Ich bin kein Naturforscher und Griechisch verstehe ich nur sehr
mittelmäßig; Hauptzweck meiner Reise nach Sizilien war weder die Phänomene
des Ätna zu beobachten, noch wollte ich für mich oder andre irgendwelche
Klarheit darüber gewinnen, was die alten griechischen Autoren über
Sizilien gesagt haben; ich suchte nichts als die Freude meiner Augen, die
in diesem eigenartigen Land wahrhaftig nicht gering ist. Man sagt von
Sizilien, daß es Afrika gleiche; für mich steht jedenfalls fest, daß es
mit Italien nur durch die verzehrenden Leidenschaften Ähnlichkeit hat. Von
den Sizilianern kann man wohl sagen, daß es das Wort 'unmöglich' nicht für
sie gibt, wenn sie von Liebe oder von Haß entbrannt sind; und in diesem
schönen Land kommt der Haß niemals aus einem Geldinteresse.
Ich bemerke, daß man in England und besonders in Frankreich oft von
italienischer Leidenschaft spricht, von der hemmungslosen Leidenschaft,
die man im Italien des sechzehnten und siebzehnten Jahrhunderts kannte. In
unsern Tagen ist diese schöne große Leidenschaft gestorben und ganz tot,
wenigstens in jenen Klassen, die sich der Nachahmung französischer Sitten
und Pariser oder Londoner Moden gefallen.
Ich weiß wohl, man kann sagen, daß man seit Karl V. in Neapel, in Florenz
und sogar ein wenig in Rom die spanischen Sitten nachahmte. Aber waren
diese adeligen Sitten und Bräuche nicht auf dem unendlichen Respekt
begründet, den jeder dieses Namens würdige Mensch für die natürlichen
Regungen seiner Seele haben muß? Weit entfernt, die Energie auszuschalten,
übertrieben sie diese vielmehr, während es erste Regel der Gecken um 1760,
die den Herzog von Richelieu nachahmten, war, durch nichts bewegt zu
scheinen. Ist es nicht Grundsatz des englischen Dandys, dem man jetzt in
Neapel den Vorzug vor dem französischen Gecken gibt, von allem gelangweilt
und allem überlegen zu scheinen?
Die italienische Leidenschaft findet man schon seit einem Jahrhundert
nicht mehr in der guten Gesellschaft Italiens.
Um mir einen Begriff von dieser italienischen Leidenschaft zu bilden, von
der unsre Romanciers mit solcher Sicherheit schreiben, war ich genötigt,
die Geschichte zu befragen; aber gewöhnlich sagt die große Geschichte, von
talentvollen Männern geschrieben und meist sehr majestätisch, fast nichts
von den Einzelheiten des Geschehens und der Personen. Sie nimmt von
Torheiten erst Notiz, wenn diese Dummheiten von Königen oder Fürsten
begangen worden sind. Ich habe zu der Lokalgeschichte jeder Stadt Zuflucht
nehmen müssen; aber da wurde ich wieder durch den Überreichtum an Material
erschreckt. Jede kleine italienische Stadt zeigt dir stolz ihre Geschichte
in drei oder vier gedruckten Quartbänden und in sieben oder acht
handschriftlichen Codices, die kaum mehr zu entziffern, mit Abkürzungen
gespickt und mit sonderbar geformten Buchstaben geschrieben sind; zudem
eignen ihnen an den fesselndsten Stellen Redewendungen, die im Ort selbst
gebräuchlich, aber zwanzig Meilen weiter schon unverständlich sind. Denn
im ganzen schönen Italien, wo die Liebe so viele tragische Ereignisse
gesät hat, spricht man nur in drei Städten, in Florenz, in Siena und in
Rom, ungefähr so wie man schreibt; in allen andren Orten ist die
Schriftsprache von der mündlichen Rede unendlich weit entfernt.
Das, was man die italienische Leidenschaft nennt, das heißt die
Leidenschaft, die sich zu befriedigen und nicht nur dem Nachbar eine
prachtvolle Vorstellung von sich selber zu geben sucht, beginnt mit der
Entstehung der Gesellschaft also im zwölften Jahrhundert und erlischt
wenigstens in der guten Gesellschaft, um 1734. Zu dieser Zeit kommen die
Bourbonen in Neapel zur Regierung, und zwar in der Person des Don Carlos,
Sohnes einer Farnese, die in zweiter Ehe mit dem Enkelsohn Ludwigs XIV.,
jenem melancholischen Philipp V. verheiratet war, der mitten im Kugelregen
seinen Gleichmut nicht verlor, sich stets langweilte und die Musik so
leidenschaftlich liebte. Man weiß, daß ihm vierundzwanzig Jahre hindurch
der göttliche Kastrat Farinelli täglich drei Lieblingsweisen vorsang,
jeden Tag die gleichen.
Ein analytischer Geist könnte aus den Einzelheiten einer Leidenschaft
feststellen, ob der Fall in Rom oder in Neapel geschehen ist, und nichts
ist, wie ich sagen muß, abgeschmackter als jene Romane, die ihren Personen
nichts als italienische Namen geben. Sind wir denn nicht darin einer
Meinung, daß die Leidenschaften sich ändern, so oft man hundert Meilen
weiter nach Norden kommt? Höchstens kann man sagen, daß jene Länder, die
seit langem der gleichen Regierungsform unterstehn, in den sozialen
Gewohnheiten eine Art äußerer Ähnlichkeit aufweisen.
Wie die Leidenschaften, wie die Musik, wechseln auch die Landschaften,
sobald man drei oder vier Breitengrade weiter nach Norden kommt. Eine
neapolitanische Landschaft würde in Venedig absurd erscheinen, wäre es
nicht, sogar in Italien ausgemacht, die Naturschönheiten Neapels zu
bewundern. Wir in Paris halten es darin so, daß wir glauben, der Anblick
der Wälder und der bebauten Ebenen sei ganz der gleiche in Neapel wie in
Venedig, und wir möchten am liebsten, daß zum Beispiel Canaletto die
gleichen Farben hätte wie Salvatore Rosa.
Ist es nicht der Gipfel der Lächerlichkeit, wenn eine englische Dame, die
mit allen Vorzügen ihrer Insel ausgestattet, aber selbst auf dieser Insel
dafür bekannt ist, daß sie außerstande sei, die Liebe und den Haß zu
schildern, wenn, sage ich Mrs. Anne Radcliffe den Personen eines ihrer
berühmten Romane italienische Namen und große Leidenschaften gibt?
Ich werde nicht versuchen, der Einfachheit und der manchesmal abstoßenden
Roheit der nur zu wahren Erzählung, die ich der Nachsicht des Lesers
empfehle, Anmut zu verleihen. Ich werde zum Beispiel die Antwort der
Herzogin von Palliano auf die Liebeserklärung ihres Vetters Marcello
Capecce ganz wörtlich übersetzen. Diese Monographie einer Familie befindet
sich, ich weiß nicht warum, am Ende des zweiten Bandes einer
handschriftlichen Geschichte von Palermo, über die ich keine näheren
Angaben machen kann.
Diese Erzählung, die ich zu meinem Bedauern sehr kürze -- ich unterdrücke
eine Fülle von bezeichnenden Umständen -- enthält mehr die letzten
Schicksale der unglücklichen Familie Carafa, als die interessante
Geschichte einer bestimmten Leidenschaft. Die literarische Eitelkeit sagt
mir, daß es mir nicht unmöglich gewesen wäre, das Interesse an manchen
Situationen zu steigern, wenn ich ausführlicher gewesen wäre, wenn ich
erraten und dem Leser mit allen Einzelheiten erzählt hätte, was die
Personen empfanden. Aber bin ich, ein junger Franzose, im Norden, in Paris
geboren, denn wirklich sicher, zu erraten, was diese italienischen
Menschen des Jahres 1559 fühlten? Ich kann ja höchstens das zu erraten
hoffen, was den französischen Lesern von 1838 elegant und spannend
vorkommt.
Die leidenschaftliche Art der Italiener um 1559 wollte Taten und nicht
Worte. Man wird darum in der folgenden Erzählung sehr wenig Konversation
finden. Das ist für diese Geschichte insofern ein Nachteil, als wir uns so
sehr an die langen Gespräche unsrer Romanhelden gewöhnt haben, für die
eine Konversation genau so viel ist wie eine Schlacht. Meine Erzählung
oder vielmehr Übersetzung zeigt eine sonderbare, durch die Spanier in die
italienischen Sitten eingeführte Eigenart. Ich bin nirgends aus der
bestimmten Haltung des Übersetzers hinausgetreten. Die getreue Wiedergabe
der Art des Fühlens im sechzehnten Jahrhundert und auch der
Erzählungsweise des Chronisten, der allem Anschein nach ein Edelmann aus
dem Gefolge der unglücklichen Herzogin von Palliano war, macht meines
Erachtens nach den Hauptvorzug dieser tragischen Geschichte aus -- wenn
überhaupt irgendein Vorzug daran ist.
Die strengste spanische Etikette herrschte am Hofe des Herzogs von
Palliano. Man muß sich erinnern, daß jeder Kardinal und jeder römische
Fürst einen Hof hielt, und man kann sich einen Begriff davon machen,
welches Bild Rom im Jahre 1559 bot. Nicht ist auch zu vergessen, daß es
die Zeit war, wo der König Philipp II., der für seine Intrigen die Stimmen
zweier Kardinäle brauchte, jedem von ihnen eine Rente von 200 000 Livres
in geistlichen Pfründen gab. Obgleich Rom ohne nennenswerte Arme war,
bildete es den Mittelpunkt der Welt. Paris war im Jahre 1559 eine Stadt
freundlicher Barbaren.
* * * * *
Wenn auch Gianpietro Carafa aus einer der vornehmsten Familien des
Königreichs Neapel stammte, hatte er rauhe, ungeschliffene und heftige
Umgangsformen, die zu einem Hirten der Campagna gepaßt hätten. Er nahm
schon früh das Priestergewand und kam ganz jung nach Rom, wo ihm durch die
Gunst seines Vetters Oliviero Carafa, des Kardinals und Erzbischofs von
Neapel, geholfen war. Alexander VI., dieser große Mann, der alles wußte
und alles konnte, machte ihn zu seinem Kämmerer, ungefähr das gleiche, was
man bei uns unter einem Ordonanzoffizier versteht. Julius II. ernannte ihn
zum Erzbischof von Chieli; Papst Paul machte ihn zum Kardinal und endlich
am 23. Mai 1555 wurde er, nach schlimmen Kabalen und vielen Disputen
zwischen den zum Konklave eingeschlossenen Kardinälen unter dem Namen Paul
IV. zum Papst gewählt; er war damals achtundsiebzig Jahre alt. Selbst über
die, welche ihn auf den Thron von Sankt Peter berufen hatten, kam bald die
Angst, wenn sie die Härte und die wilde unerbittliche Frömmigkeit des
Herrn bedachten, den sie sich selbst gesetzt hatten.
Die Neuigkeit dieser unerwarteten Wahl hatte umwälzende Wirkung in Neapel
und Palermo. Binnen wenigen Tagen traf eine große Anzahl von Mitgliedern
der illustren Familie Carafa in Rom ein, und alle erhielten Stellen; doch
zeichnete der Papst, wie ja natürlich, besonders seine drei Neffen aus,
Söhne seines Bruders, des Grafen von Montorio.
Don Juan, der Älteste, war schon verheiratet und wurde zum Herzog von
Palliano gemacht. Dieses Herzogtum, dem Marc Antonio Colonna, dem es
gehört hatte, abgenommen, umfaßte eine große Zahl Dörfer und kleiner
Städte. Don Carlos, der zweite Neffe Seiner Heiligkeit, war Malteserritter
und hatte den Krieg mitgemacht; er wurde zum Kardinallegaten von Bologna
und Premierminister ernannt. Als ein entschlossener Mann und treu den
Traditionen seiner Familie, wagte er es, dem mächtigsten König der Welt,
Philipp II., König von Spanien und beider Indien, feind zu sein, und gab
ihm auch Beweise davon. Was den dritten Neffen betraf, den Don Antonio
Carafa, so machte der Papst den bereits Verheirateten zum Marchese von
Montobello. Schließlich gelang es ihm, Franz, dem Dauphin von Frankreich
und Sohn Heinrichs II. eine Tochter aus der zweiten Ehe seines Bruders zur
Frau zu geben; Paul IV. dachte, ihr als Mitgift das Königreich Neapel zu
schenken, das man Philipp II., dem König von Spanien hätte wegnehmen
müssen. Die Familie Carafa verfolgte mit ihrem Hasse diesen mächtigen
König, dem es aber, auch durch die Fehler dieser Familie unterstützt,
endlich doch gelang, sie gänzlich auszutilgen.
Seit Paul IV. den Thron von San Pietro bestiegen hatte, der zu dieser Zeit
selbst den erhabenen Herrscher von Spanien zu einem Vasallen machte, wurde
er, wie man es bei den meisten seiner Nachfolger gesehen hat, Beispiel
aller Tugenden. Er wurde ein großer Papst und ein großer Heiliger; er
bemühte sich, die Mißbräuche in der Kirche abzustellen und dadurch auch
das allgemeine Konzil abzuwenden, das man vom römischen Hofe von allen
Seiten verlangte, in das aber eine kluge Politik nicht einzuwilligen riet.
Nach der von der Gegenwart fast völlig vergessenen Sitte jener Zeit, wo
ein Souverän niemals Vertrauen in Menschen setzte, die noch ein andres
Interesse als das seine haben konnten, wurden die Staaten Seiner
Heiligkeit in despotischer Weise von seinen drei Neffen regiert. Der
Kardinal war erster Minister und verfügtet nach dem Willen seines Oheims.
Der Herzog von Palliano war zum General der Truppen der heiligen Kirche
gemacht worden und der Marchese von Montebello ließ als Hauptmann der
Palastwache nur Personen eintreten, die ihm genehm waren. Bald begingen
diese drei jungen Leute die größten Ausschreitungen; sie begannen damit,
sich die Güter von Familien anzueignen, die ihrer Herrschaft abgeneigt
waren. Das Volk wußte nicht, an wen es sich um Gerechtigkeit wenden
sollte. Nicht nur um seinen Besitz mußte es in Sorge sein, sondern -- im
Vaterland der keuschen Lukrezia! -- auch die Ehre der Frauen und Töchter
war nicht sicher. Der Herzog von Palliano und seine Brüder entführten die
schönsten Frauen; es genügte, das Unglück zu haben, ihnen zu gefallen.
Betroffen sah man, daß sie auf den Adel des Bluts gar keine Rücksicht
nahmen, und mehr noch: sie ließen sich nicht einmal durch die heilige
Abgeschlossenheit der Klöster zurückhalten. Das zur Verzweiflung
getriebene Volk wußte nicht, an wen es seine Klagen richten sollte, so
groß war das Entsetzen, das die drei Brüder allen einflößten, die sich dem
Papst nähern wollten; selbst gegen die fremden Botschafter traten sie
unverschämt auf.
Der Herzog hatte schon vor der Machtstellung seines Oheims Violante von
Cardona geheiratet, aus einer ursprünglich spanischen Familie, die in
Neapel zum ersten Adel gehörte. Violante war durch ihre ungewöhnliche
Schönheit und durch eine Anmut berühmt, welche sie gut zu zeigen verstand,
wenn sie gefallen wollte, mehr aber noch durch ihren maßlosen Stolz. Doch
um gerecht zu sein, muß man auch sagen, daß man nicht leicht eine größere,
stärkere Seele hätte finden können als die ihre, und dies wurde auch der
Welt deutlich, als sie vor ihrem Tode dem Kapuziner, der ihr die Beichte
abnahm, nichts gestand. Sie konnte den bewunderungswürdigen Orlando des
Messer Ariosto auswendig und trug ihn mit unendlicher Lieblichkeit vor,
wie auch die meisten Sonette des göttlichen Petrarca und die Erzählungen
des Pecorone. Aber noch verführerischer war sie, wenn sie sich herabließ,
ihre Gesellschaft mit den sonderbaren Einfällen zu unterhalten, die ihr
der eigne Geist eingab.
Sie hatte einen Sohn, den Herzog von Cavi. Ihren Bruder Don Ferrante,
Grafen d'Aliffe, zog das große Glück seines Schwagers nach Rom.
Der Herzog von Palliano hielt glänzenden Hof. Die jungen Leute der ersten
Familien Neapels buhlten um die Ehre, daran teilzuhaben. Rom verwöhnte zu
der Zeit mit seiner Bewunderung einen seiner Lieblinge, den Marcello
Capecce, einen jungen Kavalier, in Neapel durch seinen Geist und nicht
minder durch die göttliche Schönheit berühmt, die ihm der Himmel geschenkt
hatte.
Die Favoritin der Herzogin war Diana Brancaccio, eine nahe Verwandte ihrer
Schwägerin, der Marchesa von Montebello, die damals dreißig Jahre zählte.
Man erzählte sich in Rom, daß sie dieser Favoritin nicht ihren sonstigen
Stolz zeige, ja ihr alle ihre Geheimnisse anvertraue. Aber diese
Geheimnisse bezogen sich nur auf die Politik; denn die Herzogin erweckte
wohl Leidenschaften, doch sie teilte keine.
Auf den Rat des Kardinals Carafa führte der Papst gegen den König von
Spanien Krieg und der König von Frankreich schickte dem Papst eine Armee
unter dem Befehl des Herzogs von Guise zur Unterstützung.
Aber wir müssen uns an die Ereignisse am Hof des Herzogs von Palliano
halten.
Capecce war seit einer Zeit wie toll; man sah ihn die seltsamsten Dinge
tun. Tatsache ist, daß sich der arme junge Mensch leidenschaftlich in
seine Herrin, die Herzogin, verliebt hatte; doch wagte er kein Geständnis
seiner Liebe. Aber er zweifelte nicht, an sein Ziel zu gelangen, denn er
bemerkte, daß die Herzogin gegen ihren Gemahl, der sie vernachlässigte,
aufs äußerste gereizt war. Der Herzog von Palliano war allmächtig in Rom,
und die Herzogin wußte für sicher, daß ihn fast jeden Tag die wegen ihrer
Schönheit berühmten römischen Damen in ihrem eignen Palast
aufsuchten -- ein Schimpf, an den sie sich nicht gewöhnen mochte.
Unter den Kaplänen des Papstes Paul befand sich ein ehrwürdiger Mönch, mit
dem er das Brevier zu beten pflegte. Dieser wagte es eines Tags, trotz der
Gefahr seines eignen Verderbens, vielleicht auf Veranlassung des
spanischen Gesandten, dem Papst alle Schurkereien seiner Neffen zu
enthüllen. Der fromme Papst wurde vor Kummer krank; er wollte die Wahrheit
des Berichtes bezweifeln; aber von allen Seiten kamen die erdrückendsten
Bestätigungen. Es war am ersten Tag des Jahres 1559, als das Ereignis
eintrat, das dem Papst die Gewißheit gab und vielleicht die Entscheidung
Seiner Heilichkeit bestimmte. Es war gerade am Tag der Beschneidung des
Herrn, ein Umstand, der das Vergehen in den Augen eines so frommen Papstes
noch erschwerte, daß Andrea Lanfranchi, der Sekretär des Herzogs von
Palliano, dem Kardinal Carafa ein prächtiges Abendessen gab. Und damit den
Reizungen der Völlerei die der Unzucht nicht fehlten, zu diesem Fest die
Martuccia kommen ließ, eine der schönsten, berühmtesten und reichsten
Kurtisanen Roms. Das Verhängnis wollte, daß Capecce, der Günstling des
Herzogs -- eben jener, der im geheimen die Herzogin liebte und für den
schönsten Mann der Hauptstadt der Welt galt --, seit einiger Zeit mit
dieser Martuccia eine galante Beziehung pflog. An eben diesem Abend suchte
er sie überall, wo er hoffen konnte, sie zu treffen. Als er sie nirgends
fand und gehört hatte, daß im Hause Lanfranchi ein Fest stattfand, faßte
er Argwohn und erschien bei Lanfranchi um Mitternacht, begleitet von
vielen Bewaffneten. Man ließ ihn ein, forderte ihn auf, sich zu setzen und
am Fest teilzunehmen; aber nach einigen recht gezwungenen Worten gab er
Martuccia ein Zeichen, sich zu erheben und ihm zu folgen. Während sie ganz
verwirrt und in Vorahnung dessen, was geschehen würde, zögerte, erhob sich
Capecce, ging auf das junge Mädchen zu, faßte es bei der Hand und
versuchte, es mit sich zu ziehn. Der Kardinal, zu dessen Ehren Martuccia
gekommen war, widersetzte sich lebhaft ihrem Fortgehn. Capecce aber
bestand darauf und versuchte, sie mit Gewalt aus dem Saal zu ziehen.
Der Kardinal, der an diesem Abend gar nicht in Amtstracht gekleidet war,
zog den Degen und verhinderte mit all der Kraft und Kühnheit, die ganz Rom
an ihm kannte, das Fortgehen des jungen Mädchens. Marcello rief, trunken
vor Zorn, seine Leute herein; aber es waren in der Mehrzahl Neapolitaner,
und als sie zuerst den Sekretär des Herzogs und dann auch noch den
Kardinal erkannten, den seine ungewohnte Kleidung zuerst unkenntlich
gemacht hatte, steckten sie ihre Schwerter ein; sie wollten sich nicht
mehr schlagen und legten sich ins Mittel, den Streit zu schlichten.
Während dieses Streites war Martuccia, obgleich umringt und von Marcello
an der linken Hand gehalten, geschickt genug gewesen, zu entschlüpfen.
Sobald Marcello ihre Abwesenheit merkte, lief er ihr nach und seine ganze
Bande folgte ihm.
Aber aus dem Dunkel der Nacht erwuchsen die seltsamsten Gerüchte, und am
Morgen des zweiten Januar war die Hauptstadt von Berichten über den
gefährlichen Kampf überschwemmt, der, wie man sagte, zwischen dem Kardinal
und Marcello Capecce stattgefunden habe. Der Herzog von Palliano,
kommandierender General der päpstlichen Armee, hielt die Sache für weit
schlimmer als sie wirklich war, und da er mit seinem Bruder, dem
Kardinal-Kanzler, nicht sehr gut stand, ließ er noch in der Nacht
Lanfranchi verhaften; früh am nächsten Morgen wurde auch Marcello gefangen
gesetzt. Dann erst kam man darauf, daß niemand das Leben verloren habe und
daß diese Festnahmen nur den Skandal vergrößerten, der ganz auf den
Kardinal zurückfiel. Man beeilte sich, die Gefangenen wieder in Freiheit
zu setzen und die drei Brüder vereinigten ihre unbegrenzte Macht, um die
Angelegenheit niederzuschlagen. Erst hofften sie, es würde ihnen glücken;
aber am dritten Tag kam die ganze Geschichte dem Papst zu Ohren. Er ließ
seine beiden Neffen zu sich rufen und sprach zu ihnen wie nur ein so
frommer und in seiner Frömmigkeit so tief verletzter Fürst der Kirche
sprechen konnte.
Als am fünften Tage des Januar eine große Anzahl von Kardinälen zur
_Congregatio Sancti Officii_ vereinigt war, sprach der Papst als erster
von dieser abscheulichen Sache; er fragte die anwesenden Kardinäle, wie
sie wagen konnten, ihn nicht davon in Kenntnis zu setzen.
"Ihr schweigt! Und doch rührt der Skandal an der erhabenen Würde, die Ihr
bekleidet. Kardinal Carafa hat es gewagt, sich in der Öffentlichkeit in
einem weltlichen Gewand und den nackten Degen in der Hand zu zeigen. Und
zu welchem Zweck? Um sich an einer ehrlosen Kurtisane zu erfreuen!"
Man kann sich die Totenstille denken, die diesen Worten gegen den
Kardinal-Minister unter allen Anwesenden folgte. Vor ihnen stand ein Greis
von achtzig Jahren, voll Zorn gegen den so geliebten Neffen, dem er bisher
alle Freiheit gelassen hatte. In seiner Entrüstung sprach der Papst weiter
davon, seinem Neffen den Kardinalshut zu nehmen.
Der Zorn des Papstes wurde noch durch den Gesandten des Großherzogs von
Toskana genährt, der sich über eine neue Anmaßung des Kardinalkanzlers
beklagte. Der unlängst noch so mächtige Kardinal meldete sich bei Seiner
Heiligkeit für die gewohnte Arbeit. Der Papst ließ ihn volle vier Stunden
vor aller Augen im Vorzimmer warten; dann schickte er ihn weg, ohne ihn
zur Audienz zuzulassen. Man kann ahnen, wie der unbändige Stolz des
Kardinals darunter litt. Er war gereizt, aber keineswegs niedergedrückt;
er überlegte, daß der vom Alter geschwächte und wenig an die Geschäfte
gewöhnte Greis, der sein ganzes Leben hindurch sich von der Liebe zu
seiner Familie hatte leiten lassen, bald wieder genötigt sein würde, auf
seine Tatkraft zurückzugreifen. Aber die fromme Tugend des heiligen
Papstes trug den Sieg davon; er berief die Kardinäle, und nachdem er sie
lange ohne zu sprechen angesehn hatte, brach er in Tränen aus und zögerte
nicht, etwas zu tun, das wie eine Buße war.
"Die Schwäche des Alters", sagte er, "und die Sorgfalt, die wir für die
Angelegenheiten unserer heiligen Kirche aufwenden, in der wir, wie Ihr
wißt, alle Mißbräuche ausmerzen wollen, haben uns bewogen, unsere
weltliche Autorität unsern drei Neffen anzuvertrauen; sie haben ihr Amt
schwer mißbraucht und wir entlassen sie für immer."
Man verlas darauf ein Breve, durch welches die Neffen aller ihrer Würde
entkleidet und in armselige Dörfer verwiesen wurden. Der Kardinalkanzler
wurde nach Civita Lavinia verbannt; der Herzog von Palliano nach Soriano
und der Marchese nach Montebello. Durch dieses Breve ging der Herzog auch
seiner regelmäßigen Gehälter verlustig, die sich auf 62 000 Piaster
beliefen, was im Jahre 1838 mehr als eine Million bedeutet.
Es konnte nicht die Rede davon sein, diesen strengen Befehlen nicht zu
gehorchen, zumal die Carafa das ganze Volk Roms, das sie verabscheute, zu
Feinden und Aufpassern hatte.
Der Herzog von Palliano schlug nun, in Begleitung seines Schwagers, des
Grafen d'Aliffe und Leonardos del Cardine seinen Wohnsitz in dem kleinen
Dorf Soriano auf, während die Herzogin und ihre Schwiegermutter nach
Gallese zogen, einem ärmlichen Neste, zwei knappe Meilen von Soriano
entfernt.
Diese Gegend ist entzückend, aber es war doch eine Verbannung, und man war
aus Rom vertrieben, wo man noch gestern mit aller Anmaßung geherrscht
hatte.
Marcello Capecce war mit den andern Höflingen seiner Herrin in das
ärmliche Dorf in die Verbannung gefolgt. An Stelle der Huldigungen ganz
Roms sah sich diese noch vor wenigen Tagen so mächtige Frau, die ihren
Rang mit dem ganzen Ungestüm ihres Stolzes genoß, nur noch von einfachen
Bauern umgeben, deren Staunen sie nur an ihren Fall erinnerte. Sie war
ohne jeden Trost; ihr Oheim war so alt, daß ihn voraussichtlich der Tod
überrascht, bevor er seine Neffen zurückgerufen hat; und was am
schlimmsten war: die drei Brüder verabscheuten einander. Man behauptete
sogar, daß der Herzog und der Marchese, welche die ungestümen
Leidenschaften des Kardinals nicht teilten und über seine Ausschweifungen
aufgebracht waren, so weit gegangen wären, sie ihrem Oheim, dem Papst, zu
denunzieren.
Mitten im Schrecken dieser tiefen Ungnade geschah etwas, das zum Unglück
sowohl für die Herzogin wie für Capecce selber sehr wohl zeigte, daß
diesen keine wirkliche Leidenschaft an Martuccia gefesselt hatte.
Eines Tages hatte ihn die Herzogin rufen lassen, um ihm einen Auftrag zu
geben; er war allein mit ihr, was vielleicht kaum zweimal während des
ganzen Jahres vorkam. Als Capecce sah, daß in dem Saal, wo ihn die
Herzogin empfing, niemand anwesend war, blieb er erst unbeweglich und ohne
ein Wort. Dann ging er zur Türe, nachzusehen, ob jemand da wäre, der sie
vom Nebenzimmer hören könnte. Hierauf wagte er es:
"Signora, beunruhigt Euch nicht und nehmt die seltsamen Worte, die ich
Euch zu sagen die Kühnheit haben werde, nicht mit Zorn auf. Seit langem
liebe ich Euch mehr als das Leben. Wenn ich in zu großer Unvorsichtigkeit
gewagt habe, Eure göttliche Schönheit wie ein Verliebter zu betrachten,
dürft Ihr nicht mir die Schuld geben, sondern der übernatürlichen Kraft,
die mich treibt und bewegt. Ich leide Qualen, ich brenne, ich bitte nicht
um Linderung der Flamme, die mich verzehrt, sondern nur, daß Euer Edelmut
Mitleid mit einem Diener habe, der voll Demut und ohne Vertrauen zu sich
selbst ist."
Die Herzogin schien überrascht, aber mehr noch beunruhigt.
"Marcello, was hast du eigentlich in mir gesehn," sagte sie ihm, "das dir
die Verwegenheit gibt, Liebe von mir zu fordern? Hat sich mein Leben, hat
sich meine Unterhaltung so weit vom Geziemenden entfernt, daß du dadurch
eine solche Unverschämtheit rechtfertigen kannst? Wie konntest du die
Vermessenheit haben, von mir zu glauben, daß ich mich dir oder irgendeinem
andern Mann hingeben könnte, außer meinem Herrn und Gemahl? Ich verzeihe
dir, was du gesagt hast, weil ich denke, daß du von Sinnen bist; aber hüte
dich, wieder in den gleichen Fehler zu verfallen, anders schwöre ich dir,
daß ich dich für die erste sowie für die zweite Frechheit zugleich strafen
lassen werde."
Die Herzogin entfernte sich außer sich vor Zorn. Capecce hatte auch
wirklich gegen alle Gebote der Klugheit gefehlt; er hätte erraten lassen
müssen, aber nichts aussprechen. Er blieb betroffen und fürchtete sehr,
daß die Herzogin die Sache ihrem Gemahl erzählen würde.
Aber es kam ganz anders, als er besorgte. In der Einsamkeit und Langweile
dieses Dorfs konnte die stolze Herzogin nicht umhin, ihrer Freundin Diana
Brancaccio anzuvertraun, was man ihr zu sagen gewagt hatte. Diese Frau von
etlichen dreißig Jahren verzehrten die heftigsten Leidenschaften. Sie
hatte rotes Haar -- der Chronist kommt mehrmals auf diesen Umstand zurück,
der ihm alle Torheiten der Diana Brancaccio zu erklären scheint -- und sie
liebte mit wilder Leidenschaft Domitiano[sic! weiter unten: Domiziano]
Fornari, einen Edelmann vom Hofstaat des Marchese von Montebello. Sie
wollte ihn heiraten, aber würden der Marchese und seine Frau, deren
Blutsverwandte zu sein sie die Ehre hatte, jemals zustimmen, daß sie einen
Mann heirate, der gegenwärtig ihr Bediensteter war? Dieses Hindernis war
wenigstens dem Anschein nach unüberwindlich.
Es gab nur eine Möglichkeit des Erfolgs: man mußte alles aufbieten, um die
Fürsprache des Herzogs von Palliano, des älteren Bruders des Marchese zu
erlangen, und Diana war in bezug darauf nicht ohne Hoffnung. Der Herzog
behandelte sie mehr als Verwandte denn als Dienerin, die sie als Hofdame
war. Er war ein guter Mensch von schlichter Gesinnung und gab lange nicht
so viel wie seine Brüder auf die Fragen der Etikette. Obgleich der Herzog
als ein richtiger junger Mann alle Vorteile seiner hohen Stellung genoß
und seiner Frau nichts weniger als treu war, liebte er sie zärtlich und
würde ihr aller Wahrscheinlichkeit nach keine Bitte abschlagen, würde sie
nur mit einer gewissen Eindringlichkeit vorgebracht.
Das Geständnis, das Capecce der Herzogin zu machen gewagt hatte, schien
der brütenden Diana ein unerwarteter Glücksfall. Ihre Herrin war bisher
zum Verzweifeln tugendhaft gewesen; wenn sie nun eine Leidenschaft
empfände, einen Fehltritt beginge, würde sie Dianas alle Augenblicke
bedürfen, und dann konnte sie alles von einer Frau erhoffen, deren
Geheimnisse sie kannte.
Weit davon, die Herzogin darauf aufmerksam zu machen, was sie sich
schulde, und auf die schreckliche Gefahr, der sie sich inmitten eines so
indiskreten Hofs aussetzen würde, sprach Diana, von der Unbändigkeit ihrer
Leidenschaft fortgerissen, zu ihrer Herrin von Marcello Capecce, als ob
sie von Domiziano Fornari spräche. In langen Unterhaltungen einsamer
Stunden fand sie täglich Gelegenheit, die Reize und die Schönheit des
armen Marcello, der so traurig aussah, in Erinnerung zu bringen; er gehöre
doch, wie die Herzogin, den vornehmsten Familien Neapels an, sein
Auftreten sei ebenso edel wie sein Blut, und nichts als jene Güter, die
eine Laune des Glücks jeden Tag verleihen könnten, fehlten ihm, um in
jeder Beziehung der Frau, die er zu lieben wagte, gleichzustellen.
Diana bemerkte erfreut als erste Wirkung dieser Reden, daß sich das
Vertrauen verdoppelte, das die Herzogin ihr schenkte.
Sie beeilte sich, Marcello Capecce von dem, was vorging, zu verständigen.
In der Glut dieses Sommers promenierte die Herzogin oft in den Wäldern der
Umgebung von Gallese. Neigte sich der Tag, so erwartete sie die kühlende
Brise vom Meere her auf den Hügeln dieser Wälder, von deren Gipfel man das
Meer in der kurzen Entfernung von kaum zwei Meilen erblickt.
Ohne die strengen Regeln der höfischen Sitte außer acht zu lassen, konnte
sich Marcello in diesen Wäldern aufhalten; er verbarg sich dort, wie man
sagt, und trug Sorge, sich den Blicken der Herzogin erst zu zeigen, wenn
sie durch die Worte der Diana Brancaccio genügend vorbereitet war. Diese
gab dann Marcello ein Zeichen.
Als Diana ihre Herrin nahe daran sah, der verhängnisvollen Leidenschaft
nachzugeben, die sie in ihrem Herzen erweckt hatte, gab sie selbst sich
der heftigen Liebe zu Domiziano Fornari hin. Nun schien es ihr ja sicher,
ihn heiraten zu können. Aber Domiziano war ein kluger junger Mann, von
kaltem, zurückhaltendem Charakter, und die ungestüme Leidenschaft seiner
feurigen Geliebten wurde ihm bald lästig, statt ihn zu fesseln. Diana
Brancaccio war, wie gesagt, eine nahe Verwandte der Carafa; er hielt es
für sicher, erdolcht zu werden, wenn der gefürchtete Kardinal Carafa, der,
mochte er auch jünger als der Herzog von Palliano sein, doch das
eigentliche Oberhaupt der Familie war, auch nur das Geringste über seine
Liebesbeziehung erführe.
Die Herzogin hatte schon seit einiger Zeit der Leidenschaft Capecces
nachgegeben, als man eines schönen Tages Domiziano Fornari nicht mehr in
dem Dorf fand, wohin man den Hof des Marchese von Montebello verbannt
hatte. Er blieb verschwunden. Später erfuhr man, daß er sich in dem
kleinen Hafen von Nettuno eingeschifft habe; ohne Zweifel hatte er seinen
Namen gewechselt; nie wieder hörte man von ihm.
Wer könnte die Verzweiflung Dianas schildern? Nachdem die Herzogin ihre
Anklagen gegen das Schicksal lange mit Güte angehört hatte, gab sie ihr
eines Tages zu verstehn, daß dieser Gesprächsgegenstand doch erschöpft zu
sein scheine. Diana sah sich von ihrem Liebhaber verschmäht; ihr Herz war
den grausamsten Leidenschaften preisgegeben; sie zog die sonderbarste
Schlußfolgerung aus dem Augenblick der Langeweile, den die Herzogin bei
der Wiederholung ihrer Klagen empfunden hatte. Diana redete sich ein, daß
die Herzogin Domiziano Fornari veranlaßt habe, sie auf immer zu verlassen,
ja daß sie es gewesen sei, die ihm die Mittel zur Reise gab. Dieser tolle
Einfall stützte sich auf nichts als einige Vorhaltungen, welche die
Herzogin ihr früher einmal gemacht hatte. Dem Argwohn folgte bald der
Wunsch, sich zu rächen. Sie suchte um eine Audienz beim Herzog nach und
teilte ihm mit, was zwischen seiner Frau und Marcello vorging. Der Herzog
weigerte sich, dem zu glauben. "Bedenkt," sagte er ihr, "daß ich der
Herzogin seit fünfzehn Jahren nicht den leisesten Vorwurf zu machen habe.
Sie hat den Versuchungen des Hofes und den Verführungen unserer glänzenden
Stellung in Rom widerstanden. Die liebenswertsten Persönlichkeiten, der
General der französischen Armee, Herzog von Guise selbst, haben nichts
erreicht, und Ihr wollt behaupten, daß sie einen gewöhnlichen Edelmann
erhört hat?"
Das Unglück wollte, daß der Herzog sich in Loriano, dem kleinen Dorf
seiner Verbannung, das nur zwei knappe Meilen vom Wohnsitz seiner Frau
entfernt lag, sehr langweilte und daß Diana dadurch eine ganze Reihe von
Audienzen erreichen konnte, ohne daß dies der Herzogin zur Kenntnis kam.
Diana hatte erstaunliche Kräfte; die Leidenschaft machte sie beredt. Sie
gab dem Herzog eine Fülle von Einzelheiten; die Rache war jetzt ihre
einzige Zerstreuung geworden. Sie wiederholte, daß sich Capecce fast jede
Nacht gegen elf Uhr in das Schlafgemach der Herzogin begab und nicht vor
zwei oder drei Uhr des Morgens fortgehe. Diese Reden machten im Anfang so
wenig Eindruck auf den Herzog, daß er sich nicht die Mühe auferlegen
wollte, um Mitternacht die zwei Meilen nach Gallese zurückzulegen und
unerwartet in das Schlafgemach seiner Frau zu treten.
Aber eines Abends befand er sich in Gallese; die Sonne war schon
untergegangen, aber doch war es noch hell, als Diana ganz zerzaust in den
Saal stürzte, wo sich der Herzog aufhielt. Alle entfernten sich, und sie
sagte ihm, daß Marcello Capecce eben in das Schlafzimmer der Herzogin
eingetreten sei. Der Herzog, der ohne Zweifel in diesem Augenblick
schlecht gelaunt war, nahm seinen Dolch und lief zum Schlafzimmer seiner
Frau, in das er durch eine geheime Tür eintrat. Er fand dort Marcello
Capecce. Die beiden Verliebten wechselten wohl die Farbe, als sie ihn
eintreten sahen; aber im übrigen war nichts Sträfliches am Anblick, den
sie boten. Die Herzogin lag im Bett und war damit beschäftigt, eine kleine
Auslage, die sie eben gemacht hatte, zu notieren; eine Kammerfrau war im
Zimmer und Marcello stand drei Schritt vom Bett entfernt.
Der Herzog packte in seinem Zorn Marcello bei der Kehle, schleppte ihn in
ein Nebenzimmer, wo er ihm befahl, Degen und Dolch, mit denen er bewaffnet
war, auf die Erde zu werfen. Hierauf rief der Herzog Leute seiner Wache
herbei, von denen Marcello sofort ins Gefängnis von Soriano abgeführt
wurde.
Die Herzogin ließ man in ihrem Schloß, doch unter strenger Bewachung.
Der Herzog war durchaus nicht grausam; es scheint, daß er die Absicht
hatte, die Schande zu verheimlichen, um nicht gezwungen zu sein, zu den
äußersten Mitteln zu greifen, welche die Ehre von ihm forderte. Er wollte
glauben machen, daß Marcello wegen einer ganz andern Angelegenheit im
Gefängnis gehalten würde; er nahm zum Vorwand, daß Marcello vor zwei oder
drei Monaten einige ungewöhnlich große Kröten zu sehr hohem Preis gekauft
hatte, und ließ das Gerücht verbreiten, dieser junge Mann habe ihn
vergiften wollen. Aber das wirkliche Vergehen war schon zu bekannt, und
sein Bruder, der Kardinal, ließ fragen, wann er gedenke, den Schimpf, den
man gewagt hatte, ihrer Familie anzutun, im Blute der Schuldigen
abzuwaschen.
Der Herzog rief den Grafen d'Aliffe, den Bruder seiner Frau, und einen
Freund des Hauses, Antonio Torando, zu sich. Sie bildeten zu dritt eine
Art Gerichtshof und leiteten die Untersuchung gegen Marcello Capecce ein,
der des Ehebruchs mit der Herzogin angeklagt wurde.
Die Unbeständigkeit der menschlichen Dinge wollte, daß der Papst Pius IV.,
der auf Paul IV. folgte, der spanischen Partei angehörte. Er konnte
Philipp II. nichts abschlagen, und dieser verlangte von ihm den Tod des
Kardinals und des Herzogs von Palliano. Die beiden Brüder wurden vor
Gericht angeklagt, und die Urkunden des Prozesses, den sie zu erdulden
hatten, erzählen uns auch alle Umstände des Todes von Marcello Capecce.
Einer der zahlreichen einvernommenen Zeugen sagt in folgender Weise aus:
"[sic! Das schließende Anführungszeichen fehlt.]Wir waren in Soriano. Mein
Herr, der Herzog hatte eine lange Unterredung mit dem Grafen d'Aliffe.
Sehr spät am Abend stieg man in ein Vorratsgewölbe zu ebener Erde
hinunter, wo der Herzog schon die zur peinlichen Befragung des Schuldigen
notwendigen Seile hatte vorbereiten lassen. Zugegen waren der Herzog, der
Graf d'Aliffe, der Herr Antonio Torando und ich.
Als erster Zeuge wurde der Hauptmann Camillo Grifone, der Freund und
Vertraute Capecces gerufen. Der Herzog sagte folgendes zu ihm:
'Sage die Wahrheit, mein Freund. Was weißt du von dem, was Marcello im
Schlafgemach der Herzogin tat?'
'Ich weiß nichts; ich bin seit mehr als zwanzig Tagen mit Marcello
entzweit.'
Weil er hartnäckig darauf bestand, nichts andres zu sagen, rief der Herr
Herzog einige Mann seiner Wache herein. Grifone wurde durch den Podesta
von Soriano an das Seil gebunden. Die Wachen zogen die Seile an und hoben
auf diese Weise den Schuldigen vier Finger vom Boden empor. Nachdem der
Hauptmann eine gute Viertelstunde so gehangen hatte, sagte er:
'Laßt mich herunter, ich werde sagen, was ich weiß.'
Als man ihn auf den Boden herabgelassen hatte, entfernten sich die Wachen,
und wir blieben mit ihm allein. Er sagte:
'Es ist wahr, daß ich mehrere Male Marcello bis zum Gemach der Herzogin
begleitet habe, aber weiter weiß ich nichts, weil ich in einem
benachbarten Hof bis gegen ein Uhr morgens auf ihn gewartet habe.'
Sofort rief man wieder nach den Wachen, welche ihn auf Befehl des Herzogs
von neuem so emporzogen, daß seine Füße den Boden nicht mehr berührten.
Bald rief der Hauptmann:
'Laßt mich ab, ich will die Wahrheit sagen. Es ist wahr,' fuhr er fort,
'ich habe seit mehreren Monaten bemerkt, daß Marcello ein Liebesverhältnis
mit der Herzogin hatte, und ich wollte Eurer Exzellenz oder Herrn Leonardo
davon Mitteilung machen. Die Herzogin schickte jeden Morgen zu Marcello,
um sich nach seinem Befinden zu erkundigen; sie ließ ihm kleine Geschenke
zukommen, so unter andern Dingen auch sehr teure mit großer Sorgfalt
zubereitete Konfitüren; ich habe auch bei Marcello kleine, wunderbar
gearbeitete Goldketten gesehen, die er offenbar von der Herzogin erhalten
hatte.'
Nach dieser Aussage wurde der Hauptmann ins Gefängnis zurückgeschickt. Man
führte nun den Pförtner der Herzogin vor, der sagte, daß er nichts wisse;
man band ihn an das Seil, und er wurde hochgezogen. Nach einer halben
Stunde sagte er:
'Laßt mich herab, ich werde sagen, was ich weiß.'
Als er am Boden war, behauptete er aber, nichts zu wissen; man zog ihn von
neuem hoch. Nach einer halben Stunde ließ man ihn herunter; er setzte
auseinander, daß er erst seit kurzer Zeit mit dem Dienst bei der Herzogin
betraut sei. Da es möglich war, daß dieser Mann nichts wußte, schickte man
ihn ins Gefängnis zurück. Alle diese Dinge hatten viel Zeit in Anspruch
genommen, weil man jedesmal die Wachen wieder hinausschickte. Die Wachen
sollten glauben, daß es sich um einen Vergiftungsversuch mit dem Gift der
Kröten handle.
Die Nacht war schon weit vorgeschritten, als der Herzog Marcello Capecce
holen ließ. Als die Wachen draußen waren und man die Tür fest verschlossen
hatte, sagte er ihm:
'Was hattet Ihr im Schlafgemach der Herzogin zu suchen, daß Ihr dort bis
ein Uhr, bis zwei Uhr und manchmal bis vier Uhr morgens bliebt?'
Marcello leugnete alles; man rief die Wache, und er wurde aufgehängt; das
Seil verrenkte ihm die Arme; er konnte den Schmerz nicht aushalten und
verlangte, herabgelassen zu werden; man setzte ihn auf einen Schemel, aber
einmal so weit, verwirrte er sich in seiner Rede und wußte eigentlich
nicht mehr, was er sagte. Man rief die Wachen herbei, die ihn von neuem
hochzogen; nach einer langen Zeit verlangte er, heruntergelassen zu
werden. Er sagte:
'Es ist wahr, daß ich zu dieser ungewöhnlichen Stunde in die Gemächer der
Herzogin eingetreten bin, doch hatte ich ein Liebesverhältnis mit der
Signora Diana Brancaccio, einer der Damen Ihrer Exzellenz, welcher ich die
Ehe versprochen habe, und die mir alles gewährt hat, was nicht gegen die
Ehre war.'
Marcello wurde in sein Gefängnis zurückgeführt, wo man ihn dem Hauptmann
und Diana gegenüberstellte, welche alles leugnete.
Darauf führte man Marcello wieder in den unteren Saal; als wir nahe der
Tür waren, sagte er:
'Herr Herzog, Eure Exzellenz wird sich erinnern, daß sie mir das Leben
zusicherten, wenn ich die volle Wahrheit sagen würde. Es ist nicht nötig,
mich von neuem anzubinden; ich werde alles gestehen.'
Dann näherte er sich dem Herzog und sagte ihm mit zitternder und kaum
verständlicher Stimme, daß es wahr sei, daß er die Gunst der Herzogin
genossen habe. Auf diese Worte hin warf sich der Herzog auf Marcello und
biß ihn in die Wange, dann zog er seinen Dolch, und ich sah, daß er den
Schuldigen erstechen wollte. Ich sagte da, daß es gut wäre, wenn Marcello
eigenhändig aufschriebe, was er soeben gestanden hätte und daß dies
Schriftstück Seiner Exzellenz zur Rechtfertigung dienen würde. Man trat in
den unteren Saal ein, wo sich alles befand, was zum Schreiben nötig war;
aber das Seil hatte Marcello so am Arm und an der Hand verletzt, daß er
nichts weiter schreiben konnte, als diese wenigen Worte: 'Ja, ich habe
meinen Herrn verraten; ja, ich habe ihm die Ehre genommen.'
Der Herzog las mit, während Marcello schrieb. In diesem Augenblick stürzte
er sich auf Marcello und versetzte ihm drei Dolchstöße, die ihm das Leben
nahmen. Diana Brancaccio war da, drei Schritte entfernt, mehr tot als
lebendig; sie bereute ohne Zweifel tausend- und abertausendmal, was sie
getan hatte.
'Weib, unwürdig einer edlen Familie anzugehören!' schrie der Herzog, 'du
einzige Ursache meiner Schmach, die du herbeigeführt hast, um deinen
unehrlichen Lüsten zu fröhnen; ich muß dir jetzt den Lohn für all deine
Verrätereien zahlen.'
Indem er diese Worte sprach, packte er sie bei den Haaren und schnitt ihr
den Hals mit einem Messer ab. Diese Unglückliche vergoß Ströme Blutes und
fiel endlich tot nieder.
Der Herzog ließ die beiden Leichen in eine Kloake nah vom Gefängnis
werfen.
Der junge Kardinal Alfonso Carafa, der Sohn des Marchese von Montebello,
der einzige der ganzen Familie, den Paul IV. bei sich behalten hatte,
glaubte ihm dieses Ereignis berichten zu müssen. Der Papst antwortete
nichts als die Worte:
'Und die Herzogin? Was hat man mit ihr gemacht?'
Man glaubte in Rom allgemein, daß diese Worte den Tod dieser unglücklichen
Frau herbeiführen würden. Aber der Herzog konnte sich nicht zu diesem
großen Opfer entschließen, sei es, weil sie schwanger war, sei es wegen
der außerordentlichen Zärtlichkeit, die er früher für sie gefühlt hatte.
Drei Monate nach der sehr edlen Tat, die der heilige Papst Paul IV.
vollbracht hatte, indem er sich von seiner ganzen Familie lossagte, wurde
er krank und nach drei weiteren Monaten der Krankheit verschied er am 18.
August 1559.
Der Kardinal schrieb Briefe über Briefe an den Herzog von Palliano und
wiederholte ihm unaufhörlich, daß ihre Ehre den Tod der Herzogin
erheische. Jetzt, wo ihr Oheim tot war und man nicht die Absichten des
kommenden Papstes wissen konnte, wollte er, daß alles in kürzester Frist
erledigt werde.
Der Herzog, der ein einfacher und guter Mensch war und in Ehrensachen viel
weniger ängstlich als der Kardinal, konnte sich nicht zu dem schrecklichen
äußersten Mittel entschließen, das man von ihm verlangte. Er sagte sich,
daß er selbst unzählige Treulosigkeiten gegen die Herzogin begangen habe
und ohne sich die geringste Mühe zu geben, sie ihr zu verbergen und daß
solche Untreue eine so stolze Frau leicht auf Vergeltungsgedanken hätte
bringen können. Selbst im Augenblick, als das Konklave zusammentrat,
schrieb der Kardinal, nachdem er die Messe gehört und die heilige
Kommunion empfangen hatte, ihm nochmals, er fühle sich durch dieses ewige
Verschieben gepeinigt und wenn der Herzog sich nicht endlich zu dem
entschließe, was die Ehre ihres Hauses fordere, beteuere er, daß er sich
niemals mehr seiner Angelegenheiten annehmen würde, und nie wieder suchen
würde, ihm nützlich zu sein, sei es im Konklave, sei es bei dem künftigen
Papst. Ein Grund, der dem Ehrenpunkt fern lag, vermochte es, den Herzog
zum Entschluß zu bringen. Obwohl die Herzogin streng bewacht wurde, fand
sie, wie man sagt, die Möglichkeit, Marc Antonio Colonna sagen zu
lassen -- welcher der Hauptfeind des Herzogs war, weil er ihm sein
Herzogtum Palliano hatte abtreten müssen -- sie wolle ihn in Besitz der
Festung Palliano setzen, die einem ihr ergebenen Mann unterstellt war,
wenn Marc Antonio Mittel fände, ihr das Leben zu retten und sie zu
befreien.
Am 28. August 1559 schickte der Herzog zwei Kompagnien Soldaten nach
Gallese. Am 30. kamen Don Leonardo del Cardine, ein Verwandter des Herzogs
und Don Ferrante, Graf d'Aliffe, der Bruder der Herzogin in Gallese an und
gingen in die Gemächer der Herzogin, um ihr den Tod zu geben. Sie
verkündeten ihr, daß sie sterben müsse und sie nahm diese Nachricht ohne
die leiseste Erregung hin. Sie wollte vorher beichten und die heilige
Messe hören. Als dann die beiden Herren sich ihr wieder näherten, bemerkte
sie, daß sie untereinander nicht einig waren. Sie fragte, ob sie einen
Befehl ihres Gatten, des Herzogs, hätten, sie zu ermorden.
'Ja, Signora', erwiderte Leonardo. Die Herzogin wollte ihn sehen; Don
Ferrante zeigte ihn ihr.
* * * * *
Ich finde in dem Prozeß des Herzogs von Palliano die Aussage der Mönche,
welche diesen schrecklichen Vorgängen beiwohnten. Diese Aussagen sind weit
über die der andern Zeugen zu stellen und das kommt, scheint mir, daher,
daß die Mönche ohne jede Furcht vor Gericht aussagten, während alle andern
Zeugen mehr oder weniger Mitschuldige ihres Herrn gewesen waren.
Der Kapuzinerbruder Antonio von Pavia sagte folgendes aus:
"Nach der Messe hatte sie fromm die heilige Kommunion genommen und während
wir ihr Trost zusprachen, trat der Graf d'Aliffe, der Bruder der Herzogin
ins Zimmer, in der Hand eine Schnur und einen daumdicken Haselnußstab, der
etwa eine halbe Elle lang sein mochte. Er verband der Herzogin mit einem
Taschentuch die Augen und sie zog es mit großer Kaltblütigkeit tiefer über
ihre Augen hinunter, um ihn nicht zu sehen. Der Graf legte ihr die Schnur
um den Hals, aber da sie nicht taugte, nahm sie der Graf wieder ab und
entfernte sich einige Schritte; als die Herzogin ihn gehen hörte, hob sie
das Taschentuch von den Augen und sagte:
'Nun? Was geschieht?'
Der Graf antwortete:
'Die Schnur war nicht gut, ich werde eine andre holen, damit Ihr nicht
leiden müßt.'
Als er diese Worte sprach, ging er hinaus und kam nach einigen Minuten mit
einer andern Schnur ins Zimmer zurück; er legte ihr von neuem das
Taschentuch über die Augen, schlang ihr die Schnur um den Hals, steckte
den Stab durch den Knoten, drehte ihn herum und erdrosselte sie. Die Sache
ging, was die Herzogin betraf, ganz im Ton einer gewöhnlichen Unterhaltung
vor sich."
Ein andrer Kapuziner, Bruder Antonio von Salazar, schließt seine Aussage
mit folgenden Worten:
"[sic! Die Setzung der Anführungszeichen der nächsten vier Absätze
entspricht durchaus der Vorlage.]Ich wollte mich zurückziehen, weil ich
Bedenken hatte wegen meines Gewissens und um sie nicht sterben zu sehn,
aber die Herzogin sagte zu mir:
'Entferne dich nicht von hier, um Gottes Barmherzigkeit willen.'
Nun erzählt der Mönch die Umstände ihres Todes genau so wie wir sie eben
geschildert haben. Er fügt hinzu:
'Sie starb als gute Christin, immer wiederholend: Ich glaube, ich
glaube.'"
Die beiden Mönche, welche offenbar von ihrem Vorgesetzten die nötige
Genehmigung erhalten hatten, blieben bei ihren Aussagen, daß die Herzogin
immer ihre völlige Unschuld beteuerte, sowohl in allen Unterredungen mit
ihnen, wie in jeder Beichte und besonders auch in der Beichte, die der
Messe voranging, wo sie das heilige Abendmahl empfing. Wäre sie schuldig
gewesen, hätte sie sich durch diesen Stolz bloß in die Hölle gestürzt.
In der Gegenüberstellung des Kapuzinerbruders Antonio von Pavia mit Don
Leonardo del Cardine, sagte der Bruder:
"Mein Gefährte sagte dem Grafen, daß es gut wäre, solange zu warten, bis
die Herzogin niederkäme; sie ist seit sechs Monaten schwanger," fügte er
hinzu, "und man sollte die Seele des armen unglücklichen Kleinen retten,
den sie in ihrem Schoß trägt; man muß ihn taufen."
Worauf der Graf d'Aliffe antwortete:
"Ihr wißt, daß ich nach Rom gehen muß, und ich will dort nicht mit dieser
Maske vor dem Gesicht erscheinen." Mit dieser ungesühnten Schmach wollte
er damit sagen.
Kaum war die Herzogin tot, als die beiden Kapuziner darauf bestanden, daß
man die Leiche ohne Verzug öffne, um das Kind zu taufen; aber der Graf und
Don Leonardo hörten nicht auf ihre Bitten.
Am nächsten Tag wurde die Herzogin in der Kirche des Orts mit einigem
Gepränge bestattet. Ich habe den amtlichen Bericht darüber gelesen. Dieses
Ereignis, dessen Kunde sich sofort verbreitete, machte wenig Eindruck; man
hatte es schon seit langem erwartet; man hatte schon mehrere Male die
Nachricht von diesem Tod in Gallese und in Rom verkündet und außerdem war
ein Mord außerhalb der Stadt und zu einer Zeit, wo der h. Stuhl frei war,
gar nichts Besonderes. Das Konklave, welches auf den Tod Paul IV. folgte,
war sehr stürmisch; es dauerte nicht weniger als vier Monate.
Am 26. Dezember 1559 war der Kardinal Carlo Carafa genötigt, bei der Wahl
eines Papstes mitzuwirken, welcher von Spanien vorgeschlagen worden war
und folglich allen strengen Maßnahmen willig zustimmen mußte, die Philipp
II. gegen ihn, Kardinal Carafa, verlangen würde. Der Neuerwählte nahm den
Namen Pius IV. an.
Wenn der Kardinal zur Zeit, als sein Oheim starb, nicht verbannt gewesen
wäre, hätte er auf die Wahl Einfluß gehabt oder zum mindesten hätte er die
Ernennung eines Feindes verhindern können.
Kurz darauf verhaftete man den Kardinal wie den Herzog; der Befehl Philipp
II. ging offenbar dahin, sie zugrunde zu richten. Sie hatten sich gegen
vierzehn Hauptanklagepunkte zu verantworten. Man verhörte auch alle, die
über diese vierzehn Punkte hatten Aufklärung geben können. Dieser
ausgezeichnet geführte Prozeß macht zwei Foliobände aus, die ich mit
großem Interesse gelesen habe, weil man dort auf jeder Seite Schilderungen
von Sitten trifft, welche die Historiker der Erhabenheit der Geschichte
nicht würdig fanden. Ich habe dort sehr merkwürdige Einzelheiten über
einen Mordanschlag verfolgen können, der von der spanischen Partei gegen
den Kardinal Carafa versucht wurde, als er noch allmächtiger Minister war.
Übrigens wurde er und sein Bruder wegen Verbrechen verurteilt, die für
andere keine gewesen wären, zum Beispiel: den Liebhaber einer untreuen
Frau getötet zu haben und diese Frau auch. Einige Jahre später heiratete
der Fürst Orsini die Schwester des Großherzogs von Toscana; er glaubte,
daß sie ihm untreu sei und ließ sie in Toscana selbst unter Zustimmung
ihres Bruders des Großherzogs vergiften und niemals wurde ihm das
Verbrechen angerechnet. Auch mehrere Fürstinnen aus dem Hause Medici sind
so gestorben.
Als der Prozeß der beiden Carafa beendet war, machte man einen langen
Auszug davon, der zu wiederholten Malen von den Kongregationen der
Kardinäle geprüft wurde. Nachdem man einmal übereingekommen war, den Mord,
der den Ehebruch rächte, mit dem Tode zu bestrafen -- eine Art Verbrechen,
mit dem das Gericht vordem sich nie befaßt hatte -- ist es nur zu klar,
daß der Kardinal schuldig war, seinen Bruder zum Verbrechen angestiftet zu
haben, wie der Herzog schuldig, weil er es ausführen ließ.
Am 3. März 1561 hielt Papst Pius IV. ein Konsistorium, das acht Stunden
dauerte und bei dessen Schluß er das Urteil über die Carafa in folgender
Weise sprach: Prout in schedula -- Es möge nach dem Gesetze geschehn.
In der Nacht des folgenden Tages schickte der Fiskal den Borgelloführer
der Sbirren nach der Engelsburg, um das Todesurteil an den beiden Brüdern,
Carlo, Kardinal Carafa und Giovanni, Herzog von Palliano, vollstrecken zu
lassen. So geschah es. Man nahm zuerst den Herzog vor. Er wurde von der
Engelsburg in das Gefängnis von Tordinone überführt, wo alles vorbereitet
war, denn dort wurden dem Herzog, dem Grafen d'Aliffe und Don Leonardo del
Cardine der Kopf abgeschlagen.
Der Herzog ertrug diese schrecklichen Augenblicke nicht nur wie ein Mann
von hohem Adel, sondern er war auch als Christ bereit, alles aus Liebe zu
Gott zu erdulden. Er richtete schöne Worte an seine beiden Gefährten, um
sie auf den Tod vorzubereiten; dann schrieb er an seinen Sohn.
Der Bargello kehrte zur Engelsburg zurück; er kündigte dem Kardinal Carafa
den Tod an und gab ihm nicht mehr als eine Stunde Zeit, um sich
vorzubereiten. Der Kardinal zeigte eine Seelengröße, welche die seines
Bruders noch übertraf, um so mehr als er weniger Worte sagte; Worte sind
immer eine Kraft, die man außer sich selbst sucht. Man hörte ihn, bei der
Ankündigung der schrecklichen Neuigkeit, nur mit leiser Stimme sagen:
"Ich sterben? Oh, Papst Pius! Oh, König Philipp!" Er beichtete; er
rezitierte die sieben Bußpsalmen, dann dann setzte er sich auf einen
Sessel und sagte zu dem Henker: "Tu's!"
Der Henker erwürgte ihn mit einer Seidenschnur, die zerriß; er mußte es
zweimal machen. Der Kardinal blickte den Henker an, ohne ihn eines Wortes
zu würdigen.
* * * * *
Wenige Jahre darauf ließ der heilige Papst Pius V. den Prozeß wieder
aufnehmen; er wurde ungültig erklärt; dem Kardinal und seinem Bruder
wurden alle ihre Ehren wieder verliehen und der Generalprokurator, der am
meisten zu ihrem Tode beigetragen hatte, wurde gehenkt. Pius V. verfügte
die Unterdrückung des Prozesses; alle Kopien, die in den Bibliotheken
davon existierten, wurden verbrannt; es wurde bei Strafe der
Exkommunikation verboten, etwas davon aufzubewahren; aber der Papst dachte
nicht daran, daß er in seiner eigenen Bibliothek eine Abschrift des
Prozesses aufhob und nach dieser Abschrift sind alle die gemacht, die man
heute sieht.