Der Bund der wahrhaftigen Christen.«

Fragend sah Lotte ihren Bräutigam an.

Dieser hob sie zu sich empor, küßte sie auf die Nasenspitze und lachte

wieder aus vollem Halse.

»Na, Tschapperl, verstehst du noch immer nicht? Der Bund der

wahrhaftigen Christen, der seit Wochen Wien verrückt macht, bin ich! Und

ich werde nicht aufhören, bevor nicht der große Wirbel eingetreten ist.

Die zwei neuen Plakate werden wirken, sag ich dir! Das sind meine Gas-,

Stink- und Leuchtbomben, mit denen ich töte, ersticke und erleuchte.«

Lotte zitterte.

»Leo, wenn du dabei erwischt wirst, so ist es um dich geschehen!«

»Wenn, wenn! Aber man wird nicht! Ich habe eine wunderbare Technik beim

Befestigen der Zettel! Ich schlendere morgens an einem Tor oder einer

Wand vorbei, und im Gehen, ohne auch nur eine Sekunde mich aufzuhalten,

treibe ich den Nagel ein, an dem der Zettel schon hängt! Und selbst,

wenn die Polizei die Zettel wenige Minuten später wieder abreißt, so

schadet das nicht, weil die »Arbeiter-Zeitung« den Inhalt schon

abgedruckt hat. Verlaß dich auf mich, mein Lieb, es muß das geschehen,

ich gehe einen genau vorgezeichneten Weg und nehme mich ohnedies

höllisch in acht.«

Lotte saß auf dem großen Zeichentisch, baumelte mit den schlanken Beinen

und sagte nachdenklich:

»Weißt du, Leo, du hast schon sehr viel erreicht, glaube ich. Gestern

war bei uns größere Gesellschaft. Zehn Herren und Damen waren da und es

wurde fast ununterbrochen von der Judenausweisung und ihren Folgen

gesprochen. Und alle, darunter auch der Hofrat Tumpel, waren darin

einig, daß man sich mit der Ausweisung eines Teiles der Ostjuden, und

zwar jenes Teiles, der eine anständige Beschäftigung nicht nachweist,

hätte begnügen müssen. Hofrat Tumpel, der vor einem Jahr noch wütend

wurde, wenn man mit dem Bundeskanzler nicht ganz einverstanden war,

sagte schließlich:

»Ja, ja, es scheint, als wenn man da in einen höchst komplizierten

Mechanismus allzu brutal eingegriffen hätte! Gewisse nicht zu

unterschätzende jüdische Eigenschaften fehlen uns ganz bedenklich!«

Dazu ist allerdings zu bemerken, daß der Bruder des Hofrates die

Buchhandlung in der Seilergasse besitzt, die sich nur mit dem Vertrieb

von Luxusbüchern und Kunstdrucken befaßt. Seit die Juden weg sind, macht

er gar keine Geschäfte mehr und sein Bruder, der Hofrat, hat schon

zweimal große Summen opfern müssen, um ihn vor dem Bankerott zu

bewahren. Und noch etwas, Leo: Ich halte doch immer, in der Früh', wenn

ich einkaufe, und im Konzert und in der Oper und der Straßenbahn die

Augen und Ohren offen. Und ich höre, wie die Leute immer mehr mit Wehmut

an die Vergangenheit zurückdenken und von ihr wie von etwas sehr Schönem

sprechen. »Damals, wie die Juden noch da waren«, das kann man täglich

zehnmal in allen Tonarten nur in keiner gehässigen, hören. Weißt du, ich

glaub', die Leute bekommen ordentlich Sehnsucht nach den Juden!«

Leo preßte das kluge Mädchen an sich. »Und ich will das Meinige tun, um

diese Sehnsucht unwiderstehlich zu machen.«

»Aber sei recht vorsichtig, Leo, bedenk', daß, wenn man dich umbringt,

es auch mein Leben kostet!«

* * * * *

Traurigere Weihnachten hatte Wien noch nie erlebt. Der ungeheuerlichen

Teuerung stand der vollständige Stillstand des Lebens gegenüber. Die

Teuerung allein hätte die guten Phäaken nicht anfechten können. Sie

waren sie ja schon seit einem Dezennium gewöhnt, und ob das Viertel Wein

nun zehntausend oder fünftausend Kronen kostete, war schließlich egal,

wenn man genug verdiente, wenn der Arbeiter hohen Lohn bekam und der

Kaufmann abends die Kasse voll mit Zehntausendern hatte. Jetzt war das

aber nicht mehr der Fall. Die enormen Banknotenmassen blieben bei den

Bauern liegen, in den Städten herrschte vollständige Kaufunlust, ein

großer Teil der Arbeiter feierte und war auf die staatliche

Unterstützung angewiesen, und in der Weihnachtsnummer veröffentlichten

die Zeitungen Statistiken, aus denen hervorging, daß seit zwei Jahren

allein in Wien an die fünftausend Bankfilialen, Kaffeehäuser,

Restaurants und Geschäfte geschlossen hatten. Neuerdings trat ein

Riesenkrach nach dem anderen in der Industrie ein, Aktiengesellschaften,

die man noch vor kurzem für bombensicher gehalten hatte, erklärten sich

insolvent und man sprach sogar von dem baldigen Zusammenbruch zweier

Großbanken.

Was nutzte es den Wienern unter solchen Umständen, daß sie überall Platz

hatten, sogar an den Weihnachtsfeiertagen die Theater nicht ausverkauft

waren und man nicht mehr den aufreizenden Judennasen begegnete? Was

nutzte es, daß man zur christlichen Einfachheit zurückgekehrt war und

sich den Vollbart wachsen ließ, wenn die Friseurgehilfen massenhaft

entlassen werden mußten, weil es keine Arbeit mehr für sie gab?

Am schlimmsten waren die Juweliere daran. Die meisten waren Juden

gewesen und hatten auswandern müssen, und nun führten diese Geschäfte

ehemalige kleine Uhrmacher und andere sicher sehr ehrenwerte Leute, die

aber zum holländischen Edelsteinmarkt, der fast ausschließlich in

jüdischen Händen liegt, keinerlei Beziehungen hatten und bei jedem

Einkauf über die Ohren gehauen wurden. Schließlich hatte der Einkauf im

Ausland ganz aufgehört, weil niemand mehr Schmuck wollte, wohl aber der

Andrang derer, die verkaufen mußten, immer stärker wurde. Langsam aber

sicher wanderte ein großer Teil des inländischen Juwelenbesitzes in die

Nachbarstaaten, nach England, Frankreich und Amerika, und auch dabei

waren die Juweliere, die diesen Export betrieben, die Leidtragenden.

Wenn ein Juwelier heute eine Perlenschnur für zehn Millionen aus

privatem Besitz kaufte und sie bald darauf für dreißig Millionen einem

Amerikaner anhängte, so bildete er sich ein, ein glänzendes Geschäft

gemacht zu haben und begoß seine Freude mit Wein, lobte den Doktor

Schwertfeger und kaufte eine Fettgans, die nun nicht mehr das

Privilegium der Juden war. Bevor er aber noch die schwere Gansleber

verdauen hatte können, waren seine dreißig Millionen nicht einmal die

zehn wert, die er ausgegeben und er besaß kein Geld mehr zu neuen

Ankäufen.

So war es wahrhaftig kein Wunder, wenn zu Weihnachten eine Welle der

Erbitterung und Unzufriedenheit durch Wien ging und die Silvesternacht

nicht mit Jubel und Radau wie sonst, sondern in Verdrossenheit und

Mutlosigkeit gefeiert wurde.

Und wenn der Bundeskanzler das Gespräch mitangehört hätte, das in der

Weihnachtswoche der Herr Habietnik, Besitzer des großen Modehauses in

der Kärntnerstraße, und der Herr Mauler, Inhaber des großen

Juweliergeschäftes am Graben, miteinander führten, so wäre sein Ingrimm

noch größer gewesen, als er es ohnedies war.

Herr Habietnik und Herr Mauler saßen im Grabenkaffee und klagten beide

über das elende Weihnachtsgeschäft, das den Ruin Tausender von

Geschäftsleuten besiegeln mußte. Plötzlich beugte sich Herr Habietnik zu

Herrn Mauler und erzählte ihm von einem Traum, den er in der vergangenen

Nacht gehabt.

»Stellen Sie sich vor, Herr Mauler, i hab' g'träumt, daß plötzlich zu

mir ins Geschäft lauter Juden und Jüdinnen gekommen san. Alle waren

hochelegant und haben Banknotenbündel in den Händen gehalten und es ist

ein Riesenwirbel entstanden. Die Madeln konnten die Pelze und Stoffe,

die Mäntel und Kostüme gar nicht schnell genug herbeibringen und die

ganze Modeabteilung war von Seide und Samt, von Spitzen und Stickereien

gefüllt. Und nichts war den Jüdinnen gut genug und eine sehr eine fesche

jüdische Dame hat immer geschrien: »Das ist gar nichts! Wir kommen aus

Paris und Palästina, wo die neuesten Moden sind, zeigen Sie das Beste,

was Sie haben.« Und da hat meine erste Verkäuferin plötzlich eine

Barchenthose gebracht und hat gesagt: »Aber meine verehrte gnädige

Israelitin, das ist doch das Neueste aus Paris!« Und da ist ein

furchtbares Gelächter entstanden, so daß ich aufgewacht bin! Glauben S'

nicht, Herr Mauler, daß der Traum was zu bedeuten hat?«

Herr Mauler aber meinte grinsend:

»Ja, er hat zu bedeuten, daß bald die ganze Welt über uns lachen wird

und wir uns in Flanell und Barchent einwickeln werden, bevor wir

begraben werden. Aber das eine weiß ich, Herr Habietnik, wenn so

plötzlich vor meinem Laden ein Automobil vorfahren würde mit einem

jüdischen Ehepaar, so tät ich sie beide abküssen und hätt' noch einmal

eine Freude am Leben! Wissen Sie, Herr Habietnik, wie ich früher noch

Kommis beim Herrn Zwirner war, der mein Geschäft gehabt hat, da hab' ich

mir oft gedacht, daß es eigentlich eine Schand' ist, daß fast nur die

Juden Geld genug haben, um Brillanten und Perlen zu kaufen. Und einmal

habe ich das auch laut gesagt. Da hat mich der Herr Zwirner angelacht

und gesagt: »Herr Mauler, sein Sie kein Narr, sondern froh darüber, daß

die Juden kaufen und das Geld unter die Leute bringen. Oder möchten Sie

es lieber haben, daß auch die Juden ihr Geld vergraben und verstecken

wie die Bauern? Sie werden sehen, wenn das mit dem Antisemitismus so

weitergeht, so werden die reichen Juden auswandern und dann können die

Geschäftsleute sperren!«

Na und jetzt sind nicht nur die reichen, sondern auch die armen Juden

ausgewandert und wir sind richtig alle kapores!«

* * * * *

Bei Spineders war der heilige Abend in der gewohnten patriarchalischen

Weise gefeiert worden. Die Stimmung war aber nicht die beste. Der Hofrat

begann ernstliche Sorgen materieller Art zu haben, die ihm die

Entwertung seines Vermögens bereitete; Frau Spineder konnte sich noch

immer von dem Schrecken nicht erholen, den ihr die Tatsache eingejagt,

daß sie für den Weihnachtskarpfen fünfzigtausend Kronen und für die

Weihnachtsgans hunderttausend hatte zahlen müssen, und Lotte war

unruhig, weil sie ohne Nachricht von Leo war und doch gehofft hatte, daß

er sich irgendwie wenigstens mit einem Glückwunsch melden würde.

Gerade als mit Andacht der kostbare Fisch verzehrt wurde, läutete die

Haustorglocke und das Stubenmädchen meldete, ein Mann sei da, der dem

gnädigen Fräulein etwas persönlich zu überbringen habe. Lotte stürzte

hinaus, und der in einen Pelz gehüllte Mann, der ihr etwas zu übergeben

hatte, küßte sie im dunklen Hausflur wie verrückt ab, um ihr dann ein

winziges Päckchen in die Hand zu drücken und eilends wieder zu

verschwinden.

Im Speisezimmer wickelte Lotte das kleine Paket aus und entnahm einem

Lederetui einen Ring mit einer köstlichen, haselnußgroßen Perle.

»Ein Weihnachtsgeschenk von Herrn Henry Dufresne«, sagte Lotte, die

purpurrot geworden war, und ein unendliches Glücksgefühl durchströmte

ihr junges Herz, als sie den Ring über den Finger zog.

Der Herr Hofrat aber war betreten und erklärte kategorisch:

»Lotte, nun aber muß dieser Herr Dufresne sich uns doch endlich

vorstellen und um deine Hand anhalten. Denn ein solcher Ring, den man

einem Mädchen schenkt, ist einfach ein Verlobungsring.«

Lachend küßte Lotte ihren Vater.

»Habt noch ein wenig Geduld! Leo -- Henry sagt, daß er sehr bald zu euch

kommen werde.«

Die Mama aber schüttelte wieder den Kopf und dachte:

»Seltsame Zeiten, seltsame Jugend! Liebt einen, vergißt ihn und

verwechselt dann seinen Namen mit dem des Nachfolgers!«

Im Januar vereinigten sich mehrere große Konsumentenorganisationen zu

einer Massenversammlung in der Volkshalle des Rathauses unter der

Devise: »Wir können nicht weiter!« Zehntausende von Menschen waren der

Einladung gefolgt und trotz der außerordentlichen Kälte standen vor dem

Rathaus ungeheure Menschenmassen, die in der Volkshalle nicht mehr Platz

gefunden hatten.

Die Versammlung bot ein merkwürdiges Bild. Leo Strakosch, der sich

ebenfalls eingefunden hatte, konstatierte, noch niemals so viele

vollbärtige Männer gesehen und noch nie so viele Heilrufe gehört zu

haben. Eine andere Staffage und man hätte an eine Tiroler

Bauernversammlung zur Zeit des Andreas Hofer denken können. Auch

Weiblichkeit war massenhaft vertreten, aber wahrhaftig nicht die

lieblichste, die Wien aufzuweisen hat. Unter allgemeinem Heil-Gebrüll

eröffnete der Apotheker Doktor Njedestjenski die Versammlung mit der

Feststellung, daß es so nicht weitergehen könne. Er vermied es

sorgfältig, die Notlage und Teuerung mit der Judenausweisung in

Zusammenhang zu bringen, sondern gab sich höchst deutschnational und

behauptete, nur die Tatsache, daß Oesterreich sich nicht an Deutschland

anschließen könne, sei schuld an dem jammervollen Niedergang Wiens.

Worauf ein Arbeiter unter schallender Heiterkeit dazwischen rief:

»Wir können uns ja gar nicht mehr anschließen, oder glauben Sie, daß die

Deutschen auch solche Trotteln wie wir sind und ihre Juden

hinausschmeißen werden?«

Das brachte den Apotheker aus dem Konzept, er stammelte noch etwas von

deutscher Einheit und deutschem Volksbewußtsein, schrie »Heil« und gab

den Rednern das Wort. Worauf fast nur mehr über die Juden gesprochen

wurde. Und zwar so, daß ein Unkundiger hätte glauben müssen, Wien sei

die judenfreundlichste Stadt der Welt. Als ein Weinhändler

antisemitische Töne anschlug, wurde er direkt niedergeschrieen und ein

Zwischenruf: »Hätten wir lieber von den Juden gelernt, als sie

hinauszujagen!« fand großen Beifall. Leo konnte sich nicht länger

beherrschen. Mit bedenklichem Herzklopfen meldete er sich bei dem

Vorsitzenden zum Wort und bestieg die Rednertribüne, während er dachte:

Nun, Frechheit, steh' mir bei! Er tat, als würde er die deutsche Sprache

nur unvollkommen beherrschen, betonte immer wieder, daß er als Franzose

eigentlich nicht befugt sei, sich in die Angelegenheiten Oesterreichs zu

mischen, aber von Wohlwollen für diese unvergleichlich schöne und

liebreizende Stadt, der schönsten nach oder mit Paris, erfüllt, doch

nicht umhin könne, seiner Meinung Ausdruck zu geben. Worauf die

anwesenden Vollbärte geschmeichelt und die Frauen, von dem schlanken,

hübschen Mann trotz des Knebelbartes entzückt »Heil!« schrieen. Und dann

fuhr Leo mit französischem Akzent fort:

»Auch wir in Paris haben sehr viele Juden, gute und schlechte, wertvolle

und schädliche. Jedenfalls sind viele darunter, die alle Hochachtung

verdienen und dem Land von großem Nutzen sind. Niemandem aber würde es

bei uns einfallen, die Juden ausweisen zu wollen, sondern jeder

versucht, ihre guten Eigenschaften auszunützen. Ich bin hier nicht zu

Hause und kenne daher die Wiener Juden nicht so genau, kann aber sagen,

daß ich in Paris mit sehr vielen aus Wien Ausgewiesenen verkehrt habe,

die einen vortrefflichen Eindruck gemacht haben und sicher sehr bald

gute Franzosen sein werden. Es ist möglich, daß zwischen den

österreichischen Christen und den Juden ein größerer Unterschied ist,

als zwischen den leichtbeweglichen und temperamentvollen Franzosen und

den Juden. Aber gerade deshalb müßte doch eine gute Ergänzung möglich

sein. Ich höre, daß man den Juden hierzulande den Vorwurf gemacht hat,

das Kapital zu beherrschen und relativ mehr Geld zu besitzen als die

christlichen Bürger. Ja, meine Verehrten, daraus geht doch nur hervor,

daß sie rascher im Denken und Handeln sind, und eine kluge Regierung

müßte solche Eigenschaften für die Allgemeinheit zu benutzen verstehen.«

Stürmische Zurufe von allen Seiten: »Jawohl, eine gescheite Regierung,

aber wir haben eben eine blöde! Recht hat er! Heil! Heil!«

»Meine Verehrten,« sagte Leo lächelnd, »ob einem die Juden sympathisch

sind oder nicht, ist eigentlich gleichgültig. Der Sauerteig, der dem

Brotmehl beigegeben wird, schmeckt an sich recht abscheulich und doch

kann ohne ihn kein Brot gemacht werden. So müßte man auch die Juden

betrachten. Sauerteig, an sich wenig erfreulich und in zu großen

Quantitäten schädlich, aber in der richtigen Mischung unentbehrlich für

das tägliche Brot. Und ich glaube, daß Ihr Brot sitzen bleibt, weil ihm

der Sauerteig fehlt!

Nun heißt es aber nicht räsonieren und das, was geschehen ist, beklagen,

sondern zusehen, wie Abhilfe geschaffen werden kann. Wie das in

Oesterreich möglich sein wird, weiß ich nicht. In Frankreich würde in

solchem Falle die Bevölkerung auf Neuwahlen dringen, die zeigen müßten,

ob das Volk mit den herrschenden Zuständen zufrieden ist oder sie ändern

will!«

Damit trat Leo ab, um rasch in der Menge zu verschwinden. Der

Versammlung hatte sich eine ungeheure Aufregung bemächtigt. Wie ein

Funke in ein Dynamitfaß, so hatte das Wort »Neuwahlen« in die

Menschenmassen eingeschlagen, die riesige Halle erdröhnte von diesem aus

dreißigtausend Kehlen geschrieenen Wort, das sich auf die Straße

fortpflanzte und zum Schlagwort der kommenden Zeit wurde.

Am folgenden Tage fand in der Redaktion der »Arbeiter-Zeitung« eine

Konferenz der Hauptredakteure und der Vertrauensmänner der Partei statt,

in der zum erstenmal seit Jahren wieder beschlossen wurde, aktive,

energische Politik zu machen und mit dieser Politik aus den

geschlossenen Räumen auf die Straße zu gehen. Der Chefredakteur der

»Arbeiter-Zeitung«, der ehemalige Federnschmücker Wunderlich, der nach

bestem Gewissen das Erbe Viktor Adlers verwaltete, kam zu folgender

Konklusion:

»Wir müssen das Schlagwort dieses merkwürdigen französischen Malers, der

unmöglich Diefreß heißen kann, wie ihn der Trottel von Vorsitzenden

niedergeschrieben hat, aufgreifen. Von heute an werden wir in unseren

Blättern, in unseren Versammlungen und Beratungen immer wieder Neuwahlen

fordern. Und nun werden wir unsere Freunde in Frankreich, Holland, der

Tschechoslowakei, in England und Amerika in Aktion setzen und sie

veranlassen, alles zu tun, damit große Kronenbeträge auf den Markt

geworfen werden. Fällt die Krone neuerdings empfindlich, steigt die

Teuerung, die derzeit stagniert, wieder an, so ist die Lage reif für uns

und wir werden, wenn es sein muß, die Auflösung der Nationalversammlung

mit Gewalt erzwingen.«

* * * * *

In den nächsten Tagen ereignete sich noch etwas, was in den

stramm-christlichsozialen Kreisen große Bestürzung erregte. Der

Bürgermeister von Wien, nach Schwertfeger der mächtigste Mann im Reiche,

Herr Karl Maria Laberl, fiel sozusagen um. Nicht aus eigenem Willen

allerdings, sondern weil ihm sein Präsidialist Herr Kallop ein Bein

stellte. Von diesem Herrn Kallop wußte man längst im Rathause, daß er

eigentlich umgekehrt, das heißt Pollak, heißen müßte, weil dies der Name

seines Großvaters war. Und als die Juden noch in Wien gewesen, erzählte

man in ihren Kreisen, daß der alte Pollak ein aus Galizien

eingewanderter Getreidehändler wäre, der eine Christin geheiratet habe

und sich deshalb taufen ließ. Sein Sohn habe schon den Namen Kallop

angenommen, war ein in christlichen Kreisen angesehener Advokat, der

wieder eine Christin heiratete, so daß die Enkelkinder des alten Pollak

nach dem Schwertfegerschen Gesetz als Vollarier anzusehen waren. Josef

Kallop, der Sohn des Advokaten, taugte in seiner Jugend nichts, konnte

seine juristischen Studien nicht beenden und wurde daher mit Erfolg

Magistratsbeamter. An Schlauheit den meisten seiner Kollegen turmhoch

überlegen, brachte er es bald zum Präsidialisten und seit geraumer Zeit

war er die rechte Hand des Bürgermeisters Laberl.

Herr Kallop also war es, der den Bürgermeister zum Umfallen brachte. Er

machte ihm klar, daß ein großer Umschwung bevorstehe.

»So geht es nicht weiter, Herr Laberl, das ist Ihnen doch ganz klar. Es

wird demnächst Unruhen geben, ernste Unruhen sogar, und eines Tages wird

die Regierung sozusagen flötengehen. Wenn Sie nicht mit flötengehen

wollen, so müssen Sie sich beizeiten ein wenig umdrehen. Rücken Sie von

Schwertfeger ab, geben Sie zu, daß man bei der Judenausweisung zu weit

gegangen ist, und ganz Wien wird plötzlich inmitten des Rummels, der

kommen muß und wird, sagen: Unser Bürgermeister, das ist ein Gescheiter,

der lenkt ein und wird uns noch herausreißen.«

Herr Karl Maria Laberl nickte, strich sich den schönen, weißen Bart, war

von seinem überlegenen Verstand schon ganz durchdrungen, fragte aber

einigermaßen ängstlich:

»Lieber Kallop, das ist ja ganz richtig, was Sie da sagen und entspricht

dem, was ich mir schon längst gedacht habe. Aber wie soll ich denn das

machen?«

»Sehr einfach, Herr Bürgermeister. Wir berufen eine Versammlung der

christlichsozialen Bürgervereinigung des, na, sagen wir ersten Bezirkes

ein, weil dort unter den Geschäftsleuten geradezu eine Panikstimmung

herrscht. Und dann halten Sie eben eine Rede, die wir zusammen

ausarbeiten werden.«

Und so geschah es, nur daß das »Zusammenausarbeiten« darin bestand, daß

Herr Laberl die Rede, die sein Präsidialist niederschrieb, auswendig

lernen mußte. Als dann die Versammlung der Bürgervereinigung abgehalten

wurde, begrüßte sie Herr Laberl sehr feierlich, sprach von dem Ernst der

Zeiten, von den Zuständen, die man nicht mehr ertragen könne und sagte

schließlich:

»Der Ruf nach Neuwahlen wird immer ungestümer und ich bin der letzte,

der den Ruf nicht hören will. Im Gegenteil, ich persönlich bin dafür,

daß man tut, was das Volk will und durch Neuwahlen feststellt, ob die

Bevölkerung Oesterreichs auch jetzt noch gutheißt, was die Regierung vor

mehr als zwei Jahren getan, oder ob sie eine radikale Aenderung wünscht.

Ich und wohl mit mir Sie alle, meine Herren, haben nur ein Ziel vor

Augen: Den Wiederaufbau möglich zu machen, das unglückliche Volk aus dem

Labyrinth, in das die Entente aber vielleicht auch schwerwiegende eigene

Irrtümer es gestoßen haben, wieder ans Licht des Tages zu führen. Keine

Dogmatik, kein Fanatismus, keine persönliche Antipathie oder Sympathie

darf uns leiten, meine Herren, sondern lediglich der Nützlichkeitsgedanke!«

Kallop sorgte dafür, daß die Rathauskorrespondenz noch in derselben

Nacht die Rede des Bürgermeisters im Wortlaut den Zeitungen

übermittelte, und am nächsten Tag wußte es sogar der dümmste Kerl von

Wien, daß Karl Maria Laberl den Bundeskanzler im geeigneten Moment im

Stich lassen werde.

Als Doktor Schwertfeger in den Morgenblättern die nur von der

»Arbeiter-Zeitung« entsprechend kommentierte Rede des Bürgermeisters

las, stieg ihm gallbitterer Speichel in den Mund und er spie aus. Dann

warf er einen langen, verlorenen, glanzlosen Blick vom Fenster über den

Volksgarten, den jetzt ein weißes Leichentuch bedeckte.

Herr Kallop aber rieb sich im Rathaus vergnügt die Hände. Und nachdem er

sich vergewissert, daß weder ein Kollege noch ein Amtsdiener im Zimmer

war, sagte er laut und vernehmlich: »Maseltoff!« und klopfte dreimal

unter den Tisch. Wobei zu bemerken ist, daß Herr Kallop eine üppige,

zwar schon zweimal geschiedene, aber dafür mit zahlreichen Millionen

gesegnete Jüdin verehrte, die in Prag im Exil lebte. Und er wünschte

nichts sehnlicher, als ihre und ihrer Millionen Rückkehr ins teure

Vaterland, schon deshalb, weil er mit seinem Gehalt als Präsidialchef

unmöglich die Teuerung länger aushalten konnte und außerdem falsch in

polnischer Mark spekuliert hatte.

* * * * *

Der Fasching dieses Jahres konnte die Laune der Wiener nicht verbessern.

Grimmige Kälte, viel Schnee, ungeheizte Zimmer, weil der Meterzentner

Kohle hunderttausend Kronen kostete, eine Pleite nach der anderen, der

Zusammenbruch eines großen Bankkonzerns, bei dem viele ihr Geld liegen

hatten.

Die Bälle und Redouten standen vollständig unter dem Zeichen des

Dirndlkostüms. Da der Toilettenluxus fehlte, machte man aus der Not eine

Tugend, veranstaltete fast nur Bauernbälle, so daß Wien eher einem

»Kirtag« glich als einer Großstadt.

Dazu kam, daß Wien vollständig aufgehört hatte, eine Theaterstadt zu

sein. Die ersten Kräfte der Staatsoper gastierten unaufhörlich im

Ausland, die Philharmoniker absolvierten eben eine Tournee in

Südamerika, die Privattheater hatten sich in Provinzschmieren mit

unzulänglicher Regie, minderen Kräften und veralteten Spielplänen

verwandelt, von auswärts kamen längst keine Konzertgäste mehr, weil

ihnen Wien die großen Gagen nicht zahlen konnte, Zeitungen waren

neuerdings eingegangen, weil die Zahl der Leser immer mehr abnahm und

plötzlich ertönte wieder der Alarmruf: »Die Krone fällt!«

An den ausländischen Börsen fanden enorme Kronenabgaben statt, so daß

Zürich sie bald nur mehr auf ein Dreißigtausendstel Centime bewertete.

Demgemäß stiegen alle Preise und die Bevölkerung begann in Verzweiflung

zu geraten. Als das Kilogramm Fett eine Viertelmillion Kronen kostete,

erschien wieder das geheimnisvolle kleine Plakat des Bundes der

wahrhaftigen Christen mit den Worten:

»Wie lange noch, Wiener, werdet Ihr diese Regierung dulden? Wann endlich

wollt Ihr die Nationalversammlung auseinandertreiben und Neuwahlen

erzwingen?«

In den Morgenstunden des nächsten Tages kam es zu Plünderungen auf den

Märkten, die erbitterten Hausfrauen stürmten die Stände, verprügelten

die Marktfrauen und bemächtigten sich der Waren. In Favoriten nahm der

Tumult einen revolutionären Charakter an, es mußte die Reichswehr

aufgeboten werden, die sich aber weigerte, gegen die Frauen vorzugehen.

In der Nationalversammlung, die eben tagte, richteten nicht nur die

Sozialdemokraten, sondern auch einzelne Christlichsoziale und

Großdeutsche Interpellationen an die Regierung, in denen gefragt wurde,

was man zu tun gedenke, um der verzweifelten Bevölkerung zu helfen. Die

Sozialdemokraten stellten einen Dringlichkeitsantrag, die Regierung möge

sofort Neuwahlen ausschreiben, damit das Volk selbst entscheiden könne,

ob es bereit sei, die herrschenden Zustände noch länger zu dulden.

Totenbleich erhob sich der Bundeskanzler zu einer Entgegnung:

»In diesem Augenblick der allgemeinen Verwirrung Neuwahlen ausschreiben,

hieße das Geschick des Landes den radikalen Elementen ausliefern und den

Juden wieder Tor und Türe öffnen! Das stolzeste und größte Werk, das die

österreichische Legislatur jemals geschaffen, würde zusammenbrechen,

weil wir nicht genug Geduld und Aufopferungsfähigkeit haben, um

auszuhalten und die gegenwärtigen Schwierigkeiten zu überwinden. Ich

weiß, daß das internationale Judentum am Werke ist und sicher arbeiten

Agitatoren, von jüdischem Gelde bestochen, daran --«

Die weiteren Worte des Kanzlers gingen in dem ungeheuren Tumult

verloren, der nun folgte. Die Sozialdemokraten klopften mit den

Pultdeckeln, die Galerie tobte und schrie, sogar aus den Reihen der

Gesinnungsgenossen kamen Zurufe, wie: »Haben Sie Beweise für Ihre

Behauptungen?«

Um sechs Uhr abends wurde noch immer über den Dringlichkeitsantrag der

Sozialdemokraten gesprochen, die ersichtlicherweise alles taten, um die

Sitzung in die Länge zu ziehen. Jeder Redner sprach stundenlang; hatte

der eine geendet, so meldete sich ein anderer zum Wort, die meisten

Abgeordneten hörten längst nicht mehr zu, sondern stärkten sich am

Büfett, auch die Ministerbank war leer geworden, nur Schwertfeger saß

mit verschränkten Armen starr und düster auf seinem Sitz.

Plötzlich kam neues Leben in das Haus. Das Gerücht verbreitete sich, daß

Arbeitermassen im Anzuge seien, gleich darauf hörte man aus weiter Ferne

die Klänge des Arbeiterliedes, das Jauchzen und Toben erregter

Menschenmassen, bis plötzlich ein einziger Ruf von ungeheurer Stärke

durch die geschlossenen Fenster drang:

Nieder mit der Regierung! Fort mit der Nationalversammlung! Wir wollen

Neuwahlen!

Und schon umzingelten dichte Menschenmassen mit ihren Fahnen und

Standarten das Abgeordnetenhaus und immer neue Züge kamen an, die

gesamte Arbeiterschaft Groß-Wiens, die Angestellten und Beamten waren

von den Fabriken und Werkstätten, Bureaus und Aemtern in geschlossenen

Gruppen anmarschiert.

Schon donnerten mächtige Schläge gegen die Tore des Hauses, die rasch

geschlossen worden waren, schon prasselte ein Steinhagel gegen die

Fenster, schon hatte sich eine Deputation der Arbeiter gewaltsam Einlaß

verschafft. Ihr Führer, ein Eisenarbeiter namens Stürmer, ein gewaltiger

Kerl mit klugen Augen und riesigem Schädel, stellte sich mitten unter

die Abgeordneten, die, von Panik ergriffen, wie die Schafe beim Gewitter

einen geschlossenen Haufen bildeten, und erklärte kurz und bündig:

»Das Militär hält zu uns, die Jungmannschaft unter den Polizisten

ebenfalls! Entweder die Regierung löst innerhalb zehn Minuten das Haus

auf und erklärt, daß sofort Neuwahlen ausgeschrieben werden, oder die

Massen gehen mit Gewalt vor. Die Erbitterung der Leute kennt keine

Grenzen, hinter den Arbeitern steht diesmal das Bürgertum, es handelt

sich um keine politische Angelegenheit, sondern um Taten der

Verzweiflung. Am wildesten sind die Frauen, hören Sie nur, wie sie

schreien, man möge das Parlament anzünden! Gibt die Regierung nicht

nach, so können wir für nichts garantieren!«

Und es geschah, was geschehen mußte. Die Minister erklärten nach kurzer

Beratung mit den christlichsozialen und großdeutschen Parteiführern,

sich dem Terror zu fügen, das Haus auflösen und Neuwahlen sofort

ausschreiben zu wollen. Der Bundeskanzler bot gleich seine Demission an,

aber seine Kollegen und die Parteigrößen beschworen ihn, sie in diesem

kritischen Augenblick nicht zu verlassen und so willigte er denn ein,

die Zügel der Regierung noch bis zu den Wahlen in seinen Händen zu

behalten.

Als dem erregten Volke Mitteilung von der Auflösung der

Nationalversammlung gemacht wurde, löste sich die Spannung in ungeheuren

Jubel auf und in der kommenden Nacht wurden die Weinvorräte Wiens ganz

erheblich gelichtet.

Sogar der Franzose Henry Dufresne, der der denkwürdigen Sitzung auf der

Galerie beigewohnt hatte, trank sich allein in seinem Atelier einen

ordentlichen Rausch an. Am nächsten Morgen aber war er wieder frisch und

munter, entwarf eine geniale Skizze, die das Titelbild des

Warenhausromanes von Zola bilden sollte und schwenkte Lotte, die

vormittags schneebedeckt mit kalten roten Backen zu ihm kam, in seinen

Armen durch die Luft.

Lotte war in ausgelassener Laune wie er, denn ihr Papa hatte nach der

Lektüre der Morgenblätter sehr ernst gesagt:

»Mein Kind, ich sehe schwere Konflikte für dich kommen! Wenn nicht alles

trügt, so wird Leo Strakosch bald die Möglichkeit haben, nach Wien

zurückzukehren und dann wirst du dich entscheiden müssen: Entweder er,

den du so sehr geliebt hast und der mir ein willkommener Sohn wäre oder

dieser mysteriöse Franzose, den wir noch immer nicht kennen gelernt

haben!«

Als Lotte darauf lächelnd erwidert hatte, sie würde am liebsten beide,

Leo und den Franzosen nehmen, da war Hofrat Spineder ernstlich böse

geworden und hatte sie für frivol und unmoralisch erklärt. Sie mußte

ihre ganze Verführungskunst aufwenden, um ihn zu besänftigen.

Und nun saß sie auf dem Schoß ihres Geliebten und küßte Henry Dufresne

und Leo Strakosch in einer Person mit Feuereifer ab.

* * * * *

Leo, der fast nie Gelegenheit fand, mit irgend jemandem außer mit Lotte

und seiner Aufwartefrau zu sprechen, hatte in der letzten Zeit zwei

Bekanntschaften gemacht, die ihm wichtig dünkten. Die eine bestand in

der Person des Nationalrates Wenzel Krötzl, die andere war der Inhaber

des großen Modehauses in der Kärntnerstraße, Herr Habietnik.

Mit Krötzl war Leo auf folgende Weise bekannt geworden: Als er einmal

spät nachts aus dem Kaffeehaus, in dem er die Zeitungen und

Zeitschriften zu lesen pflegte, nach Hause gekommen war, fand er auf dem

letzten Treppenabsatz einen stockbesoffenen Mann liegen, der jämmerlich

weinte und sich vergeblich bemühte, aufzustehen. Leo half ihm in die

Wohnung, die unterhalb seines Ateliers gelegen war und erfuhr bei dieser

Gelegenheit, daß er den ehrsamen Nationalrat Wenzel Krötzl vor sich

hatte, seines Zeichens im Nebenberuf Häuserschieber. Nicht nur, daß dies

auf dem Türschild vermerkt stand, Herr Krötzl schrie auch, während er

hin- und hertaumelte, immerzu:

»Wann aner sagt, daß i b'soffen bin, so is er a jüdischer Gauner! I bin

a g'wählter Nationalrat, an Abgeordneter und hab' fufzich Häuser zum

verkaufen, die was früher denen Saujuden g'hört ham!«

Leo hatte dann im Laufe der Zeit Gelegenheit, zu erfahren, daß Herr

Krötzl nicht nur einer der wütendsten Antisemiten sei, sondern auch ein

notorischer Trunkenbold, der sich gewöhnlich schon am Büfett des

Parlaments seinen Frühstücksrausch kaufte. Nebenbei hatte er eine

gewisse Beredsamkeit und genoß infolge seiner derben Ausdrucksweise viel

Popularität unter seinen Wählern. Er war Witwer und beherbergte von Zeit

zu Zeit eine angebliche Wirtschafterin bei sich, mitunter solche, die

knapp das straffreie Alter von vierzehn Jahren besaßen.

Die Bekanntschaft des Herrn Habietnik hatte Leo auf wesentlich

bürgerlichere Art gemacht. Leo pflegte seinen Bedarf an Krawatten und

Wäschestücken in dem Modehaus zu decken, das trotz seiner »Verloderung«

noch immer die besten Waren führte, und bei solcher Gelegenheit war er

einmal mit Herrn Habietnik ins Gespräch gekommen. Herr Habietnik war

entzückt, einen Franzosen von Distinktion zu bedienen, der sich tadellos

trug und genau wußte, daß zu einem blauen Cheviotanzug eine perlengraue

Seidenkrawatte am besten paßte, es kam zu einem angeregten Gespräch, im

Verlaufe dessen Leo erkannte, wie sehr der intelligente Kaufmann unter

den herrschenden Verhältnissen litt, und von da an trafen sich die

beiden öfters in dem Laden, schließlich vereinbarten sie sogar hie und

da eine Zusammenkunft im Graben-Café.

Nach der Auflösung der Nationalversammlung beeilte sich Leo, mit Herrn

Habietnik wieder in Fühlung zu kommen, und im Laufe der Unterhaltung

fragte er ihn um seine Meinung über die künftige Entwicklung.

Herr Habietnik schüttelte sorgenvoll das Haupt:

»Also die Sozis arbeiten wieder mit Volldampf und werden die Stimmen,

die sie das letztemal verloren hatten, zurückgewinnen. Die

Christlichsozialen und Großdeutschen haben den Kopf verloren, sind mit

ihrem Programm noch nicht herausgekommen, aber schließlich wird jeder,

der nicht Sozialdemokrat ist, doch für eine der beiden Parteien stimmen

müssen.«

»So daß also vielleicht gar das Judengesetz in Kraft bleiben wird?«

»Kann sein, wenn die Sozialisten nicht die Zweidrittelmehrheit, die zu

jeder Verfassungsänderung notwendig ist, bekommen. Denn ich fürchte, daß

die Christlichsozialen und Großdeutschen doch nicht den Mut haben

werden, das Ausnahmsgesetz gegen die Juden aufzuheben. Das heißt,

eigentlich müßte ich sagen, ich hoffe, denn wenn die Juden wieder

kommen, so wird man mir am Ende gar das Geschäft wieder nehmen -- --.«

»Unsinn«, erklärte Leo energisch. »Was Sie haben, kann man Ihnen nicht

mehr nehmen! Vielleicht, daß man es Ihnen abkaufen oder daß der frühere

Firmeninhaber sich mit Ihnen zu einer Teilhaberschaft bequemen würde.

Die Hauptsache ist aber doch wohl, daß Sie die Jagerhütln und die

Lodenröcke wieder hinausschmeißen und Ihre Auslagen so arrangieren

können, wie sie einst waren.«

Begeisterung glomm in den Augen Habietniks auf und mit warmem, ehrlichem

Ton erwiderte er:

»Jawohl! Das ist die Hauptsache! Wenn ich daran denke, daß hier wieder

einmal Leben und Luxus herrschen könnte, wie einst -- nein, das ist ein

zu schöner Traum, um wahr zu sein.«

»Hören Sie, Herr Habietnik,« sagte Leo, indem er seine Hand auf den Arm

des Kaufmannes legte, »Sie sind der Mann, um den Traum wahr zu machen!

Noch trennen uns Wochen von den Neuwahlen. Das genügt, um eine

bürgerliche Partei, bestehend aus den fortgeschrittenen Elementen, den

angesehenen Kaufleuten, den Gelehrten, Rechtsanwälten, Künstlern und

Fabrikanten zu bilden, mit der offenen und ungeschminkten Parole:

Aufhebung des Ausnahmegesetzes gegen die Juden! Nehmen Sie das heute

noch in Angriff, bilden Sie ein zwölfgliedriges Komitee, in dem drei

Kaufleute, drei Industrielle, drei Festangestellte und drei Leute mit

freiem, akademischem Beruf sitzen, lassen Sie, da Sie noch keine Zeitung

zur Verfügung haben, zehntausend Plakate drucken, gründen Sie dann

Bezirkskomitees, betreiben Sie Propaganda von Straße zu Straße, von Haus

zu Haus und der Erfolg kann nicht ausbleiben. Ich bin ein Fremder, kenne

die Verhältnisse nicht so genau wie Sie, aber dafür bin ich objektiver

und ich weiß ganz sicher, daß ein erheblicher Teil der Bevölkerung die

neue Partei stürmisch begrüßen wird.«

Herr Habietnik war Feuer und Flamme. Am selben Abend noch trommelte er

ein halbes Hundert Kaufleute aus der Inneren Stadt, Fabrikanten,

Rechtsanwälte zusammen, und um ein Uhr morgens war das Komitee

konstituiert, dem ein gemeinsam gezeichnetes Millionenkapital zur

Verfügung stand.

Die neue Partei hieß »Partei der tätigen Bürger Oesterreichs«, stellte

sich auf ein absolut bürgerlich-freisinniges Programm und begann mit

einer lebhaften und temperamentvollen Agitation. Daß der Franzose

Dufresne die Flugzettel und Aufrufe verfaßte, das wußte niemand als Herr

Habietnik.

Der Erfolg übertraf die kühnsten Erwartungen. Früher war die Bevölkerung

jedem Versuch, eine demokratische Bürgerpartei zu gründen, mit größtem

Mißtrauen entgegengetreten, weil sich in solcher Partei immer wieder die

Juden vordrängten. Diesmal war das eine rein christliche Angelegenheit,

die Namen der Parteiführer bürgten dafür, daß es sich nicht um eine von

auswärtigen Juden angezettelte Verschwörung handelte, und alle die

Leute, die durch das Judengesetz geschädigt worden waren, drängten sich

in die Komiteelokale, um Mitglieder der neuen Partei zu werden. In

hellen Scharen kamen die Kaufleute, die Juweliere, die Stückmeister der

großen Schneider, die brotlos gewordenen Chauffeure, sie brachten ihre

Frauen mit, immer größer wurde der Ansturm, trotz des Zeter- und

Mordiogeschreies der christlichsozialen Blätter. Die »Arbeiter-Zeitung«

verhielt sich zurückhaltend und durchaus nicht aggressiv. Man sagte sich

dort, daß zweifellos die Partei der tätigen Bürger den Sozialdemokraten

Tausende von Stimmen entziehen würde, andererseits aber dorthin alle

jene Stimmen strömen würden, die sonst sich der Wahl enthielten oder

doch wieder den Christlichsozialen oder Großdeutschen zuliefen. Also

beschränkte sie sich darauf, hier und dort gegen das Programm der

Bürgerlichen zu polemisieren, im geheimen aber wurden in zweifelhaften

Bezirken sogar Vereinbarungen geschlossen.

Und der Tag der Wahlen, die auf den 3. April festgesetzt worden waren,

rückte näher und näher, die ganze Welt begann sich für sie zu

interessieren, die fremden Börsen nahmen eine abwartende Haltung ein und

ließen die Krone auf ihrem Tiefstand ruhen, und Wiens bemächtigte sich

zunehmende Aufregung, die wiederholt zu Exzessen und bösartigen Tumulten

führte. Denn alle Parteien arbeiteten mit jedem verfügbaren Mittel: die

antisemitischen schrien »Verrat!« und erzählten Schauergeschichten von

der Verschwörung des internationalen Judentums; die Sozialdemokraten

hetzten gegen die Bauern, die die arbeitende Stadtbevölkerung

ausplündern und gegen die christliche Demagogie, die sich nur selbst

durch die Ausweisung der Juden hatte bereichern wollen; die neue

Bürgerpartei aber führte immer wieder auf riesengroßen Plakaten Ziffern

auf, die bewiesen, wie furchtbar die Verelendung Wiens seit der

Ausweisung der Juden, wie Wien tatsächlich zu einem Riesendorf geworden,

wie jeder Schwung und Zug ins Große geschwunden. Und immer wieder

versicherte sie in allen Variationen und Tonarten:

»Das Ausnahmsgesetz gegen die Juden muß aufgehoben werden, aber

gleichzeitig wird es Sache einer klugen, gewissenhaften Regierung sein,

alle jene Elemente, die nicht schon vor dem Weltkrieg in Wien seßhaft

waren, fern zu halten, es sei denn, sie können vor einem zuständigen,

aus Bürgern und Arbeitern zusammengesetzten Gerichtshof nachweisen, daß

sie willens und fähig sind, in Oesterreich nutzbringende, produktive,

werterzeugende, dem Gesamtwohl notwendige Arbeit zu leisten.«

Beim Bundeskanzler fanden täglich bis in die Nacht währende Sitzungen

statt, in denen beraten wurde, wie man am besten der neuen Partei und

dem wieder erstarkten Sozialismus entgegenarbeiten könnte. Schwertfeger

hatte die richtige Empfindung gehabt. Es mußte ein neuer, mächtiger

Geldkredit aufgebracht werden, die Krone mußte steigen, die Bevölkerung

erfahren, daß das Christentum der ganzen Welt mit ihr solidarisch sei --

dann würde die Regierung den Sieg erringen. Und der Finanzminister

Professor Trumm hatte sich gleich nach der Auflösung des Hauses auf die

Beine gemacht und war nach Berlin, Paris und London gefahren, um zu

betteln und zu beschwören. Vergebens! Die großen christlichen

Vereinigungen im Ausland, die französischen Antisemiten, die

holländischen Christen -- sie alle hatten Worte des Mitempfindens und

der Sympathie, erkundigten sich lebhaft nach dem Schicksal der vielen

Millionen, die sie der guten Sache schon geopfert, und hielten die

Taschen fest zu. Die größte Enttäuschung bildete das Verhalten des

amerikanischen Billionärs Mister Huxtable, auf den man am sichersten

gerechnet hatte. Er ließ alle Telegramme und Bittschriften

unbeantwortet, und zehn Tage vor den Wahlen kam ein Kabeltelegramm des

Vertrauensmannes der österreichischen Regierung in Newyork, das

folgenden niederschmetternden Wortlaut hatte:

»Huxtable unnahbar. Hat sich heimlich mit einer jungen Jüdin aus Chicago

vermählt. Beabsichtigt, den der österreichischen Regierung vor drei

Jahren eingeräumten Kredit der jüdischen Großbank »Kuhn und Loeb« um ein

Viertel zu verkaufen.«

Schwertfeger begann in Düsterkeit zu erstarren, die antisemitischen

Häuptlinge verloren vollends den Kopf. Bürgermeister Laberl aber tat

etwas, was die ungeheuerste Sensation erregte. Drei Tage vor den Wahlen

trat er aus dem christlichsozialen Bürgerklub aus und der Partei der

tätigen Bürger bei. Und seinem Beispiel folgte mehr als die Hälfte der

Gemeinderäte.

An diesem Tage wehte ein warmer Wind die letzten Schneemassen von den

Abhängen der Wiener Berge fort und oben im Atelier in der Billrothstraße

hielten sich zwei junge Menschenkinder heiß und sehnsuchtsvoll umfangen.

Und er flüsterte:

»Oh, wärst du schon mein!«

Und sie erwiderte traumverloren:

»Wenn du dir schon den Knebelbart abnehmen könntest; er kitzelt so arg!«

* * * * *

Die Wahlen vollzogen sich unter einer Beteiligung, wie sie kaum jemals

auf der Welt erlebt worden. Greise, Kranke, Lahme kamen zu den Urnen,

und nachmittags, als die Wahllokale geschlossen wurden, wußte man, daß

in Wien 99 Prozent der Wahlberechtigten ihre Bürgerpflicht getan. Dann

begann im ganzen Lande die Zählung der Stimmen, die bis in die frühen

Morgenstunden währte, und vormittags verkündeten Extra-Ausgaben der

»Arbeiter-Zeitung« und der »Weltpresse« das staunenswerte Resultat.

Den Christlichsozialen und Großdeutschen waren nur die Landbewohner treu

geblieben, Wien hatte fast ausschließlich die Kandidaten der Sozialisten

und der Bürgervereinigung gewählt, ebenso die kleinen Städte und das

österreichische Industriegebiet. Und so setzte sich denn das neue

Parlament folgendermaßen zusammen: Siebzig Sozialdemokraten,

sechsunddreißig Mitglieder der Vereinigung der tätigen Bürger, dreißig

Christlichsoziale und vierundzwanzig Großdeutsche. Das ergab 106 Stimmen

für die Aufhebung des Ausnahmsgesetzes gegen die Juden, vierundfünfzig

für die Aufrechterhaltung. Und damit schien der schöne Traum Leos, der

freisinnigen Bürger und Sozialdemokraten zerstört, denn es fehlte ihnen

genau eine Stimme zur Zweidrittelmajorität, ohne die eine Aenderung der

Verfassung nicht vorgenommen werden konnte. Trotz ihrer vernichtenden

Niederlage, trotz der Tatsache, daß die Regierung sofort demissionieren

und einer sozialistisch-demokratischen weichen mußte, jubelten die

Antisemiten, sie veranstalteten Kundgebungen unter der Parole »Die Juden

bleiben draußen!«

Eine einzige Angst beherrschte die besiegten Sieger: Die Mehrheit hatte

verkündet, daß sie schon in der zweiten Sitzung des neugewählten Hauses,

die in acht Tagen stattzufinden hatte, den Dringlichkeitsantrag auf

Aufhebung des Judengesetzes und Wiederherstellung der Freizügigkeit für

jedermann stellen würde. Wie nun, wenn ein Christlichsozialer oder

großdeutscher Nationalrat der Sitzung fernbleiben würde? An ein

beabsichtigtes Fernbleiben war nicht zu denken, aber schließlich konnte

einer der Abgeordneten vom Lande krank werden oder einen Unfall erleiden

und dieser eine würde den Gegnern die Zweidrittelmajorität sichern. Die

unterlegenen Parteien ließen daher für sämtliche gewählte Nationalräte

aus ihrem Lager am Tage vor dem Zusammentritt des Hauses Extrazüge mit

je einem begleitenden Arzt bereitstellen. Auf diese Weise glaubten sie

sich vor jedem verhängnisvollen Zwischenfall sicher. Für Wien selbst

waren Vorsichtsmaßregeln nicht notwendig, denn in Wien war einzig und

allein der Häuseragent Herr Wenzel Krötzl von den Weinbauern und Wirten

des neunzehnten Bezirkes, denen es in dem judenreinen Wien sehr gut

ging, gewählt worden. Seiner war man in jeder Beziehung sicher und er

erfreute sich einer vorzüglichen Gesundheit.

Dieser Herr Krötzl bildete nun die einzige und letzte Hoffnung Leos,

während Lotte unter der schweren Enttäuschung fast zusammenbrach. Sie

weinte den ganzen Tag, kaum daß sie noch die Energie aufbrachte, täglich

zu Leo zu eilen, der sich vergebens bemühte, ihr Mut und Hoffnung

einzuflößen. Hofrat Spineder, der selbst durch den Fortbestand des

Judengesetzes schwer gekränkt und enttäuscht wurde, kannte sich in

seiner Tochter nicht mehr aus und begann ernstlich an ihrem Verstand zu

zweifeln. Sorgenvoll besprach er ihr merkwürdiges Verhalten mit seiner

Gattin.

»Was soll das alles heißen? Hat Leo vergessen, verbringt halbe Tage mit

einem neuen Verlobten, diesem Franzosen, den ich zu hassen beginne, ohne

ihn zu kennen, läßt sich von ihm beschenken, erklärt plötzlich, daß sie

am liebsten beide, den Leo und den Dufresne, nehmen würde, und nun, da

Leo nicht zurückkommen kann, sitzt sie da und weint sich die Augen aus

dem Kopf. Ich glaube, das Mädel ist übergeschnappt!«

Frau Spineder seufzte tief.

»Mein Lieber, ich kenne selbst mein Kind nicht mehr und habe keine

Ahnung, was in seinem Herzen vorgeht. Jedenfalls müssen wir, wenn sich

zeigt, daß das Judengesetz bestehen bleibt, darauf dringen, diesen Herrn

Dufresne kennen zu lernen.«

Hofrat Spineder nickte.

»Jawohl! Und sollte sich Lotte abermals weigern oder die Sache

hinauszuschieben versuchen, so schicken wir sie zu Tante Minna nach

Klagenfurt!«

Leo überlegte Tag und Nacht und hatte schließlich einen festen Plan

gefaßt, einen Plan, der entscheiden sollte, ob er weiterhin mit offenem

Visier in Wien bleiben konnte oder zurück nach Paris mußte. Fiel das

Gesetz nicht, so wurde seine Rückreise zwingende Notwendigkeit, da sein

Freund Henry Dufresne, dessen Namen er führte, jetzt selbst aus

Südfrankreich wieder nach Paris übersiedeln wollte und von da an die

Gefahr einer Aufdeckung seines verwegenen Spiels vorlag.

* * * * *

Am Tage der Eröffnung der Nationalversammlung, also einen Tag vor der

ersten entscheidenden Sitzung, besorgte Leo Strakosch, mit einem

Handkoffer bewaffnet, allerlei Einkäufe. Bei Sacher kaufte er für einen

phantastischen Preis, für den man einmal ein ganzes Ringstraßenhaus

bekommen hätte, eine Straßburger Gänseleberpastete in der Terrine, im

Hotel Imperial ließ er sich drei Flaschen eines köstlichen weißen

Burgunders, drei Flaschen des schwersten und kostbarsten Bordeauxweines

geben, außerdem eine Flasche uralten französischen Kognaks. Abends

lauerte er dann vor dem Haustor dem Herrn Krötzl auf, der sich gerade

nach der feierlichen Eröffnungssitzung des Hauses ins Wirtshaus begeben

wollte, gratulierte ihm herzlich zu seiner Wiederwahl und sagte:

»Lieber Herr Nationalrat, ich möchte morgen auch der historischen Tagung

des Hauses beiwohnen. Um elf ist der Beginn der Sitzung, also werde ich

auf zehn Uhr mein Auto bestellen und Sie, wenn es Ihnen recht ist,

mitnehmen.«

Herr Krötzl fühlte sich durch die Liebenswürdigkeit des vornehmen und,

wie es schien, sehr reichen jungen Franzosen höchst geschmeichelt, er

nahm die Einladung dankend an und fügte hinzu:

»Bin Ihnen sogar sehr verbunden, wenn Sie um zehn Uhr zu mir kommen,

weil i' dann net riskier', zu verschlafen. Meine Wirtschafterin, das

dumme Luder, vergißt am End' noch, mich zu wecken, und i' hab' an so

schweren Schlaf, daß i die Weckuhr net hör'. Dös wär' aber a schöne

G'schicht', wann i morgen verschlafen tät. Nachher hätten mir in

vierundzwanzig Stunden die Saujuden, die verfluchten, wieder in Wien!«

Henry Dufresne nahm die übernommene Pflicht, Oesterreich vor den Juden

zu schützen, sehr ernst, denn er läutete schon um halb zehn Uhr bei

Herrn Krötzl an. Ein schlumpiges, zwar ungewaschenes, aber noch

geschminktes junges Ding öffnete ihm und ließ den ihr wohlbekannten

hübschen Franzosen, der eine mächtige Schachtel trug, ohneweiters ein,

ein wenig enttäuscht, daß er ihr und ihren reichlichen Blößen nicht die

geringste Aufmerksamkeit schenkte, sondern sich damit begnügte, ihr eine

Banknote zu geben und sie zu bitten, gleich die Morgenblätter aus der

Trafik zu holen.

Leo packte im Vorzimmer umständlich die Schachtel aus, dann, als das

Mädchen gegangen war, um seinen Auftrag auszuführen, begab er sich rasch

in die Küche, rückte den Stundenzeiger der Kuckucksuhr um eine volle

Stunde zurück, schlich sich auf den Zehenspitzen in das Wohnzimmer,

bearbeitete dort die große Pendeluhr in gleicher Weise und öffnete

schließlich, ohne anzuklopfen, leise die Türe zum Schlafzimmer des Herrn

Nationalrates. Richtig lag dieser mit offenem Maul sägend und

schnarchend in seinem Bett und auf dem Nachtkästchen erblickte Leo

sofort die goldene Taschenuhr, die eben auf ein viertel vor zehn wies.

Blitzschnell war auch sie auf ein viertel vor neun gestellt und dann

machte sich der Franzose an die unerquickliche Arbeit, Herrn Krötzl, das

Wiener Postament der christlichsozialen Partei, zu wecken. Es dauerte

geraume Zeit, bevor Krötzl endlich die verquollenen Aeuglein aufschlug

und die Situation begriff.

»Jessas, der Herr Dufresne, is' schon so spät?« Und dann, mit einem

Blick auf die Taschenuhr, brummend: »Noch net amal Neun is'! Da hätt' i'

noch a ganze Stund' schlafen können!«

»Jawohl,« sagte Leo lachend, »wenn ich nicht eine bessere Unterhaltung

für Sie und mich wüßte. Stellen Sie sich nur vor, wie ich gestern nacht

nach Hause komme, finde ich ein Postpaket aus Paris vor mit den besten

Weinen, die Frankreich besitzt. Na, und weil ich mich wirklich über

Ihren Sieg von ganzem Herzen freue, denke ich, daß wir, bevor wir ins

Parlament fahren, noch eine kleine Siegesfeier unter uns veranstalten

können. Sie sind ja Kenner, Herr Nationalrat, und werden sehr bald

zugeben, einen solchen Wein, wie ich ihn Ihnen kredenze, im Leben noch

nicht genossen zu haben.«

Wie elektrisiert sprang Herr Krötzl aus dem Bett, zog sich notdürftig an

und streichelte dann bewundernd die eine der sechs Weinflaschen nach der

anderen, die mit allen Zeichen des ehrwürdigen Alters vor ihm standen.

Weißbrot war vorhanden, die Straßburger Pastete entlockte Herrn Krötzl

ein rülpsendes Grunzen, das sich in einen Jubelhymnus verwandelte, als

das erste Glas des goldgelben Burgunders durch seine Kehle rann.

»A so a Weinerl! Wann man den immer hätt', dann tät' man an anderer

Mensch wer'n! Ka Wunder, wenn die Franzosen so an Schick zum Leben

haben, wo 's so an Wein bei ihnen gibt!«

Das zweite Glas wurde auf den Sieg des Herrn Krötzl geleert, das dritte

auf »Nieder mit den Juden«, das vierte auf »Hoch die schöne, judenreine

Stadt Wien«. Dann wurde einer Flasche des blutroten Bordeaux der Hals

gebrochen, und als sie zur Neige ging und Leo die dritte Flasche

entkorkte, trug ihm Krötzl die Bruderschaft an. Bei der vierten Flasche

machte er den Franzosen mit den Geheimnissen seines Sexuallebens bekannt

und erklärte, daß Frauenzimmer über vierzehn eigentlich alte Weiber

seien. Die sechste Flasche wurde von Leo, ohne daß Krötzl, dem sich die

Welt vor den Augen zu drehen begann, es merkte, zur Hälfte mit Kognak

gemischt, und nun hieß es -- Schluß machen, weil der Herr Nationalrat

sonst überhaupt nicht mehr die Treppen hinuntergebracht hätte werden

können und die richtiggehende Uhr auf zwölf ging, also die Gefahr

bestand, daß jeden Augenblick die Parteigenossen Krötzls nach ihm

fahnden würden. Daß Leo bei solcher Zecherei selbst vollständig nüchtern

geblieben war, verdankte er lediglich dem Umstand, daß er den Inhalt

seines Glases regelmäßig unter den Tisch auf den schönen Perserteppich

gegossen hatte.

Mit ungeheurer Anstrengung beendigte Leo die Toilettierung des

Nationalrates, dann trug er ihn fast die vielen Treppen hinunter und

beförderte ihn mit Hilfe des Chauffeurs in das Innere des geschlossenen

Automobils. Grinsend hatte der Chauffeur dem Franzosen, den er oft zu

führen pflegte, zugenickt. Leo stieg ein, setzte sich neben Krötzl, der

schon als halbe Weinleiche in der Ecke lag, und in mäßigem Tempo ging es

vorwärts.

Am Tage vorher hatte Leo mit dem Chauffeur eine wichtige Unterredung

gehabt, die mit der Frage begann:

»Wollen Sie hundert französische Francs verdienen?«

Der Chauffeur hatte ungeheure Augen gemacht, war blutrot geworden und

erwiderte keuchend:

»Herr, für hundert Francs führ' ich Sie auf den Mond!«

Aber der Franzose erwies sich als wesentlich bescheidener. Er erklärte,

daß es sich um eine Wette handle und er nichts weiter zu tun habe, als

vor dem Haus in der Billrothstraße zu warten, bis er, Monsieur Dufresne,

mit einem voraussichtlich schwergeladenen Herrn einsteigen werde.

Daraufhin habe das Auto stadtwärts bis zur Volksoper zu fahren, wo er

aussteigen werde. Nunmehr müsse die Fahrt weiter bis zur großen

Irrenanstalt am Steinhof, die weit außerhalb im Südwesten der Stadt

liegt, gehen. Dort müsse der Chauffeur so lange stehen bleiben, bis sein

betrunkener Gast sich melde. Und dann folgten weitere ausführliche

Instruktionen für den intelligenten, lustigen Chauffeur.

Alles wickelte sich programmäßig ab. Bevor noch das Auto bei der

Volksoper angelangt war, schlief Herr Krötzl, nachdem er sich heftig

übergeben hatte, den Schlaf des gerechten Säufers und Leo konnte

ungestört ausspringen. Während Leo nach dem Parlament eilte, setzte der

Chauffeur die fast halbstündige Fahrt nach Steinhof fort, wo er auf

offener Straße seelenruhig stehen blieb und eine der guten Zigaretten

Leos nach der anderen rauchte. So wurde es schließlich nahezu zwei Uhr,

als endlich Herr Krötzl mit schmerzendem Schädel erwachte. Minuten

vergingen, bevor er die Situation begriff und sich endlich klar darüber

war, daß er sich in total verunreinigtem Zustande allein in einem

Automobil befand. Schließlich, nach weiteren Minuten, erkannte er sogar,

daß er sich durchaus nicht vor dem Parlament, sondern in der

unmittelbaren Nähe der Irrenanstalt am Steinhof aufhielt. Er sah

verwirrt auf seine Uhr. Da sie zurückgerichtet war, wies sie auf eins.

Entsetzt riß Krötzl den Wagenschlag auf, schimpfend und tobend drang er

auf den Chauffeur ein, der gleichmütig erklärte, er habe als Fahrtziel

Steinhof verstanden und der andere Herr sei unterwegs ausgestiegen. Mit

den Fäusten fuhr sich Krötzl in die Haare, er weinte, schrie, bekam fast

einen Tobsuchtsanfall, nannte den Chauffeur einen Staatsverbrecher,

sprach von einer furchtbaren Verschwörung und Rache und flehte

schließlich den Wagenlenker, der auch grob zu werden begann, an, er möge

mit Windeseile nach dem Parlament fahren.

Tausend Meter etwa fuhr dann auch das Auto, dann blieb es weit und breit

von jeder Behausung entfernt stehen, und achselzuckend erklärte der

Chauffeur, daß etwas am Motor in Unordnung sei und er nicht weiter

könne.

Im Galopp rannte der nüchtern gewordene Krötzl die tausend Meter nach

der Irrenanstalt zurück. Dort benahm er sich dem Pförtner gegenüber so

aufgeregt, daß dieser ihn für einen entsprungenen Insassen hielt und

Wärter herbeirief. Es verging eine weitere halbe Stunde, bevor Krötzl zu

einem Fernsprecher geführt wurde, er bekam natürlich keine Verbindung

mit dem Parlament, da dort alle Nummern besetzt waren, und als er

endlich die Verbindung hatte und der Parteisekretär zur Stelle gebracht

war, schrie ihm dieser in die Ohren, daß er ein besoffenes Schwein sei;

ein von den Juden gekaufter Gauner und bereits alles vorbei wäre.

»Das Judengesetz ist gefallen!« Mit diesen Worten läutete er dem

unglücklichen Nationalrat in die Ohren, der daraufhin in eine lange,

wohltätige Ohnmacht fiel.

* * * * *

Als Leo das Parlamentsgebäude betrat, hatte der neugewählte Präsident

eben die schon am Tage vorher an Stelle des zurückgetretenen Kabinetts

gewählten Minister begrüßt und mitgeteilt, daß zwei Dringlichkeitsanträge

eingebracht worden seien, dahingehend, den Paragraph 11

der Bundesverfassung, der den Juden und Judenabkömmlingen

den Aufenthalt in Oesterreich untersagt, zu streichen.

Ein sozialdemokratischer Nationalrat erhob sich und stellte den Antrag,

über die gestellten Dringlichkeitsanträge sofort zu verhandeln. Trotz

des tosenden Lärmens der Christlichsozialen und Großdeutschen pflichtete

die Mehrheit bei, worauf der Präsident dem Führer der Sozialdemokraten,

Doktor Wolters, als erstem Proredner das Wort erteilte.

Wolters wies darauf hin, daß er und seine Parteikollegen schon vor fast

drei Jahren gegen das Gesetz gewesen seien, das einen Faustschlag gegen

die Menschenrechte, einen Rückfall in das finstere Mittelalter

bedeutete. Damals sei die Opposition niedergeschrieen, beschimpft und

aus dem Saal gedrängt worden, heute aber habe das verführte und

berauschte Volk sie in solcher Zahl zurückgeführt, daß nunmehr die Macht

in ihren und den Händen anderer freisinniger Männer liege. Wolters

entwickelte dann die Ereignisse der letzten Jahre, wies den furchtbaren

Zusammenbruch Oesterreichs nach, führte schlagende Ziffern an und schloß

mit den Worten:

»Das kühne, allzukühne Werk des Mannes, der sich göttliche Macht anmaßte

und nun nicht einmal mehr einen Sitz in diesem Hause bekommen konnte,

ist zusammengebrochen, und draußen warten hunderttausend Arbeitslose und

mit ihnen alle tätigen, zur Verzweiflung getriebenen Kräfte, daß das

neue Haus einer neuen Zukunft die Tore öffne und unseren jüdischen

Mitbürgern die Möglichkeit gebe, wieder an unserer Seite nicht gegen

uns, sondern mit uns ihre Intelligenz, ihre Emsigkeit und schöpferische

Arbeitskraft im Interesse des schwergeprüften und fast ruinierten Landes

zu betätigen.«

Nachdem der Beifallssturm, an dem sich auch die Galerie beteiligte,

verklungen war, ergriff der zweite Pro-Redner, Herr Habietnik, der von

den Geschäftsleuten der Inneren Stadt sein Mandat bekommen hatte, das

Wort. In launiger, oft durch schallende Heiterkeit unterbrochener Rede

schilderte er das verarmte, verdorfte Wien von heute, gab die

Erfahrungen im eigenen Betriebe zum besten und sagte:

»Posemukel ist eine Großstadt im Vergleiche zu Wien von heute. Wien ist

ein ungeheures Dorf mit anderthalb Millionen Einwohnern geworden, und

wenn wir die Juden nicht wieder hereinlassen, so werden wir es demnächst

erleben, daß statt vornehmer Geschäfte in der Kärntnerstraße

Jahrmarktsbuden stehen und auf dem Stephansplatz Viehmärkte werden

abgehalten werden. Die Wiener sind in ihrem Tiefinnersten in

Verzweiflung über diese Rückentwicklung, die sie nicht aufhalten können

und nicht zuletzt haben die Wiener Frauen und Mädchen, indem sie die

christlichsoziale Partei im Stich ließen, gezeigt, daß sie wieder ein

blühendes, lustiges Wien voll Luxus, auch wenn es mitunter einen

orientalischen Anstrich hat, haben wollen.«

Die weiteren Ausführungen Habietniks gingen in einer seltsamen Unruhe

verloren, die sich über das Haus verbreitete. Was war geschehen? Nun,

man hatte endlich auf der rechten Seite des Hauses entdeckt, daß der

Nationalrat Krötzl nicht anwesend war, und eine Katastrophenstimmung

bemächtigte sich der Christlichsozialen und Großdeutschen. Sie hörten

nicht einmal ihren eigenen Kontra-Redner an, die Diener wurden mit

Automobilen ausgeschickt, um Krötzl aus seinem Bureau in der Inneren

Stadt oder aus der Wohnung in der Billrothstraße zu holen.

Noch wäre vielleicht die Situation zu retten gewesen, wenn man die

Geistesgegenwart gehabt hatte, den Kontra-Redner zu veranlassen,

stundenlang bis zum Eintreffen Krötzls zu sprechen. Aber man hatte total

den Kopf verloren, der christlichsoziale Redner, Herr Wurm, kürzte, als

er die Unruhe bemerkte und seine Genossen verschwinden sah, seine Rede

sogar ab, und schon war ein bürgerlicher Antrag auf Schluß der Debatte

und Abkürzung der weiteren Redezeiten auf fünf Minuten mit der

erforderlichen Zweidrittelmehrheit angenommen.

Vergebens schrieen die überrumpelten Antisemiten Zeter und Mordio, der

sozialistische Präsident waltete mit eiserner Energie seines Amtes,

entzog jedem der wenigen schon vorgemerkten Redner nach fünf Minuten das

Wort und unter enormer Spannung und allgemeiner Aufregung strömten die

Abgeordneten wieder in den Saal, um bei der kommenden namentlichen

Abstimmung anwesend zu sein.

Herr Krötzl war noch immer nicht da, die Diener konnten nur berichten,

daß er in seinem Bureau überhaupt nicht gewesen und sein Wohnhaus in

Begleitung eines anderen Herrn vormittags, ersichtlich angeheitert,

verlassen habe.

Ein Großdeutscher machte den letzten Rettungsversuch. Er erbat und

erhielt das Wort, um zur Geschäftsordnung zu sprechen und sagte:

»Der Nationalrat Herr Krötzl ist nicht anwesend und wir haben Anzeichen

dafür, daß er mit Gewalt ferne gehalten wird, ja wir haben begründeten

Anlaß zur Befürchtung, daß er das Opfer eines Verbrechens geworden ist.

Unter solchen Umständen kann unmöglich über ein Gesetz abgestimmt

werden, das über das Schicksal des Landes entscheiden wird. Wenn auf

Seite der neuen Mehrheit dieses Hauses auch nur ein Funken

Anstandsgefühl herrscht, so wird sie mit mir darin übereinstimmen, daß

wir uns zunächst auf zwei Stunden vertagen. Bis dahin werden wir wohl

Klarheit darüber haben, ob unser hochverehrter Kollege, Herr Nationalrat

Krötzl, überhaupt noch unter den Lebenden weilt.«

Totenstille entstand nach diesen Worten, die nicht zurückzuweisen waren.

Sollte Krötzl wirklich mit Gewalt verhindert worden sein, an der Sitzung

teilzunehmen, so mußte man wohl oder übel warten.

In diesem höchst kritischen Augenblick schlich sich ein Herr mit

Knebelbart unbeobachtet in den Sitzungssaal, winkte Herrn Habietnik zu

sich heran und flüsterte vor Aufregung keuchend mit ihm, worauf sich

Herr Habietnik zum Worte meldete.

»Ich kann dem Hohen Haus auf Ehr' und Gewissen versichern, daß Herr

Krötzl nicht ermordet und auf keinerlei gewaltsame Weise verhindert

wurde, dieser so überaus wichtigen Sitzung beizuwohnen. Herr Krötzl

befindet sich irgendwo in einem Automobil, in dem er einen

Kanonenrausch, von dem ihn der Chauffeur nicht erwecken kann,

ausschläft. Der sehr ehrenwerte Herr Krötzl, diese einzige Wiener Zierde

der christlichsozialen Partei, hat nämlich schon am frühen Morgen in

Gesellschaft eines lustigen Kumpanen, seines Wohnungsnachbars, eine

kleine Siegesfeier begangen und entschieden mehr getrunken, als er

verträgt. Sein Nachbar, der mir diese Mitteilung macht und den ich

persönlich als zuverlässigen Ehrenmann kenne, fuhr dann mit Krötzl in

einem Autotaxi hieher, mußte aber vorzeitig aussteigen, weil er den

Gestank im Wagen nicht aushielt. Herr Krötzl gehört nämlich zu jener

alten Garde, die sich lieber übergibt als stirbt. Wo sich in diesem

Augenblick die springlebendige Leiche des Herrn Krötzl befindet, weiß

ich nicht, aber das geht uns auch nichts an und man wird unmöglich

verlangen, daß wir uns vertagen, bis Herr Krötzl nüchtern geworden ist.«

Tosende Heiterkeit erfüllte das Haus und es wurde nunmehr nach der

Anordnung des Präsidenten zur Abstimmung geschritten. Hundertundsechs

Nationalräte stimmten für die Eliminierung des Ausnahmsgesetzes,

dreiundfünfzig dagegen -- das Gesetz war gefallen! Und die

hunderttausend Menschen, die sich auf der Straße vor dem Parlament

angesammelt hatten, riefen diesmal nicht »Heil!«, sondern »Hurra!« Sie

waren nicht so begeistert wie vor drei Jahren, sondern ein wenig

beschämt, hatten aber wieder ihren Humor gefunden und schon begannen

Witze in der Luft zu schwirren.

Leo hatte nur die Abstimmung abgewartet, dann stürzte er aus dem

Parlamentsgebäude, warf sich in ein Autotaxi und fuhr nach der Linken

Wienzeile zur »Arbeiter-Zeitung«. Dort ließ er sich in dringender

Angelegenheit beim Chefredakteur melden, mit dem er eine halbstündige

Unterredung ohne Zeugen hatte. Als er sich verabschiedete, schüttelte

ihm der Redakteur kräftig beide Hände und sagte lachend:

»Sie haben Außerordentliches geleistet und ich freue mich mit Ihnen von

ganzem Herzen! Ihre Frechheit bewundere ich einfach! Man kann da

wirklich nicht umhin, von --«

»Jüdischer Frechheit zu sprechen«, ergänzte Leo vergnügt und eilte die

Treppen hinab.

* * * * *

Kaum waren die Extra-Ausgaben der Zeitungen erschienen, die das Ende der

Judenverbannung verkündeten, als auch schon eine zweite Extraausgabe der

»Arbeiter-Zeitung« ausgerufen wurde:

=Die Krone steigt!=

Zürich. Auf der hiesigen Börse wurden die drahtlich und telephonisch

einlangenden Nachrichten von der entscheidenden Sitzung der Wiener

Nationalversammlung mit fieberhaftem Interesse verfolgt. Kaum war das

Fallen des Antijudengesetzes zur Gewißheit geworden, als auch schon

umfangreiche Kronenankäufe, darunter solche von amerikanischen und

englischen Finanzgruppen, erfolgten. Die österreichische gestempelte

Krone ging sprunghaft auf das Doppelte, zum Börsenschluß sogar auf das

Dreifache hinauf.

Um sechs Uhr abends erschien eine dritte Extra-Ausgabe, die in ganz Wien

Aufsehen und mit Galgenhumor gemischte Heiterkeit hervorrief. Die

Nachricht lautete:

=Ankunft des ersten Juden in Wien.=

Wie wir mitteilen können, ist soeben der erste Jude aus dem Exil nach

Wien zurückgekehrt. Es ist dies der junge, aber bereits weltberühmte

Maler und Radierer Leo Strakosch, der die ganze Zeit von Heimweh erfüllt

in Paris verbracht und sich vorgestern von dort an die österreichisch-mährische

Grenze nach Lundenburg begeben hatte. Als er telephonisch

von der Nichtigkeitserklärung des Ausweisungsgesetzes erfuhr,

begab er sich sofort per Automobil nach seiner Vaterstadt Wien.

Er hält sich derzeit im Hause seines zukünftigen Schwiegervaters, des

Hofrates Spineder, in der Kobenzlgasse auf, wo er nach jahrelanger

bitterer Trennung die in Treue und Liebe seiner harrende Braut umarmt.

Diese Extra-Ausgabe bildete einen wohlwollend-boshaften Scherz des

Chefredakteurs der »Arbeiter-Zeitung«. Gleich nach ihr erschien aber

eine Extraausgabe der »Weltpresse« mit zwei sensationellen Nachrichten.

In der einen wurde angekündigt, daß sich der ehemalige Bundeskanzler

Doktor Schwertfeger in Verzweiflung über das Scheitern seines so groß

und ehrlich gedachten Werkes durch einen Revolverschuß entleibt habe.

Anknüpfend daran machte die »Weltpresse« die Mitteilung, daß sie, dem

Willen der überwältigenden Mehrheit der Bevölkerung Wiens folgend, vom

heutigen Tage an als das Organ der neuen Partei der tätigen Bürger

erscheinen werde.

* * * * *

Leo war von der Redaktion der »Arbeiter-Zeitung« aus tatsächlich direkt

nach Grinzing gefahren. Lotte, die ebenso wie ihre Eltern von dem

Verlauf der Parlamentssitzung bereits unterrichtet war, erwartete ihren

Bräutigam am offenen Fenster im Parterregeschoß. Und als das Auto

vorgefahren war und Leo sie erblickte, erschien ihm der Weg durch den

Hausflur zu weitläufig, mit einem Satz schwang er sich auf das

Fensterbrett und schon hielten die beiden jungen Leute einander lachend

und weinend umschlungen. Da Leo aber trotz seiner turnerischen

Gewandtheit bei seinem abgekürzten Eintrittsverfahren eine

Fensterscheibe eingeschlagen hatte, was ein hörbares Klirren und

Schmettern verursachte, kamen der Hofrat und seine Gattin aus dem

nebengelegenen Wohnzimmer bestürzt herbei und blieben angesichts ihrer

Tochter, die von einem fremden, knebelbärtigen Herrn unaufhörlich

abgeküßt wurde, überrascht stehen. Bis der Hofrat so energisch zu husten

begann, daß Lotte es vernahm und sich blutrot aus den Armen des

Geliebten befreite, um ihn ihren Eltern vorzustellen:

»Papa, Mama, dies ist mein Bräutigam, Henry Dufresne...!«

»_Recte_ Leo Strakosch«, lautete die Ergänzung und Leo warf sich auch

schon dem Hofrat und dann seiner zukünftigen Schwiegermutter in die

Arme.

Nachdem sich die erste Freude und Verwirrung gelegt, tat Herr Spineder

das, was ein Hofrat in solcher Situation zu tun hatte. Er sagte:

»Nun, Kinder, erzählt mir einmal alles ordentlich der Reihe nach.«

Frau Spineder aber tat das, was jede andere ordentliche Hausfrau an

ihrer Stelle getan hätte. Sie weinte, erklärte vor Aufregung nicht

stehen und gehen zu können und lief nach der Küche, um für ein

ordentliches Souper zu sorgen.

Die Unterhaltung zwischen dem Hofrat, Lotte und Leo spielte sich

indessen im Badezimmer ab, wo Leo sich zuerst mit einer Papierschere den

Knebelbart abschnitt, um sich dann zu rasieren und gleichzeitig zu

erzählen. Und das war sehr gut so, denn gerade als er rasiert und wieder

ein schöner, glatter junger Mann war, ereignete sich ganz Unerwartetes.

Ein Automobil mit Herrn Habietnik, einem sozialdemokratischen

Nationalrat und einem bekehrten Gemeinderat fuhr vor und die Herren

teilten Leo mit, daß er unbedingt mit ihnen zum Rathause fahren müsse,

um sich der dort versammelten Menschenmenge zu zeigen und eine Ansprache

des Bürgermeisters zu erdulden.

Sträuben nützte nichts, Leo mußte mit, aber Lotte, die die Garantie

dafür übernahm, daß sie rechtzeitig zum Abendessen zurück sein würden,

fuhr mit ihm.

Bis zum Schottentor verlief die Fahrt ganz glatt, dann stellte sich ein

Hindernis ein. Die Menschenmassen standen hier so dicht

aneinandergedrängt, daß das Auto nicht vorwärts kam. Worauf sich der

Gemeinderat hinausbeugte und in bester Absicht, wenn auch mit wenig

Zartgefühl den Leuten zuschrie:

»Laßt's uns durch! Der Herr Leo Strakosch, der erste Jud, der wieder in

Wien ist, muß zum Rathaus!«

Diese Worte waren das Signal zu einem stürmischen Jubelschrei, und das

Auto konnte zwar nicht durch, sondern mußte hier mit Lotte warten, aber

Leo saß auch schon auf den Schultern zweier handfester Männer und wurde

unter dem Jauchzen und Johlen und Hurra-Geschrei der Massen zum Rathaus

getragen.

Das schöne Rathaus war wieder illuminiert, sah wieder wie eine brennende

Fackel aus und mühsam nur konnten sich die Männer mit Leo auf den

Schultern Bahn machen. Fanfarenklänge, Trompetentöne, der Bürgermeister

von Wien, Herr Karl Maria Laberl, betrat den Balkon, streckte segnend

seine Arme aus und hielt eine zündende Ansprache, die mit den Worten

begann:

»Mein lieber Jude! -- --«

=Ende.=

»Corona«-Druck (G. Davis & Co.), Wien IX.

[ Im folgenden werden alle geänderten Textzeilen angeführt, wobei

jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte Zeile

steht.

von einem halben Jahr gegeben.

von einem halben Jahr gegeben.«

ist.«.

ist.«

vereinigten sich hier und machte ihn absolut unerbittlich.

vereinigten sich hier und machten ihn absolut unerbittlich.

»Meine Herren und Damen, ich weiß, daß die Bevölkerung schwer enttäuscht

Meine Herren und Damen, ich weiß, daß die Bevölkerung schwer enttäuscht

wollen.

wollen.«

»Dazu ist allerdings zu bemerken, daß der Bruder des Hofrates die

Dazu ist allerdings zu bemerken, daß der Bruder des Hofrates die

zehnmal in allen Tonarten nur in keiner gehässigen, hören. »Weißt du, ich

zehnmal in allen Tonarten nur in keiner gehässigen, hören. Weißt du, ich

furchtbares Gelächter entstanden, so daß ich aufgewacht bin! Glauben 's

furchtbares Gelächter entstanden, so daß ich aufgewacht bin! Glauben S'

nicht, Herr Mauler, daß der Traum was zu bedeuten hat?

nicht, Herr Mauler, daß der Traum was zu bedeuten hat?«

ausgewandert und wir sind richtig alle kapores!

ausgewandert und wir sind richtig alle kapores!«

Wien, daß Karl Maria Laberl den Bundeskanzler im geeigneten Moment in

Wien, daß Karl Maria Laberl den Bundeskanzler im geeigneten Moment im

Verzweiflung. Am wildesten sind die Frauen, hören sie nur, wie sie

Verzweiflung. Am wildesten sind die Frauen, hören Sie nur, wie sie

Millionen, die sie der guten Sache schon geopfert und hielten die

Millionen, die sie der guten Sache schon geopfert, und hielten die

Christlichsoziale und vierundzwanzig Großdeutsche. Das ergab 160 Stimmen

Christlichsoziale und vierundzwanzig Großdeutsche. Das ergab 106 Stimmen

erfreut sich einer vorzüglichen Gesundheit.

erfreute sich einer vorzüglichen Gesundheit.

befinde sich irgendwo in einem Automobil, in dem er einen

befindet sich irgendwo in einem Automobil, in dem er einen

Diese Worten waren das Signal zu einem stürmischen Jubelschrei, und das

Diese Worte waren das Signal zu einem stürmischen Jubelschrei, und das

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Die Stadt ohne Juden: Ein Roman von übermorgen · 第 12 / 12 题