allerdings

deutlich.« Ich erwiderte ihm, diese Ansicht sei nicht neu, allein für den

Augenblick falle sie nicht ins Gewicht, da er ja nur nach Worten suche und

nicht den tieferen Sinn, der ihnen zu Grunde liege. Falls er aber eine

Darlegung und Begründung ihres eigentlichen Sinnes anhören wolle, so sei

ich bereit, ihm aus seinen eigenen Worten nachzuweisen, daß er in die

Ketzerei verfallen sei, die annehme, daß Gott-Vater sein eigener Sohn sei.

Daraufhin geriet Alberich in große Wut, nahm seine Zuflucht zu Drohungen

und versicherte mich, daß weder meine eigene Weisheit, noch meine Berufung

auf andere Autoritäten mir etwas helfen sollten. -- Und damit ging er.

Der letzte Tag des Konzils war herangekommen. Vor der Sitzung hatten der

Legat und der Erzbischof von Rheims mit meinen Gegnern und einigen andern

Personen eine lange Beratung darüber, was in Anbetracht meiner Person und

meines Buches zu thun sei; denn um dieser Sache willen war ja das Konzil

hauptsächlich berufen worden. In meinen Worten oder in meiner Schrift, die

vorlag, fand man nichts, was man gegen mich hätte vorbringen können. Einen

Augenblick herrschte allgemeines Schweigen und was sich hören ließ, waren

nur schüchterne Einwürfe. Da ergriff Gottfried, Bischof von Chartres, durch

den Ruf seiner Frömmigkeit und das Ansehen seines Stuhles den übrigen

Bischöfen überlegen, das Wort und sprach also: »Würdige Herren! Euch allen,

die ihr hier versammelt seid, ist es wohl bekannt, daß die Lehre dieses

Mannes, welcher Art sie auch sein mag, und der Reichtum seines Geistes,

welchem Gebiet immer er sich zugewandt hat, viel Beifall gefunden und große

Anziehungskraft ausgeübt haben, so daß dadurch selbst der Ruhm seiner und

unserer Lehrer verdunkelt worden ist und man fast sagen könnte, die Reben

seines Weinbergs seien von Meer zu Meer gerankt.

Wolltet ihr nun, was ich nicht glauben kann, einen solchen Mann ungehört

verurteilen, so würdet ihr mit einem solchen Urteil, selbst wenn es seinen

guten Grund hätte, sicherlich vielen Leuten vor den Kopf stoßen, und es

würde nicht an solchen fehlen, die für ihn Partei ergreifen würden; zumal

sich in der Schrift, die er vorgelegt hat, nichts findet, was einer offenen

Ketzerei ähnlich wäre. Denken wir an das Wort des Hieronymus: 'Stets hat

die Tüchtigkeit den Neid zum Begleiter' und daran, daß 'der Blitz die

höchsten Gipfel trifft'! Hüten wir uns davor, seinen Namen durch ein

gewaltsames Vorgehen noch mehr zum Gegenstand der allgemeinen Teilnahme zu

machen. Wir würden uns selbst dadurch, daß wir uns den Vorwurf des Neides

zuziehen, mehr schädigen, als wir dem Angeklagten durch unsern

Richterspruch schaden können. Denn 'falscher Ruhm' -- sagt der ebengenannte

Lehrer -- 'erlischt schnell und die Folgezeit richtet das Vorleben.'«

»Beliebt es euch aber, nach Recht und Brauch mit ihm zu handeln, so möge

seine Lehre oder sein Buch hier öffentlich vorgetragen werden und ihm

selbst soll gestattet sein auf die Fragen, die man ihm vorlegt, Rede und

Antwort zu geben, um dann, wenn er überwiesen und zum Widerruf bewogen

werden könnte, für immer zu schweigen. Dies war schon die Meinung des

frommen Nikodemus, als er, um dem Herrn selbst die Freiheit zu ermöglichen,

sagte: 'Richtet unser Gesetz auch einen Menschen, ehe man ihn verhöret und

erkenne was er thut?'«

Auf diese Worte hin erhoben meine Gegner einen gewaltigen Lärm: »Schöne

Weisheit«, riefen sie, »die uns zumutet, mit diesem Wortkünstler zu

streiten, dessen Schlüssen und Finten die ganze Welt nicht standhalten

kann!« -- Und doch -- es war gewiß noch viel schwerer, mit Christus selbst

zu streiten; trotzdem hat Nikodemus ihn vor seinen Richtern zum Wort kommen

lassen wollen, wie es das Gesetz gestattet.

Als nun der Bischof Gottfried die Anwesenden nicht für seine Absicht

gewinnen konnte, suchte er ihre Mißgunst durch ein anderes Mittel zu

zügeln. Er machte geltend, daß die Versammlung nicht vollzählig genug sei,

um über eine so wichtige Sache zu entscheiden, und daß diese Angelegenheit

einer gründlichen Prüfung bedürfe. Sein Rat gehe deshalb dahin, mein Abt

solle mich in das Kloster St. Denis zurückbringen, woselbst dann meine

Sache einer größeren Anzahl von gelehrten Männern zu erneuter gründlicherer

Untersuchung vorgelegt werden solle. Dieser letzte Vorschlag fand den

Beifall des Legaten und aller übrigen Anwesenden. Alsbald erhob sich der

Legat, um vor dem Beginn der Sitzung die Messe zu lesen, und ließ mir durch

den Bischof Gottfried die förmliche Erlaubnis zur Rückkehr in mein Kloster

übermitteln, wo ich dann das weitere erwarten solle.

Nun aber fiel es meinen Gegnern ein, daß für sie nichts gewonnen wäre, wenn

mein Prozeß außerhalb ihres Sprengels geführt würde, wo sie dann auf das

Urteil keinen Einfluß ausüben könnten; denn bei dem Gedanken, einfach der

Gerechtigkeit den Lauf zu lassen, konnten sie sich freilich nicht

beruhigen. Darum stellten sie dem Erzbischof vor, daß es eine große Schande

für sie wäre, diese Sache an eine andere Behörde zu verweisen und daß es

gefährlich sei, mich so davonkommen zu lassen. Sie liefen auch zum Legaten

und wußten ihn, halb gegen seinen Willen, dahin umzustimmen, daß er mein

Buch unbesehen verdammte, es vor aller Augen verbrannte und über mich

lebenslängliche Haft in einem auswärtigen Kloster verfügte. Sie sagten

nämlich, zur Verurteilung meines Buches sei schon der Umstand hinreichend,

daß ich mir erlaubt habe, es ohne die Genehmigung des Papstes oder der

Kirche öffentlich vorzutragen und daß ich es schon vielen zum abschreiben

überlassen habe; es könne nur zur Kräftigung des christlichen Glaubens

dienen, wenn einmal, um einer ähnlichen Anmaßung zuvorzukommen, an mir ein

Exempel statuiert werde. Der Legat war wissenschaftlich nicht so gebildet,

wie er hätte sein sollen, und folgte deshalb in der Hauptsache dem Rate des

Erzbischofs; dieser seinerseits ließ sich von meinen Gegnern bestimmen.

Als der Bischof von Chartres hiervon Kunde erhielt, setzte er mich alsbald

von diesen Umtrieben in Kenntnis und ermahnte mich eindringlich, ich möchte

diese Wendung geduldig tragen, um so mehr, als das Vorgehen meiner

Widersacher eine offenbare Vergewaltigung sei. Eine solche, klar am Tag

liegende, gewaltthätige Mißgunst könne jenen nur schaden, mir nur Nutzen

bringen -- davon dürfe ich überzeugt sein; auch solle ich mir wegen der

Klosterhaft keine Sorgen machen: er wisse gewiß, daß der Legat, der sich

dieses Urteil nur habe abnötigen lassen, mich nach seiner Abreise von hier

alsbald in volle Freiheit setzen werde. So suchte er mich zu trösten so gut

es ging, indem er selbst mit dem Weinenden weinte.

Ich wurde vor das Konzil berufen, und ohne Untersuchung, ohne Prüfung zwang

man mich, mein Buch mit eigener Hand ins Feuer zu werfen. Und so ging es in

Flammen auf. Während dieses Vorgangs schien jedermann absichtlich zu

schweigen. Nur einer meiner Gegner machte schüchtern die Bemerkung, er habe

in dem Buch den Satz gefunden, Gott-Vater allein sei allmächtig. Auf diese

Bemerkung antwortete der Legat höchlich erstaunt: einen solchen Irrtum

dürfe man ja nicht einmal einem Kinde zutrauen, da doch der gemeinsame

Glaube ausdrücklich dahingehe, das alle drei Personen der Gottheit

allmächtig seien. -- Daraufhin citierte ein gewisser Terricus, Vorsteher

einer Schule, höhnisch den Satz des Athanasius: »und dennoch nicht drei

allmächtig, sondern einer allmächtig«. Und als ihn sein Bischof

zurechtweisen und zum Schweigen bringen wollte, als hätte er ein

Majestätsverbrechen begangen, ließ er sich nicht im mindesten

einschüchtern, sondern sprach wie ein zweiter Daniel also: »Seid ihr von

Israel solche Narren, daß ihr einen Sohn Israels verdammt, ehe ihr die

Sache erforschet und gewiß werdet? Kehret wieder um vors Gericht und

richtet den Richter selber. Denn der Richter, den ihr eingesetzt habt zur

Unterweisung im Glauben und zur Beseitigung des Irrtums, der hat sich

selbst gerichtet durch seinen eigenen Mund, da er andere richten sollte.

Den Mann, dessen Unschuld heute Gottes Barmherzigkeit an den Tag gebracht

hat -- befreiet ihn, wie einst die Susanna, von seinen falschen Klägern.«

Nun erhob sich der Erzbischof, und indem er die Worte den Umständen gemäß

leicht abänderte, bestätigte er den Satz des Legaten mit den Worten: »In

der That, ehrwürdiger Herr, allmächtig ist der Vater, allmächtig der Sohn,

allmächtig der heilige Geist, und wer von dieser Meinung abweicht, ist in

offenbarem Irrtum befangen und nicht anzuhören. Doch vielleicht dürfte es

sich empfehlen, daß dieser unser Bruder seinen Glauben vor der ganzen

Versammlung bekenne, damit er je nach Umständen gebilligt oder beanstandet

und verbessert werde.« Als ich mich daraufhin anschickte, mein

Glaubensbekenntnis abzulegen, und meinen Gedanken einen selbständigen

Ausdruck geben wollte, da riefen meine Gegner mir zu, ich brauche nur das

Athanasianische Glaubensbekenntnis herzusagen, was jedes Kind ebensogut

hätte thun können. Und damit ich nicht etwa die Ausrede gebrauchen könnte,

ich wisse den Wortlaut nicht auswendig, gab man mir den geschriebenen Text

zum Vorlesen. Unter Seufzern und mit thränenerstickter Stimme las ich, so

gut es ging. Hierauf wurde ich wie ein seines Vergehens überwiesener

Verbrecher dem Abt von St. Medardus, der auf dem Konzil anwesend war,

übergeben und in dessen Kloster, als in mein Gefängnis, abgeführt. Das

Konzil selbst wurde alsbald aufgelöst.

Der Abt indessen und seine Mönche, die nicht anders glaubten, als daß ich

nun für immer bei ihnen bleiben werde, nahmen mich mit Freuden auf und

bemühten sich vergeblich, mich durch möglichst liebevolle Behandlung über

mein Schicksal zu trösten. O Gott, der du gerecht richtest! So sehr war

mein Herz vergiftet und verbittert, daß ich in verblendetem Wahn wider dich

selbst murrte und Klage erhob und unablässig jenen Seufzer des heiligen

Antonius wiederholte: »Guter Jesus, wo warest du?« Schmerz, Beschämung,

Verzweiflung -- damals habe ich all diese Gefühle durchgekostet, aber sie

zu beschreiben, ist mir nicht möglich. Was ich jetzt zu leiden hatte, hielt

ich zusammen mit dem früheren Unglück, das mir an meinem Körper widerfahren

war, und ich achtete mich für das elendste aller Menschenkinder. Im

Vergleich mit diesem neuen Unglück erschien mir jene ruchlose That

geringfügig, und ich beklagte weniger den Schaden meines Leibes als den

Verlust meines Ruhms. Jenen hatte ich gewissermaßen selbst verschuldet.

Dieser offenen Gewalt aber war ich zum Opfer gefallen, obwohl mich nichts

anderes als die lauterste Absicht und die Liebe zu unserem Glauben zum

Schreiben gedrängt hatte.

Wohin auch die Kunde von diesem grausamen und brutalen Verfahren gegen mich

gelangte, überall fand es lebhafte Mißbilligung; von denen, die bei der

Verhandlung gewesen waren, schob nun jeder die Schuld auf den andern. Sogar

meine Feinde leugneten jetzt, daß sie an dem Urteil der Synode schuld

seien, und der Legat bedauerte öffentlich die Mißgunst der Franzosen.

Während er für den Augenblick ihrer feindseligen Absicht gegen mich

unfreiwillig nachgegeben hatte, bereute er gleich darauf seine Maßregel und

ließ mich nach einigen Tagen schon aus dem fremden Kloster in mein eigenes

nach St. Denis zurückkehren.

Freilich waren dessen Insassen mir fast alle schon von früher her feindlich

gesinnt. Bei der Unordentlichkeit ihres Lebenswandels und dem freien Ton,

der unter ihnen herrschte, war ich ihnen ein höchst unbequemer Mahner. Es

vergingen nur wenige Monate, da bot sich ihnen eine geschickte Gelegenheit,

mich zu verderben. Eines Tages fand ich nämlich beim Lesen zufällig eine

Stelle in Bedas Auslegung der Apostelgeschichte, worin die Ansicht

ausgesprochen war, daß Dionysius Areopagita nicht Bischof von Athen,

sondern von Korinth gewesen sei. Dies mußte natürlich die sehr befremden,

die in dem Schutzpatron ihres Klosters eben jenen Dionysius Areopagita

verehren, in dessen Lebensgeschichte ausdrücklich stand, daß er Bischof von

Athen gewesen sei. Ich zeigte einigen der umherstehenden Brüder halb im

Scherz jene Stelle des Beda, die gegen uns sprach. Sie aber erklärten in

höchster Entrüstung den Beda für einen Erzlügner und beriefen sich auf

ihren Abt Hilduin, als auf einen zuverlässigeren Zeugen. Dieser habe lange

Zeit in Griechenland selbst Forschungen gemacht und dann den wahren

Sachverhalt in einer Lebensbeschreibung des Dionysius ganz unanfechtbar

dargestellt. Einer der Umstehenden drang mit der Frage in mich, wem ich in

diesem Streite recht gebe, dem Beda oder dem Hilduin. Ich sagte, das

Zeugnis des Beda, dessen Schriften in der ganzen abendländischen Kirche in

Ansehen stünden, scheine mir gewichtiger zu sein. Als die Mönche das

vernahmen, erhoben sie ein wütendes Geschrei: nun trete die feindselige

Gesinnung, die ich von jeher gegen unser Kloster gehegt habe, einmal

deutlich hervor; am ganzen Land werde ich zum Verräter, indem ich es seines

höchsten Ruhmestitels beraube, da ich leugne, daß Dionysius Areopagita ihr

Schutzpatron sei. Ich erwiderte, das leugne ich ja gar nicht, und überdies

komme wenig darauf an, ob ihr Schutzpatron wirklich der Areopagite gewesen

sei oder ein Mann von anderer Herkunft, da er doch jedenfalls von Gott so

großer Ehre würdig befunden worden sei. Sie aber liefen zum Abt und zeigten

ihm an, was sie mir zur Last legten. Dieser begrüßte die Gelegenheit, mich

einmal demütigen zu können, mit Freuden; denn da er ein sittenloseres Leben

führte als alle übrigen, so fürchtete er sich vor mir um so mehr. Vor

versammeltem Konvent erteilte er mir einen scharfen Verweis und drohte, er

wolle mich unverzüglich vor den König schicken, damit mich die Strafe

treffe, die dem gebühre, der den Ruhm und die Ehre des Königreichs antaste.

Inzwischen bis zu der Zeit, da er mich dem König vorführen wollte, ließ er

mich unter strenge Aufsicht stellen. Vergebens erklärte ich mich bereit,

die vorgeschriebene Buße auf mich zu nehmen, falls ich etwas verbrochen

hätte. Und nun ergriff mich ein förmlicher Ekel vor der Schlechtigkeit

dieser Menschen, und ich, den seit so langer Zeit das Mißgeschick

unablässig verfolgte, geriet an den Rand der Verzweiflung: die ganze Welt

-- so schien es -- war gegen mich verschworen. So entwich ich denn mit

Wissen einiger Brüder, die Mitleid mit mir hatten, und unter Beihilfe

einiger meiner Schüler heimlich bei Nacht aus dem Kloster und flüchtete in

das angrenzende Gebiet des Grafen Theobald, wo ich früher in einer

Einsiedelei gelebt hatte.

Der Graf selbst war mir nicht ganz unbekannt; auch hatte er mit großer

Teilnahme von meinem mannigfachen Unglück gehört. Ich hielt mich zunächst

bei dem Schloß Provins auf, in einer Klause der Mönche von Troyes, deren

Prior mir vorzeiten befreundet gewesen war und mich ins Herz geschlossen

hatte. Dieser nahm den Flüchtling mit Freuden auf und sorgte für mich auf

die liebenswürdigste Weise.

Eines Tags nun kam mein Abt in geschäftlichen Angelegenheiten zum Grafen

auf das Schloß. Als ich dies erfuhr, ging ich mit dem Prior ebenfalls zum

Grafen und bat ihn, er möchte sich bei meinem Abt für mich verwenden, daß

er mich absolviere und mir die Erlaubnis gebe, als Mönch zu leben, wo ich

einen passenden Ort finde. Der Abt und seine Begleiter zogen die Sache in

Erwägung und wollten den Grafen noch am gleichen Tage vor ihrer Heimkehr

darüber Bescheid sagen. Als sie nun die Sache näher überlegten, kamen sie

auf die Meinung, ich wolle in ein anderes Kloster eintreten, was nach ihrer

Ansicht eine große Schande für sie gewesen wäre. Denn sie thaten sich viel

darauf zu gut, daß ich mich gerade in ihr Kloster zurückgezogen hatte, sie

sahen darin eine Bevorzugung des ihrigen vor allen andern Klöstern, und

jetzt, fürchteten sie, würde es ihnen zu großer Unehre gereichen, wenn ich

ihr Kloster verließe und mich an ein anderes wendete. Deshalb hörten sie

weder mich noch den Grafen in dieser Sache an, sondern begnügten sich

damit, mich mit der Exkommunikation zu bedrohen, falls ich nicht

unverzüglich ins Kloster zurückkehre. Dem Prior aber, bei dem ich eine

Zuflucht gefunden hatte, untersagten sie aufs strengste, mich weiterhin bei

sich zu behalten, falls er nicht ebenfalls der Strafe der Exkommunikation

verfallen wolle. Dieser Bescheid erfüllte den Prior und mich mit großer

Besorgnis. Da starb zum Glück mein Abt wenige Tage, nachdem er mit dieser

Drohung in sein Kloster zurückgekehrt war.

Als sein Nachfolger eingesetzt war, ging ich mit dem Bischof von Meaux zu

ihm und bat ihn, er möchte mir die Bitte gewähren, die ich schon an seinen

Vorgänger gerichtet habe. Als auch er zuerst nicht recht auf die Sache

eingehen wollte, gewann ich durch Vermittlung einiger Freunde den König und

seinen Rat für mein Anliegen und erreichte so meinen Zweck. Der damalige

Seneschall des Königs, Stephanus, nahm den Abt und dessen Vertraute

beiseite und stellte ihnen vor, warum sie mich gegen meinen Willen

zurückhalten wollten; sie könnten sich dadurch leicht in ärgerliche Händel

verwickeln und hätten jedenfalls wenig Nutzen davon, da meine Lebensweise

und die ihrige nun einmal nicht zusammenpasse. Ich wußte aber, daß man im

königlichen Rat dem Kloster absichtlich manche Unregelmäßigkeit hingehen

ließ, um es dafür dem König desto gefügiger zu erhalten und es für

weltliche Zwecke ausbeuten zu können. Darum glaubte ich auch, die

Zustimmung des Königs und seiner Räte für mein Vorhaben erlangen zu können.

Und wirklich, es gelang mir.

Damit aber unser Kloster des Ruhmes, den es an meiner Person hatte, nicht

verlustig gehe, sollte ich mich zwar zurückziehen dürfen, wohin ich wollte,

aber unter der Bedingung, daß ich nicht in ein anderes Kloster eintrete.

Dies wurde in Gegenwart des Königs und seiner Räte von beiden Seiten

gutgeheißen und bekräftigt. So begab ich mich in eine einsame Gegend im

Gebiet von Troyes, die mir von früher bekannt war. Dort wurde mir von

einigen Leuten ein Stück Land zur Verfügung gestellt, und mit Genehmigung

des Bischofs erbaute ich daselbst nur aus Binsen und Stroh eine Kapelle zu

Ehren der heiligen Dreifaltigkeit. In dieser Einsamkeit, mit einem

befreundeten Kleriker lebend, konnte ich allen Ernstes dem Herrn das Lied

singen: »Siehe, ich habe mich ferne weggemacht und bin in der Wüste

geblieben.«

Bald kam die Kunde von meinem neuen Aufenthalt zu meinen Schülern. Und nun

belebte sich meine Einsamkeit. Sie verließen die Städte und festen Plätze

und ihre behaglichen Wohnungen, um sich hier elende Hütten zu bauen; ihre

ausgesuchten Mahlzeiten vertauschten sie mit der dürftigen Nahrung, die in

Kräutern und trockenem Brot bestand; statt weicher Betten gab es hier nur

ein Lager aus Binsen oder Stroh und die Tische mußten durch Rasenbänke

ersetzt werden. Man hätte wirklich glauben können, sie wollen die alten

Philosophen nachahmen, deren Lebensweise dem heiligen Hieronymus im zweiten

Buch seiner Schrift »Gegen Jovinianus« zu folgender Betrachtung Anlaß

giebt: »Durch unsere Sinne dringen die Laster wie durch eine Art Fenster

ins Herz ein. Die Stadt und Festung der Vernunft kann nicht genommen

werden, wenn das feindliche Heer nicht durch die Thore eindringt. Wenn

jemand seine Lust hat an Cirkusspielen, an Ringkämpfen, an Gauklerkünsten,

an üppigen Frauen, an prächtigem Geschmeide, an Kleiderputz und dergleichen

Dingen, dessen Seele hat ihre Freiheit durch die Fenster der Augen verloren

und von ihm gilt das Wort des Propheten: 'Der Tod ist hereingekommen durch

unsere Fenster.' Wenn nun die Anfechtungen dieser Welt wie ein feindlicher

Keil durch solche Thore in die Burg unsres Herzens eingedrungen sind -- wo

wird dann unsre Freiheit bleiben, wo unsre Tapferkeit, wo der Gedanke an

Gott? Zumal das einmal geweckte Herz auch die vergangenen Freuden mit neuen

Farben sich ausmalt, mit der Erinnerung an einstige Leidenschaften neue

Schmerzen in der Seele weckt und sie gewissermaßen etwas, was in

Wirklichkeit nicht mehr besteht, noch einmal durchzumachen nötigt. Aus

diesen Gründen haben viele Philosophen die volksbelebten Städte und die

städtischen Lustgärten verlassen, wo das bewässerte Land, das Grün der

Bäume, das Zwitschern der Vögel, die krystallklare Quelle, der murmelnde

Bach und so manches andre Aug' und Ohr bezauberte; sie wichen der Üppigkeit

und der Überfülle, die sich ihnen darbot, aus, damit die Kraft ihrer Seele

nicht erschlaffe und ihre Keuschheit nicht befleckt werde. Und in der That:

der öftere Anblick dessen, was uns berücken könnte, kann ja nur schädlich

wirken, und warum sollte man einen Genuß kennen lernen wollen, auf den man

nachher nur mit Schmerzen wieder verzichten kann?«

Auch die Schüler des Pythagoras gingen dem Treiben der Welt aus dem Wege

und wohnten in der Einsamkeit und in der Wüste. Selbst Plato, der mit den

Gütern dieser Welt gesegnet war und welchem Diogenes einmal sein Ruhebett

mit schmutzigen Schuhen bearbeitete, selbst er wählte, um ganz Philosoph

sein zu können, einen Ort auf dem Lande, fern von der Stadt, nicht bloß in

abgelegener, sondern auch in ungesunder Gegend: durch die beständige

Besorgnis vor Krankheiten sollten die Begierden erstickt werden, und seine

Schüler sollten keinen anderen Genuß kennen, als den des Studiums. Eine

ähnliche Lebensweise sollen auch die Jünger des Propheten Elisa geführt

haben. Hieronymus stellt sie als die Mönche jener Zeit dar und schreibt

über sie dem Mönche Rusticus unter anderem folgendes: »Die

Prophetenschüler, von denen das Alte Testament wie von Mönchen redet,

bauten sich an den Ufern des Jordan kleine Hütten, verließen die

Gesellschaft und die Stätten der Menschen und lebten von Mais und Kräutern

des Feldes.«

In dieser Weise bauten sich auch meine Schüler ihre Hütten am Ufer des

Flusses Arduzon, und man meinte eher Einsiedler vor sich zu haben als

Jünger der Wissenschaft. Je größer aber der Zulauf von Schülern wurde und

je härter die Lebensweise war, die sie meinem Unterricht zuliebe auf sich

nahmen, desto ängstlicher sahen meine Nebenbuhler meinen Ruhm wachsen und

ihr eigenes Ansehen sinken. Zu ihrem großen Leidwesen mußten sie es

erleben, daß alles Böse, das sie mir zugedacht, zu meinem Vorteil

ausschlug, und obwohl ich nach dem Wort des Hieronymus fern von dem Treiben

der Städte und Märkte, fern von den Händeln der Welt lebte -- dennoch fand

mich, wie Quintilian sagt, selbst in der Verborgenheit der Neid. Seufzend

und klagend sprachen jene zu sich selbst: »Siehe, die ganze Welt läuft ihm

nach; nichts haben wir ausgerichtet mit unseren Verfolgungen, ja, wir haben

seinen Ruhm nur noch größer gemacht. Wir gedachten, die Leuchte seines

Namens zu verlöschen, und wir haben sie nur heller angefacht. In den

Städten haben die Schüler alles zur Hand, was sie brauchen, aber auf alle

Genüsse menschlicher Kultur verzichtend, strömen sie hinaus in die

unwirtliche Einöde und setzen sich freiwillig dem Mangel aus.«

Zu jener Zeit nötigte mich meine drückende Armut, eine regelrechte Schule

einzurichten; denn graben mochte ich nicht und schämte mich zu betteln. An

Stelle der Handarbeit nahm ich darum, zu meiner eigentlichen Kunst

zurückkehrend, die Arbeit des Geistes wieder auf. Gern reichten mir meine

Schüler dar, was ich an Nahrung und Kleidung brauchte, sie nahmen mir auch

die Bestellung des Feldes und die Errichtung notwendiger Baulichkeiten ab,

damit ich durch keine wirtschaftliche Sorge von der Wissenschaft abgezogen

würde. Da unsere Kapelle nur den kleinsten Teil der Anwesenden fassen

konnte, so vergrößerten sie dieselbe und verwandten zu dem Umbau nunmehr

ein besseres Material, nämlich Stein und Holz. Ich hatte die Kapelle einst

im Namen der heiligen Dreifaltigkeit gegründet und sie ihr geweiht. Nun

aber gab ich ihr den Namen »Paraklet« (Tröster),[3] in dankbarer Erinnerung

an die Wohlthat, die mir einst hier zu teil geworden war: denn an diesem

Ort hatte ich, ein schon verzweifelnder Flüchtling, die Gnade des

göttlichen Trostes gefunden, hier hatte ich zuerst wieder aufatmen dürfen.

Viele Leute erstaunten nicht wenig über diesen Namen; ja einige griffen

mich deshalb heftig an und behaupteten, nach altem Herkommen könne man eine

Kirche nicht dem heiligen Geist im besonderen weihen, so wenig als Gott dem

Vater allein; sondern nur entweder dem Sohn allein oder der ganzen

Dreieinigkeit zusammen. Zu diesem Angriff ließen sie sich jedenfalls

dadurch verführen, daß sie zwischen den Begriffen »Paraklet« und »Geist

Paraklet« keinen Unterschied machten. In Wirklichkeit kann ja der Trinität

und jeder einzelnen Person der Trinität mit dem gleichen Recht, wie sie

Gott oder Helfer genannt wird, auch der Name Paraklet, d. h. Tröster,

beigelegt werden -- nach dem Wort des Apostels: »Gelobet sei Gott und der

Vater unsres Herrn Jesu Christi, der Vater der Barmherzigkeit und Gott

alles Trostes, der uns tröstet in aller unsrer Trübsal« -- und auch nach

dem Wort, das die Wahrheit spricht: »Und er soll euch einen andern Tröster

geben.« -- Da doch jede Kirche im Namen des Vaters und des Sohnes und des

heiligen Geistes geweiht wird und sie alle drei an dem Besitz gleichen

Anteil haben -- warum soll man denn nicht auch einmal ein Gotteshaus Gott

dem Vater oder dem heiligen Geist im besondern zueignen dürfen, so gut wie

dem Sohne? Wer wollte sich erlauben, den Namen dessen, dem das Haus gehört,

über dem Eingang zu tilgen? Oder wenn der Sohn sich dem Vater zum Opfer

darbringt und demgemäß bei der Messe die Gebete an Gott den Vater besonders

gerichtet werden, wie auch er es ist, dem das Opfer gebracht wird: sollte

da nicht der Altar ganz im besonderen ihm zu eigen sein, dem doch Gebet wie

Opfer gilt? Ist der Altar nicht mit größerem Rechte dem zuzusprechen,

welchem geopfert wird als dem, der geopfert wird? Oder wollte jemand

behaupten, daß dem Kreuz oder Grab des Erlösers, oder dem heiligen Michael,

Johannes, Petrus oder sonst einem Heiligen ein Altar zukomme, da doch weder

sie selbst mit einem Opfer irgend etwas zu thun haben, noch auch Gebete an

sie gerichtet werden? Auch bei den Heiden wurden nur denjenigen Wesen

Altäre oder Tempel zugeeignet, denen man Opfer und göttliche Ehren

darbringen wollte. Aber vielleicht möchte jemand glauben, es sei deshalb

nicht zulässig, Gott dem Vater Kirchen oder Altäre zu weihen, weil es kein

Fest in der Kirche gebe, das zu seiner besonderen Feier eingesetzt wäre.

Dieser Grund mag zwar gegen die Trinität angeführt werden, allein in

betreff des heiligen Geistes gilt er nicht, denn dieser hat zum Gedächtnis

an sein Herabkommen ein eigenes Fest, nämlich Pfingsten, so gut wie der

Sohn das Fest seiner Geburt hat. Denn wie einstens der Sohn in die Welt

gesandt wurde, so kam der heilige Geist auf die Jünger und hat zum Andenken

daran mit Recht sein eigenes Fest. Ja, wenn wir die Meinung der Apostel und

die Wirksamkeit des heiligen Geistes genauer ins Auge fassen, so muß es uns

natürlicher erscheinen, ihm einen Tempel zu weihen als irgend einer der

andern göttlichen Personen. Denn keiner der letzteren schreibt der Apostel

ausdrücklich einen geistigen Tempel zu, wie dem heiligen Geist. Denn er

spricht nicht von einem Tempel des Vaters oder des Sohnes, wohl aber von

einem solchen des heiligen Geistes, wenn er im ersten Korintherbrief sagt:

»Wer dem Herrn anhängt, der ist ein Geist mit ihm« und ferner: »Oder wisset

ihr nicht, daß euer Leib ein Tempel des heiligen Geistes ist, der in euch

ist, welchen ihr habt von Gott und seid nicht euer selbst.« Und wer wollte

verkennen, daß die Wohlthat der heiligen Sakramente, welche in der Kirche

verwaltet werden, ganz ausdrücklich der Wirkung der göttlichen Gnade d. h.

des heiligen Geistes zugeschrieben werden? Aus Wasser und aus Geist werden

wir ja in der Taufe wiedergeboren, und erst dadurch wird aus uns ein

eigentlicher Tempel Gottes. Und zum vollständigen Ausbau dieses Tempels

wird uns in siebenfacher Gnadengabe der heilige Geist zu teil, und so

erhält der Tempel Gottes seinen Schmuck und seine Weihe. Was hat es also

auf sich, wenn wir dem einen sichtbaren Tempel weihen, welchem der Apostel

einen geistigen zuteilt? Oder welcher Person der Dreieinigkeit könnte man

mit größerem Recht eine Kirche zueignen, als derjenigen, welcher alle

Gnadenwirkungen, die die Kirche vermittelt, vor anderen zugeschrieben

werden? -- Wenn ich übrigens meiner Kapelle den Namen »Paraklet« beilegte,

so wollte ich sie damit nicht einer der drei göttlichen Personen geweiht

haben. Ich habe schon oben gesagt, warum ich sie so genannt habe: nämlich

zur Erinnerung an den Trost, den ich hier gefunden. Im übrigen -- auch wenn

ich das Gotteshaus in jenem anderen Sinn so genannt hätte, wäre dies nicht

gegen die Vernunft, sondern nur gegen das gewöhnliche Herkommen gewesen.

[Fußnote 3: Nach Joh. XIV., 16. 17. 26.]

Dieses Asyl gewährte zwar meiner Person den Schutz der Verborgenheit, aber

Gerüchte über mich durchliefen gerade damals die ganze Welt und ließen sich

allerorten hören nach Art jenes Fabelwesens, Echo genannt, das viel Lärm

macht und doch ein wesenloses Ding ist. Meine alten Feinde, ihren eigenen

Anstrengungen keinen Erfolg mehr zutrauend, erweckten nun zwei neue Apostel

gegen mich, denen die Welt großen Glauben schenkte. Der eine von ihnen

rühmte sich, dem Leben der regulierten Chorherren, der andere, dem der

Mönche einen neuen Aufschwung gegeben zu haben. Diese Menschen liefen

predigend in der Welt herum, verketzerten mich mit der Unverfrorenheit, die

ihnen eigen war, und machten mich, wenigstens für den Augenblick, bei

weltlichen und geistlichen Obrigkeiten verächtlich. Ja, sie sprengten über

meinen Glauben und über mein Leben so abenteuerliche Gerüchte aus, daß

selbst achtungswerte Freunde sich von mir abwandten und auch diejenigen,

welche mir ihre Freundschaft bis auf einen gewissen Grad erhielten, doch

aus Furcht vor jenen nicht den Mut hatten, dieselbe irgendwie zu bekennen.

Gott ist mein Zeuge: so oft ich vernahm, daß eine Versammlung von Männern

der Kirche im Werk sei, fürchtete ich schon, es geschehe zum Zweck meiner

Verurteilung. Wie einer, der jeden Augenblick fürchten muß, vom Blitz

getroffen zu werden, so wartete ich in dumpfer Angst darauf, daß ich als

Ketzer und räudiges Schaf vor ihre Versammlungen und Schulen geschleppt

würde. Und in der That -- wenn man den Floh mit dem Löwen, die Ameise mit

dem Elefanten vergleichen darf -- ich wurde damals von meinen Gegnern mit

derselben unbarmherzigen Wut verfolgt, wie einst der heilige Athanasius von

den Ketzern. Ja oftmals -- Gott weiß es -- kam ich in meiner Verzweiflung

auf den Gedanken, das Gebiet der Christenheit überhaupt zu verlassen und

mich zu den Heiden zu wenden, um bei den Feinden Christi in Ruhe christlich

zu leben, unter welcher Bedingung es auch sei. Ich sagte mir, sie werden um

so eher geneigt sein, mich bei sich aufzunehmen, als mein Christentum ihnen

wegen der Verfolgungen, die ich von Christen erlitt, verdächtig erscheinen

mußte; vielleicht würden sie aus demselben Grund auch meinen, sie könnten

mich zu ihrer Religion bekehren.

Während ich nun unausgesetzt von solchen Seelenängsten gequält wurde, so

daß ich als letztes Mittel bereits den Gedanken gefaßt hatte, bei den

Feinden Christi eine Zuflucht zu Christus zu suchen: schien sich mir ein

Ausweg aus diesen Nöten zu eröffnen, der mich jedoch in Wirklichkeit nur in

die Hände von Christen und dazu noch Mönchen führte, die unbändiger und

schlechter waren als die Heiden.

In der Bretagne, im Bistum Vannes, lag ein Kloster des St. Gildas von Ruys.

Dieses war durch den Tod seines Abtes verwaist, und die einstimmige Wahl

der Mönche rief mich mit Genehmigung des Landesfürsten an diese Stelle,

womit auch mein Abt und sein Konvent zufrieden waren. So trieb mich die

Feindschaft der Franken nach dem Westen, wie einst den Hieronymus die der

Römer nach dem Osten. Denn niemals wäre ich, bei Gott, auf jenen Vorschlag

eingegangen, wenn ich nicht gehofft hätte, so den fortwährenden

Anfeindungen, die ich zu leiden hatte, einigermaßen aus dem Wege zu gehen.

Das Land war mir fremd, die Landessprache mir unbekannt, die Lebensweise

der dortigen Mönche wegen ihrer Unordentlichkeit und Zuchtlosigkeit weithin

berüchtigt, die übrige Bevölkerung roh und unkultiviert. Wie einer, um dem

drohenden Todesstreich zu entgehen, in seiner Angst sich in den Abgrund

stürzt und so eine Todesart mit der andern vertauscht, nur um eine Sekunde

Frist zu gewinnen: so habe ich mich aus einer Gefahr wissentlich in eine

andere begeben. Dort wo des Oceans donnernde Wogen am Ufer sich brachen, am

Ende der Erde, darüber hinaus es keine Flucht mehr gab, da hab ich, ach,

wie oft jenes Gebet wiederholt: »Von den Enden der Erde habe ich zu dir

geschrieen, da meine Seele in Ängsten war.« Ich glaube, es ist niemand

verborgen geblieben, wie mich jene zuchtlose Herde von Mönchen, über die

ich gesetzt war, Tag und Nacht quälte und ängstete und mich mit allen

Gefahren des Leibes und der Seele vertraut machte. Es stand mir zweifellos

fest, daß ich mein Leben verwirkt habe, wenn ich sie zu dem kanonischen

Leben, dem sie sich doch geweiht hatten, zu zwingen versuchen würde,

andererseits war ich zu verdammen, wenn ich in dieser Hinsicht nicht alles

that was in meinen Kräften stand. Die Abtei selber hatte der in seiner

Macht unbeschränkte Landesfürst, indem er sich die ungeordneten

Verhältnisse des Klosters zu nutze machte, so sehr unter seine Botmäßigkeit

gebracht, daß er sich die Nutzniesung des gesamten Klostergebietes

angeeignet und den Mönchen schwerere Abgaben auferlegt hatte, als selbst

die steuerpflichtigen Juden zu entrichten haben.

Die Mönche lagen mir fortwährend mit ihren täglichen Bedürfnissen in den

Ohren. Ein Gemeinschaftsbesitz, aus dem man diese Bedürfnisse hätte

befriedigen können, war nicht vorhanden, und so unterhielt jeder von seinem

beigebrachten Eigentum sich und seine Konkubine mit Söhnen und Töchtern. Es

war ihnen ein Vergnügen, mir Verlegenheiten zu bereiten, ja, sie scheuten

sich selbst nicht davor, zu stehlen und an sich zu nehmen was sie konnten,

damit ich mit der Verwaltung nicht zurechtkäme und so gezwungen wäre, bei

der Ausübung der Disciplin ein Auge zuzudrücken, oder ganz von derselben

abzusehen. Da aber das ganze Land in seiner Barbarei in der gleichen

Gesetz- und Zuchtlosigkeit steckte, so konnte ich mich an niemand um Hilfe

wenden; allen stand ich gleich fremd gegenüber. Draußen waren es der Fürst

und seine Gefolgschaft, die mich fortwährend bedrängten, drinnen wurde ich

unaufhörlich von den Brüdern angefeindet. Das Wort des Apostels: »Draußen

Streit, drinnen Furcht« schien geradezu für mich geschrieben zu sein. Oft

quälte ich mich mit dem Gedanken, wie nutzlos und elend mein Leben

dahingehe, wie weder ich noch sonst jemand etwas davon habe. Früher hatte

ich doch unter meinen Schülern eine große Wirksamkeit geübt, jetzt, nachdem

ich sie verlassen hatte und zu den Mönchen gegangen war, war ich weder für

diese noch für jene von irgend welchem Nutzen. Fruchtlos und ohne Wert war

alles, was ich jetzt begann und versuchte und man konnte mir mit Recht den

Vorwurf machen: »Dieser Mensch hob an zu bauen und kann es nicht

hinausführen.« Der Gedanke an das, was ich verlassen und was ich dafür

eingetauscht hatte, brachte mich zur Verzweiflung. Meine früheren

Mißgeschicke achtete ich für nichts im Vergleich mit der traurigen

Gegenwart, und seufzend mußte ich mir oftmals selber sagen: »Ich leide nur,

was ich verdient habe; den Parakleten, das ist den Tröster, habe ich

verlassen und habe mich der sicheren Trostlosigkeit ausgeliefert; Drohungen

fürchtete ich und in offenbare Gefahren habe ich mich hineingestürzt.« Das

aber war mein größter Schmerz, daß in der verlassenen Kapelle jede

gottesdienstliche Feier unterbleiben mußte, da die Dürftigkeit jener Gegend

kaum für die Bedürfnisse eines Menschen genügte. Allein der wahre Tröster

selbst senkte in mein trostloses Herz den echten Trost und sorgte für sein

eigenes Haus, wie es sich ziemte.

Es begab sich nämlich, daß der Abt von St. Denis auf jenes Kloster

Argenteuil Ansprüche erhob, in welchem Heloise, jetzt vielmehr meine

Schwester in Christo als meine Gattin, einst den Schleier genommen hatte.

Nachdem er es unter dem Vorwand, daß es von alters her unter die

Gerichtsbarkeit von St. Denis gehört habe, an sich gebracht hatte, vertrieb

er mit Gewalt den ganzen Konvent der Nonnen, deren Äbtissin meine Freundin

gewesen war. Während diese sich nun heimatlos in alle Winde zerstreuten,

kam mir der Gedanke, daß der Herr selbst mir hier eine Gelegenheit biete,

für mein Oratorium zu sorgen. Ich kehrte nun dorthin zurück und lud Heloise

mit den wenigen Nonnen aus ihrer Kongregation, die bei ihr geblieben waren,

ein, nach dem Paraklet zu kommen. Hierauf setzte ich sie in den Besitz des

Oratoriums mit allem, was dazu gehörte. Und diese Schenkung wurde, dank der

Zustimmung und Verwendung des Landesbischof, von Papst Innocenz II. ihnen

und ihren Nachfolgerinnen durch ein Privilegium für alle Zeiten bestätigt.

Anfangs zwar führten die Frauen dort ein dürftiges Leben und manchmal

wollten sie den Mut verlieren; allein Gott, dem sie in Frömmigkeit dienten,

sah barmherzig ihr Elend an und tröstete sie in kurzem; auch ihnen zeigte

er sich als der wahre Paraklet und wandte die Herzen der benachbarten

Bevölkerung zur Barmherzigkeit und Mildthätigkeit. Und nach Verfluß eines

Jahres -- Gott mag es bezeugen -- waren sie an irdischem Besitz reicher als

ich es geworden wäre, wenn ich hundert Jahre dort gelebt hätte. Denn eben

weil das weibliche Geschlecht das schwächere ist, regt seine hilflose Lage

das menschliche Mitgefühl an, und die Tugend der Frauen ist vor Gott und

Menschen um so angenehmer. Gott aber ließ unsere geliebte Schwester, die

den anderen vorstand, in aller Augen so viel Gnade finden, daß sie von den

Bischöfen wie eine Tochter, von den Äbten wie eine Schwester, von den Laien

wie eine Mutter geliebt wurde, und alles rühmte gleicherweise ihre

Frömmigkeit, Klugheit und unvergleichliche Sanftmut und Geduld, die sie bei

jeder Gelegenheit bewahrte. Selten ließ sie sich in der Öffentlichkeit

sehen, um bei geschlossener Thür ungestört dem Gebet und frommer

Betrachtung zu leben. Um so begieriger suchten Leute, die in der Welt

lebten, die Gelegenheit auf, sie zu sehen und ihre erbaulichen Reden zu

genießen.

Die Nachbarn des Klosters machten mir lebhafte Vorwürfe, daß ich für die

Bedürfnisse der Nonnen nicht in dem Grade besorgt sei, wie ich könnte und

müßte, da ich doch in meiner Predigt ein leichtes Mittel dazu habe; daher

besuchte ich sie öfters, um ihnen so viel wie möglich behilflich zu sein.

Allein auch so entging ich nicht mißgünstigem Gerede und dem, was die

reinste Liebe mich zu thun drängte, legte die Schlechtigkeit meiner Neider

die gemeinsten Beweggründe unter; ich sei eben noch immer im Banne

sinnlichen Verlangens und könne den Verlust der einstigen Geliebten schwer

oder überhaupt nicht verschmerzen. Oft mußte ich da an die Klage des

heiligen Hieronymus denken, die er in dem Brief an Asella über falsche

Freunde erhebt: »Nichts macht man mir zum Vorwurf als mein Geschlecht und

auch das nur, seitdem Paula mit mir nach Jerusalem gegangen ist.« Ferner

sagte er: »Ehe ich in das Haus der frommen Paula kam, war nur eine Stimme

des Lobes über mich in der ganzen Stadt; ja, ich war nach dem Urteil aller

würdig, das Amt des höchsten Priesters in der Kirche zu bekleiden. Aber ich

gedenke trotz guten und schlechten Geredes durchzudringen zum Himmelreich.«

Indem ich mir die Ungerechtigkeit und Verleumdung vorstellte, unter der

selbst ein solcher Mann zu leiden hatte, schöpfte ich daraus einen nicht

geringen Trost. Ich sagte mir: Wie würde ich schlecht gemacht werden, wenn

meine Feinde einen derartigen Verdachtsgrund bei mir ausfindig machen

könnten! Nun aber, da Gottes Barmherzigkeit mich von der Möglichkeit

solchen Verdachtes befreit hat und mir die Fähigkeit in dieser Hinsicht

mich zu vergehen geradezu benommen ist, wie kommt es, daß die Stimme der

Verleumdung trotzdem nicht schweigt? Was sollte diese neueste freche

Beschuldigung heißen? Der Zustand, in dem ich mich befinde, beseitigt ja

doch sonst insgemein jeglichen Argwohn derartiger Ausschreitungen so

gründlich, daß wer Frauen in sicherer Aufsicht wissen will, Eunuchen zu

diesem Zweck anstellt: so berichtet die heilige Geschichte von Esther und

von den anderen Frauen des Ahasverus. Wir lesen auch von jenem vornehmen

Schatzmeister der Königin von Candace, daß er ein Eunuch gewesen, zu dessen

Bekehrung und Taufe der Apostel Philippus vom Engel des Herrn angewiesen

wurde.

Solche Männer standen bei ehrbaren unbescholtenen Frauen von jeher in hohem

Ansehen und genossen ihr besonderes Vertrauen, eben weil der Verkehr mit

ihnen jeden Verdacht unmöglich machte. Von Origenes, dem größten aller

christlichen Philosophen, erzählt die »Kirchengeschichte« im sechsten Buch,

er habe selbst Hand an sich gelegt, um bei dem Unterricht der Frauen, dem

er sich widmete, von jeder Verdächtigung verschont zu bleiben. Dabei mußte

ich mir sagen, daß es die göttliche Barmherzigkeit mit mir noch besser

gemeint habe als mit jenem. Denn bei Origenes kann man der Ansicht sein,

daß er im Übereifer gehandelt und so ein schweres Verbrechen an sich selbst

verübt habe. Mich dagegen ließ Gott, um mich in ähnlicher Weise wie jenen

freizumachen, durch fremde Schuld dasselbe erleben; auch die Schmerzen

waren bei mir geringer, da mein Geschick mich so rasch und plötzlich

ereilte; wurde ich doch im Schlaf überfallen, so daß ich fast nichts von

Schmerz empfand, als man Hand an mich legte. Aber wenn damals mein

körperlicher Schmerz verhältnismäßig gering war, so leide ich jetzt um so

mehr unter der Verleumdung und der Verlust meines Ruhmes quält mich mehr

als der Schaden an meinem Körper. Denn so steht geschrieben: »Ein guter

Name ist besser als große Schätze Goldes« -- und der heilige Augustin sagt

in einer Predigt über Leben und Sitten des Geistlichen: »Wer im Vertrauen

auf sein gutes Gewissen keine Rücksicht auf seinen Ruf nimmt, der ist

grausam gegen sich selbst.« Und weiter oben: »Wir wollen nicht nur vor

Gott, sondern auch vor den Menschen rechtschaffen dastehen. Für uns genügt

das Zeugnis unseres Gewissens; aber der andern wegen darf unser guter Name

nicht befleckt werden, sondern muß fleckenlos bleiben. Gewissen und Ruf

sind zweierlei Dinge: an das eine magst du dich halten, an das andere hält

sich dein Nächster.«

Aber würden jene Leute mit ihren bösen Zungen selbst Christum oder seine

Glieder, die Propheten und Apostel oder sonst die heiligen Väter, verschont

haben, wenn sie in jener Zeit gelebt hätten? besonders wenn sie gesehen

hätten, wie diese Männer bei unversehrtem Körper gerade mit Frauen im

vertrautesten Umgang standen. Auch der heilige Augustin zeigt in seinem

Buch »Vom Werk der Mönche«, wie eben die Frauen die unzertrennlichen

Begleiterinnen Christi und der Apostel gewesen, und daß sie ihnen überall

folgten, wo sie predigend umherwanderten. »In ihrem Gefolge« -- sagte er --

»befanden sich gläubige Frauen, die mit den Gütern dieser Welt gesegnet

waren, und ihnen von ihrem Überfluß Handreichung thaten, damit sie an dem,

was zum Unterhalt des Lebens nötig ist, keinen Mangel litten.« Und wer es

etwa nicht glauben wollte, daß die Apostel sich die Begleitung von frommen

Frauen auf ihren Wanderungen haben gefallen lassen, der mag aus dem

Evangelium selbst ersehen, wie sie hierin dem Beispiel des Herrn selber

folgten. Es steht nämlich im Evangelium zu lesen: »Und es begab sich

danach, daß er reisete durch die Städte und Märkte und predigte und

verkündigte das Evangelium vom Reich Gottes und die Zwölfe mit ihm. Dazu

etliche Weiber, die er gesund hatte gemacht von den bösen Geistern und

Krankheiten, nämlich Maria, die da Magdalena heißet, von welcher waren

sieben Teufel ausgefahren, und Johanna, das Weib Chusa, des Pflegers

Herodis, und Susanna und viel andere, die ihnen Handreichung thaten von

ihrer Habe.« Auch Leo IX. sagt in seiner Erwiderung auf den Brief des

Parmenianus »Über das Klosterleben«: »Wir halten durchaus daran fest, daß

kein Bischof, Presbyter, Diakon oder Subdiakon unter dem Vorwande der

Religion sich der Fürsorge für seine Ehefrau entschlagen darf; und zwar

verstehen wir dies so, daß er sie mit Nahrung und Kleidung versorgen, nicht

aber geschlechtlichen Umgang mit ihr haben soll.« So haben es auch die

heiligen Apostel gehalten, wie denn Paulus sagt: »Haben wir nicht auch

Macht, eine Schwester als Weib mit umherzuführen, wie die Brüder des Herrn

und Kephas?« Thorheit wäre es zu behaupten, er habe gesagt: »Haben wir

nicht auch Macht mit einer Schwester in der Ehe zu leben?« Vielmehr heißt

es 'sie mit herumzuführen'. Sie sollten also diese Frauen von dem Ertrag

ihrer Predigt unterhalten, ohne doch durch das Band ehelichen Verkehrs

vereinigt zu sein.

Jener Pharisäer, welcher von dem Herrn im stillen sagte: »Wenn dieser ein

Prophet wäre, so wüßte er, wer und welch ein Weib das ist, die ihn

anrühret, denn sie ist eine Sünderin« -- dieser Pharisäer konnte nach

menschlichem Urteil viel eher dazu kommen, über Jesus einen schlimmen

Verdacht zu fassen, als meine Gegner mir gegenüber Anlaß dazu hatten. Oder

wer an die Mutter des Herrn denkt, die dem Jüngling anvertraut wird, und an

die Propheten, die so vielfach bei Witwen zu Gaste waren und mit ihnen

verkehrten, könnte ja am Ende darin noch viel eher etwas Verdächtiges

sehen.

Ja, was hätten meine Neider erst gesagt, wenn sie jenen gefangenen Mönch

Malchus, von welchem Hieronymus erzählt, mit seinem Weib unter einem Dach

hätten leben sehen. Was hätten sie für ein Geschrei erhoben über eine

Sache, von welcher der große Kirchenlehrer mit großer Anerkennung spricht.

Nachdem er persönlich sich davon überzeugt hatte, läßt er sich

folgendermaßen darüber aus: »Es war da ein hochbetagter Mann, Namens

Malchus, in der dortigen Gegend selbst geboren. Eine alte Frau teilte mit

ihm seine Wohnung. Beide waren voll religiösen Eifers und wichen nicht von

der Schwelle der Kirche; man hätte sie für Zacharias und Elisabeth im

Evangelium halten können, nur daß ein Johannes fehlte.« Warum, frage ich,

verleumden jene nicht auch die heiligen Väter, von denen wir so häufig

lesen oder auch mit eigenen Augen sehen, daß sie Frauenklöster einrichten

und sich in den Dienst derselben stellen -- nach dem Beispiel jener sieben

ersten Diakonen, welche von den Aposteln an deren eigener Stelle eingesetzt

wurden, um für die leiblichen Bedürfnisse der Frauen zu sorgen. Das

schwächere Geschlecht ist auf die Hilfe des stärkeren angewiesen. Darum

verordnet auch der Apostel, daß der Mann stets des Weibes Haupt sein solle;

und des zum Zeichen sollen die Frauen ihr Haupt verhüllt tragen.

Darum bin ich auch nicht wenig erstaunt, daß in den Klöstern diese alten

Bräuche längst vergessen sind, sofern man jetzt Äbtissinnen über die Nonnen

setzt, wie man für die Mönche Äbte hat und daß beide, Nonnen wie Mönche,

auf ein und dieselbe Regel verpflichtet werden, während diese doch manches

enthält, was von Frauen niemals eingehalten werden kann, von den

Vorgesetzten so wenig wie von den Untergebenen. Vielfach kann man ja sogar

die Beobachtung machen, daß das natürliche Verhältnis sich umgekehrt hat

und Äbtissinnen und Nonnen über die Kleriker herrschen, von denen das Volk

abhängig ist. Je unumschränkter ein solches Weiberregiment ist, desto

leichter bietet sich die Gelegenheit, in den Männern unerlaubte Gelüste zu

wecken und sie unter einem drückenden Joch zu halten. Darum sagt auch ein

satirischer Dichter mit Recht: »Unerträglicher nichts, als Macht in den

Händen des Weibes.«

Nachdem ich mich mit solchen Gedanken des öftern beschäftigt hatte, war ich

zu dem Entschluß gekommen, für die Schwestern im Paraklet nach Möglichkeit

zu sorgen und mich ihrer anzunehmen; auch, da ihre Verehrung für mich groß

war, durch persönliche Anwesenheit bei ihnen aufmunternd zu wirken, und auf

diese Weise ihren Bedürfnissen mehr Rechnung zu tragen. Gerade damals hatte

ich häufiger und heftiger unter der Verfolgung meiner eigenen Söhne zu

leiden als in früheren Zeiten unter derjenigen meiner Brüder; und so

flüchtete ich mich aus der Drangsal dieses Sturmes zu den Schwestern wie in

einen stillen Hafen, um dort ein wenig Atem zu schöpfen. Bei jenen Frauen

gedachte ich einigermaßen im Segen zu wirken, der ich an den Mönchen keine

Frucht erlebt hatte. Und je notwendiger meine Wirksamkeit ihrer Schwachheit

war, desto segensreicher sollte sie für mich selber werden. Aber der Satan

hat mir nicht vergönnt, irgendwo zur Ruhe zu kommen und ein

menschenwürdiges Dasein zu führen; sondern der Fluch des Kain lastete auf

mir: unstet und flüchtig umherzuirren von Ort zu Ort. Ich bin der Mann, den

-- wie ich schon sagte -- »draußen Streit, drinnen Furcht« unablässig

quälen, ja, vielmehr beides zugleich innen und außen Streit und Furcht.

Die Angriffe, die ich von meinen Söhnen zu erleiden habe, sind viel

gefährlicher und viel zahlreicher als die meiner Feinde. Denn mit meinen

Söhnen muß ich fortwährend leben, und habe mich unausgesetzt ihrer

Nachstellungen zu erwehren. Wenn mir mein Feind mit Gewalt nach dem Leben

steht, so kann ich die Gefahr bemerken, wenn ich außerhalb des Klosters

meines Weges ziehe. Aber im Kloster selber bin ich fortwährend

gewaltthätigen wie hinterlistigen Angriffen ausgesetzt, und zwar von seiten

meiner eigenen Söhne, d. h. der Mönche, die unter meiner, ihres Abtes,

väterlicher Obhut stehen. O wie oft suchten sie mich durch Gift aus dem Weg

zu schaffen, wie man es dem heiligen Benedikt bereitet hat. Derselbe Grund,

der den heiligen Mann veranlaßt hat, seine Söhne zu verlassen, konnte auch

mich dazu treiben, seinem Beispiel zu folgen; denn andernfalls setzte ich

mich der sicheren Gefahr aus, und meine Verwegenheit konnte man mir eher

als Leichtsinn gegen mich selbst und als ein Gottversuchen auslegen, denn

als Liebe zu Gott.

Da ich vor derartigen Nachstellungen, die mir von seiten der Mönche täglich

drohten, auf der Hut war so gut ich konnte und namentlich Speise und Trank,

die ich zu mir nahm, sorgfältig überwachte, so suchten sie mich sogar

während des Hochamts am Altar zu vergiften, indem sie mir Gift in den Kelch

mischten. Als ich eines Tages nach Nantes ging, um den Grafen in seiner

Krankheit zu besuchen und bei einem meiner leiblichen Brüder zu Gaste war,

so versuchten sie, mich durch einen Diener aus meinem eigenen Gefolge

vergiften zu lassen, in der Meinung, daß ich auf einen Anschlag von dieser

Seite nicht gefaßt sein werde. Allein der Himmel fügte es so, daß ich von

der Speise, die man mir vorsetzte, nichts anrührte, während ein

Klosterbruder, den ich mitgenommen hatte, ahnungslos davon aß und auf der

Stelle tot niederfiel, worauf jener Diener, durch sein Gewissen und durch

den unleugbaren Sachverhalt erschreckt, die Flucht ergriff. Da sich die

Ruchlosigkeit meiner Mönche so schamlos breit machte, so ergriff ich von

jetzt an ganz offen meine Vorsichtsmaßregeln so gut ich konnte: ich

entfernte mich aus der Abtei und hielt mich mit wenigen Getreuen in kleinen

Zellen auf. Hatten jene in Erfahrung gebracht, daß ich irgend wohin gehen

müsse, so stellten sie gedungene Mörder auf meinen Weg, um mich auf die

Seite zu schaffen.

Während ich in solchen Gefahren schwebte, traf mich auch noch die Hand des

Herrn gar schwer: ich stürzte eines Tages vom Pferd und verletzte mich

dabei an den Halswirbeln, und dieser unglückliche Sturz machte mir mehr zu

schaffen als meine einstige Verletzung.

Von Zeit zu Zeit versuchte ich der unbändigen Zuchtlosigkeit der Mönche

durch die Strafe der Exkommunikation entgegenzutreten, und einige von

ihnen, die ich am meisten zu fürchten hatte, brachte ich dazu, daß sie mir

durch einen feierlichen Eid vor Zeugen versprachen, die Abtei für immer zu

räumen und mich in keiner Weise mehr zu beunruhigen. Allein sie brachen

ganz offen und in frechster Weise Wort und Eidschwur und erst als Papst

Innocenz selber sich der Sache annahm und einen besonderen Legaten deswegen

entsandte, brachte man sie dazu, daß sie in Gegenwart des Grafen und der

Bischöfe zu dem alten Versprechen und außerdem zu verschiedenen anderen

Bedingungen aufs neue sich eidlich verpflichteten. Aber trotz alledem gaben

sie noch immer keine Ruhe. Erst vor kurzem noch, als diese Menschen aus dem

Kloster vertrieben waren und ich dahin zurückkehrte, um mich den Brüdern

anzuvertrauen, die ich weniger fürchten zu müssen glaubte, mußte ich die

traurige Erfahrung machen, daß die Zurückgebliebenen noch schlimmer waren

als die anderen. Sie griffen allerdings nicht zum Gift, dafür aber

bedrohten sie mein Leben mit dem Schwert, so daß ich mich unter dem Schutz

eines angesehenen Herrn mit Mühe und Not rettete. Und selbst jetzt noch

schwebt diese Gefahr über mir, und Tag für Tag sehe ich das Schwert über

meinem Haupt hängen, so daß ich kaum ruhig bei Tische sitzen kann. Es ging

mir wie jenem Mann, der die Macht und die Schätze des Tyrannen Dionysius

für das höchste Glück der Erde hielt und durch den Anblick eines Schwertes,

das an einem Faden über seinem Haupt hing, darüber belehrt wurde, was es

mit dem Glück irdischer Macht für eine Bewandtnis habe. Dieselbe Erfahrung

muß ich nun tagtäglich machen, der ich vom unscheinbaren Mönch zu der Würde

des Abtes emporgestiegen bin und mit der größeren Ehre nur größere Mühsal

mir erkoren habe, auf daß ich denen zum warnenden Beispiel dienen möge, die

ihr Ehrgeiz nach hohen Dingen zu streben treibt.

Geliebter Bruder in Christo und altbewährter Freund! Was ich dir bis

hierher mitgeteilt habe von der Geschichte meiner Leiden, die mich von der

Wiege an ohne Aufhören heimgesucht haben, möge genügen, um dich über dein

Mißgeschick zu trösten. Wie ich gleich im Anfang sagte, war es meine

Absicht, dich zu der Überzeugung zu bringen, daß dein Leiden im Vergleich

zu dem meinigen überhaupt nicht nennenswert oder doch erträglich sei. Je

mehr es bei näherer Betrachtung an Schwere verliert, desto geduldiger magst

du es tragen und dich trösten mit dem Wort, das Christus seinen Gliedern

von den Gliedern des Satans vorausgesagt hat: »Haben sie mich verfolgt, so

werden sie euch auch verfolgen. So die Welt euch hasset, so wisset, daß sie

mich vor euch gehasset hat. Wäret ihr von der Welt, so hätte die Welt das

Ihre lieb.« An einer andern Stelle sagt der Apostel: »Alle, die gottselig

leben wollen in Christo, müssen Verfolgung leiden.« Und ferner: »Gedenke

ich Menschen zu gefallen? wenn ich den Menschen noch gefällig wäre, so wäre

ich Christi Knecht nicht.« Und der Psalmist sagt: »Die den Menschen

gefallen, sind zu Schanden geworden, weil Gott sie verworfen hat.« In

diesem Sinn sagt auch der heilige Hieronymus, der mir die Leiden der

Verleumdung als ein besonderes Erbteil hinterlassen zu haben scheint, in

seinem Brief an Nepotianus: »Der Apostel schreibt: wenn ich den Menschen

noch gefällig wäre, so wäre ich Christi Knecht nicht -- er hat aufgehört,

den Menschen zu gefallen und ist ein Knecht Christi geworden.« Derselbe

Kirchenlehrer schreibt an Asella in der Schrift über falsche Freunde: »Ich

danke meinem Gott, daß ich würdig bin, von der Welt gehaßt zu werden.« Und

an den Mönch Heliodorus: »Du bist sehr im Irrtum, lieber Bruder, wenn du

glaubst, daß ein Christ jemals der Verfolgung entgehen werde. Unser

Widersacher schleicht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er

verschlinge, und du glaubst an Frieden? Der Feind lauert im Hinterhalt mit

den Mächtigen dieser Welt.«

Aus solchen Sprüchen und Beispielen wollen wir Mut schöpfen und das was uns

zustößt tragen, je unverdienter es ist, desto mutiger. Wenn unsre Leiden

uns nicht zum Verdienst angerechnet werden, so dienen sie doch -- so viel

ist sicher -- zu unserer Läuterung. Und weil doch alles nach Gottes

Ratschluß sich vollzieht, so kann sich jeder Gläubige in aller Not

wenigstens damit trösten, daß Gottes Güte nichts Unrechtes geschehen läßt

und daß er selber alles, was der göttlichen Ordnung widerspricht, zu einem

guten Ende führt. Darum ist es gut, in jeder Lebenslage zu sprechen: »Dein

Wille geschehe.«

Welch kräftiger Trost für die, so Gott lieben, in dem Wort des Apostels:

»Wir wissen, daß denen, die Gott lieben, alle Dinge zum besten dienen.«

Dies meinte auch der Weiseste der Weisen, wenn er im Buch der Sprüche sagt:

»Es wird dem Gerechten kein Leid geschehen, was ihm auch widerfahre.« Damit

sagt er deutlich, daß diejenigen vom rechten Pfad abweichen, die sich gegen

irgend eine Prüfung auflehnen, von der sie doch wissen, daß Gottes Hand sie

ihnen auferlegt. Solche Menschen richten sich nach ihrem eigenen, statt

nach Gottes Willen; sie führen wohl das Wort im Munde: »Dein Wille

geschehe,« aber die verborgenen Wünsche ihres Herzens stehen damit im

Widerspruch, da sie ihren eigenen Willen über den Willen Gottes setzen. --

Lebe wohl!

Briefwechsel zwischen Abaelard und Heloise, mit der Leidensgeschichte Abaelards · 第 1 / 17 题