ÜBERTRAGEN VON FRANZ BLEI

In Neapel hörte ich im Jahr 1824 in der Gesellschaft von der Geschichte

der Schwester Scolastica und dem Kanonikus Cibo sprechen. Neugierig, wie

ich bin, kann man sich denken, wie ich herumfragte. Aber kein Mensch

wollte mir klar und deutlich Auskunft geben; man fürchtete, sich zu

kompromittieren. In Neapel spricht man nämlich von politischen Dingen

niemals klar und deutlich; und dies ist der Grund davon: Eine

neapolitanische Familie, die zum Beispiel aus drei Söhnen, einer Tochter,

Vater und Mutter besteht, zerfällt in drei verschiedene

Parteien -- Verschwörungen, wie man das in Neapel nennt. So gehört die

Tochter zur Partei ihres Liebhabers; jeder der Söhne gehört einer

bestimmten Partei, und die Eltern sprechen mit einem Seufzer vom Hofe, der

regierte, als sie zwanzig Jahre alt waren. Aus dieser Isolierung der

Individuen ergibt sich, daß man niemals ernstlich und offen von Politik

spricht. Bei der geringsten etwas präziseren Aufstellung, die um etwas den

Gemeinplatz verläßt, erblassen ein paar Gesichter.

Da mein Ausfragen nach der Geschichte mit dem barocken Namen in der

Gesellschaft keinerlei Ergebnis hatte, glaubte ich, es handle sich in der

Geschichte dieser Schwester Scolastica um eines jener grauenvollen

Ereignisse kürzester Vergangenheit, aus dem Jahre 1820 zum Beispiel.

Eine vierzigjährige Witwe, eine gute, aber nichts weniger als schöne Frau

vermietete mir die Hälfte ihres kleinen Hauses in einer Gasse hundert

Schritte weit vom reizenden Park von Chiaja, am Fuß des Hügels, den hier

die Villa der Prinzessin Florida krönt, der Freundin des alten Königs. Es

ist das vielleicht das einzige ruhige Viertel von Neapel. Meine Witwe

hatte einen alten Galan, dem ich eine Woche durch den Hof machte. Als wir

eines Tages miteinander durch die Stadt schlenderten, zeigte er mir die

Stellen, wo sich die Lazzaroni gegen die Truppen des Generals Championnet

geschlagen und den Hinterhof, wo sie den Herzog von *** lebendig verbrannt

hatten; da fragte ich ihn im Überfall, doch ganz ruhig, weshalb man ein

solches Geheimnis mit der Geschichte der Suor Scolastica mache.

Er gab mir ganz ruhig die Antwort: "Die fürstlichen Namenstitel, die jene

trugen, sind auf deren heute lebende Nachfahren gekommen, und die würde es

vielleicht peinlich berühren, ihre Namen mit einer Geschichte vermengt zu

sehen, die so tragisch und für alle Welt so traurig war."

"Ist die Sache denn nicht im Jahre 1820 passiert?"

"Wer hat Ihnen das gesagt?" sagte mein Neapolitaner und lachte laut auf

über meine Jahreszahl. "Wer hat Ihnen denn was von 1820 gesagt?"

wiederholte er mit dieser wenig höflichen italienischen Lebhaftigkeit, die

dem Pariser so auf die Nerven fällt.

"Wenn Ihnen an Ihrem Menschenverstand liegt, so sagen Sie 1745, also das

Jahr nach der Schlacht von Velletri, die unserem großen Don Carlos den

Besitz von Neapel einbrachte. Hierzulande nannte man ihn Carl VII., und

später dann, in Spanien, wo er so Außerordentliches vollbrachte, hieß man

ihn Carl III. Er hat in unsere königliche Familie die große Nase der

Farnese gebracht.

Man nennt heute den Erzbischof nicht gern bei seinem richtigen Namen, vor

dem ganz Neapel zitterte, als ihm höchst unangenehm der Name Velletri in

die Ohren tönte. Die Deutschen lagerten auf den Hügeln um Velletri und

versuchten unsern großen Carlos im Palazzo Grineti, den er bewohnte,

auszuheben.

Es war ein Mönch, der die Anekdote aufgeschrieben haben soll, von der Sie

redeten. Die junge Nonne, die er mit dem Namen Suora Scolastica

bezeichnet, war aus der Familie des Herzogs von Bissignano. Der gleiche

Chronist gibt in seiner Geschichte Proben eines leidenschaftlichen Hasses

gegen den Erzbischof von damals, der, ein mächtiger Politiker in dieser

ganzen Affäre, den Kanonikus Cibo als den Handelnden vorschob. Vielleicht

war der schreibende Mönch ein Günstling des jungen Don Genarino, Marquis

de las Flores, von dem man annimmt, daß er dem Carlos das Herz der schönen

Rosalinda streitig gemacht hat, dem sehr galanten König sowohl wie auch

dem alten Herzog Vargas del Prado, der für den reichsten Mann seiner Zeit

galt. Es gibt sicher in der Geschichte dieser Katastrophe Sachen, welche

Personen, die 1760 noch mächtig waren, schwer hätten beleidigen können,

denn der Mönch, der um das Jahr schrieb, hütet sich, deutlich zu sein;

seine Wortkunst ist beträchtlich; er redet immer in allgemeinen Maximen,

sicher von perfekter Moral, aber Bestimmtes ist nicht daraus zu entnehmen.

Nur zu oft muß man das Manuskript zuschlagen, um über das nachzudenken,

was der gute Pater etwa hat sagen wollen. So wird er zum Beispiel beim

Tode des Don Genarino fast unverständlich. Ich kann Ihnen vielleicht in

einigen Tagen die Handschrift leihen, die so ennervierend ist, daß ich

Ihnen nicht rate, sie zu kaufen. Vor zwei Jahren verkaufte man sie

übrigens auf dem Bureau des Notars B. für nicht weniger als vier Dukaten."

Acht Tage später war ich im Besitz dieser Handschrift, deren Verfasser

jeden Augenblick seine Geschichte, statt sie zu Ende zu erzählen, in

andern Worten immer wieder von vorne anfängt; erst glaubt der verzweifelte

Leser, daß es sich um ein neues Faktum handelt, und schließlich wird die

Konfusion so groß, daß man gar nicht mehr weiß, wovon die Rede ist.

Man muß nämlich wissen, daß im Jahre 1742 ein Neapolitaner, ein Mailänder,

die vielleicht in ihrem ganzen Leben nicht hundert Worte hintereinander in

toskanischer Sprache gesprochen haben, sich des Toskanischen für den Druck

bedienen, weil sie das für schön halten. Der vortreffliche General

Colleta, der größte italienische Historiker, hatte auch ein bißchen diese

Manie, die seinen Leser oft unsicher über das vom Verfasser Gemeinte

macht. Das kaum verständliche Manuskript, das sich Suora Scolastica

betitelte, zählte nicht weniger als 310 Seiten. Ich erinnere mich, gewisse

Seiten daraus ins reine geschrieben zu haben, um des Sinnes sicher zu

sein, den ich dem Gelesenen gab.

Sowie ich einmal die Geschichte genau kannte, hütete ich mich, direkte

Fragen zu stellen. Sooft mir aus vielem Geschreibsel des Mönches irgendein

sicheres Faktum deutlich war, erbat ich mir mit der unschuldigsten Miene

einige Aufklärungen. Und nach einiger Zeit gab mir eine Person, die zwei

Monate früher mir jede Antwort auf meine Fragen glatt verweigert hatte,

ein kleines handgeschriebenes Heftchen von 60 Seiten, das auf die

Geschichte selber nicht weiter eingeht, aber über gewisse Fakten

pittoreske Details gibt. Zum Beispiel über die rasende Eifersucht.

Aus den Worten ihres Almoseniers, den der Erzbischof dazu gewonnen hatte,

erfuhr eines Tages die Prinzessin Donna Ferdinanda de Bissignano, daß der

junge Don Genarino nicht in sie, sondern in ihre Stieftochter Rosalinde

verliebt sei. Sie rächte sich an ihrer Rivalin, die sie vom König Carlos

geliebt glaubte, indem sie Don Genarino de las Flores in eine heftige

Eifersucht hetzte. Dieses folgende nun ist die Geschichte, welche ganz

Neapel im Jahre 1740 so heftig bewegt hat.

Im Jahre 1740 regierte in Neapel Don Carlos. Er war der Sohn der Fürstin

Elisabet von Parma, einer Farnese, die ihm, trotzdem er der Jüngere war,

gern eine Krone verschafft hätte, weshalb sie ihm zu günstiger Stunde nach

Italien mit einer Armee dirigierte. Er gewann die Schlacht bei Velletri,

trotzdem der Kampftag für ihn damit begonnen hatte, daß ihn eine Kompagnie

Österreicher des Morgens in seinem Zimmer überraschte. Der Herzog Vargas

del Prado, einer der spanischen Granden, welche die Elisabet Farnese ihrem

Sohn als Stab gegeben hatte, rettete ihm das Leben oder doch die Freiheit,

indem er ihm einen Fußtritt versetzte, der ihn ans Fenster seines nicht

niedrig gelegenen Schlafzimmers beförderte, durch das er entkam.

Don Carlos mit der ungeheuern Nase war nicht ohne Geist. Als Karl III. von

Neapel hielt er einen glänzenden Hof. Er brachte sich seine Untertanen mit

festlichem Zirzenses nah und führte gleichzeitig strenges Regiment in

allen Zweigen der Verwaltung. Die spanischen Vizekönige, deren Klugheit

durch Masaniellos Revolte berühmt geblieben ist, hatte man davongejagt;

die harten und geldgierigen österreichischen Generäle hatte man

davongejagt; in der Folge so vieler Wechsel und Konfiskationen sah sich

der neue König Herr fast über alles Hab und Gut. Die meisten Edelleute

hatten die Konfiskation einiger ihrer Güter erlebt oder wurden mit

konfisziertem Grundbesitz jener Unzufriedenen beschenkt, die von erkauften

Subjekten Verräter genannt wurden. Diese Unsicherheit aller Vermögen

verband sich mit der Notwendigkeit großer Ausgaben um der Gunst des Königs

willen, und das verpflichtete die großen Herren, hinsichtlich ihrer

Geschäfte die Augen recht offen zu halten.

Der Adel drängte sich an den Hof, und der Handelsstand gratulierte sich

dazu, die unglaublichen Plackereien der Vizekönige und die Habsucht der

österreichischen Generäle los zu sein; das gemeine Volk aber war

höchlichst erstaunt, eine Regierung zu haben, von der es nicht immerzu

geschunden wurde und gewöhnte sich daran, Steuern zu zahlen, von denen ein

Teil als Premie an Adel und Geistlichkeit verteilt wurde.

Also regierte Don Carlos seit fünf Jahren; Ruhe und Wohlstand kehrten

wieder; glückliche Zufälle halfen dabei. Der Winter von 1740 auf 1741 sah

Festlichkeiten, wie schon lange keiner mehr. Acht oder zehn Damen von

seltener Schönheit teilten sich in alles Lob und Preis, aber der junge

König, der ein feiner Kenner war, erklärte für die schönste Dame seines

Hofes Rosalinda, die Tochter des Principe d'Atella. Dieser Principe

d'Atella, früher österreichischer General, war ein ebenso trübseliger wie

kluger Mann, der gegen seinen Willen Donna Ferdinanda, seinem zweiten

Weibe, darin nachgab, daß sie sich zu Hofe von seiner Tochter, der schönen

Rosalinda, begleiten ließ, die der König für die allerschönste erklärte

und die noch nicht sechzehn Jahre zählte.

Der Principe d'Atella hatte drei Söhne aus erster Ehe, deren standesgemäße

Versorgung ihm Schwierigkeiten machte. Die Titel dieser Söhne, die alle

Herzöge oder Prinzen waren, fand er in keinem Verhältnisse zu dem mäßigen

Vermögen stehend, das er ihnen hinterlassen konnte.

D'Atella liebte seine sehr lustige und sehr unvorsichtige Frau, die, wenn

auch um dreißig Jahre jünger als er, doch nicht mehr jung war, und es

während der köstlichen Feste dieses Winters nur der Anwesenheit ihrer

Tochter Rosalinda verdankte, immer von einem hofmachenden Schwarm der

glänzendsten Jugend Neapels umgeben zu sein. Ihre besondere Aufmerksamkeit

schenkte sie dem jungen Genarino de las Flores, dessen etwas hochfahrenden

spanischen Manieren dem hübschen und lustigen Gesichte mit dem blonden

Bärtchen und den blauen Augen, einer Seltenheit in Neapel, sehr gut

standen; besonders von diesen blauen Augen waren die Damen des Hofes ganz

entzückt. So sehr entzückt, daß Genarino schon zwei Wunden aus Duellen mit

Bräutigamen oder Brüdern trug, in deren Familie er Unordnung gebracht

hatte.

Der junge Marquis war geschickt genug, die Principessa d'Atella zu

überzeugen, daß ihr seine Huldigung gelte, aber tatsächlich war er in die

junge Rosalinda verliebt und, was mehr ist, eifersüchtig auf sie. Eben

jener Herzog, der in der Nacht vor der Bataille von Velletri dem Don

Carlos so von Nutzen gewesen war und sich nun der höchsten Gunst des

jungen Königs erfreute, war aufs tiefste berührt von der naiven Grazie der

jungen Rosalinda und ganz besonders von ihrem einfachen Wesen und ihrer

aus den Augen strahlenden Aufrichtigkeit; er machte ihr auf eine

majestätische Weise den Hof, wie sich dies für einen dreifachen spanischen

Granden gehört. Aber er schnupfte und trug eine Perücke; und gerade

Schnupftabak und Perücke sind für eine junge Neapolitanerin die zwei

Dinge, die sie nicht ausstehen kann. Und trotz der nur bescheidenen

Mitgift von vielleicht zwanzigtausend Francs und keiner andern Aussicht

als das vornehme Kloster San Petito ganz oben in der Toledanerstraße, dem

Modegrab der jungen Mädchen aus dem Hochadel, konnte sich Rosalinda nicht

entschließen, die leidenschaftlichen Augen des Herzogs von Prada zu

verstehen; wohl aber begriff sie sehr gut, was ihr Don Genarino mit seinen

Blicken sagte, wenn ihn die Principessa d'Atella gerade nicht beobachtete.

Der Herzog von Prada war sich nicht ganz sicher, ob die junge Rosalinda

nicht manchmal auch Antwort auf Genarinos fragende Augen gab.

Die Liebe der beiden hatte wirklich, vernünftig betrachtet, gar keinen

Sinn. Gewiß gehörte die Familie der Las Flores zum Hochadel, aber der alte

Herzog dieses Namens, Genarinos Vater, besaß drei Söhne und hatte nach

Brauch des Landes deren Angelegenheiten so arrangiert, daß der älteste

etwa fünfzehnhundert Dukaten Rente bekam, während die beiden jüngeren sich

mit zwanzig Dukaten im Monat zufrieden geben mußten samt Logis im

Stadtpalais und in der Villa, zufrieden geben mußten, aber nicht damit

zufrieden waren.

Don Genarino und Rosalinda verwandten all ihre Geschicklichkeit darauf,

was sie für einander empfanden, vor der Principessa d'Atella zu verbergen,

deren kokettischer Anspruch auf Begehrtwerden dem jungen Marquis niemals

die falschen Gedanken verziehen hätte, die sie sich hinsichtlich seiner

Liebe zu ihr machte. Aber ihr Gatte, der alte General, hatte bessere Augen

als sie. Beim letzten Ball, den in diesem Winter König Carlos selber gab,

war es ihm ganz klar geworden, daß der bereits durch mehr als ein

Abenteuer berühmte Don Genarino es unternommen hatte, entweder seiner Frau

oder seiner Tochter zu gefallen; und das eine paßte ihm so wenig wie das

andere. Nächsten Morgen hieß er nach dem Frühstück seine Tochter, mit ihm

auszufahren, und er brachte sie, ohne weiter auch nur ein Wort zu

sprechen, nach dem Kloster von San Petito; es ist das jenes damals sehr

modische Kloster, dessen köstliche Fassade man ganz oben zur linken in der

Calle di Toledo sieht neben dem magnifiken Palazzo dei Studi.

Die langhin sich streckenden Mauern, die man bei einem Spaziergang auf der

Wiese von Vomero immer im Rücken hat, sollen das profane Auge abhalten, in

die Gärten von San Petito zu blicken.

Der alte Fürst tat erst den Mund auf, als er seiner Schwester seine

Tochter vorstellte. Wie eine Mitteilung, die er ihr aus Höflichkeit mache

und für die sie ihm dankbar sein müsse, sagte er zu Rosalinda, daß sie das

Kloster nur ein einziges Mal noch verlassen würde, nämlich am Vorabend des

Tages ihrer Profeß.

Rosalinda war über alles das nicht weiter erstaunt; sie wußte ganz gut,

daß sie höchstens durch ein Wunder eine Verheiratung erwarten konnte, und

den Herzog Vargas del Prado zu heiraten, davor graute ihr in diesem

Augenblick. Außerdem hatte sie einige Jahre als Pensionärin in dem Kloster

geweilt, in das man sie jetzt zurückbrachte, und alle ihre Erinnerungen an

ihren frühern Klosteraufenthalt waren lustig und amüsant; so war sie am

ersten Tage nicht arg betroffen von ihrem Lose; aber schon am nächsten

Tage war ihr deutlich, daß sie den jungen Don Genarino niemals wiedersehen

würde, und das traf sie, trotz ihres Alters Kindlichkeit, tief. Verspielt

und betäubt die ersten Tage, wurde sie bald die am wenigsten resignierte

und traurigste unter den Mädchen des Klosters. Wohl zwanzig Male dachte

sie im Tage an Genarino, den sie nicht mehr sehen sollte, während doch

früher und zu Hause an diesen liebenswürdigen jungen Mann zu denken ihr

höchstens zweimal im Tage eingefallen war.

Drei Wochen nach ihrem Eintritt im Kloster geschah es ihr, daß sie beim

Abendgebet die marianische Litanei ohne jeden Fehler hersagte und ihr

dafür die Novizenmutter für den andern Tag erlaubte, zum erstenmal, auf

das Belvedere hinaufzusteigen; so nennt man die weitläufige Galerie, von

den Nonnen mannigfaltig mit Bildern und Arabesken geschmückt, die ganz

oben an der Außenmauer des Klosters gegen die Toledanerstraße zu offen

liegt.

Rosalinda war entzückt über die doppelte Wagenreihe, die um diese Zeit des

Korso die Straße füllt; sie erkannte die meisten Wagen und die Damen

darin. Das amüsierte sie und bedrückte sie zugleich.

Aber Verwirrung kam in ihr Herz, als sie unter einem Torweg einen jungen

Mann erkannte, der zärtlich zu ihr hinauf einen Strauß wundervoller Blumen

bewegte; es war Don Genarino, der seit Rosalindas Entführung ins Kloster

jeden Tag hierher kam in der Hoffnung, sie auf dem Belvedere zu sehen; und

da er um ihre Blumenliebe wußte, hatte er jedesmal, um ihre Aufmerksamkeit

auf sich zu lenken, einen Strauß seltenster Blumen mitgebracht. Als

Genarino sich erkannt sah, gab er ein sichtbares Zeichen seiner Freude,

und bald folgtem[sic! statt: folgten] diesem andere Zeichen, die zu

beantworten sich Rosalinda hütete. Sie überlegte, daß nach der vom Kloster

befolgten Regel Benedicti gut ein paar Wochen bis zu neuerlicher Erlaubnis

das Belvedere zu besuchen vergehen könnten. Um sie herum war eine Menge

sehr lustiger Nonnen, von denen fast alle ihren Freunden Zeichen machten,

und diese jungen Damen schienen etwas geniert von der Anwesenheit dieses

jungen Mädchens im weißen Schleier, die doch etwas erstaunt sein könnte

über ihr wenig klösterliches Benehmen und ihr Sprechen mit den Herren da

unten. Man muß wissen, daß in Neapel die Mädchen von Kindheit an die

Fingersprache sprechen, bei der die verschiedenen Stellungen der Finger

zueinander das Alphabet bilden. Man kann die Mädchen im Salon auf diese

Weise leise sprechen sehen, während sich die betreffenden Eltern laut

unterhalten.

Genarino zitterte bei dem Gedanken, Rosalindas Nonnentum könnte echt sein.

Er war noch etwas weiter zurück in den Torweg getreten und sagte ihr von

hier aus in den Kindersprache der Finger:

"Seitdem ich Sie nicht mehr sehe, bin ich unglücklich. Sind Sie im Kloster

glücklich? Haben Sie so viel Freiheit, öfter auf das Belvedere zu kommen?

Lieben Sie immer noch die Blumen?"

Rosalinda sah ihm voll ins Gesicht, aber antwortete nicht. Auf einmal

verschwand sie, entweder von der Novizenmutter gerufen oder von den

wenigen Worten Don Genarinos beleidigt. Der stand eine Weile bestürzt.

Dann stieg er das kleine Gehölz von Aranella hinauf, das über Neapel

liegt; bis da hinauf zieht sich die Umfassungsmauer des weiten

Klostergartens von San Petito. Weiter ging er seinen melancholischen

Spaziergang und kam auf die Wiesenfläche von Vomero, von wo aus man über

Neapel und das Meer blickt; nach ein paar hundert Schritten stand er vor

dem großartigen Schlosse des Herzogs Vargas del Prado ehemals eine

mittelalterliche Festung mit schwarzen kranelierten Mauern und berühmt in

Neapel wegen seiner Düsterkeit und der Manie des Herzogs, sich nur von

spanischen Domestiken bedienen zu lassen, die genau so alt waren wie er.

Der alte Herzog sagte, daß er sich auf seinem Schlosse in Spanien glaube,

und um diesen Eindruck zu vermehren, hatte er auch alle Bäume in der

Umgebung umhauen lassen. Sooft es ihm nur der Dienst beim König erlaubte,

begab sich der Herzog, um Luft zu schnappen, nach seinem Schloß San

Nicola.

Das düstere Schloß vermehrte noch Genarinos Melancholie. Da packte ihn,

als er unter der Mauer der Gärten von San Petito hinschritt, ein Gedanke.

'Natürlich liebt sie noch die Blumen,' sagte er sich; 'die Nonnen dürften

deren kultivieren in ihrem Garten; also muß es wohl Gärtner geben; ich muß

diese Gärtner kennenlernen.'

In dieser sehr verlassenen Gegend gab es eine Osteria, in die Genarino

eintrat; sein Anzug war für diesen Ort viel zu prächtig, und er merkte mit

einigem Unbehagen, daß seine Anwesenheit Überraschung und Mißtrauen

hervorrief; da tat er, als ob er sehr müde wäre und machte sich Liebkind

mit den Wirtsleuten und dem Volk, das da seinen Schoppen Wein trank.

Seiner offenen Art hatte er es zu danken, daß die Leute in der Kneipe ihm

seine für den Ort etwas zu kostbaren Kleider verziehen. Genarino scheute

sich nicht, mit dem Wirt und dessen Freunden ein paar Gläser von dem

Bessern zu leeren, den er kommen ließ. Nach Verlauf einer Stunde Arbeit

machte seine Anwesenheit keinen mehr mißtrauisch. Man riß Witze über die

adeligen Nonnen von San Petito und über die Besucher, die manche von ihnen

über die Gartenmauer weg empfingen.

Genarino bekam die Gewißheit, daß, worüber man in Neapel so viel redete,

wirklich existiere. Die guten Leute von Vomero scherzten darüber, aber

zeigten sich nicht im mindesten entrüstet über die weltlichen Gewohnheiten

der Nonnen von San Petito.

Die Äbtissin von Castro · 第 23 / 51 题