ÜBERTRAGEN VON FRANZ BLEI

Ich kann mir denken, daß meine Zeitgenossen aus dem Jahre 1833 von den

naiven und lebhaften Geschichten, die man hier in der Sprechweise einer

Gevatterin wiedergegeben findet, wenig erbaut sein dürften. Mir liefert

die Erzählung all dieser Prozesse und Hinrichtungen wahrhafte Daten über

das menschliche Herz, über die man des Nachts im Postwagen gern nachdenkt.

Es wäre mir viel lieber gewesen, ich hätte Geschichten von Liebeshändeln,

Heiraten, klugen Erbschleichereien gefunden. Aber in solche Geschichten

hätte, auch wenn ich deren gefunden hätte, die Eisenhand der Gerechtigkeit

nicht hineingegriffen, und sie würden mir auch, fände ich welche, wenig

vertrauenswürdig vorkommen. Immerhin sind gefällige Leute in diesem

Augenblick bemüht, für mich derlei auszuforschen.

Seit der Mitte des 16. Jahrhunderts hat die Eitelkeit, le desir de

parestre, wie der Baron de Foeneste, sagt, in Frankreich einen dichten

Schleier über das Tun der Menschen geworfen und insonders über die Motive

des Tuns. In Italien ist die Eitelkeit von ganz andrer Art, dessen ich den

Leser mit meinem Ehrenwort versichern kann; sie hat hier eine bedeutend

geringere Wirkung. Man denkt im allgemeinen an den Nachbar nur, wenn man

ihn haßt oder ihm nicht traut; Ausnahmen davon gibt es höchstens bei den

drei oder vier großen Festen im Jahr; dann erzwingt sich jeder, der ein

Fest gibt, sozusagen mathematisch des Nachbarn billigende Zustimmung. Es

gibt da keine flüchtigen Nuancen, die man in jeder Viertelstunde des

Lebens mit tödlicher Unruhe im Fluge sich erhascht und merkt. Man sieht

hier keines jener unruhigen und magern Gesichter, durch welche alle Ängste

einer stets leidenden Eitelkeit blicken, keines dieser Gesichter à la

Vixault, Deputierter des Herault im Jahr 1833.

Diese italische Eitelkeit ist so sehr verschieden und so sehr viel

schwächer als unsere französische, und dies hat mich darauf geführt, die

nachfolgenden Klatschgeschichten abschreiben zu lassen. Meine Vorliebe für

diese Geschichten dürfte jeden meiner französischen Zeitgenossen spaßig

und gesucht vorkommen, die gewohnt sind, ihr literarisches Vergnügen und

das Abbild des menschlichen Herzens in Werken wie denen der Herrn Villmain

und Delavigne zu suchen. Dessen bin ich sicher, daß das heutige England,

Deutschland und Frankreich viel zu zerfressen sind von Affektiertheit und

aller Art Eitelkeit, als daß sie imstande wären, ein so scharfes Licht in

die Tiefen des menschlichen Herzens zu werfen, wie es diese alten

italienischen Berichte tun.

Ich muß gestehen, daß ich sehr wenig neugierig bin auf die Denk- und

Lebensgewohnheiten der Bewohner von Ceylon oder von Neu-Holland. Diese

Völker sind allzuverschieden von den Menschen, die meine Freunde und

Nebenbuhler waren. Sie bringen mich zum Gähnen wie die Achille, und

Agamemnone und die Helden Racines: ich kenne diese Herrschaften nicht.

Aber ich schmeichle mir, die Franzosen und die Italiener meiner Zeit zu

kennen; ich liebe das, was das Herz des Menschen darstellt, aber des

Menschen, den ich kenne.

Die Äbtissin von Castro · 第 27 / 51 题