Das traurige Marlenchen lernt lachen

Kasperle rannte unterdessen, so schnell er konnte, nach Schloß Lindeneck.

Er hopste, kugelte, kollerte, purzelbaumte und gelangte schneller hin als

einer, der bedächtig auf seinen zwei Beinen geht.

Am Tor von Schloß Lindeneck aber stand einer Wache, der sehr grimmig

dreinsah, ein Mann, groß wie ein Baum, dick wie ein Ofen; das war des

Schloßherrn allertreuster Diener, Eicke Pimperling. Der schrie drohend, als

er das Kasperle kommen sah: »Hier darf niemand rein! Wer bist du überhaupt?

Aussehen tust du wie ein Laubfrosch, und hopsen kannst du auch so.«

»Ich bin, wer ich bin, und ich will rein,« rief Kasperle patzig.

»Nichts da, marsch kehrt, hier darf niemand rein!«

Oho, dachte Kasperle, dem Grobian schlage ich schon noch einen Purzelbaum

über den Kopf weg! Und bei dem Gedanken lachte er hell auf.

»Hallo, gelacht wird hier nicht!« Eicke Pimperling nahm einen großen Stock,

es sah bedrohlich aus, aber Kasperle dachte: Es mag kommen, wie es will,

ich muß hinein. Und dann eins, zwei, drei, ging es über Eickes Kopf hinweg,

daß der vor Schreck mit dem Kopf hin und her wackelte.

Kasperle aber saß selbst unversehens mitten im Schloßhof vor dem traurigen

Marlenchen. Das schrie erschrocken auf, und ein stattlicher, finster

aussehender Herr, der an einem blühenden Rosenbusch saß, blickte erstaunt

auf. Er zog die Augen finster zusammen, als er den kleinen Eindringling

gewahrte, aber da rief schon Marlenchen: »Vater, das ist mein Freund

Kasperle!«

»Verzeihung, gnädiger Herr, daß dieser Laubfrosch hier eingedrungen ist,«

dröhnte Eickes Stimme durch den Schloßhof, und der gewaltige Mann kam mit

flinken Schritten näher gerade auf Kasperle zu.

»Tu ihm nichts, Eicke!« rief Marlenchen mit klingendem Stimmlein. »Das ist

kein Laubfrosch, mein Freund Kasperle ist's.«

»Dein Freund Kasperle?« Herr von Lindeneck sah sein blasses Kind erstaunt

an, und Marlenchen legte die Hände auf ihr klopfendes Herzelein, sah scheu

zu ihrem Vater auf und erzählte leise, leise, wo sie das Kasperle immer

getroffen hatte.

Und plötzlich schnatterte Kasperle vergnügt dazwischen: »Der Ring ist da,

der Ring ist da! Im Elsternest hat er gelegen.«

Der Herr von Lindeneck wurde totenbleich. Er packte Kasperle so fest an,

daß es dem ganz schwindlig wurde, und rief: »Wo ist der Ring, wer hat ihn

gefunden?«

»Ich,« stotterte Kasperle, und dann erzählte er von seiner Flucht auf die

Ulme und den bitterbösen Elstern und von dem Ring. »Und du sollst zum

Herzog kommen,« schloß er.

Das war doch wunderbar! So etwas hatte Kasperle noch nicht erlebt. Der Herr

von Lindeneck weinte und das traurige Marlenchen weinte auch. Der kleine

Schelm sah sich ganz hilflos um, und er sah Eicke Pimperling kerzengerade

neben sich stehen und in die Luft starren. Da fragte er scheu: »Sind se nu

traurig?«

»Quatsch, du Laubfrosch, glücklich sind se!«

Ja, weint man denn da?

Der Herr von Lindeneck hob plötzlich seine Arme und dehnte und reckte sich,

als fiele eine schwere Eisenkette von ihm ab, das Marlenchen aber fiel dem

Kasperle um den Hals, als wäre es gar kein unnützes, häßliches Kasperle,

sondern auch so ein feines, zartes Dinglein wie Marlenchen selbst. »O

Kasperle, du liebes, gutes Kasperle!« rief Marlenchen und streichelte

Kasperle, bis der vor Vergnügen den Mund von einem Ohr zum andern zog. »Du

gutes, gutes Kasperle, du bist der beste Bube auf der ganzen Welt!« fügte

sie hinzu.

Na, so viele freundliche und liebe Worte hatte Kasperle lange nicht gehört.

Und da nahm ihn auch noch der Herr von Lindeneck in seine Arme und

streichelte ihn und sagte, er werde ihm immer dankbar sein. Es war wirklich

fein.

Kasperle konnte nicht anders, er mußte ein paar Hopser machen. Dann zupfte

er eifrig Marlenchen, zupfte den Herrn von Lindeneck und bettelte: »Kommt,

kommt, der Herzog wartet!«

»Er mag warten.« Der Schloßherr sah auf einmal aus, als sei er selbst der

Herzog, und so gefiel es dem Kasperle noch besser. »Geh, Kasperle, sag ihm,

wer ein Unrecht gutmachen wolle, der müsse auch den Weg finden zu dem, dem

er Unrecht getan hat. Wirst du das bestellen?«

»Nä!« rief Kasperle erschrocken. Das ging nicht so flink in seinen

Kasperlekopf hinein, so etwas dem Herzog zu sagen.

Da rief Marlenchen mit klingendem Stimmlein: »Ich gehe mit dir, mein

Herzenskasperle, ich fürchte mich gar nicht.«

»So geh!« Der Herr von Lindeneck strich seinem blassen Mädel über die

dunklen Locken, und Kasperle legte vergnügt seine Hand in die des zarten

Kindes. »Herzenskasperle« hatte ihn nur manchmal die schöne Frau Liebetraut

genannt, er war arg stolz darauf, daß Marlenchen ihn nun auch so nannte.

Eicke Pimperling war es nur halb recht, daß Marlenchen allein mit dem

Kasperle gehen sollte. »Mit so'nem Laubfrosch!« brummelte er eifersüchtig.

»Bin kein Laubfrosch.« Kasperle zog seine Hand aus der Marlenchens, und

heidi schoß er einen Purzelbaum über Eicke hinweg, kollerte gleich den

halben Schloßberg hinab und blieb da lachend liegen, bis Marlenchen ihn

eingeholt hatte.

Und dann gingen sie beide den Berg ganz hinab und über eine blühende Wiese

nach dem Schlosse des Herzogs. Unterwegs erzählte Kasperle von seinen

Erlebnissen und seinen Streichen, vom Geistern und von den ausgelaufenen

Weinfässern.

»Oooh, Kasperle!« Marlenchen blieb stehen und sah ihren Gefährten ganz

erstaunt an.

Der senkte verlegen seine Nase. Doch da geschah etwas, über das er sich arg

verwunderte. Ein Glöckchen fing an zu läuten, klinghell und fein, und als

er aufsah, -- lachte das traurige Marlenchen. Es lachte und lachte, wie

eine kleine Silberglocke tönt. Und es war gar nicht mehr das traurige

Marlenchen, sondern ein sehr lustiges, schelmisches Marlenchen. Fast nicht

aufhören konnte es mit Lachen und Kasperle fing auch an; sie lachten beide

um die Wette und mußten sich zuletzt in das Gras setzen, denn Marlenchen,

die so lange nicht gelacht hatte, behauptete, nun würde sie gleich

zerspringen vor Lachen. »Irgend etwas ist bestimmt zersprungen,« sagte sie

vergnügt.

Aber das Marlenchen zersprang doch nicht ganz und gar, sondern sie besannen

sich beide darauf, daß der Herzog wartete. Sie rannten also, so schnell sie

konnten, dem Schlosse zu. Kasperle fand wieder das Nebenpförtchen und traf

dort Veit, der auf ihn wartete. Der sagte: »Der Haushofmeister hat gemeint,

du werdest allein kommen; aber wer ist denn das? Jemine, das ist ja das

traurige Marlenchen! Und das sieht aus, als wäre es eben im Himmel

gewesen.«

Marlenchens Augen glänzten, ihre Bäckchen glühten. So trat sie mit Kasperle

vor den Herzog und sagte dort ganz frank und frei ihres Vaters Botschaft.

Sie sah dabei den Herzog unverwandt an, und der wurde nicht böse, wie

Kasperle befürchtet hatte, der strich sogar sacht über Marlenchens dunkle

Locken und sagte: »Ruhe dich aus, mein Kind, bis der Wagen bereit ist! Ich

will gleich zu deinem Vater fahren.«

»Und ich fahr' mit,« rief Kasperle, und er blinkerte den Herzog mit seinen

kleinen, lustigen Schelmenaugen so vergnügt an, daß der lachen mußte. So

herzhaft hatte er lange nicht mehr gelacht. Und das Lachen tat ihm so gut

wie ein ganzes Krüglein seines guten Weines. Freilich, zu zerspringen wie

das Marlenchen drohte er nicht; bei der Kleinen war der schwere Kummer

zersprungen, bei dem Herzog hätten die Launenhaftigkeit und der Hochmut

zerspringen müssen. Doch die lösten sich nur ein wenig und bekamen einen

kleinen Riß.

Durch das Schloß tönte noch immer das laute Heulen aus dem Zimmer der

Prinzessin, als der Herzog in den Wagen stieg. Es heulte schon die zweite

Kammerfrau, die erste war nämlich heiser geworden. Aber der Herzog achtete

gar nicht darauf, und als der Wagen davonfuhr, schnitt Kasperle sehr

vergnügt ein böses Teufelsgesicht zu den Fenstern der Prinzessin hinauf.

Die stand am Fenster und sah es. Sie kreischte vor Schreck und Wut und

drohte dem Kasperle bitterböse hinab. Aber der kleine Schelm sah es gar

nicht, sonst hätte er vielleicht nicht so vergnügt in des Herzogs Wagen

gesessen. Der fuhr die Landstraße entlang, und diesmal schnitt Kasperle in

seiner Fröhlichkeit die allerfreundlichsten Gesichter und die Leute

grüßten, knicksten, lachten und winkten mit Blumen und Taschentüchern. Da

sah auch der Herzog vergnügt drein. Er lachte mit und die Leute sagten:

»Nein, wie gut unser Herzog doch heute dreinschaut! Ach, wenn er doch nur

immer ein so freundliches Gesicht machte!«

Es dauerte nicht lange, da war Schloß Lindeneck erreicht. Der Wagen rollte

den Berg hinan, Eicke Pimperling stand an dem Tor. Diesmal schrie er aber

nicht: »Hier darf niemand herein!«, er half höflich dem Herzog aussteigen,

und als Kasperle flink aus dem Wagen purzelte, da hielt er ihn am Kittel

fest und sagte: »Bleib hier, die zwei müssen allein reden!«

Der Herr von Lindeneck saß inmitten des Schloßhofes am blühenden

Rosenbusch, als der Herzog kam. Er stand auf und ging ihm entgegen, und

dann standen sie beide lange an dem Rosenbusch und redeten miteinander;

aber das Kasperle mochte noch so sehr seine Ohren spitzen, es hörte nichts.

Eicke Pimperling stand breit und fest da und hielt Kasperle immerzu am

Jackenzipfel fest, denn er hatte doch Angst, der könnte wieder einen

Purzelbaum über ihn hinweg schießen.

Endlich rief Marlenchens Vater sein Kind und Kasperle, und der Herzog sagte

zu beiden, er wolle noch eine Stunde dableiben und Erdbeeren essen, und

Kasperle dürfe auch bleiben und sogar kaspern.

Das wurde eine lustige Stunde, die ein langes, langes Schwänzlein bekam. So

lang wurde das Schwänzlein, daß schon der Himmel im Abendrot erglühte, als

der Herzog heimfuhr.

Als Kasperle hinter dem Herzog das Schloß betrat, kam gerade die Prinzessin

Gundolfine die Treppe herab. Sie tat, als wäre sie todkrank, hielt den Kopf

geneigt, und als sie den Herzog und Kasperle erblickte, schrie sie auf und

wollte gleich wieder ohnmächtig werden. »Der da,« flüsterte sie und zeigte

auf Kasperle, »der hat mir eben die Zunge herausgestreckt.«

Das war nun nicht wahr, denn Kasperle hatte beim Anblick der Prinzessin

gleich ganz tief den Kopf gesenkt; Marlenchen hatte ihn ermahnt: »Sei brav

und ärgere sie nicht, Kasperle!« Und Kasperle wollte doch so himmelgern von

Marlenchen als brav angesehen werden. Er sagte darum auch gleich: »Ich hab'

nichts getan, ich hab' keine Zunge rausgestreckt.«

»Doch, du hast es getan.« Die Prinzessin log ganz unverzagt, aber Kasperle

wollte sich das nicht gefallen lassen; er rief trotzig: »Und ich hab' doch

nicht die Zunge rausgestreckt! Ich hab' sie gar nicht angesehen, sie -- sie

ist mir viel zu wüst!«

O Kasperle, das war schlimm!

Der Herzog runzelte ärgerlich die Stirn, und die Prinzessin fing schon

wieder zu weinen an. Da sagte der alte Haushofmeister: »Mit Verlaub,

Kasperle hat wirklich nicht die Zunge herausgestreckt, ich hab' es

gesehen.«

»Aber wüst hat er mich genannt,« schrie die Prinzessin.

Das stimmte nun freilich, das hatten alle gehört. Und darum sagte der

Herzog auch: »Kasperle, du bleibst auf deinem Zimmer und --« er drohte ihm

mit dem Finger.

Kasperle wußte wohl, das sollte heißen: »Geistere nicht herum!« Er hatte

auch gar keine Lust dazu. Heute war er arg müde und froh, als er in seinem

Bett lag. Er dachte an Marlenchen, und wie schön es auf dem Schloßhof von

Lindeneck war, wo die Rosen um das rauschende Brünnlein herumblühten. Und

da überkam das einsame Kasperle wieder eine tiefe, tiefe Sehnsucht nach dem

Waldhaus und einer fernen, schönen Insel, einer Insel, die ihm die rechte

Heimat war. Er weinte bitterlich und schluchzte in seine Kissen hinein.

Jemand hörte das, es war der alte Haushofmeister. Der liebte das kleine,

närrische, unnütze Kasperle wirklich, und als er es draußen weinen hörte,

kam er durch das Schranktürlein in das Turmzimmer, streichelte Kasperle

freundlich und saß dann noch so lange an dem Bett des kleinen Schelmen, bis

der fest und ruhig eingeschlafen war. Und als er ging, sagte er leise vor

sich hin: »Ich wollte wirklich, unser Herzog sagte: >Scher' dich zum

Teufel!< aber das sagt er nicht, dazu ist er zu fein.«

Kasperle auf Burg Himmelhoch · 第 43 / 45 题