Kasperle sah vor Verlegenheit nicht rechts und nicht links, trat zaghaft
auf, und weil er ohnehin auf dem glatten Boden schlecht gehen konnte,
glitschte er und stolperte. Er wollte sich an einem Kammerherrn, der neben
ihm ging, festhalten, beide verloren das Gleichgewicht und rutschten in das
Zimmer hinein, als wäre der Boden eine Eisbahn.
Der Kammerherr wollte sich auch an etwas anhalten, und unglücklicherweise
erwischte er das Bein des Stuhles, auf dem die Prinzessin saß. Da rutschte
der, die Prinzessin wackelte hin und her, hielt sich am Herzog fest, und
pardauz, bums! lagen alle miteinander auf dem Boden.
Der Herzog wurde fuchsteufelswild und die Prinzessin Gundolfine schrie
immerzu: »Daran ist Kasperle schuld.«
Der aber dachte: Es ist am besten, mitzuschreien, und er schrie so
gewaltig, daß die andern allmählich erstaunt verstummten. So ein Geschrei
war nicht Mode am Herzogshof.
»Stille!« rief der Herzog, aber das Kasperle schrie und schrie. Der kleine
Schelm dachte: Wenn ich recht schreie, fragen sie mich nichts. Und er hatte
recht gedacht. Der Herzog vergaß vor Ärger das Gespensterspiel der Nacht,
er rief böse: »Bringt Kasperle in den Turm zurück, er soll dort eingesperrt
bleiben!«
Das ließ sich der gute Haushofmeister nicht zweimal sagen; er winkte Veit,
der zerrte Kasperle hinaus, und als unten alle noch aufgeregt durcheinander
redeten, saß der schon wieder vergnügt in seinem Turm. Er schaute, als Veit
gegangen war, über das Land hinweg, hinüber nach Lindeneck. Ach, wie gern
wäre er doch zu dem traurigen Marlenchen gelaufen!
Da fiel es ihm ein, er war ja ganz und gar eingesperrt, selbst das
Schranktürchen war zu. Oder vielleicht doch nicht. Er schlüpfte in den
Schrank, und richtig, das Türchen drehte sich; er stand wieder im
Treppenhaus. Ganz vergnügt flitzte er eine Weile hin und her, weil aber
unten noch immer viel Gelärm war, wagte er es nicht, die Treppe
hinabzugehen. So blieb er oben, kauerte sich auf den Boden nieder und
lauschte hinab.
Die Stimme der Prinzessin Gundolfine klang schrill bis zu ihm herauf. Die
Türen des Zimmers, in dem diese mit dem Herzog saß, standen offen; die
Prinzessin behauptete, sonst halte sie es nicht aus, so heiß sei es. Sie
war noch immer sehr aufgeregt und schalt unverdrossen auf das Kasperle,
verlangte strenge Bestrafung, und Kasperle, der das hörte, dachte wieder
einmal: Ausreißen wäre am besten!
Er hatte aber doch für sein Michele sein Wort gegeben, und das mußte er
halten.
Endlich wurde es still unten. Der Herzog und die Prinzessin gingen im Park
spazieren und der Haushofmeister kam und sagte: »Heute mußt du oben
bleiben, Kasperle, sonst wirst du erwischt.«
Kasperle versprach Bravsein, aber das Bravsein wurde ihm bald langweilig.
Er flitzte zum Türlein hinaus und hinein, und der Vormittag wollte gar kein
Ende nehmen. Endlich kam Veit und brachte ihm Mittagessen, und dabei sagte
er: »Heute geht es unten hoch her. Der Herzog steigt eben in den Weinkeller
hinab und holt von dem ganz guten Wein herauf. Weißt du, der Keller liegt
neben dem, in den sie dich neulich gesperrt hatten. Dahinein geht der
Herzog immer selbst, nur die Prinzessin ist mitgegangen. -- Meine Güte, was
ist da schon wieder?«
Unten tönte Rufen, und Veit lief die Treppe hinab und das Kasperle stand,
als wäre er mitten in ein Hagelwetter hineingeraten.
Wenn der Herzog die leeren Fässer entdeckte!
Daß der nichts von dem Türchen wußte, ahnte Kasperle ja nicht. Er zitterte
vor Angst, und da Veit in der Eile die Türe offen gelassen hatte, ging er
durch diese Türe, ließ sie weit offen stehen, schlich sich einen Gang
entlang, kam an eine schmale Seitentreppe, und gerade als er die erreicht
hatte, hörte er die Prinzessin kreischen.
Jemine, jetzt hatten sie die leeren Fässer gefunden! Da war Kasperle schon
unten, war draußen im Park und wutschte an den Sträuchern entlang bis zum
Wäldchen hin.
Das Bächlein gluckste und rann, aber Marlenchen saß nicht an seinem Rande.
Kasperle blieb stehen. Wohin sollte er nur? Ehe er durch des Herzogs Land
lief, fingen ihn dessen Landjäger schon; sie erkannten ihn sicher an seinem
grasgrünen Kasperlekleid, das alle kannten. Und dann dachte er an sein
Wort, das er gegeben hatte. Er seufzte tief. Am Bächlein kauerte er sich
nieder, und sein kleines unnützes Kasperleherz war ihm zentnerschwer. Wäre
doch Marlenchen dagewesen! Ach, die traurige kleine Freundin konnte ihn
gewiß auch nicht schützen!
Auf einmal fiel ihm der Graf von Singerlingen ein. Vielleicht half ihm der
in seiner Not, weil er ihn von der Prinzessin befreit hatte. Vielleicht gab
der dem Herzog ein gutes Wort und bat ihn frei. Er dachte: Wenn ich immer
an Wiesen entlang wutsche oder durch den Wald gehe, dann sieht mich
vielleicht niemand. Aber wie fand er den Weg? Da fiel es ihm ein, er würde
auf die alte, hohe Ulme klettern; von dort aus konnte er gewiß das Schloß
des Grafen von Singerlingen liegen sehen und auch den Weg, der dahin
führte. Und auf der Ulme, im dichten Gezweig, sah ihn auch niemand vom
Schloß aus. Da schützte ihn sein grasgrünes Röckchen.
Die Ulme war hoch, aber Kasperle fürchtete sich vor der Höhe nicht. Rutsch,
rutsch, da war er schon ein Stück oben. Rutsch, rutsch, höher und höher kam
er. Er sah schon das Elsternnest an der Spitze und sah die Vögel neugierig
ihre Köpfe herausrecken. Die schimpften böse, und Kasperle schnitt wieder
Frätzlein um Frätzlein. Das empörte die Elstern, die fingen laut zu
schelten an, sie beugten sich weit aus den Nestern und machten böse Augen.
Drei Nester waren es und in jedem Nest saß eine ganze Elsternfamilie.
Kasperle hätte sich schon fürchten können, er merkte aber, die
schwatzhaften Vögel hatten Angst vor seinen Teufels- und Räubergesichtern.
Da kletterte er vergnügt höher und höher, verdrehte die Augen, zog den Mund
krumm und schief, wackelte mit Nase und Ohren, und die Elstern kreischten
immer lauter vor Angst.
Die Alten riefen den Jungen zu: »Wir wollen fliehen, fliegt auf, fliegt
auf!« aber die Jungen konnten vor Angst ihre Flügel nicht heben. Sie
flatterten erschrocken in den Nestern herum, und endlich sagte die älteste,
würdigste Elstermadame, die schon viele Jahre in dem Neste wohnte: »Jetzt
hacke ich ihm die Augen aus.«
Da schnitt Kasperle ein Hexengesicht und plumps sank die mutige Elster
zurück. Sie jammerte laut vor Angst und in dem Augenblick dachte Kasperle:
Wenn sie doch ruhig wäre!, denn von unten tönte lautes Rufen: »Kasperle,
Kasperle! -- Er ist ausgerissen, der Bösewicht,« gellte eine Stimme und
Kasperle hörte ganz genau, es war die Prinzessin, die rief.
Gewiß hatten sie die leeren Fässer entdeckt.
Das hatten der Herzog und seine Base nun wirklich getan. Sie waren, gefolgt
von etlichen Dienern, in den Keller gekommen, in dem die köstlichen Weine
lagerten, und der Herzog hatte befohlen: »Von dem Faß in der Mitte.«
Da hielt der Diener den silbernen Krug unter und -- kein Tropfen kam
heraus.
Die Prinzessin schnupperte unterdessen in dem Keller herum und sie sagte:
»Wie sehr es hier nach Wein riecht, nein, sonderbar!«
»Das Faß ist leer,« meldete der Diener.
»Leer?« rief der Herzog verdutzt. »Ja, wie kommt denn das?« Er trat selbst
an das Faß heran, pochte, schüttelte, -- es war leer.
»Du hast es ausgetrunken,« sagte seine Base spitz.
»Unsinn!« Der Herzog war wirklich ärgerlich. »Nimm aus dem linken Faß!«
rief er dem Diener zu. Der zog den Zapfen aus und hielt das Krüglein unter,
aber kein Tropfen kam. Das war doch toll! Und beim dritten Faß ging es
ebenso.
»Es muß jemand im Keller gewesen sein,« rief der Herzog. »Schnell, schnell,
man bringe Licht, um alles zu untersuchen!«
»Du hast gewiß alles allein ausgetrunken,« sagte die Prinzessin Gundolfine
wieder spitz, und der Herzog ärgerte sich so, daß er ganz grün wurde. Er
schrie immer lauter: »Licht her, Licht her!« und die Diener kamen mit
Lampen und Kerzen gerannt. Sogar die Kammerherren trugen Kerzen und alle
leuchteten in dem kleinen Keller herum. Plötzlich rief der jüngste
Hofjunker, der Augen wie ein Falke hatte: »Hier ist eine Türe.«
»Unsinn, der Keller hat nur eine Türe!« erwiderte der Herzog, aber da schob
das Junkerlein das Pförtchen zurück, und alle sahen erstaunt in einen
zweiten Keller hinein. Auf einmal riefen etliche: »In dem Keller hat
Kasperle gesteckt.«
»Ja, und dann war er krank und hat immerzu geschlafen.« Der dicke
Oberstallmeister brach plötzlich in ein dröhnendes Lachen aus. »Am Ende hat
das Kasperle ein Schwipslein gehabt.«
»Oooh!« Der Herzog sah drein, als wäre vor ihm ein Kirchturm umgepurzelt.
Die Prinzessin aber kreischte: »Dieser schreckliche Kasper, den muß man
aufhängen, in den Brunnen werfen, schlagen, der muß furchtbar bestraft
werden!«
»Man hole ihn!« Der Herzog stöhnte. Wirklich, das Kasperle war doch ein
arger Strick, den mußte er wirklich streng bestrafen!
Unter den Dienern war auch Veit, der lief mit, um das Kasperle zu holen. In
seinem Herzen dachte er mitleidig: Vielleicht kann er noch entwischen.
Und dann fanden sie die Turmtüre offen und kein Kasperle war zu sehen. Der
Schelm war ausgerissen.
Als das der Herzog erfuhr, vergaß er Mittagessen und alles; er war
bitterböse, rief, man solle überall suchen und die Landjäger ausschicken,
um das Kasperle zu fangen.
»Und dann wird es aufgehängt,« rief die Prinzessin Gundolfine.
»Nein, denn von einem toten Kasperle habe ich nichts,« erwiderte der
Herzog.
»Ach, aufhängen ist am besten!«
»Nein, es ist mein Kasperle!«
»Und mich hat es geärgert. Das Gespenst heute nacht war sicher auch
Kasperle,« rief die Prinzessin. »Er muß doch aufgehängt werden!«
»Nein!« schrie der Herzog zornig, und so stritten sich beide eine ganze
Weile herum, was mit dem Kasperle geschehen sollte. Sie hatten es aber noch
gar nicht.
Unterdessen suchten die Diener überall herum. Veit sagte: »Ich suche im
Wäldchen.« Er dachte: Wenn ich da das Kasperle sehe, kann es noch
ausreißen. Aber etliche Kammerherren sagten auch, sie suchten im Wäldchen,
und der gute Veit mußte sich das gefallen lassen.
Kasperle sah sie alle kommen von seinem hohen Sitz aus. Jemine, klopfte da
sein unnützes kleines Kasperleherz! Und die dummen Elstern kreischten und
flatterten. Kasperle wollte sie zur Ruhe bringen, aber je bösere Gesichter
er schnitt, desto schlimmer krächzten sie. Er machte endlich sein dummes,
gutmütiges Kasperlegesicht, aber da flatterten die Elstern gleich wütend
auf ihn los und wollten ihm die Augen aushacken. Das war Kasperle zu toll,
er schlug mit seiner Faust nach ihnen und machte ein Teufelsräubergesicht.
»Wir müssen fliehen, fliehen,« krächzte die älteste Elsternmadame, »Kinder,
strengt euch an!« Und die Kinder strengten sich an. Sie hoben die Flügel
und flatterten, und auf einmal flog die ganze Elsternschar mit so lautem
Schreien davon, daß die Menschen unten aufmerksam wurden. Sie sahen hinauf,
und der jüngste Hofjunker mit seinen scharfen Augen erblickte das Kasperle
trotz seines grasgrünen Röckleins hoch oben auf der alten Ulme.
»Da sitzt er, da sitzt er!« rief er, und nun schauten alle hinauf und alle
riefen: »Da sitzt er, da sitzt er!«
Kasperle fuhr der Schreck arg in die Glieder. Er wäre beinahe von dem Baume
heruntergesaust, und in seiner Angst griff er nach dem verlassenen
Elsternest, um sich daran festzuhalten. Dabei ergriff er etwas hartes und
hatte auf einmal einen großen goldenen Ring mit einem schönen Rubin in der
Mitte in seiner Hand. Das war nun wirklich sonderbar. In einem Elsternest
lag ein goldener Ring! Kasperle war ausnehmend neugierig, und vor Neugier
vergaß er sogar seine Angst. Er kletterte noch ein Stückchen höher und
schaute in das Nest hinein. Nein, so etwas, da lag noch ein kleiner
silberner Löffel und ein goldener Ohrring! Aber der Ring, den er in der
Hand hielt, war das schönste Stück.
Himmel, vielleicht war das gar des Herzogs Ring, den der Herr von Lindeneck
gestohlen haben sollte! Kasperle hielt das kostbare Ding in der Hand, besah
es von allen Seiten und dachte: Vielleicht wenn ich den dem Herzog bringe,
verzeiht er mir. Aber just da kam unten die Prinzessin Gundolfine
angelaufen und kreischte: »Man hole eine Kanone und erschieße ihn!«
Kasperle schnitt sein Teufelsgesicht hinab. Aber was half das, die unten
liefen nicht davon, wie die Elstern davongeflogen waren. Die blieben
stehen, schimpften hinauf, redeten von einer Kanone und der Wasserspritze;
sehr freundlich klang das nicht.
Kasperle überlegte. Ausreißen konnte er nicht, auch hatte der Herzog ja
nicht gesagt: »Geh zum Teufel!«, also war er noch nicht frei. Aber wenn er
mit dem Ring ankam, würde der Herzog vielleicht wieder gut werden. Wenn nur
die Prinzessin nicht unten gestanden hätte, an der er vorbei mußte!
Plötzlich kam dem Kasperle ein Gedanke. Blitzschnell nahm er das Nest, in
dem außer den Kostbarkeiten auch noch allerlei Unrat lag, und warf es
hinab, der Prinzessin gerade auf den Kopf.
Unten erhob sich ein lautes Geschrei, aber alle sahen ein paar Augenblicke
nicht zu Kasperle hinauf, sondern auf die Prinzessin, und da rutschte der
kleine Schelm den Baum hinab und schoß auf einmal einen Purzelbaum über
alle hinweg, rollte sich und kollerte bis zum Schlosse hin, ehe die unter
dem Baume noch wußten, was geschehen war. Im Schloß flitzte er aber an ein
paar Dienern vorbei, husch, husch in das Zimmer des Herzogs hinein, in dem
der seine Mittagsruhe zu halten pflegte. Und richtig, da saß der Herzog
auch verdrießlich in seinem großen Stuhl und ärgerte sich. Ja, über was
ärgerte er sich alles! über Kasperle, den ausgelaufenen Wein, seine Base,
das verspätete Mittagessen, am meisten aber doch über Kasperle.
Er muß streng, ganz streng bestraft werden, dachte er, und da purzelbaumte
gerade das Kasperle in das Zimmer hinein, stand plötzlich vor ihm und hielt
ihm seinen Ring unter die Nase. Dazu machte der kleine Kerl das betrübteste
unnützeste Kasperlegesicht.
»Aber Kasperle!« rief der Herzog, »wo hast du den Ring her?«
Kasperle legte den Kopf schief, schielte den Herzog bittend an und erzählte
von seiner Kletterei und den scheltenden Elstern.
»Mein Himmel,« sagte der Herzog, »eine Elster hat den Ring gestohlen und
der arme Herr von Lindeneck ist darum in Verdacht gekommen! Kasperle, um
des Ringes willen soll dir alles, alles verziehen sein.«
Da kugelte und kollerte sich Kasperle im Zimmer herum, und plötzlich
bettelte er: »Herr Herzog, laß mich nach Lindeneck laufen!«
»Dann reißt du aus.« Der Herzog schüttelte ernst den Kopf, aber Kasperle
hing tief betrübt die Nase. »Du hast doch noch nicht gesagt: >Geh zum
Teufel!<«, murmelte er und seufzte schwer dazu.
»Ei, das ist gut! Vorher reißt du also wirklich nicht aus?« rief der Herzog
lachend. »Nun, dann brauche ich ja keine Sorge zu haben; das sage ich nie.
Also laufe nur nach Lindeneck und bestelle, der Herr von Lindeneck möchte
gleich kommen. -- Aber,« er rieb sich nachdenklich die Nase, »weißt du
denn, wo Lindeneck liegt?«
Kasperle nickte eifrig und ganz zutraulich erzählte er dem Herzog von
seiner Freundschaft mit dem traurigen Marlenchen.
Der Herzog wurde sehr, sehr nachdenklich. Er schämte sich, daß er dem Herrn
von Lindeneck so unrecht getan hatte, und er dachte bei sich: Eigentlich
ist das Kasperle besser als ich. -- Solche Gedanken hatte der Herzog
selten, wenn sie ihm aber kamen, dann blickten seine Augen milde und gütig
und das Kasperle dachte: Jetzt gefällt er mir.
»Nun laufe nur schnell!« sagte der Herzog. »Halt, der Haushofmeister mag
dich ein Stück geleiten, denn wenn dich die Base Gundolfine erwischt, geht
es dir übel. Sie denkt sogar, du hättest heute nacht gegeistert, und du
lagst doch in deinem -- Kasperle!« Der Herzog machte plötzlich wieder böse
Augen, denn Kasperle ließ gar zu schuldbewußt seine Nase hängen. »Du warst
es doch, Kasperle!«
Der Schelm nickte, und schon wollte der Herzog schelten, da fiel sein Blick
auf den Ring und er sagte: »Na ja, klettern kannst du freilich! Aber nun
laufe nur, auch das soll dir verziehen sein!«
Kasperle huschte hinaus, froh, daß der Herzog nicht weiter gefragt hatte.
Er fand den Haushofmeister, erzählte ihm flink alles, und der ließ ihn zu
einem schmalen Pförtchen hinaus.
Als die Prinzessin zornig und scheltend in das Schloß zurückkehrte, rannte
Kasperle schon über eine große Wiese Schloß Lindeneck zu. War die
Prinzessin Gundolfine aber böse! Sie machte wirklich Kulleraugen, als sie
erfuhr, Kasperle sei beim Herzog gewesen und alles, alles sei verziehen.
»Ich verzeih' ihm nicht,« schrie sie, »nie und nimmer! Er soll seine Strafe
schon bekommen!«
Doch als der Herzog ihr sagte, der vermißte Ring sei im Elsternest gewesen
und dem Herrn von Lindeneck sei bitteres Unrecht geschehen, da redete sie
gleich von Abreisen. Sie fühlte ihre Schuld, aber sie wollte sie nicht, wie
der Herzog es tat, eingestehen.
Der Herzog, der die Gewohnheit hatte, manchmal laut mit sich selbst zu
sprechen, sagte, als die Prinzessin von ihrer Abreise sprach: »Ach, das
wär' fein!«
»Hach,« kreischte die Prinzessin, »ich falle in Ohnmacht! Das sagt man
_mir_!« Und weinend lief sie auf ihr Zimmer und sie schluchzte so laut, daß
es bald im ganzen Schloß zu hören war.
Wenn sie doch abreiste! dachten alle, und sie sagten es laut und leise
zueinander. Aber die Prinzessin Gundolfine dachte gar nicht an die Abreise;
die wollte bleiben, wollte sich an Kasperle rächen. Denn daß der kleine
Schelm den Ring gefunden hatte, das rechnete sie ihm nur als neuen
Schabernack an. Auf ihrem Zimmer hielt sie Rat mit einer Kammerfrau und
einer Hofdame, die beide genau so boshaft wie sie selbst waren. Und weil
sie dabei doch nicht weinen konnte, mußte eine andere Kammerfrau an der
Türe stehen und schreien und jammern, denn der Herzog sollte das
allergrößte Mitleid mit seiner Base bekommen.
Doch was zuviel ist, ist zuviel. Der Herzog mochte das Geschrei nicht mehr
hören, er sagte: »Bringt mir Watte!« Und dann steckte er sich Watte in die
Ohren, sagte, man solle ihn nur wecken, wenn Kasperle käme, legte sich hin
und hielt seinen Mittagschlaf.