24. April 1833.

Man wird in dem Folgenden keine komponierten Landschaften finden, sondern

wahrhafte Naturansichten. Die Wahrheit muß hier für alle sonstigen Vorzüge

stehen; aber wir leben in einer Zeit, der die Wahrheit nicht genügt und

die sie nicht genug pikant findet. Die sich in dieser Verfassung Geistes

befinden, denen rate ich, jede Woche nur eine der folgenden Geschichten zu

lesen, deren Sprache ich liebe; es ist die des Volkes, voller Pleonasmen

und alle schrecklichen Dinge bei ihrem schrecklichen Namen nennend. Aber

gerade dadurch schildert der Erzähler unbewußt sein Jahrhundert und dessen

gemeinübliche Denkweise.

Die mehreren dieser Geschichten sind wenige Tage nach dem Tode der armen

Teufel niedergeschrieben worden, von denen sie Bericht geben. Meine

Korrekturen versuchten, die Sprache etwas weniger dunkel zu machen, damit

ich nicht schon beim dritten Lesen die Geduld verliere. Es ist ja

überhaupt die Dunkelheit ein großer Fehler des Italienischen oder vielmehr

der acht oder zehn italienischen Sprachen, von denen keine ihre Rivalinnen

besiegt hat, so wie die Sprache von Paris die Montaignes getötet hat. So

sagt man in Rom: vi vedrò domani al giorno, was in Florenz kein Mensch

verstünde. Ich persönlich läse lieber eine Geschichte in englischer als in

italienischer Sprache, sie wäre mir deutlicher.

Nur ein Volk, in dem die Stärke des unmittelbaren Eindruckes, wie in

Neapel, und die Stärke der vom Geiste ohne Pause geförderten Leidenschaft,

wie in Rom, so bedeutend war, vermochte es, in solch hohem Maße

Affektiertheit und Eitelkeit zu unterdrücken oder auszuschalten. Ich bin

nicht sicher, ob man außerhalb Italiens -- und Spaniens vor der Unnatur

des 19. Jahrhunderts -- eine Epoche fände, kultivierter und interessanter

als die der Riccaras, von denen Franklin berichtet, und doch wieder so

sehr ohne Eitelkeit, daß das menschliche Herz fast bloß liegt. In diesem

Jahre 1833 kann ich feststellen, daß man in Frankreich und besonders in

England Totschlag vorwiegend des Geldes wegen begeht. Aber von den beiden

armen Teufeln, die vorgestern hier hingerichtet wurden, hat der

dreiundzwanzigjährige Vivaldi seine Frau umgebracht, weil er eine andere

liebte, und der zweite, siebenundzwanzigjährig, hatte aus politischen

Gründen einen Arzt erschossen, der wahrscheinlich ein Vaterlandsverräter

war. Von Geldinteressen keine Spur.

Rom, 15. Mai 1833.

Die Äbtissin von Castro · 第 29 / 51 题