ÜBERTRAGEN VON M. VON MUSIL

In einer Stadt Toskanas, die ich nicht nennen werde, gab es im Jahre 1589

und gibt es noch heute ein düsteres und weitläufiges Kloster. Seine

schwarzen wohl fünfzig Fuß hohen Mauern verfinstern ein ganzes

Straßenviertel. Drei Straßen werden von diesen Mauern begrenzt; an der

vierten Seite breitet sich der Garten des Klosters aus, der bis zum

Stadtwall reicht. Diesen Garten umgibt eine weniger hohe Mauer. Die Abtei,

der wir den Namen Santa Riparata geben wollen, nimmt nur die Töchter des

höchsten Adels auf. Am 20. Oktober 1587 waren alle Glocken des Klosters in

Bewegung; die Kirche war für die Gläubigen offen und mit prachtvollen

Wandteppichen aus rotem mit reichen Goldfransen verziertem Damast

ausgeschlagen. Die fromme Schwester Virgilia, die Geliebte des neuen

Großherzogs von Toskana, Ferdinand I., war am Abend vorher zur Äbtissin

von Santa Riparata erhoben worden, und der Bischof der Stadt, von seinem

ganzen Klerus gefolgt, war zur feierlichen Einsetzung gekommen. Die ganze

Stadt war in Aufregung und das Gedränge in den Gassen um Santa Riparata so

groß, daß es unmöglich war, dort durchzukommen.

Der Kardinal Fernando Medici, der auf seinen Bruder Francesco gefolgt war,

jedoch ohne deshalb auf den Kardinalshut Verzicht zu leisten, war

sechsunddreißig Jahre alt und seit fünfundzwanzig Jahren Kardinal; er war

im Alter von elf Jahren zu dieser hohen Würde erwählt worden. Die

Regierung Francescos, der heute noch durch seine Liebe zu Bianca Capello

berühmt ist, war durch alle Torheiten, zu welchen die Vergnügungssucht

einen wenig charakterstarken Fürsten hinreißen kann, gekennzeichnet. Auch

Ferdinand hatte sich einige Schwächen dieser Art vorzuwerfen. Seine Liebe

zu der Laien-Schwester Virgilia war in ganz Toskana berühmt; doch

besonders durch die Unschuld dieser ihrer Beziehungen wie man beifügen

muß; ebenso wie man sagen muß, daß der düstere, heftige und

leidenschaftliche Großherzog Francesco das Aufsehen, das seine

Liebschaften erregten, wenig genug beachtete. Im ganzen Land sprach man

nur von der großen Tugend der Schwester Virgilia. Die Ordensregeln, die

sie als Laienschwester zu erfüllen hatte, erlaubten es ihr, etwa drei

Viertel des Jahres bei der Familie zu verbringen; sie sah dann täglich den

Kardinal Medici, wenn er in Florenz war. Zwei Dinge setzten diese der

Wollust hingegebene Stadt an dieser Liebschaft eines reichen jungen

Fürsten in Erstaunen, dem durch das Beispiel seines Bruders alles

gestattet war: die junge schüchterne, nichts weniger als geistvolle

Schwester Virgilia war durchaus nicht hübsch und der junge Kardinal hatte

sie nie anders als in Gegenwart von zwei oder drei alten Damen aus der

edlen Familie Respuccio gesehen, der diese sonderbare Geliebte eines

jungen Prinzen von Geblüt angehörte.

Großherzog Francesco starb am 19. Oktober 1587 gegen Abend. Am 20. Oktober

noch vor dem Mittag begaben sich die Adeligen des Hofs und die reichsten

Kaufleute -- denn man muß sich erinnern, daß die Medici ursprünglich

Kaufleute gewesen waren; ihre Verwandten und die einflußreichsten

Persönlichkeiten des Hofs trieben noch immer Handel, wodurch diese

Höflinge verhindert wurden, ganz so albern zu sein, wie ihresgleichen an

den anderen zeitgenössischen Höfen -- die ersten Hofherren und die

reichsten Kaufleute begaben sich also am Morgen des 20. Oktober in das

bescheidene Haus der Laienschwester Virgilia, die über diesen Andrang sehr

erstaunt war.

Der neue Großherzog wollte weise und verständig dem Glück seiner

Untertanen nützlich sein; er wollte vor allem jede Intrige von seinem Hof

verbannen. Zur Macht gelangt fand er, daß die Leitung des reichsten

Frauen-Klosters seines Staates, das allen vornehmen Töchtern, die von

ihren Eltern dem Glanz der Familie geopfert wurden, als Zuflucht diente,

unbesetzt war; er zögerte nicht, der Frau, die er liebte, die

Äbtissinwürde zu verleihen.

Das Kloster von Santa Riparata gehörte zum Orden des heiligen Benedikt,

dessen Regeln den Nonnen nicht gestatten, die Klausur zu verlassen. Zum

großen Erstaunen des guten Volks von Florenz sah der Fürst-Kardinal die

neue Äbtissin nicht mehr, aber in seiner Herzenszartheit, die von allen

Frauen seines Hofs bemerkt und, wie man wohl sagen kann, allgemein

getadelt wurde, gestattete er sich überhaupt niemals, eine Frau unter vier

Augen zu sehn. Als diese Lebensführung offenbar war, verfolgte die

Dienstbeflissenheit der Höflinge die Schwester Virgilia bis in ihr

Kloster, und sie glaubten zu bemerken, daß sie trotz ihrer ungewöhnlichen

Bescheidenheit gar nicht unempfindlich gegen diese Aufmerksamkeit war, der

einzigen, die seine außerordentliche Tugend dem neuen Herrscher

gestattete.

Das Konvent von Santa Riparata mußte oft Angelegenheiten behandeln, die

sehr zarter Natur waren: diese jungen Mädchen aus den reichsten Familien

von Florenz ließen sich nicht aus der so glänzenden Welt verbannen, aus

dieser so reichen Stadt, die damals der Hauptsitz des europäischen Handels

war, ohne einen Teil ihres Herzens bei dem zurückzulassen, was man sie zu

verlassen zwang; oft erhoben sie laut Einspruch gegen die Ungerechtigkeit

ihrer Eltern; manchmal suchten sie Tröstungen in der Liebe, und der Haß

wie die Rivalität, die im Kloster herrschten, setzten die vornehme

Gesellschaft von Florenz in Aufregung. Dieser Stand der Dinge war der

Grund, daß die Äbtissin von Santa Riparata häufig genug Audienzen beim

regierenden Großherzog erhielt. Um die Vorschriften des Heiligen Benedikt

so wenig wie möglich zu übertreten, schickte der Großherzog der Äbtissin

einen seiner Gala-Wagen, in dem zwei ihrer Hofdamen Platz nahmen, welche

die Äbtissin bis in den Audienzsaal des weitläufigen großherzoglichen

Schlosses in der Via larga, begleiteten. Diese beiden Damen, die Beweise

der Klausur, wie man sie nannte, nahmen auf Lehnsesseln dicht an der Türe

Platz, während die Äbtissin allein vorschritt, um mit dem Fürsten zu

sprechen, der sie am äußersten Ende des Saales erwartete, so daß die

'Beweise der Klausur' nichts von dem, was während dieser Audienz gesagt

wurde, hören konnten.

Wieder andre Male begab sich der Fürst in die Kirche von Santa Riparata,

wo man ihm das Chorgitter öffnete, damit die Äbtissin Seine Hoheit

sprechen könne.

Diese beiden Arten der Audienz paßten dem Großherzog keineswegs; sie

hätten vielleicht einem Gefühl neue Kraft verleihen können, welches er

vermindern wollte. Indessen ließ eine der Klosterangelegenheiten

delikatester Natur nicht lange auf sich warten: Die Liebesverhältnisse der

Schwester Felizia degli Almieri störten den Frieden. Die Familie degli

Almieri war eine der reichsten und mächtigsten in Florenz. Da zwei von den

drei Brüdern, für deren Eitelkeit man die junge Felizia geopfert hatte,

schon gestorben waren und der dritte keine Kinder hatte, bildete sich

diese Familie ein, einer Strafe des Himmels ausgesetzt zu sein. Die Mutter

und der überlebende Bruder gaben Felizia, trotz ihres Gelübdes der Armut,

die Güter, deren man sie beraubt hatte, um der Eitelkeit der Brüder zu

frönen, in Form von Geschenken zurück.

Das Kloster von Santa Riparata zählte damals dreiundvierzig Nonnen und

jede von ihnen hatte ihre Kammerfrau. Das waren junge, dem armen Adel

entnommene Mädchen, die an einer zweiten Tafel speisten und jeden Monat

vom Schatzmeister des Klosters einen Scudo für ihre Auslagen erhielten.

Aber nach einem sonderbaren und für den Frieden des Klosters nicht sehr

günstigen Brauch, konnte man nur bis zum Alter von dreißig Jahren

Kammerfrau bleiben; an diesem Lebensabschnitt angelangt, verheirateten

sich diese Mädchen oder wurden in Klöster niederen Ranges untergebracht.

Die sehr vornehmen Damen von Santa Riparata durften bis zu fünf

Kammerfrauen haben und die Schwester Felizia degli Almieri verlangte deren

acht. Alle jene Damen des Klosters, welche man für galant hielt, und das

waren fünfzehn oder sechzehn, unterstützten die Forderungen Felizias,

während die sechsundzwanzig andren sich höchst entrüstet darüber zeigten

und davon sprachen, einen Appell an den Fürsten zu richten.

Die neue Äbtissin, die gute Schwester Virgilia, hatte lange nicht genug

Geist, um diese ernste Angelegenheit zu entscheiden; es schien, daß beide

Parteien von ihr verlangten, die Sache zur Entscheidung dem Fürsten zu

unterbreiten.

Schon begannen bei Hof alle Freunde der Familie degli Almieri zu sagen,

wie befremdlich es sei, daß man ein Mädchen von so hoher Geburt, noch dazu

es ehemals so barbarisch von seiner Familie geopfert, nun wieder

verhindern wolle, von seinem Reichtum Gebrauch zu machen wie es wünsche,

besonders wo dieser Gebrauch so unschuldig wäre. Von der anderen Seite

verfehlten die Familien der älteren oder weniger begüterten Nonnen nicht,

zu antworten, es sei zum mindesten sonderbar, daß eine Nonne, die das

Gelübde der Armut abgelegt habe, sich nicht mit fünf Kammerfrauen

zufrieden geben könne.

Der Großherzog wollte einen Klatsch, der die ganze Stadt in Aufregung

versetzen konnte, kurz beendigen. Seine Minister drängten ihn, der

Äbtissin von Santa Riparata eine Audienz zu gewähren, und da dieses

Mädchen in seiner himmlischen Tugend und seinem bewundernswürdigem

Charakter seinen ganz in die Dinge des Himmels vertieften Geist

wahrscheinlich nicht zu der Kleinlichkeit eines so elenden Klatsches

herablassen würde, müßte der Großherzog ihr eine Entschließung eröffnen,

die sie nur auszuführen hätte. 'Aber wie könnte ich diese Entschließung

fassen,' sagte sich der verständige Fürst, 'wenn ich doch durchaus nichts

von den Gründen weiß, welche die beiden Parteien geltend machen können?'

Übrigens wollte er sich auch nicht die mächtige Familie degli Almieri ohne

hinreichende Gründe zum Feinde machen.

Der intime Freund des Fürsten war Graf Buondelmonte, der ein Jahr jünger

als er war. Sie kannten sich schon von der Wiege her, da sie die gleiche

Amme gehabt hatten, eine reiche schöne Bäuerin von Casentino. Graf

Buondelmonte, reich, vornehm und einer der schönsten Männer der Stadt, war

durch die außerordentliche Gleichgültigkeit und Kälte seines Charakters

bekannt. Er hatte unverzüglich abgelehnt, Premierminister zu werden, was

ihm Großherzog Ferdinand schon am Tage seiner Ankunft in Florenz

angetragen hatte.

'Ich an Eurer Stelle, Fürst,' hatte ihm der Graf gesagt, 'würde sogleich

abdanken; urteilt also selbst, ob ich der Minister des Fürsten sein und

den Haß der halben Bevölkerung einer Stadt gegen mich entfesseln möchte,

in der ich mein Leben verbringen will!'

Mitten in den Unannehmlichkeiten am Hofe, welche dem Herzog durch die

Mißhelligkeiten im Kloster von Santa Riparata erwachsen waren, fiel ihm

ein, daß er die Freundschaft des Grafen anrufen könnte. Dieser brachte

sein Leben auf seinen Gütern zu, deren Pflege er mit viel Aufmerksamkeit

leitete. Täglich widmete er der Jagd oder dem Fischen zwei Stunden, je

nach der Jahreszeit. Niemals hatte man eine Geliebte bei ihm gesehn. Er

wurde durch den Brief des Fürsten, der ihn nach Florenz rief, sehr

verstimmt; er wurde es noch viel mehr, nachdem der Fürst ihm gesagt hatte,

daß er ihn zum Vorsteher des Damenstifts von Santa Riparata ernennen

wolle.

"Wißt," sagte ihm der Graf, "daß ich beinahe vorzöge, Premierminister

Eurer Hoheit zu sein. Der Frieden des Gemüts ist meine Leidenschaft, und

was glaubt Ihr wohl soll aus mir inmitten all dieser wütenden Schäflein

werden?"

"Was meinen Blick auf Euch gelenkt hat, mein Freund, ist, daß man weiß,

eine Frau hat niemals auch nur die Gänze eines Tags hindurch Eure Seele zu

beherrschen vermocht; ich bin weit entfernt davon, ebenso glücklich zu

sein; es fehlte nicht viel, daß ich die gleichen Torheiten fortgesetzt

hätte, die mein Bruder für Bianca Capello begangen hat."

Jetzt begann der Fürst ihm vertrauliche Mitteilungen zu machen, mit deren

Hilfe er seinen Freund zu verführen gedachte. "Glaubt mir," sagte er ihm,

"wenn ich dieses so sanfte Mädchen wiedersehe, das ich zur Äbtissin von

Santa Riparata gemacht habe, kann ich nicht mehr für mich einstehn."

"Und was wäre dabei?" sagte der Graf, "Wenn es Euch als ein Glück

erscheint, eine Geliebte zu haben, warum solltet Ihr dann keine nehmen?

Wenn ich keine habe, ist es, weil mich jede Frau durch ihre Klatscherei

und durch die Kleinlichkeit ihres Charakters langweilt, schon nach

dreitägiger Bekanntschaft."

"Ich," sagte der Großherzog, "ich bin Kardinal. Es ist wahr, daß der Papst

mir die Erlaubnis erteilt hat, auf den Hut zu verzichten und mich in

Anbetracht der Krone, welche mir unvermutet zukam, zu verheiraten; aber

ich verlange gar nicht danach, in der Hölle zu brennen, und wenn ich mich

verheirate, werde ich eine Frau nehmen, welche ich nicht liebe und von der

ich Nachfolger für meine Krone verlangen werde, und nicht die üblichen

Süßigkeiten der Ehe."

"Darauf habe ich nichts zu sagen," entgegnete der Graf, "ich kann nicht

glauben, daß der Allmächtige Gott seinen Blick auf solche Kleinigkeiten

herabsenkt. Macht aus Euren Untertanen glückliche und ehrliche Leute, wenn

Ihr es könnt und habt im übrigen sechsunddreißig Geliebte."

"Ich will nicht einmal eine haben," entgegnete der Fürst lachend; "doch

ich wäre dem sehr ausgesetzt, wenn ich die Äbtissin von Santa Riparata

wiedersähe. Das ist das vortrefflichste Mädchen der Welt und das

unfähigste, nicht nur ein Kloster voll junger widerwillig der Welt

entrissener Mädchen zu leiten, sondern selbst die verständigste

Vereinigung alter und frommer Frauen."

Der Fürst hatte eine so tiefe Furcht, Schwester Virgilia wiederzusehn, daß

der Graf davon gerührt wurde. 'Wenn er diesen vertrackten Eid bricht, den

er geleistet hat, als der Papst ihm gestattete zu heiraten,"[sic! statt:']

sagte er sich, "[sic! statt: ']ist er auch fähig, für den Rest seines

Lebens ein verstörtes Herz davonzutragen.' Am nächsten Morgen begab er

sich ins Kloster von Santa Riparata, wo er mit der ganzen Neugier und

allen Ehren, die dem Abgesandten des Fürsten gebühren, empfangen wurde.

Ferdinand hatte einen seiner Minister ins Kloster gesandt, um der Äbtissin

und den Nonnen die Erklärung zu überbringen, daß Staatsgeschäfte ihn

verhinderten, sich mit ihrem Kloster zu beschäftigen und daß er seine

Machtvollkommenheit für immer dem Grafen Buondelmonte übertragen habe,

dessen Entschließungen unwiderruflich seien.

Nachdem er mit der guten Äbtissin gesprochen hatte, war der Graf von dem

schlechten Geschmack des Fürsten skandalisiert: sie hatte nicht einmal

gesunden Menschenverstand und war nichts weniger als hübsch. Der Graf fand

die Nonnen, welche Felizia degli Almieri verhindern wollten, zwei neue

Kammerfrauen zu nehmen, sehr garstig. Er hatte Felizia ins Sprechzimmer

rufen lassen. Sie ließ mit Dreistigkeit antworten, daß sie keine Zeit

hätte, zu kommen, was den Grafen amüsierte, den bis dahin seine Mission

recht gelangweilt hatte und der seine Gefälligkeit gegen den Fürsten

bereute.

Er sagte, daß er es ebenso liebe, mit den Kammerfrauen zu sprechen wie mit

Felizia selber und ließ die fünf Kammerfrauen ins Sprechzimmer rufen. Nur

drei stellten sich ein und erklärten im Namen ihrer Herrin, daß sie sich

der Gesellschaft der zwei andren nicht berauben könnte, worauf der Graf

von seinen Rechten als Vertreter des Fürsten Gebrauch machte und zwei

seiner Leute ins Kloster eindringen hieß, die ihm die beiden

widerstrebenden Kammerfrauen herbeibrachten; und er amüsierte sich eine

Stunde hindurch über das Geschwätz dieser fünf hübschen jungen Mädchen.

Die den größten Teil der Zeit über alle auf einmal sprachen. Erst hierbei,

durch das was sie, ihnen selbst unbewußt, ihm verrieten, wurde dem

Stellvertreter des Fürsten ein wenig klar, was im Kloster vorging. Nur

fünf oder sechs Nonnen waren bejahrt, zwanzig etwa waren fromm, obgleich

sie jung waren, aber die andern, jung und hübsch, hatten Liebhaber in der

Stadt. In Wahrheit, sie konnten sie nur sehr selten sehen; aber wie

machten sie es überhaupt möglich? Das wollte der Graf nicht die

Kammerfrauen Felizias fragen, aber er versprach sich, es bald zu wissen,

indem er Beobachter rings um das Kloster aufstellte.

Er erfuhr zu seinem großen Erstaunen, daß es intime Freundschaften unter

den Nonnen gab und vor allem dies die Ursache des Hasses und der inneren

Zwistigkeiten war. So hatte zum Beispiel Felizia als intime Freundin

Rodelinde di P**; Celia, nach Felizia die Schönste des Klosters, hatte die

junge Fabiana zur Freundin. Jede dieser Damen hatte ihre adlige

Kammerfrau, welche mehr oder weniger in Gunst stand. Zum Beispiel hatte

Martona, die adlige Kammerfrau der Äbtissin, deren Gunst dadurch erworben,

daß sie sich noch frömmer als sie zeigte. Sie betete auf den Knien täglich

fünf bis sechs Stunden zu Seiten der Äbtissin, aber diese Zeit wurde ihr

sehr lang, wie die Kammerfrauen sagten.

Der Graf erfuhr außerdem, daß Roderigo und Lancelotto die Namen zweier

Liebhaber dieser Damen waren, anscheinend von Felizia und Rodelinde; aber

er wollte keine direkte Frage stellen.

Die Stunde, die er mit den Frauen verbrachte, erschien ihm nicht im

geringsten lang, aber Felizia erschien sie endlos; sie fühlte sich durch

diesen Stellvertreter des Fürsten in ihrer Würde beleidigt, der sie zu

gleicher Zeit des Dienstes ihrer fünf Kammerfrauen beraubte. Sie konnte

nicht an sich halten, und da sie von weitem den Lärm aus dem Sprechzimmer

hörte, drang sie dort ein, obwohl ihre Würde ihr sagte, daß diese Art, aus

einer ungeduldigen Laune heraus nun doch zu erscheinen, lächerlich

aussehen konnte, nachdem sie die offizielle Einladung des Abgesandten des

Fürsten ausgeschlagen habe. 'Aber ich werde das Gackern dieses kleinen

Herrn wohl parieren', sagte sich die herrische Felizia.

Sie brach also in das Sprechzimmer ein, grüßte den Abgesandten des Fürsten

sehr nachlässig und befahl einer ihrer Frauen ihr zu folgen.

"Signora, wenn dies Mädchen Euch gehorcht, werde ich meine Leute ins

Kloster eintreten lassen und sie werden es sofort wieder zurückführen."

"Ich werde sie bei der Hand nehmen; werden Eure Leute wagen, Gewalt

anzuwenden?"

"Meine Leute werden in dieses Sprechzimmer sie und Euch führen, Signora."

"Und mich?"

"Und Euch selbst; und wenn es mir beliebt, werde ich Euch aus diesem

Kloster fortführen lassen und Ihr werdet in irgendeinem armen kleinen, auf

dem Gipfel irgendeines Berges des Apennin gelegenen Klosters fortfahren an

Eurem Heil zu arbeiten. Ich vermag dies und noch ganz andere Dinge zu

tun."

Der Graf bemerkte, daß die fünf Kammerfrauen erbleichten; auch die Wangen

Felizias färbten sich in einer leichten Blässe, die sie noch schöner

machte.

'Dies ist sicherlich,' sagte sich der Graf, 'die schönste Person, der ich

in meinem Leben begegnet bin, man muß die Szene länger dauern lassen.' Sie

dauerte in der Tat gegen dreiviertel Stunden. Felizia zeigte dabei einen

Geist und vor allem ein so stolzes Wesen, daß der Stellvertreter des

Fürsten sich sehr damit unterhielt. Gegen Ende der Unterredung hatte sich

der Ton sehr gemildert und Felizia erschien dem Grafen minder schön. 'Man

muß ihr ihren Zorn wiedergeben', dachte er. Er erinnerte sie daran, daß

sie das Gelübde des Gehorsams abgelegt habe und daß, wenn sie in Zukunft

auch nur einen Schatten von Widerstand gegen die fürstlichen Befehle

zeige, die er dem Kloster übermittle, er es für ihr Seelenheil nützlich

halten werde, sie auf sechs Monate in das langweiligste Kloster des

Apennin zu schicken.

Daraufhin wurde Felizia prächtig vor Zorn. Sie sagte ihm, daß die heiligen

Märtyrer mehr als dies durch die Barbarei der römischen Imperatoren

gelitten hätten.

"Ich bin nicht Imperator, Signora, und ebensowenig brachten die Märtyrer

die ganze Gesellschaft in Aufruhr, um zwei Kammerfrauen mehr zu bekommen,

wenn sie ohnedies fünf so liebenswürdige wie diese Fräuleins hatten." Er

größte[sic! statt: grüßte] sie sehr kalt und ging fort, ohne ihr Zeit zu

einer Antwort zu lassen, und sie blieb wütend zurück.

Der Graf blieb in Florenz und kehrte gar nicht mehr auf seine Güter

zurück; er war neugierig, zu erfahren, was eigentlich im Kloster von Santa

Riparata vor sich ging. Einige Kundschafter, die ihm die Polizei des

Fürsten beistellte, in der Nähe des Klosters und rings um die unermeßlich

großen Gärten postiert, die es beim Tor, das nach Fiesole führt, besitzt,

hatten ihm bald alles, was er zu wissen wünschte, mitteilen können:

Roderigo L**, einer der reichsten und lüderlichsten Jungen der Stadt, war

Felizias Liebhaber, und ihre vertraute Freundin, die sanfte Rodelinde, war

die Geliebte Lancelotto P***s, eines jungen Mannes, der sich in den

Kriegen, die Florenz gegen Pisa führte, sehr ausgezeichnet hatte. Diese

jungen Leute hatten große Schwierigkeiten zu überwinden, um in das Kloster

einzudringen. Die Strenge war verdoppelt worden, oder vielmehr, die alte

Freiheit war seit der Thronbesteigung des Großherzogs Ferdinand vollkommen

unterdrückt worden. Die Äbtissin Virgilia wollte die Ordensregel in ihrer

ganzen Strenge durchführen lassen, aber ihre Einsicht und ihr Charakter

entsprachen diesen guten Absichten nicht, und die Kundschafter des Grafen

berichteten ihm, daß kaum ein Monat verginge, ohne daß es Roderigo,

Lancelotto und noch zwei oder drei junge Leute, welche Beziehungen im

Kloster hatten, dahin brachten, ihre Geliebten zu sehen. Die

Unermeßlichkeit der Gärten des Klosters hatte den Bischof genötigt, nur

die Existenz von zwei Türen zu dulden, die auf den weiten Raum hinter der

Schutzmauer im Norden der Stadt führten. Die pflichtlosen Nonnen -- und

diese bildeten weitaus die Mehrheit im Kloster -- kannten diese

Einzelheiten nicht mit solcher Gewißheit wie der Graf; aber sie vermuteten

sie und nutzten die Existenz solchen Mißbrauchs, um den Maßnahmen der

Äbtissin nicht zu gehorchen, wenn es ihnen nicht paßte.

Es war dem Grafen klar, daß es nicht leicht sein würde, die Ordnung in

diesem Kloster wiederherzustellen, so lang eine solch schwache Frau wie

die Äbtissin Virgilia es leitete. Er sprach in diesem Sinne zum

Großherzog, der ihn zur äußersten Strenge aufforderte, aber gleichzeitig

nicht im geringsten gewillt zu sein schien, seiner ehemaligen Freundin den

Kummer anzutun, sie wegen Unfähigkeit in ein andres Kloster zu versetzen.

Der Graf kehrte nach Santa Riparata zurück, ganz entschlossen, äußerste

Strenge anzuwenden, um sich so bald wie möglich der Last zu entledigen,

die er unvorsichtiger Weise auf sich genommen hatte. Felizia ihrerseits

war noch gereizt über die Art, wie der Graf zu ihr gesprochen hatte, und

fest entschlossen, die nächste Zusammenkunft auszunützen, den Ton wieder

zu finden, der für den hohen Adel ihrer Familie und für die Stellung

passend war, die sie in der Gesellschaft einnahm. Bei seiner Ankunft im

Kloster ließ der Graf unverzüglich Felizia rufen, um sich des heikelsten

Teils seiner Arbeit gleich zu entledigen. Felizia kam, schon vom

lebhaftesten Zorn bewegt, in das Sprechzimmer, aber der Graf fand sie sehr

schön; er war feiner Kenner in diesen Dingen. 'Bevor wir dieses

prachtvolle Antlitz verstören,' sagte er sich, 'lassen wir uns Zeit, es

gut anzuschauen.' Felizia bewunderte unwillkürlich den verständigen kalten

Ton dieses schönen Mannes, der in seinem vollständig schwarzen Kostüm, das

er für die Funktion im Kloster schicklich fand, wirklich bemerkenswert

aussah. 'Ich glaubte, weil er über fünfunddreißig Jahre ist,' sagte sich

Felizia, 'daß er ein lächerlicher Alter sein würde, wie unsere

Beichtväter, aber ich finde statt dessen einen Mann, der wirklich dieses

Namens würdig ist. Er trägt freilich nicht die auffallenden Kleider, die

einen großen Teil der Verdienste Roderigos und vieler junger Leute, die

ich gekannt habe, ausmachten; in der Menge der Goldstickerei und des

Samtes ist er ihnen sehr untergeordnet; aber wenn er wollte, könnte er in

einem Augenblick über diese Art des Verdienstes verfügen, während die

andern, denke ich, recht viel Mühe hätten, die kluge, verständige und

wirklich interessante Unterhaltung des Grafen Buondelmonte nachzuahmen.'

Felizia legte sich nicht genau Rechenschaft ab, was es war, das diesem

großen, in schwarzem Sammet gekleideten Mann, mit dem sie sich schon seit

einer Stunde von den verschiedensten Dingen unterhielt, einen eigenartigen

Ausdruck gab.

Obgleich er mit Sorgfalt alles vermied, was sie hätte reizen können, war

der Graf weit davon entfernt, ihr in allem nachzugeben, so wie es

nacheinander die Männer getan hatten, welche diesem schönen stolzen

Mädchen näher getreten waren, von dem bekannt war, daß es Liebhaber habe.

Weil der Graf gar keine Absichten hatte, war er einfach und natürlich mit

ihr, nur hatte er bis dahin vermieden, die Dinge, die ihren Zorn erregen

konnten, näher zu besprechen. Trotzdem war es notwendig, zu den

Forderungen der stolzen Nonne zu kommen; man hatte bereits von der

Unordnung im Kloster gesprochen.

"In der Tat, Signora, was hier alles in Aufruhr versetzt, ist die in

gewisser Hinsicht ja vielleicht gerechtfertigte Forderung, zwei

Kammerfrauen mehr als die andern zu haben, welche eine der

bemerkenswertesten Persönlichkeiten des Klosters stellt."

"Was hier alles in Aufruhr versetzt, ist die Charakterschwäche der

Äbtissin, welche uns mit einer gänzlich neuen Strenge behandeln will, von

der man niemals einen Begriff gehabt hat. Es kann ja sein, daß es Klöster

gibt, wo die Mädchen wirklich fromm sind, die Zurückgezogenheit lieben und

davon geträumt haben, wirklich die Gelübde der Armut, des Gehorsams und

dergleichen zu erfüllen, die man ihnen mit siebzehn Jahren abverlangt hat;

was uns betrifft, haben uns unsre Familien hier untergebracht, um den

ganzen Reichtum des Hauses unsren Brüdern zu lassen. Wir haben keine andre

Berufung, als die Unmöglichkeit, zu entfliehn und anderswo als im Kloster

zu leben, da unsre Väter uns nicht mehr in ihren Palästen aufnehmen

wollen. Übrigens, als wir diese in den Augen der Vernunft so nichtigen

Gelübde abgelegt haben, waren wir alle ein oder mehrere Jahre

Pensionärinnen im Kloster gewesen und jede von uns nahm an, den gleichen

Grad von Freiheit genießen zu dürfen, den wir damals an den Nonnen sahen.

Und ich versichere Ihnen, Herr Vikar des Fürsten, die Türe der Mauer war

bis Tagesanbruch offen und alle diese Damen sahen ihre Freunde unbehindert

im Garten. Niemand dachte daran, diese Art des Lebens zu tadeln und wir

alle glaubten, wenn wir erst Nonnen wären, ebensoviel Freiheit und ein

ebenso glückliches Leben zu genießen, wie diejenigen unsrer Schwestern,

denen der Geiz unsrer Eltern erlaubt hatte, zu heiraten. (In der ersten

Unterhaltung hatte sie ihm ihr Verhältnis zu Roderigo und ihre andern

Liebschaften -- es waren drei -- gestanden.) Es ist wahr, alles ist

verändert, seit wir einen Fürsten haben, der fünfundzwanzig Jahre seines

Lebens Kardinal war. Herr Vikar, Ihr könnt in dieses Kloster Soldaten oder

sogar Dienerschaft, wie Ihr es neulich getan habt, eintreten lassen. Sie

werden uns Gewalt antun, wie Eure Diener meinen Frauen Gewalt angetan

haben, und das aus dem würdigen und einzigen Grund, weil sie die Stärkeren

waren. Aber Euer Stolz darf nicht glauben das geringste Recht über uns zu

haben. Wir sind mit Gewalt in dieses Kloster gebracht worden, man hat uns

Eide und Gelübde im Alter von sechzehn Jahren mit Gewalt abgezwungen und

endlich ist auch die langweilige Art des Lebens, der Ihr uns unterwerfen

wollt, nicht im geringsten die, welche wir an den Nonnen dieses Klosters

sahen, zur Zeit als wir die Gelübde ablegten. Selbst wenn man diese

Gelübde als gesetzmäßig anerkennen wollte, haben wir doch höchstens

versprochen, so zu leben wie sie, und Ihr wollt uns leben lassen, wie sie

niemals gelebt haben. Ich muß Euch gestehen, Herr Vikar, daß ich Wert auf

die Achtung meiner Mitbürger lege. In den Zeiten der Republik hätte man

diese unwürdige Unterdrückung nie geduldet, die an jungen Mädchen begangen

wird, die nie andres Unrecht getan haben, als daß sie in wohlhabenden

Familien geboren sind und Brüder haben. Ich habe die Gelegenheit

gewünscht, diese Dinge in der Öffentlichkeit oder wenigstens zu einem

verständigen Menschen zu sagen. Was die Zahl meiner Frauen betrifft, liegt

mir sehr wenig dran. Zwei und nicht fünf oder sieben würden mir reichlich

genügen; ich könnte darauf bestehn, sieben zu verlangen, bis man sich die

Mühe gegeben hat, den unwürdigen Betrug, dessen Opfer wir sind,

abzustellen, wovon ich Ihnen jetzt einiges mitgeteilt habe; doch weil Euer

Anzug aus schwarzem Sammet Euch sehr gut steht, Herr Vikar des Fürsten,

erkläre ich Euch, daß ich für dies Jahr auf das Recht verzichte, so viele

Dienerinnen zu haben, wie ich bezahlen könnte."

Graf Buondelmonte ward sehr ergötzt durch diese Aufständigkeit; er ließ

sie andauern, indem er die lächerlichsten Einwände machte, die ihm nur

einfallen mochten. Felizia antwortete mit entzückendem Feuer und Geist.

Der Graf sah in ihren Augen das ganze Staunen, das dieses junge Mädchen

von zwanzig Jahren empfand, als sie solche Albernheiten aus dem Mund eines

scheinbar verständigen Mannes hörte.

Der Graf verabschiedete sich von Felizia und ließ die Äbtissin rufen, der

er weise Ratschläge gab; er berichtete dem Fürsten, daß die Unruhen im

Kloster von Santa Riparata beigelegt wären, erhielt viel Lobsprüche für

seine tiefe Weisheit und kehrte endlich auf seine Ländereien zurück. Aber

öfters sagte er sich: 'Es gibt also ein junges Mädchen, das wohl für das

schönste Frauenzimmer der Stadt gelten würde, wenn es in der Welt lebte,

und das nicht ganz wie eine Puppe urteilt.'

Doch im Kloster fanden große Ereignisse statt. Nicht alle Nonnen urteilten

klar und scharf wie Felizia; aber fast alle jungen langweilten sich

tödlich. Ihr einziger Trost war es, Karikaturen zu zeichnen und satirische

Sonette auf einen Fürsten zu machen, der fünfundzwanzig Jahre lang

Kardinal war und als er auf den Thron gelangte, nichts besseres zu tun

wußte, als seine Geliebte nicht mehr zu sehen und sie in ihrer Eigenschaft

als Äbtissin zu beauftragen, arme junge Mädchen zu ärgern, die der Geiz

ihrer Eltern ins Kloster verstoßen hatte.

Wie wir schon gesagt haben, war die sanfte Rodelinde die vertraute

Freundin Felizias. Ihre Freundschaft schien sich zu verdoppeln, seit

Felizia ihr gestanden hatte, daß seit ihren Unterhaltungen mit dem Grafen

Buondelmonte, diesem ältern Mann, der schon über sechsunddreißig Jahre

zählte, ihr Geliebter Roderigo, um es kurz zu sagen, ihr sehr langweilig

erschien. Felizia hatte sich in diesen ernsten Grafen verliebt; die

endlosen Gespräche, die sie mit ihrer Freundin Rodelinde über diesen

Gegenstand führte, zogen sich manchmal bis zwei Uhr, drei Uhr des Morgens

hin. Nun sollte nach der Ordensregel des heiligen Benedikt, welche die

Äbtissin in ihrer ganzen Strenge wieder einführen wollte, sich eine Stunde

nach Sonnenuntergang jede Nonne in ihre Gemächer zurückziehn beim Ton

einer bestimmten Glocke, welche die Retraite genannt wurde. Die gute

Äbtissin, im Wunsche, ein gutes Beispiel zu geben, verfehlte nicht, sich

beim Ton der Glocke in ihrem Zimmer einzuschließen und war des frommen

Glaubens, daß alle Nonnen ihrem Beispiel folgten. Zu den hübschesten und

reichsten dieser Damen gehörten die neunzehnjährige Fabiana, die

vielleicht das leichtsinnigste Mädchen des ganzen Klosters war und ihre

vertraute Freundin Celia; die eine wie die andre waren sehr in Zorn auf

Felizia, welche sie, wie sie sagten, verachtete. Tatsache ist, daß

Felizia, seit sie einen so interessanten Unterhaltungsstoff mit Rodelinde

hatte, die Anwesenheit der andren Nonnen mit schlecht verhehlter oder

vielmehr mit unverhüllter Ungeduld vertrug. Sie war die schönste, sie war

die reichste, sie hatte unbestreitbar mehr Geist als die andern. Es hätte

nicht einmal so viel gebraucht, um in einem Kloster, wo alles sich

langweilte, einen großen Haß zu entzünden. In ihrem großen Leichtsinn

erzählte Fabiana der Äbtissin, daß Felizia und Rodelinde manchmal bis zwei

Uhr morgens im Garten blieben. Die Äbtissin hatte beim Grafen erwirkt, daß

ein Soldat des Fürsten vor der Türe des Gartens, die auf die weite Fläche

hinter der Nordmauer führte, Schildwache stand. Sie hatte ungeheure

Schlösser an dieser Türe anbringen lassen und jeden Abend brachte als

Abschluß des Tagewerks der jüngste Gärtner, der ein sechzigjähriger Greis

war, den Schlüssel dieser Türe der Äbtissin. Sogleich schickte die

Äbtissin eine alte, den Nonnen verhaßte Pförtnerin, um das zweite Schloß

der Türe zu schließen. Trotz all dieser Vorsichtsmaßregeln war es ein

großes Verbrechen in ihren Augen, bis zwei Uhr morgens im Garten zu

bleiben. Sie ließ Felizia rufen und behandelte dieses stolze Mädchen, das

jetzt die Erbin der ganzen Familie geworden war, in einer so hochfahrenden

Weise, wie sie es sich vielleicht nicht erlaubt hätte, wäre sie nicht der

Gunst des Fürsten sicher gewesen. Felizia war umso mehr verletzt durch die

Bitterkeit dieser Vorwürfe, als sie ihren Geliebten Roderigo nur ein

einziges Mal hatte kommen lassen, seit sie den Grafen kannte; und auch da

nur, um sich über ihn lustig zu machen. In ihrer Entrüstung wurde sie

beredsam, und wenn die gute Äbtissin sich auch weigerte, ihr die Angeberin

zu nennen, gab sie doch Einzelheiten preis, mit deren Hilfe Felizia leicht

erraten konnte, daß sie Fabiana diese Unannehmlichkeit verdanke.

Sogleich beschloß Felizia sich zu rächen. Dieser Entschluß gab ihrer von

Unglück gestärkten Seele die ganze Kraft zurück.

"Wissen Sie, Mutter", sagte sie zur Äbtissin, "daß ich einigen Mitleids

würdig bin? Ich habe den Frieden der Seele völlig verloren. Nicht ohne

tiefe Weisheit hat unser Gründer, der heilige Benedikt, vorgeschrieben,

daß niemals ein Mann unter sechzig Jahren in unseren Klöstern eingelassen

werden sollte. Der Herr Graf Buondelmonte, der großherzogliche Vertreter

für die Verwaltung dieses Klosters, mußte lange Unterredungen mit mir

haben, um mich von meinem törichten Einfall abzubringen, die Zahl meiner

Kammerfrauen zu vermehren. Er besitzt Weisheit, er vereint einen

bewundernswürdigen Geist mit einer unendlichen Klugheit. Ich bin mehr als

es einer Dienerin Gottes und des heiligen Benedikt geziemt von diesen

großen Eigenschaften des Grafen, unsres Statthalters getroffen worden. Der

Himmel hat meine große Eitelkeit bestrafen wollen: ich bin sterblich

verliebt in den Grafen; auf die Gefahr, meine Freundin Rodelinde zu

entrüsten, habe ich ihr diese Leidenschaft gestanden, die ebenso

verbrecherisch wie unfreiwillig ist; und weil sie mir Ratschläge gibt und

mich tröstet, weil es ihr sogar manchesmal gelingt, mir Kräfte gegen die

Versuchung des Bösen zu verleihen, ist sie zuweilen sehr lange bei mir

geblieben. Aber immer geschah es auf meinen Wunsch: ich fühlte zu gut, daß

ich, sobald Rodelinde mich verlassen haben würde, an den Grafen denken

müßte."

Die Äbtissin verfehlte nicht, eine lange Ermahnung an das verirrte Schaf

zu richten und Felizia trug Sorge, Betrachtungen anzustellen, welche diese

Sittenpredigt noch verlängerten.

Von nun an wurde die Langweile Felizias und Rodelindes durch den Plan

einer Rache verjagt, der ihre ganze Zeit ausfüllte.

"Da Fabiana und Celia sich in hinterlistiger Absicht von der großen Hitze,

die herrscht, im Garten erfrischt haben, ist es notwendig, daß die erste

Zusammenkunft, die sie ihren Liebhabern gewähren, einen entsetzlichen

Skandal verursache, der in dem Geist der ernsten Klosterdamen den

auslöscht, welchen meine späten Spaziergänge im Garten verursacht haben.

Am Abend des ersten Stelldicheins, das Fabiana und Celia Lorenzo und

Pierantonio gewähren, müssen sich Roderigo und Lancelotto zuvor hinter den

behauenen Steinen, die sich auf dem Platz vor der Türe unsres Gartens

befinden, verbergen. Roderigo und Lancelotto sollen nicht die Liebhaber

dieser Damen töten, aber sie sollen ihnen fünf oder sechs kleine Stiche

mit ihren Degen verabreichen, so daß sie ganz mit Blut bedeckt sind. In

diesem Zustand wird ihr Anblick ihre Geliebten beunruhigen, und diese

Damen werden an ganz andere Dinge denken, als mit ihnen

Liebenswürdigkeiten auszutauschen."

Das Beste, was den beiden Freundinnen einfiel, um diesen heimtückischen

Überfall zu veranstalten, war, daß Livia, die Kammerfrau Rodelindes, bei

der Äbtissin um einen Monat Urlaub ansuchen sollte. Dieses sehr geschickte

Mädchen wurde mit Briefen für Roderigo und Lancelotto ausgestattet. Sie

überbrachte ihnen auch eine Summe Geldes, mit deren Hilfe sie Lorenzo und

Pierantonio mit Spionen umgeben sollten.

'Nun', dachte sie, 'werden die Ereignisse, welche unsre -- Rodelindes und

meine -- Rache herbeiführt, den liebenswürdigen Grafen wieder ins Kloster

bringen. So werde ich den Fehler wieder gut machen, der mir unterlief, als

ich zu rasch auf die Mädchen verzichtete, die ich in meinen Dienst nehmen

wollte. Ich wurde, ohne es zu wissen, durch die Versuchung verführt, einem

Manne, der selbst so verständig ist, verständig zu erscheinen. Ich

bedachte nicht, daß ich ihm dadurch jede Gelegenheit, wiederzukehren,

nahm, um sein Amt als Vikar in unsrem Kloster auszuüben. Daher kommt es,

daß ich mich jetzt so sehr langweile. Diese kleine Puppe von einem

Roderigo, die mich manchmal belustigte, erscheint mir jetzt vollkommen

lächerlich, und durch meine Schuld habe ich diesen liebenswürdigen Grafen

nicht wiedergesehen. Es ist nun an uns, an Rodelinde und mir, dahin zu

wirken, daß unsre Rache eine solche Unordnung herbeiführt, daß seine

Anwesenheit im Kloster oft notwendig wird. Unsre arme Äbtissin ist so

wenig fähig, etwas geheimzuhalten, daß sie ihn wahrscheinlich auffordert,

die Zusammenkünfte mit mir, die ich bei ihm erlangen werde, nach

Möglichkeit einzuschränken und in welchem Fall diese ehemalige Geliebte

des Großherzogs sich, wie ich nicht zweifle, die Mühe auflädt, diesem so

sonderbaren und kalten Mann meine Erklärung zu übermitteln. Das wird eine

komische Szene sein, die ihn vielleicht belustigt; denn, wenn ich mich

nicht sehr täusche, läßt er sich nicht von allen Dummheiten zum Narren

halten, die man uns predigt, um uns zu demütigen; nur hat er noch keine

Frau gefunden, die seiner würdig wäre; und ich werde diese Frau sein oder

das Leben dabei lassen.'

Livia kam täglich, um Felizia und Rodelinde über die Vorbereitungen zum

Angriff gegen die Geliebten Celias und Fabianas Bericht zu erstatten. Die

Vorbereitungen dauerten nicht weniger als sechs Wochen. Es handelte sich

darum, die Nacht zu erraten, welche Lorenzo und Pierantonio wählen würden,

um ins Kloster zu kommen, und seit dem neuen Regiment, das sich mit viel

Strenge ankündigte, verdoppelte sich die Vorsicht bei Unternehmungen

dieser Art. Überdies stieß Livia bei Roderigo auf große Schwierigkeiten.

Er hatte die Lauheit Felizias wohl bemerkt, und verweigerte schließlich

rund heraus, sie an Fabiana und Celia zu rächen, wenn sie nicht

einwilligte, ihn mit eigener Stimme zu einer schöneren Zusammenkunft zu

bestellen. Aber Felizia, die ganz mit dem Grafen Buondelmonte beschäftigt

war, wollte niemals darauf eingehen. "Ich begreife wohl," schrieb sie ihm

in ihrer unvorsichtigen Offenheit, "daß man sich in die Verdammnis stürzt,

um ein Glück zu genießen, aber sich zu verdammen, um einen ehemaligen

Liebhaber, dessen Herrschaft beendet ist, wiederzusehen, ist etwas, das

ich nie begreifen werde. Immerhin könnte ich wohl einwilligen, Euch noch

einmal nachts zu empfangen, um Euch Vernunft hören zu lassen, aber es ist

ja kein Verbrechen, was ich von Euch verlange. So könnt Ihr nicht

übertriebene Forderungen stellen und Bezahlung begehren, als ob man von

Euch verlangen würde, einen Unverschämten zu töten. Begeht nicht den

Irrtum, den Liebhabern unsrer Feindinnen so ernste Wunden zuzufügen, daß

sie verhindert wären, in den Garten zu kommen und all den Damen, die wir

Sorge tragen werden, dort zu versammeln, als Schauspiel zu dienen. Ihr

würdet dadurch unsrer Rache jeden Reiz nehmen und ich würde in Euch nur

einen Leichtsinnigen sehen, der unwürdig ist, mir das geringste Vertrauen

einzuflößen. Wißt nur, daß es besonders wegen dieses wesentlichen Fehlers

ist, daß Ihr aufgehört habt, meine Freundschaft zu verdienen."

Diese Nacht der Rache, die mit soviel Sorgfalt vorbereitet war, kam

endlich heran. Roderigo und Lancelotto, von mehreren ihrer Leute

unterstützt, belauerten während des ganzen Tages die Handlungen Lorenzos

und Pierantonios. Durch deren Indiskretion erlangten sie die Gewißheit,

daß die beiden in der folgenden Nacht das Ersteigen der Mauer von Santa

Riparata versuchen würden. Ein reicher Kaufmann, dessen Haus neben der

Wachstube lag, welche die Schildwache vor der Gartentüre der Nonnen

beistellte, verheiratete an diesem Abend seine Tochter. Lorenzo und

Pierantonio, als Domestiken eines reichen Hauses verkleidet, benutzten

diesen Umstand, um gegen zehn Uhr abends der Wache ein Fäßchen Wein im

Namen ihres Herrn darzubringen. Die Soldaten taten dem Geschmack Ehre an.

Die Nacht war sehr dunkel, das Übersteigen der Klostermauer sollte gegen

Mitternacht stattfinden; um elf Uhr abends sahen Roderigo und Lancelotto,

die nahe der Tür versteckt waren, mit Vergnügen, wie die Schildwache der

vorigen Stunde von einem halbbetrunkenen Soldaten abgelöst wurde, der

nicht verfehlte, nach einigen Minuten einzuschlafen.

Im Inneren des Klosters hatten Felizia und Rodelinde gesehen, daß ihre

Feindinnen Fabiana und Celia sich im Garten unter den nahe der

Umfassungsmauer stehenden Bäumen versteckten. Ein wenig vor Mitternacht

wagte Felizia, die Äbtissin zu wecken. Sie hatte nicht wenig Mühe, bis zu

ihr zu gelangen; sie hatte deren noch mehr, um ihr die Möglichkeit des

Vergehens, das sie ihr anzeigte, verständlich zu machen.

Und schließlich, nach einem Zeitverluste von mehr als einer halben Stunde,

während deren letzten Minuten Felizia schon fürchtete, für eine

Verleumderin gelten zu müssen, erklärte die Äbtissin: wenn selbst die

Tatsache wahr sei, dürfte man einem Verbrechen nicht auch noch eine

Verletzung der Regel des heiligen Benedikt hinzufügen. Und die Regel

verbot ja durchaus, nach Sonnenuntergang den Garten zu betreten. Zum Glück

erinnerte sich Felizia, daß man durch das Klosterinnere, ohne einen Fuß in

den Garten zu setzen, auf das flache Dach eines kleinen niedrigen

Gewächshauses gelangen konnte, das ganz in der Nähe der von der

Schildwache bewachten Türe lag. Während Felizia damit beschäftigt war, die

Äbtissin zu überzeugen, versuchte Rodelinde ihre alte Tante zu wecken, die

sehr fromm und Unterpriorin des Klosters war.

Obwohl die Äbtissin sich bis auf die Terrasse der Orangerie mitziehen

ließ, war sie weit entfernt davon, alles zu glauben, was Felizia ihr

erzählte. Man kann sich nicht vorstellen, wie groß ihr Staunen, ihre

Entrüstung, ihre Bestürzung war, als sie, neun oder zehn Fuß tiefer, zwei

Nonnen bemerkte, welche sich zu dieser unerlaubten Stunde außerhalb ihrer

Gemächer befanden; denn die vollkommen dunkle Nacht erlaubte ihr nicht

gleich, Fabiana und Celia zu erkennen.

"Gottlose Mädchen," schrie sie mit einer Stimme, die gebieterisch sein

sollte, "unvorsichtige Unglückliche! Dient Ihr so der göttlichen Majestät?

Bedenkt, daß der große heilige Benedikt, Euer Beschützer, Euch von der

Höhe des Himmels betrachtet und schaudert, da er Euch gegen sein Gesetz

freveln sieht. Kehrt in Euch ein und, da die Nachtglocke seit langem

geläutet hat, eilt in Eure Gemächer zurück und betet, in Erwartung der

Buße, die ich Euch morgen früh auferlegen werde."

Wer könnte die Bestürzung und den Kummer Celias und Fabianas schildern,

als sie über ihren Köpfen, und so aus der Nähe die gebietende Stimme der

gereizten Äbtissin hörten? Sie hörten auf zu sprechen und verhielten sich

unbeweglich, als eine ganz andre Überraschung sowohl sie wie die Äbtissin

traf. Diese Damen hörten kaum acht oder zehn Schritt entfernt auf der

andern Seite der Tür den heftigen Lärm eines Degengefechts. Bald schlugen

Schreie verwundeter Kämpfer herüber; einzelne von Schmerzen entpreßt.

Welches Leid empfanden Celia und Fabiana, als sie die Stimmen Lorenzos und

Pierantonios erkannten! Sie hatten Nachschlüssel zur Gartentür, sie

stürzten sich auf die Schlösser, und obgleich die Türe ungeheuer war,

hatten sie doch die Kraft, sie in ihren Angeln zu drehen. Celia, welche

die stärkere und ältere war, wagte als erste aus dem Garten zu treten. Sie

kehrte einige Augenblicke später zurück, ihren Geliebten, Lorenzo, mit

ihren Armen stützend, der gefährlich verwundet zu sein schien und sich nur

mit Mühe aufrecht halten konnte. Er ächzte bei jedem Schritt wie ein

Sterbender, und wirklich, als er kaum zehn Schritt im Garten getan hatte,

fiel er trotz der Anstrengungen Celias zu Boden und verschied alsbald.

Celia, alle Vorsicht vergessend, rief ihn mit lauter Stimme an und warf

sich schluchzend über seinen Körper, als er nicht mehr antwortete.

All das geschah ungefähr zwanzig Schritt von dem Dach der kleinen

Orangerie entfernt. Felizia begriff sehr wohl, daß Lorenzo tot oder

sterbend war und es würde schwer sein, ihre Verzweiflung zu schildern.

'Ich bin die Ursache von all dem,' sagte sie sich, 'Roderigo hat sich

hinreißen lassen und wird Lorenzo zu Tode getroffen haben. Er ist von

Natur grausam, und seine Eitelkeit verzeiht niemals die Wunden, die man

ihr schlägt: in mehreren Maskenzügen wurden die Pferde Lorenzos und die

Livreen seiner Leute schöner gefunden als seine eigenen.' Felizia stützte

die vor Entsetzen fast ohnmächtige Äbtissin.

Einige Augenblicke später kehrte die unglückliche Fabiana, ihren Liebhaber

Pierantonio stützend, in den Garten zurück; auch er war von tödlichen

Stichen getroffen. Auch er war am Verscheiden, aber inmitten des

allgemeinen Schweigens, das diese Szene des Entsetzens um sich gebreitet

hatte, hörte man, wie er zu Fabiana sagte: "Es ist Don Cesare, der

Malteser. Ich habe ihn wohl erkannt; aber wenngleich er mich verwundet

hat, trägt auch er meine Zeichen."

Don Cesare war der Vorgänger Pierantonios bei Fabiana gewesen. Diese junge

Nonne schien jede Angst um ihren Ruf verloren zu haben: sie rief mit

lauter Stimme die Madonna und ihre Schutzheilige zu Hilfe, sie rief auch

ihre Kammerfrau, es kümmerte sie nicht, das ganze Kloster zu wecken; das

kam daher, daß sie Pierantonio wirklich liebte. Sie wollte ihn pflegen,

sein Blut stillen, seine Wunden verbinden. Diese wahrhafte Leidenschaft

erregte das Mitleid vieler Nonnen. Man näherte sich dem Verwundeten, man

eilte fort, um Binden zu holen. Er saß unter einem Lorbeerbaum und lehnte

sich an ihn. Fabiana lag vor ihm auf den Knien und mühte sich um ihn. Er

sprach noch gut und erzählte von neuem, daß es der Malteserritter Don

Cesare war, der ihn verwundet hatte, -- als er mit einem Male die Arme

streckte und verschied.

Celia unterbrach die Verzweiflungsausbrüche Fabianas. Einmal des Todes

Pierantonios gewiß, schien sie ihn vergessen zu haben und erinnerte sich

nur noch der Gefahr, die sie und ihre teure Fabiana umgab. Diese war

ohnmächtig auf dem Leichnam ihres Geliebten zusammengebrochen. Celia

richtete sie halb auf und schüttelte sie heftig, um sie wieder zu sich zu

bringen.

"Dein Tod und der meine sind gewiß, wenn du dich dieser Schwäche

hingibst," sagte sie ihr mit leiser Stimme, indem sie den Mund an ihr Ohr

preßte, um nicht von der Äbtissin gehört zu werden, die sie wohl

unterschied, wie sie, an das Geländer des Daches gelehnt, kaum zehn oder

zwölf Fuß über dem Garten stand: "Wach auf," sagte sie ihr, "denk an dein

Heil und an deine Sicherheit! Du wirst viele Jahre in einein dunklen,

ekelhaften Loch gefangen sein, wenn du dich jetzt noch länger deinem

Schmerz überläßt."

In diesem Augenblick näherte sich die Äbtissin, welche in den Garten

hinabsteigen wollte, auf den Arm Felizias gestützt, den beiden

unglücklichen Nonnen.

"Was Euch betrifft, Signora," sagte ihr Celia so stolz und fest, daß es

selbst der Äbtissin Eindruck machte, "wenn Ihr den Frieden liebt und die

Ehre des Klosters Euch teuer ist, so werdet Ihr zu schweigen wissen und

nicht aus all dem einen Klatsch beim Großherzog machen. Auch Ihr habt

geliebt, man glaubt allgemein, daß Ihr ehrbar gewesen seid und das

verleiht Euch eine Überlegenheit über uns; aber wenn Ihr ein Wort von

dieser Angelegenheit dem Großherzog sagt, wird sie bald das einzige

Gespräch der Stadt bilden und man wird sagen: die Äbtissin von Santa

Riparata, die in den früheren Jahren ihres Lebens die Liebe kannte, hat

nicht genug Festigkeit, um die Nonnen ihres Klosters zu leiten. Ihr werdet

uns verderben, Signora, aber Ihr werdet Euch selbst noch sicherer als uns

verderben. Gesteht, Signora," sagte sie der Äbtissin, welche Seufzer und

verwirrte Ausrufe und leise Schreie des Staunens ausstieß, "daß Ihr selbst

in diesem Augenblick nicht wißt, was für Euer Heil und für das des

Klosters zu tun ist!"

Und weil die Äbtissin verwirrt und stumm blieb, fügte Celia hinzu: "Vor

allem müßt Ihr schweigen und sodann ist das Wichtigste, diese beiden

Leichen sogleich von hier weit weg zu bringen, welche unser Verderben

bedeuten, unsres und Eures, wenn man sie entdeckt."

Die arme Äbtissin seufzte tief und war so verstört, daß sie nicht einmal

zu antworten vermochte. Sie hatte nicht mehr Felizia neben sich, denn

diese hatte sich klüglich entfernt, nachdem sie die Vorsteherin zu den

beiden unglücklichen Nonnen hingeführt hatte, von denen sie unter keinen

Umständen erkannt werden wollte.

"Meine Töchter, tut alles, was Euch notwendig, alles, was Euch passend

erscheint," sagte endlich die unglückliche Äbtissin mit einer Stimme, die

vor Schauder über die Lage, in der sie sich befand, ganz gebrochen war.

"Ich werde unsre Schande verhehlen, aber wisset, daß die Augen der

göttlichen Gerechtigkeit immer offen sind für unsre Sünden."

Celia schenkte den Worten der Äbtissin gar keine Aufmerksamkeit.

"Wisset Schweigen zu bewahren, Signora, das ist alles, was man von Euch

verlangt," wiederholte sie mehrere Male, indem sie sie unterbrach. Dann

wandte sie sich an Martona, die Vertraute der Äbtissin, welche eben

hinzutrat: "Helft mir, liebe Freundin! Es gilt die Ehre des ganzen

Klosters, es gilt die Ehre und das Leben der Äbtissin, denn wenn sie

spricht, verdirbt sie nicht nur uns; unsre edlen Familien werden uns nicht

ungerächt verkommen lassen." Fabiana schluchzte auf den Knien, an einen

Olivenbaum gelehnt, und war außerstande, Celia und Martona zu helfen.

"Zieh dich in deine Gemächer zurück", sagte ihr Celia. "Denk vor allem

daran, die Blutspuren, die sich vielleicht an deinen Kleidern finden

können, verschwinden zu lassen. In einer Stunde werde ich mit dir weinen."

Felizia war in Verzweiflung. Obgleich dieses Jahrhundert zu nahe den

wahren Gefahren lebte, als daß es sich durch eine übermäßige Zartheit

hätte auszeichnen können, vermochte sie sich doch nicht zu verhehlen, daß

sie es war, die diese ganze Geschichte angezettelt hatte. Auf dem Dache

der Orangerie konnte sie nur schlecht verstehen, was Pierantonio sagte,

überdies sah sie, daß die Türe ganz offen stand: sie litt Todesangst, daß

Roderigos Unvorsichtigkeit und die unbestimmte Hoffnung auf ein

Stelldichein ihn dazu verführen könnten, sich zu zeigen; denn seit er

nicht mehr geliebt wurde, war er, trotz all seiner natürlichen

Leichtfertigkeit, ein leidenschaftlicher Liebhaber geworden.

Die vor Grauen erstarrte Äbtissin war unbeweglich geblieben und

widersetzte sich auch den Bitten Felizias, welche sie beschwor, in den

Garten hinabzusteigen; aber endlich umschlang Felizia, die durch ihre

Gewissensvorwürfe der Tollheit nahe war, mit beiden Armen die Äbtissin,

und zwang sie fast mit Gewalt, die sieben oder acht Stufen hinabzusteigen,

die von der Dachterrasse der Orangerie in den Garten führten. Felizia

beeilte sich, die Äbtissin der Sorge der erstbesten Nonnen, die sie

trafen, zu übergeben. Sie eilte zum Tor, zitternd vor Furcht, dort

Roderigo zu treffen[1]; sie fand nichts, als das blöde Gesicht der endlich

durch so viel Lärm aus tiefer Betrunkenheit erwachten Schildwache, welche,

die Flinte in der Hand, diese schwarzen Figuren betrachtete, die sich im

Garten bewegten. Felizias Absicht war, die Türe zu schließen, aber sie

bemerkte, daß der Soldat sie starr anblickte.

'Wenn ich das Tor schließe,' sagte sie sich, beschwert von ihren Gedanken

und fast verletzt davon, daß sie sonst niemand sah, 'wird er sich an mein

Gesicht erinnern und wird mich kompromittieren können.'

Dieser Gedanke gab ihr Klarheit. Sie glitt in einen dunklen Teil des

Gartens zurück, und suchte von dort aus zu sehen, wo Rodelinde war;

endlich entdeckte sie sie bleich und halbtot an einen Olivenbaum gelehnt,

packte sie an der Hand und alle beide liefen in aller Hast in ihre

Gemächer zurück.

Celia trug mit Hilfe Martonas zuerst den Leichnam ihres Geliebten und dann

den Pierantonios in die Straße der Goldarbeiter, die zehn Minuten Wegs von

dem Tor des Gartens entfernt lag. Celia und ihre Gefährtin waren so

glücklich, von niemand erkannt zu werden. Durch eine ganz besondere

Fügung, ohne die all ihre weise Umsicht vergebens gewesen wäre, hatte sich

der Soldat, der Wachposten vor dem Gartentor war, auf einen etwas

entfernten Stein gesetzt und schien von neuem zu schlafen. Davon hatte

sich Celia zuerst vergewissert, ehe sie es unternahm, die Leichen

hinauszuschaffen. Bei der Rückkehr von dem zweiten Gang erschraken aber

Celia und ihre Begleiterin heftig. Die Nacht war schon etwas weniger

finster geworden, es mochte zwei Uhr des Morgens sein; sie sahen ganz

deutlich drei Soldaten vor der Türe des Gartens stehen, und, was noch weit

schlimmer war: diese Tür schien geschlossen zu sein.

"Das ist die erste Dummheit unsrer Äbtissin", sagte Celia zu Martona. "Sie

wird sich erinnert haben, daß die Regel des heiligen Benedikt will, daß

die Türe des Gartens verschlossen sei. Wir werden zu unsren Eltern

flüchten müssen, und bei der Strenge dieses düstren Fürsten, den wir

haben, ist es wohl möglich, daß ich bei dieser Sache das Leben lasse. Du,

Martona, bist in nichts schuldig; du hast auf meinen Befehl geholfen, die

Leichen fortzubringen, deren Anwesenheit im Garten das Kloster entehren

konnte. Knien wir hinter diesen Steinen nieder."

Zwei Soldaten kamen an ihnen vorbei und gingen von dem Gartentor in ihre

Wachstube zurück. Celia bemerkte zu ihrer Freude, daß sie fast vollständig

betrunken waren. Sie unterhielten sich, aber der, welcher auf Wache

gewesen war, man konnte ihn an seiner hohen Gestalt leicht erkennen,

erzählte seinem Kameraden gar nichts von den Ereignissen dieser Nacht; und

tatsächlich sagte er im Prozeß, welcher später geführt wurde, nur aus, daß

prächtig gekleidete Bewaffnete sich wenige Schritte von ihm entfernt

geschlagen hatten. In der tiefen Dunkelheit hätte er sieben oder acht Mann

unterscheiden können; aber er hätte sich wohl gehütet, sich in ihren

Streit zu mischen; darauf wären sie alle in den Garten des Klosters

eingetreten.

Als die beiden Soldaten vorüber waren, näherten sich Celia und ihre

Gefährtin der Türe des Gartens und fanden sie zu ihrer großen Freude nur

angelehnt. Diese weise Vorsicht war das Werk Felizias. Als sie die

Äbtissin verlassen hatte, um nicht von Celia und Fabiana erkannt zu

werden, war sie zu der Gartentür gelaufen, die ganz offen stand[2]. Sie

hatte tödliche Angst, daß Roderigo, der ihr in diesem Augenblick Abscheu

einflößte, die Gelegenheit ausnützen und in den Garten eintreten könnte,

um sie zu sehen. Da sie seine Unvorsichtigkeit und Verwegenheit kannte und

befürchtete, daß er sie bloßstellen möchte, um sich wegen des Nachlassens

ihrer Gefühle, das ihm nicht unbekannt war, zu rächen, hatte sich Felizia

bei der Tür am Boden hinter den Bäumen verborgen. Sie hatte alles gehört,

was Celia zu der Äbtissin und nachher zu Martona gesagt hatte, und sie war

es, welche die Türe des Gartens zugelehnt hatte, als sie wenige

Augenblicke, nachdem Celia und Martona den zweiten Leichnam fortgebracht

hatten, die Soldaten kommen hörte, die den Wachposten ablösten.

Felizia sah, wie Celia die Türe mit ihrem Nachschlüssel wieder schloß und

sich darauf entfernte. Dann erst verließ sie den Garten. "Also das ist

diese Rache," sagte sie sich, "von der ich mir soviel Vergnügen

versprochen hatte." Sie verbrachte den Rest der Nacht mit Rodelinde und

versuchten die Ereignisse zu enträtseln, die eine so tragische Wendung

herbeigeführt haben mochten.

Zum Glück kehrte ihre Kammerfrau schon ganz früh am nächsten Morgen zurück

und brachte ihr einen langen Brief Roderigos. Er und Lancelotto hatten

sich aus Bravour nicht von bezahlten Mördern helfen lassen wollen, wie es

damals in Florenz allgemein üblich war.

Nur sie beide hatten Lorenzo und Pierantonio angegriffen. Der Zweikampf

hatte sehr lange gedauert, weil Roderigo und Lancelotto, dem erhaltenen

Befehl getreu, sich standhaft zurückgehalten hatten, um ihren Gegnern nur

leichte Wunden zuzufügen, und sie hatten ihnen wirklich nur Degenstöße

gegen die Arme beigebracht und waren vollkommen sicher, daß sie an diesen

Wunden nicht sterben konnten. Aber als sie sich gerade zurückziehen

wollten, hatten sie zu ihrem großen Erstaunen einen wütenden Raufbold sich

auf Pierantonio stürzen gesehen. An den Schreien, die er beim Angriff

ausstieß, hatten sie deutlich den Malteserritter Don Cesare erkannt. Als

sie sich nun zu dritt gegen zwei noch dazu verwundete Männer sahen,

beeilten sie sich, zu fliehen und am nächsten Morgen gab es großes Staunen

in Florenz, als man die Leichen dieser beiden jungen Männer entdeckte,

welche unter der reichen und eleganten Jugend der Stadt den ersten Rang

einnahmen. Dieser Rang bewirkte, daß man von ihrem Ende Notiz nahm, denn

unter der lockeren Herrschaft Francesco, auf welchen der strenge Ferdinand

gefolgt war, hatte Toskana einer Provinz Spaniens geglichen und man zählte

jedes Jahr mehr als hundert Morde in der Stadt. Die Erörterungen, welche

die vornehme Gesellschaft bewegten, der Lorenzo und Pierantonio angehört

hatten, drehten sich um die Frage, ob sie einander im Zweikampf erschlagen

hätten oder als Opfer irgendeiner Rache gefallen seien.

Am Morgen nach diesem großen Ereignis war alles im Kloster ruhig. Die

große Mehrzahl der Nonnen hatte keine Ahnung von dem, was vorgefallen war.

Seit Tagesanbruch und noch bevor die Gärtner kamen, hatte Martona die Erde

an den Stellen, wo sie mit Blut befleckt war, umgegraben, um die Spuren

von dem, was geschehen war, zu zerstören. Dieses Mädchen, das selbst einen

Liebhaber hatte, führte mit viel Intelligenz und besonders ohne irgend

etwas der Äbtissin zu sagen die Befehle Celias aus. Die machte ihr ein

hübsches Diamantkreuz zum Geschenk. Martona, welche ein sehr einfaches

Mädchen war, bedankte sich dafür und sagte:

"Es gibt eine Sache, die ich allen Diamanten der Welt vorziehen würde.

Seit diese neue Äbtissin ins Kloster gekommen ist, habe ich, obgleich ich

mich, um ihre Gunst zu erlangen, zu jedem Dienst erniedrigt habe, niemals

von ihr erreichen können, daß sie mir auch nur die kleinste Erleichterung

gewährt hätte, um Giuliano R**, der mein Freund ist, zu sehen. Diese

Äbtissin wird unser aller Unglück sein. Schließlich sind es schon mehr als

vier Monate, seit ich Giuliano gesehen habe, und es wird damit enden, daß

er mich vergißt. Die vertraute Freundin der gnädigen Signora Fabiana

gehört doch zu den acht Schwestern-Pförtnerinnen; ein Dienst verlangt den

andern. Könnte Signora Fabiana nicht eines Tages, wenn sie Wache an der

Türe haben wird, mir erlauben, fortzugehen, um Giuliano zu sehen oder ihm

erlauben, zu kommen?"

"Ich werde mein möglichstes tun," sagte Celia, "aber die große

Schwierigkeit, die Fabiana mir einwerfen wird, ist, daß die Äbtissin Eure

Abwesenheit bemerken wird. Ihr habt sie zu sehr daran gewöhnt, Euch

unaufhörlich in der Nähe zu haben. Versucht, Euch hie und da zu entfernen.

Ich bin sicher, wenn Ihr Euch an jede andere angeschlossen hättet als an

die Frau Äbtissin, würde es Fabiana gar keine Schwierigkeit machen, Euren

Wunsch zu erfüllen."

Nicht ohne Plan sprach Celia so.

"Du verbringst dein Leben damit, deinen Geliebten zu beweinen", sagte sie

zu Fabiana, "und denkst nicht an die entsetzliche Gefahr, die uns droht.

Unsere Äbtissin ist so unfähig zu schweigen, daß früher oder später das,

was geschehen ist, unsrem strengen Großherzog zur Kenntnis kommen wird. Er

hat die Ideen eines Mannes, der fünfundzwanzig Jahre Kardinal war, auf den

Thron mitgebracht. Unser Verbrechen ist eins der größten, das man in den

Augen der Religion begehen kann; mit einem Wort: das Leben der Äbtissin

ist unser Tod."

"Was willst du sagen?" fragte Fabiana, sich die Tränen trocknend.

"Ich will sagen, daß du von deiner Freundin, Vittoria Ammanati ein wenig

von dem berühmten Gift von Perugia erlangen mußt, daß ihre Mutter, die ja

selbst von ihrem Gatten vergiftet worden ist, ihr sterbend gab. Ihre

Krankheit hatte mehrere Monate gedauert und wenige hatten an Gift

geglaubt; genau so wird es bei unsrer Äbtissin sein."

"Dein Gedanke entsetzt mich," rief die sanfte Fabiana.

"Ich zweifle nicht an deinem Entsetzen, und ich würde es teilen, wenn ich

mir nicht sagte: das Leben der Äbtissin ist der Tod Fabianas und Celias.

Bedenke doch: sie ist vollkommen unfähig, zu schweigen; ein Wort von ihr

genügt, um den Kardinal-Großherzog zu überzeugen, der nichts so

verabscheut wie jene Verbrechen, die durch die alte Freiheit, die in

unsern armen Klöstern herrschte, verursacht wurden. Deine Cousine steht in

nahen Beziehungen zu Martona, die einem Zweig ihrer Familie angehört, der

durch den Zusammenbruch von 1584 ruiniert wurde. Martona ist sterblich

verliebt in einen schönen Seidenweber, namens Giuliano: es ist notwendig,

daß deine Cousine ihr als ein Schlafmittel, geeignet, die unbequeme

Aufmerksamkeit der Äbtissin zu beseitigen, dieses Gift aus Perugia gibt,

das den Tod in sechs Monaten herbeiführt."

Als Graf Buondelmonte wieder Gelegenheit fand, bei Hof zu erscheinen,

beglückwünschte ihn Großherzog Ferdinand zu der mustergültigen Ruhe, die

in dem Kloster von Sante Riparata herrschte. Dieser Ausspruch des Fürsten

veranlaßte den Grafen, sich sein Werk anzusehen. Man kann sich sein

Erstaunen vorstellen, als die Äbtissin ihm von dem Doppelmord erzählte,

dessen Ende sie mit angesehen hatte. Der Graf merkte wohl, daß die

Äbtissin Virgilia ganz unfähig war, ihm die geringste Auskunft über den

Grund dieses Doppelverbrechens zu geben. 'Außer Felizia', sagte er sich,

'mit ihrem klaren Kopf, dessen Logik mich vor sechs Monaten bei meinem

ersten Besuch so in Verlegenheit brachte, gibt es hier niemand, der mir

Aufschluß über die fragliche Angelegenheit geben könnte. Aber wird sie

sprechen wollen, eingenommen wie sie ist gegen die Ungerechtigkeit der

Gesellschaft und der Familien in der Frage der Nonnen?'

Die Ankunft des großherzoglichen Vertreters im Kloster hatte Felizia mit

maßloser Freude erfüllt. Endlich sah sie diesen unvergleichlichen Mann

wieder, der die einzige Ursache all ihrer Handlungen seit sechs Monaten

war! Durch eine entgegengesetzte Wirkung hatte die Ankunft des Grafen

Celia und ihre Freundin, die junge Fabiana, in den tiefsten Schrecken

versetzt.

"Deine Bedenken werden uns zugrunde gerichtet haben," sagte Celia zu

Fabiana. "Die Äbtissin ist zu schwach, als daß sie nicht gesprochen haben

sollte. Und jetzt ist unser Leben in den Händen des Grafen. Zwei Auswege

bleiben uns: die Flucht ergreifen! Aber wovon werden wir leben? Der Geiz

unsrer Väter wird den Verdacht des Verbrechens, der über uns schwebt, als

Ausflucht benutzen, um uns das Brot zu verweigern. Ehemals, als Toskana

nur eine Provinz Spaniens war, konnten sich die unglücklichen verfolgten

Toskaner nach Frankreich flüchten. Aber der Großherzog-Kardinal will das

spanische Joch abwerfen. Unmöglich für uns, eine Zuflucht zu finden; dahin

haben uns deine kindischen Bedenken geführt, meine arme Freundin. Wir

werden deshalb nicht weniger genötigt sein, das Verbrechen zu begehen,

denn Martona und die Äbtissin sind die einzigen gefährlichen Zeugen

dessen, was in jener verhängnisvollen Nacht geschehen ist. Die Tante

Rodelindes wird nichts sagen; sie wird nicht die Ehre ihrer Verwandten,

die ihr so teuer ist, bloßstellen wollen. Martona, die das angebliche

Schlafmittel der Äbtissin verabreicht hat, wird sich wohl hüten, zu

sprechen, sobald wir ihr gesagt haben, daß dieses Schlafmittel ein Gift

war. Außerdem ist sie ein gutes Mädchen und leidenschaftlich in ihren

Giuliano verliebt."

Es währte zu lang, wollte man die geistvolle Unterhaltung wiedergeben, die

Felizia mit dem Grafen führte. Ihr war immer der Fehler gegenwärtig, den

sie begangen hatte, als sie zu schnell in der Angelegenheit der beiden

Kammerfrauen nachgab. Die Folge dieses Übermaßes von Gutherzigkeit war,

daß der Graf sechs Monate hatte verstreichen lassen, ohne im Kloster zu

erscheinen. Felizia gab sich das Versprechen, nicht wieder in den gleichen

Irrtum zu verfallen. Der Graf hatte sie mit allergrößter Artigkeit bitten

lassen, ihm eine Unterredung im Sprechzimmer zu gewähren. Diese Einladung

brachte Felizia außer sich. Es war nötig, daß sie sich erinnerte, was sie

ihrer Würde als Frau schuldig sei, um die Unterredung auf den nächsten Tag

zu verschieben. Aber als sie in dieses Sprechzimmer eintrat, wo der Graf

allein war, fühlte sich Felizia von einer ihr ganz fremden Schüchternheit

ergriffen, obwohl sie durch ein Gitter ungeheurer Eisenstäbe von ihm

getrennt war. Ihr Erstaunen war außerordentlich; sie bereute den Einfall

tief, der ihr einstmals so geschickt und gefällig erschienen war. Wir

sprechen von dem Geständnis ihrer Leidenschaft für den Grafen, das sie

damals der Äbtissin gemacht hatte, damit diese es dem Grafen

wiedererzähle. Damals war sie weit davon entfernt, ihn so zu lieben wie

jetzt. Es war ihr vergnüglich erschienen, das Herz des ernsten Vertreters

anzugreifen, den der Herzog dem Kloster gegeben hatte. Jetzt waren ihre

Gefühle ganz anders. Ihm zu gefallen, war notwendig für ihr Glück; wenn

ihr dies nicht gelänge, würde sie unglücklich sein, und wie würde ein so

ernster Mann die seltsame Eröffnung aufnehmen, die ihm die Äbtissin machen

würde? Es könnte leicht geschehen, daß er sie indezent fände, und dieser

Gedanke war eine Marter für Felizia. Es war nötig zu sprechen. Der Graf

saß ernst vor ihr und sagte ihr Höflichkeiten über ihren starken Geist.

"Hat es ihm die Äbtissin schon erzählt?" Die ganze Aufmerksamkeit der

jungen Nonne vereinigte sich auf diese große Frage. Zu ihrem Glück glaubte

sie zu erkennen, was in der Tat die Wahrheit war: daß die Äbtissin, vom

Anblick der beiden Leichen jener verhängnisvollen Nacht noch ganz

entsetzt, eine so nichtige Einzelheit wie die törichte Liebe der jungen

Nonne ganz vergessen hatte.

Der Graf bemerkte die außerordentliche Verwirrung dieses schönen Mädchens

sehr wohl und wußte nicht, wem er sie zuschreiben sollte. 'Wäre sie

schuldig?' sagte er sich. Diese Idee beunruhigte ihn, den so Vernünftigen.

Dieser Verdacht bewog ihn, den Antworten der jungen Nonne außerordentliche

und ernste Aufmerksamkeit zu schenken. Das war eine Ehre, die er schon

seit langem nicht den Worten einer Frau erwiesen hatte. Er bewunderte

Felizias Geschick. Sie traf die Kunst, in einer für den Grafen

schmeichelhaften Weise auf alles zu antworten, was er über den

verhängnisvollen Kampf an der Türe des Klosters sagte, aber sie hütete

sich wohl, ihm entscheidende Antworten zu geben. Nach einer Unterhaltung,

die anderthalb Stunden gewährt hatte, während deren der Graf sich nicht

einen Augenblick langweilte, beurlaubte er sich von der jungen Nonne und

bat sie mit Wärme, ihm in einigen Tagen noch eine Unterredung zu gewähren.

Dies Wort erfüllte Felizias Herz mit himmlischer Seligkeit.

Der Graf ging sehr nachdenklich aus der Abtei von Santa Riparata. 'Es wäre

ohne Zweifel meine Pflicht,' sagte er sich, 'dem Fürsten von den seltsamen

Dingen, die ich erfahren habe, in Kenntnis zu setzen. Der ganze Staat hat

sich mit dem Tod dieser beiden bedauernswerten, so reichen und glänzenden

jungen Leute beschäftigt. Andrerseits hat uns der Fürst-Kardinal jetzt

einen so schrecklichen Bischof gegeben, daß man die ganzen Greuel der

spanischen Inquisition auf das unglückliche Kloster hetzen würde, wenn man

auch nur ein Wort verlauten ließe von dem, was geschehen ist. Es wäre

nicht nur eines dieser armen jungen Mädchen, das dieser fürchterliche

Bischof umbringen lassen würde, sondern vielleicht fünf oder sechs; und

wer wäre an ihrem Tode schuldig, wenn nicht ich, der nur einen ganz

kleinen Vertrauensmißbrauch zu begehen hat, damit nichts geschieht? Wenn

der Fürst erfährt, was vorgefallen ist und mir Vorwürfe macht, werde ich

ihm sagen: Euer entsetzlicher Bischof hat mir Angst eingeflößt.'

Der Graf wagte nicht, sich alle die Gründe, die ihn zum Schweigen

brachten, genau einzugestehen. Er war unsicher, ob nicht die schöne

Felizia schuldig war, und sein ganzes Wesen wurde von Schreck gepackt bei

der Vorstellung, das Leben eines armen, von ihren Eltern und von der

Gesellschaft so grausam behandelten jungen Mädchens in Gefahr bringen.

'Sie würde die Zierde von Florenz sein,' sagte er sich, 'wenn man sie

verheiratet hätte.'

Der Graf hatte die vornehmsten Herrn und die reichsten Kaufleute von

Florenz zu einer prächtigen Jagdpartie in den zur Hälfte ihm gehörenden

Maremmen von Siena eingeladen. Er entschuldigte sich bei ihnen; die Jagd

fand ohne ihn statt, und Felizia war sehr erstaunt, als sie schon am

übernächsten Morgen nach ihrer ersten Unterhaltung die Pferde des Grafen

im äußeren Klosterhof stampfen hörte. Als der Vertreter des Großherzogs

den Entschluß gefaßt hatte, dem Fürsten nichts von dem mitzuteilen, was

geschehen war, hatte er gleichwohl gefühlt, daß er die Verpflichtung auf

sich nehmen müsse, in Zukunft über die Ruhe des Klosters zu wachen. Nun

war es, um das zu erreichen, vor allem zu wissen nötig, welchen Anteil die

beiden Nonnen, deren Liebhaber ermordet worden waren, an ihrem Tod gehabt

hatten. Nach einer langen Unterredung mit der Äbtissin ließ der Graf acht

oder zehn Nonnen rufen, unter denen sich auch Fabiana und Celia befanden.

Er fand zu seinem großen Erstaunen, was auch die Äbtissin ihm gesagt

hatte, daß acht von diesen Nonnen gar nichts von den Vorgängen jener

verhängnisvollen Nacht wußten. Der Graf stellte an keine direkte Fragen,

außer an Celia und an Fabiana: sie leugneten, Celia mit der ganzen

Festigkeit einer Seele, die über alles Unglück erhaben ist, die junge

Fabiana wie ein armes Mädchen in Verzweiflung darüber, daß man es in

barbarischer Weise an die Quelle aller seiner Schmerzen erinnert. Sie war

entsetzlich abgemagert und hatte das Aussehen einer Schwindsüchtigen; sie

konnte sich über den Tod des jungen Lorenzo B** nicht trösten. 'Ich bin

es, die ihn getötet hat,' sagte sie Celia in den langen Gesprächen, die

sie mit ihr führte; 'ich hätte die Eigenliebe des wilden Don Cesare,

seines Vorgängers, besser schonen müssen, als ich mit ihm brach.'

Kaum in das Sprechzimmer eingetreten, bemerkte Felizia, daß die Äbtissin

die Schwäche gehabt hatte, dem Stellvertreter des Großherzogs von ihrer

Liebe zu ihm zu sprechen; die Haltung des gelassenen Buondelmonte war

dadurch ganz verändert. Das war zuerst ein Anlaß des Errötens und der

Verlegenheit für Felizia. Ohne es zu wollen, war sie entzückend, während

der langen Unterredung, die sie mit dem Grafen hatte; aber sie gestand

nichts. Die Äbtissin wußte nichts genaues über das, was sie gesehen und

allem Anschein nach falsch gesehen hatte. Celia und Fabiana gestanden

nichts. Der Graf war sehr verlegen. 'Wenn ich die Kammerfrauen und die

Dienerinnen verhöre, heißt das, dem Bischof in dieser Sache Zutritt

verschaffen. Sie werden zu ihrem Beichtvater davon sprechen und dann haben

wir die Inquisition im Kloster.'

Der Graf war sehr beunruhigt und kam alle Tage nach Santa Riparata. Er

hatte sich entschlossen, alle Nonnen zu verhören, dann alle

Hofkammerfrauen und endlich das ganze Gesinde. Er deckte die Wahrheit über

einen vor drei Jahren verübten Kindesmord auf, dessen Anzeige ihm der

Offizial des geistlichen Gerichtshofs, dessen Präsident der Bischof war,

übermittelt hatte. Doch zu seinem großen Erstaunen sah er, daß die

Geschichte der beiden jungen Leute, die sterbend den Garten der Abtei

betreten hatten, nur der Äbtissin, Celia, Fabiana, Felizia und ihrer

Freundin Rodelinde bekannt war. Die Tante dieser Letzteren wußte sich so

gut zu verstellen, daß sie dem Argwohn entschlüpfte. Der Schrecken, den

der neue Bischof Monsignore einflößte, war derart groß, daß, mit Ausnahme

der Äbtissin und Felizias, die offensichtlich lügenhaften Aussagen aller

andren Nonnen immer in den gleichen Worten gegeben wurden. Der Graf hatte

zum Schluß jeder seiner Sitzungen im Kloster eine lange Unterhaltung mit

Felizia, welche sie glücklich machte; aber um sie zu verlängern,

befleißigte sie sich, den Grafen jeden Tag nur einen ganz kleinen Teil von

dem mitzuteilen, was sie über den Tod der beiden jungen Edelleute wußte.

Im Gegensatz dazu war sie von äußerstem Freimut in den Dingen, die sie

persönlich betrafen. Sie hatte drei Liebhaber gehabt; sie erzählte dem

Grafen, der fast ihr Freund geworden war, die ganze Geschichte dieser

Liebschaften. Die völlige Offenheit dieses schönen und geistvollen

Mädchens fesselte den Grafen, dem es nicht schwer fiel, sie mit äußerster

Aufrichtigkeit zu beantworten.

"Ich kann Euch nicht mit so interessanten Geschichten, wie Eure es sind,

erwidern," sagte er Felizia, "und ich weiß nicht, ob ich es wagen soll,

Euch zu sagen, daß mir alle Eures Geschlechts, die ich in der Welt

getroffen habe, stets mehr Verachtung für ihren Geist, als Bewunderung für

ihre Schönheit eingeflößt haben."

Die häufigen Besuche des Grafen hatten Celia die Ruhe genommen. Fabiana,

mehr und mehr von ihrem Schmerz benommen, hatte aufgehört, den Ratschlägen

ihrer Freundin ihre Abwehr entgegenzusetzen. Als die Reihe an sie kam, die

Tür des Klosters zu bewachen, öffnete sie, wandte den Kopf, und der junge

Seidenweber Giuliano, Martonas Freund, konnte ins Kloster eintreten. Er

verbrachte dort volle acht Tage, bis Fabiana von neuem Dienst hatte und

die Türe offen lassen konnte. Es scheint, daß Martona gegen Ende des

langen Aufenthalts ihres Geliebten, gerührt von Giulianos Klagen, der sich

allein in ihrem Zimmer eingeschlossen tödlich langweilte, der Äbtissin,

welche sie Tag und Nacht um sich haben wollte, die einschläfernde Essenz

verabreichte.

Als Giulia, eine sehr fromme junge Nonne, eines Abends durch die großen

Schlafräume ging, hörte sie in Martonas Zimmer sprechen. Sie näherte sich

leise, blickte durch das Schlüsselloch und sah einen schönen jungen Mann

unter Scherzen mit Martona zur Nacht speisen. Giulia tat einige Schläge

gegen die Türe; als ihr aber einfiel, daß Martona sehr wohl öffnen, sie

mit diesem jungen Mann einschließen und sie, Giulia, der Äbtissin anzeigen

könnte, wurde sie von großer Bestürzung erfaßt, denn Martona verbrachte

ihr ganzes Leben mit der Äbtissin und man würde ihr gewiß glauben. In

ihrer Einbildung sah sie sich schon in diesem einsamen und dunklen

Korridor, wo noch keine Lampen angezündet waren, von Martona verfolgt, die

sehr viel stärker war als sie selbst. Giulia ergriff ganz bestürzt die

Flucht, aber sie hörte noch Martona die Türe öffnen und bildete sich ein,

von ihr erkannt worden zu sein; so lief sie zur Äbtissin, um ihr alles zu

sagen und diese eilte in furchtbarer Entrüstung auf Martonas Zimmer, wo

sie jedoch Giuliano nicht mehr vorfand, der sich in den Garten geflüchtet

hatte. Aber in der gleichen Nacht, da die Äbtissin aus Vorsicht und im

Interesse von Martonas Ruf, diese zu sich nahm und ihr ankündigte, daß

sie, damit die Bosheit nicht wieder einen Mann dahinter vermuten könne, am

nächsten Morgen in Begleitung des Beichtvaters, an die Türe ihrer Zelle

Siegel anlegen werde, mischte Martona, die in diesem Augenblick damit

beschäftig war, der Äbtissin das aus einer Schokolade bestehende

Nachtmahl, zu bereiten, eine ungeheure Menge des vorgeblichen

Schlafpulvers hinein.

Am nächsten Morgen befand sich die Äbtissin Virgilia in einem so seltsamen

Zustand nervöser Erregung und fand, als sie in den Spiegel sah, ihr

Gesicht so verändert, daß sie dachte, sie würde sterben. Die erste Wirkung

des Giftes von Perugia ist, daß es die Personen, die davon genossen, fast

verrückt macht. Virgilia erinnerte sich, daß eines der Vorrechte der

Äbtissinnen des adligen Klosters von Santa Riparata war, in ihren letzten

Augenblicken den Beistand Seiner bischöflichen Gnaden zu genießen. Sie

schrieb dem Prälaten, der bald im Kloster erschien. Sie erzählte ihm nicht

nur von ihrer Krankheit, sondern auch von der Geschichte der beiden

Leichen. Der Bischof tadelte streng, daß sie ihm von einem so

eigentümlichen und so verbrecherischen Vorfall nicht Kenntnis gegeben

habe. Die Äbtissin antwortete, daß der Stellvertreter des Herzogs, der

Graf Buondelmonte, ihr nachdrücklich geraten hätte, den Skandal zu

vermeiden.

"Und wie kann dieser Weltliche die Kühnheit haben, die genaue Erfüllung

Eurer Pflichten Skandal zu nennen?"

Als sie den Bischof im Kloster erscheinen sah, sagte Celia zu Fabiana:

"Wir sind verloren. Dieser fanatische Prälat, der um jeden Preis die

Reform des Konzils von Trient in den Klostern seiner Diözese einführen

will, wird sich ganz anders zu uns verhalten, als der Graf Buondelmonte."

Fabiana warf sich weinend in Celias Arme: "Der Tod macht mir nichts, aber

ich werde doppelt verzweifelt sterben, weil ich dich ins Verderben

gestürzt habe, ohne damit das Leben dieser unglücklichen Äbtissin zu

retten."

Sogleich begab sich Fabiana in die Zelle der Nonne, welche an diesem Abend

die Torwache hatte. Ohne sich auf die Einzelheiten einzulassen, sagte sie

ihr, daß es Ehre und Leben Martonas zu retten gelte, welche die

Unvorsichtigkeit begangen habe, einen Mann in ihrer Zelle zu empfangen.

Nach vielen Schwierigkeiten willigte die Nonne ein, etwas nach elf Uhr

abends die Tür offen zu lassen und sich einen Augenblick zu entfernen.

Während dieser Zeit hatte Celia Martona sagen lassen, sie möge sich in den

Chor begeben. Das war ein Saal wie eine zweite Kirche, die nur durch ein

Gitter von der dem Volke zugänglichen getrennt war; sie hatte mehr als

vierzig Fuß Höhe. Martona hatte sich in der Mitte des Chors niedergekniet,

so daß niemand hören konnte, wenn sie leise sprach. Celia begab sich an

ihre Seite.

"Hier" -- sagte sie ihr -- "ist eine Börse, die alles Geld enthält, das

Fabiana und ich finden konnten. Heute abend oder morgen abend werde ich es

ermöglichen, daß die Türe des Klosters einen Augenblick offen bleibt. Laß

Giuliano entschlüpfen und du rette dich bald danach. Sei gewiß, daß die

Äbtissin dem schrecklichen Bischof alles gesagt hat und daß sein

Gerichtshof dich ohne Zweifel zu fünfzehn Jahren Kerker oder zum Tode

verurteilen wird."

Martona machte eine Bewegung, um sich Celia zu Füßen zu werfen.

"Was tust du, Unvorsichtige?" rief diese, und es gelang ihr, die Bewegung

aufzuhalten. "Bedenke, daß man Giuliano und dich in jedem Augenblick

verhaften kann. Halte dich von jetzt an, bis zum Augenblick deiner Flucht,

so versteckt wie möglich, und gib vor allem acht auf die Personen, die in

das Sprechzimmer der Frau Äbtissin eintreten."

Als der Graf am nächsten Morgen im Kloster eintraf, fand er vieles

verändert vor. Martona, die Vertraute der Äbtissin war während der Nacht

verschwunden; die Äbtissin war so geschwächt, daß sie genötigt war, sich

in einem Lehnstuhl ins Sprechzimmer tragen zu lassen, um den Vikar des

Fürsten zu empfangen. Sie gestand ihm, daß sie dem Bischof alles gesagt

habe.

"In diesem Fall werden wir Blut oder Gift haben", rief dieser aus.

Die erste Sorge des Vertreters des Fürsten war, das Wohl der jungen

Felizia zu sichern. Graf Buondelmonte, der menschlich fühlte, konnte den

Gedanken nicht ertragen, daß dieses schöne junge, ihm so zärtlich gesinnte

Mädchen verdammt sein sollte, keinen andern Gemahl als einen verpesteten

Kerker zu haben oder sogar Gift zu trinken. 'Wie schade wäre es,' dachte

er sich, 'wenn Felizia wegen der gefährlichen Einfalt unsrer Äbtissin und

wegen des Fanatismus dieses schrecklichen Bischofs ein Leben verlieren

müßte, welches das Glück eines rechtschaffenen Mannes ausmachen könnte!

Man muß um jeden Preis ein so gräßliches Los zu verhindern trachten.' Und

er sann nach, wie er sie unter irgendeiner Verkleidung entfliehen lassen

könnte.

Da erinnerte er sich an eine Einzelheit: die Nonnen des Klosters trugen

unter ihrem Schleier ein Kleid aus grüner Seide, welches eng anliegend am

Körper und gerade nur unter die Knie reichend, wenig von dem glänzenden

Kostüm der Waffenherolde abwich, die bei den großen Zeremonien vor dem

Fürsten einherschritten. 'Es wird genügen,' sagte sich der Graf, 'daß

Felizia ihren Schleier über dem Kopf zusammenrafft und ihn wie ein Barett

faltet; wenn sie dann ihr langes fließendes Gewand wie einen Mantel um die

Schultern wirft, wird sie ganz das Ansehen eines großherzoglichen Herolds

haben. Man hat mir erzählt, daß eine Nonne in solcher Verkleidung ausging,

um ihren Geliebten zu besuchen. Felizia wird ebenfalls keine Schwierigkeit

haben, besonders weil sie von mir begleitet ist und die Wache wird ihr die

Ehrenbezeugung erweisen.'

Er ließ sofort Felizia rufen und teilte ihr seinen Plan mit. Sie

antwortete ihm, daß sie ihr Leben in seine Hände gäbe: "Wisset," sagte

sie, "daß es weniger Glück für mich ist, es zu behalten, als es Euch zu

verdanken und zu wissen, daß Ihr Euch die Mühe genommen habt, für mich zu

sorgen." Ein feuriger Blick, der diese Worte begleitete, verriet die

Gefühle dieses leidenschaftlichen Mädchens. Es war nicht Zeit für langes

Reden. Felizia beeilte sich, den Anweisungen des Grafen zu folgen, und als

sie passend verkleidet war, begab sie sich auf dem gleichen Weg zur

Terrasse der Orangerie, wie in der Nacht, als Lorenzo und Pierantonio

getötet wurden. Sie stieg in den Garten, wohin der Graf ihr vorausgegangen

war und fand ihn nahe der Tür, die auf die weite Ebene hinter den

Stadtmauern führte. Man hatte grade die Wache abgelöst und dieser Umstand

begünstigte noch die Flucht, denn die vorige Wache hätte sich wundern

können, einen Waffenherold, den sie nicht eingelassen hatte, aus dem

Kloster fortgehen zu sehn. Der Graf und Felizia befanden sich in der

Straße der Goldarbeiter, dort führte er sie zu einem Mann, der ihm sehr

ergeben war, weil er ihn einstens vor den Galeeren gerettet hatte. Sie

wechselte ihre Kleider, nahm die der Tochter ihres Wirts und ritt gegen

Mitternacht, von zwei Dienern des Grafen begleitet, zu einem seiner

Pächter, der sie bis an die Grenzen Bolognas begleiten sollte, wo die

Buondelmonte Freunde hatten. Dort befand sie sich endlich in Sicherheit.

Dann bemühte sich Graf Buondelonte[sic! statt: Buondelmonte], auch die

sanfte Rodelinde zu retten, und es fiel ihm nicht zu schwer, weil er sich

Celias Nachschlüssel bedienen konnte, die man ihr weggenommen hatte.

Schon am nächsten Morgen kehrte der Bischof ins Kloster zurück und führte,

wie der Graf vorher geahnt hatte, die ganzen Schrecken der Inquisition mit

sich. Er leitete den Prozeß gegen die Nonnen in den strengsten Formen ein.

Dieses Verfahren dauerte nicht lange und der Prälat lud die schuldigen

Schwestern in dem Saal vor sich, wo gewöhnlich die Wahl der Äbtissin

stattfand. Der Spruch wurde verkündet: Celia und Fabiana wurden

verurteilt, durch Gift zu sterben; andre, der Nonnenkleider verlustig zu

gehen und bis ans Ende ihrer Tage in ein Gefängnis geworfen zu werden, und

die endlich, die am wenigsten schuldig gefunden wurden, sollten eine

Gefangenschaft von zehn Jahren erdulden.

Kaum war diese Vorlesung beendet, als eine der zu lebenslänglichem Kerker

verurteilten Nonnen zum Fenster lief, es öffnete und sich in den Garten

stürzte; eine andre durchstieß sich die Brust mit einem Dolch.

Schreckliche Schreie ertönten und verbreiteten Entsetzen im ganzen

Kloster.

Der Bischof hatte sich zurückgezogen, als die Ruhe wiederhergestellt war,

und der Geistliche, dem er seine Macht übertragen hatte, schritt an den

schmerzlichsten Teil seiner Aufgabe, jenen, der Celia und Fabiana betraf.

Er machte ihnen in rauhester Weise Vorstellungen über den Ernst der

Unruhen, die sie veranlaßt hatten und schloß, indem er ihnen sagte, sie

müßten dieses Leben verlassen, um den Zorn des Himmels zu besänftigen.

"Aber", fügte er hinzu, "Eure Vorgesetzten und Eure Richter, welche den

Adel Eurer Familien und die Würde dieses Orts in Betracht gezogen haben,

wollten Euch von der vollen Strenge der geistlichen Diszipin[sic! statt:

Disziplin] befreien und Euch die Schande eines öffentlichen

Urteilsvollzugs ersparen; sie haben also, nach den Grundsätzen der

Barmherzigkeit Jesu Christi, beschlossen, Euch Eure Tage in der Umfassung

dieses geweihten Orts beenden zu lassen -- und durch den

Schierlingstrank."

Während dieser Rede sah ihn Celia starr mit verächtlicher Ruhe an. Als er

aufgehört hatte, zu sprechen, fragte sie ihn kurz, wo der Giftbecher sei.

"Priester eines Gottes der Barmherzigkeit," antwortete er, "habe ich nur

das Urteil über die Schuldigen zu sprechen: die Ausführung ist den

Laienbrüdern anvertraut, wendet Euch an diese."

Ein Leibwächter des Geistlichen brachte zwei mit diesem Gift gefüllte

Becher, er reichte sie Celia, die einen davon nahm und zu Fabiana sagte:

"Bringen wir diese Todesblume diesem Hanswurst der Seelen" -- und sie

schlang es hinunter bis auf den letzten Tropfen. Die schwächere Fabiana

gab sich Tränen und Klagen hin; Celia machte ihr Vorwürfe über ihre

Anhänglichkeit an ein so unglückliches Leben und über ihre Feigheit, die,

wie sie sagte, der dieser Männer gleichkam, die sich nicht schämten, von

aller Welt verlassene Frauen zu ermorden."[sic! überzähliges

Anführungszeichen] Endlich trocknete Fabiana ihre Tränen, faßte sich wie

im Augenblick einer großen Krise und würgte das Gebräu hinunter; es

Tropfen für Tropfen schlürfend.

Indessen trugen Livia und eine andre Dienerin den leblosen Körper der

Nonne vom Garten herein, die sich aus dem Fenster gestürzt hatte. Als

Celia sie bemerkte, entschlüpften ihr die Worte: "Wie ist sie glücklich,

nicht mehr zu leben!" Dann sprach sie den beiden Dienerinnen ihren Dank

für die Ergebenheit aus, die sie ihr gezeigt hatten; sie gab Livia einen

Diamantring, den sie am Finger trug, zum Geschenk, und forderte sie auf,

den Erlös mit ihrer Gefährtin zu teilen.

Das Gift begann auf seine Opfer zu wirken: Fabiana wälzte sich auf der

Erde in den Ängsten des Todes; Celia bemerkte, daß der Delegat des

Bischofs und seine Leute fühllose Zeugen dieses Schauspiels blieben: "Geht

fort!" rief sie aus, "laßt uns fern von Euren Augen sterben! Gerechter

Gott, verlängert nicht unsre Marter!" Endlich wurde ihre Natur durch den

Schmerz besiegt, und auch sie konnte sich nicht mehr aufrecht halten und

fiel zu Boden. In den Krämpfen ihrer Agonie löste sich ihr reiches

schwarzes Haar und fiel ihr über Schultern und Brust, welche durch ihre

wilden Bewegungen entblößt waren. Alle, sogar der Delegat, waren von

Mitleid ergriffen, vielleicht auch von Bedauern, an der Vernichtung eines

so vollkommenen Wesens Teil gehabt zu haben; sie konnten den Anblick nicht

länger ertragen und gingen in einen Nebenraum. "Nie vielleicht", sagte der

Bevollmächtigte des Bischofs, "gab es eine unbeugsamere Seele in einer

schöneren Hülle. Wie schade!"

Mittlerweile war Felizia in Bologna in aller Sicherheit untergebracht

worden. Graf Buondelmonte säumte nicht, ihre seine Tröstungen zu bringen

und man sagt, daß dieser Herr in der Folge die Reise von Florenz nach

Bologna häufig unternahm.

Die Äbtissin von Castro · 第 9 / 51 题