Molières Don Juan ist ohne Zweifel galant, doch vor allem ist er ein Mann
der guten Gesellschaft. Bevor er sich der unwiderstehlichen Leidenschaft
überläßt, die ihn zu hübschen Frauen zieht, hält er darauf, einem
bestimmten Ideal zu gleichen; er will der Mann sein, der am Hof eines
galanten und geistvollen jungen Königs unumschränkt bewundert würde.
Mozarts Don Juan ist schon weit natürlicher und viel weniger französisch;
er denkt weniger an die Meinung der andern über ihn, denkt nicht vor allem
daran, zu scheinen, wie der Baron Foeneste d'Aubigné sagte.
Wir besitzen aus Italien nur zwei Porträte des Don Juan, so wie er diesem
schönen Lande im sechzehnten Jahrhundert zu Beginn der wiedergeborenen
Zivilisation erschienen ist.
Von diesen beiden Porträten kann ich das eine durchaus nicht bekanntgeben,
denn das Jahrhundert ist zu prüde; man muß sich an das große Wort
erinnern, das Lord Byron unzählige Male wiederholt hat: This age of cant.
Diese so langweilige Heuchelei, die niemand täuscht, hat den ungeheuren
Vorteil, daß die Dummen etwas zu reden haben; es entrüstet sie, daß man
gewagt hat, über etwas zu sprechen; es entrüstet sie, daß man gewagt hat,
über etwas zu lachen, usw. Der Nachteil ist, daß das Bereich der
Geschichte dadurch unendlich verengt wird.
Hat der Leser den guten Geschmack, es mir zu gestatten, so werde ich ihm
in aller Bescheidenheit eine historische Aufzeichnung über den zweiten Don
Juan vorlegen, von dem es im Jahre 1887 möglich ist, zu sprechen; er hieß
Francesco Cenci.
Don Juan zu ermöglichen, muß es die Heuchelei in der Welt geben. Im
Altertum wäre Don Juan eine Wirkung ohne Ursache gewesen; die eher heitere
Religion ermahnte die Menschen zum Genuß: wie hätte sie also jemand
auszeichnen, ja verdammen können, der in einer Lust seine einzige Aufgabe
sieht? Nur die herrschende Regierung sprach von Enthaltsamkeit; aber wohl
verstanden, sie verbot bloß Dinge, die dem Vaterland schaden konnten, und
nichts, was nur den einzelnen schädigte.
Jeder, der Geschmack an Frauen fand und reich war, konnte in Athen ein Don
Juan sein, ohne daß jemand daran etwas auszusetzen gefunden hätte. Niemand
nannte dies Leben ein Jammertal und daß es verdienstvoll sei, zu leiden.
Ich glaube nicht, daß der athenische Don Juan so leicht hätte zum
Verbrecher werden können wie der Don Juan der modernen Welt; ein großer
Teil des Vergnügens des modernen Don Juan besteht darin, die öffentliche
Meinung herauszufordern, womit er schon in seiner Jugend damit beginnt,
daß er sich einbildet, nur gegen die Heuchelei anzukämpfen.
Gesetze zu übertreten in einer Monarchie Louis XV., auf einen Dachdecker
einen Flintenschuß abzufeuern und ihn von seinem Dach herunterrollen zu
lassen -- ist das nicht ein Beweis, daß man in der Gesellschaft um den
Fürsten lebt, daß man zum besten Ton gehört und daß man sich sonst was aus
dem Richter macht, der ja ein Bürgerlicher ist? Seinem Richter zu
spotten -- ist das nicht der erste Schritt des kleinen werdenden Don Juan?
Bei uns sind die Frauen nicht mehr Mode, und das ist der Grund für die
Seltenheit der Don Juane. Aber wenn es deren gäbe, würden sie immer mit
sehr natürlichen Vergnügungen beginnen und ihren Ruhm darin suchen, den
Ideen zu trotzen, die ihnen in der Vernunft nicht begründet zu sein
scheinen, trotzdem sie den festen Glauben ihrer Zeitgenossen bilden. Erst
viel später, wenn er pervers zu werden beginnt, findet der Don Juan eine
erlesene Wollust darin, Meinungen zu bekämpfen, die ihm selber richtig und
vernünftig scheinen.
Dieser Übergang muß bei den Alten sehr schwierig gewesen sein; erst unter
den römischen Kaisern und nach Tiberius findet man Freigeister, welche die
Verderbnis um ihrer selbst willen lieben, das heißt: wegen des Vergnügens,
den vernünftigen Ansichten ihrer Zeitgenossen Trotz zu bieten.
Daher sehe ich in der christlichen Religion die Voraussetzungen für die
satanische Rolle des Don Juan. Ist es doch diese Religion, welche die Welt
lehrte, daß die Seele eines armen Sklaven, eines Gladiators an Fähigkeit
und an Würde der des Cäsar selber völlig ebenbürtig sei; daher muß man der
christlichen Lehre für das Auftauchen zarter Gefühle dankbar verpflichtet
sein. Ich zweifle übrigens nicht daran, daß früher oder später diese
Gefühle auch ohne die christliche Lehre im Busen der Völker aufgetaucht
wären -- ist doch die Äneide schon um vieles zarter, gefühlsreicher als
die Ilias.
Die Lehre Jesu war die der zeitgenössischen arabischen Philosophen, und
das einzig Neue, das in der Welt infolge der vom heiligen Paul gepredigten
Lehren eingeführt wurde, ist eine Armee von Priestern, die gänzlich von
den übrigen Bürgern getrennt sind und sogar diesen entgegengesetzte
Interessen haben.
Die einzige Aufgabe dieser Priestergilde war, das religiöse Empfinden zu
pflegen und zu stärken; sie erfanden bezaubernde Gaukeleien und Kulte, um
die Gemüter aller Klassen, vom ungebildeten Hirten bis zum blasierten
Höfling im Gefühle zu bewegen; sie verstanden ihre Interessen mit den
entzückenden Eindrücken der ersten Kindheit zu verknüpfen; sie ließen
nicht die kleinste Pest oder das kleinste große Unglück vorübergehn, ohne
daraus Nutzen zu ziehn, die Furcht und das religiöse Empfinden zu
verdoppeln oder wenigstens eine schöne Kirche zu bauen, wie die Maria
della Salute in Venedig.
Diese Kirche bringt das bewundernswerte Ereignis hervor: der heilige Papst
Leo widersteht ohne jede materielle Macht dem wilden Attila und seinen
barbarischen Scharen, die China, Persien und die Gallier in Schrecken
versetzt hatten.
So hat die Kirche, wie die absolute, nur durch Chansons gemäßigte Macht,
welche man die französische Monarchie nennt, sonderbare Dinge
hervorgebracht, welche die Welt vielleicht niemals gesehn hätte, wenn sie
diese beiden Einrichtungen hätte entbehren müssen.
Unter diese guten oder schlechten, immer aber sonderbaren und seltsamen
Dinge, die Aristoteles, Polybius, Augustus und alle andern Köpfe des
Altertums sehr in Erstaunen gesetzt hätten, stelle ich ohne Zögern den
modernen Charakter des Don Juan. Er ist, wie ich meine, ein Produkt der
asketischen Institutionen, welche die Päpste nach Luther geschaffen haben;
denn Leo X. und sein Hof folgten noch ungefähr den Prinzipien der Religion
Athens.
Molières Don Juan wurde zu Beginn der Regierung Ludwig XIV., am 15.
Februar 1665 aufgeführt; dieser Fürst war damals noch nicht im geringsten
fromm und trotzdem ließ die kirchliche Zensur die Szene des Armen im Walde
streichen. Diese Zensur wollte, um sich Nachdruck zu verschaffen, dem so
wunderbar unwissenden König einreden, daß das Wort Jansenist
gleichbedeutend mit Republikaner sei.
Das Original ist von dem Spanier Tirso de Molina; eine italienische Truppe
spielte gegen 1664 eine Nachdichtung davon in Paris und erregte Aufsehn.
Das Stück ist vielleicht die am meisten gespielte Komödie der Welt, denn
sie handelt vom Teufel und von der Liebe, von der Furcht vor der Hölle und
von einer überschwenglichen Leidenschaft für eine Frau, von allem also,
was es Schreckliches und Liebliches in den Augen der Menschen gibt, sofern
sie nur aus dem Zustand der Wilden heraus sind.
Es ist nicht erstaunlich, daß das Bild des Don Juan durch einen spanischen
Dichter in die Literatur eingegeführt worden ist. Die Liebe nimmt eine
große Stelle im Leben dieses Volks ein; sie ist da eine ernste
Leidenschaft, imstande, mit Gewalt alle andern sich zu unterjochen, sogar
die Eitelkeit. Ebenso ist es in Deutschland und in Italien. Wohl überlegt
ist einzig und allein Frankreich vollkommen frei von dieser Leidenschaft,
um derentwillen andere Nationen so viele Torheiten begehn, wie zum
Beispiel ein armes Mädchen zu heiraten, unter dem Vorwand, daß sie hübsch
und daß man in sie verliebt sei. Den Mädchen, welchen nichts als die
Schönheit fehlt, fehlt es nicht an Bewunderern in Frankreich; wir sind
unvorsichtige Leute. Anderswo sind sie darauf angewiesen, Nonne zu werden,
weshalb die Klöster in Spanien unentbehrlich sind. Die Mädchen bekommen in
diesem Lande keine Mitgift und dies Gesetz hat den Triumph der Liebe
gesichert. Hat sich die Liebe in Frankreich nicht ins fünfte Stockwerk
zurückgezogen, das heißt, zu den Mädchen, die sich ohne Vermittlung des
Notars und der Familie verheiraten?
Man soll hier nicht an den Don Juan des Lord Byron denken, der nichts als
ein Faublas ist: ein schöner, unbedeutender junger Mann, auf den sich die
unwahrscheinlichsten Arten und Gattungen des Glücks stürzen.
Es war, wie gesagt, in Italien, und zwar erst im sechzehnten Jahrhundert,
daß dieser sonderbare Charakter zum erstenmal auftauchte. Es war in
Italien, und zwar im siebzehnten Jahrhundert, daß eine Fürstin sagte, als
sie am Abend eines sehr heißen Tages mit Entzücken ein Eis nahm: 'Wie
schade, daß Gefrorenes zu essen nicht eine Sünde ist!'
Diese Gefühlseinstellung bildet nach meiner Ansicht die Charaktergrundlage
des Don Juan und dazu gehört, wie man sieht, die christliche Religion.
Ein neapolitanischer Autor meint dazu: "Ist es nichts, dem Himmel Trotz zu
bieten und dabei zu glauben, daß im gleichen Augenblick Euch der Himmel zu
Staub zermalmen kann?" Davon, sagt man, rühre die unvergleichliche Wollust
her, eine Nonne als Geliebte zu haben, eine von Frömmigkeit erfüllte
Nonne, die weiß, daß sie Böses tut und Gott so leidenschaftlich um
Verzeihung anfleht, wie sie leidenschaftlich sündigt.
Denken wir uns einen sehr perversen Christen, zu der Zeit in Rom geboren,
als der strenge Pius V. sich anschickte, eine Menge kleiner religiöser
Übungen wieder zu Ehren zu bringen oder neu zu erfinden, welche der
einfachen Alltagsmoral völlig fremd sind, die ja nur das Tugend nennt, was
den Menschen nützlich ist. Eine Inquisition, so unerbittlich, daß sie sich
nur kurze Zeit in Italien halten konnte und bald nach Spanien flüchten
mußte, war noch verstärkt worden und jagte aller Welt Schrecken ein. Jahre
hindurch setzte man sehr harte Strafen auf die Unterlassung oder auf die
öffentliche Mißachtung dieser kleinen und kleinlichen religiösen Übungen,
die zum Rang heiligster religiöser Pflichten erhoben wurden. Jener
perverse Römer, von dem wir sprachen, wird die Achseln gezuckt haben, als
er die ganze Masse der Bürger vor den schrecklichen Gesetzen der
Inquisition zittern sah.
'Gut,' wird er sich gesagt haben, 'ich bin der reichste Mann von Rom,
dieser Hauptstadt der Welt, ich werde auch der kühnste sein; ich werde
mich öffentlich über all das lustig machen, was diese Leute respektieren
und was so wenig dem gleicht, was zu respektieren ist.'
Denn ein wirklicher Don Juan muß ein Mann von Herz sein und jenen
lebhaften und klaren Verstand besitzen, der die Motive der Handlungen der
Menschen durchschaut.
Francesco Cenci also wird sich gesagt haben: 'Durch welche auffallenden
Taten könnte ich, ein Römer, in Rom im Jahre 1527 geboren, genau während
der sechs Monate, in denen die lutheranischen Soldaten des Connetable von
Bourbon die gräßlichsten Entweihungen an den heiligen Dingen
begingen -- durch welche Taten könnte ich meinen Mut bemerkbar machen und
mir so eindringlich wie möglich das Vergnügen bereiten, der öffentlichen
Meinung Trotz zu bieten? Womit soll ich meine einfältigen Zeitgenossen in
Erstaunen setzen? Wie kann ich mir das so lebhafte Vergnügen verschaffen,
mich anders als die große Masse zu fühlen?'
Es konnte einem Römer, und dazu einem Römer jener Zeit nicht in den Sinn
kommen, sich auf bloße Worte zu beschränken. Es gibt kein Land, wo
prahlerische Worte mehr verachtet werden als in Italien.
* * * * *
Der Mann, der so zu sich sprechen konnte, Francesco Cenci, ist am 15.
September 1598, unter den Augen seiner Tochter und seiner Frau getötet
worden. Nichts Liebenswürdiges bleibt uns von diesem Don Juan zu erinnern.
Sein Charakter wurde durch nichts, vor allem nicht durch die Manie, ein
guter Gesellschafter zu sein, gemildert und verkleinert, wie bei dem Don
Juan Molières. Er kümmerte sich um die andern Menschen nur, wenn er ihnen
seine Überlegenheit beweisen, sich ihrer bedienen oder ihnen seinen Haß
zeigen wollte. Denn der Don Juan findet nie Gefallen an Sympathiegefühlen,
an süßen Träumereien oder an den Einbildungen eines zärtlichen Herzens. Er
braucht vor allem Freuden, welche Triumphe sind, von andern bemerkt und
nicht abstreitbar; er braucht die Liste, die der freche Leporello vor den
Augen der unglücklichen Elvira aufrollt.
Der römische Don Juan hat sich gut vor der kindlichen Ungeschicklichkeit
gehütet, den Schlüssel zu seinem Charakter zu geben und sich einem Lakaien
anzuvertrauen, wie jener Don Juan bei Molière. Er hat ohne einen
Vertrauten gelebt und hat nichts andres gesprochen, als was ihm für die
Förderung seiner Pläne nützlich war. Niemand überraschte ihn in
Augenblicken wirklicher Zärtlichkeit und entzückender Heiterkeit, wegen
deren man dem Don Juan von Mozart viel verzeiht. Kurz: das Porträt, das
ich hier hinsetzen werde, ist abstoßend.
Aus freier Wahl hätte ich nicht diesen Charakter nachgezeichnet. Ich hätte
mich damit begnügt, ihn zu studieren; denn er ist dem Gräßlichen näher als
dem Seltsamen. Aber Reisegefährten, denen ich nichts abschlagen konnte,
baten mich darum. Ich hatte im Jahre 1823 das Glück, Italien zusammen mit
liebenswürdigen unvergeßlichen Menschen zu sehn. Ich war gleich ihnen vom
Bildnis der Beatrice Cenci hingerissen, das im Palazzo Barberini in Rom
hängt.
Die Galerie dieses Palastes ist heute auf sieben oder acht Bilder
zusammengeschmolzen, doch sind vier Meisterwerke darunter: zunächst das
Porträt der berühmten Fornarina, der Geliebten Raffaels, von Raffaels
eigener Hand.
Das zweite wertvolle Bildnis der Galerie ist vom Guido Reni: das Porträt
der Beatrice Cenci, von dem es soviel schlechte Stiche gibt. Der große
Maler hat um den Hals Beatrices ein Stück nichtssagenden Stoffs gelegt,
und er hat sie mit einem Turban ausgestattet: er getraute sich wohl nicht,
die Wahrheit bis zum Fürchterlichen zu treiben, indem er das Kleid, das
sie sich für die Hinrichtung hatte machen lassen, getreu wiedergegeben
hätte, und das Haar in der ganzen Unordnung eines sechzehnjährigen
Mädchens, das sich der Verzweiflung überläßt. Der Kopf ist zart und schön,
der Blick sehr sanft und die Augen sehr groß: sie haben den erstaunten
Ausdruck einer Person, die im Augenblick heftigen Weinens überrascht wird.
Die Haare sind blond und sehr schön. Dieser Kopf hat nichts von dem
römischen Stolz und von dem Bewußtsein der eignen Kraft, wie man beides so
oft in dem zuversichtlichen Blick einer Römerin antrifft, einer figlia del
tevere, wie sie mit Stolz von sich selber sagen. Unglücklicherweise sind
die Halbtöne dieses Bildnisses während des langen Zeitraums, der uns von
der Katastrophe trennt, brandig geworden.
Das dritte Bildnis der Galerie Barberini ist das der Lucrezia Petroni, der
Stiefmutter von Beatrice, die mit ihr hingerichtet worden ist. Sie ist der
Typus der römischen Matrone in ihrer natürlichen Schönheit und ihrem
Stolz, der nicht, wie auf van Dycks Bildnissen, Stolz auf die
gesellschaftliche Stellung ist. Die Züge sind groß und die Hautfarbe ist
blendend weiß, die schwarzen Brauen sind scharf gezeichnet, der Blick ist
gebieterisch und gleichzeitig von Wollust beschwert. Ihr Kopf bildet einen
schönen Kontrast mit dem so sanften, einfachen, fast deutschen Aussehen
ihrer Stieftochter.
Das vierte Bildnis, glänzend durch die Wahrheit und die Pracht seiner
Farben, ist eines der Meisterwerke Tizians: eine griechische Sklavin, die
Geliebte des berühmten Dogen Barberigo.
Fast alle Fremden, die nach Rom kommen, lassen sich alsbald nach der
Galleria Barberini führen; besonders die Frauen sind von den Porträts der
Beatrice Cenci und ihrer Stiefmutter angezogen. Ich habe die allgemeine
Neugier geteilt; dann habe ich, wie jedermann, versucht, Einsicht in den
berühmten Prozeß zu erhalten. Wer diese Möglichkeit hat, wird, wie ich
glaube, erstaunt sein, in diesen Berichten, in denen alles, bis auf die
Antworten der Angeklagten, lateinisch ist, fast gar keine Darstellung der
Tatsachen zu finden. Vermutlich, weil im Rom des Jahres 1599 jeder die
Tatsachen kannte. Ich habe die Erlaubnis erkauft, eine zeitgenössische
Darstellung zu kopieren, und habe geglaubt, eine Übersetzung davon wagen
zu können, ohne den Anstand zu verletzen; zum mindesten konnte diese
Übersetzung im Jahre 1823 den Damen laut vorgelesen werden. Aber es hört,
wie ich bemerken muß, der Übersetzer auf, treu zu sein, wenn es nicht mehr
möglich ist: denn anders würde das Grauen leicht stärker sein als die
Neugier.
Die traurige Rolle des wahren Don Juan, der sich keinem Ideal nachbilden
will und der an die Meinung der Welt nur denkt, um sie herauszufordern,
ist hier in ihrem ganzen Schrecken dargestellt. Das Übermaß seiner
Verbrechen zwingt zwei Unglückliche, ihn vor ihren Augen töten zu lassen;
diese beiden Frauen waren: die eine seine Gattin und die andre seine
Tochter. Der Leser wird nicht zu entscheiden wagen, ob sie schuldig sind.
Ihre Zeitgenossen fanden, daß man sie nicht mit dem Tode hätte strafen
dürfen.
Ich bin überzeugt, daß die Tragödie von Galeoto Manfredi, der von seiner
Frau getötet wurde, ein Stoff, den der große Dichter Monti behandelt hat,
und viele andre häusliche Tragödien des fünfzehnten Jahrhunderts, die
weniger bekannt und kaum in den Sonderurkunden der italienischen Städte
eingetragen sind, mit einer ähnlichen Szene wie der im Schloß von Petrella
endete.
Was folgt, ist die Übersetzung der zeitgenössischen Darstellung, sie ist
in _römischem Italienisch_ verfaßt und wurde am 14. September 1599
niedergeschrieben.
* * * * *
Das fluchwürdige Leben, das Francesco Cenci, in Rom geboren und einer
unsrer wohlhabendsten Mitbürger, von jeher geführt hat, brachte ihn
schließlich ins Verderben. Er hat seine Söhne, starke und mutige junge
Leute, vorzeitig in den Tod gebracht, ebenso seine Tochter Beatrice, die,
obwohl sie kaum sechzehn Jahre alt war, als sie zur Todesstrafe geführt
wurde -- es ist heute vier Tage her --, doch schon für eines der schönsten
Wesen in den Staaten des Papstes und in ganz Italien galt. Man hört die
Neuigkeit, daß Signor Guido Reni, einer der Schüler der bewundernswerten
Bologneser Überlieferung, letzten Freitag das Porträt der armen Beatrice
gemacht hat, also gerade am Tage vor ihrer Hinrichtung. Wenn dieser große
Maler sich dieser Aufgabe in der gleichen Weise entledigt hat wie bei den
andern Gemälden, die er in dieser Hauptstadt gemalt hat, wird sich die
Nachwelt einen Begriff davon machen können, wie groß die Schönheit dieses
außerordentlichen Mädchens gewesen ist. Damit aber auch die Erinnerung an
ihr Unglück ohnegleichen und an die erstaunliche Kraft bewahrt bleibe, mit
welcher diese wahrhaft römische Seele es zu bekämpfen wußte, habe ich
beschlossen, das niederzuschreiben, was ich über die Begebenheiten, die
sie in den Tod führten, erfahren konnte, und auch was ich selbst am Tage
ihres stolzen Untergangs gesehen habe.
Die Personen, die mir meine Informationen gegeben haben, waren so
gestellt, daß sie die geheimsten Umstände wußten, die selbst heute noch in
Rom unbekannt sind, obwohl man seit sechs Wochen von nichts anderm als vom
Prozeß der Cenci spricht. Ich werde mit Offenheit sprechen, sicher wie ich
bin, daß aus meinem Bericht, den ich in angesehene Archive zu hinterlegen
vermag, alle schöpfen werden. Mein einziger Kummer ist, daß ich -- aber so
will es die Wahrheit -- gegen die Unschuld dieser armen Beatrice Cenci
sprechen muß, die von allen, die sie kannten, ebenso angebetet und
geachtet wurde, wie ihr schrecklicher Vater verhaßt und verabscheut war.
Dieser Mann, dem vom Himmel unleugbar erstaunlicher Scharfsinn aber auch
Absonderlichkeit verliehen wurde, war der Sohn des Monsignore Cenci,
welcher es unter Pius V. Ghislieri bis zur Stellung eines Schatzmeisters,
Finanzministers, gebracht hatte. Dieser heilige Papst, der, wie man weiß,
ganz mit seinem gerechten Haß gegen die Ketzer und mit der
Wiedereinführung seiner bewunderungswürdigen Inquisition beschäftigt war,
hatte für die weltliche Verwaltung seines Staates nur Verachtung, so daß
sein Schatzmeister in den Jahren vor 1572, Monsignore Cenci, es möglich
machen konnte, jenen schrecklichen Menschen, der sein Sohn und Beatrices
Vater war, ein Einkommen von 160 000 Piastern zu hinterlassen. Außer
diesem großen Vermögen hatte Francesco Cenci einen Ruf von Kühnheit und
Klugheit, worin ihm in seinen jungen Jahren niemand in Rom gleichkam, und
dieser Ruf verschaffte ihm um so mehr Geltung am Hofe des Papstes und beim
ganzen Volke, als die verbrecherischen Handlungen, die man ihm
zuzuschreiben begann, nur solcher Art waren, wie die Welt sie leicht
verzeiht. Viele Römer erinnern sich noch mit bitterem Bedauern der
Freiheit des Denkens und Handelns, die man zur Zeit Leos X. genoß, der uns
1513 genommen wurde, und auch unter dem 1549 verstorbenen Paul III. Schon
unter diesem letzten Papst begann man von dem jungen Francesco Cenci zu
sprechen wegen gewisser sonderbarer Liebschaften, die durch noch
sonderbarere Mittel zum guten Gelingen geführt wurden.
Unter Paul III., also zu einer Zeit, wo man noch eine gewisse Redefreiheit
genoß, sagten viele, daß Francesco Cenci ganz besonders lüstern auf
absonderliche Ereignisse sei, die ihm _peripezie di nuove idee_, neue und
beunruhigende Empfindungen verschaffen könnten. Man stützte sich dabei
darauf, daß man in seinen Rechnungsbüchern Aufzeichnungen dieser Art
gefunden hat:
"Für Abenteuer und peripezie von Toscanella 3500 Piaster (im Jahre 1837
etwa 60 000 frcs.) _e non fu caro_, und es war nicht teuer."
Man weiß vielleicht in den andern Städten Italiens nicht, daß hier in Rom
unser Schicksal und unsre Art des Lebens je nach dem Charakter des
herrschenden Papstes wechseln. So war während dreizehn Jahren, unter dem
guten Papst Gregor XIII. Buoncompagni, alles in Rom erlaubt; wer wollte,
ließ seinen Freund erdolchen und wurde nicht verfolgt, wenn er sich in
bescheidener Art zu benehmen wußte. Auf dieses Übermaß von Nachsicht
folgte während der fünf Jahre, die der große Sixtus V. regierte, ein
Übermaß von Strenge, und von diesem wurde, wie vom Kaiser Augustus gesagt:
er hätte niemals kommen dürfen oder immer bleiben müssen. Damals wurden
Unglückliche für zehn Jahre lang vergessene Mordtaten oder Vergiftungen
hingerichtet, die sie zu ihrem Unglück früher einmal dem Kardinal
Montalto, dem späteren Sixtus V. gebeichtet hatten.
Besonders viel wurde unter Gregor XIII. von Francesco Cenci gesprochen. Er
hatte eine sehr reiche und in jeder Hinsicht zu einem so angesehenen Herrn
passende Frau geheiratet, welche starb, nachdem sie ihm sieben Kinder
geschenkt hatte. Kurz nach ihrem Tode heiratete er in zweiter Ehe Lucrezia
Petroni, eine Frau von seltner Schönheit und vor allem berühmt durch die
blendende Weiße ihrer Hautfarbe, aber sie war ein wenig zu beleibt,
welcher Fehler unter Römerinnen so häufig ist. Von Lucrezia hatte er keine
Kinder.
Das kleinste Laster, das man Francesco Cenci vorwerfen konnte, war sein
Hang zu infamer Liebe, das größte war, daß er nicht an Gott glaubte. Sein
ganzes Leben lang sah man ihn nicht in eine Kirche eintreten.
Dreimal wegen seiner schändlichen Liebschaften ins Gefängnis gebracht,
machte er sich durch Geldspenden an die Günstlinge der zwölf Päpste, unter
denen er der Reihe nach gelebt hat, immer wieder frei. Auf diese Weise
verschenkte er 200 000 Piaster, das sind jetzt etwa 5 000 000 fr.
Ich habe Francesco Cenci erst gesehen, als er schon ergrautes Haar hatte,
unter der Regierung des Papstes Buoncompagni, wo alles erlaubt war, was
man zu tun wagte. Er war ein Mann von etwa fünf Fuß vier Zoll, sehr gut
gebaut, obgleich zu mager; man hielt ihn für außerordentlich stark,
vielleicht hatte er selbst dies Gerücht verbreitet; er hatte große
ausdrucksvolle Augen, doch fiel das obere Augenlid ein wenig zu sehr
herab, eine zu große und zu weit vorspringende Nase, schmale Lippen und
ein Lächeln voll Anmut. Dies Lächeln wurde schrecklich, wenn er den Blick
auf einen seiner Feinde heftete; wenn er nur etwas bewegt oder gereizt
war, zitterte er heftig und in einer Weise, die ihm lästig wurde. Ich habe
ihn in meiner Jugend, unter dem Papst Buoncompagni von Rom nach Neapel
reiten sehen, ohne Zweifel wegen irgendeiner Liebesgeschichte; er ritt
durch die Wälder von San Germano und La Faggiola, ohne sich um die
Briganten zu kümmern und legte, wie man sagt, den Weg in weniger als
zwanzig Stunden zurück. Er reiste stets allein und ohne jemanden vorher zu
benachrichtigen; wenn sein erstes Pferd erschöpft war, kaufte oder raubte
er ein andres. Wenn man ihm Schwierigkeiten machte, fand er jedoch keine
Schwierigkeit darin, einen Dolchstoß auszuteilen. Aber es ist die volle
Wahrheit, daß in meiner Jugend, als er also etwa achtundvierzig oder
fünfzig Jahre alt war, niemand kühn genug war, ihm Widerstand zu leisten.
Sein größtes Vergnügen war, seine Feinde herauszufordern.
Er war auf allen Straßen der Staaten seiner Heiligkeit wohlbekannt; er
zahlte freigebig, aber war auch fähig, wenn ihn jemand beleidigt hatte,
zwei oder drei Jahre danach einen seiner Meuchelmörder zu schicken, um den
Beleidiger zu töten.
Die einzige tugendhafte Handlung, die er während seines langen Lebens
vollbracht hat, bestand darin, im Hofe seines ausgedehnten Palastes am
Tiber, eine dem heiligen Thomas geweihte Kirche zu erbauen, und auch zu
dieser schönen Handlung wurde er nur durch den seltsamen Wunsch getrieben,
die Gräber aller seiner Kinder vor Augen zu haben, welche er ausnehmend
und in ganz unnatürlicher Weise haßte, schon seit ihrer zartesten Kindheit
nämlich, wo sie ihn noch in keiner Weise beleidigt haben konnten.
"Dorthin will ich sie alle bringen", sagte er mit einem bittern Lächeln zu
den Arbeitern, die er beim Bau seiner Kirche beschäftigte. Er schickte die
drei älteren, Giacomo, Cristofo und Rocco zum Studium auf die Universität
Salamanca in Spanien. Als sie erst dort in diesem fernen Land waren,
machte es ihm ein boshaftes Vergnügen, ihnen gar kein Geld zukommen zu
lassen, so daß diese unglücklichen jungen Leute, nach zahlreichen Briefen
an ihren Vater, die alle unbeantwortet blieben, zu der elenden
Notwendigkeit gezwungen waren, kleine Geldbeträge auszuborgen, um in ihre
Heimat zurückzukehren, oder sich längs des Weges durchzubetteln.
In Rom fanden sie ihren Vater strenger, härter und rauher als je: trotz
seines unendlichen Reichtums wollte er sie weder kleiden, noch ihnen das
zum einfachsten Leben nötige Geld geben. Diese Unglücklichen waren
gezwungen, den Papst um Hilfe zu bitten, welcher Francesco Cenci dazu
zwang, ihnen eine kleine Rente auszusetzen. Mit dieser sehr geringen
Unterstützung trennten sie sich von ihm.
Bald nachher wurde Francesco zum dritten und letztenmal wegen seiner
infamen Liebessachen ins Gefängnis gebracht, worauf die drei Brüder eine
Audienz bei unserm zur Zeit herrschenden heiligen Vater dem Papst
erwirkten, und ihn gemeinsam baten, ihren Vater Francesco Cenci sterben zu
lassen, der, wie sie sagten, ihr Haus entehre. Clemens VIII. hatte große
Lust dazu, aber er wollte seiner ersten Eingebung nicht nachgeben, um
diese entarteten Kinder nicht zufriedenzustellen, und jagte sie schmählich
aus seiner Gegenwart.
Der Vater befreite sich aus dem Gefängnis, wie wir schon früher erzählten,
indem er denen, die ihm helfen konnten, große Summen Geldes gab. Man
begreift, daß der sonderbare Schritt seiner drei ältesten Söhne den Haß,
den er gegen seine Kinder hatte, noch verstärkte. Er verfluchte sie jeden
Augenblick, die großen wie die kleinen, und alle Tage überhäufte er seine
beiden jungen Töchter, die mit ihm im Palast wohnten, mit Stockschlägen.
Die Ältere gab sich so lange Mühe, bis es ihr trotz strenger Überwachung
gelang, dem Papst eine Bittschrift zukommen zu lassen; sie beschwor darin
Seine Heiligkeit, sie zu verheiraten oder sie in einem Kloster
unterzubringen. Clemens VIII. hatte Mitleid mit ihrem Unglück, er
verheiratete sie mit Carlo Gabrielli, aus der vornehmsten Familie von
Gubbio; Seine Heiligkeit verpflichtete auch den Vater, ihr eine große
Mitgift zu geben.
Nach diesem unvorhergesehenen Schlag geriet Francesco Cenci in furchtbare
Wut, und um zu verhindern, daß Beatrice, wenn sie größer wurde, auf den
Einfall käme, dem Beispiel ihrer Schwester zu folgen, sperrte er sie im
Innern des Palastes ein; dort war es niemand erlaubt, Beatrice zu sehen,
die damals kaum vierzehn Jahr alt war und schon im vollen Glanz einer
entzückenden Schönheit stand. Sie war so fröhlich, so unschuldig und hatte
ein so heiteres Gemüt, wie ich das noch bei niemand andrem gesehen habe.
Francesco Cenci brachte ihr selbst das Essen. Es ist wahrscheinlich, daß
der Unmensch sich damals in sie verliebte oder wenigstens Verliebtheit
heuchelte, um seine unglückliche Tochter noch mehr zu quälen. Er sprach
oft zu ihr von dem schändlichen Streich, den ihm ihre ältere Schwester
gespielt habe, und brachte sich durch den Klang seiner eigenen Worte so in
Zorn, daß er Beatrice mit Schlägen überschüttete.
Mittlerweile wurde sein Sohn Rocco Cenci von einem Fleischhauer umgebracht
und Cristofo Cenci wurde im Jahre darauf von Paolo Corso de Massa getötet.
Bei dieser Gelegenheit zeigte sich seine schwarze Gottlosigkeit, denn beim
Leichenbegängnis seiner beiden Söhne wollte er nicht einmal einen bajocco
für Wachskerzen ausgeben. Als er das Schicksal seines Sohnes Cristofo
erfuhr, rief er aus: er könne erst ein wenig Freude genießen, wenn alle
seine Kinder begraben seien und er wolle beim Tode des Letzten zum
Wahrzeichen des Glücks seinen Palast anzünden. Rom war über diesen
Ausspruch verwundert, doch hielt man bei einem Mann, der seinen Ehrgeiz
darin suchte, die ganze Welt und selbst den Papst herauszufordern, alles
für möglich.
Hier nun wird es völlig unmöglich, dem römischen Erzähler in dem sehr
dunklen Bericht der sonderbaren Dinge zu folgen, durch welche Francesco
Cenci seine Zeitgenossen zu erstaunen vermochte. Seine Frau und seine arme
Tochter wurden allem Anschein nach die Opfer seiner abscheulichen
Einfälle.
Als alles dies ihm nicht genug schien, versuchte er mit Drohungen und mit
Anwendung von Gewalt seine eigne Tochter Beatrice, die schon groß und
schön war, zu schänden. Er schämte sich nicht, sich nackt in ihr Bett zu
legen. Er ging ganz unbekleidet mit ihr in den Sälen seines Palastes
umher, dann nahm er sie ins Bett seiner Frau; damit die arme Lucrezia beim
Schein der Lampe sehen könne, was er mit Beatrice treibe.
Er redete dem armen Mädchen eine gräßliche Ketzerei ein, die ich kaum
wiederzugeben wage, nämlich: wenn ein Vater seine eigne Tochter umarme,
würden die Kinder, die daraus geboren werden, Heilige; ja, daß alle von
der Kirche verehrten großen Heiligen solcherart zur Welt gebracht worden
seien, sodaß ihr Großvater mütterlicherseits zugleich ihr Vater war.
Wenn Beatrice seinen abscheulichen Wünschen widerstand, überfiel er sie
mit den grausamsten Schlägen, so daß dieses arme Mädchen solch
unglückliches Leben nicht länger aushalten konnte und den Einfall hatte,
dem Beispiel, das ihre Schwester ihr gegeben hatte, zu folgen. Sie
richtete eine sehr eingehende Bittschrift an unsern Heiligen Vater, den
Papst, aber es ist anzunehmen, daß Francesco Cenci Maßnahmen getroffen
hatte, denn es scheint, daß diese Schrift nie in die Hände Seiner
Heiligkeit gelangt ist; wenigstens war es unmöglich, sie im Sekretariat
der Memoriali aufzufinden, als Beatrice im Gefängnis war und ihr
Verteidiger das Schriftstück dringend suchte; es hätte wohl in irgendeiner
Weise die unerhörten Ausschweifungen im Schloß von Petrella bezeugen
können. Wäre es nicht für jedermann augenscheinlich gewesen, daß Beatrice
Cenci sich im Fall der berechtigten Notwehr befunden hatte? Dies Memoriale
sprach auch im Namen Lucrezias, der Stiefmutter Beatrices.
Francesco Cenci kam dieser Versuch zur Kenntnis und man kann sich denken,
mit welcher Wut er die schlechte Behandlung der beiden unglücklichen
Frauen verdoppelte.
Das Leben wurde ihnen gradezu unerträglich, und damals war es -- da sie
wohl sahen, daß sie von der Gerechtigkeit des Papstes nichts erhoffen
konnten, denn die Höflinge waren durch die reichen Geschenke Francescos
gewonnen -- daß ihnen der Gedanke kam, zum äußersten Mittel zu greifen,
das sie ins Verderben gebracht hat, aber das wenigstens den Vorteil hatte,
ihre Leiden in dieser Welt zu beenden.
Man muß wissen, daß der berühmte Monsignore Guerra oft in den Palast der
Cenci ging; er war hoch gewachsen und ein sehr schöner Mann und hatte die
eigene Gabe vom Schicksal erhalten, daß er alles, was er tun wollte, mit
einer ganz besondern Anmut vollbrachte. Man hat vermutet, daß er Beatrice
liebte und die Absicht hatte, die Mantellata zu lassen, um Beatrice zu
heiraten; aber obgleich er mit äußerster Sorgfalt seine Gefühle zu
verbergen suchte, wurde er von Francesco Cenci verabscheut, der ihm
vorwarf, mit seinen Kindern gemeinsames Spiel zu machen. Sobald Monsignore
Guerra erfuhr, daß Signore Cenci von seinem Palast abwesend sei, stieg er
in die Gemächer der Damen, verbrachte mehrere Stunden der Unterhaltung mit
ihnen und hörte ihre Klagen über die unglaubliche Behandlung an, der alle
beide ausgesetzt waren. Es scheint, daß Beatrice als erste wagte, dem
Monsignore Guerra von dem Plan, den sie gefaßt hatten, zu sprechen. Mit
der Zeit gewannen sie ihn dafür und auf Beatrices lebhaftes und
wiederholtes Drängen willigte er ein, diesen Plan Giacomo Cenci
mitzuteilen, ohne dessen Zustimmung man nichts unternehmen konnte, da er
der älteste Bruder und nach Francesco das Haupt der Familie war.
Es gelang außerordentlich leicht, ihn in die Verschwörung zu ziehen: er
wurde von seinem Vater äußerst schlecht behandelt und bekam nicht die
geringste Unterstützung, was ihm um so empfindlicher erschien, als er
verheiratet und Vater von sechs Kindern war. Man wählte für die
Zusammenkünfte, wo man beriet, wie man Francesco Cenci ermorden könnte,
die Wohnung des Monsignore Guerra. Die Sache ging in angemessenen Formen
vor sich, und man holte bei jeder Einzelheit die Meinung der Stiefmutter
und des jungen Mädchens ein. Als endlich eine Entscheidung getroffen war,
wählte man Untergebene Francesco Cencis, die ihn tödlich haßten. Der eine
hieß Marzio, war ein Mann von Herz und den unglücklichen Kindern
Francescos sehr anhänglich; er willigte ein, an dem Vatermord
teilzunehmen, um sich ihnen angenehm zu machen. Olimpio, der zweite, war
vom Fürsten Colonna zum Kastellan der Festung La Petrella im Königreich
Neapel ernannt worden, aber durch seinen allmächtigen Einfluß auf den
Fürsten hatte ihn Francesco Cenci davonjagen lassen.
Man verabredete alles mit den beiden Männern. Da Francesco Cenci
angekündigt hatte, daß er, um der schlechten Luft in Rom zu entgehen, den
folgenden Sommer auf dem Kastell La Petrella verbringen würde, war man auf
den Gedanken gekommen, ein Dutzend neapolitanischer Banditen anzuwerben;
Olimpio erbot sich, sie herbeizuschaffen. Man entschied sich dafür, sie in
den Wäldern um La Petrella zu verbergen, damit man sie unverzüglich
benachrichtigen könne; wenn Francesco Cenci sich auf den Weg mache,
sollten sie ihn dann von der Straße weg entführen und seiner Familie
Botschaft schicken, daß sie ihn gegen ein hohes Lösegeld frei lassen
würden. Dann würden die Kinder genötigt sein, nach Rom zurückzukehren, um
die von den Briganten geforderte Summe zustande zu bringen; sie sollten
aber vorgeben, sie nicht in solcher Schnelligkeit aufbringen zu können und
die Briganten würden, wenn sie kein Geld anlangen sähen, ihrer Drohung
gemäß Francesco Cenci ermorden.
Auf diese Weise sollte niemand die wirklichen Urheber dieses Todes
verdächtigen können.
Aber als Francesco Cenci Anfang des Sommers von Rom nach Petrella reiste,
benachrichtigte der Spion, der die Abreise melden sollte, zu spät die in
den Wäldern verstreuten Banditen, und sie hatten nicht mehr Zeit, zur
Landstraße hinunterzugelangen. Cenci kam ohne Hindernis nach Petrella, und
die Briganten, die keine Lust hatten, noch länger auf eine zweifelhafte
Beute zu warten, gingen nun anderswo auf eigne Rechnung zu rauben aus.
Was den vorsichtigen und argwöhnischen alten Francesco Cenci betraf, so
wagte er sich niemals aus seinem Kastell heraus. Und weil sich seine
schlechte Laune mit den zunehmenden Altersgebrechen, die ihm unerträglich
waren, steigerte, verdoppelte er die grausame Behandlung, die er die armen
Frauen erdulden ließ. Er behauptete, daß sie sich über seine
Gebrechlichkeit freuten.
Beatrice, welche durch die schrecklichen Dinge, die sie erleiden mußte,
zum Äußersten getrieben wurde, ließ Marzio und Olimpio an die Mauer des
Kastells rufen. Nachts, während ihr Vater schlief, sprach sie aus einem
niedrigen Fenster mit ihnen und warf ihnen Briefe zu, die an Monsignore
Guerra gerichtet waren. Mittels dieser Briefe wurde verabredet, daß
Monsignore Guerra tausend Piaster an Marzio und Olimpio versprechen
sollte, wenn sie Francesco Cenci ermorden würden. Ein Drittel der Summe
sollte ihnen in Rom durch Monsignore Guerra im voraus gezahlt werden, und
die beiden andern Drittel von Lucrezia und Beatrice, sobald sie nach
vollbrachter Tat über Cencis Geldschrank verfügen könnten.
Außerdem wurde noch vereinbart, daß die Sache am Tage Mariä Geburt
geschehen solle, und die beiden Männer wurden durch List in die Festung
eingelassen. Aber Lucrezia ließ sich durch den Respekt, den man einem Fest
der Madonna schuldet, zurückhalten und bestimmte Beatrice, den Mord einen
Tag hinauszuschieben, um nicht eine doppelte Sünde zu begehen.
Es war also am 9. September 1598 abends; Mutter und Tochter hatten mit
großem Geschick Francesco Cenci Mohnsaft gegeben und dieser Mann, der so
schwer zu täuschen war, fiel in tiefen Schlaf.
Gegen Mitternacht ließ Beatrice selbst Marzio und Olimpio in die Festung
ein; darauf führten sie Lucrezia und Beatrice in das Zimmer des alten
Mannes, welcher fest schlief. Dort verließ man sie, damit sie das
vollbringen sollten, was ausgemacht war, und die beiden Frauen warteten im
Nebenzimmer. Plötzlich sahen sie die zwei Männer bleich und ganz außer
sich zurückkommen.
"Was gibt es?" riefen die Frauen. "Daß es eine Schande und Schmach ist,
einen armen schlafenden Greis zu töten!" antworteten die Männer. "Das
Mitleid hat uns gehindert zu handeln."
Als sie diese Entschuldigung hörte, wurde Beatrice von Empörung ergriffen
und begann sie zu beschimpfen, indem sie sagte: "Also Ihr Männer, die Ihr
für solche Tat wohl vorbereitet seid, habt nicht den Mut, einen
schlafenden Mann zu töten! Wie viel weniger würdet Ihr wagen, ihm ins
Gesicht zu sehen, wenn er wach ist! Und, um es so zu Ende zu führen, habt
Ihr gewagt, Geld zu nehmen! Nun wohl, da Eure Feigheit es will, werde ich
selbst meinen Vater töten; und was Euch betrifft, sollt Ihr dann nicht
mehr lange leben!"
Durch diese wenigen zündenden Worte wieder angefeuert und auch, weil sie
eine Verminderung des festgesetzten Preises fürchteten, traten die Männer
von neuem ins Zimmer ein und die Frauen folgten ihnen. Der eine nahm einen
großen Nagel, setzte ihn senkrecht aufs Auge des schlafenden Alten, der
andere trieb diesen Nagel mit einem Hammer in den Kopf. In der gleichen
Weise ließ man einen großen Nagel in den Hals eindringen, so daß diese
arme, von so vielen frischen Sünden belastete Seele vom Teufel geholt
wurde; der Körper sträubte sich, allein vergeblich.
Als die Sache abgetan war, gab das junge Mädchen Olimpio eine dicke
goldgefüllte Börse, Marzio gab sie einen Tuchmantel ihres Vaters, der mit
goldener Tresse besetzt war und schickte die beiden fort.
Als die Frauen allein geblieben waren, begannen sie den großen in den Kopf
gedrungenen Nagel, sowie den im Halse zu entfernen; dann schleiften sie
den Körper, nachdem sie ihn in ein Leintuch eingewickelt hatten, durch
eine lange Reihe von Zimmern bis zu einer Galerie, die auf einen verödeten
Garten führte. Von dort warfen sie den Körper auf einen großen
Holunderbaum, der an diesem einsamen Ort wuchs, hinab. Da am Ende dieser
kleinen Galerie die Abtritte lagen, hofften sie, wenn man am nächsten
Morgen den Körper des Alten in den Ästen des Holunders finden würde, auf
die Vermutung, er sei am Wege zum Abtritt ausgeglitten und
hinuntergestürzt.
Es geschah genau so, wie sie es vorausgesehen hatten. Am Morgen, als man
den Leichnam fand, erhob sich großer Lärm in dem Kastell; die Frauen
selber verabsäumten nicht, laut zu schluchzen und über den unglücklichen
Tod des Vaters und Gatten zu klagen. Allein, wenn die junge Beatrice auch
den Mut der beleidigten Tugend besaß, die nötige Klugheit für das Leben
hatte sie noch nicht: schon am frühen Morgen hatte sie der Frau, die in
der Festung die Wäsche besorgte, ein blutbeflecktes Leintuch gegeben,
wobei sie ihr sagte, sie möge sich nicht über eine solche Menge Blut
wundern, denn sie habe während der ganzen Nacht an großem Blutverlust
gelitten, und so ging für den Augenblick alles gut.
Man gab Francesco Cenci ein ehrenvolles Begräbnis, und die Frauen kehrten
nach Rom zurück, um die langersehnte Ruhe zu genießen. Sie glaubten an die
Dauer ihres Glückes, weil sie nicht wußten, was in Neapel vor sich ging.
Die Gerechtigkeit Gottes, der nicht wollte, daß ein so fürchterlicher
Vatermord unbestraft bleibe, veranlaßte, daß der oberste Richter, als man
in dieser Hauptstadt erfuhr, was im Kastell Petrella vor sich gegangen
war, sofort Mißtrauen empfand und einen königlichen Kommissär sandte, um
den Leichnam zu untersuchen und alle verdächtigen Personen festzunehmen.
Der königliche Kommissär ließ alle, die in der Festung wohnten, verhaften.
Alle diese wurden in Ketten nach Neapel geführt, aber nichts erschien in
ihren Aussagen verdächtig, außer, daß die Wäscherin aussagte, sie hätte
von Beatrice ein blutiges Tuch oder deren mehrere erhalten. Man fragte
sie, ob Beatrice eine Erklärung für die großen Blutflecken gegeben habe;
sie antwortete, daß Beatrice von einem natürlichen Unwohlsein gesprochen
habe. Man fragte sie dann, ob so große Flecken von einem solchen
Unwohlsein herrühren konnten; sie meinte, nein, weil die Flecken auf dem
Tuch von einem zu lebhaften Rot waren.
Man schickte diese Aussage sofort an die Justizbehörde in Rom, aber
trotzdem vergingen mehrere Monate, bevor man bei uns daran dachte, die
Kinder des Francesco Cenci verhaften zu lassen. Lucrezia, Beatrice und
Giacomo hätten sich tausendmal in Sicherheit bringen können, sei es, daß
sie unter dem Vorwand einer Pilgerfahrt nach Florenz gingen, sei es, daß
sie sich nach Civita Vecchia einschifften; aber Gott versagte ihnen diese
rettende Eingebung.
Monsignor Guerra hatte von den Vorgängen in Neapel Mitteilung erhalten und
rüstete sofort Leute aus, die er beauftragte, Marzio und Olimpio zu töten;
aber nur Olimpio konnte in Terni ermordet werden. Die neapolitanische
Justiz hatte Marzio verhaften lassen, der nach Neapel geführt wurde, wo er
sofort alles gestand.
Diese schreckliche Aussage wurde gleich der Justiz in Rom geschickt,
welche nun beschloß, Giacomo und Bernardo, die beiden einzigen
überlebenden Söhne Francescos, wie auch seine Witwe Lucrezia verhaften und
in das Gefängnis von Corte Savella bringen zu lassen. Beatrice wurde im
Palast ihres Vaters von einem großen Trupp Sbirren bewacht. Marzio wurde
aus Neapel herbeigeschafft und auch in das Gefängnis Savella gebracht;
dort stellte man ihn den beiden Frauen gegenüber, die mit Standhaftigkeit
leugneten; besonders Beatrice wollte durchaus nicht den Mantel mit den
Tressen wiedererkennen, den sie Marzio gegeben hatte. Dieser Brigant war
plötzlich voller Enthusiasmus für die bewundernswürdige Schönheit und die
erstaunliche Beredsamkeit, mit der das junge Mädchen dem Richter
antwortete, und leugnete alles, was er in Neapel gestanden hatte. Man
folterte ihn, aber er gestand nichts und zog vor, in Qualen zu sterben:
eine gerechte Huldigung der Schönheit Beatrices.
Nach dem Tode dieses Mannes und da die Rolle des Mantels nicht erwiesen
war, fanden die Richter keine hinreichenden Gründe, um die beiden Söhne
Cenci oder die beiden Frauen auf die Folter zu legen. Man führte sie alle
vier auf das Kastell St. Angelo, wo sie mehrere Monate ganz ruhig
verlebten.
Alles schien beendet und niemand in Rom zweifelte daran, daß dieses
schöne, mutige Mädchen, das so lebhafte Teilnahme erregt hatte, bald in
Freiheit gesetzt würde, als unglücklicherweise die Justiz den Briganten
festnehmen konnte, der Olimpio in Terni getötet hatte; nach Rom überführt,
gestand dieser Mann alles.
Monsignor Guerra, der durch das Geständnis des Briganten so seltsam
kompromittiert war, wurde geladen, ohne Verzug vor Gericht zu erscheinen;
das Gefängnis und vielleicht der Tod waren ihm sicher. Aber dieser
bewundernswerte Mann, dem vom Geschick verliehen war, alles gut zu machen,
gelang es, sich in einer Weise zu retten, die ans Wunder grenzt. Er galt
für den schönsten Mann am päpstlichen Hof und war in Rom zu bekannt, als
daß er hoffen konnte, sich zu retten; übrigens hielt man gute Wacht an den
Toren und wahrscheinlich stand auch vom Augenblick der Vorladung an sein
Haus unter Aufsicht. Man muß wissen, daß er sehr groß war, von weißester
Hautfarbe, einen schönen blonden Bart hatte und wundervolles Haar von der
gleichen Farbe.
Mit unerklärlicher Geschwindigkeit wußte er einen Kohlenhändler zu
gewinnen, nahm seine Kleider, ließ sich Haar und Bart rasieren, färbte
sich das Gesicht, kaufte zwei Esel und zog hinkend durch die Straßen Roms,
um seine Kohlen zu verkaufen. Er nahm in bewunderungswürdiger Weise ein
ungeschliffenes und stumpfsinniges Benehmen an und lief überall, den Mund
voll Brot und Zwiebeln, herum, seine Kohlen ausschreiend, während hunderte
von Sbirren ihn nicht nur in Rom, sondern auch auf den Landstraßen
suchten. Endlich, als seine Erscheinung der Mehrzahl der Sbirren wohl
bekannt war, wagte er sich aus Rom hinaus, seine zwei mit Kohlen beladenen
Esel immer vor sich hertreibend. Er begegnete mehreren Abteilungen
Sbirren, welche nicht daran dachten, ihn anzuhalten. Seither hat man nur
noch einen Brief von ihm erhalten; seine Mutter hat ihm Geld nach
Marseille geschickt, und man vermutet, daß er als Soldat in Frankreich den
Krieg mitmacht.
Das Geständnis des Mörders von Terni und diese Flucht des Monsignor
Guerra, die in Rom erstaunliches Aufsehen machte, mehrten den Verdacht und
die Indizien gegen die Cenci in solcher Weise, daß sie aus dem Kastell St.
Angelo fortgeschafft und wieder ins Gefängnis Savella gebracht wurden.
Als die beiden Brüder auf die Folter gespannt wurden, waren sie weit davon
entfernt, der Seelengröße des Briganten nachzueifern; sie waren so
kleinmütig, daß sie alles gestanden. Signora Lucrezia Petroni war so an
die Weichheit und an die Annehmlichkeiten des großen Luxus gewöhnt und
außerdem war sie so dick, daß sie die Tortur des Seils nicht ausgehalten
hätte; sie sagte alles aus, was sie wußte. Aber nicht war es so mit der
jungen, lebhaften und mutigen Beatrice Cenci. Weder gute Worte noch
Drohungen des Richters Moscati erreichten etwas bei ihr. Sie ertrug die
Torturen des Seils ohne ein Zeichen der Aufregung und mit vollendetem Mut.
Niemals konnte sie der Richter zu einer Antwort bringen, die sie auch nur
im mindesten kompromittierte, und weit mehr noch: es gelang ihr durch ihre
geistvolle Lebendigkeit, den berühmten Richter Ulysse Moscati gänzlich in
Verwirrung zu bringen. Er war dermaßen erstaunt über die Art dieses jungen
Mädchens, daß er es für Pflicht hielt, Seiner Heiligkeit dem glücklich
regierenden Papst Clemens VIII. davon Bericht zu erstatten.
Seine Heiligkeit wollte die Akten des Prozesses selbst einsehen. Er
befürchtete, daß der durch seine profunde Wissenschaft wie durch den
überragenden Scharfsinn seines Geistes so berühmte junge Ulysse Moscati
von der Schönheit Beatrices getroffen worden sei und sie bei den
Vernehmungen schone. Daraus folgte, daß Seine Heiligkeit ihn von der
Leitung dieses Prozesses enthob und diesen einem anderen strengeren
Richter gab. Wirklich hatte dieser Barbar den Mut, ohne Mitleid einen so
schönen Körper ad torturam capillorum zu martern, d.h. man folterte
Beatrice Cenci, indem man sie an den Haaren aufhing.
Während sie am Seil hochgezogen war, ließ dieser neue Richter ihre
Stiefmutter und ihre Brüder vor Beatrice erscheinen. Sobald Giacomo und
Signora Lucrezia sie so sahen, riefen sie ihr zu:
"Die Sünde ist begangen, man muß nun die Buße auf sich nehmen und sich
nicht den Körper mit zweckloser Hartnäckigkeit zerreißen lassen."
"Also Ihr wollt unser Haus mit Schande bedecken", antwortete das junge
Mädchen, "und in Schmach sterben? Ihr befindet Euch in einem großen
Irrtum; aber da Ihr es wünscht, sei es."
Und sich zu den Sbirren wendend, fuhr sie fort: "Bindet mich los, und man
lese mir die Aussage meiner Mutter vor; ich werde dem zustimmen, dem
zugestimmt werden muß und das leugnen, was geleugnet werden muß."
So geschah es; sie gestand die ganze Wahrheit. Sofort nahm man allen die
Ketten ab und weil es fünf Monate war, seit sie die Brüder nicht gesehen
hatte, wollte sie mit ihnen speisen; sie verbrachten alle vier einen sehr
heiteren Tag.
Aber am folgenden Tag wurden sie von neuem getrennt; die beiden Brüder
wurden in das Gefängnis von Tordinona geführt und die beiden Frauen
blieben im Gefängnis Savella. Unser Heiliger Vater, der Papst, der den
authentischen Akt mit den Geständnissen aller gesehen hatte, befahl, daß
sie ohne Aufschub an den Schweif ungezähmter Pferde gebunden und so zu
Tode geschleift werden sollten.
Ganz Rom erschauerte, als es diese strenge Entscheidung erfuhr. Viele
Kardinäle und Fürsten warfen sich dem Papst zu Füßen, indem sie ihn
anflehten, den Unglücklichen zu erlauben, ihre Verteidigungsschrift
einzureichen.
"Und sie, haben sie ihrem alten Vater Zeit gegeben, die seine zu
überreichen?" antwortete unwillig der Papst.
Schließlich genehmigte er aus besonderer Gnade einen Aufschub von
fünfundzwanzig Tagen. Sogleich begannen die ersten Advokaten Roms in
dieser Sache, welche die ganze Stadt mit Aufregung und Mitleid erfüllt
hatte, zu schreiben. Am fünfundzwanzigsten Tag erschienen sie alle
zusammen vor Seiner Heiligkeit. Nicolo d'Angelis sprach als erster; aber
er hatte kaum zwei Zeilen seiner Verteidigungsschrift gelesen, als Clemens
VIII. ihn unterbrach:
"Also, es finden sich in Rom Menschen, die ihren Vater ermorden und danach
Advokaten, welche diese Menschen verteidigen!" Alle schwiegen, als
Farinacci wagte, das Wort zu ergreifen.
"Heiligster Vater," sagte er, "wir sind nicht hier, um das Verbrechen zu
verteidigen, sondern um zu beweisen, wenn wir es können, daß einer oder
mehrere dieser Menschen am Verbrechen unschuldig sind."
Der Papst gab ihm das Zeichen, zu sprechen, und er sprach drei lange
Stunden; danach nahm der Papst alle ihre Schriftstücke an sich und
schickte sie fort. Als sie gingen, war Altiere der Letzte; er hatte
Furcht, sich kompromittiert zu haben und warf sich vor dem Papst auf die
Knie, indem er sagte:
"Es blieb mir nichts übrig, als in dieser Sache zu erscheinen, denn ich
bin Anwalt der Armen."
Worauf der Papst antwortete:
"Wir wundern uns nicht über Euch, sondern über die anderen."
Der Papst wollte sich nicht niederlegen, sondern verbrachte die ganze
Nacht damit, die Verteidigungsschriften der Advokaten zu lesen; er ließ
sich bei dieser Arbeit von dem Kardinal von San Marcello helfen. Seine
Heiligkeit schien dermaßen gerührt, daß man etwas Hoffnung für das Leben
dieser Unglücklichen schöpfen konnte. Um die Söhne zu retten, suchten die
Advokaten die ganze Schuld auf Beatrice zu wälzen. Da im Prozeß bewiesen
worden war, daß ihr Vater mehrmals in einer verbrecherischen Absicht
Gewalt angewendet hatte, hofften die Advokaten, daß ihr der Mord vergeben
würde, da sie sich im Zustand der berechtigten Notwehr befand; und wenn es
so geschah, daß dem Haupturheber des Verbrechens das Leben geschenkt
wurde, wie wäre es möglich, ihre Brüder, die durch sie verleitet waren,
mit dem Tode zu bestrafen?
Nach dieser in seinen Pflichten als Richter verbrachten Nacht, befahl
Clemens VIII., daß die Angeklagten ins Gefängnis zurückgeführt und in
geheimer Haft gehalten würden. Es war erwiesen, daß Beatrice den Monsignor
Guerra liebte, aber niemals die Regeln der strengsten Tugend überschritten
hatte: man konnte ihr also bei wahrer Gerechtigkeit nicht die Verbrechen
eines Ungeheuers anrechnen und sie strafen, weil sie von ihrem
Verteidigungsrecht Gebrauch gemacht hatte. Was hätte man getan, wenn sie
eingewilligt hätte? Mußte es sein, daß die menschliche Rechtsprechung das
Mißgeschick eines so liebenswürdigen, so bemitleidenswerten und schon so
unglücklichen Wesens noch vergrößerte? Hatte sie nicht nach einem so
traurigen Leben, daß[sic! statt: das] sie schon, bevor sie 16 Jahr alt
war, mit allen Arten des Unglücks überhäuft hatte, das Recht auf weniger
schreckliche Tage? Jedermann in Rom schien ihre Verteidigung übernommen zu
haben. Wäre ihr nicht verziehen worden, wenn sie Francesco Cenci erdolcht
hätte, als er zum ersten Mal das Verbrechen versuchte?
Papst Clemens VIII. war milde und voll Erbarmen. Wir begannen zu hoffen,
er würde, -- ein wenig beschämt über die Grille, die ihn das
Beweisverfahren der Advokaten hatte unterbrechen lassen, -- jener
verzeihen, die Gewalt mit Gewalt vergolten hatte, und wahrhaftig nicht als
vorschnelle Erwiderung des Verbrechens, sondern erst, als man es von neuem
an ihr versuchen wollte. Ganz Rom war in ängstlicher Spannung; da erhielt
der Papst die Nachricht des gewaltsamen Todes der Marchesa Constanza Santa
Croce. Ihr Sohn Paolo Santa Croce hatte diese sechzig Jahre alte Dame mit
Dolchstichen getötet, weil sie sich nicht verpflichten wollte, ihn zum
Erben aller ihrer Güter einzusetzen. Der Bericht fügte hinzu, daß Santa
Croce die Flucht ergriffen habe und daß man keine Hoffnung hätte, ihn
festzunehmen. Der Papst erinnerte sich an den Brudermord der Massini, der
vor kurzer Zeit begangen worden war. Aufs Tiefste betrübt über diese
Häufung von Morden an Nahverwandten, glaubte Seine Heiligkeit, es sei
nicht gestattet, zu verzeihen. Als der Papst den verhängnisvollen Bericht
über Santa Croce erhielt, befand er sich, es war am 6. September, im
Palast von Monte Cavallo, um am folgenden Tage ganz in der Nähe der Kirche
Santa Maria degli Angeli zu sein, wo er einen deutschen Kardinal zum
Bischof weihen sollte.
Am Freitag, zur zweiundzwanzigsten Stunde, das ist vier Uhr nachmittags,
ließ er Ferrante Taverna, den Gouverneur von Rom, rufen und sagte diesem
wörtlich: "Wir geben die Sache der Cenci an Euch, damit das Recht durch
Eure Fürsorge und ohne jeden Aufschub geschehe."
Der Gouverneur kam, sehr bewegt von dem Auftrag, den er erhalten hatte, in
seinen Palast zurück; er fertigte sogleich das Todesurteil aus und berief
die Kongregation, um über die Art der Vollstreckung zu beraten.
Samstag früh, am 11. September 1599, begaben sich die ersten Signori Roms,
Mitglieder der Brüderschaft der Confortatori, in die beiden Gefängnisse,
nach Corte Savella, wo Beatrice und ihre Stiefmutter waren und nach
Tordinona, wo sich Giacomo und Bernardo Cenci befanden. Während der ganzen
Nacht vom Freitag zum Sonnabend taten die römischen Herren, die erfahren
hatten, was vorging, nichts anderes, als vom Palazzo Monte Cavalli zu
denen der ersten Kardinäle zu eilen, um wenigstens zu erreichen, daß die
Frauen im Innern des Gefängnisses hingerichtet würden und nicht auf
schmählichem Schafott, und daß man den jungen Bernardo Cenci begnadigte,
da er kaum fünfzehn Jahr alt und gewiß nicht ins Verbrechen eingeweiht
gewesen sei. Der edle Kardinal Sforza hat sich vor allen in dieser
verhängnisvollen Nacht durch seinen Eifer ausgezeichnet; aber ein so
mächtiger Fürst er auch war, konnte er doch nichts ausrichten. -- Das
Verbrechen von Santa Croce war ein niedriges Verbrechen, es war wegen des
Geldes begangen; doch das Verbrechen Beatrices war begangen, um die Ehre
zu retten.
Während die mächtigsten Kardinäle so viele unnütze Schritte taten, hatte
unser großer Rechtsgelehrter Farinacci die Kühnheit, zum Papst
vorzudringen und, bei seiner Heiligkeit angelangt, besaß dieser
erstaunliche Mann die Geschicklichkeit, ihn bei seiner Gewissenhaftigkeit
zu packen und schließlich gelang es ihm, Bernardo Cenci das Leben zu
retten.
Als der Papst dies große Wort aussprach, konnte es vier Uhr morgens sein
(vom Sonnabend, dem 11. September). Die ganze Nacht war auf dem Platz bei
der Engelsbrücke an den Vorbereitungen dieser grausamen Tragödie
gearbeitet worden. Indessen waren alle notwendigen Abschriften des
Todesurteils erst um fünf Uhr morgens beendet, so daß man den armen
Unglücklichen, die ruhig schliefen, erst um sechs Uhr früh die
verhängnisvolle Nachricht ankündigen konnte.
Das junge Mädchen vermochte zuerst nicht einmal die Kraft zu finden, sich
anzukleiden. Sie stieß in einem fort durchdringende Schreie aus und
überließ sich ganz haltlos der schrecklichsten Verzweiflung. "Wie ist es
möglich, oh! Gott!" schrie sie, "daß ich so unvorbereitet sterben muß?"
Lucrezia dagegen benahm sich ganz gefaßt; erst kniete sie nieder und
betete, dann forderte sie gelassen ihre Tochter auf, sich mit ihr in die
Kapelle zu begeben, um sich mit ihr auf den großen Übergang vom Leben zum
Tode vorzubereiten.
Dies Wort gab Beatrice ihre ganze Ruhe wieder; soviel Maßlosigkeit und
Aufwallung sie zuerst gezeigt hatte, so gefaßt und verständig war sie nun,
seit ihre Stiefmutter ihre große Seele zu sich selbst zurückgerufen hatte.
Von diesem Augenblick an war sie ein Spiegel der Standhaftigkeit, den ganz
Rom bewundert hat.
Sie verlangte einen Notar, um ihr Testament zu machen, was ihr bewilligt
wurde. Sie bestimmte, daß ihr Leichnam nach San Pietro in Montorio
gebracht werde und hinterließ den Nonnen der Wundmale des Heiligen
Franziskus 300 000 Francs, welche Summe dazu dienen sollte, fünfzig arme
Mädchen auszustatten. Dieses Beispiel bewegte auch die Signora Lucrezia
dazu, daß sie ihr Testament machte und die Anordnung traf, ihren Leichnam
nach San Giorgio zu überführen; sie hinterließ 500 000 Francs Almosen für
diese Kirche und machte noch andere fromme Legate.
Um acht Uhr beichteten sie, hörten darauf die Messe und nahmen das Heilige
Abendmahl. Aber bevor sie zur Messe gingen, erwog Beatrice, daß es nicht
passend sei, auf dem Schafott, vor den Augen des ganzen Volks mit den
reichen Gewändern zu erscheinen, die sie trugen. Sie bestellte zwei
Kleider, das eine für sich, das andere für ihre Mutter. Die Gewänder
wurden wie Nonnenkutten gearbeitet, ohne Aufputz an Brust und Schultern,
nur gefältelt mit weiten Ärmeln. Das Kleid der Stiefmutter war aus
schwarzer Baumwolle, das des jungen Mädchens aus blauem Taft mit einer
dicken Schnur, welche den Gürtel bildete.
Als man die Kleider brachte, erhob sich Signora Beatrice, die auf den
Knien lag und sagte der Signora Lucrezia: "Frau Mutter, die Stunde unsres
Leidens nähert sich, es wird gut sein, daß wir uns bereiten; legen wir
diese neuen Gewänder an und leisten wir uns zum letztenmal gegenseitig den
Dienst, uns anzukleiden.[sic! Fehlt: "]
Man hatte auf dem Platz vor der Engelsbrücke ein Schafott errichtet. Um
die dreizehnte Stunde (acht Uhr morgens) brachte die Brüderschaft der
Barmherzigkeit ihr großes Kruzifix zur Tür des Gefängnisses. Giacomo Cenci
schritt als erster aus dem Kerker; er kniete fromm auf der Schwelle
nieder, betete und küßte die heiligen Wunden des Gekreuzigten. Ihm folgte
sein junger Bruder Bernardo Cenci, der gleich ihm gebundene Hände und ein
kleines Brett vor den Augen hatte. Die Menge war ungeheuer und es entstand
ein Tumult, weil eine Vase aus einem Fenster fast auf den Kopf eines der
Bußbrüder fiel, der eine brennende Fackel zur Seite des Banners trug.
Alles sah auf die beiden Brüder, als unversehens der Fiskal von Rom
hervortrat und sagte: "Signor Bernardo, unser Heiliger Vater schenkt Euch
das Leben, fügt Euch darein, Eure Verwandten zu begleiten und bittet Gott
um Gnade für sie."
Sogleich nahmen ihm seine beiden Begleiter das kleine Brett fort, das er
vor den Augen trug. Der Henker machte Giacomo Cenci für den Karren bereit
und hatte ihm schon sein Gewand ausgezogen, um ihn mit der Zange zwicken
zu können. Als der Henker zu Bernardo kam, beglaubigte er die
Unterzeichnung der Begnadigung, band ihn los, nahm ihm die Handschellen ab
und weil er wegen der Marter mit der Zange ohne Rock war, setzte ihn der
Henker auf den Karren und hüllte ihn in einen prächtigen Tuchmantel mit
goldenen Tressen. Man sagte, daß es der Mantel sei, den Beatrice nach der
Tat in der Festung La Petrella Marcio gegeben hatte. Die ungeheure Menge
in den Straßen an den Fenstern und auf den Dächern kam plötzlich in
Bewegung; man hörte ein dumpfes, tiefes Murmeln, man begann weiterzusagen,
daß dieses Kind begnadigt sei.
Die Psalmgesänge begannen und die Prozession bewegte sich langsam über die
Piazza Navona nach dem Gefängnis Savella. An der Türe des Gefängnisses
angelangt, hält man an. Die beiden Frauen traten heraus, verrichteten ihr
Gebet zu Füßen des Heiligen Kruzifixes, und folgten dann zu Fuß, eine
hinter der andern, Sie waren so gekleidet, wie schon erzählt worden ist,
und hatten das Haupt mit einem großen Schleier bedeckt, der fast bis zum
Gürtel hing.
Signora Lucrezia trug, wie es für eine Witwe üblich war, einen schwarzen
Schleier und Pantoffeln aus schwarzem Samt, ohne Absätze.
Der Schleier des jungen Mädchens war aus blauem Taft wie ihr Kleid, sie
trug ein silbriges Gewebe um die Schultern, ein Unterkleid aus violettem
Tuch und Pantoffeln aus weißem Samt, die mit karmesinroten Schnüren
zierlich verschnürt waren. Sie hatte eine eigenartige Anmut, als sie in
diesem Kostüm dahinschritt, und in aller Augen traten Tränen, als man sie
bemerkte, die langsam in den letzten Reihen der Prozession dahinschritt.
Beide Frauen hatten die Hände frei, aber die Arme am Körper festgebunden,
und zwar so, daß jede von ihnen ein Kruzifix tragen konnte; sie hielten es
dicht an die Augen. Die Ärmel ihrer Kleider waren sehr weit, so daß man
ihre Arme sehen konnte, nach der Sitte des Landes mit einem an den
Handgelenken geschlossenen Hemd bedeckt.
Signora Lucrezia, die weniger starken Herzens war, weinte fast ohne
aufzuhören; dagegen zeigte die junge Beatrice großen Mut; sie richtete den
Blick auf jede der Kirchen, an denen die Prozession vorüberkam, kniete
einen Augenblick nieder und sagte mit fester Stimme: Adoramus te, Christe!
Während dieser Zeit wurde der arme Giacomo Cenci auf seinem Karren mit
Zangen gezwickt und zeigte großen Mut.
Die Prozession konnte kaum den unteren Teil des Platzes an der
Engelsbrücke überschreiten, so zahlreich waren die Wagen und die
Volksmassen. Man führte sogleich die Frauen in die Kapelle, welche man
errichtet hatte, und brachte auch Giacomo dahin.
Der junge Bernardo wurde in seinem reichverzierten Mantel geradenwegs aufs
Schafott geführt; da glaubten alle, daß er sterben solle und daß er nicht
begnadigt worden sei.
Das arme Kind hatte solche Angst, daß es beim zweiten Schritt auf dem
Schafott ohnmächtig hinfiel. Man brachte ihn mit frischem Wasser wieder zu
sich, und setzte ihn gegenüber dem Fallbeil nieder.
Der Henker ging, um Signora Lucrezia zu holen; ihre Hände waren auf dem
Rücken gebunden und sie hatte nicht mehr den Schleier um die Schultern.
Sie erschien mit dem Banner geleitet auf dem Richtplatz, den Kopf in den
Taftschleier gehüllt; dort befahl sie ihre Seele Gott und küßte die
heiligen Wundmale. Man sagte ihr, daß sie ihre Pantoffeln auf dem Pflaster
zurücklassen müsse; da sie sehr stark war, machte es ihr Mühe, aufs
Schaffot zu steigen. Als sie oben war und man ihr den schwarzen
Taftschleier fortnahm, war es ihr sehr schmerzlich, daß man sie mit
entblößter Brust und Schultern sehen sollte; sie blickte an sich herunter,
sah dann das Beil an und hob langsam zum Zeichen der Ergebung die
Schultern; Tränen traten in ihre Augen, sie sagte: "O mein Gott! ... Und
Ihr, meine Brüder, betet für meine Seele."
Da sie nicht wußte, wie sie sich zu verhalten habe, fragte sie Alexander,
den ersten Henker danach. Er sagte, sie solle sich rittlings auf den
Balken des Schafotts setzen. Aber diese Stellung beleidigte ihr
Schamgefühl und sie brauchte viel Zeit dazu. Die Einzelheiten, die jetzt
folgen, sind für ein italienisches Publikum, das alles mit peinlichster
Genauigkeit wissen will, erträglich; aber dem nicht-italienischen Leser
möge genügen, daß die arme Frau durch ihr Schamgefühl eine Verletzung an
der Brust davontrug; der Henker zeigte das Haupt dem Volke und umhüllte es
dann mit dem schwarzen Taftschleier.
Während man das Schafott für das junge Mädchen herrichtete, stürzte ein
Gerüst, das von Neugierigen überfüllt war, ein, und viele Menschen wurden
dabei getötet. So erschienen sie noch früher als Beatrice vor Gott.
Als Beatrice das Banner zur Kapelle zurückkehren sah, um sie zu holen,
fragte sie lebhaft:
"Ist meine Frau Mutter schon tot?"
Man bejahte und sie warf sich vor dem Kruzifix auf die Knie und betete mit
Inbrunst für ihre Seele. Dann sprach sie lange mit lauter Stimme zum
Kruzifix:
"Herr, du bist für mich zurückgekehrt, und ich will Dir aus freiem Willen
folgen, denn ich verzweifle nicht an Deinem Erbarmen für meine
unermeßliche Sünde."
Sie wiederholte dann noch mehrere Psalmen und Gebete zum Lobe Gottes. Als
endlich der Henker mit einem Strick vor ihr erschien, sagte sie:
"Binde diesen Körper, der gestraft werden muß und erlöse diese Seele,
damit sie zur Unsterblichkeit und zur ewigen Herrlichkeit gelange."
Dann erhob sie sich, sprach das Gebet und ließ ihre Pantoffeln am Fuß der
Treppe stehen; auf dem Schafott schwang sie schnell das Bein über den
Balken, legte den Hals unter das Fallbeil und ordnete alles ganz allein,
um sich nicht von dem Henker berühren zu lassen. Durch die Schnelligkeit
ihrer Bewegungen vermied sie, dem Publikum Hals und Schultern zu zeigen,
als ihr der Taftschleier abgenommen wurde. Es brauchte lange, bis der
Streich gefällt wurde, weil ein Hindernis eingetreten war. Während dieser
Zeit rief sie mit lauter Stimme Jesus Christus und die Heilige Jungfrau
an. Ein zeitgenössischer Autor erzählt, daß Clemens VIII. sehr besorgt um
das Seelenheil Beatrices war; da er wußte, daß sie sich unschuldig
verurteilt fühlte, fürchtete er eine Regung des Aufruhrs. Im Augenblick,
als sie ihren Kopf unter das Beil gelegt hatte, gab man von der
Engelsburg, von wo man das Schafott gut sehen konnte, einen Kanonenschuß
ab. Der Papst, der im Gebet auf Monte Cavallo war, gab, sobald er dies
Signal hörte, dem jungen Mädchen die päpstliche Absolution major in
articulo mortis. Daher der Aufenthalt in diesem schrecklichen Augenblick,
von dem der Chronist spricht. Der Körper machte im verhängnisvollen
Augenblick eine heftige Bewegung. Der arme Bernardo Cenci, der immer noch
auf dem Schafott saß, fiel von neuem in Ohnmacht und seine Tröster
brauchten eine gute halbe Stunde, um ihn wiederzubeleben. Dann erschien
Giacomo Cenci auf dem Schafott; aber auch hier muß man über zu
schreckliche Einzelheiten hinweggehen. Giacomo Cenci wurde mit der Keule
zu Tode geschlagen.
Sofort führte man Bernardo in das Gefängnis zurück, er hatte starkes
Fieber und man ließ ihn zur Ader.
Was die armen Frauen betrifft, wurde jede in ihren Sarg gebettet und
einige Schritte vom Schafott entfernt bei der Statue des Heiligen Paulus
aufgestellt, welche die erste auf der rechten Seite der Engelsbrücke ist.
Sie blieben dort bis viereinviertel Uhr nach Mittag. Um jeden Sarg standen
vier brennende Kerzen aus weißem Wachs.
Dann wurden sie mit dem, was von Giacomo Cenci noch geblieben war, zum
Palast des Konsuls von Florenz gebracht. Um neuneinviertel Uhr abends
wurde der Leichnam des jungen Mädchens, wieder mit Kleidern angetan und
verschwenderisch mit Blumen bekränzt, nach San Pietro in Montorio
gebracht. Sie war von hinreißender Schönheit, man konnte glauben, sie
schliefe. Sie wurde vor dem großen Altar mit der Verklärung Christi des
Raffael von Urbino beigesetzt. Sie wurde von fünfzig großen brennenden
Wachskerzen geleitet und von allen Franziskanermönchen Roms.
Lucrezia Petroni wurde um zehn Uhr abends nach der Kirche von San Giorgio
überführt. Während dieser Tragödie war die Volksmenge unzählig; so weit
der Blick schweifen konnte, sah man die Straßen von Wagen und Menschen,
ebenso die Gerüste, die Fenster und die Dächer von Neugierigen bedeckt.
Die Sonne hatte an diesem Tag eine solche Kraft, daß viele Leute die
Besinnung verloren. Unzählige bekamen Fieber; und als alles um die
neunzehnte Stunde (3/4 2 Uhr) beendet war und die Massen sich zerstreuten,
wurden viele Leute erdrückt, andere durch Pferde zermalmt. Die Zahl der
Toten war sehr beträchlich.
Signora Lucrezia Petroni war eher klein als groß und, obschon fünfzig
Jahre alt, sah sie noch sehr gut aus. Sie hatte sehr schöne Züge, eine
kleine Nase, schwarze Augen, eine sehr weiße Gesichtshaut mit schönen
Farben; sie hatte wenig und kastanienbraunes Haar.
Beatrice Cenci, die in Ewigkeit Mitleid erwecken wird, war gerade sechzehn
Jahre alt; sie war klein, hatte eine leibliche Fülle und Grübchen auf den
Wangen, so daß man, als sie tot, von Blumen bekränzt, dalag, hätte glauben
können, daß sie schlafe, ja sogar, daß sie im Schlafe lache, wie es ihr
oft im Leben geschah. Sie hatte einen kleinen Mund und blondes von selbst
gelocktes Haar. Auf dem Weg zum Tode fiel ihr dies blonde lockige Haar
über die Augen, was ihr einen besonderen Reiz verlieh und Mitleid
erweckte.
Giacomo Cenci war klein, dick, mit weißer Haut und schwarzem Bart, er war
fast sechsundzwanzig Jahre alt, als er starb.
Bernardo Cenci ähnelte völlig seiner Schwester, und da er die Haare lang
wie sie trug, hielten ihn viele Leute, als er das Schafott bestieg, für
Beatrice.
Die Sonne war so glühend gewesen, daß mehrere Zuschauer dieser Tragödie
noch in der Nacht starben, unter ihnen Ubaldo Ubaldini, ein selten schöner
Jüngling, der sich bisher immer vollkommener Gesundheit erfreut hatte. Er
war der Bruder des in Rom sehr bekannten Signor Renzi. So stiegen die
Schatten der Cenci wohlgeleitet hinunter.
Gestern, am Dienstag, dem 14. September 1599, machten die Büßer von San
Marcello gelegentlich des Festes des heiligen Kreuzes von ihrem Vorrecht
Gebrauch, um Bernardo Cenci aus seinem Gefängnis zu befreien, der sich
dafür verpflichtete, binnen eines Jahres 400 000 Francs für die
allerheiligste Dreifaltigkeit von Pontus Sixtus zu stiften.
Von anderer Hand ist hier hinzugefügt:
Von ihm stammen Francesco und Bernardo Cenci ab, die heute noch leben.
Der berühmte Farinacci, der durch seine Hartnäckigkeit das Leben des
jungen Cenci rettete, hat sein Plaidoyer veröffentlicht. Er gibt nur einen
Auszug aus dem Plaidoyer Nr. 66, das er Clemens VIII. zu Gunsten der Cenci
vortrug. Dies Plaidoyer, in lateinischer Sprache verfaßt, würde sechs
große Seiten ausfüllen, und leider kann ich es hier nicht unterbringen; es
zeichnet die Art des Denkens von 1599; und es scheint mir sehr vernünftig.
Viele Jahre nach 1599 fügte Farinacci, als er sein Plaidoyer herausgab,
folgende Bemerkung dem hinzu, was er zu Gunsten der Cenci gesagt hatte:
Omnes fuerunt ultimo supplicio effecti, excepto Bernardo qui ad triremes
cum bonorum confiscatione condemnatus fuit, ac etiam ad interessendum
aliorum morti prout interfuit.
Das weitere dieser lateinischen Anmerkung ist rührend, aber ich vermute,
daß der Leser einer so langen Erzählung schon müde ist.